Villa Sonnenschein
Villa Sonnenschein
In Oma Tildas Garten hängen drei Nistkästen. Opa Manni hat sie vor langer Zeit gebaut, und seit Opa nicht mehr so kann, wie er gern möchte, ist es meine Aufgabe, mich um die Pflege der Kästen zu kümmern. Das ist eine sehr wichtige Sache, die ich ganz genau nehme – Opa zuliebe, aber auch, weil ich es so schön finde, wenn in unserem Garten wieder eine Vogelfamilie ihren Anfang findet.
Im vergangenen Herbst hatte ich die Kästen sorgfältig gereinigt, so wie Opa es mir gezeigt hatte.
„Die kleinen Mieter mögen es ordentlich“, hatte er immer gesagt.
Nun stand ich wieder darunter, sah die ersten neugierigen Spatzen auf den Dachkanten sitzen und fragte mich, wer wohl in diesem Jahr einziehen würde.
Oma und Opa beobachten alles ganz genau vom Küchenfenster aus. Auch sie freuen sich auf neue Mieter. Alle kleinen Federbällchen sind uns willkommen. Sie kennen uns und bekom-men den ganzen Winter über viele Leckerchen im Garten und auf der Terrasse.
Manchmal klopft Opa sogar ganz leicht mit dem Finger gegen die Fensterscheibe, wenn ein Vogel besonders mutig nah ans Futterhäuschen kommt.
„Siehst du“, sagt er dann, „die merken sich, wo sie es gut haben.“
Und ich glaube, er meint damit nicht nur die Vögel.
Zum Mittagessen hat Oma Apfelpfannkuchen gebacken, mein Leibgericht. Wir sitzen alle am Küchentisch, lassen es uns schmecken und schauen dabei in den Garten. Jeder von uns hat eines der Nisthäuschen im Blick.
„Achtung!“, ruft Opa plötzlich. „Auf Villa Sonnenschein hat sich eine Kohlmeise niedergelassen!“
Ich sprang auf und stellte mich neben ihn ans Fenster. Tatsächlich – eine kleine Kohlmeise klammerte sich an das Einflugloch, als würde sie prüfen, ob alles noch so war wie im letzten Jahr.
„Na, gefällt dir dein neues Zuhause?“, flüsterte Oma, als könnte der Vogel sie hören.
Wir wagten kaum noch zu atmen. Natürlich war das albern, denn da war ja die Scheibe zwischen uns. Aber besser ist besser.
Und tatsächlich: Die kleine Meise verschwand in der Öffnung, kam nach kurzer Zeit wieder heraus, setzte sich aufs Dach und fing an zu trillern.
„Wahrscheinlich ruft sie ihren Partner“, meinte Opa grinsend.
Kurz darauf kam tatsächlich eine zweite Meise angeflogen und setzte sich neben die erste. Für einen Moment sah es aus, als würden sie miteinander beraten. Dann verschwanden beide nacheinander im Nistkasten, als hätten sie sich entschieden.
„Der Anfang ist gemacht“, flüsterte Oma. „Jetzt werden sie Nistmaterial suchen, und dann geht es ans Eierlegen.“
Wir hatten unsere Freude daran – und die beiden anderen Nistkästen hatten wir völlig aus den Augen verloren. Aber eine Überraschung kann ja auch ganz schön sein.
Am nächsten Morgen entdeckte ich im zweiten Kasten ein kleines Büschel Moos, das gestern noch nicht dort gewesen war.
„Da tut sich auch etwas“, sagte ich leise, und Opa nickte zufrieden.
Drei Kästen, drei Chancen auf neues Leben – und plötzlich fühlte sich unser Garten ein bisschen größer an.
„Aber nun lassen wir die Vögel gewähren und schauen nicht mehr in die Kästen“, sagte Opa. Und er hatte recht. Mama würde schließlich auch keine Fremden im Kinderzimmer dulden.
Wir hatten wieder Glück. Alle drei Kästen waren nach kurzer Zeit bewohnt. Manchmal stellte ich meine kleine Staffelei auf die Terrasse und malte unsere gefiederten Freunde – die, die bei uns wohnten, und auch die Besucher.
Opa setzte sich dann oft neben mich auf den Stuhl, den er nur noch langsam erreichte, und sah mir beim Malen zu.
„So bleiben sie bei uns, auch wenn sie längst wieder ausgeflogen sind“, sagte er einmal leise.
Und ich glaube, er meinte damit nicht nur die Vögel.
Wer Leben willkommen heißt,
dem schenkt es
immer wieder neue Anfänge.
© Regina Meier zu Verl

Anfangen
Anfangen
Im kleinen Bücherschrank am Rande des Parks war über Nacht ein neues Buch aufgetaucht. Niemand wusste, wer es hineingestellt hatte, und doch wirkte es, als hätte es genau hierher gehört. Auf dem Einband stand nur ein einziges Wort: „Anfangen“.
Mia, die an diesem Morgen im Bücherschrank stöberte, nahm es vorsichtig heraus.
„Das ist genau richtig für mich heute – ich werde es mitnehmen!“, sagte sie zu ihrer Freundin Anna, die ebenfalls mit auf die Seite gelegtem Kopf die Buchrücken las.
Anna wog das Buch kurz in den Händen.
„Komisch“, sagte sie leise, „es fühlt sich gar nicht wie ein geliehenes Buch an. Eher wie eines, das jemand genau für dich hier hingelegt hat.“
Mia lächelte, strich über den schlichten Einband und hatte plötzlich das Gefühl, dass dieser Tag mehr bereithielt als nur einen Spaziergang.
„Haben wir nicht gerade gestern noch darüber gesprochen, dass jeder Tag einen neuen Anfang in sich birgt?“, fragte Mia.
Anna lachte.
„Stimmt! Ich bin gespannt, um welche Art von Anfang es in diesem Buch geht. Nach dir möchte ich es dann lesen!“
Mia schlug das Buch neugierig auf. Auf der ersten Seite stand nur ein einziger Satz, in sorgfältiger Handschrift:
Jeder Anfang wartet darauf, bemerkt zu werden.
„Das hat ja schon mal geklappt“, sagte Mia leise. Sie schloss das Buch wieder und steckte es in ihre Tasche.
„Ich möchte es in aller Ruhe zu Hause lesen.“
Anna nahm sich einen Roman mit, nachdem sie zuvor ein aussortiertes Buch hineingestellt hatte. Dann schlenderten die beiden durch den Park und erfreuten sich an der lila leuchtenden Krokuswiese.
Ein leichter Wind strich durch das Gras, und für einen Moment sah es aus, als würden die Krokusse miteinander flüstern.
„Vielleicht“, sagte Anna nachdenklich, „beginnt ein neuer Anfang manchmal einfach damit, dass man etwas mitnimmt – und etwas zurücklässt.“
Mia nickte, als hätte sie diesen Gedanken schon längst im Herzen getragen.
Jeder neue Anfang beginnt oft ganz leise –
mit einem Gedanken,
einem Schritt
oder einer offenen Seite.
© Regina Meier zu Verl
Rosafarbene Blüten
Rosafarbene Blüten
Beim letzten verkaufsoffenen Sonntag in der Stadt hatte Lena sich ein wunderhübsches Frühlingskleid gekauft. Nun wartete sie darauf, es endlich einmal ausführen zu können. Leider war das Wetter noch ein wenig launisch.
Da hing es nun an der Schranktür, leicht wie ein Versprechen. Immer wieder strich Lena mit den Fingern über den Stoff, als könnte sie damit den Frühling ein wenig schneller herbeirufen.
„Bald“, sagte sie leise zu sich selbst, „ganz bestimmt bald.“
Lena seufzte. Geduld war nicht ihre Stärke, das wusste sie selbst. Doch dann kam ihr eine Idee. Sie brauchte eine Strickjacke – eine, die die Farbe der Blüten hatte. Das würde wunderbar aussehen.
Lena war Feuer und Flamme für diesen Gedanken.
Doch woher sollte sie so eine Jacke bekommen?
Am nächsten Morgen führte ihr Weg sie fast wie von selbst in eine kleine Seitenstraße, in der sie sonst nie unterwegs war. In einem Schaufenster hing zwischen handgestrickten Schals eine zartrosa Jacke, als hätte jemand genau auf ihre Idee gehört.
Lena blieb stehen, lächelte – und drückte zögernd die Klinke der Ladentür.
Mit einem fröhlichen „Guten Morgen“ wurde sie von einer älteren Dame begrüßt.
„Was kann ich für Sie tun?“
Lena zeigte zum Schaufenster.
„Sie haben da so eine schöne Jacke, die genau zu meinem neuen Kleid passen könnte. Darf ich sie mir einmal genauer anschauen?“
Die ältere Dame nickte und holte die Jacke mit einer Sorgfalt aus dem Fenster, als wäre sie etwas ganz Besonderes.
„Die habe ich im letzten Winter gestrickt“, sagte sie. „Für jemanden, der ein bisschen Frühling braucht.“
Dabei lächelte sie Lena an, als hätte sie schon gewusst, wer eines Tages durch diese Tür kommen würde.
Sie reichte Lena die Handarbeit. Lena legte zuerst ihren Mantel ab und streifte dann vorsichtig die Jacke über. Sie passte wie angegossen und fühlte sich herrlich weich auf ihrer Haut an.
Liebevoll strich Lena über die feinen Maschen.
„Sie ist einfach nur wunderschön“, sagte sie leise.
Die alte Dame trat einen Schritt näher und betrachtete Lena mit einem zufriedenen Blick.
„Wissen Sie“, sagte sie, „manchmal sucht sich so ein Stück seinen Menschen selbst aus.“
Behutsam zupfte sie eine kleine Falte am Ärmel glatt, fast mütterlich.
Lena schluckte. Es kam ihr vor, als befinde sie sich in einem Traum. Doch als sie sich vorsichtig in den Unterarm kniff, merkte sie, dass alles ganz wirklich war.
„Sie ist bestimmt teuer, oder?“, fragte sie vorsichtig.
Die alte Dame schüttelte den Kopf.
„Teuer ist ein großes Wort“, sagte sie. „Ich wünsche mir nur, dass sie getragen wird – nicht im Schrank wartet.“
Sie nannte einen Preis, der Lena erleichtert aufatmen ließ, fast so, als wäre ein Stück Sonne durch die Wolken gebrochen.
„Sie haben mir heute eine sehr große Freude gemacht“, sagte Lena und reichte der Dame die Hand. „Vielen Dank!“
Die Dame lächelte.
„Dieses Dankeschön geht auch an Sie. Ich freue mich, dass Sie beide sich gefunden haben – die Jacke und Sie.“
Als Lena die kleine Glocke über der Tür hinter sich klingeln hörte, kam ihr die Straße plötzlich heller vor als zuvor. Sie schlug den Kragen der neuen Jacke ein wenig höher und spürte, wie gut es tat, sich selbst diesen kleinen Frühlingsmoment geschenkt zu haben.
Und zum ersten Mal seit Tagen dachte sie:
Vielleicht braucht es manchmal nur eine einzige Begegnung, damit ein grauer Tag Farbe bekommt.
Manche Begegnungen wärmen uns länger
als jede Jacke.
© Regina Meier zu Verl

Ein neuer Morgen
Ein neuer Morgen
Der Park hatte lange geschwiegen. Wochenlang hatten kahle Zweige im Wind geklirrt, und selbst die Wege schienen nur das Nötigste von sich preiszugeben. Doch an diesem Morgen lag etwas Neues in der Luft – ein kaum hörbares Versprechen, dass das Leben zurückkehren würde.
Es waren nur wenige Spaziergänger unterwegs zu dieser frühen Stunde. Eine Frau zog ihren Kragen höher, sie fror, das war ihr deutlich anzusehen. Ein älterer Mann führte einen kleinen Hund an der Leine und wartete geduldig, wenn dieser neugierig schnupperte, sein Beinchen hob und die nächste interessante Stelle ansteuerte.
Auf einer Bank, die noch kühl von der Nacht war, saß ein Mann mit einer Thermoskanne in den Händen. Der erste Dampf seines Kaffees stieg wie ein kleines Lebenszeichen in die Morgenluft. Und irgendwo, fast unbemerkt, hatte sich eine Krokusblüte durch die harte Erde geschoben.
„Guten Morgen“, sagte die Frau, die gerade die Bank erreicht hatte und zügig weitergehen wollte. Doch dann überlegte sie es sich anders, blieb stehen und fragte: „Darf ich mich einen Moment zu Ihnen setzen?“
Der Mann nickte und rückte ein wenig zur Seite.
„Gern“, sagte er. „Die Sonne kommt gleich um die Ecke, dann ist diese Bank der beste Platz im ganzen Park.“
Für einen Moment schwiegen sie, während irgendwo über ihnen ein Vogel begann, sein erstes vorsichtiges Lied zu probieren.
„A-Dur“, sagte der Mann. „Meine Lieblingstonart.“
Er lächelte.
Die Frau sah ihn interessiert an, stellte aber keine Fragen, sondern lauschte einfach dem Gesang des Vogels.
„Die Vögel wissen oft früher als wir, wann es Zeit ist aufzuwachen“, sagte er nach einer Weile. „Sie brauchen keinen Kalender dafür.“
Er drehte den Becher langsam in seinen Händen, als würde auch er noch ein wenig Wärme sammeln.
„Ich hatte heute Morgen auch das Gefühl, dass es Zeit wird, rauszugehen“, sagte die Frau. „Der Gedanke kam ganz plötzlich. Eigentlich bin ich eine Langschläferin, wissen Sie.“
„Ich stehe gern früh auf“, antwortete der Mann. „Sonst habe ich das Gefühl, das Beste vom Tag zu verpassen. Heute habe ich hier die erste Krokusblüte entdeckt und dem Gesang des Vogels lauschen dürfen. Morgen wird es wieder etwas anderes, etwas Neues sein. Das ist doch wunderbar, nicht wahr?“
Die Frau nickte langsam.
„Vielleicht“, sagte sie nachdenklich, „braucht man manchmal einfach einen neuen Morgen, um wieder anzufangen.“
Sie sah auf die kleine Krokusblüte, die sich unbeirrt dem Licht entgegenstreckte, als wüsste sie genau, dass sich das Durchhalten gelohnt hatte.
„So ist es“, sagte der Mann lächelnd. „Ich würde mich freuen, Sie einmal wieder hier zu treffen.“
Er erhob sich.
„Das wäre schön“, sagte die Frau und reichte ihm die Hand. „Alles Gute für Sie.“
Der Mann nickte, als hätte er genau diese Worte gebraucht.
„Ihnen auch“, sagte er leise, dann ging er langsam den Weg entlang, auf dem das Licht nun deutlich heller geworden war.
Die Frau blieb noch einen Moment sitzen, spürte die ersten warmen Sonnenstrahlen im Gesicht – und zum ersten Mal seit langer Zeit hatte sie das Gefühl, dass dieser Tag ihr etwas schenken könnte.
Manchmal beginnt ein neuer Abschnitt
nicht mit großen Worten,
sondern mit einem stillen Morgen.
© Regina Meier zu Verl

Matteo und das Osterlied
Matteo und das Osterlied
Der kleine Feldhase Matteo hatte sich den Wecker viel zu früh gestellt. Noch lag Raureif auf der Wiese, und die Ostereier in seinem Körbchen fühlten sich kalt an wie Kieselsteine. „Wer hat eigentlich beschlossen“, murmelte er und gähnte, „dass Ostern immer so früh am Morgen anfangen muss?“
„Aber Matteo!“, hörte er da in Gedanken die Stimme seiner Mutter. „So oft habe ich es dir schon gesagt: Kinder sind ungeduldig. Sie haben sich schon so lange auf ihre Ostereier gefreut!“
Matteo nickte ergeben. Mama war nicht mehr da, aber sie hatte ihm noch immer so manches mitzuteilen – und das war auch gut so.
Gerade, als Matteo zwei kleine Schokoeier neben der Terrassentür im Garten der Müllers versteckt hatte, hörte er einen spitzen Schrei:
„Das sind meine! Lass dir ja nicht einfallen, meine Ostereier wegzunehmen, dann setzt es was!“
Verwundert schaute sich Matteo um. Er hatte gar kein Kind gesehen. Woher kam dieser Schrei?
Da entdeckte er auf dem Gartenzaun ein kleines Rotkehlchen, das sich empört aufgeplustert hatte.
„Ich habe gestern schon gesehen, wie du hier unterwegs warst!“, piepste es aufgeregt. „Wenn du hier Eier verteilst, dann will ich auch eins – schließlich ist hier mein Revier!“
„Wer sagt das?“, wollte Matteo wissen. „Heute ist Ostern, da bekommen die Kinder Ostereier. Und auf keinen Fall ist heute ein Rotkehlchen-Beschenktag. Außerdem kannst du doch selbst Eier legen, und Schokolade ist für Rotkehlchen sowieso ungesund!“
Das Rotkehlchen legte den Kopf schief und sah Matteo eine Weile nachdenklich an.
„Eier legen kann ich wohl“, sagte es schließlich etwas kleinlauter, „aber niemand versteckt meine Eier so liebevoll im Gras.“
Dann hüpfte es ein Stück näher.
„Gibt es denn keinen Tag, an dem auch mal die kleinen Sänger des Gartens beschenkt werden?“
Matteo, der zwar nur ein kleines Herz hatte, aber darin doch jede Menge Platz für andere, versprach, darüber einmal mit dem Hasenfestausschuss zu reden. Er könne sich sogar vorstellen, dass seine Kollegen diesen Wunsch sicher gut finden würden.
Das Rotkehlchen schlug erfreut mit den Flügeln.
„Dann singe ich heute mein schönstes Osterlied für dich!“, rief es und setzte sich auf den höchsten Ast des Apfelbaums.
Und während Matteo weiterzog, begleitete ihn ein so fröhliches Zwitschern, dass ihm die Arbeit plötzlich viel leichter vorkam.
Der Apfelbaum, in dem das Rotkehlchen aus vollem Herzen jubelte, stand vor dem Fenster der kleinen Mia, die davon geweckt wurde. Fröhlich sprang sie aus ihrem Bett und erinnerte sich sofort daran, dass heute ein großer Feiertag war: Ostern.
Und ausnahmsweise durfte sie nach dem Anziehen direkt schon einmal im Garten nachschauen, ob der Osterhase schon dagewesen war.
Matteo hielt gerade inne, um ein buntes Ei zwischen zwei Gänseblümchen zu verstecken, als die Terrassentür aufging. Schnell duckte er sich hinter einen Blumentopf – Hasen waren zwar flink, aber entdeckt werden wollte er trotzdem nicht.
Durch einen schmalen Spalt sah er, wie Mia mit leuchtenden Augen in den Garten lief und plötzlich vor Freude rief:
„Mama! Er war wirklich da!“
Matteo lächelte still, nahm sein Körbchen und hoppelte weiter zum nächsten Garten.
Wer anderen eine Freude schenkt,
wird sich selbst freudig auf den Weg begeben.
© Regina Meier zu Verl
Simon Siebenpunkt
Simon Siebenpunkt
Der kleine Marienkäfer Simon Siebenpunkt streckte vorsichtig seine Flügel unter dem ersten warmen Sonnenstrahl des Jahres. Lange genug hatte er reglos im trockenen Laub geschlafen – nun kribbelte ihm das Leben wieder in den Beinchen. „Frühling“, murmelte er zufrieden, „höchste Zeit für ein ordentliches Frühstück.“
Er erinnerte sich noch gut an seinen Garten und steuerte zuerst das Rosenbeet an. Aber wo waren sie denn, seine heiß geliebten Rosen mit den leckeren Läusen an ihren Stängeln? Sein kleiner Magen knurrte bedenklich.
Simon Siebenpunkt setzte sich auf einen kahlen Zweig und blinzelte in die helle Frühlingsluft. „Noch keine Läuse weit und breit“, seufzte er und strich sich mit einem Beinchen über den runden Bauch. Dann hob er den Kopf. Wenn das Frühstück schon auf sich warten ließ, konnte er sich wenigstens nach einer hübschen Marienkäferdame umsehen.
Hatte er doch erst vor ein paar Minuten das Insektenhotel verlassen, vor lauter Freude über den Sonnenschein, so schalt er sich nun selbst einen Tor. Sie hatte doch nebenan gewohnt, die hübsche Dame mit dem feinen Stimmchen. Hoffentlich schlief sie noch und war nicht längst ausgeflogen!
Simon Siebenpunkt drehte sich hastig um und krabbelte zurück zum Insektenhotel. „Simon, Simon“, brummelte er vor sich hin, „erst denken, dann losfliegen!“ Vorsichtig klopfte er mit einem Beinchen an die kleine Holzspalte neben seiner.
Simon hatte gar nicht bemerkt, dass sich eine Amsel auf dem Dach des Hotels niedergelassen hatte. „Du bist ein wahrer Glückskäfer!“, flötete sie verschmitzt. „Ich habe gerade keinen Hunger. Und deine kleine Freundin hat sich auch schon auf den Weg gemacht, um dich zu suchen – das glaube ich jedenfalls!“
Simon Siebenpunkt erstarrte einen Moment lang – eine Amsel auf dem Dach war schließlich keine Kleinigkeit für einen Marienkäfer. Dann atmete er vorsichtig auf und richtete seine Flügel. „Na, wenn das so ist“, sagte er tapfer, „dann sollte ich wohl besser losfliegen, bevor sie mich sucht und ich wieder einmal zu spät komme.“
Es ging also weiter.
Plötzlich entdeckte Simon Opa Fritz, der mit seiner Staffelei im Garten saß. In der Hand hielt er eine Palette mit bunten Farben und pinselte an einem farbenfrohen Bild. Und da – auf dem Bild – war das nicht seine Liebste?
Simon flog näher heran und setzte sich vorsichtig auf den Rand der Staffelei. Tatsächlich: mitten auf der gemalten Wiese saß ein Marienkäfermädchen mit sieben feinen Punkten und einem roten Kleidchen, so lebendig, dass Simon vor Staunen ganz still wurde.
Doch wie sollte Opa Fritz das wissen?
Trotzdem tat er genau das Richtige. Als er Simon bemerkte, malte er kurzerhand ein zweites Marienkäferchen direkt neben das hübsche Käfermädchen. Dann schloss er einen Moment die Augen, weil ihn die Sonne blendete.
Als er sie wieder öffnete, waren beide verschwunden.
Und der dritte, oben am Rand?
Der war auch weg.
Opa Fritz blinzelte und rieb sich verwundert die Augen. „Na sowas“, murmelte er und trat einen Schritt zurück. „Eben waren doch noch drei Marienkäfer auf meinem Bild.“
Er kratzte sich am Kopf, lächelte dann aber still in sich hinein.
Vielleicht hatte der Frühling sich einfach ein kleines Stück aus seinem Bild ausgeliehen.
Manchmal malt der Frühling Dinge,
die plötzlich lebendig werden.
© Regina Meier zu Verl
Nach dem Sturm
Nach dem Sturm
Die Dankbarkeit stand am offenen Fenster und hielt ihr Gesicht in die Sonne. Sie tat nichts Besonderes. Sie stand einfach da und atmete. „Ich komme leise“, sagte sie, „meistens nach dem Sturm.“
Die Müdigkeit stellte sich neben sie und gähnte. „Von einem Sturm habe ich nichts mitbekommen“, murmelte sie und strich durch ihr verwuscheltes Haar. „Es war recht still hier.“
„Der Sturm war innen“, antwortete die Dankbarkeit ruhig. „Man hört ihn nicht, aber man spürt ihn in den Knochen.“
Die Müdigkeit nickte langsam. „Dann habe ich wohl Wache gehalten“, sagte sie. „Ich habe alles gedämpft.“
Auf dem Tisch stand ein Glas Wasser, halb leer, halb voll – es wusste selbst nicht, was es sein wollte. Die Dankbarkeit hob es an. „Manchmal genügt schon ein Schluck, um zu merken, dass man wieder da ist.“
Die Müdigkeit lächelte. „Du bist genügsam. Mit einem halben Glas bin ich nicht zufrieden. Ich brauche noch eine Stunde Schlaf.“
Die Dankbarkeit lachte leise. „Dann nimm sie dir. Ich messe nicht in Litern und nicht in Stunden. Ich sehe nur die kleinen Rückkehrer.“
„Das erste klare Atmen?“, fragte die Müdigkeit.
„Genau das. Oder das Gefühl, wieder Hunger zu haben. Oder Sonne auf der Haut.“
Im Türrahmen stand die Geduld. Sie hatte nichts gesagt, aber sie war geblieben. „Gesund wird man Schritt für Schritt“, sagte sie ruhig.
„Und jeden Schritt sehe ich“, antwortete die Dankbarkeit.
„Schau nur!“, rief sie plötzlich. „Die Sonne hilft uns allen, dankbar zu sein – geduldig, vielleicht sogar fröhlich. Und wenn die Müdigkeit zu groß wird, kitzelt sie sie wach.“
Die Müdigkeit kicherte und tat so, als schlafe sie gleich wieder ein. Dieses zärtliche Kitzeln – war es die Sonne oder die Dankbarkeit gewesen? – hatte gutgetan.
Und im warmen Licht war nichts Großes geschehen.
Nur ein kleines Stück Gesundwerden.
Dankbarkeit beginnt dort, wo wir wieder atmen können.
© Regina Meier zu Verl
Neid und Hoffnung: Die Farben unserer Emotionen
Der Neid und die Hoffnung
Der Neid stand vor dem Spiegel und betrachtete das Gesicht, das ihm entgegenblickte. Er verzog den Mund, als ekle er sich vor sich selbst. „Warum ich?“, fragte er leise.
Im Kreise der anderen Gefühle fühlte er sich nicht wohl. Wenn er es recht bedachte, hatten sie alle etwas, das den Menschen auf die eine oder andere Weise guttat. Er hatte das nicht. Bitter schmeckte dieser Gedanke. Sehr bitter.
Er wandte sich vom Spiegel ab. „Ich bin nicht eingeladen“, murmelte er. „Ich werde nur bemerkt, wenn ich plötzlich da bin.“
Auf der Fensterbank saß die Freude. Sie hatte seine Worte gehört. Ihr Licht wurde stiller, und sie legte ihm vorsichtig die Hand auf die Schulter. „Manchmal erwächst auch etwas Gutes aus dir“, sagte sie sanft. „Wenn jemand dich spürt und erkennt, was ihm fehlt, kann er beginnen, seinen eigenen Weg zu gehen.“
Der Neid sah sie überrascht an. Mit Trost hatte er nicht gerechnet. „Ich will nichts zerstören“, sagte er leise. „Ich will nur, dass etwas auch mir gehört.“
In der Ecke regte sich die Erkenntnis. „Du zeigst den Menschen, was ihnen wichtig ist“, sagte sie ruhig.
Der Neid ließ den Blick sinken. „Aber sie schämen sich für mich.“
Da trat die Ehrlichkeit neben ihn. „Nur solange sie dich zulassen“, sagte sie. „Wenn sie dich verstehen, wirst du kleiner.“
Der Neid betrachtete seine Kleidung. Sie war grün, ein dunkles, schweres Grün. „Niemand hier ist grün“, sagte er leise. „Es ist keine schöne Farbe.“
In diesem Moment trat die Hoffnung ein. Sie stellte sich vor ihn und sah ihn fest an. „Du bist undankbar“, sagte sie ruhig. „Grün ist auch meine Farbe. Hast du es noch nie gehört? Grün ist die Hoffnung!“
Der Neid blickte auf. Zum ersten Mal sah er seinen Ärmel mit anderen Augen.
„Farben sind nicht schuld“, sagte die Hoffnung sanft. „Es kommt darauf an, was aus ihnen wächst.“
Der Neid schwieg. Etwas in ihm wurde leichter.
Er bedankte sich bei den anderen Gefühlen und verließ das Zimmer. Nicht, um sich zu verstecken. Sondern um wiederzukommen, wenn jemand bereit war, ihn als Anfang zu verstehen.
Und draußen, im stillen Licht, war sein Grün nicht länger bitter.
Neid zeigt nicht, was wir den anderen nehmen wollen – sondern was in uns wachsen möchte.
© Regina Meier zu Verl
Die Hoffnung wird gesehen
Die Hoffnung wird gesehen
Die Hoffnung saß auf der Fensterbank und ließ die Beine baumeln. Niemand hatte sie hereingebeten, aber das machte ihr nichts aus. „Ich bleibe auch dann“, sagte sie leise, „wenn alle anderen sich verstecken.“
Die Traurigkeit hatte es gehört und wandte sich ihr zu. „Das ist gut so“, sagte sie und versuchte ein kleines Lächeln. „Was sollten wir nur ohne dich tun?“
Die Hoffnung lächelte zurück, kaum sichtbar. „Ich bin nicht stark“, sagte sie leise. „Ich bin nur hartnäckig.“
Die Traurigkeit setzte sich neben sie. „Manchmal glauben die Menschen, du wärst verschwunden“, flüsterte sie. „Gerade dann, wenn ich bei ihnen bin.“
Die Hoffnung nickte und sah hinaus, wo ein erster Lichtstreifen den Himmel berührte. „Ich verschwinde nicht“, sagte sie. „Ich werde nur sehr klein.“
Die Traurigkeit sah sich im Zimmer um. „Wo seid ihr denn alle?“, rief sie leise. „Kommt, wir wollen die Hoffnung ein wenig stärken.“
Hinter dem Vorhang regte sich der Mut. Er streckte sich und trat hervor, sein roter Schal noch warm vom Schlaf. „Ich bin hier“, sagte er ruhig. „Ich gehe dorthin, wo die Hoffnung mich braucht.“
Die Hoffnung sah ihn an, und es war, als würde ihr Licht ein wenig klarer brennen. Da öffnete sich die Tür, und die Zuversicht trat ein. Sie setzte sich dazu, ohne viele Worte, einfach da.
„Ist es nicht wunderbar, dass wir alle da sind, wenn man uns braucht?“, sagte der Mut.
Alle nickten.
Sie rückten näher zusammen und nahmen die Hoffnung in ihre Mitte.
Die Hoffnung war es nicht gewohnt, so gesehen zu werden. „Ihr müsst mich nicht tragen“, sagte sie leise. „Ich wachse von allein.“
„Das stimmt“, antwortete die Zuversicht. „Aber manchmal wächst du schneller, wenn du nicht allein bist.“
Die Traurigkeit lehnte ihren Kopf an die Schulter des Mutes. „Ich gehe nie, um dich zu verdrängen“, flüsterte sie. „Ich gehe nur ein Stück vor dir.“
Die Hoffnung sah in die Runde.
Sie war nicht größer geworden.
Aber heller.
Und draußen begann der Morgen.
Hoffnung wächst nicht durch Stärke, sondern durch Nähe.
© Regina Meier zu Verl
Der erste kleine Schritt
Der erste kleine Schritt
Die Antriebslosigkeit saß auf der Bettkante und hatte die Hände in den Schoß gelegt. Sie war schon lange wach, aber sie sah keinen Grund, aufzustehen. „Ich bin nicht müde“, sagte sie leise. „Ich bin nur nicht gerufen.“
Langsam ließ sie sich zurückfallen ins warme Bett und zog die Decke bis ans Kinn. Wie gemütlich es war. Wenn es ihr gelang, wieder einzuschlafen, müsste sie nicht nachdenken über die kleinen und großen Kümmernisse, die ihr der Alltag bescherte und deren Bewältigung ihr manchmal ausweglos erschien.
Am Fenster klopfte der Morgen leise an, doch sie rührte sich nicht. „Ich bin nicht verloren“, murmelte sie. „Ich sammle mich nur.“
Auf dem Stuhl neben dem Bett saß die Pflicht und räusperte sich. In ihren Händen hielt sie eine lange Liste, deren Enden bis auf den Boden reichten. „Du kannst nicht ewig liegen bleiben“, sagte sie ruhig. „Es gibt Dinge, die auf dich warten.“
Die Antriebslosigkeit presste die Hände auf die Ohren. Doch dann setzte sie sich auf. „Ich werde mit dem Leichtesten beginnen“, nahm sie sich vor.
„Geh duschen“, schlug die Pflicht vor. „Das wird dir guttun.“
Unter der Dusche spürte die Antriebslosigkeit, wie das warme Wasser sanft über ihre Haut floss. Es war, als würde es etwas von ihr abwaschen, das sie nicht mehr brauchte. Der Duft von Lavendel umhüllte sie, und plötzlich war da eine Melodie, die sie lange nicht gehört hatte. Vorsichtig spitzte sie die Lippen und pfiff leise.
In der Tür stand die Hoffnung und lauschte. Sie sagte nichts, sie lächelte nur.
Die Pflicht rollte ihre Liste ein Stück zusammen. „Es muss nicht alles heute sein“, sagte sie leise.
Im Spiegel sah die Antriebslosigkeit sich selbst an. Ihre Wangen waren gerötet, ihre Augen klarer als zuvor. Sie sah nicht verloren aus. Sie sah aus, als wäre sie unterwegs.
Am Fenster stand der Antrieb im Schnee und wartete. Er klopfte nicht. Er wusste, dass sie ihn sehen würde.
„Guten Morgen“, sagte die Antriebslosigkeit und öffnete das Fenster. „Schön, dass du da bist. Gehen wir es an – in kleinen Schritten.“
Der Antrieb lächelte. Die Hoffnung trat näher. Und die Pflicht nickte zustimmend.
Draußen fiel leise der Schnee.
Der Antrieb beginnt nicht mit Kraft, sondern mit Erlaubnis.
© Regina Meier zu Verl













