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Dienstag, 7. Dezember 2021

Bernhard Schlick: Die Enkelin

- gesucht und gefunden. 

Leserunde auf whatchaReadin

Kaspar, aus dessen personaler Sicht der Roman vorwiegend erzählt wird, ist Bibliothekar und mit Birgit verheiratet.

"Es war ein Abend wie viele andere. An manchen Abenden, wenn Birgit schon früh mit dem Trinken angefangen hatte, war mehr als zwei Taschen und ein Weinglas umgefallen und lag mehr als eine Vase in Scherben. An anderen Abenden, wenn sie erst kurz bevor er nach Hause kam, das erste Glas getrunken hatte, war sie fröhlich, gesprächig, zärtlich, und wenn's nicht Wein, sondern Champagner war, von einer Lebendigkeit, die ihn glücklich machte und wehmütig wie alles Gute, von dem man weiß, dass es nicht stimmt." (7)

Doch an diesem Abend findet er seine Frau tot in der Badewanne vor, betrunken eingeschlafen und ertrunken. Kaspar ist erschüttert, denn trotz ihrer Alkoholprobleme, trotz ihres Geheimnisses, das sie um das Schreiben ihres Roman gemacht hat, trotz ihrer Unstetigkeit liebt er sie bedingungslos.
Das Verständnis, das Kaspar für Birgit aufgebracht hat, und seine Liebe bringt sie selbst wunderbar zum Ausdruck:
"Du liebst mich immer noch, ich weiß. Es ist der große Trost in meinem Leben: was immer ich in meinem Leben nicht bin, was immer ich dir nicht bin - ich bin genug, dass ich bis jetzt von dir geliebt werde." (129)

Im Rückblick wird erzählt, wie die beiden sich im Mai 1964 im Osten Berlin kennengelernt haben und wie Birgit sich entscheidet, zu Kaspar in den Westen zu fliehen, was ihr auch gelingt. Sie haben sich ein gemeinsames Leben aufgebaut und doch gibt es ein Geheimnis, das Kaspar in Birgits Schreibzimmer entdeckt. Ein Dokument "Ein strenger Gott", das er nach langem Ringen liest und das Birgits Lebensgeschichte erzählt, davon wie die beiden sich kennengelernt haben, aber auch davon, dass sie eine Tochter zurückgelassen hat (das verrät auch schon der Klappentext!), die sie nie gewagt hat zu suchen.
Um das wieder gutzumachen, was Birgit nicht gelungen ist, begibt sich Kaspar im 2.Teil des Romans auf die Suche nach jener Tochter und findet sie - gemeinsam mit Birgits Enkelin ist sie Teil einer völkischen Siedlungsbewegung, die fest an die Ideale des Nationalsozialismus glauben, den Holocaust leugnen und die deutsche Demokratie unterwandern möchten, dabei aber unauffällig agieren. Eine Welt, die Kaspar völlig fremd ist, und doch möchte er einen Kontakt mit Sigrun, der Enkelin aufbauen.
In der Leserunde gab es viele Diskussionen darüber, wie Kaspar in dieser Situation agiert. Wie hätte man selbst reagiert? Sofort vehement widersprochen, versucht alle Lügen sofort und gleich argumentativ zu widerlegen? Kaspar wählt einen anderen Weg, einen behutsameren und indem wir gemeinsam mit Kaspar diesen Weg beschreiten, ermöglicht uns Schlink einerseits einen Blick auf diese völkische Welt, andererseits entlarvt er ihre falschen Werte und ihren Lügen, so dass der pädagogische Anspruch des Romans nicht verborgen bleibt. Das hat mich jedoch beim Lesen nicht gestört. Im Gegenteil, interessant ist eben die Frage: Wie gehe ich mit einem jungen Mädchen um, das bisher in einer Blase aus nationalsozialistischen Ideen und Bräuchen gelebt hat? Schlink vermeidet auch eine Schwarz-Weiß-Zeichnung der Figuren, z.B. kann man Svenjas, Birgits Tochter, Motivation sich den Rechten anzuschließen, verstehen, wenn man es auch definitiv nicht gutheißen kann. Lediglich die Darstellung der 14-jährigen Sigrun gerät teilweise etwas zu naiv und kindlich für ein Mädchen dieses Alters, aber sie entwickelt sich und der 3.Teil des Romans ist auch gleichzeitig der stärkste. 
Ein Roman, der zum Diskutieren und Nachdenken einlädt, und den ich uneingeschränkt weiter empfehlen kann.

Vielen Dank dem Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar.


Samstag, 20. November 2021

Kent Haruf: Ein Sohn der Stadt

- aber kein verlorener, dessen Heimkehr erwünscht ist.

Leserunde auf whatchaReadin

Dies ist der 2. Roman Kent Harufs und spielt wie seine anderen auch in der fiktiven Kleinstadt Holt in Colorado.

Im Gegensatz zu den anderen drei Romanen: "Lied der Weite", "Abendrot" und "Kostbare Tage" (3./4./5. Roman des Autors) gibt es nur einen Handlungsstrang. Es wird ausschließlich die Geschichte Jack Burdettes, "einem Sohn der Stadt" erzählt, aus der Sicht des Ich-Erzählers Pat, dessen eigene Lebensgeschichte mit der von Jack verknüpft ist.
Dass Pat, der Herausgeben der Wochenzeitung Holt Mercury, den er von seinem Vater übernommen hat, befugt ist, diese Geschichte zu erzählen, verkündet er den Leser*innen gleich zu Beginn: "Ich kannte Jack Burdette mein ganzes Leben lang." (26)

Doch bevor der Ich-Erzähler im Rückblick Jacks Kindheit und Jugend auffächert, wird im ersten Kapitel von der Rückkehr des Sohnes in die Stadt berichtet.
"Am Ende kehrte Jack Burdette doch wieder nach Holt zurück. Keiner von uns hatte mehr damit gerechnet. Er war acht Jahre fort gewesen, und in dieser Zeit hatte niemand in Holt etwas von ihm gehört." (9)
Mit dieser Aussage baut Haruf sofort Spannung auf: Warum kehrt Jack zurück? Warum hat er Holt verlassen? Warum rechnet keiner mit seiner Rückkehr?

Erste Hinweise werden gestreut. Der Sheriff, von dem aufgebrachten Besitzer des Geschäfts für Herrenbekleidung informiert, warnt Jack, der in seinem roten Cadillac unbeweglich an der Straßenseite parkt. „Wir regen uns immer noch ein bisschen auf, wenn jemand uns unrecht tut. Und sich anschließend einfach aus dem Staub macht.“ (22)

Was hat dieser Jack angestellt? Die Frage drängt sich umso mehr auf, als der Sheriff ihm "den Lauf (seiner Pistole) unvermittelt gegen das Ohr (schlägt)" (23)
Er lässt ihn aussteigen, liest ihm nicht einmal seine Rechte vor, und schlägt ihm in der Stille des Novemberabends, "es war immer noch diese ruhige Stunde in der Main Street, dieser kurze friedliche Augenblick, nichts bewegte sich, weit und breit war keine Menschenseele unterwegs“ (25), erneut mit der Pistole auf den Hinterkopf.
Dieser Kontrast zwischen Stille, Frieden und der plötzlichen Brutalität verdeutlicht, dass Jack etwas Unverzeihliches getan haben muss und dass die Ruhe Holts empfindlich gestört wurde und jetzt erneut empfindlich gestört wird. Ein unglaublich starker Einstieg, der zeigt, dass die Heimkehr des verlorenen Sohnes nicht freudig aufgenommen wird - anders als im Gleichnis.

Im Rückblick erfährt man, dass  Jack die erste Klasse wiederholen muss, allerdings wird er danach einfach jedes Jahr versetzt, weil kein Lehrer bzw. keine Lehrerin ihn länger als ein Jahr unterrichten möchte.
Auch seine familiäre Situation ist schwierig. "Es gab reichlich Spannungen in der Familie" (28), der Vater dominant, die Mutter verhärmt. Nach dem tragischen Tod des Vaters verlässt Jack seine Mutter und "quartierte sich im Hotel Letitia ein." (51)
Auf der High School retten ihn sein Footballtalent oder vielmehr seine Größe und Stärke, und vor allem Wanda Jo Evans, seine glühendste Verehrerin, die all seine Hausaufgaben und Schularbeiten für ihn erledigt. Jack schlägt aller Warnungen in den Wind und Pat glaubt, in Jacks Handeln ein Muster erkannt zu haben: "ein Muster, das eine plötzliche Entscheidung und eine überstürzt damit einhergehende Handlung mit sich brachte."(51)
Während er in der Highschool noch ein Footballstar gewesen ist,"ein lokales Phänomen" (53), ist er am College Boulder, das auch Pat besucht, nur einer von vielen.
Während Pat sich auf dem College wohlfühlen, gilt das nicht für Jack, denn er "hätte es nicht zugelassen, dass sich sein Horizont nennenswert erweiterte." (73) Ohne an dieser Stelle mehr zu verraten, scheitert Jack und kehrt zunächst nach Holt zurück, bevor er dann verschwindet, während Pat in Holt bleibt und  beteuert, dass er "diese Geschichte so wahrheitsgetreu wie nur möglich zu erzählen. Aus meinen eigenen Gründen." (86) Also ist er irgendwie darin verwickelt. 

Haruf gelingt es meisterhaft, eine Stimmung in wenigen Sätzen und Beschreibungen heraufzubeschwören.  Sofort ist man als Leser*in Teil der Situation, die er in unserem Kopf mit Worten entstehen lässt. Mit feiner Ironie nimmt er das Verhalten der Holtener aufs Korn, ohne sie zu verurteilen oder bloßzustellen, und bewirkt so, dass man eigenes Verhalten hinterfragt. Ein Roman, der zum Diskutieren und Nachdenken einlädt.

Interessanterweise bezeichnet der Verlag den Roman, als solchen habe ich ihn gelesen, als Parabel.
Parabeln haben neben der Bildebene, also das, was wir lesen (die Geschichte Jack Burdettes), immer auch eine Gedankenebene oder Sachebene, also eine Lehre, die wir auf unser eigenes Leben beziehen sollen.
Die Frage, die sich mir gestellt hat: Welche Lehre will uns Haruf vermitteln? Dass wir gegen narzisstische, brutale Menschen letztlich verlieren müssen? Dass jemand, der seinen Willen unbedingt durchsetzen will und vor keinem Mittel zurückschreckt, den Sieg davonträgt? Das ist wenig aufbauend, auch wenn es allzu oft der Wahrheit entspricht. Vielleicht Parabel insofern, dass das Verhalten der Holtener ein Spiegel für eigenes Verhalten sein kann. Die Bezeichnung "Novelle" finde ich jedoch zutreffender - es wird ein außerordentliches Ereignis erzählt, das spannend, fast wie ein klassisches Drama aufgebaut ist.
Aber letztlich ist es für den Lesegenuss und wahrscheinlich auch für den 2014 verstorbenen Autor unerheblich, wie wir den Text bezeichnen ;)

Klare Lese-Empfehlung!

Vielen Dank dem Diogenes-Verlag für das Leseexemplar und ich hoffe inständig, dass auch der 1.Roman Harufs noch übersetzt wird.

Samstag, 13. November 2021

Marco Balzano: Wenn ich wiederkomme

"Manchmal geht es nicht anders" (80) 

Leserunde auf whatchaReadin

Im letzten Jahr habe ich Marco Balzanos Roman "Ich bleibe hier" gelesen, der mir sehr gut gefallen hat.

Umso höher die Erwartungen an den neuen Roman, der von der Rumänin Daniela Matei erzählt, die in ihrer ausweglosen Situation beschließt, ihre Familie zu verlassen, um in Italien als Pflegerin zu arbeiten. Zunächst ein befremdlicher Gedanke, Kinder und Ehemann im Stich zu lassen, doch Daniela hat sich ihre Entscheidung nicht leicht gemacht.

Im ersten Teil des Romans "Wo bist du" erzählt der inzwischen 16-jährige Sohn Danielas Manuel aus der Ich-Perspektive.

"Du hättest eigentlich gar nicht geboren werden dürfen" (13), sagt seine Mutter zu ihm, denn Daniela hätte nach der Geburt ihrer ersten Tochter Angelica eigentlich keine Kinder mehr bekommen können. Umso mehr wird Manuel, der acht Jahre nach seiner Schwester auf die Welt kommt, zu ihrem Liebling.

"Angelica ist gut organisiert und alles andere als kleinlich. Sie drückt sich nie vor der Arbeit, im Gegenteil. Sie ist eine, die sich aufopfert. (...) sie zieht den Karren, bis sie zusammenbricht." (13f.)

Folglich ist es Angelica, die sich um Manuel kümmert, als Daniela ihre Familie ohne Abschied verlässt. Der Vater Filip Matei ist Arbeiter in einer Fabrik gewesen, die schon lange geschlossen ist. Auch Daniela hat ihre Arbeit verloren. "Seit einem Jahr schlugen wir uns mit den Schecks der Arbeitslosenversicherung durch." (18)

In einem Brief, den Daniela hinterlässt, erklärt sie ihren Kindern: "Ich muss fort, damit ihr studieren könnt und anständig zu essen bekommt. Denn ich möchte, dass ihr die gleichen Chancen habt wie die andern." (19)

Sie verspricht Geld zu schicken, was sie auch tut, und bittet Angelica, sich um ihren Vater und Bruder zu kümmern. Daniela glaubt nicht, dass Filip sich aus seiner Lethargie wird lösen können, um der Familie zu helfen. Obwohl Danielas Arbeit die finanzielle Situation der Familie verbessert, Angelica studieren und Manuel auf ein Privatgymnasium gehen kann, wäre es Manuel lieber, seine Mutter wäre bei ihm. Er ist wütend auf sie, weil sie aus der Ferne keinen echten Anteil an seinem Leben nehmen kann. Auch Filip verlässt die beiden Kinder, da er eine Anstellung als Lastwagenfahrer gefunden hat: "Minus zwei" (36), ist Manuels Kommentar. Einzig zu seinem Opa Mihai hat er ein inniges Verhältnis und liebt es, mit ihm im Garten zu arbeiten.

Im 2.Teil des Romans "Weit weg" kommt Daniela zu Wort und erzählt von ihren verschiedenen Arbeitsstellen in Italien, als Pflegerin und Kindermädchen, und davon, warum sie ihre Familie zurückgelassen hat.

Zu Filip sagt sie am Telefon: "Ich hab deine leeren Versprechungen satt, deine beschissenen Schwüre: Ich such mir eine Arbeit, ich streng mich an, ich hör auf zu trinken." (78)

"Manchmal geht es nicht anders", hatte sie im Bus gesagt. Dieser Satz nahm mir die Schuld." (80)

Das, was sie in Italien erwartet, ist harte Arbeit, eine Arbeit, für die sie eigentlich nicht ausgebildet ist. Sie muss bei den alten Menschen, die sie pflegt, wohnen, hat kaum Zeit für sich selbst. Oftmals ist sie am Rande ihrer Kräfte. Als sie nach Rumänien zurückkehrt, attestiert ihr ein Arzt die "Italienkrankheit".

"Damit bezeichnen Psychiater eine spezielle Form von Depression, die jene befällt, die jahrelang fern von zu Hause und den Kindern leben, um anderswo Alte, Bedürftige und Kranke zu versorgen." (155)

In diesem Teil wird deutlich, dass sich Balzano intensiv mit der Thematik befasst hat - er war auch in Rumänien, um sich selbst ein Bild von der Situation der Eurowaisen vor Ort zu machen. Seine Intention ist es, den rumänischen Pflegekräften und ihren Kindern eine Stimme zu geben, wie er im Nachwort betont. Es ist ihm wichtig alle Seiten zu Wort kommen zu lassen, so dass folgerichtig im letzten Teil des Romans Angelica ihre Sicht der Ereignisse dargelegt.

Das Konzept, die Ereignisse aus drei Perspektiven zu erzählen, geht auf, denn
"Außerdem gibt es keine gemeinsamen Erinnerungen, jeder hat seine eigene und macht aus ihr, was er will." (230)
Bolzano hat für den Roman mit zahlreichen Frauen und ihren Kindern gesprochen, dadurch wirken die drei Figuren in sich stimmig und authentisch. Abgesehen von den Kindern, die Daniela in Italien betreut, vermeidet er Klischees und zeichnet ein differenziertes Bild der handelnden Personen.
Ein Roman, der mich nachdenklich gemacht hat und der dazu führt, dass ich die Frauen, die auch bei uns als Pflegerinnen eingesetzt werden, mit anderen Augen sehe. Klare Leseempfehlung!

Vielen Dank dem Diogenes-Verlag für das Lese-Exemplar!

Donnerstag, 12. August 2021

Daniele Krien: "Der Brand"

 - ein Paar zieht in der Lebensmitte Bilanz.

Leserunde auf whatchaReadin

Rahel, aus deren personaler Erzählperspektive das Geschehen geschildert wird, hat in den Sommerferien mit ihrem Ehemann Peter, mit dem sie seit fast 30 Jahren verheiratet ist, ein Hütte in den Bergen gemietet. Alles ist vorbereitet:

"Den Papierkram in der Praxis (sie ist Psychotherapeutin) hat sie erledigt, (...). In ihrer Stammbuchhandlung hat sie ein Buch auf Empfehlung gekauft und eines von Elizabeth Strout, das schon lange auf ihrer Wunschliste stand - eine hochgelobte Mutter-Tochter-Geschichte." (7)

Mit dem Roman von Strout ist "Die Unvollkommenheit der Liebe" gemeint, ein Titel, der auch zum derzeitigen Verhältnis zwischen Rahel und Peter passt. Der Aufenthalt in den Bergen sollte ihnen einen Neustart ermöglichen, doch die Hütte brennt ab. Zufällig meldet sich kurz darauf Ruth, eine Freundin von Rahels verstorbener Mutter Edith. Zu Ruth und deren Mann Victor hat Rahel zeitlebens ein sehr gutes Verhältnis gehabt, deren Haus in der Uckermark ist für sie immer ein Zufluchtsort gewesen. 

"Bei ihnen in Dorotheenflede kam ihr Leben zur Ruhe. Ediths rastloses Dasein, das Rahel und ihrer Schwester Tamara eine Kindheit mit wechselnden Stiefvätern, etlichen Umzügen kreuz und quer durch Dresden und verschiedenen Schulen beschert hatte, war wie ein Sturm auf hoher See gewesen, und obwohl auch Dorotheenfelde kein dauerhafter Hafen wurde, so hatte es hier doch immerhin heilsame Flauten gegeben." (15)

Da Victor einen Schlaganfall gehabt hat und kurzfristig einen Rehaplatz erhalten hat, bittet Ruth Rahel und Peter auf ihr Haus aufzupassen und die Tiere zu versorgen. Rahel sagt zu, ohne Peter zu fragen. Ein Verhaltensmuster, das eines der Probleme aufzeigt, die zwischen ihnen herrschen - Rahels Dominanz.

Sie ist die lebenslustigere, aktivere der beiden und kann es kaum ertragen, dass Peter nicht mehr mit ihr schläft. So bezieht jeder ein eigenes Zimmer in Dorotheenfeld und Peter bietet an, sich um die Tiere - ein Pferd, mehrere Katzen sowie einen flugunfähigen Storch, zu kümmern. Damit er nicht mit Rahel reden muss? Gleichzeitig spiegeln die Tiere das Verhalten der Figuren wider, die in der ländlichen Einsamkeit miteinander auskommen müssen.

Rahel entdeckt in Victors Atelier, der im Verband Bildender Künstler der DDR gewesen ist und in den Nullerjahren ein Comeback erlebt hat, Zeichnungen von sich als Kind sowie von ihrer Mutter. Der Gedanke, Victor könne ihr Vater sein, drängt sich auf. Ihre unstete Mutter Edith hat nie verraten, wer Rahels Vater gewesen ist.

Schließlich bittet Rahel Peter um ein Gespräch und es stellt sich heraus, dass der Bruch aufgrund ihrer Illoyalität entstanden ist. Peter hatte in seinem Literaturseminar eine Konfrontation mit einem nicht-binären Menschen (Olivia P.) und war der Situation nicht gewachsen, ebensowenig wie dem anschließenden medialen Shitstorm. 

"Die ganze Sache mit Olivia P., das Spießrutenlaufen an der Uni, der Hass, die Vulgarität, das alles habe ihn zutiefst erschüttert, und als er angeschlagen nach Hause gekommen sei, sei er von ihr verhöhnt worden, und etwas in ihm sei zerbrochen. (...) Und das Begehren ... hat einfach aufgehört." (57)

Wird es wieder zurückkehren?

Zu allem Überfluss kündigt sich Selma, ihre Tochter mit ihren zwei Kindern an.

"Wenn Selma nur nicht so wäre, wie sie ist. Egal, wie viel Aufmerksamkeit und Liebe sie ihrer Tochter schenkt- Selma braucht mehr." (61)

Der Besuch gestaltet sich schwierig, nicht nur wegen unterschiedlicher Erziehungsfragen - dürfen Kinder unter dem Tisch essen? - sondern auch deshalb, weil es in Selmas Ehe ebenfalls kriselt. Andererseits führen die gemeinsamen Probleme dazu, dass Rahel und Peter sich annähern. Wird es Peter gelingen erneut Nähe zuzulassen, kann Rahel sich zurücknehmen und seine Bedürfnisse akzeptieren? Wird es ihr gelingen die Beziehung zu ihrer Tochter zu verbessern? Und kann Rahel die Frage nach ihrer Herkunft lösen?

Krien zeichnet ein realistisches Bild der verschiedenen Beziehungen - nicht ohne Humor. Sie spielt mit den Geschlechterstereotypen und stellt sie dadurch in Frage.

"Männern wird immer vorgeworfen, wir wären triebgesteuert, aber so langsam habe ich das Gefühl, dass ihr Frauen uns auch in dieser Hinsicht überholt." (105)

Peter repräsentiert den gelehrten Universitätsprofessor, der die heutige Jugend nicht mehr versteht, sich aus der Gesellschaft zurückzieht, auf Teilhabe verzichtet, dadurch aber die Möglichkeit versäumt, mit der Zeit zu gehen, sich anzupassen und trotzdem seine Meinung darzulegen.

"(...) du hast ein Idealbild vom umfassend gebildeten Studenten einer längst vergangenen Epoche, als Studieren die Ausnahme und nicht die Regel war." (139)

Jammern allein kann keine Lösung sein. Trotzdem sind die Figuren nicht unsympathisch, man kann ihre Gefühle und Befindlichkeiten nachvollziehen, wenn auch nicht alles gutheißen.

Krien erzählt von einem Ehepaar in der Mitte ihres Lebens, die eine Neuorientierung suchen und sich dabei nicht verlieren wollen. Ein lesenswerter Roman, nicht nur für Paare in der Midlifecrisis.

Vielen Dank dem Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar.

Sonntag, 25. Oktober 2020

Charles Lewinsky: Der Halbbart

 - Alltagsgeschichte(n)

Leserunde auf whatchaReadin

Sebi, eigentlich Eusebius, ist der Protagonist des Romans, der im Jahr 1313-1315 in der Schwyz spielt. Aus der Sicht des 12jährigen Jungen erleben wir den Alltag im Mittelalter, in einer Zeit, in der die neue Eidgenossenschaft sich im Marchenstreit mit dem Kloster Einsiedeln befindet. Die historischen Zusammenhänge kann man teilweise aus dem Kontext erschließen, allerdings muss man, will man Näheres wissen, selbst recherchieren. 
Für Sebi spielt das alles zunächst keine Rolle, viel spannender ist, dass ein Fremder im kleinen Dorf auftaucht.

"Wie der Halbbart zu uns gekommen ist, weiß keiner zu sagen, von einem Tag auf den anderen war er einfach da." (9)

Keiner weiß es genau zu sagen, aber es ranken sich viele Geschichten darum, wie er sich am Rande des Dorfes niedergelassen hat. 

"Also, der Halbbart. Man nennt ihn so, weil ihm der Bart nur auf der einen Seite des Gesichts wächst, auf der anderen hat er Brandnarben und schwarze Krusten, das Auge ist dort ganz zugewachsen." (13)

Woher diese Verbrennung kommen, will der Sebi gerne wissen, aber er muss Geduld haben, bis der Halbbart seine Geschichte vollständig erzählen will und kann. Sebi freundet sich mit dem Fremden an, der medizinisch versiert ist und ihm "Schachzabel" beibringt. Die meisten Helvetismen versteht man, ohne das Glossar (www.diogenes.ch/halbbart) zu Rate zu ziehen, da sie sich aus dem Kontext ergeben und für zusätzlichen Lesegenuss sorgen.
Zu Beginn der Geschichte wird der Streit mit dem Kloster Einsiedeln bereits angedeutet, da sich Sebis Bruder Geni beim Roden verletzt - eine Arbeit, zu der sie vom Kloster aus gezwungen werden.

"wir sind keine Eigenleute, aber der Wald gehört ihnen, auch wenn wir ihn nutzen dürfen, und wenn sie rufen, müssen wir kommen." (19) 

Genis Bein bricht und die Heilkünste der im Dorf ansässigen Iten-Zwillinge führen fast dazu, dass er stirbt. Der Halbbart schlägt Sebi vor, dass Bein abzusägen - ein Vorschlag, den der mittlere, hitzköpfige Bruder Poli sowie Sebis Mutter ablehnen. Doch letztlich willigen sie ein, dass der Eichenberger, der als reicher Mann "Metzgete machen [kann], wann immer [er] Lust auf eine Blutwurst [hat]" (46) und folglich mit dem Messer umzugehen gelernt hat, das Bein abschneidet.
Lewinsky schont die Leser*innen nicht und schildert detailreich, was eine Amputation im Mittelalter bedeutet hat. Gut, dass die Kapitel recht kurz sind und oft zu Beginn das Ende des Abschnittes vorweg genommen wird, was geschieht. Erst danach erzählt der Sebi, was er gehört oder selbst miterlebt hat. So ist man schon mal vorgewarnt.

Sebi bezeichnet sich selbst als Finöggel - ein zartes Persönchen, daher möchte er am liebsten ins Kloster, um lesen und schreiben zu lernen.
Ein Wunsch, der für ihn in Erfüllung gehen wird, wobei sich herausstellt, dass das Leben im Kloster nicht das ist, was er erwartet hat, so dass sein weiterer Weg einige unerwartete Wendungen einschlägt.
Neben der sympathischen Figur Halbbart, der sich im Dorf niederlässt und sich mit dem Genibefreundet und dessen Name noch eine interessante Rolle spielen wird, ist es das Teufels-Anneli, das besonders fasziniert. Kommt das Teufels-Anneli ins Dorf, ist Sebi nicht zu halten. Im Winter, wenn es keine Arbeit draußen gibt, wandert sie über die Dörfer und erzählt Geschichten vom Teufel - gegen ein gutes Essen. Sebi findet, "sie hat den wunderbarsten Beruf auf der ganzen Welt." (116)

Und um kleinere und größere (Alltags-)Geschichten geht es in diesem Roman, der uns das Leben der "einfachen Menschen" im Mittelalter atmosphärisch vor Augen führt, gerade weil aus der Sicht des jungen Sebi erzählt wird, der mit seiner Interpretation der Ereignisse oft ins Schwarze trifft. Sicherlich beeinflussen der Halbbart und der Geni, die meistens vernünftig und besonnen agieren, ihn positiv.
Obwohl man es eigentlich weiß, erstaunt es doch, welcher Aberglaube vorgeherrscht hat, der tief in den Menschen verankert zu sein scheint. Dem Sebi macht am meisten zu schaffen, dass ein ungetauftes verstorbenes Baby nicht in den Himmel kommen kann, sondern im Limbus verweilen muss - eine Art Zwischenwelt, weder Himmel noch Hölle. Und doch findet er eine Lösung, so wie er oft clevere Ideen hat und die Leser*innen mit seinen Lebensweisheiten und -einsichten überrascht.
Er bewertet das, was er von anderen gehört hat und das was an Geschichten erzählt wird, wird irgendwann  Geschichte werden - wie es auf dem Buchrücken so treffend heißt. 

Ein empfehlenswerter Roman für alle diejenigen, die sich für Alltagsgeschichte(n) interessieren. Die geschichtlichen Fakten muss man, wenn es einen interessiert, nachlesen. Da hätte ich mir ein Nachwort mit eben jenen gewünscht, das ist aber auch der einzige Kritikpunkt am Roman ;)

Vielen Dank dem Diogenes-Verlag für das Lese-Exemplar!


Donnerstag, 17. September 2020

Joachim B. Schmidt: Kalmann

 - der Sheriff von Raufarhöfn.

Leserunde bei whatchaReadin

Kalmann ist Anfang 30 und wohnt in einem kleinen isländischen Dorf, das immer vom Fischfang gelebt hat, inzwischen aber ökonomisch am Boden liegt.

"Und darum gab es hier in Raufharhöfn noch eine ordentliche Industrie, bis dann das Fangquotensystem von den Politikern eingeführt und die Quote fast gänzlich aus Raufarhöfn abgezogen wurde. Nun lagen die Hallen brach, jedes dritte Haus stand leer. Es gab inzwischen nur noch einen Mann, der eine ordentliche Fangquote hatte, wenn auch keine große: Róbert McKenzie." (33)

Jener Róbert hat versucht, den Ort zu einer touristischen Attraktion zu machen, betreibt ein Hotel, hat einen Golfplatz anlegen lassen. Beim Bau des Artic Henge, dieses steinerne Kunst-Bauwerk gibt es tatsächlich, ist ihm das Geld ausgegangen - und jetzt ist er verschwunden, während Kalmann, aus dessen Ich-Perspektive die Geschichte erzählt wird, eine Blutlache außerhalb des Ortes findet.

"Wenn man eine Person ist, die eine Leiche oder deren Überreste findet, und sei es auch nur eine Pfütze Blut, hat man etwas mit der Sache zu tun. Man gehört dann einfach in die Geschichte und damit in die Geschichtsbücher. Und das wollte ich verhindern, indem ich einfach nichts sagte." (35)

Kalmann ist geistig beeinträchtigt, einerseits wirkt er naiv, andererseits sind einige seiner Reflexionen scharfsinnig und tiefgründig. In der Diskussionsrunde stand die Frage im Raum, ob die Erzählperspektive authentisch ist, ob ein Mensch, der wie Kalmann unter einer geistigen Beeinträchtigung leidet, sich derart ausdrücken und solche Schlussfolgerungen ziehen kann, während er gleichzeitig grammatikalisch falsche Sätze produziert. Ich bin regelmäßig über diese Diskrepanz gestolpert, für mich hat es den Lesegenuss dieser ansonsten sehr unterhaltsamen Geschichte etwas getrübt.

Nichtsdestotrotz ist das, was geschieht, teilweise skurril und oft unfreiwillig komisch, was aus dem für Fremde seltsamen Verhalten Kalmanns resultiert. Wie schon gesagt, ist er aber auch in der Lage, genau dies zu reflektieren:

„Manchmal guckt man mich einfach nur an, die Leute starren geradezu, völlig behindert, und dann muss ich grinsen, auch wenn ich gar nicht grinsen will, aber ich grinse einfach, und es hat auch schon der ein oder andere gesagt:“Wieso grinst der so blöd.“ (87)

Das hat eine gewisse Komik, ist aber auch tragisch, weil er nicht aus der Situation heraus kann und sich letztlich so verhält, wie es von ihm erwartet wird.

Man erfährt einiges über diese nordische Insel, v.a. über Gammelhai - eine Spezialität, der sich Kalmann widmet. Von seinem Großvater, bei dem er aufgewachsen ist, da seine Mutter arbeiten musste, hat er das Jagen des Grönlandhais, ebenso wie die Herstellung von Gammelhai gelernt, dessen Geruch allein den Großvater aus dem Vergessen holen kann.

Der Großvater hat eine besondere Bedeutung für Kalmann, da er sich immer für ihn eingesetzt und ihm alles so erklärt hat, dass er es verstehen konnte. Doch jetzt ist Kalmann auf sich gestellt und muss sich den Fragen der Polizistin Birna stellen, die das Verschwinden Róberts untersucht. Kalmann behauptet, ein Eisbär sei Schuld daran. Ein Witz oder meint er es ernst? Auf dem Buchrücken ist zu lesen: "Unter einem Eisbär kann es sehr dunkel sein." Was hat es also mit diesem Eisbären auf sich? Und welche Rolle spielen die Litauer, die in Róberts Hotel arbeiten? Vor allem die hübsche Nadja hat es Kalmann angetan, der sich nach einer Frau sehnt. Sein bester Freund ist Noí, mit dem er nur via Internet kommuniziert. Jener scheint krank zu sein und darf das Haus nicht verlassen. Auch er beteiligt sich virtuell an der Suche nach Róbert, der im Dorf nicht beliebt gewesen ist.

"Es wäre die Gerechtigkeit der Natur. (,,,) Dabei wäre ein Eisbär das Letzte, wovor sich der Gauner hätte fürchten müssen." (71)

Es bleibt spannend und als Leser*innen werden wir auf verschiedene Fährten gelockt und folgen dem Sheriff Kalmann auf seinen Wegen durch das Dorf. Sein Outfit - Cowboyhut, Sheriffstern und eine waschechte Mauser - hat er von seinem Vater geerbt, einem amerikanischen Soldaten.

"Du bist der Sheriff. Und du hast vor niemandem Angst." (258)

Entpuppt sich der "Dorftrottel", wie der Autor seinen Protagonisten im Interview bezeichnet (353), tatsächlich als Held?

Ein unterhaltsamer Roman, in dem man einiges über Island lernt und hinterfragt, welches Verhalten eigentlich "normal" ist. Mein Lesegenuss hat aufgrund der inkonsequenten Erzählperspektive etwas gelitten. Sieht man darüber hinweg, ist es ein spannender, witziger Krimi.

Vielen Dank dem Diogenes Verlag für das Lese-Exemplar.

Donnerstag, 6. August 2020

Bernhard Schlink: Abschiedsfarben

- ein Erzählband.


In den Geschichten thematisiert Schlink das Abschiednehmen, wie der Titel bereits vermuten lässt, allerdings geht es nicht nur um den Abschied von einer geliebten Person, sondern die Plots der Erzählungen und die Art und Weise, wie sie erzählt werden, sind vielfältig und sehr unterschiedlich.

"Abschied muss sein; das Wissen, dass einer gestorben ist, bleibt beunruhigend, bis der Abschied ihn seine Ruhe finden lässt - und einen selbst." (7)

"Es hilft, beim Sterben dabei zu sein." (7)

Der Ich-Erzähler, Informatiker, der ein staatliches Institut in der ehemaligen DDR geleitet hat, führt in der ersten Geschichte "Künstliche Intelligenz" zunächst seine Gedanken zum Thema Abschied nehmen von Verstorbenen aus - die allgemeinen Gedanken bieten insofern einen perfekten Einstieg in den Erzählband. Von Menschen, die man nicht so oft treffe und mit denen man nicht mehr so oft zu tun habe, falle der Abschied schwerer, dazu zählt auch sein Freund Andreas, der ebenso wie er selbst als Informatiker am gleichen Institut gearbeitet hat. Stutzig gemacht haben mich die Gedanken zu Andreas Tod -

"(...) auch mit ihm blieb ich im Zwiegespräch, als gelte es, nur eine Weile zu überbrücken, bis wir uns wiedersähen. Und während ich, als Andreas lebte, Angst hatte, unsere Freundschaft könnte plötzlich einer Belastung ausgesetzt werden, war das Zwiegespräch mit dem toten Andreas angstfrei." (10)

Welches Geheimnis birgt der Ich-Erzähler? Schlink deckt ganz geschickt Schritt für Schritt das Ausmaß eines Verrats auf, für den sich Andreas Freund rechtfertigt, indem er jegliche Schuld von sich weist und keine Reue zeigt.
Der Ich-Erzähler ist bis zum Schluss überzeugt das Richtige getan zu haben - die Leser*innen werden das anders wahrnehmen.

Auch in der zweiten Geschichte "Picknick mit Anna" steht ein männlicher Ich-Erzähler im Vordergrund, und wie in der ersten thematisiert sie nicht nur den Abschied von einem Menschen, sondern auch die Schuld, die damit einhergeht. Ein ältere Herr hat nachts von seinem Fenster aus beobachtet hat, wie Anna zusammengeschlagen wurde und an den Folgen verstorben ist. Warum hat er die Polizei oder den Notarztwagen nicht informiert, obwohl er Anna gut gekannt hat. Langsam entwirrt sich das komplizierte Beziehungsgeflecht, das ihn mit der jungen Frau verbunden hat.

"Geschwistermusik" gehört neben "Der Sommer auf der Insel" und "Daniel, my Brother" zu den Geschichten, die mir am besten gefallen haben.

Sie offenbart ein kompliziertes Beziehungsgeflecht zwischen einem Jungen, Philip, der sich in seine Klassenkameradin verliebt, die - so seine Interpretation - ihn benutzt, damit ihr behinderter Bruder einen Freund hat. Jahre später trifft er sie wieder und muss erkennen, dass er sich von seiner Sicht der Geschichte verabschieden muss.

Im Sommer auf der Insel verabschiedet sich ein 11-jähriger Junge, der allein mit seiner Mutter im Jahr 1957 Urlaub macht, von seiner Kindheit und entdeckt die weibliche Sexualität. Aber auch die Mutter muss Abschied nehmen von einem alternativen Leben, einer Liebe, die nicht gelebt werden kann, ebenso wie in der Geschichte "Altersflecken" ein 70-Jähriger über die verpassten Gelegenheiten seines Lebens sinniert, während in "Jahrestag" eine Beziehung zwischen einem älteren Mann und einer jungen Frau im Mittelpunkt steht. Er nimmt Abschied von dem Gedanken, ihr alles geben zu können.

Die Geschichte "Das Amulett" zeigt, wie eine von ihrem Mann verlassene Frau, loslassen muss, wie es ihr gelingt ihre Wut, aber auch ihre Trauer hinter sich zu lassen - eine sehr beeindruckende psychologische Studie.

Die persönlichste Geschichte ist "Daniel, my Brother", die autobiografischen Bezüge drängen sich auf, da der Ich-Erzähler Schriftsteller ist und Jura studiert hat. Der Ich-Erzähler verabschiedet sich von seinem Bruder, der gemeinsam mit seiner Frau Selbstmord begangen hat, da sie schwer krank ist und er offenbar am Ende seiner Kräfte. Allmählich kommen die Erinnerungen.
"Sie stahlen sich schon in die Nacht, nicht als Bilder und Geschichten aus der Vergangenheit, aber als Erschrecken, verloren zu sein." (178)
Der Ich-Erzähler rekapituliert das Verhältnis zu seinem Bruder, stellt die positiven, aber auch negativen Seiten heraus, stolpert über einige Erinnerungen, hadert.
Der Trauerprozess ist sensibel und empathisch nachvollziehbar geschildert, ein Stück Prosa, das man immer wieder zur Hand nehmen möchte.

Nur eine Geschichte hat mich enttäuscht, und wie mir ging es einigen aus der Leserunde ebenso damit:
"Geliebte Tochter" fängt gut an, doch die Wende wirkt konstruiert, zudem hat sich uns nicht erschlossen, welche "Botschaft" Schlink mit dieser Geschichte vermitteln will. Allerdings stellt sich die Frage, ob immer eine Botschaft nötig ist ;) Auf jeden Fall laden die Erzählungen zum Diskutieren ein!

Insgesamt wunderbare Prosa, die nachhallt und die immer wieder gelesen werden kann, da sie sich durch authentische Figuren, eine plausible Handlung mit unerwarteten Wendungen und nicht zuletzt durch eine unprätentiöse Sprache auszeichnet. 

Vielen Dank dem Diogenes Verlag für das Leseexemplar.

Montag, 27. Juli 2020

Marco Balzano: Ich bleibe hier


Leserunde auf WhatchaReadin

Wenn man den Reschenpass in Richtung Vinschgau überquert hat, erstreckt sich der Rechensee vor dem Betrachter und zwangsläufig fährt man an dem berühmten Glockenturm vorbei, der einst Teil des Dorfs Graun gewesen ist. Ein beliebtes Fotomotiv, vor dem die Touristen Schlange stehen. Auch Marco Bolzano war dort, wie er im Nachwort zu seinem Roman verrät:
"Hätte ich nicht sofort den Eindruck gehabt, hier eine private und persönliche Geschichte anzusiedeln, in der sich die historischen Abläufe spiegeln und die die Möglichkeit bot, ganz allgemein über Verantwortungslosigkeit, über Grenzen, über Machtmissbrauch und die Bedeutung des Wortes zu sprechen, dann hätte ich, trotz der Faszination, die dieser Ort auf mich ausübt, nicht genug Interesse aufgebracht... Auch ich wäre stehen geblieben und hätte mit offenem Mund den Kirchturm bestaunt, der auf dem Wasser zu schwimmen scheint." (S.284)

Balzano bettet die historischen Ereignisse Grauns von der Unterdrückung der Südtiroler durch Mussolini, der Option, die Hitler ihnen angeboten hat, "heim ins Reich" zu kommen sowie die Fertigstellung des Staudamms nach dem 2. Weltkrieg in die persönliche Geschichte der Lehrerin Trina ein, die aus der Ich-Perspektive erzählt und ihre Geschichte an ihre Tochter richtet, so dass das Erzählte wie ein langer Brief erscheint.

"Du weißt nichts über mich, und doch weißt du viel, weil du ja meine Tochter bist." (13)

So beginnt der erste Teil, der die Frage aufwirft, warum die Tochter nichts über die Mutter weiß, die als Lehrerin im Untergrund Kinder weiterhin in Deutsch unterrichtet, obwohl Mussolini die Sprache verboten und italienische Lehrer nach Südtirol entsendet hat.

"Um bloß nicht uns nehmen zu müssen, stellten sie lieber halbe Analphabeten aus Sizilien und dem ländlichen Venetien ein. Ob die Tiroler Kinder etwas lernten, kümmerte den Duce sowieso herzlich wenig." (36)

Der erste Teil (Die Jahre) erzählt von dieser Zeit, in der Trina ihr Examen gemeinsam mit ihren Freundinnen Barbara und Maja macht, im Wechsel der Jahreszeiten lebt, ihren Vater in der Schreinerei unterstützt und Erich kennenlernt - einen stillen jungen Mann, obwohl ihr Herz eigentlich für ihre Freundin Barbara schlägt. Nichtsdestotrotz heiratet sie Erich, der Widerstand gegen die Faschisten leistet, und nach dem Sohn Michael wird die Tochter Marica geboren. Trina glaubt, sie sei keine gute Mutter, sie hat Angst ihr Leben zu verpassen.

"Auf dich und deinen Bruder aufzupassen war mir bald zu viel. Ich litt, weil mir die Zeit fehlte. Während ich mit euch beschäftigt war, dachte ich, verpasste ich so viele schöne Dinge auf der Welt, die ich später, wenn ihr groß sein würdet, nicht nachholen könnte." (62)

Nachdem Hitler Österreich annektiert hat, eröffnet er den Südtirolern die Option, ins Reich zu kommen. Er wird als Befreier wahrgenommen, da er ihnen die Möglichkeit eröffnet, in ihrer Muttersprachen sprechen zu können.

"Auf Adolf Hitler zu hoffen war die einzige Rebellion." (71)
"Mama, ich will weg aus diesem Dorf. Hier kann ich nicht einmal mehr zur Schule gehen" (75), sagt Trinas Tochter.

Aus heutiger Perpektive völlig unverständlich, aus der damaligen Situation heraus, in der die italienischen Faschisten die deutschsprachigen Bewohner Grauns unterdrückt haben, teilweise nachvollziehbar. Wobei Erich durchaus weitsichtig erkennt, dass die diejenigen, die sich gegen die große Option entschieden haben, die "hier geblieben" sind, nach der Machtübernahme Hitlers in Südtirol mit Repressionen zu rechnen haben.

Von dieser Zeit handelt der 2.Teil, "Auf der Flucht", während der 3.Teil von der Fertigstellung des Staudamms und der Entstehung des Reschensees erzählt. Während der 2.Teil mitreißend und teilweise sehr emotional ist, fällt der letzte Teil im Vergleich zu den beiden vorherigen aus meiner Sicht etwas ab, da man weiß, dass der Kampf gegen den mächtigen Konzern nicht gewonnen werden kann und auch die Protagonistin selbst passiver wirkt, weniger in den Widerstand involviert ist, allerdings für diejenigen, die protestieren, die richtigen Worte findet.

Balzano hat dazu in einem Interview gesagt:

"Ein Schriftsteller muss immer versuchen, das Schweigen zum Reden zu bringen, das ist die größte Herausforderung. Ein Schweigen, dem es gelingt, das auszudrücken, was man nicht sagen kann, das, wofür die Wörter nicht genügen. In „Ich bleibe hier“ wollte ich eine Frau darstellen, die an das Wort als Mittel zum Widerstand glaubt. Auch als das Wasser das Dorf überflutet, auch als Trina alles verliert, auch als sie besiegt ist, bleiben ihr die Worte. Und solange wir die Möglichkeit haben, sie auszusprechen, haben wir nicht alles verloren."
(https://www.buchkultur.net/marco-balzano/)


Dass Balzano das "Schweigen zum Reden" bringen will, dies ist ihm mit diesem Roman gelungen. Die Situation der Südtiroler, die im Dilemma zwischen Bleiben oder Gehen standen, deren kulturelle Identität Spielball der politischen Kräfte geworden ist, hat er beeindruckend dargelegt.
Aber auch, wie machtlos die Bewohner Grauns gegenüber den ökonomischen Interessen des Konzerns Montecatini gewesen sind.

Ein lesenswerter Roman gegen das Vergessen!

Montag, 6. Juli 2020

Kent Haruf: Kostbare Tage

Abschied nehmen

Leserunde auf whatchaReadin

Auch der neue Roman von Kent Haruf spielt in der fiktiven Kleinstadt Holt in Colorado, ist jedoch im Gegensatz zu seinen Vorgängern im neuen Jahrtausend angesiedelt, wahrscheinlich kurz nach 9/11. Auch die Figuren spielten in den anderen Romanen keine Rolle, so dass uns neue, andere Schicksale erwarten.

Im Mittelpunkt der Handlung steht Dad Lewis, der Besitzer der Eisenwarenhandlung in Holt.
Gleich zu Beginn der Handlung erfahren wir, dass Dad Lewis wahrscheinlich nicht mehr lange zu leben hat:
"Leider habe ich keine allzu guten Nachrichten für sie, sagte der Arzt." (7)

Metaphorisch bietet Haruf mehr Informationen, indem die Tageszeit oder auch das Wetter symbolischen Charakter zeigen.
 "Als sie nach Hause kamen, ging die Sonne gerade unter, und die Luft kühlte allmählich ab." (8)

Dad Lewis bleibt ein Sommer, um sich vom Leben und seinen Lieben zu verabschieden. Dies ist der Erzählstrang, der am meisten Raum einnimmt. Seine Frau Mary begleitet seinen Sterbeprozess, bleibt an seiner Seite, unterstützt von ihrer Tochter Lorraine, die aus Denver angereist ist, um die letzten Wochen in der Nähe ihres Vaters zu sein.
Doch die Familie ist nicht vollständig, denn Lorraines jüngerer Bruder Frank hat keinen Kontakt mehr zu seinen Eltern. Während Mary darunter leidet, scheint Dad Lewis mit diesem Thema abgeschlossen zu haben. Im Verlauf der Handlung erfahren wir aus Rückblicken, dass Franks Homosexualität zum Bruch mit dem Vater geführt hat, dem es nicht gelingt, dies zu akzeptieren. Werden sie sich vor Dad Lewis Tod versöhnen?
Dies ist nicht der einzige Konflikt, der Dad Lewis beschäftigt. Einst hat er einen Angestellten entlassen, der Einnahmen veruntreut hat, und ihn gezwungen, Holt zu verlassen. Daraufhin hat sich Clayton umgebracht, eine Frau und zwei Kinder hinterlassen. Auch daran denkt Dad Lewis zurück - er will in Frieden gehen.

Ein weiterer Handlungsstrang rankt sich um Willa und Alene Johnson - Mutter und Tochter, die mit den Lewis befreundet sind.

Während Dad Lewis am Ende seines Lebens steht, hat Alene das Gefühl, jenes bereits erreicht zu haben. Offenkundig hat sie eine unglückliche Liebe hinter sich und will keine traurige alte Frau werden.
"Ich werde sterben, ohne jemals gelebt zu haben. Es ist so lächerlich. So absurd. Alles ist so sinnlos." (65)

Die beiden freunden sich mit Alice an, die bei ihrer Großmutter Berta May, Nachbarin der Lewis, lebt, nachdem ihre Mutter an Krebs gestorben ist. Alice wird eine Art Ersatzkind und in einer der schönsten Szenen des Romans baden vier Frauengenerationen gemeinsam nackt.
Alice, Lorraine, Alene und Willa - in der Beschreibung ihres Körpers und dem Vergnügen, dass sie beim Baden in einem kalten Wassertrog an einem heißen Tag empfinden, offenbart Haruf seine sensible Art zu erzählen. Er begegnet seinen Figuren mit Empathie, beschreibt ohne zu werten, überlässt es den Leser*innen sich eine Meinung zu bilden.

Neben diesen Figuren, die in Holt verhaftet sind, steht der neue Reverend Lyle, der aus Denver nach Holt "strafversetzt" wurde. Sein pubertierender Sohn John Wesley fühlt sich in der Kleinstadt nicht wohl, daran ändert auch seine Freundin nichts, die ihm vorwirft:

„Du wirst noch alles kaputtmachen, merkst du das nicht? Du siehst ja nicht mal, was du vor der Nase hast. (...) Du träumst rückwärts.“(80)
Auch die Frau des Reverend möchte zurück nach Denver, vor allem nach einer denkwürdigen Predigt Lyles, in der - das war der Tenor der Leserunde - Haruf seinen amerikanischen Traum zu Papier bringt. Es könnte ein Amerika geben, das statt in den Krieg gegen die Terroristen zu ziehen, großzügig ist, dass seine Stärke dafür einsetzt, "etwas zu erschaffen. Wir werden eure Straßen und Highways reparieren, eure Schulen ausbauen, eure Brunnen und Staudämme modernisieren, eure alten Denkmäler und eure Kulturgüter retten, eure Tempel und Moscheen renovieren. Genauer gesagt: Wir werden euch lieben." (186)

Eine Botschaft, die konträr zum derzeitigen Kurs der amerikanischen Außenpolitik steht und die sowohl bei den Figuren im Roman als auch in der Gegenwart für Unverständnis sorgt. Eine mutige Botschaft, die Haruf hinterlässt und die sich auch auf der Ebene der Figuren widerspiegelt.
Sein Protagonist Dad Lewis möchte Frieden schließen, sich aussöhnen und Liebe geben, auch wenn ihm das im Leben nicht immer gelungen ist.

"Vergib mir, flüsterte er. Ich habe eine Menge Dinge versäumt. Ich hätte es besser machen können." (291)

Es sind "kostbare Tage", die wir als Leser*innen miterleben dürfen. Die letzten Tage Dad Lewis, der Abschied nimmt. Aber auch kostbare Momente erleben wir, z.B. wenn Dad seiner Tochter sagt, er liebe sie oder das gemeinsame Mahl bei Willa und Alene, die Lyle in seinem Traum unterstützen und das gemeinsame generationenübergreifende Baden. Das ist es, was am Ende bleibt und kostbar ist.

Ein wunderbarer Roman!

Montag, 30. März 2020

Peter Zantingh: Nach Mattias

"Was von uns bleibt, wenn wir nicht mehr da sind."

Leserunde auf whatchaReadin

"Eine Woche nach Mattias wurde sein Fahrrad geliefert." (7)
Bereits im ersten Satz des Romans wird der Titel aufgegriffen und der Bezugspunkt genannt. Was geschieht in der Zeit, nachdem Mattias gestorben ist.
Erzählt wird aus unterschiedlichen Perspektiven:
Im ersten Kapitel steht Mattias Freundin Amber im Mittelpunkt, die aus der Ich-Perspektive erzählt, wie sie sich fühlt.
"Trauer ist wie ein Schatten. Der richtet sich nach dem Stand der Sonne, fällt morgens anders als abends."(7)
Während sie im Park ist und an glückliche Zeiten zurückdenkt, wird Amber Zeugin, wie ein Pitbull fast einen kleinen Hund tot beißt. Quentin, ein Freund Mattias, kommt ihr und der Besitzerin des Hundes zu Hilfe. Aus seiner Perspektive wird im 2.Kapitel ein Blick auf Mattias geworfen. Genau wie Amber stellt er seinen Freund als jemanden dar, der sich für Neues begeistern konnte, viele verschiedene Ideen hatte.

"Er konnte sich immer noch für die gerade gehörten Newcomerbands begeistern, die er auf eine Popbühne bringen würde, und genauso sehr auch für die Schüler, denen er während des Rests der Woche Nachhilfeunterricht gab, weil sie zu ihm aufschauten und seinen Erzählungen lauschten und weil er auf die Weise wenigstens noch etwas damit anfing, dass er vier Jahre Geschichte studiert hatte." (13)
Seine neueste Idee, von der Amber und Quentin sprechen, ist es, gemeinsam mit Quentin ein Café aufzumachen - wie genau dies aussehen soll, wird im Lauf des Romans aus anderer Perspektive erzählt.
Amber beschäftigt es, dass sie darüber am letzten Tag gestritten haben, man erfährt jedoch nicht, wie Mattias gestorben ist. Auch das erschließt sich allmählich, wenn man - wie es auf dem Buchrücken heißt - alle "Puzzleteile" zusammengefügt hat.
Neben Freundin und Freund kommen auch die Großeltern zu Wort, doch bei ihnen steht weniger Mattias als Enkel im Vordergrund, sondern ihre Ehe selbst, die lange Zeit, die sie schon zusammen sind, während die Mutter Kristianne das Bild eines anderes Mattias zeichnet - einen empathischen, jungen Mann in den Vordergrund rückt, der auf Harmonie bedacht gewesen ist. Dieses Bild vermittelt auch Issam, ein Roadie, der Mattias nur über das Internet gekannt hat.
Was mir besonders gut gefallen hat, sind die zusätzlichen Verbindungen zwischen den Kapiteln - neben dem "Bindeglied" Mattias.
So trainiert Quentin, der seiner Trauer mit Laufen begegnet, einen Blinden, Chris, der selbst zu Wort kommt und erzählt, was Quentin ihm über Mattias anvertraut hat. Und Tirra ist eine Frau, die Kristianne im Rahmen ihrer ehrenamtlichen Arbeit für Flüchtlinge kennengelernt hat - so werden auch die Geschichten der Personen weiter geschrieben, die von der Zeit "nach Mattias" berichten. Wobei man sich auch der Antwort nähert, wie er gestorben ist.
Bei einer Figur - Nathan, die aus ihrem Leben erzählt, weiß man zunächst nicht, was sie mit Mattias zu tun hat, das erschließt sich erst ganz am Ende.
Insgesamt entsteht allmählich ein Bild dieses jungen Mannes, der tot ist, und gleichzeitig erfahren wir, wie das Leben "nach Mattias" weitergeht, wie Trauer "aussieht" für die Personen, denen er etwas bedeutet hat und auch für andere, deren Leben er nur am Rande berührt hat.

Klare Leseempfehlung!

Vielen Dank dem Diogenes-Verlag für das Lese-Exemplar!


Dienstag, 3. März 2020

Daniela Krien: Muldental

- ein Erzählband

Leserunde auf whatchaReadin

Nachdem ich letztes Frühjahr "Die Liebe im Ernstfall" in einer Leserunde auf whatchaReadin gelesen habe und die lose verknüpften Geschichten von fünf Frauen micht begeisterten, freute ich mich besonders auf den neuen Erzählband von Daniela Krien.

Wie sie selbst im Vorwort schreibt, sind die 11 Erzählungen aus einem kleinen "Notizheft voller Geschichten", aus "Skizzen von Lebensdramen" (9) entstanden, wie

"Überschuldeter Handwerker begeht Selbstmord" (9).

Daraus entstand die Erzählung "Sommertag", in der ein Schreiner nach der Wende einen Aufschwung erlebt, Kredite angeboten bekommt und mit der finanziellen Freiheit nicht umzugehen weiß. Seine Frau gibt das Geld mit vollen Händen aus, gönnt sich das, was sie sich immer schon gewünscht hat, bis die Rechnungen und Mahnungen überhand nehmen und der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht. Otto Gerling ist ein "Wendeverlierer oder ein Kapitalismusopfer" (198), wie es in der Erzählung "Der Zigarettensammler" heißt. Menschen, die am politischen und gesellschaftlichen Umbruch scheitern und "trudelnd" (Klappentext) zurückbleiben.

Die erste Erzählung spielt im "Muldental", einem ehemaligen Landkreis (1994-2008) in der Nähe von Leipzig, der in "Ort der Vielfalt" umbenannt wurde, also geographisch im Osten der Republik verortet ist. Marie lebt dort mit ihrem Mann Heinz, einem Künstler, den sie zu DDR-Zeiten auf Druck der Stasi bespitzelt hat und der sie heute dafür büßen lässt. Mit wenigen Worten gelingt es Daniela Krien das Innenleben der Figuren darzustellen, bedrohliche Situationen zu schildern und bei den Leser*innen Empathie zu wecken - auch für die Täter. So empfindet man tatsächlich in der Erzählung "Heimkehr" - die Namensgleichheit mit Kafkas Parabel ist meines Erachtens kein Zufall - tatsächlich Mitleid mit einem verurteilten Mörder, der eine lieblose Kindheit erfahren hat, von den Eltern missachtet, von den Mitschüler*innen ausgegrenzt, gehänselt, weil er ein "Daumenlutscher" ist. Dass diese Lebensumstände zu aggressivem Verhalten führen, scheint genauso plausibel, wie das destruktive Verhalten der jungen Anna in der Erzählung "Mimikry", die permanent mit Vorurteilen gegenüber den "Ossis" konfrontiert wird und von der nun im Westen Anpassung gefordert wird.

Die Erzählung "Freiheit", basierend auf der Notiz "Junge Frau entscheidet sich für Spätabtreibung" (9) führt besonders gut vor Augen, dass - wie Krien im Vorwort schreibt - "das Individuum seine Entscheidung" (10) frei trifft, aber auch die Verantwortung für jene tragen muss. Diese Geschichte geht wirklich unter die Haut, genauso wie "Aussicht", in der eine pubertierende Tochter sich mit allen Konsequenzen gegen ihre Mutter stellt - danach braucht man als Leser*in erstmal eine Pause.

Daniela Krien schreibt über Menschen, "deren Schicksal ihre Kräfte übersteigt" (10), und es ist wichtig, dass sie diesen Gehör verschafft. Einige Geschichten beziehen sich explizit auf die Wende oder den Osten bzw. die ehemalige DDR, wie "Sarabande in B-Moll", in der eine schizophrene junge Frau kurz vor dem Mauerbau in den Westen reist, weil sie glaubt, dort besser behandelt werden zu können. Andere könnten überall spielen, sind sozusagen unabhängig vom politischen Geschehen.

Mit der Geschichte "Muldental II", die die 1.Erzählung weiterführt und mit "Plan B" verknüpft, schließt dieser Erzählband, der sehr nachdenklich stimmt und dessen eindringliche Geschichten die Leser*innen zwingen, ihre Komfortzone zu verlassen und sie zunächst rat- und sprachlos zurücklassen.
(Glücklicherweise konnte man sich in der Leserunde darüber austauschen!)

Ich freue mich jetzt schon auf den nächsten Erzählband oder einen Roman von Daniela Krien, die eine großartige, zeitgenössische Erzählerin ist und die mit wenigen Worten so viel sagen kann.

Vielen Dank dem Diogenes-Verlag für das Lese-Exemplar.

Donnerstag, 12. Dezember 2019

Ian McEwan: Die Kakerlake

- eine Satire auf den Brexit.

Leserunde auf whatchaReadin

"Als Jim Sams, klug, doch beileibe nicht tiefgründig, an diesem Morgen aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in eine ungeheure Kreatur verwandelt." (11)

Aus der einstigen Kakerlake ist ein Mensch geworden, der sich über den "glitschige[n] Fleischlappen" (11) in seinem Mund wundert, über seine eingeschränkte Sichtweise und darüber, dass sein Skelett, sein Panzer nach innen verlagert ist.
Höchst amüsant werden die ersten Gehversuche der Kakerlake beschrieben, die als britischer Premierminister aufgewacht ist - offensichtlich nach einer alkoholgeschwängerten Nacht. In der ersten Begegnung mit einer persönlichen Referentin reichen Grunzlaute zur Verständigung, sein erstes Wort: Okidoki.

Die Parallelen zu Kafka sind offensichtlich und gewollt, ebenso der bitterböse, satirische Blick auf die zeitgenössische britische Politik. Die Botschaft, auch eine Kakerlake kann Premierminister sein, drängt sich auf, wobei der Verdacht genährt wird, es gebe einen "göttlichen" Plan, den die Kakerlake, die (leider) schnell in den Hintergrund rückt, ausführen möchte.
Genährt wird der Verdacht, als Jim in der ersten Kabinettssitzung "ein verblüffendes Wiedererkennen" (34) erlebt - er ist, bis auf eine Ausnahme - von Kakerlaken umgeben, die ebenfalls menschliche Gestalt angenommen haben.

Seine Marschroute für die kommende Zeit steht fest: Er wird den Willen des Volkes, nämlich die Einführung des Reversalismus durchsetzen.
Im Reversalismus, eine Erfindung McEwans, wird der Geldfluss umgedreht:
"Am Ende des Arbeitsmonats gibt eine Angestellte für die vielen Stunden, die sie gearbeitet hat, ihrer Firma Geld. Geht sie einkaufen, wird sie hingegen für jede Ware, die sie mitnimmt, großzügig zum Einzelhandelstarif entschädigt. Bargeld zu horten ist gesetzlich untersagt." (41)

Ein ökonomisches Prinzip, das nicht funktionieren kann, da waren wir uns in der Leserunde einig, vor allem, wenn ein Land einen Alleingang wagt. Reversalismus gleich Brexit - so ist diese Parabel zu lesen, denn Ökonomen sagen eine wirtschaftliche Katastrophe voraus, Ähnliches haben wir auch in Bezug auf den Brexit gelesen.

McEwan prangert den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union an, da seine Heimat sozusagen den Rückwärtsgang einlegt. Bezeichnenderweise nennt er die Vertreter des Reversalismus  Rückdreher - ein deutliches Statement.
Darüber hinaus rechnet er in seiner "bitterbösen politischen Satire", wie es im Klappentext heißt, auch mit dem Politbetrieb an sich ab.
"In schwierigen Zeiten wie diesen brauchte das Land einen verlässlichen Feind." (76) 
Ein Schiffsunglück wird politisch ausgeschlachtet, um die Stimmung im Land zu Gunsten Sams zu drehen. Unbequeme Minister werden verleumdet, Meinungen so getwittert, dass "eine solche Bedeutungsdichte [entsteht, die], aufs Eleganteste gepaart mit leichtfüßiger Loslösung von allen Details" ist (77). Die Anspielungen auf Trump sind eindeutig und überaus treffend.

Am Ende gibt es tatsächlichen einen Plan...

Die Meinung in der Leserunde war fast einhellig. Die Novelle (?) oder die Parabel sei mit heißer Nadel gestrickt, was zu Lasten der Literarizität geht. Die Figuren werden kaum entwickelt, die Verwandlung von der Kakerlake zum Menschen tritt schnell in den Hintergrund, einiges wird referiert statt erzählt. Schade!
Die Sprache ist hingegen wie nicht anders zu erwarten messerscharf:
"Jim hatte hervorragende Fühler für die öffentliche Gemütslage." (88)
"Nichts war so befreiend wie ein engmaschiges Lügennetz." (97)

Es ist verständlich, dass McEwan das Bedürfnis hat, sich seine Frust über den Brexit von der Seele zu schreiben. Das Thema ist jetzt aktuell, also muss das Büchlein sofort auf den Markt. Zu deuten gibt es wenig, seine Aussagen sind glasklar: Der Alleingang Großbritanniens ist ein Rückschritt und aus seiner Sicht ein gewaltiger Fehler, die Politiker sehen nur ihren Vorteil, berücksichtigen das Wohl des Volkes zwar in ihren Reden, jedoch nicht in ihren Taten und Entscheidungen.
Die Frage ist, wen diese Botschaft erreicht und ob sie von denen gehört wird, die es betrifft.

Vielen Dank dem Diogenes Verlag für das Leseexemplar.

Sonntag, 17. November 2019

Christoph Poschenrieder: Der unsichtbare Roman

- Fakt oder Fiktion?

Leserunde whatchaReadin

"Wie der Leser zum Komplizen des Autors wird." (268)

Christoph Poschenrieder spielt in seinem Roman mit dem, was hätte sein können, und dem, was wahr (?) ist.

Am Ende des 1.Weltkrieges erhält der für seine Geschichten im Münchner Satireblatt Simplicissimus bekannte Autor Gustav Meyrink vom Auswärtigen Amt den Auftrag, einen Roman zu verfassen, der die Schuld für den Ausbruch des Krieges den Freimaurern zuschreiben soll.
"In groben Zügen, mein Herr. Die Angelegenheit ist im Grunde überaus simpel: Wir möchten, dass Sie einen Roman schreiben, aus dem für jedermann klar ersichtlich und verständlich wird, wer am Ausbruch des andauernden, bedauerlichen Krieges schuld ist. Wenn es außerdem unterhaltsam wäre, schadet es auch nicht." (15)

Er soll "Fake News" in die Welt setzen,
"noch kann er den Umschlag an den Einarmigen zurückreichen, mit vor Indignation zitternder Stimme ausrufen: Was erlauben Sie sich, mich mit Ihrem abstrusen, was sage ich, infamen Anliegen heimzusuchen. Ich bin ein Künstler und damit per definitionem nicht käuflich! Gut, denkt Meyrink, gut wenigstens ein Mal in Gedanken inszeniert zu haben, was auszusprechen ich nicht über mich bringe." (16)

Poschenrieder erzählt diese Geschichte, wie Meyrink nach Berlin reist, sein Ringen darum, diesen Roman zu schreiben, was ihm aber nicht so recht gelingen will.
"Es ist furchtbar, nicht schreiben zu können. Das ging doch immer so einfach." (155)
Nebenbei werden wir Zeuge der revolutionären Umtriebe Kurt Eisners in München und Zeuge der Gespräche zwischen Meyrink und dem erfolglosen Schriftsteller Erich Mühsam, der bei der Novemberrevolution zu kurz gekommen, eine Rolle in der Räterepublik gespielt hat.

Eingebettet in die Handlung um den zu schreibenden Roman, der die Fake News verbreiten soll, sind Passagen in der Ich-Perspektive Meyrinks, die sein Leben erzählen, wobei er von seiner unehelichen Geburt erzählt - "Ich" - und seinen alchemistischen Versuchen - "Ich, Goldmacher"-, von seinen erfolglosem Dasein als Bankier hin zu seinem Dasein als Schriftsteller.
"Der Schmerz brachte mich zum Schreiben. Der Rückenschmerz, nicht der Weltschmerz." (178)

Eine Passage berichtet von dem Missverständnis, dass er für einen Juden gehalten wurde, was dazu geführt hat, dass er massiven Anfeindungen ausgesetzt gewesen ist. Gleichzeitig ein Grund, warum gerade er den Roman über die Schuld der Freimaurer am Ausbruch des 1.Weltkrieges schreiben soll.
"Ja, denkt Meyrink, darin könnte seine besondere Qualifikation für diese Aufgabe von nationaler Bedeutung liegen: ein angeblicher Jude mit einer Riehe gutdokumentierter Ausfälle gegen das Deutschnationale, das Militär, das Establishment in allen seinen bürgerlichen Spielarten." (25)

Eingeschoben in beide Handlungsstränge sind Recherchenotizen des Autors Poschenrieder, der akribisch alle Quellen herangezogen hat, um das Leben Meyrinks zu rekonstruieren. Diese echten "Fakten" ermöglichen eine weitere Sicht auf die Ereignisse - sind sozusagen authentische Stimmen aus der Vergangenheit.
"Der Gustl war ja ein Finanztrottel. Und wenn er Geld gehabt hätte, hätte er nicht geschrieben." (112)
[Nachlass von Carlo Mor von Weber: Mena Meyrink zum 90.Geburtstag]

Der Aufbau des Romans, die unterschiedlichen Perspektiven, die eingefügten Fakten machen ihn außergewöhnlich und besonders, behindern aber auch den Lesefluss. Gerade im Mittelteil habe ich oft den Faden verloren, hat der Roman Längen.
"Das Aufhäufen ist die Tugend der Ameisen, Genie trägt ab." (75)
- wäre ein guter Leitspruch für die "Mitte" gewesen.

Allerdings entlohnt der ebenfalls überraschende Schluss für das Durchhalten. Begeistert hat mich die Ironie und die lakonische Sprache Poschenrieders, die immer wieder zum Lachen einlädt und über den etwas langatmigen Mittelteil hinweg trägt.

Insgesamt ein innovativer Roman, der aufgrund seiner Sprache und des außergewöhnlichen Aufbaus lesenswert ist, und der zeigt, dass es immer schon das Bestreben der Mächtigen gegeben hat, uns das glauben machen zu lassen, was sie für die Wahrheit verkaufen wollen.

Vielen Dank dem Diogenes Verlag für das Leseexemplar.

Freitag, 13. September 2019

Simone Lappert: Der Sprung

...vom Dach.

Leserunde auf whatchaReadin

Der Roman "springt" in die Handlung, denn gleich zu Beginn wird im zeitdehnenden Erzählen der Sprung der Protagonistin Manu beschrieben. Dass Manu springt, wird bereits im Klappentext verraten. (Schade eigentlich)

Nach diesem furiosen Einstieg "springt" die Handlung auf den Tag davor zurück und wir erfahren, wie verschiedene Figuren diesen erlebt haben. Aus wessen personaler Perspektive erzählt wird, erfährt man jeweils anhand der Kapitelüberschrift.

Dreh- und Angelpunkt ist zunächst Roswithas Gastwirtschaft am Markt der kleinen süddeutschen Stadt Thalheim. Die Wirtschaft bietet mit der empathischen Wirtin eine Anlaufstelle für einsame, traurige, aber auch glückliche Menschen.
Da sitzt zunächst der Polizist Felix, der gerade eine Fortbildung absolviert hat, wie man mit suizidgefährdeten Personen umgeht und dessen Frau Monique schwanger ist. Irgendein Problem belastet ihn und trübt die Beziehung zu Monique. Er zieht sich zurück und ist nicht in der Lage mit ihr darüber zu reden.

Auch in Marens Ehe gibt es Probleme, seit ihr Mann Hannes zu einem Fitness- und Gesundheitsfanatiker mutiert ist und er sie nicht mehr „sein Pralinchen“ (26) nennt.

Egon ist wie Felix Stammgast in der Gastwirtschaft. Der gelernte Hutmacher musste seinen Laden schließen, in dem befindet sich jetzt eine Handyklinik. Als Vegetarier verabscheut er seine neue Arbeit in der Schlachterei. Immer dienstags ist Schweineaugentag, dann erscheint der Fahrradkurier Finn und die beiden rauchen zusammen eine Zigarre. Finn, der eigentlich mit seinem Fahrrad eine Weltreise machen will, aber wegen Manu zurzeit in Thalheim gestrandet ist.

Manu, die Biologie studiert hat, arbeitet als Gärtnerin und rettet eingetopfte Pflanzen, um sie in ihr „Topfpflanzenasyl“ im Wald zu setzen. Eine schräge Figur, über deren Vergangenheit Finn kaum etwas weiß, aber er weiß,
„(w)enn er mit ihr unterwegs war, kam es ihm vor, als hätte jede noch so banale Situation einen aufregenden Backstagebereich, zu dem nur sie ihm Zutritt verschaffen konnte. An ihrer Seite war er sich sicher, nichts zu verpassen. Er genoss das trügerische Gefühl, dass alles sich zum Guten veränderte, dass er selbst sich veränderte durch Manu, zu einem Menschen, mit dem er es besser aushielt allein, in eine bessere Version seiner selbst.“(35)

Warum ausgerechnet Manu auf dem Dach steht und springen will, kann man zu dem Zeitpunkt noch gar nicht verstehen.
Auch Henry hat einen besonderen Zugang zur Natur, allerdings liegt seine beste Zeit hinter ihm, denn im Moment lebt er als Obdachloser auf der Straße. Henry gehört zu den Figuren, über die ich gerne mehr erfahren hätte.

Der erste Tag
Auf dem Marktplatz in Thalheim befindet sich auch das Geschäft von Theres und Walter, mit dem es, seit sich außerhalb Discounter angesiedelt haben, bergab geht, was Walter in eine Depression stürzt. Theres lebt für ihre Überraschungseier-Sammlung, das tägliche Öffnen von sorgfältig ausgewählten Eiern scheint ihr Highlight zu sein.
Doch als Edna, eine ältere Dame, ehemals Lokführerin, Manu auf dem Dach des Hauses oberhalb von Marens Wohnung entdeckt und die Polizei informiert, ist auf dem Marktplatz – und plötzlich auch im Laden - die Hölle los. Felix wird zu dem Einsatz gerufen, er soll mit der jungen Frau verhandeln. Die Polizei reagiert über, anstatt den Platz zu räumen, taucht sogar das Fernsehen auf, Schaulustige versammeln sich, drehen Filme.
Unter ihnen die Jugendliche Winnie, die aufgrund der Tatsache, dass sie nicht dem gängigen Schlankheitsideal entspricht, in ihrer Klasse ausgegrenzt wird. Der Handlungsfaden um Winnie und ihrer Widersacherin Salome gehört zu den wenigen, die ich nicht so überzeugend fand. Auch das Verhalten von Manus Schwester Astrid, die gerade als Bürgermeisterin von Freiburg kandidiert, ist wenig glaubwürdig. Da bedient sich die Autorin einiger Klischees, ebenso bei der Darstellung des italienischen Designers, ein Handlungsstrang, auf den ich hätte verzichten können.
Allerdings haben diese Szenen auch komische, fast schon satirische Elemente, die jedoch in meinen Augen nicht ganz stimmig zu den sehr ernsten sind.
Doch auf den „schwächeren“ Mittelteil des Romans folgt der „zweite Tag“ und es kommt zu einigen überraschenden Wendungen sowie Einblicken in die Vergangenheit der Figuren, die erklären, warum sie in dieser Situation so reagiert haben.
Die Ausnahmesituation um Manu zeigt, wie ein einzelnes Ereignis, viele Personen beeinflusst, manche sogar so sehr, dass ihr Leben eine neue Wendung erfährt. Wie ein Stein, der ins Wasser fällt und seine Kreise zieht.
Beeindruckt hat mich auch die Sprache des Romans, so dass ich ihn trotz einiger Szenen, die mir weniger gut gefallen haben, gerne weiter empfehlen werde.

Samstag, 7. September 2019

Mick Herron: Dead Lions

- der 2.Fall für Jackson Lamb und seine Slow Horses.

Leserunde auf whatchaReadin

Der vorliegende Agententhriller ist die Fortsetzung von "Slow Horses", das sind ausgemusterte Agent*innen des MI5, die aufgrund eines kapitalen Fehlers oder Fehlverhaltens ihre Tage in Slough House, einem heruntergekommen Bürogebäude fristen. Da sie nicht gekündigt werden können, sollen sie vor Langeweile "umkommen", so dass sie von selbst den Dienst quittieren. Sie erstellen Statistiken, werten Fotos aus, kurz: es sind Arbeiten, vor denen man weglaufen möchte.

An der Spitze steht der unsympathisch wirkende Jackson Lamb, der seine Mitarbeiter*innen wie Fußabtreter behandelt, ungehemmt furzt, wenn sie in seinem Büro sind, doch wenn es hart auf hart kommt, setzt er sich für sie ein - so ist es zumindest im ersten Teil. Ist er immer noch loyal?

Zu den altbekannten Gesichtern, die im ersten Kapitel erzähltechnisch clever von einer fiktiven Katze vorgestellt werden, die durch die Räume des Slough House streift, gehören:

- Catherine Standish, die ehemalige "Moneypenny" des Secret Service Chefs, trockene Alkoholikerin,
- Min Harper, der einen wichtigen Datenträger in der U-Bahn hat liegen lassen,
- Louisa Guy, die eine Zielperson aus den Augen verloren hat,
- Roderick Ho, Computer-Genie, der nicht weiß, warum er abgeschoben wurde,
- River Cartwright, der aufgrund einer Intrige dorthin geraten ist - dank James Webb, der Spinne - und  dessen Großvater einst eine wichtige Rolle beim MI5 gespielt hat - auch in diesem Fall versorgt er ihn mit relevanten Informationen.

Die Neuen sind Shirly Dander und Marcus Longridge, die sich ein Büro teilen und einander argwöhnisch betrachten, da es heißt, Diana Taverner, die Vizechefin des MI5, habe einen Maulwurf bei den Slow Horses untergebracht.

Der Fall
Der einstige Agent Dickie Bow stößt zufällig in London auf einen ehemaligen russischen Agenten, der ihn während des Kalten Krieges in Berlin entführt hat. Während der Verfolgung wird er getötet, hinterlässt jedoch im Sitz eines Busses ein Handy, dessen Botschaft "Cicadas" (66) lautet. Jene Nachricht findet Jackson Lamb, der mit Bow gemeinsam in Berlin gewesen ist und nicht daran glaubt, dass er an einem Herzanfall bzw. an den Folgen seiner Alkoholsucht gestorben ist.
Zikaden können sehr lange unter der Erde bleiben, bis sie plötzlich erwachen und dann zu singen beginnen. Ist der Code eine Hinweis auf sogenannten Schläfer - auf Agenten, die immer noch im Dienst des russischen Geheimdienstes stehen und auf ihr Aufwachen warten? Zumindest gab es eine Legende, die genau das besagt, allerdings ging man beim MI5 davon aus, dass es genau das ist - eine Legende, dass dieses Netzwerk aus Zikaden nicht existiert und deren Kopf ebenso wenig.

Zeitgleich werden Louisa und Min, die inzwischen ein Liebespaar sind, von James Webb aquiriert - sie sollen Babysitter für einen russischen Oligarchen spielen, der nach London kommt und mit dem wichtige Geschäfte anstehen. Oder verfolgt Webb andere Ziele und die Slow Horses sind sein Notnagel, falls es schief geht?

Wie hängen die beiden Handlungsstränge miteinander zusammen? Und welche Rolle spielt das kleine englische Dorf Upshott, in das Jackson Lamb River Cartwright schickt, da dort der russische Agent zuletzt gesehen wurde?

Ein spannender Fall mit außergewöhnlichen Anti-Helden, die - sieht man von Lamb ab - durchaus sympathisch sind! Permanent muss man beim Lesen die eigenen Vermutungen revidieren, Erwartungen werden nicht erfüllt, unerwartete Wendungen überraschen. Das Ende ist furios und ich konnte den Roman nicht mehr aus der Hand legen, bis alle Puzzleteile an ihren Platz gefallen sind. Beste Unterhaltung, ich freue mich schon auf die Fortsetzung.

Vielen Dank dem Diogenes-Verlag für das Rezensionsexemplar.

Sonntag, 21. Juli 2019

Ian McEwan: Saturday

- ein Tag im Leben des Henry Perowne


Der Roman beschreibt einen Tag (!) im Leben des Neurochirurgen Henry Perowne, der nachts aufwacht und Himmel ein brennendes Flugzeug sieht. Das erinnert ihn an 9/11 - ein Ereignis, das 1 1/2 Jahre zurückliegt und von dem Perowne glaubt, es wirke sich noch 100 Jahre auf die westliche Zivilisation aus. Die Handlung spielt am 15.2.2003 in London, an dem Tag demonstrierten 700.000 Menschen gegen die Irak-Politik der USA und Großbritanniens. Auch Perowne selbst diskutiert mehrfach im Verlauf dieses Tages mit mehreren Personen über den bevorstehenden Krieg. Er selbst möchte ein Ende der Diktatur Saddams, da er einen irakischen Intellektuellen operiert hat, der im Gefängnis gewesen ist und ihm vom terroristischen Regime erzählt hat. Perownes Sohn ist eher indifferent eingestellt, er ist ein begnadeter Bluesmusiker, der sich ganz der Musik widmet.
Henrys Frau Rosalind arbeitet als Anwältin bei einer Zeitung, seine Tochter Daisy, die an diesem Tag zu Besuch kommen wird, hat gerade ihren ersten Lyrikband herausgebracht. Erwartet wird auch Rosalinds Vater - John Grammaticus, ebenfalls ein bedeutender Lyriker - und Henry besucht seine demente Mutter im Altenheim. All diese Ereignisse bieten Anlässe zu Erinnerungen und Rückblicken Henrys, aus dessen personaler Perspektive der Roman oft zeitdehnend geschildert wird.
Als er auf dem Weg zum samstäglichen Squash-Spiel mit einem befreundeten Anästhesisten ist, fährt er jemandem, der nicht mit einem Auto in der gesperrten Straße gerechnet hat, den Spiegel ab. Es kommt zu einer verbalen Auseinandersetzung mit dem Verbrecher (?) Baxter, die weitere Auswirkungen auf Henrys Tag haben wird.


Ein meisterhafter Roman, der zeigt, wie winzige Ereignisse unser Leben entscheidend prägen können, und der die familiären Strukturen der Familie ebenso messerscharf seziert wie die politische Lage - auch medizinisch bietet der Roman tiefe Einblicke (an einigen Stellen zu detailliert ;) ) in die Arbeit des Neurochirurgen Perownes, der sich auf Hirnchirurgie spezialisiert hat.

Donnerstag, 30. Mai 2019

Ian McEwan: Maschinen wie ich

Kann Bewusstsein aus dem Wesen der Materie entspringen?

Leserunde auf WhatchaReadin


McEwan beschäftigt sich in seinem neuen Roman mit der Künstlichen Intelligenz und entwirft ein Szenario, in dem Roboter - Androiden - käuflich zu erwerben sind. Charlie, ein Lebenskünstler und Anfang 30, entscheidet sich das Geld, das er von seiner Mutter geerbt hat, in solch einen "Adam" zu investieren - die Eves waren schon ausverkauft ;)

Die Geschichte spielt im Jahr 1982, allerdings in einer Welt, die sich anders entwickelt hat, als wir sie aus der Vergangenheit kennen.

"Die Gegenwart ist ein unwahrscheinliches, unendlich fragiles Konstrukt. Es hätte anders kommen können. Etwas oder alles könnte auch ganz anders sein." (92)

Mit dieser Idee "spielt" McEwan, indem er den genialen Mathematiker und Vorreiter der modernen Informationstechnologie Alan Turing weiterleben lässt. Dank dessen bahnbrechenden Erfindungen gibt es im Jahr 1982 schon soziale Medien, selbstfahrende Autos und auch Androiden.

"Praktischer gedacht wollten wir eine verbesserte, modernere Version unserer selbst schaffen und die Freuden des Erfindens genießen, das Hochgefühl wahrer Meisterschaft." (9)

Nebenbei haben sich die Beatles wiedergefunden und Großbritannien hat den Falkland-Krieg verloren, was zu innenpolitischer Destabilisierung führt.

Im Vordergrund stehen jedoch die Beziehungen zwischen Charlie, aus dessen Ich-Perspektive erzählt wird, Adam und Miranda, Charlies Nachbarin, in die er sich verliebt und die seine Lebenspartnerin wird.
Nachdem Charlie Adam abgeholt hat, muss er zunächst aufgeladen und konfiguriert werden, d.h. Charlie muss "[s]einen Gefährten selbst formen." (17) Er bezieht Miranda mit ein und stellt sich vor, Adam sei ihr gemeinsames Projekt.

"Ich würde ihn mit Miranda teilen - wie ich ein Haus mit ihr hätte teilen können. Er würde uns beide in sich enthalten." (38)

Das Experiment misslingt insofern, da Charlie der Erste ist, "der von einem Androiden gehörnt wurde." (118) Miranda "betrügt" ihn mit einer Maschine, die sich anschließend in sie verliebt.

Ist Adam überhaupt noch eine Maschine? In der Diskussion zwischen Miranda und Charlie - Adam haben beide vorsorglich abgeschaltet - gibt er zu Bedenken:

"wenn er aussieht, sich anhört und benimmt wie ein Mensch, dann ist er für mich auch einer." (132)

Die Grenzen verschwimmen auch für die Leser*innen, da Adam behauptet, er habe sich in Miranda verliebt und spätestens, wenn er beginnt für sie Haikus zu schreiben, drängt sich die Frage auf, ob Adam ein Selbst, ein Bewusstsein hat und ob es möglich ist, dass maschinelles Lernen Androiden dazu befähigt, wie ein Mensch zu fühlen.

Doch der Roman beschränkt sich nicht auf philosophische und moralische Fragen zur Künstlichen Intelligenz, sondern erzählt auch eine Geschichte. Da Adam unbegrenzt (!) Zugang zu Informationen hat, erfährt Charlie, dass Miranda in ein Gerichtsverfahren verwickelt gewesen ist, Adam will ihm jedoch nichts Näheres verraten.

Eine weitere Figur, die im Roman eine Rolle spielt, ist der kleine Mark. Ein vierjähriger Junge aus einer sozial schwachen Familie, den Charlie auf dem Spielplatz vor den Schlägen seiner Mutter beschützt und dessen Vater Charlie auffordert, Mark einfach mitzunehmen. Eines Tages steht der Kleine tatsächlich vor der Tür. Was soll Charlie nun tun?

Die verschiedenen Handlungsfäden weben sich zu einem Ganzen zusammen, so dass ich die Kritik,  das Literarische komme zu kurz, nicht nachvollziehen kann. Die Geschichte trägt und aufgrund der vielen existentiellen, moralischen und philosophischen Fragen hallt dieser Roman noch lange nach.

Einige davon schwirren immer noch in meinem Kopf herum:

  • Die Androiden basieren auf einer Software, die "das Beste in uns heraufbeschwor" (122), aus dem Durchspielen moralischer Dilemmeta lernen sie und verhalten sich gut - moralisch besser als wir Menschen. Damit sind sie für das Leben unter Menschen schlecht gerüstet.

"Wenn wir unser eigenes Innerstes nicht begreifen, wie sollten wir da ihres gestalten und erwaten, das sie mit uns glücklich werden?" (395)
  • Darf Charlie Adam wie einen Sklaven behandeln, weil er ihn gekauft hat? Wenn er so etwas wie ein Selbst entwickelt, ist er dann noch eine Maschine?

"Liebe war ohne ein Selbst nicht möglich, genausowenig Denken. (...) Was Adam und seinesgleichen ans subjektivem Leben besaßen, konnte unsereins nicht verifizieren." (223)
  • Im offenen System leben agieren die Androiden nicht mehr nach der Trial-and-Error-Methode, sondern sie können Probleme im Vorhinein lösen (ehrlich gesagt, habe ich das mit dem P - NP-Problems nicht verstanden ;) ), ähneln in ihrer Intelligenz uns Menschen, sind aber dem kindlichen Spiel unterlegen, da Kinder intuitiv und kreativ die Welt erkunden. Könnte man einen Computer so programmieren, dass er die Welt wie ein Kind erfasst?


  • Während wir Menschen uns an Leid gewöhnt haben - trotz drohender Klimakatastrophe, Armut, Hunger und Krieg sind wir in der Lage persönliches Glück zu empfinden - können sich die Androiden, die darauf programmiert sind, sich moralisch richtig und gut zu verhalten, nicht damit abfinden. "Aber in all ihren tollen Programmcodes gibt es nichts, was Adam und Eve auf Auschwitz vorbereiten könnte." (243) Sind die Androiden die bessern Menschen und lösen uns irgendwann ab? Adams Meinung wird eindeutig in seinem selbst verfassten Haiku deutlich:
"Die Blätter fallen
Nächsten Mai sprießen wir neu
Doch du fielest schon." (370)

Für mich bisher der beste Roman in diesem Jahr!

Vielen Dank dem Diogenes-Verlag für das Leseexemplar.

Dienstag, 30. April 2019

Lukas Hartmann: Der Sänger

"Ein Lied geht um die Welt"

Leserunde auf whatchaReadin

Im September 1942 befindet sich der berühmte jüdische Tenor Joseph Schmidt aus Bukowina, Czernowitz, auf der Flucht. Zu Beginn der Handlung versteckt er sich im Haus von Freunden, im Süden Frankreichs.
Während er am letzten Abend dort die Elegie von Massenet singt, denkt er über seine Situation nach.

"Geliebte hatte er, der Sänger, viele gehabt und sie immer wieder verlassen, wie er nun auch diesen Ort verlassen würde. Nicht um der Einen die Treue zu halten, der Mutter, die starrsinnig in Czernowitz bleiben wollte, sondern dieses Mal, um der Deportation zu entgehen und sein Leben zu retten. Die Deutschen warne unterwegs in Pétains Rumpf-Frankreich und durchsuchten es nach versteckten Juden, sie würden auch nach La Bourboule kommen." (7)

Er hadert damit, dass er, den "man als den deutschen Caruso bejubelt hatte, [...] aus den Blättern und Radiosendern verschwunden, aus Filmen herausgeschnitten [war], die Schallplatten gab es nicht mehr in den Läden. [...] Er wusste, worum es ging: um die Ausrottung des Judentums in Europa." (8-9)

Um den Nationalsozialisten zu entgehen, ist eine Fluchtroute bereits festgelegt, ein Passeur soll ihm gemeinsam mit seiner Geliebten Selma, deren Bruder in der Schweiz lebt, sowie weiteren Flüchtlingen helfen, über die Schweizer Grenze zu gelangen. Schmidts rumänischer Pass ist ungültig, als staatenloser Jude hat er kaum eine Chance legal über die Grenze zu kommen.

"Die Schweiz hatte in den letzten Monaten ihre Abwehrmaßnahmen gegen Flüchtlinge rigoros verstärkt, Juden, erkennbar meist am J im Pass, wurden seit August konsequent zurückgewiesen." (12)

Trotzdem gelingt ihm die Einreise, wenn auch nicht ohne Hindernisse und Umwege. Sein Berühmtheit erleichtert ihm jedoch die Situation nicht - im Gegenteil, es entsteht der Eindruck, dass an ihm eine Art Exempel statuiert werden soll.

"[E]s sei beschlossene Sache, den Deutschen zu zeigen, dass der berühmte Joseph Schmidt gleich behandelt werde wie ein x-beliebiger jüdischer Viehhändler." (231)

Neben der personalen Perspektive aus der Sicht des Sängers Joseph Schmidt sind in die Handlung Aussagen eines Schweizer Doktor der Jurisprudenz in der Eidgenössischen Polizeiabteilung eingefügt, in denen dieser den Versuch unternimmt, die strengen Gesetze des Bundesrates zur Begrenzung des Flüchtlingsstroms mit ökonomischen Argumenten sowie der Bemerkung, man dürfe der Bevölkerung keine Überfremdung zumuten, zu rechtfertigen.

"Die Stimmung gegen Juden hat sich auch bei uns verstärkt. Das war noch anders vor dem Krieg. Nun ducken sich ja alle vor einem möglichen Überraschungsangriff der Wehrmacht." (88)

So erhält der Einzelfall Joseph Schmidt eine politische, allgemeinere Dimension.
Einschübe gibt es auch von einem seiner weiblichen Fans aus der Schweiz. Eine alte Dame, die sich daran erinnert, wie Joseph Schmidt in ihrer Nähe in einem Internierungslager untergebracht wurde und wie sie sich bemüht hat, ihn zu treffen. Diese Schilderungen verleihen dem Roman Authentizität und stellen das, was dem Sänger widerfahren ist, aus einer weiteren Perspektive dar.

Immer wieder werden die Ereignisse der Gegenwart von Erinnerungen des Sängers durchzogen. Ein wiederkehrendes Motiv ist dabei seine große Liebe zur Musik.

"Töne hatten Jossele von klein auf magisch angezogen, auch die Stimmen von Tieren, die er bald nachzuahmen versuchte, so wie er im Bethaus schon mit drei, vier Jahren in die gesungenen Gebete einstimmte, oft zum Verdruss des Vorsängers. Vom Singen ließ er sich nicht abhalten (...) " (19)

Der Musik ordnet er alles unter, auch seine Rolle als Vater. Er hat einen 7-jährigen Sohn, Otto, Lotte, dessen Mutter reist ihm nach, bittet ihn um Geld und um eine legale Verbindung. Doch er weist sie zurück.

"Aber die Vaterrolle im Ernst übernehmen, das konnte er nicht, er reiste zu viel herum." (21)

Zudem liebt er sein unstetes Leben, hat Geliebte, gibt sein Geld freigiebig aus, er ist ein "Bonvivant" (15), dessen Konstante im Leben die Mutter zu sein scheint. An sie, die inzwischen im Ghetto in Czernowitz ist, denkt er besonders oft. Sie, die ihn - im Gegensatz zum Vater - in seiner Liebe zur Musik unterstützt und durchgesetzt hat, dass er Sänger werden konnte.

Der Roman bringt den Leser*innen die etwas eigensinnige Person Joseph Schmidt näher, der unter seiner Größe (1,54 m) gelitten hat und dessen schwieriges Verhältnis zum Vater eine Ursache dafür sein kann, dass er selbst seine Vaterrolle nicht ausfüllen konnte.

Gleichzeitig stellt er die in der Schweiz während des 2.Weltkrieges herrschende Flüchtlingspolitik gegenüber den Juden dar. Die Parallelen zur heutigen Zeit scheinen nicht zufällig zu sein, das ist auch der Tenor in der Leserunde.

Doch Hartmann klagt nicht nur an, sondern erzählt auch von Menschen, die Schmidt geholfen und sich der offiziellen Politik widersetzt haben, und somit als positives Beispiel gelten können.
Ein lesenswerter Roman gegen das Vergessen!

Ein Dankeschön an den Diogenes-Verlag für das Rezensionsexemplar.