{"id":96,"date":"2013-11-28T12:54:06","date_gmt":"2013-11-28T11:54:06","guid":{"rendered":"http:\/\/psych.hypotheses.org\/?p=96"},"modified":"2013-12-06T15:34:08","modified_gmt":"2013-12-06T14:34:08","slug":"psychologie-als-sozialwissenschaft-wie-psychologen-erkenntnisse-gewinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/psych.hypotheses.org\/96","title":{"rendered":"Psychologie als SozialWissenschaft &#8211; wie Psychologen Erkenntnisse gewinnen"},"content":{"rendered":"<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Juwelen der Psychologie 2: Was und wie macht Psychologie eigentlich? + Halo-Effekt\" width=\"584\" height=\"329\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/pEwN_4z4QSw?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Jedes Fach hat seine Stereotype. Und auch wenn ich als Psychologe versucht bin darauf hinzuweisen, dass die Unterschiedlichkeit innerhalb von Gruppen im Vergleich zur Unterschiedlichkeit zwischen Gruppen in vielen F\u00e4llen gr\u00f6\u00dfer ist als man meint, <!--more-->so ist es doch kaum bestreitbar, dass sich mir beim Betreten der Juristen-Mensa ein anderes Bild darbietet als beim Betreten der Philosophen-Mensa. Jedoch werden mir wohl viele PsychologInnen darin zustimmen, dass es kaum einen anderen (angestrebten) Berufsstand gibt, dessen Nennung von Anderen als derart intrusiv, als so unter die Haut gehend empfunden wird wie unserer. Der Satz \u201cIch bin Psychologe\u201d scheint oft eine Art mentaler Nacktheit hervorzurufen; Menschen f\u00fchlen sich bis ins Innerste durchschaut und fangen an, ihr Verhalten doppelt und dreifach zu hinterfragen. Es hilft dabei nicht, wenn in Filmen eine gr\u00fcndliche psychologische Untersuchung ausreicht, um das Verhalten eines Menschen in belastenden Situationen punktgenau vorherzusagen (wie z. B. in \u2018The Game\u2019).<\/p>\n<p>Psychologie ist die Lehre vom Erleben und Verhalten. Sie besch\u00e4ftigt sich mit innerpsychischen Vorg\u00e4ngen. Dazu geh\u00f6ren k\u00f6rperliche, geistige und emotionale Prozesse. Sie untersucht Unterschiede zwischen Menschen auf jeder dieser Ebenen. Und sie erforscht die Wechselwirkungen von Individuum und Umgebung \u2013 Beziehungen, Gruppenprozesse, Mensch-Maschine-Interaktion und vieles mehr. Die zeitliche und r\u00e4umliche Aufl\u00f6sung rangiert dabei von internationalen Langzeitstudien \u00fcber die gesamte Lebensspanne bis hin zu im Labor dokumentierten biologischen Ereignissen, die nur winzige Sekundenbruchteile in Anspruch nehmen. So breitgef\u00e4chert das Fach ist, so vielf\u00e4ltig sind auch die psychologischen Berufe. Psychologen sind in Beratungsstellen und Kliniken, in der Uni und im Labor, vor dem PC mit einem Statistikproblem, in der Schule als Fortbildungsleiter, in der Wirtschaft als Personalmanager, in der Marktforschung und als Werbefachmann, im Gerichtssaal und im Ma\u00dfregelvollzug sowie als Testentwickler und -anwender t\u00e4tig. Gemeinsam ist all diesen Menschen nur eins: das Studium der Psychologie.<\/p>\n<p>Und durch diese akademische Ausbildung zieht sich der rote Faden der Wissenschaftlichkeit. Mit derselben rigorosen Methodik, die Physiker auf die Erforschung von Naturph\u00e4nomenen anwenden, erkunden Psychologen alles Menschliche. Ob der Forschungsgegenstand die Liebe ist, das lebenslange Lernen oder der Wertewandel nach der Einf\u00fchrung von Smartphones \u2013 grundlegend ist die F\u00e4higkeit, auf interessante Fragen sinnvolle Antworten zu finden. Da die Welt voller wundersamer Komplexit\u00e4t ist und wir Menschen vor Neugier nur so \u00fcberquellen, gibt es interessante Fragen wie Sand am Meer. Bei der Entscheidung, welche Antworten sinnvoll sind und welche nicht, legen Psychologen die Kriterien an, die in der wissenschaftlichen Methode beschrieben sind. Diese Kriterien unterscheiden sich kaum von denen, die wir auch im Alltag verwenden, wenn wir etwas herausfinden wollen, mit einer Ausnahme: Im Alltag sind wir nicht nur darauf bedacht, die Welt so gut wie m\u00f6glich zu verstehen, sondern wir wollen uns auch gut f\u00fchlen und unser Selbstbild bewahren. Und manchmal triumphiert unser Bed\u00fcrfnis nach Selbstwert \u00fcber unsere Neugier und wir behalten auch im Angesicht guter Hinweise f\u00fcr eine schl\u00fcssigere Alternative eine \u00fcberholte, aber bequemere Sicht der Dinge bei. Wissenschaft l\u00e4sst sich verstehen als der gesellschaftliche Zweig, der sich der Neugier verschrieben hat und \u2018um jeden Preis\u2019 rauskriegen will, wie die Welt tats\u00e4chlich beschaffen ist.<\/p>\n<p>Als sinnvoll betrachten Wissenschaftler solche Aussagen \u00fcber die Welt, die Ergebnis eines Prozesses sind, der auf den Prinzipien der Logik, der Systematik und der Falsifikation beruht. Kurze Randnotiz: Ungeachtet der Prinzipien und ihrer Bedeutung ist es allein schon eine kulturelle Errungenschaft, sich bei der Beurteilung von Aussagen den dahinterstehenden Prozess anzusehen. Der Schritt von der Frage \u201cWer hat das gesagt?\u201d hin zu der Frage \u201cWie kommt dieser Jemand dazu, das zu sagen?\u201d ist ein Schritt weg von Autorit\u00e4tsh\u00f6rigkeit und hin zu einer differenzierteren Weltsicht. Dieser Perspektivwechsel hat in der Aussagepsychologie bspw. dazu gef\u00fchrt, dass heute nicht mehr wie fr\u00fcher die Glaub<i>w\u00fcrdigkeit<\/i> eines Zeugen, sondern die Glaub<i>haftigkeit<\/i> einzelner Aussagen untersucht wird. Die Worte eines Arztes oder Polizisten haben somit vor Gericht nicht von vornherein ein gr\u00f6\u00dferes Gewicht als die Worte eines heroinabh\u00e4ngigen Obdachlosen.<\/p>\n<p><strong>Logik<\/strong><\/p>\n<p>Logik besch\u00e4ftigt sich mit Schlussfolgerungen. Beispiel:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px\">Wenn es regnet, ist die Stra\u00dfe nass.<br \/>\nDie Stra\u00dfe ist nass.<br \/>\nKann ich daraus schlie\u00dfen, dass es regnet?<\/p>\n<p>Nein, denn es kann ja auch sein, dass die Kinder von nebenan mit dem Gartenschlauch spielen oder dass es gestern geschneit hat und heute wieder w\u00e4rmer ist oder dass eine Kuhherde sich auf der Stra\u00dfe erleichtert hat. Aber was ist mit der n\u00e4chsten Schlussfolgerung:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px\">Nur dann, wenn es regnet, ist die Stra\u00dfe nass.<br \/>\nDie Stra\u00dfe ist nass.<br \/>\nKann ich nun schlie\u00dfen, dass es regnet?<\/p>\n<p>Ja. Ich wei\u00df zwar immer noch, dass Stra\u00dfenn\u00e4sse auch andere Ursachen haben kann als Regen, aber f\u00fcr die Beurteilung der Schlossfolgerung brauche ich ausschlie\u00dflich die beiden S\u00e4tze und kein inhaltliches Hintergrundwissen zu Regen, N\u00e4sse und Stra\u00dfen. Tats\u00e4chlich ist es ebendieses Hintergrundwissen, diese assoziative F\u00fclle von Begrifflichkeiten, die eine Besch\u00e4ftigung mit der formalen Logik erst notwendig macht. Hier noch ein drittes Beispiel, das die Entkoppelung vom Inhalt noch deutlicher macht:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px\">Einige Frauen sind M\u00e4nner.<br \/>\nEinige M\u00e4nner haben Milchdr\u00fcsen.<br \/>\nKann ich schlussfolgern, dass einige Frauen Milchdr\u00fcsen haben?<\/p>\n<p>Die Antwort ist nein. Und der springende Punkt ist, dass wir es gewohnt sind, neben einem gewissen Ma\u00df an logischer Stimmigkeit auch unser allt\u00e4gliches Hintergrundwissen bei der Beurteilung von Aussagen mit hineinspielen zu lassen. Und dieses Hintergrundwissen besteht nicht nur aus gut begr\u00fcndeten, empirisch pr\u00fcfbaren Fakten, sondern auch aus unreflektierten dogmatischen Weltanschauungen. Dies trifft in besonderem Ma\u00dfe auf die Psychologie zu, weil jeder Mensch eine \u00fcber das Leben gewachsene Meinung dazu hat, wie seine eigene Psyche funktioniert, welche Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten das soziale Miteinander ausmachen und wie andere Menschen ticken. Als Forscher darf ich jedoch nur den Teil meines Hintergrundwissens verwenden, den jeder Interessierte \u00fcberpr\u00fcfen kann. Somit erfordert der wissenschaftliche Erkenntnisgewinnungsprozess bei jedem gedanklichen Schritt erneut eine \u00dcberwindung meiner egozentrischen Perspektive und eine R\u00fcckbesinnung darauf, was die Realit\u00e4t tats\u00e4chlich hergibt und was ich daraus mit Sicherheit schlie\u00dfen kann.<\/p>\n<p><strong>Systematik<\/strong><\/p>\n<p>Systematik meint im Gegensatz zu wildem Rumstochern das gezielte Beobachten. Wenn ich bspw. mein Handy verloren habe, suche ich nicht wahllos die ganze Stadt ab, sondern \u00fcberlege, wann ich es zuletzt in der Hand hatte und wo ich seitdem gewesen bin. Ich grenze die Suche stark ein, so dass ich am Ende ganz gezielt zuerst einen Freund anrufe und frage, ob er mal auf der rechten H\u00e4lfte seiner Wohnzimmercouch nachsehen kann und, falls er nichts entdeckt, das Fundb\u00fcro der Bibliothek kontaktiere. Systematisch vorzugehen bedeutet au\u00dferdem, alle Alternativerkl\u00e4rungen im Blick zu haben. Eine Zeugenaussage z. B. kann nicht nur entweder wahr oder gelogen sein. Sie kann auch durch Autosuggestion (sich selbst etwas einreden) oder Fremdsuggestion (z. B. Suggestivfragen) entstanden sein.<\/p>\n<p><strong>Falsifikation<\/strong><\/p>\n<p>Falsifikation ist dasjenige der drei Prinzipien, das einen stetigen Kontakt zur Realit\u00e4t gebietet. Es kann auch solche Gedankengebilde\/Theorien geben, die in sich logisch und systematisch aufgebaut sind und die gleichzeitig jedoch keinerlei Bezug zu einer Wirklichkeit haben, an der mehrere Menschen teilhaben k\u00f6nnen. Solchen Luftschl\u00f6ssern wohnt eine Eigenschaft inne, die allen Theorien fehlt, mit denen Wissenschaftler sich besch\u00e4ftigen: Sie k\u00f6nnen nicht widerlegt werden. Die Abbildung unten zeigt ein erfundenes Beispiel f\u00fcr eine schlechte Theorie, in der jede Kindheitserfahrung zu einer Neurose f\u00fchren kann, die sich wiederum in ganz unterschiedlichen Formen manifestieren kann. Wenn alles mit allem erkl\u00e4rt werden kann, hat man nichts gewonnen. Gute Theorien unterstellen (\u201cHypothese\u201d w\u00f6rtlich) der Wirklichkeit konkrete Funktionsweisen oder Zusammenh\u00e4nge. Je pr\u00e4ziser die Vorhersagen sind, die sich aus ihr ableiten lassen, umso brauchbarer ist die Theorie, denn pr\u00e4zise Prognosen lassen sich leicht \u00fcberpr\u00fcfen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/psych.hypotheses.org\/files\/2013\/11\/schlechte-Theorie.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"style=  aligncenter\" style=\"border-style: none;border-width: 0px\" alt=\"schlechte Theorie\" src=\"http:\/\/psych.hypotheses.org\/files\/2013\/11\/schlechte-Theorie.png\" width=\"624\" height=\"461\" \/><\/a>Falsifikation bedeutet nun, dass Wissenschaftler stets auf der Suche nach Hinweisen sind, die Modelle von der Welt als <i>falsch<\/i> entlarven. Sie schauen sich eine Theorie genau an und sagen dann: \u201cOk. Wenn es stimmt, dass Raben schwarz sind, dann m\u00fcsste ich ja, wenn ich in der Stadt einem Raben begegne, sehen k\u00f6nnen, dass er schwarz ist.\u201d Wenn eine theoriegeleitete, gezielte Beobachtung nicht mit der Vorhersage \u00fcbereinstimmt, wird die Theorie verworfen. Wenn das Vorhergesagte sich tats\u00e4chlich beobachten l\u00e4sst, ist die Theorie jedoch noch immer nicht \u2018wahr\u2019. Wahr w\u00e4re die Raben-sind-schwarz-Hypothese nur dann, wenn wir alle Raben im gesamten Universum beobachten w\u00fcrden und sie allesamt schwarz w\u00e4ren. Das ist leider wenig praktikabel. Statt dessen f\u00fchrt die Suche nach Beweisen daf\u00fcr, dass Theorien falsch sind, zu einem Prozess des Aussiebens, in dem schlechte Theorien ausgesondert werden und in dem diejenigen Modelle \u00fcbrig bleiben, die zwar auch nicht \u2018richtig\u2019, aber dennoch so nah an der Realit\u00e4t sind wie heute m\u00f6glich. Diese der \u00dcberpr\u00fcfung standhaltenden Modelle beschreiben die Welt dann in der Regel so zutreffend, dass wir sie benutzen k\u00f6nnen, um uns das Leben zu erleichtern, z. B. in Form neuer Technologien oder effizienterer Heilmethoden.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Psychologen \u2013 fernab jeder gedankenlesenden oder sonstigen \u00fcbernat\u00fcrlichen menschenkennenden Unternehmung \u2013 besch\u00e4ftigen sich mit dem Erleben und Verhalten von Lebewesen. Neue Erkenntnisse \u00fcber die psychische Welt erlangen sie auf wissenschaftliche Art und Weise, d. h. sie stellen schl\u00fcssige Vermutungen \u00fcber Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten an und unterziehen diese dann einer Reihe von systematischen Realit\u00e4ts-Checks.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jedes Fach hat seine Stereotype. 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