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Samstag, 18. Mai 2019

Wochend-Aufräumarbeiten

Zwischendurch hab ich wirklich den Eindruck, reif für die Klinik oder mehr Therapie zu sein. Durch die Woche schleppe ich mich mit 'Augen zu und durch' aka 'Arbeiten'. Sobald der Druck von der Arbeitswoche weg ist, gehts mir schlechter.

Ich erlebe Krisen, in einer Art, wie ich sie nie hatte. Alles wechselt sich rapide ab. Ein heftiges Auf und Ab im Fünfminutentakt. Zwischen Glück und Elend hin und her. Ich spüre Stärke und ich spüre Schwäche, beides deutlichst, innere Aufruhr, fühle mich Abgekämpft. Beängstigendes mentales Kasperletheater aus Ängsten und Selbstabwertung. Heute hat mir erst die Einnahme von Bachblüten wieder mehr Halt gegeben. Diese nützen mir. Habs zu lang vergessen gehabt, sie zu nehmen.

Heute hatte ich einige Klarheitsmomente, was genau mich so stresst. Plötzlich hatte ich es! Da gab es einen Vorfall bei der Arbeit diese Woche, der mich sehr empört hat. Jemand war recht dreist, von dem ich es nicht erwartet hab. Das war Druck aus einer Ecke, aus der ich ihn nicht erwartet habe. Es war nur ein Detail, aber mir wurde mein Handlangerstatus (und der meines Teams) schön vor Augen geführt.

Dieses Regierenmüssen auf Kundenwünsche setzt mir zu. Alle unsere Kunden sind kleine Könige -- und manche nutzen das (aus).

Die Empörung hab ich runtergewürgt. Die Arbeit musste ich nicht machen, es hat sich herausgestellt, dass die Kundin eigentlich wusste, dass es ihr Job ist. Wir das gar nicht machen können. Aber sie wurde von ihrer Chefin angestiftet, das Ganze uns unterzuschieben. Nett. Wo bei uns grade alles überläuft.

Bei mir kommt gerade viel alter Scheiss hoch. Und Momente wie dieser lösen es aus. Ich drücke es weg. Aber es ploppt eben wieder hoch.

Zuvorkommend wie ich bin, will ich alles recht machen. Doch wenn alle gleichzeitig Plärren und 'Hier, ich zuerst' Schreien, dann ist bei mir Land unter. Das kann niemand leisten.

Über die Jahre habe ich mir angewöhnt, den Stress wegzudrücken und halt zu machen was geht. Die Auslöser bleiben natürlich. Und das Reagieren darauf auch.

Nicht bei allem gelingt mir, es ordentlich aufzufangen, die Nerven sind schon lange angespannt. Und nun ... ist es eine echte Zitterpartie geworden.

Die Mechanismen werden mir klarer. 'Verstanden' ist halt nicht gleich 'Umgesetzt'. Es braucht Geduld und viel Selbstliebe. Ich setz mich auf meine Art durch. Aufgeben und ins Schneckenhaus zurück, will ich nicht mehr. Es gibt auf dieser Welt auch Platz für mich. Weil ich es wert bin. Einfach weil es mich gibt. Ich bin da. Und ich bleibe da.

Donnerstag, 4. August 2016

Traurigkeit



Ich weiss nicht genau, welchen Moment sie genutzt hat, um einzutreten, nun ist sie da. Die Trauer.

Ich lebe nicht das Leben, das ich gerne leben möchte. Was mich gerade schmerzt. Es fühlt sich stumpf und abgenutzt an. Und ich weiss, dass ich das JETZT ändern muss, beginnen muss, das zu ändern. Weil es sonst weiter runter geht.

Ich will mein Leben nicht ewig auf "später" verschieben (wenn ich noch "stabiler" bin etc. haha) und immer vernünftig sein (ja nur nicht übertreiben), stets mit allem und jedem Mass halten, nur weil ich ein paar seelische Handicaps habe. Ich verzichte bereits auf genügend Dinge/Events/Aktivitäten, weil ich weiss, dass diese mir schaden oder die Zeit bei mir noch nicht reif ist dafür.

Die seelischen Handicaps/Altlasten schränken mich zwar ein, doch ich will mich trotzdem nicht aufhalten lassen. Ich möchte mich endlich wieder mal richtig lebendig fühlen. Mit der Vergleicherei (mit anderen in meinem Alter) aufhören. Und mich an meinem Können freuen, dass definitiv da ist und ausgebaut werden will.

Trotz all meinen Ängsten möchte ich jetzt endlich auch auf der beruflichen Ebene mehr Zufriedenheit erreichen. Ich habe den Eindruck, unter meinen Niveau zu leben. Nicht vom Finanziellen her, sondern von den Inhalten, mit denen ich mich beschäftige. Das ist nicht meins. Definitiv nicht mehr. Gewogen und für zu leicht befunden!

Ein lauwarmes Leben, ein halbwarmes Gefühl. Mein Blog habe ich damit nicht behelligt, da ich es mit mir selber ausmachen wollte -- und nicht in der relativen (Welt-)Öffentlichkeit des Blogs.

Nun drängt es mich aber, es auch hier festzuhalten. Auch aus dem Grund, dass ich es dann nicht mehr übersehen kann und ich mich "geoutet" habe ;)

Habe in den letzten Jahren das meiste in meinem Leben der Balance untergeordent (fit und stabil genug bleiben, Schlafen, Essen, Arbeiten, Urlaub) und der Vernunft. Und jetzt sehne ich mich nach den roten Schuhen*. Den selbstgemachten bitteschön. Das Verlangen nach Exzessen hält sich inzwischen in Grenzen. Ich mag es inwzischen, das Leben wachsen selber zu lassen -- statt nur nach den roten Früchten zu greifen.

Warum halte ich es dann unter Verschluss?!
Warum halte ich mich selber unter dem Deckel ...
... Seufz ...

Für mich kommt es auch nicht überraschend, dass dieses Leben wie ich es führe, jetzt auf dem Prüfstand steht. Dezent hat sich das schon länger abgezeichnet. Gewusst habe ich es auch, dass so ein "normales" Arbeitsleben für mich eben nicht ausreicht, mich nicht ausfüllt. Da muss Leben in der Bude sein! Da muss es doch mehr geben als das tägliche Bild in Grautönen und Pastell ..

Das letzte Mal, dass ich mich wirklich freu und gut gefühlt hab, war mit meiner alten Schulfreundin, als wir vor einiger Zeit klönend im Gras lagen. Oder als ich mit anderen Zeit verbracht habe.

Mit anderen etwas erreichen, das wünsche ich mir.
Mit anderen, die auch lebendig sind!

Habe mich ganz in der täglichen Routine verkrampft. Und wage mich keinen Schritt mehr weiter. Obwohl es Visionen gibt, von einem besseren Leben, einem, in dem ich mehr aus meinen Stärken heraus leben kann.

Was mir eben auch bewusst ist, deutlich bewusst, sind meine Grenzen -- und deshalb schwanke ich. Das stecke ich Neues oder Unvorhergesehenes nicht einfach weg. Da kann mich Kleinstes nachhaltig und hinterhältig erschüttern und verunsichern.

Es ist eben nicht so, dass alles "schon mit der Zeit kommt". Es gibt Bereiche, da konnte ich nichts Stabiles aufbauen bis jetzt, weil die Sicherheit immer wieder wegbricht. Einmal Erreichtes, das an einem schlechten Tag plötzlich unerreichbar wird, mir unter der Händen zerbröselt, als wärs nie dagewesen. Da ist dann wieder Aufbauarbeit gefragt.

"Sie möchte am liebsten immer wieder von vorne anfangen", so hat es einer meiner Lehrmeister liebevoll und wohlmeinend ausgedrückt. Und er hatte recht. Wenn das Selbstvertrauen weg ist, kann ich scheinbar GAR NIX mehr. Black- und Whiteouts treten auf und dann ist da nur noch Rauschen.

Das kann mir jederzeit passieren. Da müssen nur ein paar Auslöser zusammentreffen und dann ist alles weg. (Scheinbar). Blockaden, Ängste und massive Selbstzweifel treten manchmal auch in der Freizeit auf. Das ist nicht mal davon abhängig, wie anspruchsvoll die Tätigkeit ist, mit der ich mich gerade beschäftige. Es ist mehr meine mentaLe Verfassung und die jeweilige Umgebung (inkl. Mitmenschen).

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Die feine Art der Traurigkeit, die stille und doch so grosse Sehnsucht in mir nach "mehr" -- die überraschen mich in ihrer Heftigkeit dann doch. Dass etwas so Feines so stark sein kann. Das ist keine Flucht in Tagträume mehr -- das ist ein ausgewachsener Hunger nach Leben!

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Ich habe, vor lauter Erleichterung darüber, ein Leben wie die anderen zu führen, endlich führen zu können, meine innere Stimme schon länger unterdrückt.

So im Sinne von: Das muss doch jetzt reichen.
Nein tut es eben nicht! Ganz und gar nicht ..

Habe auch verdrängt, dass ich so ein Leben gar nie angestrebt habe. Ich habe gemacht, was ich den Eindruck hatte, was man von mir erwartet.

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Und was erwarte ich eigentlich von mir?!
Kommt da plötzlich eine lustvoll-sinnige Frage aus meinem Innern ...

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Das wäre dann auch eine erste Antwort auf eine der beiden Fragen, die ich mir im vorletzen Post gestellt habe: Was brauche ich auf meinem beruflichen Weg?

Lebendigkeit,
Leben,
Freude!

Ja ...






*Die roten Schuhe -- ein Märchen von Hans Christian Andersen

Samstag, 3. Oktober 2015

Arbeitsintegration -- eigener Druck -- Handicaps -- Arbeit an mir selbst

Freitag, 7. August
An einem Tag wie heute wäre ich früher daheim geblieben. Jetzt bin ich da, bin bei der Arbeit, und versuche das Beste daraus zu machen. Es sind auch meine hohen Ansprüche an mich selbst, die den Druck auslösen. Wenn ich im Kopf keine Klarheit habe, fühle ich mich unsicher. Es hat mit dem alten Gefühl des Ausgeliefertseins zu tun, und mit dem Bedürfnis, mich schützen zu wollen. Aber manches klärt sich eben erst mit der Zeit. Es hilft mir, wenn ich eins nach dem anderen mache, mehr können andere auch nicht tun :)

Diesen Text liess ich unveröffentlicht, bin aber heute wieder darauf gestossen und finde ihn wichtig. Dass ich mir selber den meisten Druck mache, wurde mir erst mit der Zeit klar. Zum Glück ist mir das bewusst geworden. Ich bin heute so stabil und routiniert, dass ich auch die weniger guten Tage bei der Arbeit meistern kann.

Dieses Jahr hatte ich noch keinen einzigen Fehltag aus psychischen Gründen. Die letzten Jahre waren es immer mehrere Tage, an denen ich ausfiel. Einmal konnte ich aus Angstgründen kaum das Bett verlassen.

Dieses Jahr war ich zweimal krank, einmal erkältet und einmal grippig. Da ich bei der Grippe auch Fieber hatte, blieb ich einige Tage daheim. Das dauerte aber insgesamt einige Wochen, bis ich mich wieder richtig erholt hatte. Die Erkältung war zwar heftig, aber ich bin trotzdem zur Arbeit, da dort gerade Not an der Frau war. Nicht dass ich das propagiere, krank Arbeiten zu gehen, aber ich kann nun verstehen, dass man sein Arbeitsumfeld nicht hängen lassen will.

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Ein Handicap im Arbeitsleben war lange noch mein Selbstmitleid und mein Opfergefühl. Aus dem geschützten Arbeitsumfeld war ich mir gewöhnt, ein "Star" zu sein und immer wieder Lob für meinen Einsatz zu erhalten. Dieses "Gestreichel" fiel dann im normalen Arbeitsumfeld weg. Daran hatte ich zu knabbern .. Den Selbstwert beziehe ich seither viel mehr aus mir selbst. Das musste ich erst lernen.

Für mich war diese vorherige Phase im geschützten Umfeld, die immerhin 5 Jahre gedauert hat, wichtig gewesen, denn ich bekam wieder Vertrauen in meine Fähigkeiten. Durch Coachings wurde ich nach und nach mutiger. Aber dieses geschützte Umfeld hat seine eigenen Mechanismen und Tücken. Eine behütete Pflanze aus dem Treibhaus muss auch einmal ins Freiland .. so drückte es eine meiner fachlichen Begleitpersonen aus. Wie recht sie mit diesem Symbol hatte, das fällt mir erst im Nachhinein auf!

Ich habe Mittel und Wege gefunden, wie ich mich heute auch in schwierigen Zeiten entlasten kann. Das habe ich intus. Dabei hat mir auch die langjährige Psychotherapie geholfen (abgeschlossen 2013). Unter anderem bin ich auch so weit, dass ich es meinem Umfeld bei der Arbeit sage, wenn es mir nicht gut geht. Da ich ansonsten zuverlässig und genau arbeite, kommt auch mein Chef damit klar. Ich habe schon bei der Bewerbung und beim Vorstellungsgespräch keinen Hehl aus meiner lückenhaften Arbeitsbiografie und psychischen Schwierigkeiten der Vergangenheit gemacht -- und stets mit offenen Karten gespielt.

Meine guten Leistungen in der Berufsschule und einige gewonnene Gestaltungs-Wettbewerbe halfen dabei sicher mit. Ich bin froh, dass die Schule mir leicht fiel und ich damit einen Leistungsausweis hatte, denn für mich konnte ich mir kein anderes Vorgehen vorstellen als bei einem Vorstellungsgespräch ehrlich zu sein. Und da gehört eben meine gewundene Biografie dazu.

Erstaunlich dass es auf diese Art und Weise geklappt hat. Da kam mir auch viel Wohlwollen von seitens meines Arbeitgebers entgegen. Das muss auch gesagt werden! Eine solche Chance auf dem Arbeitsmarkt zu erhalten, ist nicht selbstverständlich.

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Trotzdem war der Einstieg für mich eine harte Zeit. Meine Befindlichkeit wurde unwichtig und die Arbeit rückte in den Vordergrund. Kunden wollten zufrieden gestellt werden, Arbeiten speditiv und doch genau erledigt werden -- und das forderte mich heraus. Es sind nun 3 1/2 Jahre an diesem Arbeitsplatz, eine Zeit in der ich viel an mir und meinen Ängsten, auch meinen Eitelkeiten, meiner Egozentrik, gearbeitet habe. Es gab und gibt Krisen -- aber ich habe heute das Rüstzeug dazu, diese zu meistern. An schwachen Tagen schaue ich heute noch, wie ich mir selber helfen kann -- zB genaue Prioritäten setzen und auch mal fünfe grade sein lassen. Mich macht es Stolz, dass ich meinen Lebensunterhalt selber verdienen kann.

Es ist nicht immer nur das (Arbeits-)Umfeld, das den Einstieg schwierig macht. Man steht sich oft auch selbst im Weg. Psychische Krankheit kann wirklich egozentrisch machen .. die Gedanken kreisen stets um einen selbst oder um die eigene Wirkung nach aussen. Bis zum Exzess: Nachdenken hat einen grossen Teil meiner Kraft und Zeit in Anspruch genommen. Das Grübeln musste ich mir wirklich abgewöhnen! Die Gedanken immer wieder ins Konstruktive lenken -- oder sie einfach laufen lassen ohne ein Drama daraus zu spinnen.

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Die Rente, die ich zusätzlich bekomme, macht nur 10% von meinem gesamten Verdienst aus. Ich verdienen einen Lohn, der unter dem schweizerischen Mindestlohn liegt, da ich nur Teilzeit arbeite. Ein 100% Pensum lassen meine Kräfte (noch) nicht zu. Mit meiner Erwerbsminderungsrente, damit decke ich nicht mal die monatliche Krankenkassenprämie. Trotzdem fühle ich mich reich. Ich habe einen langen Weg hinter mir und ich fühle mich in der Gesellschaft angekommen. Nach und nach entfalte ich mich und ich freue mich darauf, noch mehr bei mir und meinen Fähigkeiten anzukommen. Denn ich spüre, da geht noch was ...


Freitag, 19. Dezember 2014

Erwachsen und doch kindlich

In meinen eignen Augen habe ich die Krise relativ gut gemeistert. Und ich bin froh, geht es mir wieder besser. Trotzdem weiss ich, es ist noch nicht vorbei. Weil das Leben immer neue Herausforderungen mit sich bringt und weil die Nerven immer noch etwas zittern. Was mir ebenfalls zu schaffen macht, ist, dass ich mich trotzdem für mich schäme, obwohl ich erkenne, dass ich persönlich einen Schritt weitergekommen bin.

Die Scham rührt daher, dass ich die (vermutete) Aussensicht nicht komplett ausblenden kann. Arbeitskollegen, Chef. - - - Jetzt hat sie wieder gefehlt - - - Jetzt musste ich wieder für zwei arbeiten - - - ... und was da sonst noch an Gedanken sein mag. Ich bin nicht mehr im geschützten Umfeld eines Sozialbetriebes, ich bin in der freien Wirtschaft. Wenn ich nicht da bin, macht jemand anderes meine Arbeit, muss sie machen, weil sie oft tagesaktuell getan werden muss. Das ist mir nicht recht und ich vermeide es, wenn möglich. Aber ich musste einfach einen Stopp einlegen, ich wollte nicht "auf offener Strecke" zusammenklappen.

Meine Befindlichkeit nimmt noch zuviel Raum ein, auch an meinem Arbeitsplatz. Ich rede zu oft darüber, wie es mir geht. Rede allgemein gerne. Trage das Herz oft auf der Zunge. Ich brauche soviel Aufmerksamkeit, Kommunikation, Anerkennung und Sicherheit. Und dann halte ich inne, merke ich unversehens, dass ich zwar kein Kind mehr bin, mich aber immer noch fremd fühle in dieser Welt der "Erwachsenen", und dann werde ich ernst.

Zu ernst, werde schweigsam - - - und dann gehts wieder abwärts. Da braucht es einfach noch viel mehr Zeit bis einiges heilen kann. Und ich brauche die Geduld und die Liebe zu mir selber, all dies gelassener zu nehmen und mich nicht für mein So-Sein zu schämen, sondern einfach ganz mich selbst zu sein ... ohne Scham.

Samstag, 22. Februar 2014

Welches ist dein Handicap?

Nicht beim Golf, sondern im normalen Leben!

Ich bin inzwischen davon überzeugt, dass wir alle Handicaps haben. Grössere, kleinere. Sichtbare, unsichtbare. Die Frage ist: Wie gehe ich damit um? Bei mir, bei anderen .. Wie gehen andere mit mir um? Und ich selber?

Als menschliches Wesen das direkt von einer "Leistungseinschränkung" betroffen ist, habe ich viel Gelegenheit, selber Erfahrungen mit Handicaps zu machen. Bei mir sind sie psychisch bedingt. Unsichtbar, meist.

Ich wollte schon länger darüber schreiben, bin aber erst heute im Netz durch diese Kampagne von pro infirmis wieder aufs Thema gekommen. Interessant auch die Reaktionen im Web auf diesen Film und die Kampagne. Meinungen wie "Die Behinderten werden blossgestellt" tauchen auf. Was ich seltsam finde. Es handelt sich bei den Teilnehmenden ausnahmslos um erwachsene, mündige Menschen, die freiwillig mitmachen!

Mich hat Jasmin Rechsteiner, Miss Handicap 2010*, sehr beeindruckt. Sie machte bei der Kampagne auch mit. Ich traf sie vor ein paar Jahren sie als Ehrengast an der Lehrabschlussfeier meiner Ausbildungsstätte und sie überreichte mir persönlich mein Lehrabschluss-Diplom. Mich hat diese Frau fasziniert. Da ist eine sehr starke Präsenz und Charisma spürbar. Ansteckend! Und natürlich ist sie sehr sehr hübsch .. :)

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Da ich körperlich keine Handicaps habe, spüre ich bei körperlichen Krankheiten und auch bei Behinderungen Hemmungen. Sie sind mir fremd. Seltsam auch, wenn jemand eine Etage tiefer sitzt, im Rollstuhl. Die Blickkontakte gestalten sich ganz anders.

Bei geistig behinderten oder spastisch gelähmten Menschen spüre ich ebenfalls Hemmungen, abrupte Bewegungen und laute Schreie ängstigen mich. Wie begegnen? Selber ruhig bleiben. Wahrscheinlich könnte ich es lernen.

Spüre ich, dass ich bei psychischen Schwierigkeiten anderer Mühe hab, ziehe ich mich zurück. Ich weiche aus, um nicht reingezogen zu werden. Manchmal, wenn es passt, biete ich anderen Hilfe an. Ich muss aufpassen, dass ich mich dann mit den Problemen anderer nicht überfordere. Gebranntes Kind in dieser Hinsicht.

Bei manchen Menschen spürt man genau, dass sie mit sich selber und ihren Handicaps im Reinen sind, bei anderen ist das Gegenteil der Fall. Ich bin auf dem Weg. Mal geht es besser, mal weniger gut. Dass ich heute mit meiner eigenen Biografie, auch im Berufsleben, offener umgehen kann, das musste ich erst lernen. Die Worte fehlten mir früher oft. Oder sie waren da, fanden aber nicht den Weg nach draussen!

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Meinen Platz in der Gesellschaft habe ich mir erobert, ich gehe seit 2,5 Jahren als gelernte Berufsfrau durchs Leben. Seit fast 2 Jahren habe ich eine Teilzeitstelle in der freien Wirtschaft. Zur Zeit arbeite ich 70%. Mehr geht nicht. Schon das ist für mich am tatsächlichen Limit. Was mir finanziell zu Leben fehlt, bekomme ich vom Staat als Rente, es sind etwas über 4000 CHF im Jahr.

In der Vergangenheit habe ich sehr viel Hilfe bekommen: Von Ämtern, von Menschen in meinem Umfeld, durch staatliche Gelder, Ärztinnen, Therapeutinnen und Coaches. Ich gebe und tue mein Bestes. Seit 10 Jahren habe ich einen lieben Lebenspartner, der mir nach Kräften hilft, wenns nötig ist – und vor allem lachen wir sehr viel zusammen. Auch er hat keine 0815-Biografie. Vielleicht ist genau das so wichtig und richtig?! Er meint, auch ich habe ihm bei vielem geholfen, was ich manchmal gar nicht glauben mag.

Ich brauche immer weniger Hilfe, und das ist gut so. Momentan bin ich kräftemässig aber am Limit. Noch weiss ich nicht genau, wie ich da wieder rauskomme. Ich weiss einfach, dass es sich lohnt, dranzubleiben, auch bei der Arbeit, doch ich bin so müde. Meine eigenen Leistungsideale, schwierige Kunden, die zur Zeit unüberschaubare Arbeitsmenge ... Ich weiss, es geht vielen anderen ebenfalls so, die beruflich leistungsfähiger sind. Die Welt dreht sich immer schneller. Selbst in der Freizeit. Zuviel Leistung macht doch schlicht krank! Ich glaube, dass gerade Herzprobleme, Depressionen und Ängste die Kehrseite dieser Medaille sind.

Sind wir Menschen dabei, uns gerade selber abzuschaffen?
Checken wirs noch nicht … aber vielleicht bald, gezwungenermassen?

Ich bin überzeugt, dass alle einen Platz in unserer Gesellschaft verdient haben. Aber es wird immer mehr selektioniert. Leistung überall. Das fängt ja heute schon im Mutterleib an: Lebenswertes Leben oder dem Tode geweiht? Weiter gehts mit Spielgruppe, Kindergarten, Schule: Ist dein Kind passend zum Mainstream oder ist es ein behindernder Störfaktor den man ruhig stellen muss?…Rasend gehts weiter in Ausbildung und Beruf. Blöd nur, wenn du nicht arbeiten kannst oder krank bist; denn du rentierst dann nicht, du Kostenfaktor!!

Wenn sich mehr Menschen zu ihren Handicaps bekennen würden, zu Stärken und Schwächen gleichzeitig stehen würden, wäre die Welt ein besserer Ort. Sich ernst nehmen, andere ernst nehmen. Das würde auch dieses verdammte Leistungsideal relativieren und Menschen dürften einfach auch mal Menschen sein. Einfach sein!

Deshalb finde ich die Kampagne von pro infirmis gut. Ohne wenn und aber. Weil sie die Augen öffnet! Ich bin sehr dankbar dafür.

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* Über Sinn oder Unsinn von Misswahlen und anderen "Leistungsschauen" mag ich hier nicht schreiben.






Samstag, 19. Oktober 2013

Ein neuer Tag und ein Rückblick

Das Einschlafen gestern war nicht so leicht. Ich war noch so aufgewühlt. Mein Freund erzählte mir dann eine einschläfernde Gutenachtgeschichte, bunt gemischt aus all den Tiersendungen, die wir zusammen im Fernsehen gesehen haben … Zwischendurch kicherte ich. Er ist ein lustiger Erzähler. Das half.

Heute ist er auf der Arbeit und ich mit meinen Gedanken allein. Ich fühle mich heiterer und gelöster, die Ängste sind trotzdem da. Damit sie mich nicht zu sehr fordern, schreibe ich sie lieber auf.

Vernünftig – das war ich die letzten 7 Jahre. Ich habe mich der Notwendigkeit gebeugt, eine Berufslehre anzufangen und durchzuziehen. Der vierte Anlauf. Die bisherigen Versuche scheiterten an meinen Ängsten.

Der Staat half mir dabei. Sponserte mich. Coachte mich … Die Abschlussprüfung habe ich, als fleissige Schülerin, knapp vergeigt: ungenügend. Die Angst war zu gross. Ich war blockiert. Beim Nachkorrigieren haben sich zwei übersehene Punkte zu meinen Gunsten geändert. Ich kam mit der Mindestnote durch – und war nun Berufsfrau.

Die Angst war damit nicht weg, im Gegenteil. Frühzeitig gleiste ich mit staatlicher Hilfe (Schweizerische Invalidenversicherung) eine "Nachsorge" auf. Für die Stellensuche bekam ich einen Coach an meine Seite. Er organisierte für mich Trainingsarbeitsplätze – und die Stellensuche lief nebenher. Das hat sich als die richtige Strategie herausgestellt: Kleine Schritte, ein überschaubarer Rahmen, nahe Ziele. Meine Wahnsinnsangst* blieb dadurch vorhanden, doch ich konnte mit ihr umgehen. Nach 8 Monaten zermürbender Stellensuche fand ich tatsächlich eine Stelle im ersten Arbeitsmarkt. Die wollten MICH! Und dort arbeite ich nun seit 1,5 Jahren …

Die ersten paar Monate waren recht easy und ich wiegte mich in Sicherheit. Es kam gut. Ich stand zwar unter Stress, doch die Auftragslage war ruhig und die Einarbeitungszeit fruchtete. Ich verdiente mit fast 33 Jahren zum ersten Mal in meinem Leben meinen kompletten Lebensunterhalt! Mit dem ersten Lohn lud ich meinen Freund zu Kaffee und Kuchen ein – und wir machten einen Wochenendtrip …

Danach kam ein grosses internes Projekt, an dem ich nicht direkt beteiligt war, das aber viele Kräfte in unserer Abteilung bündelte und (übermässig) forderte, so dass ich eine grössere Verantwortung und mehr Arbeit bekam. Meine Stellenprozente stockte ich von 50 auf 70% auf. Zu dem Zeitpunkt wusste ich bereits, dass dies ein Risiko ist. Jedoch war ich mit 50% zuwenig gefordert. Vor allem da sich meine Arbeitszeit auf 5 Tage die Woche erstreckt, ich also jeden Tag nur wenige Stunden dort war.
Gleichzeitig merkte ich, das der berufliche Einstieg mich mehr Kräfte gekostet hat, als ich zugeben wollte. Ich steuerte auf eine Krise zu. Da ich das länger verdrängt und vor mir selber runtergespielt hab,  erlitt ich einen körperlichen Zusammenbruch. Danach stieg ich aber wieder ein.

Das grosse Projekt in der Firma artete immer mehr in eine Art Stellungskampf aus. Die Nachwehen zogen sich bis in den Frühsommer dieses Jahres. Mein direkter Arbeitskollege, mit dem ich ein 2er Büro teile, erlitt ein Burnout, vor allem seelischer Natur. Ich sass nebendran und litt mit. Es schlauchte uns beide. Die Arbeit zog er aber weiter – und ich auch. Ich bekam immer mehr Angst vor seinen Launen. Dieses Projekt ist nun durch, die nächsten stehen an. Und ich fürchte mich jeden Tag, dass es wieder so schlimm wird wie beim letzten Mal.

Am Montag habe ich Mitarbeitergespräch mit meinem Chef und ich bin gespannt, zu wie viel Klartext ich in der Lage bin. Zu verlieren habe ich nichts. Ich war die letzten Tage ganz unten. Diese ganzen Monate haben einfach einen zu grossen Tribut gefordert. Ich erwarte mir mehr Rückhalt für unser Team, intern.

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Wahnsinnsangst* = Angst vor dem Ausgeliefertsein, Angst vor Bestrafung, Angst vor Autorität, Angst vor Denkblockaden aus Stress, …