Bevor ich es nicht selber erlebt hab, konnte ich meinen verstorbenen Bruder nur zu einem Teil verstehen. Warum konnte er den Druck bei der Arbeit nicht abbauen, wieso konnte er das nicht mit seiner Chefin klären? Ich mache meistens irdgendwann den Mund auf. In letzter Zeit immer weniger. Weil ich mich ratlos fühle.
Jetzt verstehe ich es besser: Wenn man mal in dieser Tretmühle namens Arbeitsleben drin ist, Teil eines Teams ist und auch sein will, dann will man auch mitziehen können, möchte nicht das schwächste Glied in der Kette sein. Vor allem wenn man pflichtbewusst ist. Und das ist meine Familie. Die anderen Kollegen bewältigen die Arbeit ja auch, dann muss man das selber doch ebenfalls können. Das muss einfach zu schaffen sein ... Das muss muss muss.
In der Freizeit versucht man sich abzulenken, so gut es geht. Beim Bruder waren es die Wochenenden: Alkohol, Ausgehen und Musikmachen. Bei anderen in meiner Familie ist es das Reisen … Und das exzessiv. Ich selber versinke vor dem Fernsehen, in Büchern oder im Internet.
Mit meinem Vorgesetzten hab ich ein paar Mal bereits geredet. Er hat Verständnis. Und besteht dann doch darauf, dass dieses und jenes noch erledigt wird, auch wenn ich geistig bereits im Feierabend bin. Wie Chefs eben so sind. Selber Priorisieren zu dürfen, das wär mal was … Er fragt zwar immer nach, ob er was tun kann oder ob es mit der Arbeit zu tun hat, wenn es mir mal nicht gut geht. Ich antworte ausweichend, spreche Manches an, eher die Details. Ans Eingemachte traue ich mich nicht ran.
Da es auch Persönlichkeiten und Strukturen in unserem Team und in der Firma betrifft. Das ist mir ein zu heißes Eisen. Da hab ich weder das Selbstvertrauen noch den langen Atem, um das Auszufechten. Menschen und Abläufe ändern sich nicht einfach so. Ich fühle mich müde, habe immer wieder mich mit vielem auseinandergesetzt. Meist hab ich auch etwas bei mir geändert. Ich mag nicht mehr. Mag mich nicht mehr auflehnen, mich aber auch nicht mehr anpassen.
Pattsituation.
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Freitag, 18. Oktober 2013
Freitag, 28. Dezember 2012
Raus aus Angst und Ohnmacht (4)
Zu Teil 1
zu Teil 2
zu Teil 3
Auftrieb
Die Lehre verlieh mir Auftrieb. Ich ging mit Leuten in die Berufschule die 10 Jahre jünger waren als ich. Das forderte mich heraus. Es war wie ein Nachholen meiner Jugend, endlich war ich einmal Teil einer Gruppe ... Die Lehre war aber auch anstrengend. Ich hatte nicht mehr viel Energie für meine Freizeit und andere Menschen. Ich konzentrierte mich ganz auf meinen Weg. Alles andere blendete ich aus. Das war meine Chance, diese Ausbildung, die wollte ich packen. Ich wusste, dass ich einen weiteren Anlauf wahrscheinlich nicht mehr nehmen würde.
Abschied in Trauer – und Wut
Mein Bruder. Ich hatte mir eingeredet, dass er es schon schaffen würde, schliesslich hatte ich es ja auch geschafft! Doch er hat aus seinen Schwierigkeiten keine Konsequenzen gezogen, hat professionelle Hilfe verweigert. Unsere Gespräche halfen ihm jeweils für eine Weile. Doch heftiges Partymachen und nächtelang seine Musik aufnehmen und sampeln plus eine Ausbildung, davon brachte ich ihn nicht ab. Wenn ich ihn traf, war er oft verkatert, vorallem an den Wochenenden.
Er wurde müde, zu müde zum Leben. Dann nahm sich mein kleiner Bruder mit 23 Jahren das Leben …
Das beschäftigt mich bis heute. Obwohl ich der Überzeugung bin, dass jemand auch aktiv etwas für sich tun muss, wenn man ihm die Chance bietet. Seine Verweigerung seine Probleme anzugehen, das löste in mir Hilflosigkeit und auch Wut aus. Warum machte er einfach so weiter? Ich verstand es nicht und kümmerte mich wieder mehr um mich. Bis heute weiss ich nicht, ob er es spontan entschied oder plante.
Ich verdränge einen Teil davon bis heute. Und ich glaube daran, dass jeder Mensch für sich selber verantwortlich ist. Stark sein für andere, das kann ich nicht, so bin ich nicht gebaut. Sonst hätte ich selber keine Energie mehr. Es kommt alles immer wieder stückweise aus der Erinnerung hoch. Auch bei ihm kam der Knick in der Pubertät und mit dem Eintritt in die Erwachsenenwelt. Vorher war er ein Strahlemann und Goldjunge gewesen, immer fröhlich. Bis die Schwermut durchschlug …
Ich bin immer noch hin und hergerissen zwischen Wut und Trauer. Er war kein einfacher Mensch. Ich vermisse ihn.
Weitermachen!
Das geschah im dritten Monat meiner vierjährigen Ausbildung. Nur nicht zur Besinnung kommen! Das war danach mein Motto. Ich stürzte mich erst recht in die Arbeit und Ausbildung. Obwohl ich immer weniger Energie hatte ging es bis zu meiner Krise 2010 (letztes Ausbildungsjahr) auch einigermassen gut. Dann war ich so erschöpft und leer und wünschte mir den Tod. Einfach Ruhe. Aktiv wurde ich in dieser Hinsicht nicht. Eher total passv. Ich wollte nur nicht mehr. Seither nehme ich wieder Psychopharmaka. Ansonsten hätte ich die Ausbildung aufgeben müssen. Das war aber der rote Faden in meinem Leben. Etwas woran ich mich festhielt.
Selbstbestimmung
2010 wechselte ich von meiner Psychologin zu einer Psychiaterin. Es war ein Abschied nach 13 gemeinsamen Jahren. Die Ärztin begleitete mich durch die Krise und von ihr erhielt ich nun auch wieder ein Medikament. Ich rang massiv mit mir selber, sollte ich wirklich wieder etwas nehmen? Doch weiter runter ging es nicht mehr – ich wollte wieder Leben in mir fühlen.
Dabei ist es mir diesmal wirklich gelungen, eine gute Verhandlung mit der behandelnden Psychiaterin zu führen: Was für ein Mittel? Wogegen? Wofür? Welche Nebenwirkungen sind akzeptabel? Wie handhaben wir das mit der Dosierung? Ich konnte es in der Tropfenform einschleichen. Es ist geglückt, das für mich passende Mittel zu finden und auch die richtige Dosis zu treffen. Damit kann ich leben. (Substanz Sertralin, 25mg). Wobei ich auch parallel Alternativmedizin in Anspruch nehme. Das Entweder-Oder habe ich für mich abgehakt: Warum nicht das Hilfreiche aus allem wählen?!
Wie weiter 2013?
2012 war wieder ein Jahr der Krisen, auch wieder Erschöpfung. Scheinbar ist es mein Muster, mich bis zur Selbstaufgabe in etwas zu vertiefen. Das wurde ja auch meinem kleinen Bruder zum Verhängnis, diese Grenzenlosigkeit. Eine Familie von Grenzgängern … Nun hat die Ärztin gemeint, dass ich mein Mittel 2013 absetzten kann, weil es mir wieder viel besser geht. Ich will das nicht. Es ist noch zu früh. Eine weitere Verhandlung ist also fällig. Sie meint, der psychiatrische Teil sei eigentlich abgeschlossen, nun käme allenfalls noch der psychotherapeutische. Vielleicht gehe ich auch nochmal zu jemand anderem, hab ich mir gedacht. Zudem werde ich dieses Jahr wieder auf Jobsuche gehen. Das ist nötig. Wir müssen wir also noch schauen, wie wir weiter machen. Fühle mich stärker in diesen Besprechungen mit ihr, einer nüchternen und pragmatischen Fachfrau, da ich meine Impulse (Übertragungen) besser reflektieren kann. Das klingt nach Gesundung, auch wenn ich mich oft anders fühle. Doch, ich sehe und fühle klarer. Ich werde sehen.
2013 wird auf jeden Fall ein interessantes Jahr … da bin ich mir sicher.
Ich war noch nie so sehr DA ^_^
Samstag, 27. Oktober 2012
Innerlich stark
Ich weiss nicht, das was ich schreibe, über das Leben und über den Tod meines Bruders, das klingt so verdammt abgeklärt. Ich möchte das nicht so stehen lassen. In der Welt und unter Menschen bewege ich mich eher unsicher, ich bin mit vielen Ängsten und Unsicherheiten behaftet, aber ich ziehe viel Kraft und Sicherheit aus meinem Inneren. Ich habe eine andere Art, das Leben zu nehmen, eine innerliche, das "wie" lässt sich schwer in Wort fassen … Über vieles habe ich schon sehr lange, teilweise jahrelang, nachgedacht. Vielleicht wirkt es daher abgeklärt …
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Montag, 22. Oktober 2012
Brand New Angel – Jeff Bridges
Ein Song zum Gedenken an meinen "kleinen" Bruder M.
(27.3.1984–23.10.2007)
Eine andere, wunderbare Version, inkl Lyrics
Mehr über M. und mich und die Musik:
Zum Gedenken
Verhallend
3 weisse Rosen
Kindheitslieder und Erinnerungen
Samstag, 16. Juni 2012
Rückblende
Interessantes Recycling des Nachts: Träume von früher. Bruckstückhaftes, Hängengebliebenes aus der Schulzeit. Schliesse ab. Weniger Träume von Tieren gerade, die sind sonst häufiger. Habe den Eindruck, endlich mal einiges verarbeiten zu können, was "liegengeblieben" ist. Schreiben ist nicht mehr so nötig, wie es einmal war. Nicht mehr der absolut notwendige Exorzimus. Und doch … befreiend.
Die letzten Jahre waren zu anstrengend, es ging immer nur vorwärts, Ausbildung. Mehrere Menschen die mir viel bedeutet haben, sind gestorben. Keine Zeit und Musse, das was war zu betrachten und einzuordnen. Habe mich mit Arbeit eingedeckt, um nicht mehr fühlen zu müssen.
Nun, da mit der neuen Stelle etwas mehr Ruhe eingekehrt ist, gehts ans Recycling. Einiges ist wohl auch der Homöopathie geschuldet (Konstitutionstherapie).
Gerade wird auch der Freitod meines Bruders wieder Thema. Vorallem die Zeit vorher. Viele Erinnerungen an gemeinsam verbrachte Zeit und Filme, Musik die wir beide mochten (Norah Jones, Katie Melua, Singer/Songwriter ..). Das bleibt seltsamerweise am deutlichsten: Filme. zB Schultze Gets The Blues, .. diesen Film haben wir beide gemocht. Als ich das Video entsorgt habe, war es erst halb geschaut. Wir konnten es nicht mehr zu Ende schauen, er ist vorher gegangen. Vor kurzem sah ich "Fleisch ist mein Gemüse" und habe diesen Film innerlich meinem Bruder gewidmet. So ein ähnliches Leben lebte er auch …
Ich finde es traurig und tröstlich zugleich, diese Verbindungen und Gemeinsamkeiten zu spüren. Er hat sich gewünscht, an einen Ort zu gehen, wo Musik anstelle vieler Worte die verbindende Sprache ist. Ich hoffe (und ahne) es ist ihm gelungen!
Die letzten Jahre waren zu anstrengend, es ging immer nur vorwärts, Ausbildung. Mehrere Menschen die mir viel bedeutet haben, sind gestorben. Keine Zeit und Musse, das was war zu betrachten und einzuordnen. Habe mich mit Arbeit eingedeckt, um nicht mehr fühlen zu müssen.
Nun, da mit der neuen Stelle etwas mehr Ruhe eingekehrt ist, gehts ans Recycling. Einiges ist wohl auch der Homöopathie geschuldet (Konstitutionstherapie).
Gerade wird auch der Freitod meines Bruders wieder Thema. Vorallem die Zeit vorher. Viele Erinnerungen an gemeinsam verbrachte Zeit und Filme, Musik die wir beide mochten (Norah Jones, Katie Melua, Singer/Songwriter ..). Das bleibt seltsamerweise am deutlichsten: Filme. zB Schultze Gets The Blues, .. diesen Film haben wir beide gemocht. Als ich das Video entsorgt habe, war es erst halb geschaut. Wir konnten es nicht mehr zu Ende schauen, er ist vorher gegangen. Vor kurzem sah ich "Fleisch ist mein Gemüse" und habe diesen Film innerlich meinem Bruder gewidmet. So ein ähnliches Leben lebte er auch …
Ich finde es traurig und tröstlich zugleich, diese Verbindungen und Gemeinsamkeiten zu spüren. Er hat sich gewünscht, an einen Ort zu gehen, wo Musik anstelle vieler Worte die verbindende Sprache ist. Ich hoffe (und ahne) es ist ihm gelungen!
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Montag, 11. Oktober 2010
kindheitslieder und erinnerungen
claudia klinger schreibt über kindheitslieder. meine kindheit fällt in die 80er und 90er jahre. mir fallen da als erstes gleich reinhard mey und konstantin wecker ein, deren lieder sind am deutlichsten hängengeblieben. "alle soldaten wollen nach haus", "das letzte abenteuer" – die haben besonders eindruck hinterlassen! von wecker kann ich es nicht sagen. vielleicht "uferlos"?
radio hörten wir selten, ich erinnere mich zumindest nicht daran. es lief sehr viel klassik, vorallem wenn mein vater mit seiner arbeit fertig war (er arbeitete viel daheim).
mey höre ich heute nicht mehr. seine lieder stimmen mich melancholisch. und zudem verbinde ich seine lieder vorallem mit meinem verstorbenen bruder (1984–2007), denn er liebte meys lieder über alles. meinem kleinen bruder widme ich daher meys "mein kleines dorf am ende der welt."
radio hörten wir selten, ich erinnere mich zumindest nicht daran. es lief sehr viel klassik, vorallem wenn mein vater mit seiner arbeit fertig war (er arbeitete viel daheim).
mey höre ich heute nicht mehr. seine lieder stimmen mich melancholisch. und zudem verbinde ich seine lieder vorallem mit meinem verstorbenen bruder (1984–2007), denn er liebte meys lieder über alles. meinem kleinen bruder widme ich daher meys "mein kleines dorf am ende der welt."
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