Zunächst hatte ich mich gewundert, dass im Futterhäuschen für die Vögel morgens immer alle Körner aufgefressen waren und nur noch die leeren Schalen der Sonnenblumenkerne darin lagen. Das Vogelhäuschen hing in einem Mirabellenbaum an einem dünnen Ast. Irgendwann waren dann die Seitenteile des Bodens arg verschmutzt. Kein Vogel hätte das machen können. Nicht das erste Mal, dass eine Ratte in meinem oder dem Garten eines Nachbarn eingezogen war. Spuren entdeckte ich, an der Gartenhütte, die auf Kanthölzern steht und so eine gute Unterschlupfmöglichkeit bietet.
Das Futterhäuschen wurde unter dem Dach des Gartenhütte befestigt, damit war es für die Ratte außer Reichweite. Ich stellte eine Lebendfalle auf, in die in vergangenen Jahren bereits einen Igel als Beifang gegangen war und auch eine Ratte bei Fressen des Köders gefangen wurde.
Doch in diesem Jahr habe ich es wohl mit einer vorsichtigeren Ratte zu tun. Zwar war die Falle schon einmal umgestoßen worden, verschiedene Köderarten verfehlten bisher ihren Zweck.
Gesehen habe ich „den Feind in meinem Garten“ noch nicht, aber er hat im tauenden Schnee eindeutige Spuren hinterlassen.
Die Trittsiegel passen in Größe und Form denen, die im Netz gezeigt und eindeutig einer Ratte zugeordnet werden. Dabei konnte ich Routen von der Gartenhütte zu den Gärten der Nachbarn erkennen. Und auf der Terrasse scheint das Tier wohl längere Zeit ein Tänzchen vollführt zu haben, so zahlreich sind die Abdrücke.
Geduldig werde ich warten und irgendwann wird es soweit sein, dass ich meinen ungeliebten Gast zu einem schönen Plätzchen weit ab vom Garten bringen werde.
Nicht wenige Male habe ich es erwähnt: Krimilesen bildet – wenn man will. Das ist natürlich nicht bei jedem Krimi der Fall. Lustige Schenkelklopfer-Krimis sind dazu überwiegend nicht geeignet.
Im soeben erschienenen Kriminalroman MINNESOTA von Jo Nesbø ist mir der Begriff TAXIDERMIE aufgefallen und dort ist zu lesen, wie der Taxidermist – oder schlicht in Deutsch der Tierpräparator – arbeitet, um für seine Kunden ein Werk zu schaffen, dass deren Erwartungen entspricht. Es ist aber auch zu lesen, wie sich die Arbeitsweise im Laufe der Zeit geändert hat, dass heute das Mannequin, so wird der Körper des Präparats genannt, inzwischen oftmals nicht mehr vom Präparator in mühevoller Handwerkskunst geschaffen wird, sondern in industrieller Fertigung aus Plastik hergestellt wird. Damit ist bei der Herstellung eines Präparats viel Zeit zu sparen, damit für den Auftraggeber auch kosten.
(Ich gebe zu, dass diese Information unter dem Begriff „Unnützes Wissens“ abgelegt werden kann. Für mich ist sie trotzdem interessant.)
Dann schnappe ich den Namen Walter Potter auf. Im Krimi erfahre ich, dass er ein Taxidermist im viktorianischen Zeitalter war, der seine präparierten Tiere wie Menschen kleidete und in Szenen darstellte wie eine „Schulklasse voller Kaninchen, die brav an ihren Pulten saßen“. Oder „eine Ratte in Menschenkleidern an einem Pokertisch, während eine andere in Polizeiuniform den Raum stürmte“. Andere Taxidentisten zeigten bizarre „Kunst“ wie zweiköpfige Lämmer oder vierbeinige Hühner.
Angeregt von solchen Beschreibungen ist es für mich nur ein kurzer Weg in die Welt des WWW und einem Foto aus dem Buch WalterPotter’s Curious World of Taxidermy(Blue Rider Press).
Hier die oben erwähnte Schulklasse voller Kaninchen:
Zum Schluss noch ein ganz „herziges Bild“:
Im Netz befinden sich zahlreiche Artikel über Walter Potter und Kollegen, die auf ähnliche Weise Tiere in menschlichen oder fantastischen Szenen dargestellt haben oder als andere Kunstobjekte geschaffen haben. Die Frage, wie Potter an fast 50 Kaninchenjunge gekommen ist, die er zur Schulklassen-Szene gestaltet hat, wird in einigen Artikeln beantwortet. Und die Antwort wird nicht jedem gefallen.
Die bizarren Darstellungen haben mich einerseits sehr amüsiert, andererseits haben sie eine Abscheu erzeugt. Als hartgesottener Krimileser bin ich mit brutalen – fiktiven – Morden vertraut. Was aber mit den etwa 50 Hasenjunge geschah, die Walter Potter als Schulklasse gestaltet hat, lässt mich jedoch erschaudern.
Dank Jo Nesbø habe ich nun eine Wissenslücke geschlossen. Die Besprechung des Kriminalromans MINNESOTA ist HIER zu lesen.
Ob in einer der englischen Versionen oder auf Deutsch, die Geschichte von Ebenezer Scrooge begeistert mich immer wieder, und das seit über 60 Jahren. So kommt es auch, dass ab und zu eine neue Ausgabe gelesen und dann zu den anderen Exemplaren ins Regal gestellt wird. Neu in diesem Jahr ist die Fassung aus dem Hause Oktopus.
Eine gebundene Ausgabe, bei der nicht mit Papier gespart wurde, heißt: die Schrift ist angenehm groß, das Layout ansprechend. Die Illustrationen in diesem Buch stammen von dem legendären britischen Illustrator Arthur Rackham, erstmals 1915 in einer englischen Version veröffentlicht. Hier sind die Tafeln im Gegensatz zu der damaligen Ausgabe mit den kolorierten Abbildungen monochromatisch abgedruckt, wodurch die Brillianz der Rackham’schen Arbeiten verloren gegangen ist. Schade, dass bei dieser ansonsten hochwertig erscheinenden Ausgabe an der Farbe gespart wurde. Neben den Tafeln sind im Buch noch etliche hübsche Federzeichnungen des Illustrators zu finden.
So lese ich denn auch in diesem Jahr, wie Ebenezer Scrooge am Weihnachtsabend doch noch nach einem Leben als Geizhals geläutert wurde.
Es ist wohl überflüssig noch einmal die ganze Geschichte hier aufzurollen. Nur so viel: In einem neunseitigen Nachwort erzählt Margaret Atwood von der Entstehung der Geschichte und davon, welche Bedeutung dieser Klassiker für Charles Dickens hatte. Ein lesenswertes Nachwort!
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Charles Dickens: Der Weihnachtsabend
aus dem Englischen von Richard Zoozmann. Illustriert von Arthur Rackham
Erschienen bei OKTOPUS, einem Imprint des Kampa Verlags (2025)
Die Übersetzung von Richard Zoozmann erschien erstmals 1927 und wurde für diese Ausgabe überarbeitet
Endlich lerne ich den Begriff kennen, mit dem unsere Gesellschaft mehr und mehr geprägt wird – oder sich selbst prägt: Idiokratie.
Meine Meinung zur Situation, in der wir uns befinden : Das Phänomen der Idiokratie erlebe ich jeden Tag, wenn ich Zeitung lese, Talkshows, Dokumentationen, Reports oder Nachrichten im Fernsehen anschaue, auch bei der Unterhaltung mit Bekannten und Freunden. Die Fernsehmoderatoren mit ihren „Experten“, den Influenzern sowie kompromisslosen Politikern sorgen nach meinem Empfinden dafür, dass sich die Idiokratie verfestigt. Es sind nicht nur Donald Trump und Wladimir Putin, die durch populistische Rhetorik und ihre Strategie, Angst oder Empörung schüren. Das können Hinterbänkler unseres Bundestags ebenso wie scheinbar hochkarätige Politiker, aber auch Schauspieler sein, die sich inzwischen als Experten für den Umweltschutz aufspielen oder mit Verschwörungstheorien durch Talkshows tingeln. So werden komplexe Probleme simplifiziert, wissenschaftliche Fakten ignoriert und Fake News verbreitet.
Matthias Kurt beschreibt dieses Phänomen mit vielen Beispielen und den Mustern, die dabei immer wieder zu erleben sind. Dazu zählt er auch den Umgang mit dem Gegner, bei dem der gemeinsame Gesprächsraum durch Ausgrenzung und Polarisierung sowie kompromissloses Verhalten zerstört wird. Heilsversprechen und Populismus werden durch Verkennung komplexer Systeme zu Brandbeschleunigern. Ein Phänomen, für das der Autor zahlreiche Beispiele aus den Hirnen Trumps, Putins, Orbans und Vertretern der AfD nennt, mit deren rhetorischer Strategie, die hier noch einmal klar dargestellt wird. Herrliche Beispiele werden dazu von Boris Johnson aufgeführt mit dessen Aussagen in Zusammenhang mit dem Brexit. Was so gescheit als „alternative Fakten“ daher kommt, wird dabei als profane Lüge enttarnt.
Im nächsten Schritt wird das Gesagte oder Geschriebene, so Kurt, verstärkt, wenn wir uns geistig in unserer Filterblase bewegen und beim Doomscrolling von Algorithmen bevorzugt mit Informationen versorgt werden, die unserer Meinung entsprechen. So wurden wir mit Desinformationen eines Attila Hildmann gefüttert und haben selbstverständlich auch von Bill Gates gelesen und den Chips, die bei Impfungen in unseren Körper implantiert werden. Und wenn wir uns unterhalten, hören wir das einfache Stammeln – Ich schwör! – aus einem limitierten Wortschatz. In der Sprache des Thrash-TV und der vieler Influenzer liegt die Verleitung zur Dummheit.
Zudem würden moralische Grundlagen völlig verdreht. Ein einfaches Beispiel nennt der Autor neben etlichen anderen: „Woke“-Befürworter kämpfen gegen Unterdrückung; Gegner fühlen sich durch Cancel-Culture oder Political Correctness in ihrer Freiheit unterdrückt“.
Wir erkennen beim Lesen immer wieder die gleichen Muster von Simplifizierung und Konfrontation. Aber um es in diesem Zusammenhang nicht zu einfach zu machen, stellt Matthias Kurt auch die Frage, ob die Schulen heute Sozialeinrichtungen oder Bildungsstätten sind.
Die Verführungen, unsere Denkweise zu vereinfachen, werden dabei ausgiebig beschrieben. Warum das so ist, wird analysiert. Viele Fallen werden sichtbarer und damit leichter zu erkennen. Im letzten Teil erklärt Matthias Kurt, wie wir aus dieser Abwärtsspirale heraus kommen können. Dazu gehört, dass wir uns die Mühe machen, eigene und die Denkfehler anderer zu erkennen und Kommunikation im öffentlichen Raum wiederzubeleben. Wir sollten Qualitätsjournalismus Wert schätzen und fördern. Dazu – meine Meinung – müsste er von vielen aber zunächst gefunden werden.
Matthias Kurt erkennt und beschreibt die Komplexität unserer Kommunikation, klärt dabei umfassend auf und gibt schließlich Tipps, um den „Aufstieg der Dummheit“ aufzuhalten und den Weg aus der Banalität zurück zu gehen. Das Buch sollte als Pflichtlektüre für die Fernsehmoderatoren dieser Welt und deren Experten, Influenzern, den kompromisslosen Politikern, eigentlich allen, empfohlen werden.
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Matthias Kurt: IDIOKRATIE – Vom Aufstieg der Dummheit, YES Publishing (2025)
Ob in der Originalversion oder auf Deutsch, Charles Dickens Weihnachtsgeschichte „A Christmas Carol“ oder als „Der Weihnachtsabend“ oder als „Ein Weihnachtsmärchen“, wer die Kraft der Sprache spüren möchte, sollte die Geschichte lesen.
Aber auch der Film von 1984 mit George C. Scott als Ebenezer Scrooge hat seine Reize und bringt das Wesen des bösen und unbarmherzigen Geizkragens Scrooge, der sich nach einigen denkwürdigen Erlebnissen doch noch von seinen bisherigen Gebaren abwendet, eindrucksvoll auf die Leinwand – oder heute: auf den Bildschirm.
Das Foto von der Schulausgabe aus den späten 1950ern zeugt von meinem ersten Zusammentreffen mit Charles Dickens und dessen Christmas Carol in Prose. Das Cover zeigt „Mr. Fezzigwigs Ball“, eine Illustration aus der Originalausgabe.
Seitdem gehen mir die Worte Dickens‘ nicht mehr aus dem Sinn:
Kein Wind war schneidender als er, kein Schneegestöber erbarmungsloser, kein klatschender Regen einer Bitte weniger zugänglich….Der ärgste Regen, Schnee oder Hagel konnten sich nur in einer Art rühmen, besser zu sein als er: sie taten es oft im Überfluss, und das tat Scrooge nie und nimmer.
Und so wie der Duft von Lebkuchen und Spekulatius in den Supermärkten mir irgendwann im Herbst das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt, so wird der Wunsch, die Geschichte von Ebenezer Scrooge zu lesen Richtung Weihnachten immer größer. Jetzt ist es soweit: Das Büchlein vom Insel Verlag mit den Illustrationen von Flix ist aus dem Regal geholt – die alte Schulausgabe von damals ist in diesem Jahr unauffindbar – und in nächster Zeit werde ich die Geschichte genießen, dann, wenn die ersten Weihnachtskekse aus eigener Fertigung duften und probiert werden können.
Ach, gefunden habe ich noch die Paperbackausgabe aus dem Heyne Verlag von 2012, illustriert von Volker Kriegel.
Den Film schaue ich mir selbstverständlich auch in diesem Jahr wieder an. Und Bill Murray als Scrooge in „Die Geister, die ich rief“ wohl auch.
Dies zum Schluss, mit Tiny Tims Worten: Gott segne einen jeden von uns.
Was für eine für eine Pflanze dieses kleine Bäumchen ist, kann ich nicht genau sagen. Die Früchte schmecken in diesen Tagen – Anfang November – bitter. Das gute Stück wurde mir vor etlichen Jahren als Zwergorange geschenkt. Inzwischen ist das Bäumchen auf etwa 1,80 Meter Höhe gestutzt, wächst in einem größeren Pflanzkübel aus Cortenstahl unter dem Terrassendach am Haus. Im Winter ist der Kübel mit einer dicken Kokosmatte ummantelt, die oberirdischen Teile sind durch eine Frostschutzhaube geschützt. So hat die Orange bereits etliche Winter im milden Klima zwischen Rhein und Taunus immergrün überlebt. Bis in den Herbst hinein bilden sich noch kleine weiße Blüten, die dann aber keine Frucht mehr entwickeln. Die Früchte scheinen jetzt reif oder fast reif zu sein. Wegen des bitteren Geschmacks habe ich es aber noch nicht gewagt, das Fruchtfleisch zu Marmelade zu verarbeiten. Falls sich in den nächsten Wochen noch eine Süße entwickelt, werde ich es ausprobieren.
Der Förster und bestbekannte Waldexperte hat mit seiner Tochter ein Buch über den Jahresablauf einer Buche in eine nette kleine Geschichte von Piet, einem Eichhörnchen, gepackt. Vater und Tochter vergleichen darin das Leben des Baumes mit dem Leben von Piet – und somit auch das Leben der Menschen. Das ist nicht immer ganz einfach dazustellen und so „hinkt“ auch dieser Vergleich und so ganz vollständig ist der Jahresablauf des Baumes auch nicht dargestellt. Vorleserinnen und Vorleser möchte ich dennoch nicht davon abhalten, Kindern ab 2 Jahren diese liebevoll erzählte und von Sabine Reich hübsch illustrierte Geschichte zu präsentieren.
Piet trifft an einem schönen Frühlingstag Förster Peter und fragt seinen Freund, ob es denn im Forsthaus schön kuschelig ist. Er habe eine Unterkunft in der es ganz doll pikst, eine dicke alte Kiefer. Worauf Peter vorschlägt, eine neue Wohnung für Piet zu suchen, in einem Laubbaum. Sie finden eine Buche und Piet zieht um.
Dort erkennt Piet, dass die Buche trinken kann, mit den Wurzel statt mit dem Mund. Im Sommer merkt das Eichhörnchen, dass ein Baum auch essen kann. Wie das möglich ist sagt ihm Peter, indem er die Fotosynthese in einem Satz erklärt. Als die Buche im Herbst die Blätter abwirft, vergleicht Piet diesen Vorgang mit seiner eigenen Darmentleerung: Braune Blätter des Baumes = Piets Kacka. (Als ich das der Vierjährigen vorlese, ernte ich äußerst skeptische Blicke). Und als die Schneeflocken fallen, ruht das Wachstum der Buche. „Sie schläft“, sagt Peter zu seinem kleinen Freund und Piet will auch ein bisschen schlafen und gemeinsam mit der Buche vom Frühling träumen, bis sie wieder aufwachen.
Wie oben schon geschrieben, ist das eine nette Geschichte. Nun ja, der Vergleich von Kot mit den braunen Blättern ist recht gewagt, aber Zweijährige werden ihn akzeptieren. Bei Vierjährigen ist ein gewisser Erklärungsbedarf erforderlich. Was jedoch fehlt ist das Wachsen der Früchte, aber da können wir als Menschen und selten auch die Tiere nicht mithalten, jedenfalls nicht, wenn man den Fortpflanzungsvorgang aussparen will.
So ist zwar die Geschichte vom Jahreszeitenbaum nicht ganz vollständig. Vorgelesen habe ich sie dennoch gern und angehört wurde sie auch längere Zeit mit großem Interesse.
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Carina und Peter Wohlleben: Ein BAUM für Piet, Illustrationen von Stefanie Reich, Oetinger Verlag (2021), Pappbilderbuch mit 16 Seiten, empfohlen für Kinder von 2 – 4 Jahren