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Heimat Jerusalem – Die legendären Anfänge des Johanniterspitals in Jerusalem

Karl Borchardt (Universität Würzburg/ Wolfenbüttel)

doi: https://doi.org/10.11588/heidok.00037612

Cambridge, Parker Library, Corpus Christi College, MS 405 f. 127r.

Da Jesu Leiden, Kreuzigung, Tod und Auferstehung sich in Jerusalem abspielten, kann diese Stadt mit einigem Recht als Ursprung und Heimat aller christlichen Kirchen gelten. Zwar kam der Name Christen nach Apostelgeschichte 11, 26 zu Antiochia am Orontes auf, und die römische Tradition nannte die Lateranbasilika in Rom die Mutter aller Kirchen. Doch während der Kreuzzüge vom Ende des 11. Jahrhunderts bis zum frühen 14. Jahrhundert verehrten viele Christen Jerusalem und seine Kirchen als Herkunftsort ihres Glaubens. Insbesondere traf das für die großen geistlichen Ritterorden zu, die sich nach der lateinischen Eroberung Jerusalems 1099 in einem längeren Prozess formierten, der bis etwa 1125/50 andauerte. Unter Berufung auf Jerusalem ließen sich Almosen, Spenden und Schenkungen ein- sowie Mitglieder anwerben. Verehrt wurde vor allem die Grabeskirche, der Sitz des lateinischen Patriarchen, wo die Kreuzfahrer ein Stift von Augustiner-Chorherren einrichteten. Im deren nächstem Umfeld versammelten sich Personen, die mit Spenden für die zahlreichen Pilger einerseits ein Spital, andererseits eine Schutztruppe organisierten. Bald verselbständigten sich die beiden Gruppen, um ihre Einnahmen selbst zu verwalten. In einem Johannes-Spital neben der Grabeskirche, das schon im 11. Jahrhundert lateinischen Pilgern gedient hatte, errichteten die Johanniter ihren Hauptsitz. Die Schutztruppe erhielt durch König Balduin II. 1120 dessen Palast auf dem Tempelberg, das Templum Salomonis (die al-Aqsa-Moschee); dadurch erklärt sich der Name Templer. Während hier über Proteste der Grabeskirche nichts verlautet, verursachte die endgültige Trennung der Johanniter von der Grabeskirche 1154 lange und gewalttätige Auseinandersetzungen. Der Chronist Wilhelm von Tyrus berichtete darüber mit erkennbarer Sympathie für die Grabeskirche. Unter anderem betonte Wilhelm, ursprünglich sei das Spital nicht dem biblischen Johannes der Täufer, sondern dem alexandrinischen Patriarchen Johannes der Almosengeber (frühes 7. Jh.) geweiht gewesen. Sicher entscheiden lässt sich die Frage nicht, denn jene Kaufleute aus Amalfi in Süditalien, welche im 11. Jahrhundert das lateinische Pilgerspital bei der Grabeskirche begründeten, trieben Handel mit Alexandria in Ägypten, so dass ein Patrozinium aus Alexandrien nahelag. Nach dem Verlust Jerusalems 1187 und endgültig 1244 hielten beide Ritterorden, Johanniter und Templer, ihre jerusalemitanische Heimat und Identität weiter hoch. Ihrem Beispiel folgte sogar der Deutsche Orden, der nie in Jerusalem ansässig gewesen war, da er erst ab den 1190er Jahren ins Leben trat; er berief sich jedoch auf ein im 12. Jahrhundert belegtes Hospital Santa Maria Alemannorum in Jerusalem, das die Johanniter für deutschsprachige Pilger eingerichtet hatten.

Alle Ritterorden im Heiligen Land schützten Pilger auf den durch mohammedanische Razzien gefährdeten Wegen von Häfen wie Akkon oder Jaffa nach Jerusalem und von Jerusalem weiter zu Pilgerstätten wie Jericho und dem Jordan, wo Jesus von Johannes getauft worden war. Dass geistliche Orden ungeachtet des fünften Gebots kämpften und Blut vergossen, war im 12. Jahrhundert umstritten. Bei den Zisterziensern z. B. befürwortete Bernhard von Clairvaux (†1153) dies vehement in seiner Schrift De laude nove militie. Sein Ordensbruder Isaak de l’Étoile (†1178) dagegen schimpfte, hier hätten einige ein fünftes Evangelium zu den vier im Neuen Testament überlieferten hinzuerfunden. Insofern gab es für geistliche Ritterorden gute Gründe, sich auf biblische Kämpfer wie die Makkabäer im Alten Testament zu berufen. Päpste erwähnten ausdrücklich die Makkabäer als Vorbild, wenn sie z. B. 1144 die Templer oder 1191 und 1254 die Johanniter privilegierten. Den Johannitern lieferten die beiden Makkabäerbücher aus dem Alten Testament das Material, um ihrem Hauptsitz, dem Spital in Jerusalem, ein ehrwürdiges Alter anzudichten. Über 340 Jahre vor Christus (!) habe Judas Makkabäus 12.000 Drachmen in Silber dem Spital übersandt (2. Makk. 12, 43), um Bedürftige zu unterstützen. In Wirklichkeit führte Judas Makkabäus den Aufstand gegen die Seleukidenkönige Antiochus IV., Antiochus V. und Demetrios von 167 bis zu seinem Tode 160 vor Christus.

Gleichzeitig verbanden die Johanniter viele Episoden aus dem Neuen Testament mit ihrem Spital. Wenn es bereits unter den Makkabäern existierte, musste es zu Jesu Zeiten ebenfalls eine Rolle gespielt haben. Jesus, seine Jünger, seine Anhängerinnen und Anhänger hätten in dem Johanniterspital verkehrt. Maria Magdalena habe dort Jesus die Füße gewaschen. Der Leprose Simon sei damals der Vorsteher des Hauses gewesen (Matthäus 26, 6). Nach der Kreuzigung hätten sich die Jünger während der drei Tage, die Jesus im Grabe lag, aus Furcht vor den Juden in dem Spital eingeschlossen. Nach seiner Auferstehung sei der Herr dort zweimal erschienen, zuerst – am Ostertag selbst – den Jüngern ohne Thomas und dann – eine Woche später – den Jüngern mit dem zweifelnden Thomas, dem der Herr erlaubte, seine Wunden zu berühren. Von dem Spital in Jerusalem aus begab sich der Herr nach Bethanien, knapp 3 km sö. von Jerusalem, und auf den Ölberg, wo er in den Himmel auffuhr und Jerusalem pries: Vos autem sedete in civitate hac, donec induamini virtute ex alto (Lukas 24, 49–50). Danach hätten die Jünger in dem Spital zehn Tage lang gefastet und gebetet. Am zehnten Tage um die dritte Stunde sei dort der Geist auf sie herabgekommen, so dass sie mit Zungen redeten. Nicht bloß Ostern, sondern auch das zehn Tage nach Himmelfahrt stattfindende Pfingsten wurde auf diese Weise eng mit dem Johanniterspital verknüpft. Anschließend habe dort die Gottesmutter Maria gelebt. Nach dreieinhalb Jahren sei sie dort gestorben. Durch eine Palme, die man heute – im 12./13. Jahrhundert! –  noch sehen könne, habe der Erzengel Gabriel ihr das Nahen ihres Todes angekündigt. Zur Todesstunde seien die Apostel auf wunderbare Weise um ihr Sterbebett versammelt worden. Begraben habe man Maria im Tale Josaphat (Kidrontal), wo sich zur Kreuzfahrerzeit ein Benediktinerkloster befand.

Diese Geschichten erzählten Johanniter in Urkunden, mit denen sie im 13. Jahrhundert in Franken Spenden sammelten, in Würzburg, Reichardsroth und Rothenburg ob der Tauber. Die Quellenlage ist zu dürftig, um die Entwicklung der Miracula, Légendes und Exordia genau zu verfolgen. Überliefert sind sie teils lateinisch, teils volkssprachlich in der Langue d’oïl und der Langue d’oc. Datiert werden die Legenden vermutungsweise um 1140/60, eine anglonormannische Übersetzung um 1181/85. Die biblische Frühgeschichte des Johanniterspitals erwähnt schon Gerhoh von Reichersberg 1160/62 und urkundlich noch ein Privileg Rudolfs von Habsburg 1274. Viele Handschriften bieten die Legenden gemeinsam mit der Regel und mit Statuten der Johanniter. Anscheinend las man auch die Legenden den Ordensbrüdern bei Versammlungen und Mahlzeiten zur Erbauung vor. Gelegentlich finden sich weitere Details. Julius Caesar und sein Zeitgenosse (!) Fürst Antiochus von Antiochien seien z. B. eingeschritten, als der Oberpriester Melchiar oder Melchior in Jerusalem dem Davidsgrab Geld und wertvolle Kleider entnahm. Um 1260/70 hielt der Meister der Johanniter den Erzmärtyrer Stephan (Apostelgeschichte 6 und 7) für einen seiner Vorgänger in der Leitung des Spitals zu Jerusalem.

Mit solch exquisiten Legenden über biblischen Anfänge im Heiligen Lande und speziell in Jerusalem standen die Johanniter keineswegs allein. Die Konkurrenz um Spenden und Mitglieder bewog manch andere Orden, sich ebenfalls um prestigeträchtige Ursprünge zu bemühen. Außer an den Deutschen Orden, der in vielem den Johannitern folgte, ist hier an die Templer zu denken, die auf dem Tempelberg nur das Templum Salomonis (die al-Aqsa-Moschee) besaßen; das Templum Domini (der Felsendom) war Sitz eines Stiftes von Augustiner-Chorherren. Weitere Augustiner-Chorherren gab es auf dem Zionsberg und auf dem Ölberg. Legendäre Frühgeschichten dichteten sich ferner die Karmeliter und der Orden des hl. Lazarus an.

Nach 1187/1244 änderte sich die Situation in Jerusalem. Pilger aus dem Westen in die ummauerte Stadt hineinzulassen, gar über Nacht zu dulden, erschien mohammedanischen Autoritäten untunlich. Die Betreuung der Pilger, die jetzt vielfach eine besondere päpstliche Erlaubnis benötigten, um in den Machtbereich der Glaubensfeinde zu reisen, übernahmen nun die Franziskaner. Mit Unterstützung des Königs Robert von Neapel und seiner Gemahlin Sancha von Mallorca erwarb der Bettelorden in den 1330er Jahren den Abendmahlssaal (das Cenaculum) auf dem Zionsberg, außerhalb der Mauern. Im Untergeschoß des gleichen Gebäudes verehrten Juden, Christen und Mohammedaner angebliche Gräber der alttestamentarischen Könige David und Salomon. Nach 1. Könige 2, 10 und 11, 43 lagen die allerdings in der Davidsstadt, rund 700 Meter weiter östlich. Während in der Kreuzfahrerzeit noch das Johanniterspital und der Zionsberg hinsichtlich der Versammlung der Jünger an Pfingsten sowie des Todes Mariens in Gegenwart der Apostel konkurrierten, setzten sich im Spätmittelalter die Franziskaner durch. Das Haus des Kaiphas, wo Jesus verurteilt, geschlagen und zum Spott mit Dornen gekrönt wurde, war traditionell Ausgangspunkt der Palmsonntagsprozession. Da unter mohammedanischer Herrschaft das Goldene Tor an der Ostseite des Tempelbergs dauerhaft geschlossen blieb, bot sich dafür im 13. Jahrhundert der Zionsberg an. Zusammenfassend wird deutlich, wie veränderte topographisch-politische Gegebenheiten auf religiöse Traditionen einwirkten: Im 12. Jahrhundert kümmerten sich die Johanniter um die Pilger, im 14. Jahrhundert die Franziskaner. Vieles, was die Johanniter im 12. Jahrhundert ihrem Spital zuschrieben, übernahmen im 14. Jahrhundert die Franziskaner für ihr Cenaculum. Die grundsätzliche Verehrung für Jerusalem als Ursprungsort und Heimat der Kirche jedoch blieb.

Zur weiteren Lektüre

Borchardt, Karl, Spendenaufrufe der Johanniter aus dem 13. Jahrhundert, in: ZBLG 56/1, 1993, S. 1–61.

Jotischky, Andrew, The Franciscan return to the Holy Land (1333) and Mt Sion: pilgrimage and the apostolic mission, in: The Crusader World, ed. Adrian J. Boas (2016) S. 241–255.

Luttrell, Anthony, Vorwort, in: Les Légendes de l’Hôpital de Saint-Jean de Jérusalem, ed. Antoine Calvet, Paris 2000, S. 5–20.

Schein, Sylvia, The Miracula and the Hospital of St. John and the Carmelite Elianic Tradition – Two Medieval Myths of Foundation?, in: Cross Cultural Convergences in the Crusader Period. Essays presented to Aryeh Graboïs on his sixty-fifth birthday, hg. von Michael Goodich / Sophia Menache / Sylvia Schein, New York – Bern – Frankfurt am Main 1995, S. 287–296.

Zöller, Wolf, Regularkanoniker im Heiligen Land, Berlin – Münster 2018, hier u. a. S. 162–199 zum Zionsberg

Image: London, British Library, C.55.h.5.

Karl Borchardt
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Karl Borchardt (February 3, 2026). Heimat Jerusalem – Die legendären Anfänge des Johanniterspitals in Jerusalem. Patria Hierosolymitana. Retrieved June 7, 2026 from https://patria.hypotheses.org/830


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