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Die Minoriten, die Kustodie der Heiligen Stätten und die religiösen Ordender Kreuzfahrerstaaten: Der Fall Paul Walthers von Guglingen

Michele Campopiano (Università di Catania)

doi: https://doi.org/10.11588/heidok.00037613

Fig. 1. Niccolò da Poggibonsi, Viaggio da Venetia al santo Sepulchro (Venice, 1529)

Die Pilgerfahrt ins Heilige Land war im Spätmittelalter untrennbar mit der franziskanischen Spiritualität verbunden. Einige der bekanntesten und weit verbreitetsten Pilgerberichte jener Zeit stammen von Angehörigen des Minoritenordens – etwa das berühmte Libro d’oltramare von Niccolò da Poggibonsi. Doch was die franziskanische Prägung der Heilig-Land-Erfahrung im Besonderen ausmachte, war die aktive Rolle der Minoriten bei der Aufnahme und Begleitung von Pilgern.

Ein entscheidender Moment war der Erwerb des Abendmahlssaals durch König Robert von Neapel aus dem Hause Anjou im Jahr 1333, der diesen anschließend den Franziskanern übertrug. Warum ausgerechnet der Berg Zion? Seit dem 5. Jahrhundert wurde dieser Ort sowohl mit dem Pfingstwunder – der Herabkunft des Heiligen Geistes – als auch mit dem letzten Abendmahl Jesu in Verbindung gebracht. Damit galt er als ein zentraler Ort apostolischen Lebens, eucharistischer Frömmigkeit und der frühen Ausbreitung des Christentums. Wie Andrew Jotischky herausstellt, entsprach diese Deutung genau den geistlichen Leitmotiven der Franziskaner: Nachahmung des apostolischen Lebens, Evangeliumsverkündigung und eine auf die Eucharistie ausgerichtete Spiritualität.

In ihrer Funktion als Pilgerführer und Mittler zwischen dem lateinischen Christentum und den Völkern der Levante gewannen die Franziskaner erheblichen Einfluss. Auch die von ihnen verfassten, kopierten und überlieferten Texte über das Heilige Land wurden zu maßgeblichen Bezugsquellen für Pilger. Diese Schriften prägten nicht nur die Wahrnehmung der heiligen Stätten, sondern auch die Erinnerung an das Heilige Land selbst – sowie die Bilder, die sich Pilger von den dort lebenden Menschen machten. Ermöglicht wurde diese schriftstellerische Tätigkeit auch durch die bedeutende Bibliothek des Klosters auf dem Berg Zion, in der Texte gesammelt, kopiert und neu verfasst wurden.

Zu den bedeutendsten Ergebnissen dieser literarischen Aktivität zählen zweifellos die Werke Paul Walthers von Guglingen (fig. 1). Ursprünglich Augustiner-Chorherr, schloss er sich später dem Franziskanerorden an und begab sich auf Pilgerreise ins Heilige Land. Er verließ sein Kloster in Heidelberg am 28. August 1481, verbrachte längere Zeit in Italien und erreichte schließlich am 14. Juli 1482 Jaffa. Zu dieser Zeit gehörte der Franziskanerorden bereits zur Observantenbewegung (nachweislich seit 1439).

Walther verbrachte fast ein Jahr im Jerusalemer Kloster und verfasste dort zwei Werke: ein Itinerarium und einen Tractatus über das Heilige Land, bestehend aus acht Abschnitten und einem Prolog. Beide Texte sind im Codex 04/Hs. INR 10 der Staatlichen Bibliothek Neuburg an der Donau überliefert, ehemals Teil der Bibliothek des örtlichen Studienseminars. Zwischen beiden Schriften besteht eine enge inhaltliche Verbindung mit zahlreichen Querverweisen.

Besonderes Interesse zeigt Walther für die Geschichte der Kreuzfahrerstaaten. Auf die Darstellung der Passion Christi folgen die Heldentaten der Kreuzritter, die er ausdrücklich in Kontinuität zum Leben Jesu sieht. Auch die Gründung und Entwicklung der Hospitaliter, Templer und Deutschritter schildert er in lobender Weise. Zugleich spart er nicht mit Kritik: Die Christenheit habe gesündigt, so seine These, und sei für den Verlust Jerusalems 1187 durch ihr unwürdiges Verhalten selbst verantwortlich. Er prangert die moralische Korruption der lateinischen Kleriker und Untertanen zur Zeit der Kreuzfahrerstaaten offen an.

Dem stellt er die Minoriten als wahre, würdige Repräsentanten des lateinischen Christentums gegenüber. Ihre Frömmigkeit, so Walther von Guglingen, sei der Grund dafür, dass das Heilige Land den Christen in gewisser Weise „zurückgegeben“ worden sei. Nur sie könnten die Verantwortung für die Heiligen Stätten glaubwürdig übernehmen. Ohne die Brüder, schreibt er, wäre eine Pilgerreise ins Heilige Land überhaupt nicht möglich gewesen:

Nam indubie (quod Deus avertat!) si fratres minores de Terra expellerentur, amplius non patebit vel difficillime aditus peregrinis, quia modo per fratres adiuvantur, defenduntur, nutriuntur, hospitantur et infirmi peregrini fideliter medicantur ex elemosinis Christifidelium .

Denn ohne Zweifel wäre der Zugang für Pilger nicht mehr möglich oder nur noch unter großen Schwierigkeiten, wenn die Minoriten aus dem Heiligen Land vertrieben würden (was Gott verhüten möge!), da sie derzeit von den Mönchen unterstützt, verteidigt, ernährt und beherbergt werden und kranke Pilger dank der Almosen der Gläubigen in Christus treu medizinisch versorgt werden.

Bibliographie

  • Campopiano, Michele, Writing the Holy Land. The Franciscans of Mount Zion and the Construction of a Cultural Memory, 1300–1550, Cham 2020.
  • Campopiano, Michele, Weltgeschichte in der Mitte der Welt: Guglingens Traktat über das Heilige Land als Universalchronik, in: Positionsbestimmungen der Mediävistik im kulturgeschichtlichen Kontinuum. Festschrift für Felicitas Schmieder zum 60. Geburtstag, hg. von Gerda Brunnlechner u.a., Göttingen 2024, S. 509–524.

Image: Saint Francis of Assisi receiving the stigmata of Christ from the seraph. Engraving after C. Procaccini, 1593. Wellcome Collection, London, 564136i, CC BY 4.0.


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Michele Campopiano (March 30, 2026). Die Minoriten, die Kustodie der Heiligen Stätten und die religiösen Ordender Kreuzfahrerstaaten: Der Fall Paul Walthers von Guglingen. Patria Hierosolymitana. Retrieved April 16, 2026 from https://patria.hypotheses.org/1182


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