Was für eine wunderbare kleine Novelle! Eine Neuinterpretation von Dornröschen, herzerwärmend und lustig und manchmal auch traurig. Ein unaufgeregtes kleines Büchlein, ruhig erzählt, mit äußerst charmanten Charakteren und einer wunderschönen Welt, die eigentlich viel zu dicht ist, um in einem so dünnen Buch Platz zu haben.
Thornhedge T. Kingfisher Titan Publ. Group Ltd. 7,99 €
zwischen einem foto von cartier-diamantohrringen und dem bild einer frau mit der unterschrift: find your personal legsize on the chart for stockings oben den aufruf after coffee enjoy benedictine le grand liquor france links zur zeichnung von rocking chairware und remote control tv liest man über die banalität des bösen so kleingedruckt dass du das kaum bemerkst genau wie beim bösen
Auszug aus Volha Hapeyeva: protokoll „ELILENTI“. In: allmende. Zeitschrift für Literatur (111/2023), S. 31–41.
Christlich-jüdische Gemeinschaften sind entstanden, Synagogen sind restauriert und neu errichtet worden, Gedenkstätten werden gepflegt, Denkmäler errichtet. Spitzenpolitiker schreiben Grußworte zu den jüdischen Feiertagen, und bei den Großfeiern der Republik sitzen die Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde in der ersten Reihe. Das offizielle Deutschland fühlt sich in der Rolle des ehemaligen Alkoholikers, der weiß, was passiert, wenn er wieder zur Flasche greift. Abseits der offiziösen Anlässe dagegen, und zwar nicht nur an den Stammtischen, greift man immer wieder zum alten Fusel.
Prantl, Heribert: Braune Mörder. Ein Blick in den Abgrund des Versagens. In: Roth, Harald (Hg.): Was hat der Holocaus mit mir zu tun? 37 Antworten. München: Pantheon 2014, S. 237–248, hier: S. 248.
Für die Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz wird eine neue Leitung des Referats Gedenkarbeit gesucht.
Zu den Aufgaben gehören unter anderem die Vertretung der Gedenkarbeit der LpB und ihrer Gedenkstätten auf Landes- und Bundesebene, die Verantwortung für die landeseigenen Gedenkstätten KZ Osthofen, SS-Sonderlager/KZ Hinzert und für den Lernort „Gestapokeller“ in Neustadt an der Weinstraße sowie die fachliche Aufsicht über das NS-Dokumentationszentrum Rheinland-Pfalz in der Gedenkstätte KZ Osthofen und über die Recherchen und Veröffentlichungen aus den drei Gedenkstätten.
Vorausgesetzt werden neben einem abgeschlossenen Hochschulstudium der Geschichte, Politikwissenschaft oder Pädagogik unter anderem gute Kenntnisse der Neueren Geschichte, insbesondere hinsichtlich der Zeit des Nationalsozialismus und wünschenswert dessen Entwicklung im Gebiet des heutigen Rheinland-Pfalz, sowie Erfahrungen im Zusammenhang mit der Gedenkstättenarbeit bzw. in der (historisch-)politischen Bildungsarbeit.
Ein merkliches Abnehmen des gesunden Menschenverstandes und ein merkliches Zunehmen von Aberglauben deuten darauf hin, dass die Gemeinsamkeit der Welt abbröckelt.
“The debate, as Bannon put it, was not about whether the president’s situation was bad, but whether it was Twenty-Firth-Amandment bad.”
Fire and Fury, S. 297.
Es ist schlimm. Das war zu erwarten; dennoch ist es kaum zu ertragen. Rückblickend ist es eigentlich noch viel schlimmer. Man fragt sich, weshalb diese völlig chaotische, desaströs inkompetente und von Intrigen und persönlicher Missgunst zerfressene Administration nicht schon viel früher in sich zusammengefallen ist wie ein stümperhaft und hastig aufgestelltes Kartenhaus.
Eine Antwort darauf will Michael Wolff in Fire and Fury gar nicht geben. Er ist – um ihn selbst zu zitieren – die Fliege an der Wand, die einen scheinbar ungefilterten Einblick in die dysfunktionale Mechanik einer völlig inkompetenten und unvorbereiteten Administration gewährt. Insbesondere nach dem Ende der Amtsperiode wird klar, dass der 45. nicht nur völlig unqualifiziert für seine Präsidentschaft war, sondern zugleich überhaupt kein Interesse am größeren Bild hatte. Um das Komplizierte sollten sich andere kümmern.
Vermutlich erklärt sich in Wolffs Fokus auf diese anderen – die Strippenzieher und Speichellecker im West Wing – die immense Rage, die nach Erscheinen des Buchs aus dem Oval Office zu hören war. Denn ganz im Gegenteil zum öffentlichen Bild und zu seiner eigenen Selbstwahrnehmung war die Spitzenfigur im Weißen Haus letztlich nur ein Nebencharakter, eine Marionette an den Fäden seines machtgierigen, stets auf den eigenen Vorteil bedachten Umfelds. Welch ultimative Kränkung für einen ohnehin ständig gekränkten Narziss.
Michael Wolff: Fire and Fury. Inside the Trump White House. New York: Henry Holt and Company 2018. 336 Seiten, Hardcover ab 5,25 €
„Once I was young, and young forever and always, until I wasn’t. Once I loved a boy called Peter Pan.
Peter will tell you, that this story isn’t the truth, but Peter lies. I loved him, we all loved him, but he lies, for Peter wants always to be that shining sun that we all revolve around. He’ll do anything to be that sun.
Peter will say I’m a villain, that I wronged him, that I never was his friend.
But I told you already. Peter Lies.” (S. 7)
Und wie er lügt. Märchenhaft klingt es zu Beginn: Eine Insel voller Abenteuer, keine Regeln, keine Erwachsenen — und niemals selbst erwachsen werden. Doch die Insel ist nicht nur voller Abenteuer, sondern auch voller Gefahren, die aus lausbubenhaftem Spiel im Handumdrehen blutig tödlichen Ernst machen. Und nach ungezählten Sommern ist es Jamie leid, immer neue Gräber zu graben, während Peter die Toten ignoriert, um sein ewiges Spiel nicht zu trüben.
Lost Boy ist von der romantisch verklärten Welt eines Disney-Pans sehr weit entfernt. In Christina Henrys Interpretation des Klassikers von James Matthew Barrie zeigt sich nur zu Beginn noch ein schon stumpf gewordener Rest des vermeintlichen Glanzes der märchenhaften Zauberwelt Peter Pans, in der niemand seiner „Jungs” erwachsen werden muss. Es geht auch gar nicht so sehr darum, ob sie erwachsen werden müssen, vielmehr darum, ob sie es dürfen. Sie dürfen es nämlich nicht; ebenso wie sie die Insel nicht verlassen oder Peters Freundschaft ablehnen dürfen.
Nie aufzuwachsen, immer ein Junge bleiben zu müssen und die Augen vor einer brutalen Wirklichkeit zu verschließen, ist eine Horrorvision, die Christina Henry in aller psychologischer Subtilität und viszeraler Deutlichkeit ausbuchstabiert. Henrys Peter Pan ist nicht nur eine Allegorie auf die naive Idee ewiger Jugend, sondern die monströse Personifikation von Narzissmus, Realitätsflucht und Selbstgerechtigkeit. Henrys Peter reicht es nicht, wie in der Version von Berrie, die Reale Welt einfach zu vergessen, um ewig jung zu bleiben: Für ihn muss Blut fließen. Das Blut unverdorbener Jugend.
Henrys Lost Boy ist eine bis zur letzten Seite fesselnde, schockierende und erschütternde Interpretation der Geschichte der ewigen Jungs im Nimmerland — und absolut keine Kindergeschichte.
Christina Henry: Lost Boy London: Titan Books 2017 318 Seiten, Taschenbuch 7,99 £
Die Republikaner sehen in Ruh eurem klirrenden Getümmel zu. Kein Staatsanwalt tät ein Wörtlein sagen — er muß ja die Kommunisten jagen. Und sie sehen nicht, was in der Reichswehr geschieht … Es ist immer dasselbe alte Lied: Der Bürger hofft. Und zieht einen Flunsch. Und hat im ganzen nur einen Wunsch: Es soll sich nichts ändern. Die Bahnen solln gehn. Er will ins Geschäft, um Viertel zehn … Das ist schon wahr. Das muß man begreifen. Ihr habt auch schon recht, darauf zu pfeifen. Ihr vergeßt nur: die Leute eurer Partie sind genau dieselben Bürger wie die! Nur lauter. Nur dümmer. Nur mit mehr Geschrei. Und was gerne prügelt, ist auch dabei.
Seid ihr alle wieder da —? Ja —?
Kurt Tucholsky, 1930
(Tucholsky, Kurt: Panter, Tiger & Co. Eine neue Auswahl aus seinen Schriften und Gedichten. Hg. von Mary Gerold-Tucholsky. Hamburg: Rowohlt 1996, S. 255.)
Wenn von so vielen jeder nur ein wenig beisteuert, so genügt es, um ihn in Stücke zu zerreißen. Überhaupt habe ich diese Massenbewegungen gern. Keiner will Besonderes dazutun, und doch gehen die Wellen immer höher, bis sie über allen Köpfen zusammenschlagen. Ihr werdet sehen, keiner wird sich rühren, und es wird doch einen Riesensturm geben. So etwas in Szene zu setzen, ist für mich ein außerordentliches Vergnügen.
Musil, Robert: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch 1989, S. 115.
„Der wohl hervorstechendste und auch erschreckendste Aspekt der deutschen Realitätsflucht liegt jedoch in der Haltung, mit Tatsachen so umzugehen, als handle es sich um bloße Meinungen. Beispielsweise kommt als Antwort auf die Frage, wer den Krieg begonnen habe – ein keineswegs heiß umstrittenes Thema – eine überraschende Vielfalt von Meinungen zu Tage. In Süddeutschland erzählte mir eine Frau von ansonsten durchschnittlicher Intelligenz, die Russen hätten mit einem Angriff auf Danzig den Krieg begonnen – das ist nur das gröbste von vielen Beispielen. Doch die Verwandlung von Tatsachen in Meinungen ist nicht allein auf die Kriegsfrage beschränkt; auf allen Gebieten gibt es unter dem Vorwand, daß jeder das Recht auf eine eigene Meinung habe, eine Art Gentlemen’s Agreement, dem zufolge jeder das Recht auf Unwissenheit besitzt – und dahinter verbirgt sich die stillschweigende Annahme, daß es auf Meinungen nun wirklich nicht ankomme. Dies ist in der Tat ein ernstes Problem, nicht allein, weil Auseinandersetzungen dadurch oftmals so hoffnungslos werden (man schleppt ja normalerweise nicht immer Nachschlagewerke mit sich herum), sondern vor allem, weil der Durchschnittsdeutsche ganz ernsthaft glaubt, dieser allgemeine Wettstreit, dieser nihilistische Relativismus gegenüber Tatsachen sei das Wesen der Demokratie. Tatsächlich handelt es sich dabei natürlich um eine Hinterlassenschaft des Naziregimes.
Die Lügen totalitärer Propaganda unterscheiden sich von den gewöhnlichen Lügen, auf welche nichttotalitäre Regimes in Notzeiten zurückgreifen, vor allem dadurch, daß sie ständig den Wert von Tatsachen überhaupt leugnen: Alle Fakten können verändert und alle Lügen wahrgemacht werden. Die Nazis haben das Bewußtsein der Deutschen vor allem dadurch geprägt, daß sie es darauf getrimmt haben, die Realität nicht mehr als Gesamtsumme harter, unausweichlicher Fakten wahrzunehmen, sondern als Konglomerat ständig wechselnder Ereignisse und Parolen, wobei heute wahr sein kann, was morgen schon falsch ist. Diese Abrichtung könnte einer der Gründe dafür sein, daß man so erstaunlich wenig Anzeichen für das Fortbestehen irgendwelcher Nazipropaganda entdeckt und gleichzeitig ein ebenso erstaunliches Desinteresse an der Zurückweisung von Nazidoktrinen vorherrscht. Man hat es hier nicht mit Indoktrinationen zu tun, sondern mit der Unfähigkeit und dem Widerwillen, überhaupt zwischen Tatsache und Meinung zu unterscheiden. Eine Diskussion über die Ereignisse des spanischen Bürgerkriegs wird auf derselben Ebene geführt wie die Auseinandersetzung über die theoretischen Vorzüge und Mängel der Demokratie.“
Arendt, Hanna: Besuch in Deutschland. Aus dem Amerikanischen von Eike Geisel. Hamburg: Rotbuch Verlag 1993, S. 29–31.