1- und 2-Cent-Münzen abschaffen? Mein „Jein“ – und warum die Debatte am Kern vorbeigeht

Es ist wieder diese Diskussion auf dem Tisch: Sollen wir die 1- und 2-Cent-Münzen abschaffen? Auf den ersten Blick scheint es logisch – Kleingeld nervt, es wiegt die Taschen voll, und die Herstellung kostet mehr, als die Münzen eigentlich wert sind. Viele sagen: „Braucht doch keiner mehr!“ Aber genau hier sage ich: Jein. Denn so einfach ist es eben nicht.

Im Alltag, wenn ich im Supermarkt stehe, merke ich selbst: Ob ich jetzt 99 Cent oder einen Euro zahle, macht für mich persönlich keinen großen Unterschied. Und ja, da könnte man die Preise ruhig runden. In diesen Situationen wäre es oft sogar praktisch, wenn die Cent-Münzen wegfielen. Das Bezahlen ginge schneller, es würde weniger herumklimpern, und niemand müsste sich mehr mit Centbeträgen aufhalten.

Aber die Auswirkungen auf das große Ganze werden dabei meistens übersehen. Denn mit der Abschaffung dieser Münzen verändert sich mehr, als viele glauben wollen. Wenn Preise nur noch in 5-Cent-Schritten möglich sind, hat das direkte Folgen – auch im größeren Maßstab. Beispiel: Wenn ich 10.000 Stück von irgendetwas einkaufe, ist es ein Unterschied, ob ich pro Stück 94 Cent oder 95 Cent zahle. Hochgerechnet sind das auf einen Schlag 100 Euro mehr. Und genau solche Summen werden weitergegeben – an Kundinnen, an Endverbraucherinnen. Das mag schleichend passieren, aber es passiert. Solche „kleinen“ Rundungen treiben Preise still und leise nach oben. Und wir tun dann alle so, als wäre das einfach der Lauf der Dinge. Ist es aber nicht.

Was mich aber noch mehr stört, ist die Behauptung, dass „ja eh die meisten heute mit Smartphone oder Karte zahlen“. Das klingt erst einmal plausibel, wenn man in einer Großstadt lebt, einen guten Job hat und ohnehin kaum noch Bargeld nutzt. Aber Deutschland besteht nicht nur aus Großstädten. Im Gegenteil – es ist mehrheitlich ländlich geprägt. Dort sieht die Realität anders aus.

Gerade im ländlichen Raum zahlen immer noch sehr viele Menschen bar. Und das sind nicht nur ältere Leute, sondern auch Kinder oder Menschen mit Beeinträchtigungen. Menschen, die bewusst auf Bargeld setzen, weil sie damit besser klarkommen. Weil Bargeld für sie Übersicht bedeutet – und ein Stück Selbstbestimmung. Dazu kommt: In manchen Gegenden funktioniert Kartenzahlung auch heute noch nicht verlässlich. Von mobilem Bezahlen reden wir da noch gar nicht.

Was in der Diskussion häufig übersehen wird: Die Leute, die auf Bargeld angewiesen sind, sind oft gar nicht Teil dieser Debatte. Sie haben entweder keinen Zugang dazu oder kämpfen mit anderen Problemen. Gefragt werden sie jedenfalls selten. Stattdessen reden viele aus einer privilegierten Perspektive darüber, wie praktisch es wäre, Bargeld einfach abzuschaffen. Die Folge: Ein verzerrtes Bild. Eine Debatte, die an der Realität vieler Menschen vorbeigeht.

Mein Jein bedeutet also: Im Alltag, an der Supermarktkasse, wäre ein Abschaffen der kleinen Centbeträge oft sinnvoll. Aber vollständig abschaffen? Nein. Weil es Menschen ausschließen würde. Weil es still und heimlich zu Preissteigerungen führt. Und weil wir die Diskussion viel breiter führen müssen, als sie aktuell geführt wird.

Mein Fazit: Es geht nicht nur darum, ob wir Centstücke in der Tasche haben wollen oder nicht. Es geht darum, welche Auswirkungen diese Entscheidung hat – wirtschaftlich, sozial und gesellschaftlich. Wenn wir über Teilhabe reden, müssen wir auch das Bargeld mitdenken.

Und du? Wie siehst du das? Ist Bargeld für dich überholt oder immer noch wichtig?

Warum ich als intergeschlechtlicher Mensch das Gendern mit Sternchen ablehne!

In den letzten Jahren wird viel über das Gendern gesprochen, diskutiert und gestritten. Besonders das Gendersternchen (*) oder die Gender-Gap (Binnenunterstrich oder Sprechpause) stehen im Fokus. Als intergeschlechtlicher Mensch fühle ich mich jedoch von dieser Diskussion m x die p nicht vertreten. Im Gegenteil – ich lehne das Gendern mit Sternchen ab. Nicht, weil ich gegen Gleichberechtigung oder Sichtbarkeit bin. Sondern, weil diese Debatte an unseren eigentlichen Themen vorbeigeht und uns sogar schadet.

Oft wird so getan, als sei das Gendersternchen eine neue, progressive Idee. Das stimmt nicht. Tatsächlich stammt es aus den 1980er-Jahren, als es erstmals als Möglichkeit diskutiert wurde, Transmenschen – die man damals oft schlicht als „Transsexuelle“ bezeichnete – sprachlich sichtbar zu machen. Zu dieser Zeit gab es kein differenziertes Verständnis von trans, inter oder nicht-binär, geschweige denn entsprechende Begriffe. Das Sternchen war also ein Symbol, um auf Menschen hinzuweisen, die nicht in das klassische Geschlechterbild passten.

Doch diese Idee stieß schon damals auf Ablehnung. 1997 wurde das Gendersternchen in gesellschaftlichen Diskussionen und Umfragen mehrheitlich kritisch gesehen. Es wurde nicht angenommen. Sprachwissenschaftlerinnen, politische Gruppen und auch Menschen aus der Community selbst kritisierten es als schwer verständlich und unpraktisch – vor allem im Alltag. Man kann also sagen, das Sternchen bekam von der Gesellschaft ein Veto. Die Diskussion schien abgeschlossen.

Erst rund um 2013 kam das Thema wieder auf, im Zuge der Möglichkeit, den Geschlechtseintrag im Personenstandsregister offen zu lassen. Mit dieser neuen rechtlichen Entwicklung griffen bestimmte Gruppen das Sternchen erneut auf – diesmal als Symbol für mehr geschlechtliche Vielfalt. Doch im Kern war es die alte Debatte, nur neu verpackt. Es wurde verkauft als „Fortschritt“, obwohl es eigentlich ein Wiederaufguss der Diskussionen von damals war. Und auch heute zeigt sich, dass diese Form des Genderns weder barrierefrei noch alltagstauglich ist.

Für uns intergeschlechtliche Menschen bedeutet das Sternchen keine echte Sichtbarkeit. Es reduziert uns erneut auf ein Symbol und zwingt uns in eine Schublade, die wir gar nicht wollen. Wir sind keine Sternchen. Wir brauchen auch keine Sondersymbole. Was wir brauchen, ist eine neutrale Sprache – eine, die niemanden zwingt, sich zu erklären, eine, die niemanden ausschließt, aber auch niemanden zur Diskussion zwingt, wie man nun korrekt „gegendert“ werden möchte.

Dass Neutralisierung in der Sprache möglich ist, zeigt die deutsche Sprache selbst seit Jahrhunderten: Begriffe wie „Studierende“, „Lehrende“ oder „Mitarbeitende“ existieren lange vor der Genderdebatte. Diese Wörter sind verständlich, inklusiv und auch für Menschen mit Behinderungen zugänglich. Das Gendersternchen hingegen ist vor allem für sehende Menschen gemacht. Es lässt sich schlecht vorlesen, Vorlesesoftware kommt damit oft nicht zurecht, und in der gesprochenen Sprache wirken die Gender-Pausen sperrig und unnatürlich. Barrierefreiheit sieht anders aus.

Das größte Problem aber bleibt: Diese Diskussion lenkt von den wirklich wichtigen Themen ab. Während hitzig darüber gestritten wird, ob „Lehrer*innen“ oder „Lehrerinnen und Lehrer“ geschrieben werden sollte, bleiben zentrale Anliegen intergeschlechtlicher Menschen weitgehend unbeachtet. Es geht um ganz grundlegende Fragen: Welche Blutwerte gelten für uns als gesund oder krank? Nach welchen medizinischen Richtlinien werden wir behandelt? Haben wir ein Recht auf selbstbestimmte Entscheidungen bei Operationen oder hormonellen Eingriffen? Wie steht es um unser Abstammungsrecht, um das Recht auf Adoption oder den Diskriminierungsschutz? Werden Gewalt und Straftaten gegen uns überhaupt registriert, angezeigt und verfolgt?

Solange sich die gesellschaftliche Aufmerksamkeit auf symbolische Sprachfragen richtet, bleiben diese existenziellen Probleme unsichtbar. Die Diskussion ums Gendersternchen ist eine Stellvertreterdebatte, die echte Veränderungen aufhält oder überlagert.

Mein Wunsch ist einfach: Eine Sprache, die funktioniert. Eine, die alle Menschen anspricht, ohne zu separieren oder zu stigmatisieren. Eine Sprache, die auch im Vorlesen, in einfacher Sprache und für alle verständlich bleibt. Wir brauchen kein Sternchen, wir brauchen Respekt. Wir brauchen keine kosmetischen Lösungen, sondern eine offene und ehrliche Auseinandersetzung mit den echten Problemen, die uns intergeschlechtliche Menschen betreffen.

Sprache soll verbinden, nicht spalten. Und ich, als intergeschlechtlicher Mensch, fordere kein Symbol. Ich fordere, dass unsere Themen endlich ernst genommen werden.