»Natürlich war Napoleon geschmacklos. Ohne jeden Geschmack und Takt, ohne alle Erziehung und Lebensart sprengte er die ganze rückständige, verfaulte, verkalkte Welt der Feudalitäten und Diplomaten, der Salonschwätzer und Papierstrategen in die Luft. Ein Riese ist kein geschmackvoller Anblick. Ein Erdbeben, ein Lava und Dreck ausspeiender Vulkan ist keine geschmackvolle Erscheinung. Keine Naturkatastrophe, kein Elementarereignis, keinerlei Überlebensgröße ist „geschmackvoll“. Geschmackvoll ist der Durchschnitt, die Konvention, die saubere Schablone, das Bekannte: schon dadurch, dass wir uns in irgendeinem Phänomen nicht auskennen, wirkt es auf uns verwirrend, irritierend, beunruhigend; es hat die Geschmacklosigkeit, uns auf die Nerven zu gehen.«
Egon Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit, Napoleon und das Schicksal
Zitate
Die Französische Revolution
»Von ihren drei Leitvokabeln: fraternité, liberté und egalité war die erste eine leere Opernphrase, mit der sich in der politischen Praxis nicht das geringste anfangen lässt; und die beiden anderen sind unvereinbare Gegensätze. Denn die Gleichheit vernichtet die Freiheit und die Freiheit vernichtet die Gleichheit. Wenn alle Menschen als identisch angesehen werden und infolgedessen denselben Rechten, Pflichten und Lebensformen unterworfen werden, so sind sie nicht mehr frei; und wenn alle sich ungehemmt nach ihren verschiedenen Individualitäten entfalten dürfen, so sind sie nicht mehr gleich.«
Egon Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit, Die Revolution
Preußen vs. Österreich
»Er [Friedrich der Große] wollte immer bloß Schlesien, auf dessen Besitz aber Maria Theresia eigensinnig bestand. Dass er mit dieser Annexion im Recht war vielleicht nicht vor dem Phantom eines zweideutigen »Völkerrechts«, das übrigens immer nur von den Besiegten angerufen zu werden pflegt, wohl aber vor dem höheren Tribunal der Kulturgeschichte wird völlig klar, wenn man den späteren geistigen und moralischen Zustand Preußisch-Schlesiens mit dem der österreichisch gebliebenen Teile vergleicht.«
Egon Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit, Der Politiker
Wird leuchtend
Das besonders Erwärmende an Friedells „Kulturgeschichte der Neuzeit“ sind seine kleinen Miniaturen über Persönlichkeiten, die diese prägten oder von deren Teilepochen hervorgebracht wurden: Shakespeare, Luther, Friedrich der Große, Lessing, Lichtenberg …
»Wir sehen Schriftsteller, die sich jahrelang mit einem Problem oder einem Gedicht abmühen, ohne dass die Welt sie beachtet, sie verzweifeln und halten ihr Lebenswerk für nichtig: da erscheint plötzlich in irgendeinem Winkel ihres Geistes ein Gedanke, dem sie nie besonderen Wert beigelegt hatten, und dieser eine kleine Gedanke wird leuchtend und geht durch die Jahrhunderte.«
Egon Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit, Lichtenberg
Die Welt als Traum
»Seine [Shakespeares] ganze Weltanschauung ist in seiner Grabschrift enthalten: »We are such stuff as dreams are made of; wir sind aus gleichem Stoff gemacht wie Träume.« Dies scheint mir auch der Sinn des »Hamlet« zu sein: Hamlet ist ein so intensiver Fantasiemensch, dass er alles, was erst noch geschehen soll, in seinen Träumen vorwegnimmt, durchdenkt, zuendedenkt und schließlich zerdenkt; man kann aber eine Sache nur einmal voll erleben: in der Vorstellung oder in der Realität; Hamlet hat ohne seine Schuld und vielleicht sogar gegen seinen Willen das erstere gewählt: er träumt die Welt so stark, dass er sie nicht mehr erleben kann.«
Egon Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit, Die Welt als Traum