Zehn Tage, die über den Libanon entscheiden könnten
17. April 2026
Jens Hanssen[*]

Map of southern Lebanon highlighting areas still considered high-risk despite the ceasefire, reported by LBCI website
Seit Mitternacht des 16. April 2026 herrscht in Beirut eine offizielle Waffenruhe zwischen Israel und der Hizbollah. Zehn Tage lang – so steht es in der 6-Punkte Vereinbarung – soll sie dauern.
Während ich in Kairo festsitze, verfolge ich die Nachrichten aus einer Distanz, die sich unendlich anfühlt. Seit September 2023 bin ich nun Direktor des Orient-Institut Beiruts. Siebzehn Kolleginnen und Kollegen verbringen seit Wochen jeden Tag unter israelischen Drohnen und Kampfjets. Die Waffenruhe ist für sie keine diplomatische Abstraktion. Sie ist die Möglichkeit, einmal tief durchzuatmen, ein wenig zur Ruhe zu kommen. Hoffnung zu schöpfen. Die über sechs Wochen andauernden israelischen Luftangriffe fanden ihren Gipfel der Zerstörung am 8. April. An diesem unmenschlichen „schwarzen Mittwoch,“ kurz nach dem Waffenstillstand zwischen Iran und den USA, töteten israelische Kampfpiloten bei über 100 Angriffen über 300 Menschen innerhalb von nur zehn Minuten. Tausende wurden teils schwer verletzt, zehntausende aus ihren Nachbarschaften vertrieben, und die gesamte Hauptstadt in Panik versetzt.
Wer die Waffenstillstandsvereinbarung, die US-Außenminister Marco Rubio gestern in Washington verkündete, nüchtern liest, bemerkt sofort die Asymmetrie: Israel erklärt die Waffenruhe zur „Geste des guten Willens” – nicht zur Verpflichtung. Truppen bleiben in Südlibanon stationiert. Das Militär behält sich vor, jederzeit zu reagieren, wenn es sich bedroht fühlt. Die zehn Tage sind weniger ein Friedensangebot als ein Testlauf, fast ein Ultimatum – und ein taktisches Instrument in den Händen Netanjahus.
Was Netanyahu wirklich will
Netanjahu wird die Verhandlungen nutzen, um die libanesische Regierung zum Organ der Hisbollah-Entwaffnung zu machen. Ihm liegt wenig an einem Ende der Kampfhandlungen, es sei denn, er kann am Ende behaupten, einen historischen Frieden zwischen beiden Ländern hergestellt zu haben; einen Frieden, mit dem er sich die palästinensische Westbank vollends aneignen kann. Er wird die Latte der zu erfüllenden Forderungen sehr hochhalten und militärische Optionen niedrigschwellig offenhalten. Die Besatzung Südlibanons wird er als Faustpfand für seine Maximalforderung, die Hisbollahentwaffnung, einsetzen.
Der israelische Botschafter Yechiel Leiter formulierte es bei dem Treffen in Washington diese Woche unverblümt: „Wir stehen auf derselben Seite – das Böse der Hisbollah muss ausgerottet werden.” Keinen Waffenstillstand, nur Entwaffnung als Vorbedingung für den Stopp der Bombardierung im Südlibanon. Verteidigungsminister Israel Katz kündigte an, Grenzdörfer dauerhaft zu zerstören und Südlibanon auf unbestimmte Zeit zu besetzen. Über 2.080 Todesopfer seit März 2026, 40.000 zerstörte Wohneinheiten – und noch immer fliegen israelische Drohnen. Diese Drohkulisse ist enorm.
Der frühere israelische Chefunterhändler Daniel Levy warnt, Israels Forderungen klängen zwar vernünftig, seien aber so konzipiert, dass sie die libanesische Regierung beschämen und demütigen – weil Beirut die Hisbollah faktisch nicht entwaffnen kann. Michael Young vom Carnegie Middle East Centre in Beirut beschreibt die Strategie präzise: Israel und die USA drängen den Libanon in einen „gefährlichen Frieden” – einen Frieden, der weder Beiruts Prioritäten noch die arabische Friedensordnung berücksichtigt.
Was Präsident Aoun braucht
Präsident Joseph Aoun und Premier Nawaf Salam wollen die Verhandlungen nutzen, um dem Staat das Gewaltmonopol zurückzugeben und die Souveränität über das gesamte Territorium sowie über Kriegsentscheidungen zurückzuerlangen. Insbesondere geht es darum zu verhindern, dass Hisbollah das Land und das Leben der Menschen Libanons aufs Spiel setzt, wenn es – wissend, wie ungezügelt die Zerstörungswut dieser israelischen Regierung sein wird – Raketen nach Israel abfeuert. Das ist 2006 passiert, nach dem 7. Oktober 2023, und am 2. März dieses Jahres erneut.
Aoun wird in den Verhandlungen den vollständigen Rückzug aller israelischen Truppen verlangen und Reparationszahlungen für zerstörte Gebäude, Landwirtschaft, Wälder, Brücken und Straßen einfordern. Das innenpolitische Ziel ist klar: den Libanon aus der Umklammerung iranischer Regionalpolitik und israelischer Expansionspolitik zu befreien. Premier Salam wies Irans Angebot, als Verhandlungsführer für Beirut aufzutreten, öffentlich zurück – ein symbolisch bedeutsamer Bruch. Beirut ließ den iranischen Botschafter zur persona non grata erklären und verbannte die Revolutionsgarden (IRGC). Salam stellte fest, die IRGC hätten mit gefälschten Pässen Militäroperationen im Libanon geleitet.
Ein mutiges Kabinett ohne Proxy-Minister
Die libanesische Regierung verdient internationale Unterstützung – und sie verdient sie in einem Maße, das bislang ausbleibt. In dem, am heutigen Freitag, dem 17. April, von Präsident Macron anberaumten Treffen in Paris, geht es vornehmlich um die Straße von Hormus. Es stellt aber auch eine Möglichkeit dar, den Libanon zu unterstützen. Das Kabinett Nawaf Salam enthält erstmals seit Jahren keine iranischen oder saudischen Proxy-Minister. Nawaf Salam ist ein in Harvard ausgebildeter Völkerrechtler, er war UNO-Diplomat, und als er Anfang 2025 dem Ruf Präsident Aouns folgte, ein Kabinett in Beirut zu formen, amtierte er als Präsident des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag. Kulturminister Ghassan Salameh ist Politikprofessor an der Sciences Po in Paris und war UNO-Sondergesandter. Diesen Diplomatenwissenschaftlern ist unser Institut besonders verbunden. Doch das Kabinett hat über diese beiden hinaus weit fähigere Minister und Ministerinnen als in den vergangenen Jahrzehnten.
Und dennoch muss diese Regierung faktisch ohne Druckmittel an den Verhandlungstisch, um den Libanon vor der totalen Zerstörung zu retten.
Derweil feiern sich alle anderen als Helden des Waffenstillstands: Hisbollah inszeniert sich als den „unbeugsamen Widerstand“, der Israel zur Pause gezwungen hat. Iran reklamiert den Erfolg als Beweis seiner regionalen Unverzichtbarkeit. Trump verkauft die zehn Tage als den zehnten Friedensschluss seiner Administration. Und Netanyahu gibt den Staatsmann, der Gesten des guten Willens zeigt. Nur die libanesische Regierung – die eigentlich gefeiert werden müsste, weil sie als erste seit Jahrzehnten den Mut hatte, Irans Vormundschaft abzuschütteln und durch die Mittel der Diplomatie Israels Expansionsbestreben Einhalt zu gebieten – wird von allen Seiten beschimpft: von Hisbollah als Vaterlandsverräter, von israelischen Hardlinern als unzuverlässiges Werkzeug, von Teheran als Abtrünnige und von Teilen der eigenen Bevölkerung als Kollaborateure. Das ist die bittere Paradoxie zu Beginn dieser zehn Tage.
Das Risiko: Staatszerfall und neuer Bürgerkrieg
Hisbollah-Generalsekretär Naim Qassem bezeichnete noch vor ein paar Tagen die Verhandlungen als „freie Konzession” an Israel und die USA – die Dolchstoßlegende machte die Runde. Seine Sprache hat in Beirut Alarmstufe rot ausgelöst: Experten warnten vor einer gefährlichen Verschlechterung der fragilen libanesischen Innenpolitik, die einen neuen Bürgerkrieg auslösen könnte. Hisbollah hält 15 Parlamentssitze und ist militärisch nach wie vor stärker als die libanesische Armee. Eine vollständige Entwaffnung ohne Hisbollahs Konzessionen ist faktisch unmöglich.
Der Chatham House Think Tank in London hat bereits gewarnt: Eine verlängerte israelische Militärpräsenz im Südlibanon wird staatliche Institutionen weiter schwächen und Hisbollah die Möglichkeit geben, sich zu regenerieren und verlorenen Rückhalt zurückzugewinnen. Parlamentswahlen, die für Mai 2026 vorgesehen waren, wurden bereits auf zwei Jahre verschoben. Parteien nutzen die Lage zur Schürung sektiererischer Spaltungen. Der marode Staat, den Aoun und Salam von der Hisbollah nahen Regierungen beerbt haben und wieder funktionsfähig machen wollen, kann unter diesem Druck auseinanderbrechen.
Hinzu kommt die strukturelle Abhängigkeit Hisbollahs von Iran. Das Soufan Center zeigte im März 2026 auf, dass Hisbollahs eigener politischer Arm gegen den Wiedereintritt in den Krieg war – die IRGC dirigierten die Militäroperationen direkt. Iran und Hisbollah bestehen immer darauf, dass Libanon an Iran gekoppelt behandelt werden muss. Trump und Netanjahu lehnten das bis zuletzt ab. Die libanesische Regierung ist nicht gegen ein Iran-USA-Abkommen. Aber es ist ihr wichtig, jenen Verhandlungen nicht untergeordnet zu bleiben, sondern entlang einer selbständigen Zeitleiste zu agieren.
Was Deutschland tun muss
Deutschland muss sich hinter die allzu sporadischen Bemühungen Präsident Macrons stellen, den Libanon vor Israel zu schützen und von Hisbollah zu emanzipieren. Kanzler Merz darf sich nicht dazu hinreißen lassen, die libanesische Regierung die „Drecksarbeit des Dreckarbeiters Netanyahu” verrichten zu lassen – die Entwaffnung einer Partei zu verlangen, ohne ihr die nötigen Mittel, die internationale Rückendeckung und den politischen Schutz dafür zu geben.
Konkret bedeutet das: Deutschland sollte öffentlich und unmissverständlich auf einem vollständigen israelischen Truppenrückzug aus dem Libanon bestehen – als Grundlage jeder dauerhaften Vereinbarung. Es sollte die UNIFIL-Mission verlängern – sie läuft Ende des Jahres aus – und ihre Schutz- und Dokumentationsrolle verteidigen. Es sollte Reparationszahlungen für die Kriegsschäden als legitime Forderung Beiruts anerkennen und nicht Israel überlassen, die Verhandlungsagenda zu definieren. Und es sollte der libanesischen Regierung politische Rückendeckung geben, wenn sie gegenüber Hisbollah auf staatlicher Souveränität besteht.
Die Trump-Administration signalisiert Alignment mit Israels Vorgehen und schenkt der humanitären Lage kaum öffentliche Beachtung. 1,2 Millionen Binnenvertriebene, 20 Prozent der libanesischen Bevölkerung, haben ihr Zuhause verlassen müssen. Preise für Grundnahrungsmittel haben sich in Beirut nahezu verdoppelt. Medikamente werden knapp. Wenn Europa und Deutschland sich aus dieser Situation heraushalten, überlassen sie das Feld einer amerikanisch-israelischen Agenda, deren Ziel nicht die Stabilisierung des Libanon ist, sondern seine Formbarkeit.
Zehn Tage – auch Deutschland steht in der Verantwortung
Am 14. April 2026 trafen sich erstmals seit 1993 Botschafter beider Länder direkt in Washington – unter Leitung Marco Rubios. Ein historischer Schritt, ohne Frage. Die zehn Tage der Waffenruhe sind eine Chance , aber nur, wenn die internationale Gemeinschaft sie nutzt, um den Verhandlungsrahmen zugunsten der libanesischen Regierung zu verschieben.
Meine Kolleginnen und Kollegen in Beirut atmeten gestern auf. Aber sie wissen: zehn Tage sind keine Garantie. Was der Libanon jetzt braucht, ist nicht Neutralität Europas. Das Land braucht Parteinahme – für Souveränität, für Staatlichkeit, für eine Regierung, die bereit ist, das Richtige zu tun, wenn man sie lässt.
[*] Jens Hanssen ist Professor für arabische Geschichte an der Universität Toronto, Kanada und Leiter des Orient-Institut Beiruts, Libanon. Andrea Kazzer hat diesen Text dankenswerterweise redigiert.
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Orient-Institut Beirut (April 18, 2026). Zehn Tage, die über den Libanon entscheiden könnten. OIB_upclose. Retrieved July 27, 2026 from https://doi.org/10.58079/1639l
