2024
1. Wir fahren über Silvester nach Passau. Die Tradition verlangt, dass wir jedes Jahr in eine andere Stadt fahren, aber jedes Jahr mit den gleichen Freunden. Es sind ein paar ausgelassene Tage nach schwierigen Weihnachten. Am zweiten Tag des Jahres stirbt C.s Vater.
2. Im Februar wird Theo drei. Er ist schon so gross und so kräftig, aber auch verschmust und verschmitzt, wozu sein rostroter Lockenkopf gut passt. Er nimmt nun seit über einem Jahr keine Herzmedikamente und irgendwann habe ich aufgehört, heimlich den Herzrhythmus zu kontrollieren. Er wird aber immer mein Herzkind bleiben.
3. Im März treffen wir uns wieder zum Jassen in Zürich. Wir schaffen es nur alle paar Wochen, aber die eingespielte Viersamkeit beglückt mich sehr.
4. Der April ist warm und endlich können wir abends wieder draussen sein mit den Kindern. Sie radeln und rollern, oder tummeln sich mit den Nachbarskindern und ich versuche möglichst viel Zeit damit zu verbringen, in die Baumkronen zu schauen, um mein übertouriges Gehirn auszubremsen.
5. In der Vorlesung sind über hundert Studierende eingeschrieben. Der Hörsaal ist rappelvoll, ich muss vor der Schwelle immer etwas tiefer durchatmen als sonst vor Lehrveranstaltungen. Im Mai erhalte ich die Evaluationen, aus denen mir sehr viel Wertschätzung entgegenschlägt. Ein paar Wochen lang schaue ich sie immer wieder an. Diese wunderschöne Prozentlinie. So viele freundliche Worte. Gute Evaluationen sind für die Entfristung leider irrelevant, da war der Dekan recht deutlich, aber sie machen mich trotzdem glücklich.
6. Im Juni schliesse ich alle Leistungsüberprüfungen ab und komme endlich zum Schreiben. Ich fahre in der kühlen Morgensonne den Rhein entlang und finde neue, schöne Schreiborte. Oft fahre ich nach Kleinbasel, weil da die besten Cafés sind, aber auch für diesen plötzlichen Weitblick morgens auf der Wettsteinbrücke. Dann tippe ich meist vergnügt vor mich hin, mit der wachsenden Gewissheit, dass das ein Buch wird, vielleicht sogar ein gutes.
7. Es ist schon der zweite Sommer in Basel. Ich finde neue Laufstrecken, neue Spielplätze. Ich erfahre die Stadtviertel. Ein paar Mal radeln wir abends über die grüne Grenze nach Deutschland zum Baden. Immer wieder die Himmelsleitern im Augenwinkel, beim Laufen am Rhein, beim Kinderholen in einer Strassenflucht, halb transparent vor dem Abendhimmel. Langsam entwickelt sich die Schockverliebtheit in diese Stadt in eine Liebesbeziehung.
8. Anfang August fahren wir mit Freunden ins Friaul, in ein grosses Haus in den Bergen, rundherum eine riesige Wiese, über die die kleine Kinderbande rennt. Ich mache Achtsamkeitsübungen, bei denen ich eigentlich nur auf zehn zähle, seit ein paar Monaten schon. Zehn Sekunden, damit die Wahrnehmung Zeit hat, im Körper anzukommen. Der Effekt ist erstaunlich. Auch erstaunlich ist, wie selten ich es bis zehn schaffe, ohne dass ein Kind mich unterbricht. Trotzdem sammle ich so viele goldene Momente in diesem Urlaub wie schon lange nicht mehr: Die Abendsonne über den Hügeln, diese paar Momente der alkoholisierten Ausgelassenheit und auch ein paar Momente der wiedergewonnenen Zweisamkeit.
9. Ende August wird Johanna sechs. Wir erzählen ihr immer wieder, wie sie auf die Welt gekommen ist, wie klein sie war als Frühchen, nur eine Handvoll Mensch, es Hämpfeli. Und jetzt ist sie so gross, grösser als alle anderen Kinder in ihrer Kindergartengruppe, selbstbewusst, empathisch und gscheit.
10. Im Oktober treffe ich C., mit der ich in Zürich promoviert habe. Wir schreiben beide am zweiten Buch, sie auf einer Postdoc-Stelle. Wir reden über den Wechsel nach Basel, dass ich jetzt zwar Mitarbeitende habe, aber fast keine Fachkolleginnen, kaum jemanden zum Mittagessengehen. "Tja Sarina", sagt C. und grinst, "es ist einsam an der Spitze."
11. Im November schliessen wir das Blockseminar ab, das mich im Oktober viel Nerven gekostet hat. Der letzte Tag in Basel fällt in den grossen Schneefall, die Strassburger Studierenden stecken im Zug fest und alles wird etwas improvisiert. Doch die Erleichterung, das zu Ende zu bringen, ist gross, und die Fussmärsche durch das verschneite Basel sind wunderschön.
12. Trotzdem setzen mir der Winter und das Semester zu. Das Schönste am Tag ist die Stunde, bevor die Kinder einschlafen, das Vorlesen, die letzten Zärtlichkeiten des Tages. Ich habe in jedem Arm ein kleines Köpfchen und zähle auf zehn.
2. Im Februar wird Theo drei. Er ist schon so gross und so kräftig, aber auch verschmust und verschmitzt, wozu sein rostroter Lockenkopf gut passt. Er nimmt nun seit über einem Jahr keine Herzmedikamente und irgendwann habe ich aufgehört, heimlich den Herzrhythmus zu kontrollieren. Er wird aber immer mein Herzkind bleiben.
3. Im März treffen wir uns wieder zum Jassen in Zürich. Wir schaffen es nur alle paar Wochen, aber die eingespielte Viersamkeit beglückt mich sehr.
4. Der April ist warm und endlich können wir abends wieder draussen sein mit den Kindern. Sie radeln und rollern, oder tummeln sich mit den Nachbarskindern und ich versuche möglichst viel Zeit damit zu verbringen, in die Baumkronen zu schauen, um mein übertouriges Gehirn auszubremsen.
5. In der Vorlesung sind über hundert Studierende eingeschrieben. Der Hörsaal ist rappelvoll, ich muss vor der Schwelle immer etwas tiefer durchatmen als sonst vor Lehrveranstaltungen. Im Mai erhalte ich die Evaluationen, aus denen mir sehr viel Wertschätzung entgegenschlägt. Ein paar Wochen lang schaue ich sie immer wieder an. Diese wunderschöne Prozentlinie. So viele freundliche Worte. Gute Evaluationen sind für die Entfristung leider irrelevant, da war der Dekan recht deutlich, aber sie machen mich trotzdem glücklich.
6. Im Juni schliesse ich alle Leistungsüberprüfungen ab und komme endlich zum Schreiben. Ich fahre in der kühlen Morgensonne den Rhein entlang und finde neue, schöne Schreiborte. Oft fahre ich nach Kleinbasel, weil da die besten Cafés sind, aber auch für diesen plötzlichen Weitblick morgens auf der Wettsteinbrücke. Dann tippe ich meist vergnügt vor mich hin, mit der wachsenden Gewissheit, dass das ein Buch wird, vielleicht sogar ein gutes.
7. Es ist schon der zweite Sommer in Basel. Ich finde neue Laufstrecken, neue Spielplätze. Ich erfahre die Stadtviertel. Ein paar Mal radeln wir abends über die grüne Grenze nach Deutschland zum Baden. Immer wieder die Himmelsleitern im Augenwinkel, beim Laufen am Rhein, beim Kinderholen in einer Strassenflucht, halb transparent vor dem Abendhimmel. Langsam entwickelt sich die Schockverliebtheit in diese Stadt in eine Liebesbeziehung.
8. Anfang August fahren wir mit Freunden ins Friaul, in ein grosses Haus in den Bergen, rundherum eine riesige Wiese, über die die kleine Kinderbande rennt. Ich mache Achtsamkeitsübungen, bei denen ich eigentlich nur auf zehn zähle, seit ein paar Monaten schon. Zehn Sekunden, damit die Wahrnehmung Zeit hat, im Körper anzukommen. Der Effekt ist erstaunlich. Auch erstaunlich ist, wie selten ich es bis zehn schaffe, ohne dass ein Kind mich unterbricht. Trotzdem sammle ich so viele goldene Momente in diesem Urlaub wie schon lange nicht mehr: Die Abendsonne über den Hügeln, diese paar Momente der alkoholisierten Ausgelassenheit und auch ein paar Momente der wiedergewonnenen Zweisamkeit.
9. Ende August wird Johanna sechs. Wir erzählen ihr immer wieder, wie sie auf die Welt gekommen ist, wie klein sie war als Frühchen, nur eine Handvoll Mensch, es Hämpfeli. Und jetzt ist sie so gross, grösser als alle anderen Kinder in ihrer Kindergartengruppe, selbstbewusst, empathisch und gscheit.
10. Im Oktober treffe ich C., mit der ich in Zürich promoviert habe. Wir schreiben beide am zweiten Buch, sie auf einer Postdoc-Stelle. Wir reden über den Wechsel nach Basel, dass ich jetzt zwar Mitarbeitende habe, aber fast keine Fachkolleginnen, kaum jemanden zum Mittagessengehen. "Tja Sarina", sagt C. und grinst, "es ist einsam an der Spitze."
11. Im November schliessen wir das Blockseminar ab, das mich im Oktober viel Nerven gekostet hat. Der letzte Tag in Basel fällt in den grossen Schneefall, die Strassburger Studierenden stecken im Zug fest und alles wird etwas improvisiert. Doch die Erleichterung, das zu Ende zu bringen, ist gross, und die Fussmärsche durch das verschneite Basel sind wunderschön.
12. Trotzdem setzen mir der Winter und das Semester zu. Das Schönste am Tag ist die Stunde, bevor die Kinder einschlafen, das Vorlesen, die letzten Zärtlichkeiten des Tages. Ich habe in jedem Arm ein kleines Köpfchen und zähle auf zehn.
nuss - 21. Jan, 13:20




