Dieser Roman ist mir als einer der ganz großen Romane empfohlen worden, und wenn man in die Kritiken und Besprechungen schaut, findet man diesen Ton öfter – aber man findet auch deutliche Kritik sowohl an der Sprache wie an der Art, wie Sebald sich mit Werken anderer Autoren auseinandersetzt.
Den Inhalt kann man in den ersten drei Links leicht nachlesen: Ein Ich-Erzähler trifft auf einen Herrn Austerlitz, mit dem ihn das Interesse an Architektur verbindet und der ihm im Verlauf vieler Jahre bei gelegentlichen Treffen seine Lebensgeschichte erzählt. Im Alter von 4 Jahren ist er 1939 mit einem Kindertransport nach England vor den Nazis in Sicherheit gebracht worden, bei einem schrecklichen Pfarrer aufgewachsen, spät über seine Identität aufgeklärt worden, traumatisiert und in Beziehungen zu anderen gestört – so versucht er, das Schicksal seiner Eltern zu erforschen, wobei er für die Mutter auf das Lager Theresienstadt stößt, während die Spur des Vaters sich in Paris verliert.
Ich kann die Begeisterung über den Roman nicht teilen. Einmal finde ich seine Sprache teilweise manieriert, so wenn er häufig im Nebensatz das Verb nach vorn zieht („daß wir warten mußten in einem grün gestrichenen Raum“) und wenn er konsequent im Perfekt „haben“ durch „sein“ ersetzt („bin über den Zeitungen gesessen“, „bin gestanden“ etc.). Zum anderen erzeugt Sebald einen Schein von Tiefsinn; so berichtet Austerlitz von einem Besuch in Theresienstadt, wo er in einem Laden hundert verschiedene Dinge sieht, von denen er Antwort „auf die vielen, nicht auszudenkenden Fragen, die mich bewegten“, erwartet: „Was bedeutet das Festtagstischtuch mit weißer Spitze, das über der Rückenlehne der Ottomane hing, der Wohnzimmersessel mit seinem verblaßten Brokatbezug? Welches Geheimnis bargen die drei verschieden großen Messingmörser (…)?“ Ganz einfach, das Tischtuch bedeutet gar nichts, und die Messingmörser bergen auch kein Geheimnis – nur das Raunen des Erzählers erzeugt die Atmosphäre eines Geheimnisses.
Die fragwürdige Mystik wird am stärksten in dem sichtbar, was Protagonist Austerlitz über die Zeit sagt. In seinem ersten Vortrag über die Zeit (S. 145-148 in der Ausgabe der SZ-Bibliothek, 2008) macht er deutlich, dass seine Einschätzung der Zeit als etwas Künstliches und Schwankendes dem Wunsch entspringt, das Geschehene (die Ermordung der Eltern etc.) ungeschehen zu machen; auf eine Kritik einzelner Aussagen hier verzichte ich. Erwähnt sei die seltsame Erfahrung, dass ein Zimmer über Jahrzehnte abgesperrt und unverändert geblieben ist (S. 156 f.). Rätselhaft ist die Äußerung Austerlitz‘, es gebe für ihn Augenblicke „ohne Anfang und Ende“, sein Leben sei manchmal für ihn „wie ein blinder Punkt ohne jede Dauer“ (S. 169); speziell unter der letzten Aussage kann ich mir nichts vorstellen. Erschöpft von der Denk- und Erinnerungsarbeit fühle er, „wie die Zeit sich zurückbiegt in mir“ (S. 172); das verstehe ich nicht. Eine Anwandlung hat Austerlitz in einem Bahnhof erlebt, wo die Erinnerungen sich ineinander verschachtelten und der Wartesaal „alle Stunden meiner Vergangenheit“ enthalten habe (S. 196) – wiederum rätselhaft. Im Anschluss an den Bericht von einem Traum von seinen Eltern: „Es scheint mir nicht, sagte Austerlitz, daß wir die Gesetze verstehen, unter denen sich die Wiederkunft der Vergangenheit vollzieht“; es komme ihm vor, „daß wir, die wir uns am Leben befinden, in den Augen der Toten irreale und nur manchmal, unter bestimmten Lichtverhältnissen und atmosphärischen Bedingungen sichtbar werdende Wesen sind“ (S. 265). Dazu sage ich: Es gibt keine Gesetze für die Wiederkunft der Vergangenheit, und über die Augen oder Sicht der Toten zu spekulieren ist blanker Unsinn – Mystizismus. [Sprachlich: Wir sind am Leben oder befinden uns im Leben.] Man könnte auch noch Stellen auf S. 314 und 363 erwähnen, aber das Bisherige reicht: Aus dem verständlichen, jedoch utopischen Wunsch, das Geschehene ungeschehen zu machen, verfällt Austerlitz auf eine krude Zeitmetaphysik, die nur scheinbar tiefsinnig ist. So bewältigt man den Holocaust nicht, Herr Sebald.
Eine weitere Frage wäre, ob die massiven Zusammenbrüche des Herrn Austerlitz seinem Lebensweg angemessen sind oder ob sie das erzählte Geschehen erzähltechnisch dramatisieren sollen. Dazu hatte ich mir aber keine Aufzeichnungen gemacht. Wie bemüht die Sicht von Austerlitz/Sebald ist, zeigt die Benennung „Mordstadt Bacharach“: Im späten 13. Jahrhundert kam es im Rheinland nach dem vermeintlichen Ritualmord an Werner von Bacharach zu einer großen Judenverfolgung. Vielleicht sollte man heute eher von anderen Mordstädten sprechen?
https://www.deutschlandfunk.de/austerlitz-102.html (mit großen Zitaten)
https://literaturkritik.de/id/3909 (ausführlich, begeistert)
https://www.perlentaucher.de/buch/w-g-sebald/austerlitz.html (Übersicht über die großen Rezensionen)
https://taz.de/Debatte-um-Schriftsteller-W-G-Sebald/!5820753/ (über Sebald)