W. G. Sebald: Austerlitz (2001) – kritisch gelesen

Dieser Roman ist mir als einer der ganz großen Romane empfohlen worden, und wenn man in die Kritiken und Besprechungen schaut, findet man diesen Ton öfter – aber man findet auch deutliche Kritik sowohl an der Sprache wie an der Art, wie Sebald sich mit Werken anderer Autoren auseinandersetzt.

Den Inhalt kann man in den ersten drei Links leicht nachlesen: Ein Ich-Erzähler trifft auf einen Herrn Austerlitz, mit dem ihn das Interesse an Architektur verbindet und der ihm im Verlauf vieler Jahre bei gelegentlichen Treffen seine Lebensgeschichte erzählt. Im Alter von 4 Jahren ist er 1939 mit einem Kindertransport nach England vor den Nazis in Sicherheit gebracht worden, bei einem schrecklichen Pfarrer aufgewachsen, spät über seine Identität aufgeklärt worden, traumatisiert und in Beziehungen zu anderen gestört – so versucht er, das Schicksal seiner Eltern zu erforschen, wobei er für die Mutter auf das Lager Theresienstadt stößt, während die Spur des Vaters sich in Paris verliert.

Ich kann die Begeisterung über den Roman nicht teilen. Einmal finde ich seine Sprache teilweise manieriert, so wenn er häufig im Nebensatz das Verb nach vorn zieht („daß wir warten mußten in einem grün gestrichenen Raum“) und wenn er konsequent im Perfekt „haben“ durch „sein“ ersetzt („bin über den Zeitungen gesessen“, „bin gestanden“ etc.). Zum anderen erzeugt Sebald einen Schein von Tiefsinn; so berichtet Austerlitz von einem Besuch in Theresienstadt, wo er in einem Laden hundert verschiedene Dinge sieht, von denen er Antwort „auf die vielen, nicht auszudenkenden Fragen, die mich bewegten“, erwartet: „Was bedeutet das Festtagstischtuch mit weißer Spitze, das über der Rückenlehne der Ottomane hing, der Wohnzimmersessel mit seinem verblaßten Brokatbezug? Welches Geheimnis bargen die drei verschieden großen Messingmörser (…)?“ Ganz einfach, das Tischtuch bedeutet gar nichts, und die Messingmörser bergen auch kein Geheimnis – nur das Raunen des Erzählers erzeugt die Atmosphäre eines Geheimnisses.

Die fragwürdige Mystik wird am stärksten in dem sichtbar, was Protagonist Austerlitz über die Zeit sagt. In seinem ersten Vortrag über die Zeit (S. 145-148 in der Ausgabe der SZ-Bibliothek, 2008) macht er deutlich, dass seine Einschätzung der Zeit als etwas Künstliches und Schwankendes dem Wunsch entspringt, das Geschehene (die Ermordung der Eltern etc.) ungeschehen zu machen; auf eine Kritik einzelner Aussagen hier verzichte ich. Erwähnt sei die seltsame Erfahrung, dass ein Zimmer über Jahrzehnte abgesperrt und unverändert geblieben ist (S. 156 f.). Rätselhaft ist die Äußerung Austerlitz‘, es gebe für ihn Augenblicke „ohne Anfang und Ende“, sein Leben sei manchmal für ihn „wie ein blinder Punkt ohne jede Dauer“ (S. 169); speziell unter der letzten Aussage kann ich mir nichts vorstellen. Erschöpft von der Denk- und Erinnerungsarbeit fühle er, „wie die Zeit sich zurückbiegt in mir“ (S. 172); das verstehe ich nicht. Eine Anwandlung hat Austerlitz in einem Bahnhof erlebt, wo die Erinnerungen sich ineinander verschachtelten und der Wartesaal „alle Stunden meiner Vergangenheit“ enthalten habe (S. 196) – wiederum rätselhaft. Im Anschluss an den Bericht von einem Traum von seinen Eltern: „Es scheint mir nicht, sagte Austerlitz, daß wir die Gesetze verstehen, unter denen sich die Wiederkunft der Vergangenheit vollzieht“; es komme ihm vor, „daß wir, die wir uns am Leben befinden, in den Augen der Toten irreale und nur manchmal, unter bestimmten Lichtverhältnissen und atmosphärischen Bedingungen sichtbar werdende Wesen sind“ (S. 265). Dazu sage ich: Es gibt keine Gesetze für die Wiederkunft der Vergangenheit, und über die Augen oder Sicht der Toten zu spekulieren ist blanker Unsinn – Mystizismus. [Sprachlich: Wir sind am Leben oder befinden uns im Leben.] Man könnte auch noch Stellen auf S. 314 und 363 erwähnen, aber das Bisherige reicht: Aus dem verständlichen, jedoch utopischen Wunsch, das Geschehene ungeschehen zu machen, verfällt Austerlitz auf eine krude Zeitmetaphysik, die nur scheinbar tiefsinnig ist. So bewältigt man den Holocaust nicht, Herr Sebald.

Eine weitere Frage wäre, ob die massiven Zusammenbrüche des Herrn Austerlitz seinem Lebensweg angemessen sind oder ob sie das erzählte Geschehen erzähltechnisch dramatisieren sollen. Dazu hatte ich mir aber keine Aufzeichnungen gemacht. Wie bemüht die Sicht von Austerlitz/Sebald ist, zeigt die Benennung „Mordstadt Bacharach“: Im späten 13. Jahrhundert kam es im Rheinland nach dem vermeintlichen Ritualmord an Werner von Bacharach zu einer großen Judenverfolgung. Vielleicht sollte man heute eher von anderen Mordstädten sprechen?

https://de.wikipedia.org/wiki/Austerlitz_(Roman)

https://www.deutschlandfunk.de/austerlitz-102.html (mit großen Zitaten)

https://literaturkritik.de/id/3909 (ausführlich, begeistert)

https://www.belletristik-couch.de/titel/3626-austerlitz/

https://www.dw.com/de/w-g-sebald-austerlitz/a-44899438

https://lehrerfortbildung-bw.de/u_sprachlit/deutsch/gym/bp2016/fb13/2_alle/sebald_austerlitz_2001/

https://www.dieterwunderlich.de/Sebald_Austerlitz.htm

https://www.perlentaucher.de/buch/w-g-sebald/austerlitz.html (Übersicht über die großen Rezensionen)

https://de.wikipedia.org/wiki/W._G._Sebald

https://taz.de/Diskussion-ueber-den-Autor-W-G-Sebald/!5618861/ (über Sebald)

https://taz.de/Debatte-um-Schriftsteller-W-G-Sebald/!5820753/ (über Sebald)

Chr. Ransmayer: Cox oder Der Lauf der Zeit (2016) – gelesen

Ein knappes Jahr dauert das erzählte Geschehen, von der Ankunft einer Gruppe brillianter englischer Uhrmacher im Herbst in China bis zu ihrer Abreise im nächsten Sommer. Sie sind auf Einladung des chinesischen Kaisers gekommen, haben auch Uhren mitgebracht, wissen aber nicht genau, was sie tun sollen. Sie werden im Lauf der Zeit drei Uhren bauen: eine, die das Zeiterleben eines Kindes spiegelt, eine für das Zeiterleben eines Todgeweihten und eine, die quasi ewig laufen soll.

In diese Uhrmachergeschichte ist einmal die Besichtigung der fernen chinesischen Welt und ihres noch ferneren gottgleichen Kaisers und seiner Umgebung eingebunden; daneben oder zugleich wird das Erleben des Protagonisten Cox, des größten Uhrmachers seiner Zeit, geschildert, der von der kühlen Distanz seiner jungen Frau Faye, dem frühen Tod seiner Tochter Abigail und der Beinahe-Begegnung mit der zaubrhaften Mädchenfrau Än, der Lieblingskonkubine des Kaisers, in seinen Gefühlen beherrscht wird.

Der gottgleiche Kaiser, der nur hinter einem Vorhang eher oberflächlich über die Zeit philosophiert, löst damit in Cox ein Gefühl des Triumphes aus: „Er wußte, was [Kaiser] Qiánlóng dachte, wußte, was Qiánlóng sagen würde, wußte!, was der Kaiser von China von ihm wollte, noch bevor der es aussprechen und Kiang seinen Wunsch übersetzen konnte.“ Woher dieses gottgleiche Wissen stammt, wird nicht erklärt: Cox entschließt sich, eine Uhr zu bauen, an der man das Zeiterleben eines Kindes ablesen kann, dem die Zeit manchmal dahinschleicht und manchmal bei Angst vor drohender Strafe rast. Diese Uhr wird von den Engländern „Winduhr“ genannt, weil sie nur bei Luftzug läuft und sonst steht.

Hier ist ein erster kritischer Einwand geboten: Was der Kaiser vom Zeiterleben des Kindes sagt, ist so allgemein, dass es für jedes Zeiterleben gilt; wie ein bestimmtes Kind die Zeit im Augenblick erlebt, kann die Uhr nicht zeigen. Das weiß übrigens Ramsmayer und mit ihm Cox: Cox sagt, eine Uhr könne „nur den Inhalt unseres eigenen Kopfes, bestenfalls noch die Wünsche ihres Besitzers oder Auftraggebers sichtbar machen“. Damit ist das Projekt Winduhr theoretisch erledigt; der Kaiser beruft die Uhrmacher kurz vor dessen Vollendung ab und ordnet das neue Projekt Uhr der Todgeweihten an.

Auch wenn zu diesem Zweck der Erzähler detailliert die bevorstehende Hinrichtung zweier Ärzte schildert und der Kaiser einen Besuch der Engländer bei ihnen für die lebendige Anschauung Todgeweihter anordnet, macht das die Konstruktion der Uhr nicht besser; auch lässt Ramsmayer bzw. der Kaiser sie auf ihren Wunsch eine Reise zur Chinesischen Mauer im Winter unternehmen – die Mauer wird dann das Modell der neuen Uhr werden.

Den dritten Auftrag erteilt der Kaiser ganz jovial, als er sich mit den Engländern – unerhört! – privat im Regen am Fluss trifft: „ein Uhrwerk, das die Sekunden, die Augenblicke, die Jahrhunderttausende und weiter, die Äonen der Ewigkeit messen konnte und dessen Zahnräder sich noch drehen würden, wenn seine Erbauer und alle ihre Nachkommen und deren Nachkommen längst wieder vom Angesicht der Erde verschwunden waren“. Aber erstens ist diese Vorstellung reichlich verworren, und zweitens wissen die Engländer, dass ein perpetuum mobile bzw. vollkommen geschlossene Systeme in dieser Welt nicht existieren können. Gleichwohl bauen sie eine Uhr, die dem Ideal nahekommen und mindestens ein paar hundert Jahre laufen soll. Ihr chinesischer Dolmetscher warnt sie, es dürfe keine Uhr geben, die länger als der Kaiser – Herr über die Zeit! – laufen könne; sie gefährdeten damit ihr Leben; Cox begreift das, verzögert den Bau und lässt die letzten Handgriffe den fernen Kaiser tun, dem er genau beschreibt, was dieser zu tun habe. Dann fahren die Engländer, um einen Toten weniger, reich beschenkt im Sommer ab; der Kaiser aber verbrennt Cox‘ Anweisungen und lässt die Uhr unvollendet.

Das erinnert mich an das Märchen vom weisen Kaiser Suleiman, der darauf verzichtet, das Wasser des Lebens zu trinken und ewig zu leben – die Weisheit trieft durch die Buchstaben des Romans auf den Schreibtisch. Gleichwohl ist es eine reichlich platte Weisheit: Die Engländer wissen, dass es die gefährliche Uhr überhaupt nicht geben kann, aber Cox tut in seiner Angst so, als könnte sie doch funktionieren: einer der logischen Seiltricks des Erzählers bzw. des Autors.

Was bietet der Roman? Eine gefällige Erzählung vom alten China, eine banale Zeitphilosophie und zwischendurch einige abenteuerliche Episoden sowie einen Protagonisten, der an den Resten seiner Familie leidet. Halt, noch eines: Als ihn Än bei einer Visite berührt, ist er dem Himmel nah, der Zeit enthoben. Das ist doch auch etwas, oder?

https://www.dieterwunderlich.de/Ransmayr-Cox-lauf-der-zeit.htm

https://www.buecherrezensionen.org/buecher/rezension/christoph-ransmayr-cox-oder-der-lauf-der-zeit.htm

https://journals.univie.ac.at/index.php/mp/article/view/mi1027

https://www.perlentaucher.de/buch/christoph-ransmayr/cox.html (wenig vorsichtige und eine klare Kritik)

Th. Mann: Der Zauberberg – zum zweiten Mal gelesen

In den letzten beiden Wochen habe ich Thomas Manns Zauberberg zum zweiten Mal gelesen; von der ersten Lektüre 1995 hatte ich fast gar nichts mehr behalten. Es ist ein eindrucksvoller Roman, zu dem es eine Menge Inhaltsangaben, Interpretationen und Untersuchungen gibt, so dass ich überfordert wäre, etwas Neues zu schreiben; ich habe im Wikipedia-Artikel einen Satz hinzugefügt und unter „Diskussion“ meine Kritik an zwei Behauptungen zum Zeit-Thema dort festgehalten.

Ich möchte ausdrücklich auf das hinweisen, was Hans Castorp über das Leben im Unterschied zum Toten denkt („Was ist das Leben? …“, im Abschnitt „Forschungen“), was für mich wichtiger war, als es gemeinhin dargestellt wird. Auch Castors Selbstbild, das er im Gespräch mit Peeperkorn zeichnet („Ich bin seit langer Zeit hier oben…“, im Abschnitt „Mynheer Peeperkorn (des weiteren)“), verdient Beachtung.

„Der Zauberberg“ ist ein großer Roman, ein Zeitroman, den man mit einer einzigen Lektüre nicht erschöpft, lebenswert, zumal da die Zeit selber ans Geheimnis unseres Lebens rührt.

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Zauberberg (umfangreich)

https://www.mythos-magazin.de/methodenforschung/ap_zauberberg.pdf (A. Petelin: Philosophische Bezüge in Thomas Manns Roman Der Zauberberg:

„Er [Nietzsche] begreift das Dionysische als den Lebensprozess selbst, als Wechsel von Werden und Vergehen, das eine gleichsam schöpferische wie destruktive Kraft darstellt. Im Rückbezug auf HERAKLIT verweist er auf das den Krieg als ein typisches Phänomen für das Hervorbrechen dionysischer Energien. Zivilisationen als Produkt des Apollinischen erscheinen ihm dementsprechend als Bollwerke gegen diesen endlosen Vernichtungskampf. Institutionen, Rituale und Sinngebungen dienen der Repräsentation der dionysischen Energien, die durch sie sowohl sublimiert, als auch angezapft werden. Das Dionysische und das Apollinische sind insofern antagonistische Prinzipien, die einander dennoch wechselseitig bedingen, denn erst durch ihr Zusammenspiel gelangen Kulturen zu ihrer Blüte. (…)

Im Folgenden soll nun untersucht werden, in welchem Ausmaß THOMAS MANN durch den Rückgriff auf die Kulturphilosophie FRIEDRICH NIETZSCHES und die ihr zugrunde liegenden Prinzipien des Apollinischen und Dionysischen das Beziehungsgeflecht zwischen der Handlung, den Figuren und Schlüsselmotiven des Romans herstellt. Vorweg sei darauf hingewiesen, dass THOMAS MANN selbst die Begriffe des Apollinischen und Dionysischen nicht verwendet, sondern stattdessen Begriffspaare wie Geist und Leben, Vernunft und Leidenschaft, Geist und Natur, Westen und Osten oder auch Geist und Körper verwendet. In den weiteren Ausführungen werden die Begriffspaare synonym zu denen NIETZSCHEs gehandhabt.“ – S. 19-37 findet man eine große Zusammenfassung des Geschehens; bedeutsam und tiefgründig ist die Interpretation der Figur Peeperkorn.)

https://d-nb.info/978901525/34 (Diss: zur Komposition des Romans)

https://www.duo.uio.no/bitstream/handle/10852/25600/Overrein_Master.pdf?sequence=1 (Die Bedrohung des Bürgerlichen im Roman – Masterarbeit von P. A. Overrein, Oslo. Das ist in der Fragestellung eine wichtige Arbeit, die aber als Masterarbeit natürlich viele Wünsche offen lässt:

„Laut Ingarden muss ein Leser eines literarischen Werkes „leere Stellen“ ausfüllen, um zum Verständnis eines Romans zu gelangen. Mein Verständnis, dass der Roman von einer Bedrohung handelt, ist eine solche Ausfüllung. Die Diskussion über das Bürgertum ist ebenso eine Ausfüllung. […] Castorp weicht von einigen Normen ab (Normen in dem Erwartungshorizont, siehe Kap. 3). Erstens verlässt er seine Ingenieurkarriere, und damit die Möglichkeit, an der Front des Fortschritts zu kämpfen. Zweitens verliebt er sich in eine nichtbürgerliche Frau, aber auf eine nichtproduktive Weise, da er homoerotische Neigungen hat. Die Atmosphäre des Kurorts droht ihm, seine bürgerliche Bildung in vielerlei Weise zu schwächen oder niederzubrechen, z. B. ihn zum Zynismus zu stimulieren. Das Interessante mit dem Buch ist, dass Castorp, obwohl er sein ganzes bürgerliches Leben in Gefahr setzt, die Kraft hat, diesem Widerstand entgegen zu stehen [setzen]. Er widersteht durch seine humanistische Skepsis gegenüber dem Fortschrittsglauben, und dadurch, dass er andere Eigenschaften als die Ingenieur-Fähigkeiten in sich selbst erweckt.

Er hält einen Abstand zu den Menschen, denen er begegnet, sowohl in der Liebe als beim Kontakt mit den Patienten und Ideologen. Abstand zu halten hat auch damit zu tun, dass er ein Spieler ist. Er tritt nicht wahrhaftig gegenüber der Liebe oder den Ideologen auf. Die Ideologen benutzt er als eine Aktivität, eine Unterhaltung, ohne die Ideologen zu unterstützen. Die Stärke seines Verhaltens ist, dass er den Kurort überlebt. Aber man kann fragen, ob der Preis ist, dass seine Beziehung zu den Menschen von großer Einsamkeit geprägt ist.“)

https://journals.openedition.org/zjr/1281 (Der Roman zwischen Religion und Literatur)

https://erikdesmedt.eu/mann.htm (Struktur und Funktion der Gespräche)

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/kunst-und-kultur/thomas-mann-der-zauberberg.html (KLL)

Monika Skálová. Interpretation des Werkes „Der Zauberberg“ von Thomas Mann (Interpretation – Masterarbeit; es gelingt mir nicht, die Arbeit zu verlinken)

https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/gequ.12245 (Dimensionen des Zeitbegriffs im Roman – sehr gelehrt)

https://www.christian-gloystein.de/thomas-mann.html (Zusammenfassung einer Diss)

https://apcz.umk.pl/szhf/article/download/4060/3934 (Pakalski: Selbstwiderspruch und Synthese – Interpretation: Suche nach deutscher Identität)

https://comparaisondetre.wordpress.com/2018/03/03/thomas-mann-der-zauberberg/ (Interpretation nach einer ersten Lektüre)

https://www.xlibris.de/Autoren/Mann/Werke/Der%20Zauberberg (Interpretation, sehr eng)

https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/der-zauberberg/5429 (ausführlicher)

https://www.dieterwunderlich.de/Mann_zauberberg.htm (quasi beinahe gelehrt)

https://literaturkritik.de/id/6508 (Interpretation anlässlich einer Neuausgabe)

Kurt Tucholsky: Zu tun! Zu tun! – Text und Analyse

Zu tun! Zu tun!

Heute lese ich da in der Zeitung:
In Los Angeles gibts einen Schnapsverein,
und man befürchtet seine Verbreitung
in dem übrigen Land – dabei fällt mir ein:
Ich sollte mal wieder an Edith schreiben
(in Kalifornien) – seit Januar
liegt der Brief da, und ich lass es bleiben
und verschieb es nun schon ein halbes Jahr.
Das ist nicht richtig. Es nimmt mir die Ruh.
Aber… ich komme nicht dazu.

Der Arzt sagt, ich soll mir Bewegung machen.
Da gibt es so eine Schule für Sport…
Auf dem Boden liegen noch alte Sachen,
die sollten doch längst für die Armen fort!
Bin ich an Vaterns Grab gewesen?
Ich nehm es mir vor – und dabei wirds nie.
Das Gelbbuch wollte ich immer mal lesen,
das und Simmels Soziologie.
Wie oft wollt ich schon nach Friedrichsruh!
Aber… ich komme nicht dazu.

Einstmals, wenn die Posaunen schallen,
steigt auf der Berliner aus seinem Grab.
Und er steht in der ersten Reihe vor allen –
(»Weil ich doch meine Beziehungen hab!«)
Gott, der Herr, mild und voll Frieden,
der über allen Gewässern schwebt,
spricht: »Berliner! Was tatst du hienieden?
Menschenskind! Wie hast du gelebt –?«

Und der Berliner sagt darauf verschwommen:
»Ich… bin leider nicht dazu gekommen.«

Theobald Tiger

Die Weltbühne, 10.07.1924, Nr. 28, S. 65.

Erläuterungen:

Gelbbuch (V. 17): Ein Farbbuch ist ein regierungsamtliches Dossier, dessen Umschlagfarbe dem jeweiligen Land angepasst ist; in Deutschland gibt es Weißbücher, in Frankreich Gelbbücher.

Simmels Soziologie (V. 18): Georg Simmel, Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung (1908) – ein wichtiges und berühmtes Buch

Friedrichsruh (V. 19): Den Sachsenwald in Schleswig-Holstein bekam Bismarck vom Kaiser zum Dank für den Sieg über Frankreich und die Reichsgründung 1871 geschenkt; in Friedrichsruh ließ er sich darauf ein Herrenhaus als Wohnsitz bauen.

Wenn die Posaunen schallen (V. 21): am Ende der Welt, zum Gericht Gottes über alle

Gott schwebt über allen Gewässern (V. 26): Zitat von Genesis 1,3

 

Es spricht ein Ich, das sich nur indirekt in seinen Überlegungen vorstellt; ob es zu einem Hörer spricht, kann man nicht ermitteln – es wäre jedoch sinnlos, monologisch so zu sprechen: Wozu sollte man sich selber sagen, dass man heute nicht gekommen ist, an Edith zu schreiben?

Der Sprecher beginnt, im Präsens zu erzählen, dass ihm „heute“ eingefallen ist, er müsste eigentlich seit einem halben Jahr an Edith schreiben, aber er komme nicht dazu. Bei dieser Gelegenheit erinnert er sich daran, was er noch alles seit langem tun will, wozu er aber auch nicht kommt – das ist die zweite Strophe (teils im Präsens, teils im Präteritum – das Präsens steht für den großen Zeitraum der gültigen Pflichten, das eine Perfekt in V. 15 zielt auf den erreichten Zustand: Pflicht erfüllt). In der dritten Strophe blickt der Sprecher auf das Jüngste Gericht voraus und erzählt, wie es dabei dem Berliner ergehen wird, dass dieser sich nämlich damit herausredet, er sei nicht dazu gekommen, wenn Gott ihn fragen wird, wie er gelebt habe; diese Strophe ist der Höhepunkt des Gedichts, weil er die dritte Stufe in der Steigerung des Versagens ist.

Das Thema ist die menschliche Erfahrung, dass man trotz guter Vorsätze es nicht schafft, das zu erledigen, was eigentlich geschehen müsste.

Das Gedicht besteht aus drei Strophen zu zehn Versen, die als Knittelverse vorgetragen werden; diese Versform passt zum normalen Erzählen. Die ersten acht Verse jeder Strophen sind im Kreuzreim verbunden, die beiden letzten im Paarreim; in diesen beiden wird das thematische Stichwort „ich komme nicht dazu“ abgewandelt. Je zwei Verse bilden (bis auf kleine Verschiebungen in der ersten Strophe) eine semantische Einheit, so dass sich im Kreuzreim kaum sinnvolle Entsprechungen ergeben, bis auf wenige Ausnahmen: an Edith schreiben – ich lass es bleiben (V. 5/7); seit Januar – ein halbes Jahr (V. 6/8). Die Paarreim-Verse passen immer vom Sinn her zueinander. Öfter geht der Satz übers Versende hinaus, was ein lebhaftes Sprechen bezeugt (V. 3; V. 5 u. ö.). Der Sprecher benutzt die Umgangssprache, gelegentlich verschleift er das Pronomen „es“ zu „s“ am Wortende; mehrmals fehlt das Schluss-e (V. 7-9), einmal gebraucht er den ungewöhnliche Genitiv „Vaterns“ (V. 15).

In der ersten Strophe wird die Situation aufgebaut, in der es zum schlechten Gewissen und der Ausrede kommt: „ich komme nicht dazu.“ (V. 10) Das beginnt mit einer zufälligen Zeitungslektüre „[h]eute“ (V. 1) über ein Ereignis in Los Angeles, woran das Ich assoziativ an Edith in Kalifornien denkt (V. 4 ff.), der es seit einem halben Jahr schreiben müsste, ohne es zu tun. Es folgt das etwas überzogene Schuldbekenntnis (V. 9, dass ihm das Versäumnis „die Ruh“ nimmt, worauf es sich herausredet: „[I]ch komme nicht dazu.“ (V. 10) Das alles könnte man jemand erzählen, der einem gegenübersitzt.

In der zweiten Strophe werden viele unerledigte Vorsätze oder Pflichten aufgezählt:

  • Sport treiben auf Rat des Arztes

  • Alte Sachen fortgeben

  • Vaters Grab besuchen

  • Das Gelbbuch und Simmels „Soziologie“ lesen

  • Nach Friedrichsruh fahren

Wozu stellt jemand eine solche Liste zusammen? Das tut man nur im stillen Kämmerlein, wenn man in sich geht und Bilanz zieht; dann aber entschuldigt man sich nicht, man komme nicht dazu (V. 20), sondern legt die Priorität der Dinge, die zu erledigen sind, fest. Kommunikativ sind die beiden ersten Strophen also nicht schlüssig miteinander zu verbinden, sondern nur logisch: ein Fall → viele Fälle, immer mit dem Subjekt „ich“.

Das ist in der dritten Strophe anders, da geht es um „den“ Berliner. Der kann mit dem bisher genannten Ich nur so zusammenhängen, dass „der Berliner“ die Verallgemeinerung des Ichs ist, wenn es um die Ausreden geht, wozu man leider nicht komme. Mit einem Ausblick darauf, was beim Jüngsten Gericht geschehen wird („Einstmals“, V. 21, mit folgendem Präsens), kann der Sprecher seine Ausreden und die aller Berliner endgültig bewerten. Dies geschieht, indem Gott als Richter den Berliner fragt: „Wie hast du gelebt?“ (V. 28) Dieser spricht sich – vor dem Leser – selber das Urteil, als er bekennt, er sei „leider nicht dazu gekommen“ (V. 30), d. h. er habe sein Leben verfehlt; er habe es über allen Beschäftigungen versäumt zu leben.

Das Thema des Gedichtes ist ungewöhnlich: eine menschliche Erfahrung, über die es sonst keine Gedichte gibt, sondern die eher in Parabeln, Weisheitssprüchen oder Gleichnissen behandelt wird, etwa von Jesus: „Darum sage ich euch: Sorget nicht für euer Leben, was ihr essen und trinken werdet, auch nicht für euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr denn Speise? und der Leib mehr denn die Kleidung?“ (Mt 6,25) Das heißt, man solle über allen seinen Sorgen nicht zu leben versäumen. Es gibt auch eine Geschichte aus dem Leben Jesu, wo „der Berliner“ in Gestalt einer Frau auftaucht: „Als sie weiterzogen, kam er in ein Dorf. Eine Frau namens Marta nahm ihn gastlich auf. Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu. Marta aber war ganz davon in Anspruch genommen zu dienen. Sie kam zu ihm und sagte: Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die Arbeit mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen! Der Herr antwortete: Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat den guten Teil gewählt, der wird ihr nicht genommen werden.“ (Luk 10,38-42)

Bei den klugen Ratschlägen, wie man mit seiner knappen Zeit (im äußersten Fall: mit seiner begrenzten Lebenszeit) haushalten soll, wird vorgeschlagen, man solle die beiden Unterscheidungen ‚wichtig/unwichtig‘ sowie ‚dringend/nicht dringend‘ beachten und sein Handeln daran ausrichten; wenn man sich aber nur an den Kategorien ‚angenehm/unangenehm‘, also am Lustprinzip orientiere, komme man mit seinem Leben nicht zurecht. Das kann man schon in Äsops Fabel „Die Ameise und die Heuschrecke“ bzw. in der Version „Die Grille und die Ameise“ nachlesen: „Die Ameise arbeitete hart während des ganzen Sommers, baute ihr Haus und legte Vorräte für den Winter an. Die Grille dachte: „Was für ein Narr ist doch diese Ameise!“, und sie sang und lachte und tanzte und spielte den ganzen Sommer lang. Es kam der Winter, die Ameise hatte es in ihrem Haus behaglich warm und genug zu essen. Die Grille jedoch, die weder für eine Unterkunft noch für Nahrungsvorräte gesorgt hatte, starb elend in der Kälte.“

Doch auch dazu gibt es wieder Gegen-Fabeln, aber die lassen wir jetzt auf sich beruhen.