Ludwig Uhland: Wanderung

Ludwig Uhland: Wanderung

Ich nahm den Stab zu wandern,
Durch Deutschland ging die Fahrt,
Man pries mir ja vor andern
Der Deutschen Sinn und Art.
Dem Lande blieb ich ferne,
Wo die Orangen glühn;
Erst kennt ich jenes gerne,
Wo die Kartoffeln blühn.

Ich kam zum Fürstenhofe,
Wo man die Künste kränzt,
Wo Prunksaal und Alkove
Von Götterbildern glänzt.
Ein Baum, der nicht im groben
Volksboden sich genährt,
Nein einer, der nach oben
Sogar die Wurzeln kehrt!

Ich ging zur Hohenschule,
Da schöpft ich reines Licht,
Wo vom Prophetenstuhle
Die wahre Freiheit spricht;
Wo uns der Meister täglich
Den innern Sinn befreit,
Indes ihm selbst erträglich
Der ird’sche Leib gedeiht.

Ich schritt zum Sängerwalde,
Da sucht ich Lebenshauch;
Da saß ein edler Skalde
Und pflückt‘ am Lorbeerstrauch;
Nicht hatt er Zeit, zu achten
Auf eines Volkes Schmerz,
Er konnte nur betrachten
Sein groß, zerrissen Herz.

Ich ging zur Tempelhalle,
Da hört ich christlich Recht:
Hier innen Brüder alle,
Da draußen Herr und Knecht!
Der Festesrede Giebel
War: duck dich! schweig dabei?
Als ob die ganze Bibel
Ein Buch der Kön’ge sei.

Ich kam zum Bürgerhause,
Gern denk ich dran zurück,
Fern vom Parteigebrause
Blüht Tugend hier und Glück.
Lebt häuslich fort wie heute!
Bald wird vom Belt zum Rhein
Ein Haus voll guter Leute,
Ja! ein Gutleuthaus sein.

Ich ging zum Hospitale,
Da fand ich alles nett,
Viel Grütz und Kraut zum Mahle
Und reinlich Krankenbett;
Auch sorgt ein schön Erbarmen
Für manch verwahrlost Kind.
Wer denkt des Volks von Armen,
Die altverwahrlost sind?

Ich saß im Ständesaale,
Da schlief ich ein und träumt,
Ich sei noch im Spitale,
Den ich doch längst geräumt.
Ein Mann, der dort im Fieber,
Im kalten Fieber lag,
Er rief: nur nichts, mein Lieber,
Nur nichts vom Bundestag!

Ich mischte mich zum Volke,
Das nach dem Festplatz zog,
Wo durch die Staubeswolke
Manch dürrer Renner flog;
Da lernt es, daß die Eile
Den Reiter überstürzt
Und daß man gut die Weile
Mit Wurst und Bier sich kürzt.

Ein Adler, flügelstrebend,
War Reichspanier hievor,
Ich sah ihn noch, wie lebend,
Zu Nürnberg an dem Tor.
Jetzt fliegt man nicht zum Zwecke,
Der Wahlspruch ist: Gott geb’s!
Das Wappen ist die Schnecke,
Schildhalter ist der Krebs.

Als ich mir das entnommen,
Kehrt ich den Stab nach Haus;
Wann einst das Heil gekommen,
Dann reis ich wieder aus:
Wohl werd ich’s nicht erleben,
Doch an der Sehnsucht Hand
Als Schatten noch durchschweben
Mein freies Vaterland.

Das Gedicht, 1834 geschrieben, wurde 1835 veröffentlicht. Es ist in der Zeit der schlimmsten politischen Restauration bzw. Reaktion in Deutschland entstanden und gehört so mit seiner beinahe dezenten Kritik in den Vormärz. Poetisch ist es als politisch-kritisches eher anspruchslos; hier sollen nur für Schüler einige Hinweise zum Verständnis gegeben werden, nach Strophen sortiert:

Überschrift: Die „Wanderung“ macht es möglich, verschiedene Stationen Deutschlands zu besuchen und zu prüfen, was sie zum Allgemeinwohl des Volkes beitragen.

(1) Das Land, wo die Orangen glühn, ist Italien; Uhland spielt auf Goethes Gedicht „Kennst du das Land…“ an. Orangen-Kartoffeln ist ein hübscher Kontrast, etwa im Sinn von edel-bodenständig.

(2) Den hervorragenden Dichtern wurden Kränze verliehen; die Götterbilder sind Statuen, welche Kunstsinn demonstrieren. Die Metapher vom Baum für Fürstenhof ermöglicht es, die Perversion des feinen Lebens dort anzudeuten.

(3) Die Beschreibung der Universität ist voller Ironie (reines Licht der Wahrheit, Lehrstuhl = Prophetenstuhl, Befreiung des Geistes), markiert durch den Kontrast ‚innerer Sinn / irdischer Leib‘, also durch die Banalisierung des Erhabenen.

(4) Der Sängerwald ist der Ort der Dichter; der alte Skalde ist nur um seinen Ruhm bemüht (um den Lorbeerkranz), s. Str. 2; der Kontrast ‚des Volkes Schmerz / sein „zerrissen“ Herz‘ offenbart die egozentrische Beschränktheit des Dichters, der nicht am Wohlergehen des Volkes interessiert ist.

(5) Die Tempelhalle ist der christliche Dom bzw. eine Kirche; wieder offenbart der Kontrast ‚drinnen (angeblich) Brüder / draußen (in Wahrheit) Herr und Knecht‘, wie es um die Glaubwürdigkeit der frommen Reden bestellt ist, die nur dem Bündnis von Thron und Altar dienen. Dazu passt die „christliche“ Aufforderung „duck dich!“; die bloßen Namen der zwei bzw. vier biblischen Bücher der Könige (AT) werden hier zur Charakterisierung des „christlichen“ Umgangs mit der Bibel als Mittel der Unterdrückung genommen.

(6) Das Haus der einfachen Bürger erscheint als Ort des guten Lebens, weshalb die Bürger zum häuslich-einträchtigen Leben aufgefordert werden und die Einheit des Vaterlands metaphorisch als „ein Gutleuthaus“ gesehen wird.

(7) Das Hospital wird als Vorbild für die Fürsorge für das „arme“ Volk erkannt; Kontrast ‚Kind – altverwahrlost‘ (Neologismus).

(8) Der Ständesaal ist der Ort, wo die Ständeversammlung tagt. Über die Landstände muss man sich bei den Historikern informieren: https://historisches-lexikon.li/Landst%C3%A4nde oder http://www.zeno.org/Meyers-1905/A/Landst%C3%A4nde oder https://de.wikipedia.org/wiki/Landschaft_(Landst%C3%A4nde). Ob das Einschlafen des Sprechers damit zu tun hat, dass im Ständesaal nichts mehr passiert? Zumindest dient es dazu, den Traum mit dem fiebernden Mann zu rechtfertigen, mit seinem Ruf „Nur nichts vom Bundestag!“. Der Bundestag des Deutschen Bundes versagte als Organ in den Augen Uhlands offensichtlich, s. https://www.geschichte-abitur.de/restauration-und-vormarz/deutscher-bund oder https://www.bundestag.de/parlament/geschichte/parlamentarismus/anfaenge.

(9) Durch das Bild vom stürzenden Reiter wird angeblich klar, dass man „[m]it Wurst und Bier“ in aller Seelenruhe besser lebt; ich lese das als ironische Kritik am Spießbürger, dem alles egal ist, wenn er bloß Kirmes und Karneval feiern darf. Man muss auf die Spannung zu (6) achten, ebenso darauf, dass Uhland selber (nicht nur) mit seinem Metzelsuppenlied in eine gefährliche Nähe zu den Spießbürgern gerät.

(10) „Reichsadler nennt man den Adler derjenigen Staatsgebilde, die sich durch das Adlersymbol auf eine Reichsidee beziehen und – mittelbar oder unmittelbar – an die Tradition des Römischen Reiches anknüpfen oder diesen Anspruch verfolgen.“ (Wikipedia) Im Wappen der Stadt Nürnberg befindet sich ein Adler, s. https://de.wikipedia.org/wiki/Wappen_der_Stadt_N%C3%Bcrnberg. Dem früheren fliegenden Adler werden als Symbole des gegenwärtigen Zustands des Reiches Schnecke (langsam) und Krebs (rückwärts gehen) gegenübergestellt. Der Wahlspruch „Gott geb‘s!“ verschleiert nicht einmal die eigene Faulheit und Untätigkeit, vgl. (9).

(11) Das Demonstrativum „das“ fasst alle Erlebnisse der Reise zusammen: Die Gegenwart ist in Deutschland politisch heillos, dazu steht die Hoffnung im Kontrast („einst“), dass der Sprecher irgendwann nach seinem Tod als Schatten noch die Freiheit Deutschlands erleben wird.

Die Form des Gedichtes ist schlicht. Jede Strophe besteht aus acht Versen zu drei Jamben, wobei jeweils der erste, dritte, fünfte und siebte Vers eine Silbe zusätzlich haben (weibliche Kadenz); das passt zumKreuzreim. Jeweils zwei Verse bilden eine semantische und oft auch syntaktische Einheit, so dass man nur von den Reimen der jeweils zweiten Verse einen semantischen Bezug erwarten darf. Ich spiele das für Str. 1 durch: Fahrt durch Deutschland – der Deutschen Art (Entsprechung); wo die Orangen glühn – die Kartoffeln blühn (Kontrast).

Das Ziel des Gedichtes ist weniger poetisch als politisch: eine deutliche Kritik (allerdings nur wenig über Stammtischniveau) an den verbreiteten Missständen (besser Mißständen), ohne eine Anleitung zum Handeln oder gar die Idee eines Aufstandes – außer der sehnsüchtigen Hoffnung (11) auf Besserung hat der Sprecher nichts zu bieten, siehe auch (6)! Der Vormärz zeichnet sich in seiner Radikalität erst am Horizont ab. Trotzdem bietet das Gedicht einen Anlass, sich mit der bleiernen Zeit 1815–1848 und den Fragen der nationalen Einheit und der Freiheit zu befassen.

Text

https://archive.org/details/bub_gb_50EQAAAAYAAJ/page/n101/mode/2up (Original) = http://www.zeno.org/Literatur/M/Uhland,+Ludwig/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+letzter+Hand)/Vaterl%C3%A4ndische+Gedichte/15.+Wanderung

Vormärz

https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch/artikel/vormaerz-und-junges-deutschland

https://www.inhaltsangabe.de/wissen/literaturepochen/vormaerz/

Uhland

https://archive.org/details/bub_gb_50EQAAAAYAAJ/page/n3/mode/2up (Uhland: Gedichte, Bd. 1)

https://archive.org/details/bub_gb_TcYMAQAAIAAJ/page/n3/mode/2up (dito, Bd. 2)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Uhland,+Ludwig/Gedichte (Gedichte, Ausgabe letzter Hand, 1862)

https://archive.org/details/ludwiguhlanddie00haaggoog/page/n3/mode/2up (Die Entwicklung des Lyrikers)

https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Uhland (Uhland: Leben)

https://www.deutsche-biographie.de/sfz6857.html (Uhle: Leben, 2016, knapp)

https://www.deutsche-biographie.de/sfz6857.html#adbcontent (Leben, 1895 – wesentlich umfangreicher)

https://archive.org/details/bub_gb_e7s5AAAAMAAJ/page/n7/mode/2up (Uhlands Leben, von seiner Witwe, 1874)

A. von Chamisso im frühen Vormärz

Aus meiner Schulzeit erinnere ich mich an zwei Gedichte Adelbert von Chamissos: „Das Riesenspielzeug“ und „Die Sonne bringt es an den Tag“. Diese Gedichte kenne ich seit der Sexta oder Quinta, das erste vielleicht auch schon aus der Grundschule; es waren für mich recht harmlose Gedichte, Balladen mit einem moralisierenden (Unter)Ton, so recht für die deutsche Schule geschaffen. Dass im „Riesenspielzeug“ ein durchaus kritischer Ton anklingt, haben wir als Kinder nicht gehört. Da belehrt nämlich der Vater die Riesen-Tochter, die sich einen Bauern zum Spielen eingefangen hat:

„Der Alte wird gar ernsthaft und wiegt sein Haupt und spricht:
Was hast du angerichtet? das ist kein Spielzeug nicht!
Wo du es hergenommen, da trag‘ es wieder hin,
Der Bauer ist kein Spielzeug, was kommt dir in den Sinn!

Sollst gleich und ohne Murren erfüllen mein Gebot;
Denn, wäre nicht der Bauer, so hättest du kein Brod;
Es sprießt der Stamm der Riesen aus Bauernmark hervor,
Der Bauer ist kein Spielzeug, da sei uns Gott davor!“

Wir haben als Kinder das Gedicht wie eine Sage oder wie ein Märchen gelesen. Dabei ist der Satz „Der Bauer ist kein Spielzeug, was kommt dir in den Sinn!“ durchaus kritisch gegen die deutsche Obrigkeit zu lesen, „die Riesen“ sind in Wahrheit die Fürsten, deren einige mit den Bauern, allgemein: mit den kleinen Leuten ihre Spielchen trieben. Und denen wird gesagt gesagt:

„Es sprießt der Stamm der Riesen aus Bauernmark hervor,
Der Bauer ist kein Spielzeug, da sei uns Gott davor!“

Auf solche Lesarten kommt man, wenn man andere Gedichte Chamissos zur Kenntnis nimmt, die es nicht in die Lesebücher geschafft haben. Ich beginne mit dem Nachtwächterlied (1826).

Nachtwächterlied

                              Eteignons les lumie`res
                               Et rallumons le feu.
                                                  Béranger.

Hört, ihr Herrn, und laßt euch sagen,
Was die Glocke hat geschlagen:
    Geht nach Haus und wahrt das Licht,
    Daß dem Staat kein Schaden geschicht.
        Lobt die Jesuiten!

Hört, ihr Herrn, wir brauchen heute
Gute, nicht gelehrte Leute;
    Seid ihr einmal doch gelehrt,
    Sorgt, daß keiner es erfährt.
        Lobt die Jesuiten!

Hört, ihr Herrn, so soll es werden:
Gott im Himmel, wir auf Erden,
    Und der König absolut,
    Wenn er unsern Willen thut.
        Lobt die Jesuiten!

Seid, ihr Herrn, es wird euch frommen,
Von den gutgesinnten Frommen;
    Blase jeder, was er kann,
    Lichter aus, und Feuer an.
        Lobt die Jesuiten!

Feuer, ja, zu Gottes Ehren,
Um die Ketzer zu bekehren,
    Und die Philosophen auch,
    Nach dem alten, guten Brauch.
        Lobt die Jesuiten!

Hört, ihr Herrn, ihr seid geborgen,
Geht nach Haus, und ohne Sorgen
    Schlaft die lange, liebe Nacht,
    Denn wir halten gute Wacht.
        Lobt die Jesuiten!

In dieser Parodie des Nachtwächterliedes kaschiert die Ironie des Sprechers, des Nachtwächters, dass er gegen die Dummheit bzw. die Volksverdummung, das Duckmäusertum der Frommen und die Intoleranz der Ketzerjäger zu Felde zieht: „Lobt die Jesuiten!“ Die nämlich waren als Feinde der Aufklärung und als Stützen des Gottesgnadentums bekannt.

Im Gedicht „Kleidermacher-Muth“ (1831) werden die Schneider, also die Kleinbürger verspottet, weil sie mit ihrer Revolution nichts anzufangen wissen und bloß fordern, die Schneidermamsell abzuschaffen und auf der Straße Pfeife rauchen zu dürfen – eine dritte Forderung wissen und haben sie nicht, aber auch auf diese dritte wollen sie den König schwören lassen. Hier grüßt schon deutlich der deutsche Vormärz!

Eine köstliche Satire ist „Die goldene Zeit“ (1822), wo die Bürger ihre Freiheit feiern, alles zu denken und zu schreiben, „was die hohe Polizei erst geprüft hat und erlaubt“:

Die goldene Zeit

                              Oh le bon siécle, mes fréres,
                               Que le siécle oú nous vivons!
                                        Armand Charlemagne.
                                           (Fliegendes Blatt.)

    Füllt die Becher bis zum Rand,
Thut, ihr Freunde, mir Bescheid:
Das befreite Vaterland,
Und die gute gold‘ne Zeit!
Denn der Bürger denkt und glaubt,
Spricht und schreibt nun alles frei,
Was die hohe Polizei
Erst geprüft hat und erlaubt.

    Du eröffnest mir den Mund,
Du geschwätz‘ger Traubensaft,
Und die Wahrheit mach‘ ich kund
Rücksichtslos mit freud‘ger Kraft.
Steigt die Sonne, wird es Tag,
Sinkt sie unter, wird es Nacht.
Nehm‘ vor Feuer sich in Acht,
Wer sich nicht verbrennen mag.

    Ungeschickt zum Löschen ist,
Wer da Oel gießt, wo es brennt;
Noch ist drum kein guter Christ,
Der zu Mahom sich bekennt.
Scheut die Eule gleich das Licht,
Fährt sich‘s doch vorm Winde gut,
Besser noch mit Wind und Fluth,
Aber gegen beide nicht.

    Wer nicht sehen kann, ist blind,
Wer auf Krücken geht, ist lahm;
Mancher redet in den Wind,
Mancher geht, so wie er kam.
Grünt die Erde weit und breit,
Glaube nicht den Frühling fern;
Rückwärts geh‘n die Krebse gern,
Aber vorwärts eilt die Zeit.

    Zwar ist nicht das Dunkle klar,
Doch ist nicht, was gut ist, schlecht;
Denn, was wahr ist, bleibt doch wahr,
Und, was recht ist, bleibt doch recht.
Goldes-Ueberfluß macht reich,
Aber Lumpen sind kein Geld.
Wer mit Steinen düngt sein Feld,
Macht gar einen dummen Streich.

    An der Zeit, ist nicht zu spät,
Doch Gescheh‘nes ist gescheh‘n,
Und wer Disteln hat gesä‘t,
Wird nicht Weizen reifen seh‘n.
Gestern war‘s, nun ist es heut‘,
Morgen bringt auch seinen Lohn;
Kluge Leute wissen‘s schon,
Nur sind Narren nicht gescheut.

    Und am besten weiß, wer klagt,
Wo ihn drückt der eig‘ne Schuh;
Wer zuerst nur A gesagt,
Setzt vielleicht noch B hinzu;
Denn, wie Adam Riese spricht,
Zwei und zwei sind eben vier – – –
Gott! wer pocht an uns‘re Thür?
Ihr, verrathet mich nur nicht.

    „Hebt auf das verruchte Nest,
Sie mißbrauchen die Geduld.
Setzt den Jakobiner fest,
Wir sind Zeugen seiner Schuld;
Er hat öffentlich gelehrt:
Zwei und zwei sind eben vier.“ –
Nein, ich sagte….. „Fort mit dir
Daß die Lehre Keiner hört!“

Direkt kritisch ist auch „Das Gebet der Wittwe“ (1831), diese betet in später Nacht: „Laß unsern gnädigen Herrn, o Herr! Recht lange leben, ich bitte dich sehr.“ Im Verlauf des Gesprächs stellt sich dann heraus, dass in der Abfolge der Herren die Unterdrückung, die Beraubung der Witwe immer mehr zugenommen hat und dass sie nun fürchtet, der nächste Herr würde ihr gewiss die letzte Kuh wegnehmen – weshalb die Herrschaft des jetzigen Herrn als das kleinere Übel ein Segen Gottes wäre.

Der Invalid im Irrenhaus (1827)

Leipzig, Leipzig! arger Boden,
    Schmach für Unbill schafftest du.
Freiheit! hieß es, vorwärts, vorwärts!
    Trankst mein rothes Blut, wozu?

Freiheit! rief ich, vorwärts, vorwärts!
    Was ein Thor nicht alles glaubt!
Und von schwerem Säbelstreiche
    Ward gespalten mir das Haupt.

Und ich lag, und abwärts wälzte
    Unheilschwanger sich die Schlacht,
Ueber mich und über Leichen
    Sank die kalte, finst‘re Nacht.

Aufgewacht zu grausen Schmerzen,
    Brennt die Wunde mehr und mehr;
Und ich liege hier gebunden,
    Grimm‘ge Wächter um mich her.

Schrei‘ ich wüthend noch nach Freiheit,
    Nach dem bluterkauften Glück,
Peitscht der Wächter mit der Peitsche
    Mich in schnöde Ruh‘ zurück.

Der Invalide blickt auf die Völkerschlacht von Leipzig zurück (1813), wo er dem Ruf „Vorwärts“ des Marschalls Blücher folgte, für die Freiheit kämpfte und sein Blut ließ. Jetzt aber ist er als Invalide im Irrenhaus, und wenn er Freiheit fordert, wird er niedergeknüppelt. Ich sehe im Irrenhaus eine Metapher für das Leben in Deutschland; denn rückblickend sieht der Soldat seinen Glauben, für die Freiheit zu kämpfen, als etwas an, was man ihm vorgegaukelt, was man ihm weisgemacht hat („Was ein Thor nicht alles glaubt!“). Wenn das keine Kritik an der politischen Reaktion ist, die 1827 jegliche Freiheitsregung erstickt, dann weiß ich es nicht.

Auch im „Don Quixote“ (1826) offenbart die letzte Strophe, wie das Verhältnis von Herr und Knecht es nicht zulässt, dass das Offensichtliche als wahr vertreten werden kann. Sancho Pansa widerspricht seinem Herrn, der meint, gegen Riesen gekämpft zu haben, nicht mehr und sagt (subjektiv ehrlich, objektiv ironisch):

    „Mit den Herr‘n es halten,
    Bleibt das Klügste noch;
    Was von solchen Dingen
    Wissen Knechte doch!“

Aber der Leser weiß natürlich, dass der Herr spinnt und dass Sancho Pansa recht hat.

Es ist gegenüber der alten Lesebuchtradition ein neuer Chamisso zu entdecken, den man auch zum Vormärz rechnen muss und dem man mit dem einfachen Etikett „Romantik“ nicht gerecht wird.

http://gedichte.eu/kl/chamisso/gedichte.php (Chamissos Gedichte)

https://books.google.de/books?id=cpMqAAAAMAAJ&redir_esc=y (Gedichte, 3. Aufl. 1835)

https://archive.org/details/werkecha01cham/page/456/mode/2up (Chamisso: Gedichte, hrsg. von Tardel. 1907)

https://archive.org/details/bub_gb_qFg4AQAAIAAJ/page/n5/mode/2up (dito, Werke, 1874)

Aus dem zweiten Teil der Gedichte könnte man vielleicht berücksichtigen:

An die Apostolischen (1821/22), darin

  • Die öffentliche Meinung schreit und klagt
  • Wer hat zum Schreier also dich bedungen?

Memento (1830)

(Der vertriebene König, 1831)

Die Ruine (1832)

Bemerkenswert ist darin das Gedicht „Die Predigt des guten Britten“ (1833), das einfacher in W. Schnurres Parabel „Die schwierige Lage Gottes“ als Kritik religiöser Egozentrik fortgeführt ist:

Die Predigt des guten Britten

(Wahre Anekdote)

Als Anno dreiundachtzig sich zum Krieg

Gerüstet Engeland und Niederland,

Ward beiderseits gebetet um den Sieg.

Ein ausgeschriebner Buß- und Bettag fand

In beiden Ländern statt, doch um acht Tage

Früher in Holland, als in Engeland.

Hier stand ein Prediger vom alten Schlage,

Nach kräft‘ger Predigt betend am Altar,

Und führte vor dem Höchsten seine Klage:

»Du wirst dich noch erinnern, Herr, es war

Am letzten Sonntag, die Holländer brachten,

Wie heute wir, dir Bußgebete dar.

Wie Jakob einst den Bruder Esau, dachten

Sie uns um deinen Segen zu betrügen,

Wenn sie die ersten an dein Ohr sich machten.

Glaub ihnen nicht! trau nicht den Winkelzügen

Der falschen Otterbrut; ihr gutes Recht

Und frommes Tun sind eitel, eitel Lügen!

Glaub uns und mir, ich bin dein treuer Knecht,

Ich habe mit der Lüge nichts zu schaffen;

Wir Engeländer sind ein fromm Geschlecht;

Sei du mit uns und segne unsre Waffen!«

Stephan Born: Erinnerungen eines Achtundvierzigers (1893)

Wer war Stephan Born?

B. kam 1840 nach Berlin, um das Schriftsetzerhandwerk zu erlernen. Er war der Prototyp des bildungshungrigen Arbeiters seiner Zeit mit früh erwachtem Sinn für die Bedeutung der sozialen Frage. Im Berliner Handwerkerverein organisiert, setzte er sich als kaum 20jähriger in einer Broschüre für die Behebung der Notlage seines Standes öffentlich ein. Auch in Theaterkritiken und einer Erzählung aus dem Berliner Volksleben bewies er seine literarische Begabung und die Reife seines Urteils. 1847 ging er auf Reisen, traf in Leipzig mit Robert Blum zusammen und wurde in Paris von Friedrich Engels dem „Bund der Kommunisten“ zugeführt, der ihn als Agitator nach Südfrankreich und der Schweiz entsandte. Noch im gleichen Jahre begab sich B. nach Brüssel zu Karl Marx, der ihn in der Auffassung bestärkte, daß die Arbeiterklasse die politische Revolution zur sozialen entwickeln müsse. Als Marx Ende Februar 1848 verhaftet wurde, geleitete B. dessen Familie nach Paris, wo ihn die Kunde von der Berliner Märzerhebung erreichte. Unverzüglich eilte er nach der preußischen Hauptstadt, gründete das „Zentralkomitee der Arbeiter“, in dessen Auftrag er die Zeitung „Das Volk“ herausgab, und berief den ersten allgemeinen Arbeiterkongreß nach Berlin ein, der die Gründung der „Arbeiterverbrüderung“, der ersten umfassenden selbständigen deutschen Arbeiterorganisation, beschloß. Nach der Übersiedlung des Zentralvorstandes nach Leipzig übernahm er auch die Redaktion der organisationseigenen Zeitschrift „Verbrüderung“. In Dresden führte er in Verbindung mit Michael Bakunin das Kommando der Insurgenten und nahm bis zuletzt an den Barrikadenkämpfen teil. Nach vergeblichen Versuchen, in Böhmen und Baden neue Ansatzpunkte für die Fortführung der Revolution zu finden, emigrierte er in die Schweiz, deren Bürgerrecht er erwarb. Bis zu seinem Tode wirkte er dann als Redakteur der „Basler Nachrichten“ und lehrte als Honorarprofessor an der Basler Universität deutsche und französische Literatur, deren Zusammenhänge mit der Gesellschaftsgeschichte aufgezeigt zu haben sein wissenschaftliches Verdienst ist. (https://www.deutsche-biographie.de/sfz5333.html)

Als alter Mann hat Born die „Erinnerungen eines Achtundvierzigers“ (Leipzig 1893, 2. Aufl. 1898) geschrieben, „um etwas Licht zu verbreiten über Menschen und Dinge, die ich in jenen Bewegungsjahren genau kennen gelernt, um einen bescheidenen Beitrag zu liefern zur Geschichte des Werdens einer neuen Zeit, und damit auch die Legendenbildung, die schon in voller Thätigkeit ist, einigermaßen zu stören, wenn es auch unmöglich ist, sie ganz zu verhindern“.

In seinem Buch erzählt Born – nach kurzem Blick auf seine Lehrlingszeit als Buchdrucker – vor allem von seinen Erlebnissen in den Jahren 1845 bis 1849 in Deutschland und dann noch kurz von den ersten Jahren im Schweizer Exil. Um es gleich vorweg zu sagen: Es ist ein lesenswertes Buch, lebendig erzählt; dabei zeugt es von der politischen Urteilskraft des Verfassers, der trotz seiner Bekanntschaft mit Bakunin, Marx und Engels immer den Blick für das praktisch Erreichbare und Erforderliche bewahrt hat und die Notwendigkeit der Organisation der Arbeiter (und auch der Aufständischen in den Jahren 1848/49) erkannte, statt den Träumen einer seligen Zukunft nachzuhängen, indem er „die Dinge anschaute, wie sie sich dem Auge darboten, mit den gegebenen Verhältnissen rechnete und vor allen Dingen das nächste Ziel im Auge behielt, das sich nur erreichen ließ, wenn man an manches Vorurtheil nicht rührte, dies sogar in Kauf nahm, wollte man irgend etwas leisten. Dieses Ziel – und darin war ich ganz Marxianer und ein zuverlässiger Schüler des Meisters – ging darauf hin, die auf den Sieg des liberalen Bürgertums gerichteten Anstrengungen, d. h. dessen Bestrebungen, um seine in Deutschland erst zu schaffende Herrschaft im Staate nach Kräften zu unterstützen und dabei zunächst auf eine zu erlangende Organisation des arbeitenden Volkes als Vorbedingung der aus ihr sich zu gestaltenden Arbeiterpartei hinzuwirken.“ Solche Reflexionen unterbrechen gelegentlich die lebhaften Erzählungen von der eigenen Arbeit und der Begegnung mit Figuren der Zeitgeschichte. Als Kämpfer war er hauptsächlich im ersten Setzerstreik und im Dresdner Maiaufstand 1849 engagiert; danach floh er über Böhmen mit einem falschen Pass in die Schweiz.

Am liebsten würde man nach der Lektüre das Buch gleich ein zweites Mal lesen: https://archive.org/details/erinnerungeneine01born_0/page/n7/mode/2up

G. G. Gervinus Leben. Von ihm selbst (1893)

Tendenzen (Gespräch)

„Sagt, zu wem ihr euch haltet in eurem politischen Glauben?“

Wir? Zu keinem. Bei uns gilt keines Meisters Gebot.

Nur den einen Meister erkennen wir: Völker- und Zeitgeist,

Zwang des Geschicks, Vorsicht, oder wie sonst du ihn nennst.

„Und du Daniel liesest die Schrift und die Hand dieses Meisters?“

Belsazer, ja ich las, sieh und ich deute sie dir.

„Wohl, und was heischet die Schrift?“ Ein freies und einiges Deutschland,

Ob es ein einziges sei, dieses entscheide die Zeit.

„Welcherlei Form denn gebt ihr dem freien, dem einigenDeutschland?“

Welche der Geist und der Trieb selbst aus sich selber erschafft. (…)

„Wollt ihr den Kaiser zurück, erklärt euch endlich und deutlich!

Wollt ihr Hegemonie, preußische, oder was sonst?“

Dreimal heilige Einfalt! wir wollen, damit ihr es wisset,

Einen der etwas will, einen der etwas vermag.

Ob er sich Der oder Die oder Das oder wiederum Die nennt,

Namen nennen ihn nicht, Wollen und Wirken allein.

Ein Kampfzeichen uns gilt: das Vaterland zu erhalten,

Und ihm folgen wir treu, führe nun Volk oder Fürst.

Zähmung ertrage ich gern, nicht möchte ich Lähmung ertragen,

Will was ich soll, aber will, dass ich was tüchtiges soll.

Ob uns Monarchen regieren, ob Dem- ob Aristokraten,

Das gilt gleich, nur mit Euch Kakistokraten hinweg! (…)

(Xenien, Ende der 1830er Jahre unter dem Eindruck der Julirevolution geschrieben – gegen die Jungdeutschen! Veröffentlicht 1853: Gervinus und seine politischen Überzeugungen)

Mit diesem Auszug aus seinen Xenien stelle ich Georg Gottfried Gervinus vor, 1805 in Darmstadt geboren, der ein äußerst bewegtes Leben geführt hat. „Spät fand der Autodidakt doch noch seine Bestimmung in der Gelehrtenlaufbahn. Nach halbjähriger Vorbereitung und kurzem Philologie- und Philosophiestudium in Gießen (1825) begegnete ihm beim Studium der Geschichte zu Heidelberg (seit 1826) in F. Ch. Schlosser der kongeniale Lehrer und Freund. Studium, Lehrertätigkeit und kleinere Arbeiten füllten die nächsten Jahre des jungen Gelehrten, der sich 1830 habilitierte. Den Wendepunkt zu einem festen Kurs brachte eine erste Italienreise 1832/33: Hier kam ihm – nicht zuletzt unter dem Eindruck der Julirevolution und ihrer Nachwirkungen – die Misere der nationalen Zersplitterung Deutschlands und der Unterdrückung der bürgerlich-liberalen Freiheitsbewegung zu vollem Bewußtsein; hier faßte er seine tiefe Abneigung gegen Österreich und seinen leitenden Staatsmann; hier fanden sich zum moralischen Rigorismus Schlosserscher Provenienz bei der Beschäftigung mit Machiavelli der politische Aktivismus und das Suchen nach historischen Gesetzmäßigkeiten, die G. seitheriger Wirksamkeit ihr eigentümliches Gepräge gaben.“ (E. Angermann)

Gervinus hat etwa im Alter von 40 Jahren angefangen, die Geschichte seines Lebens aufzuschreiben, allerdings nur bis zur Gründung des eigenen Hausstands mit Victoria Schelver 1836, mit einigen Ausblicken auf die Zeit nach 1836: G. G. Gervinus Leben. Von ihm selbst. 1860 (Leipzig 1893, nach dem Tod seiner Frau herausgegeben): sein Leben als Kind armer Leute, die Jahre auf einem langweiligen Gymnasium, die Jahre als Kaufmann, seine Freundschaften, seine dichterischen Versuche, sein Studium, prägend dabei die Begegnung mit Prof. Schlosser in Heidelberg, Zeiten als Hauslehrer, erste wissenschaftliche Arbeiten, eine große Italienreise und zum Schluss ein Werben um die 15,-, 16jährige Victoria, die er gegen mancherlei Widerstände zur Frau gewinnt. Dabei versucht er, die vielfältigen Einflüsse seiner Zeit und seiner Freunde auf den Gang seines Lebens zu verstehen und in seiner Lebensbeschreibung das zu realisieren, was er pragmatische (verstehende) Geschichtsschreibung nennt – ein höchst aufschlussreiches Buch, das den Weg eines armen Kindes zum Gelehrten nachzeichnet, der unter anderem eine wichtige Geschichte der deutschen Literatur geschrieben hat.

https://archive.org/details/gggervinuslebenv00gervuoft/page/n5/mode/2up (das Buch)

https://www.uni-heidelberg.de/fakultaeten/philosophie/zegk/vlgk/personen/gervinusVL.html (G.G. Gervinus. mit weiteren Verweisen)

https://www.deutsche-biographie.de/sfz69908.html (dito, von E. Angermann)

Freiligrath: Leipzigs Toten (1845) – Erläuterungen

Freiligrath: Leipzigs Todten (Sie kam heran…) – Text:

https://gedichte.xbib.de/Freiligrath_gedicht_Leipzigs+Toten%21.htm

https://www.gedichte.com/gedichte/Ferdinand_Freiligrath/Leipzigs_Toten!

https://de.wikisource.org/wiki/Neuere_politische_und_sociale_Gedichte

https://deutsche-poesie.com/freiligrath/leipzigs-toten/

https://archive.org/details/neuerepolitisch00freigoog/page/n12/mode/2up (Original)

Erläuterungen:

Leipzigs Toten

Die Überschrift widmet das am 24. August 1845 geschriebene Gedicht „Leipzigs Toten“. Durch die Datierung in den Worten der Bartholomäusnacht (V. 9-12) werden die Toten als die Toten des „Leipziger Gemetzels“ identifiziert. Erschienen ist das Gedicht in „Neuere politische und sociale Gedichte“, 1849; ob es schon vorher als Einzeldruck erschienen ist, kann ich nicht beurteilen.

Das Leipziger Gemetzel

„Am 12. August 1845 traf Prinz Johann mit der Eisenbahn aus Dresden in Leipzig ein. Am Nachmittag nahm er an den Übungen der Bürgerwehr teil, die eine Zuschauermenge mit Pfiffen kommentierte. Am Abend speiste Johann im Hotel de Prusse am Roßplatz mit den vornehmen Bürgern der Stadt. Außerhalb sang eine Menge deutsch-nationale und patriotische Lieder. Es wurden Tiraden gegen die Jesuiten ausgestoßen und Steine gegen die Fenster des Hotels geworfen, woraufhin der Kommandant der Kommunalgarde nach der Hauptwache der Kommunalgarde schickte, damit diese einschritt. Ein Vertreter der Kreisdirektion verlangte jedoch nach königlichem Militär, welches für einen solchen Fall, im Gegensatz zur Kommunalgarde, nicht zuständig war.

Mit geringem zeitlichem Unterschied gelangten die beiden Truppenteile zum Ort des Geschehens, doch wurde die Kommunalgarde von der königlichen Armee fortgeschickt. Der Oberstleutnant des sächsisch-königlichen Militärs soll die Bürgerwehr mit dem Ruf: „Sie sind nicht mehr nötig, gehen Sie zurück.“ zurechtgewiesen haben. Prinz Johann verließ zu diesem Zeitpunkt das Hotel und ordnete die Räumung des Platzes an.

Das königliche Militär bewirkte nun den Rückzug der Protestierenden in die Lerchenallee (Parkweg auf der Nordseite des Roßplatzes) und errichtete zwischen sich und ihnen eine Barriere, die jedoch von Jugendlichen überquert wurde. Daraufhin wendete sich das Militär wieder der Lerchenallee zu, ließ mehrere Töne aus Jagdhörnern erklingen und auf die Versammelten schießen, wobei wohl die Angst einiger Offiziere, die das gesamte Geschehen nicht überblicken konnten, ausschlaggebend war. Die Menge war nämlich zu weit entfernt vom Hotel de Prusse, um die in diesem sich befindenden Personen zu gefährden.

Die Schüsse töteten acht Personen und verletzten vier. Hierdurch wurde die Menschenmasse erregt und bis in die ersten Stunden des 13. August tobte sie in den Straßen. Einige Studenten wollten sogar die Kaserne des königlichen Militärs stürmen. Schließlich übernahm die Kommunalgarde die Gewalt über die Stadt und beruhigte die Situation.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Leipziger_Gemetzel)

Karl IX.

Karl IX., 1550 geboren, war seit 1560 König von Frankreich unter der Vormundschaft seiner Mutter; 1570 heiratete er Elisabeth von Österreich. „Der protestantische Heerführer Gaspard II. de Coligny, seigneur de Châtillon, Graf von Coligny und Admiral von Frankreich, propagierte eine Politik, die die Vereinigten Niederlande von der spanischen Herrschaft befreien, den Glaubensgenossen in den Niederlanden die Religionsfreiheit gewinnen und das spanisch-portugiesische Monopol auf Kolonien in Amerika brechen sollte. Er gewann für dieses Programm die Unterstützung des jungen Königs, der sich – charakterlich instabil und von schwächlicher Gesundheit – endlich von der Dominanz der Mutter lösen wollte. (…) Die nationale Versöhnung sollte endgültig durch die Heirat zwischen Margarete von Valois (Margot), der Schwester des Königs, und dem 18-jährigen Heinrich von Navarra aus dem protestantischen Haus Bourbon, dem späteren Heinrich IV. von Frankreich, besiegelt werden.

Admiral de Coligny verkehrte mit dem König sehr intim, die Leitung der französischen Politik schien ihm zuzufallen. Dies alarmierte die Königinmutter, die ihren Einfluss auf den Sohn gefährdet sah. Während der Hochzeitsfeiern im August 1572 misslang ein Mordanschlag auf Coligny, den Katharina oder die Guisen in Auftrag gegeben hatten. Ihr Sohn besuchte de Coligny und versprach volle Aufklärung. Seine Mutter redete ihm jedoch ein, die Hugenotten planten einen Racheanschlag auf ihn, den König. Daraufhin ließ er in der Bartholomäusnacht die Führer der zur Hochzeit nach Paris geströmten Hugenotten – seinen Freund Coligny eingeschlossen – niedermetzeln. Die Massaker weiteten sich auch auf andere Städte aus, tausende Hugenotten verloren ihr Leben.“ (Art. Karl IX., Wikipedia) https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_IX._(Frankreich)

Tavannes

Gaspard Tavannes (1509-1573) „nahm auf Seiten der Liga an den ital. Kriegen und an den Religionskriegen teil und hatte 1572 Mitverantwortung für die Morde der Bartholomäusnacht. 1570 wurde er Marschall von Frankreich.“ (https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/020028/2012-05-30/)

Aderlass

„ein seit der Antike bekanntes und bis ins 19. Jahrhundert häufig bei Menschen und Tieren angewandtes Heilverfahren sowie Bezeichnung für die Methode der Blutgewinnung aus dem Blutkreislauf von Wirbeltieren. Beim Aderlass zu therapeutischen Zwecken werden dem (erwachsenen) Menschen etwa zwischen 50 und 1000 ml, heute meist maximal 500 ml Blut entnommen. Nur bei sehr wenigen Krankheitsbildern konnte ein Heilungseffekt des Aderlasses nachgewiesen werden.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Aderlass)

Aderlassen im August: zynische Umschreibung des Gemetzels in der Bartholomäusnacht

V. 1: Es spricht ein anonymer Erzähler, der nahe beim Autor Freiligrath steht (vgl. V. 2).

V. 2: Laut Datierung ist das Gedicht am 24.08.1845 in Meyenberg am Zürcher See geschrieben worden.

V. 9: Die personifizierte Bartholomäusnacht tritt auf und bekennt, dass sie in diesem Jahr durch Fürstenmacht 12 Tage zu früh gefeiert worden ist; damit wird das Leipziger Gemetzel als deutsche Bartholomäusnacht bewertet (vgl. V. 25 ff.), die von den Mördern sogar gefeiert wird. – Die Bartholomäusnacht tritt als Autorität in Fragen des Mordens auf, die es wissen muss.

V. 13 ff.: Sie berichtet von der Bartholomäusnacht. – Laut der Textversion bei wikisource und dem Original spricht ab V. 9 durchgängig die Bartholomäusnacht; zur Begründung dieses Verständnisses verweise ich auch auf V. 73 f. – Bei wikisource finden sich jedoch (Stand 20.09.2020) einige Fehler (Name Tavannes, Datierung 1847).

V. 17: Allerchristlichster König war seit dem 15. Jahrhundert ein Ehrentitel der französischen Könige; hier mit ironischem Unterton.

V. 25 ff.: Rechtfertigung des Vergleichs des Leipziger Gemetzels mit der Bartholomäusnacht.

V. 31: Livreebedienter: Die grammatische Einbindung in den Kontext ist unklar. Am einfachsten ist es, den personifizierten Mord als Livreebedienten des Prinzen (beide im Nominativ!) zu sehen.

V. 39 ff.: siehe oben die Erklärung des Leipziger Gemetzels

In der vierten und fünften Strophe setzt der Sprecher sich mit Rechtfertigungen des Leipziger Gemetzels auseinander.

V. 55 f.: Der Sprecher (die Nacht) wendet sich an den Dichter.

V. 61: Die Erzählung geht in die Ich-Form über.

V. 68: Sachsens Raute im Wappen: „Der Rautenkranz ist in der Heraldik ein Stilelement, das in Wappen über die Heroldsbilder und gemeinen Figuren gelegt wird und so eine Besonderheit darstellt. Er ist eine Zierleiste, die mit grünen Blättern besetzt und dem Kronensegment ähnlich ist. (…) Der Ursprung ist nicht eindeutig geklärt. Es wird ein zufälliger Blattschmuck als Anfang vermutet, wobei ein Zusammenhang mit der früher als unheilabwehrend angesehenen Pflanze Raute nicht ausgeschlossen ist.“ [Art. „Rautenkranz (Heraldik)“ in Wikipedia] https://de.wikipedia.org/wiki/Rautenkranz_(Heraldik);

https://de.wikipedia.org/wiki/Landeswappen_Sachsens#/media/Datei:Coat_of_arms_of_Wettin_House_Albert_Line.png (das Königswappen Sachsens)

V. 75 f.: Die Nacht deutet die Leipziger Ereignisse religionspolitisch: Der stockkatholische Prinz Johann habe seine Bartholomäusnacht gefeiert.

V. 77 ff.: Mit der Anrede „O deutsches Land“ wendet die Nacht sich mit ihren Forderungen (eingeleitet durch eine rhetorische Frage V. 77 f. und den Spott in V. 79 f.) an Deutschland; sie fordert das Land auf, Konsequenzen aus dem Leipziger Gemetzel zu ziehen (V. 85 ff.): zu erwachen, ohne Fürsten seinen Weg zu gehen.

V. 80: Die Kette ist vielleicht doppeldeutig: Ketten eines Kindes zum Spielen (?), Ketten der Fesselung durch die Fürsten; Kind und Kette sind durch den Status der Unmündigkeit/Unfreiheit miteinander verbunden.

V. 85: Hier beginnen die Aufrufe an Deutschland, dem ein Wahrheitsdürsten als wesentlicher Charakterzug zugeschrieben wird, was die Fürstenherrschaft überflüssig macht (V. 88, rhetorische Frage). – Deutschland soll die Konsequenzen aus dem Leipziger Gemetzel ziehen: die Pointe des Gedichts.

V. 91 f.: Die Nacht wendet sich an den Dichter und verabschiedet sich von ihm.

V. 92: Hier werden die Jesuiten als die Väter der Bartholomäusnacht angeklagt; die Jesuiten waren in ihrer absoluten Papsttreue Kämpfer gegen die Kirchen der Reformation und das moderne Denken. Sie waren als Strippenzieher im 19. Jahrhundert auch innerhalb der katholischen Kirche umstritten.

Form: Kreuzreim, fünfhebiger Jambus als typischer Erzählvers.

Leipziger Gemetzel

https://de.wikipedia.org/wiki/Leipziger_Gemetzel

Bartholomäusnacht 1572

https://de.wikipedia.org/wiki/Bartholom%C3%A4usnacht

Hugenottenkriege

https://de.wikipedia.org/wiki/Hugenottenkriege

Freiligrath

https://de.wikipedia.org/wiki/Ferdinand_Freiligrath

http://www.jhelbach.de/freiligr/freiligr.htm (Werke > Leben)

Vormärz

https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch/artikel/vormaerz-und-junges-deutschland

https://www.inhaltsangabe.de/wissen/literaturepochen/vormaerz/

F. von Dingelstedt: Nachtwächters Stillleben, 1. – Text und Analyse

1.

Weib, gib mir Deckel, Spieß und Mantel,

Der Dienst geht los, ich muss hinaus.

Noch einen Schluck … Adies Mariandel!

Ich hüt‘ die Stadt, hüt‘ du das Haus!

Nun schrei‘ ich wieder wie besessen,

Was sie nicht zu verstehen wagen

Und was sie alle Tag vergessen:

Uht! Hört, Ihr Herrn, und lasst Euch sagen!

 

Schnarcht ruhig fort in Euren Nestern

Und habt auf mein Gekreisch nicht Acht!

Die Welt ist akkurat wie gestern,

Die Nacht so schwarz wie alle Nacht.

Auch welche Zeit, will Niemand wissen,

s gibt keine Zeit in unsren Tagen,

Duckt Euch nur in die warmen Kissen,

Die Glocke die hat nichts geschlagen!

 

Lass keiner sich im Schlaf berücken

Vom (vulgo Zeitgeist) Antichrist,

Und sollte wen ein Älplein drücken,

Dankt Gott, dass es nichts Ärg‘res ist.

Das Murren, Meistern, Zerr‘n und Zanken,

Das Träumen tut es freilich nicht,

Drum schluckt sie runter, die Gedanken,

Bewahrt das Feuer und das Licht!

 

Auch wackelt nicht im bösen Willen

An Eurem Bett und räkelt nicht,

Die Zipfelmütze zieht im Stillen

Zufrieden übers Angesicht.

Der Hund im Stall, der Mann beim Weibe,

Die Magd beim Knecht, wie Recht und Pflicht,

So ruht und rührt Euch nicht beileibe,

Auf dass der Stadt kein Schad‘ geschicht!

 

Und wann die Nacht, wie alle Nächte,

Vollendet hat den trägen Lauf,

Dann steigt, doch stets zuerst das rechte

Bein aus den Federn, sittsam auf!

Labt Euch an dem Zichorientranke

Und tretet Eure Mühlen gern,

Freut Euch des Lebens voller Danke

Und lobt, nächst Gott, den Landesherrn!

 

Das Gedicht stammt aus Nachtwächters Stillleben“ in: Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters, Hamburg 1842 (1841?). Es bedient sich des in ganz Deutschland verbreiteten Nachtwächterlieds, das von Ort zu Ort variierte und in Plettenberg (Sauerland) so klang:

Hört ihr Leut‘ und lasst euch sagen:

unsere Glock‘ hat 10 geschlagen.

Bewahrt das Feuer und das Licht,

dass unserem Ort kein Schaden geschicht,

und lobet Gott den Herrn!

Das Nachtwächterlied hängt mit der Figur des kosmopolitischen Nachtwächters zusammen, die Franz von Dingelstedt (1814-1881) geschaffen hat: Dieser Nachtwächter trägt seine Erlebnisse und Einsichten vor und bricht dann zu einer Reise in die Welt auf, was ihn zu einem kosmopolitischen macht. Die Figur des Nachwächters bietet sich zur politischen Kritik und Agitation an, weil man mit ihr auf die alte Metaphorik von schlafen/erwachen zurückgreifen und den Zeitgenossen vorwerfen kann, dass sie „schlafen“, bzw. sie aufrufen kann, endlich zu erwachen.

Im ersten Gedicht des Zyklus wird berichtet, wie der Nachtwächter sich von seiner Frau verabschiedet und zu seinem Rundgang durch die Stadt aufbricht. Danach spricht er monologisch (V. 5-8), um sich schließlich an die schlafenden Bürger der Stadt zu wenden, die ihn natürlich nicht hören (resp. der Dichter an die Leser, die den Nachtwächter sehr wohl vernehmen). Entscheidend sind dabei die Imperative, mit denen er sie auffordert,

  • ruhig weiter zu schlafen (2. Str.),
  • sich nicht vom teuflischen Zeitgeist verführen zu lassen (3. Str.),
  • die Gedanken herunterzuschlucken (3. Str.),
  • nicht mit dem Bett zu wackeln (4. Str.),
  • sich nicht zu rühren (4. Str.),
  • aufzustehen, Tee zu trinken, die Mühlen zu treten (Tretmühlen, 5. Str.)
  • und den Landesherrn zu loben (5. Str.).

Man sieht, das sind ironische Ermahnungen, verbunden mit einem kräftigen Spott gegen die Schlafmützen. Je ein Vers des Nachtwächterlieds bildet den letzten Vers einer Strophe und schließt sie mehr oder weniger sinnvoll ab.

Die fünf Strophen bestehen aus acht vierhebigen Jamben, die meist mit einer zusätzlichen Silbe eine weibliche Kadenz aufweisen. Die Verse 2/4 und 7/8 einer Strophe haben jedoch oft eine männliche Kadenz; das hängt damit zusammen, dass je zwei Verse in der Regel eine semantische Einheit bilden, wobei dann die männliche Kadenz einen kurzen Halt gebietet. Die Verse sind im Kreuzreim miteinander verbunden, was öfter zu einigermaßen semantisch sinnvollen Verbindungen der Verse 2/4 und 6/8 einer Strophe führt; bei diesem Spottgedicht genügt es aber eigentlich schon, wenn die Verse sich reimen – es geht dem Autor primär nicht um Schönheit der Sprache, sondern um politische Agitation.

In diesem Sinn soll untersucht werden, was der Nachtwächter vorzutragen hat: In Strophe (1) beklagt er, dass die Leute nicht zur Kenntnis nehmen wollen, was er zu sagen hat (V. 5-7), weshalb er mit dem Weckruf schließt: „Hört, Ihr Herrn, und lasst euch sagen!“ Dieser isolierte Vers, dem das Objekt fehlt, ist hier dennoch sinnvoll, weil im Hinblick auf V. 5-7 „etwas“ zu ergänzen ist: Lasst euch überhaupt etwas sagen! Was der Nachtwächter schreit, ist wahrscheinlich in den Imperativen gesagt, so dass V. 9 ff. an V. 7 anschließt. Im folgenden Zitat soll das einleitende „Uht!“ (V. 8) vermutlich das Tuten des Horns darstellen, es ist jedenfalls kein Wort. In dieser Strophe sind alle Reimpaare sinnvoll.

Dass die Aufforderungen an die Zeitgenossen ironisch gesagt sind, beweist die Aufforderung, auf des Nachtwächters Gekreisch nicht zu achten (V. 10, entgegen seiner Klage V. 5 ff.). Die guten Ratschläge, ruhig weiterzuschlafen (V. 9 und V. 15), werden mit dem Hinweis begründet, es sei nicht Besonderes geschehen (V. 11 f.), weshalb auch niemand die Zeit wissen will (V. 13); damit stehen zwei paradoxe Aussagen in Zusammenhang: dass es „keine Zeit in unsren Tagen“ gebe (V. 14) und dass entsprechend die Glocke „nichts geschlagen“ habe (V. 16). Diese Aussagen entsprechen exakt der vorhergehenden: „Die Welt ist akkurat wie gestern“ (V. 11); denn wenn sich nichts verändert, gibt es auch keine Zeit – obwohl sich einiges ändern muss, wie jeder politisch Aufgeschlossene wusste. In V. 16 ist der zweite Vers des Nachtwächterlieds abgewandelt, ebenso wie in V. 40, während die anderen drei Verse wörtlich übernommen worden sind. In dieser Strophe sind die Reime in V. 9/11, 13/15 und 14/16 sinnvoll.

Ironisch ist wieder die erste Mahnung in Strophe (3) zu lesen; sich berücken = sich betören oder bezaubern lassen: vom Teufel (Antichrist, V. 18), davor wird immer schon in der Christenheit gewarnt. Hier ist der Teufel als „Zeitgeist“ identifiziert, und das ist der demokratische Gedanke, der Wunsch nach einem Rechtsstaat ohne Zensur und Gängelei. Der Alp oder Alb ist ein koboldhaftes Nachtgespenst, hier verkleinert zu „Älplein“ (V. 19), weil die Verführung durch den Zeitgeist schlimmer ist (vgl. V. 20). Ironisch mahnt der Nachtwächter weiter, nicht (gegen die Obrigkeit) zu murren, nicht (von besseren Zeiten) zu träumen und überhaupt nicht selber zu denken (V. 21-23). Vers 24 passt nicht recht zu diesen Aufforderungen, es sei denn, man läse ihn als Ruf, das Licht der Aufklärung zu bewahren – eine kühne Konstruktion. In V. 21 fallen die zwei Alliterationen (M-, Z-) auf; wenn man die Doppelverse liest, ergibt der Reim V. 18/20 einen Sinn, ebenso V. 22/24, falls man V. 24 in der von mir skizzierten Bedeutung versteht (Kontrast: ironische / ernstgemeinte Aufforderung).

Strophe (4) stellt einen einzigen Spott auf die Schlafmützen dar, allenfalls V. 31 ist als ironische Aufforderung politisch zu verstehen, wozu dann (ebenfalls ironisch) V. 32 passte; dieser Spott wird in Strophe (5) fortgesetzt – ein witziger Seitenhieb ist die Anspielung auf den sinnlosen Aberglauben, man dürfe nicht mit dem linken Bein zuerst aufstehen (V. 35 f.). Das Adverb „sittsam“ (V. 36) passt nicht als Bestimmung des Aufstehens: Satire. Ironisch ist auch der Vorschlag, die Tretmühlen gern zu treten (V. 38), sich also knechten zu lassen.

Freut euch des Lebens“ (V. 39) ist der erste Vers eines Volksliedes, das 1793 in der Schweiz gedichtet und vertont wurde; wie sehr ihm beruhigende Wirkung zuerkannt wurde, sieht man daran, dass es 1912 Pflichtlied für die 4. Klasse in Preußen wurde. Unser Nachtwächter hat das bereits erkannt und ruft es deshalb denen zu, die gern ihre Mühlen treten sollen – ein innerer Widerspruch, bittere Satire! Dazu passt dann der letzte Vers hervorragend, in dem der Landesherr das Prädikat Gottes „den Herrn“ ersetzt: Beim Bund von Thron und Altar war das ein sachlich angemessener Austausch. Die Reime V. 34/36 und V. 38/40 bestätigen, was der Nachtwächter den Leuten zu sagen hat.

Die Metaphorik des Schlafens/Erwachens wird auch in Georg Herweghs „Wiegenlied“ verwendet; dort wird ein bekanntes Gedicht Goethes parodiert – der Rückgriff auf bekannte Texte eignet sich offensichtlich gut für die politische Agitation. Auch nach 1848 konnte man das Motiv des Schlafens im politischen Kampf verwenden, wie es Ludwig Pfau im Badischen Wiegenlied vormacht: „Schlaf‘, mein Kind, schlaf leis‘, / dort draußen geht der Preuß‘…“ (https://www.musicanet.org/robokopp/Lieder/badische.html), eine Parodie des Kinderlieds „Schlaf‘ Kindlein, schlaf‘…“.

 

 

Franz von Dingelstedt

https://de.wikipedia.org/wiki/Franz_von_Dingelstedt (Leben)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Dingelstedt,+Franz+von/Gedichte/Lieder+eines+kosmopolitischen+Nachtw%C3%A4chters (Gedichte)

Vormärz

https://www.geschichte-abitur.de/restauration-und-vormarz/vormarz

https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch/artikel/vormaerz-und-junges-deutschland

https://www.inhaltsangabe.de/wissen/literaturepochen/vormaerz/

Sonstiges

https://de.wikipedia.org/wiki/Freut_euch_des_Lebens_(Lied)

https://www2.klett.de/sixcms/media.php/229/350470_0237_Heine_Nachtwaechter.pdf (Heine: Bei des Nachtwächters Ankunft in Paris)

https://also42.wordpress.com/2015/07/30/schlafen-erwachen-aufstehen-ein-metaphernfeld/ (schlafen – erwachen – aufstehen)

https://norberto42.wordpress.com/2012/01/29/georg-herwegh-wiegenlied-analyse/ (Herwegh: Wiegenlied)

Heinrich Heine im Vormärz

Heinrich Heine ist eine Hausnummer für sich, „Heine im Vormärz“ ein Thema für viele Dissertationen, das ich unmöglich erschöpfen kann. Mit dieser Einschränkung erlaube ich mir, auf einige Gedichte hinzuweisen:

Karl I. (Analyse dazu in meinem Blog)

Marie Antoinette

Bei des Nachtwächters Ankunft in Paris

Die Tendenz (gegen „Dichter“)

Zur Beruhigung

Deutschland. Ein Wintermärchen, darin vor allem (aber nicht nur!)

Caput III (Ankunft in Aachen)

Caput VI (der Liktor als derjenige, der die Gedanken des Dichters in die Tat umsetzt)

Caput XXV (Deutschlands derzeitiger Zustand)

Hoffmann von Fallersleben: Rokokos Glaubensbekenntnis – Text und Analyse

Hoffmann von Fallersleben: Rokokos Glaubensbekenntnis (1841)

Swer lobt des snecken springen,

und des ohsen singen,

der quam nie da der lebarte spranc

unt da diu nahtegale sanc.  (Vridanc)

     Mel. Ich war erst sechszehn Sommer alt,

             Unschuldig und nichts weiter.

Ich stimme für die Monarchie,
Da gibt‘ s noch Rang und Stände;
Mit Republik geht Poesie
Und alles Glück zu Ende.

Ich stimme für die Monarchie;
Wenn wir darin nicht wären,
Wie könnten wir doch ohne sie
So viele Leut‘ ernähren?

Ich stimme für die Monarchie,
Für Würden, Titel, Orden;
In Republiken sind noch nie
Verdienste was geworden.

Ich stimme für die Monarchie,
Wo die Zensur noch waltet,
Wo nicht der Presse Despotie
Nach Herzenslüsten schaltet.

Ich stimme für die Monarchie,
Wo weise wird regieret,
Weil Grundbesitz mit Hab‘ und Vieh
Nur ist repräsentieret.

Ich stimme für die Monarchie,
Die gibt noch gute Rente;
Es gab die Republik noch nie
Vier oder fünf Prozente.

Drum lass ich mir die Monarchie

Auch nun und nimmer rauben:

Wir haben Eine Liturgie

Und Einen Gott und Glauben.

(https://archive.org/details/bub_gb_n5E9AAAAYAAJ/page/n245/mode/2up)

Sechsmal sagt der anonyme Sprecher: „Ich stimme für die Monarchie…“; das setzt eine Situation voraus, in der abgestimmt wird, ob man eine Monarchie oder eine Republik (V. 3) als Staatsform haben will. In der Überschrift wird der Sprecher als Rokoko oder, in Hoffmanns Schreibweise, Rococo identifiziert; wenn man diesen Namen nicht als beliebig wie Hinz und Hunz ansieht, muss man den räsonierenden Herrn (als Frau kann ich ihn mir 1841 nicht vorstellen) als Verkörperung des Rokokos verstehen. Zu dessen Verständnis hilft die erste Strophe: Rokoko als Stil einer adeligen oder reichen Oberschicht der Vergangenheit, welche die leichten und schönen Formen des Lebens pflegt; welche „Rang und Stände“ (V. 2) schätzt, weil sie selber im höchsten Rang steht; deren Leben „Poesie“ statt Arbeit ist (V. 3), einfach vom Glück (und den eigenen Privilegien) begünstigt (V. 4). Da Rokoko abstimmt, ist sein „Glaubensbekenntnis“ (Überschrift) metaphorisch zu lesen: Ausdruck seiner Überzeugung; erst in der letzten Strophe verschiebt sich die Bedeutung, wie unten zu zeigen ist.

Die sieben Strophen bestehen aus vier Versen im Jambus, die im Kreuzreim miteinander verbunden sind; der einzelne Vers weist vier Takte auf, wobei dem jeweils zweiten Vers eine Silbe fehlt (weibliche Kadenz), was eine kleine Pause hervorruft; nur in Strophe (2) geht der Satz hinter V. 6 weiter, sonst endet mit dem zweiten Vers der Strophe ein Satz, ebenso wie mit dem letzten. In diesem zweiten Vers wird (bis auf Strophe 2 und 7) eine „gute“ Eigenschaft der Monarchie genannt, mit der das Votum für die Monarchie begründet wird. Dem Aufbau der Strophen gemäß kann man sinnvolle Reime nur für den jeweils zweiten und vierten Vers erwarten. Das einleitende „Ich“ (V. 1, 5 usw.) kann man betont sprechen, das Ich setzt sich selbstbewusst gegen andere Wähler ab.

In Strophe (1) argumentiert Rokoko also ganz offen mit den Vorzügen der Monarchie für die Oberschicht und ihr schönes Leben; der Reim V. 2/4 betont den Kontrast zwischen Monarchie und Republik.

In Strophe (2) wird mit einer rhetorischen Frage (sachlich völlig unsinnig) für den Bestand der Monarchie argumentiert: Wenn man den Reichen nicht so viele Abgaben entrichten muss, bleibt in Wahrheit für die Armen mehr übrig. Der Reim V. 6/8 verbindet eine Bedingung mit ihren Folgen.

In Strophe (3) wird das Unwesen der Titel und Orden als Vorzug der Monarchie gepriesen; der zweite Teil des Arguments (V. 11 f.) unterstellt, dass dergleichen für „Verdienste“ verliehen würden; dabei bleibt noch offen, worum sich ein derart Ausgezeichneter – wenn überhaupt – verdient gemacht hat. Der Reim V. 10/12 ist den Verdiensten und Orden gewidmet.

In Strophe (4) spielt der Dichter ironisch mit dem Begriff Despotie, den Rokoko gerade nicht mit der gelobten Zensur, sondern mit der Pressefreiheit verbindet. Der Reim V. 14/16 beruht auf dem Kontrast von „Freiheit“ unter der Zensur und dem „Terror“ der freien Presse. Der ungewöhnliche Plural „Herzenslüste“ verdankt sich dem Metrum, welches noch die Silbe -e brauchte.

Auch in Strophe (5) spricht Rokoko offen zynisch: Die Regierung sei weise, da nur die Grundbesitzer im Parlament repräsentiert sind – in Preußen wurde das Dreiklassenwahlrecht erst 1849 eingeführt, das den unteren Klassen ein Minimum an Mitsprache einräumte. Der Reim V. 18/20 verbindet These und Begründung.

Auch das Argument in Strophe (6) beruht auf den Vorteilen, welche Kapitalbesitzer aus einer Monarchie zögen – dass es in der Republik keine Renten oder Zinsen gäbe, ist zudem nicht erwiesen. Der Reim V. 22/24 gilt der Rente von Kapitalanlagen.

In Strophe (7) fasst Rokoko seine Argumentation zusammen: Er will unbedingt an der Monarchie festhalten; verräterisch ist das Pronomen „mir“ (V. 25), mit dem die Monarchie als sein eigen, schlicht gesagt: mit seinem Eigentum verbunden, beansprucht wird. Die Alliteration „nun und nimmer“ bekräftigt seine Entschlossenheit (V. 26). In den beiden letzten Versen bekommt das politische „Glaubensbekenntnis“ Rokokos eine religiöse Dimension, als er seine Treue zur Monarchie begründet: Deren Verehrung stelle, anders als in den Konfessionen, eine gemeinsame Liturgie dar und hänge an einem einzigen Gott (dem König) – die Wörter „eine“ und „einen“ sind also zu betonen oder auch groß zu schreiben. Schon in Rom war die Berufung auf den einen Gott politisches Programm, und hundert Jahre nach Hoffmann wurde laut „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“ geschrien. Mit der religiösen Überhöhung wird im Sinn des Dichters das Glaubensbekenntnis entlarvt. Der Reim V. 26/28 verbindet die Treue zum König mit der religiösen Verbrämung.

Das Motto des Gedichts stützt diese Lesart, indem das hinterwäldlerische Lob von Schneckensprung und Ochsengesang – hier dem Lob der Monarchie gleichzusetzen – abgetan wird, weil es den Leopardensprung und den Gesang der Nachtigall nicht kennt: Damit wird die Weite, Schönheit und Freiheit der Republik in einer Analogie im Kontrast offenbar, während das Lob der Monarchie den Verehrern von Schneckensprung und Ochsengesang vorbehalten ist.

Ich war erst sechzehn Sommer alt“ ist ein Gedicht von Matthias Claudius; es wurde von J. F. Reichardt und auch von Kapellmeister Schulz vertont und war 1841 ein Volkslied; es hat Hoffmann den Rhythmus seines Gedichtes vorgegeben.

Übersetzung des Mottos durch Dr. Rolf Keuchen:

Wer das Laufen der Schnecke

und das Singen des Ochsen lobt,

der kam nie dahin, wo der Leopard lief

und wo die Nachtigall sang.   (Freidank)

https://archive.org/details/bub_gb_n5E9AAAAYAAJ/page/n223/mode/2up (Hoffmann von Fallersleben: Unpolitische Lieder, Zweiter Teil, 1841)

https://archive.org/details/hoffmannsvonfal01gersgoog/page/n5/mode/2up (ders.: Zeit-Gedichte)

https://gedichte.xbib.de/gedicht_Fallersleben.htm (Gedichte, z. T. fehlerhaft)
Hoffmann von Fallersleben

https://de.wikipedia.org/wiki/August_Heinrich_Hoffmann_von_Fallersleben

https://www.von-fallersleben.de/ (mit Gedichten)

Vormärz

https://www.geschichte-abitur.de/restauration-und-vormarz/vormarz

https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch/artikel/vormaerz-und-junges-deutschland

https://www.inhaltsangabe.de/wissen/literaturepochen/vormaerz/

Sonstiges

https://de.wikipedia.org/wiki/Karlsbader_Beschl%C3%BCsse (Karlsbader Beschlüsse)

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/vormaerz-und-revolution/deutscher-bund/karlsbader-beschluesse-1819.html (dito)

https://de.wikipedia.org/wiki/Rokoko (Rokoko)

https://www.goruma.de/kunst-und-kultur/bau-und-kunststile/rokoko (dito)

https://www.volksliederarchiv.de/ich-war-erst-sechzehn-sommer-alt-phidile/ (Ich war erst sechzehn Sommer alt)

P.S. Im Vormärz überschnitten sich wie so oft religiöse und politische Reformbestrebungen; so ist auch das Phänomen des Deutschkatholizismus zu verstehen (wo z.B. Robert Blum aktiv war), was man bei der Interpretation politisch-religiöser Motive in Gedichten wissen und beachten sollte.

https://de.wikipedia.org/wiki/Deutschkatholizismus

https://deacademic.com/dic.nsf/meyers/30848/Deutschkatholiken

https://de.unionpedia.org/i/Deutschkatholizismus

https://de.wikipedia.org/wiki/Ultramontanismus

Hoffmann von Fallersleben: Michels Abendlied – Text und Analyse

A. H. Hoffmann von Fallersleben: Michels Abendlied (6. Juni 1845)

Ich weiß deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist; ach! dass du kalt oder warm wärest! (Offenbarung Johannis 3, 15)

Mel.: Jetzt schwenken wir den Hut
Ich bin ein freier Mann,
Nie ficht die Furcht mich an.
Für Fortschritt neh
m‘ ich stets Partei,
Ich denke, red‘ und handle frei –
Chor (ganz leise):
Mit Polizeierlaubnis, –
erlaubnis.


Ich habe Kraft und Mut,
Zu opfern Gut und Blut:
Ich gebe Geld, ich sammle Geld
Für die Verfolgten aller Welt –
Chor:
Wenn‘s nur nicht ist verboten, verboten


Ich bin beseelt zumal
Für das was liberal.
Zu Dankadressen nah und fern
Geb‘ ich auch meinen Namen gern –
Chor:
Wenn‘s nur nicht ist gefährlich, gefährlich.


Ich bin ganz rücksichtslos,
Ich werde furios,
Ich schimpf‘ und fluch‘ auf Tyrannei,
Zensur, geheime Polizei –
Chor:

Wenn niemand ist zugegen, zugegen.

(https://archive.org/details/hoffmannsvonfal01gersgoog/page/n37/mode/2up)

Dieses Gedicht aus dem „Schwefeläther“ (1845) kann man nur schwer mit Verszahlen nummerieren, wenn man sie nicht gedruckt sieht. Ich spreche daher von Überschrift, Motto, Regieanweisungen, Strophen und Chortext. Wie viele Gedicht Hoffmanns ist es auf eine bestimmte Melodie hin geschrieben worden: Der Rhythmus war vorgegeben.

Es spricht ein Bürger in Ich-Form, der sich vorstellt oder sich Rechenschaft gibt, in vier Strophen. Ihm antwortet jedes Mal leise ein Chor, der die gerade gemacht selbstbewusste Aussage widerlegt: Alle seine Äußerungen des Mutes und der freiheitlichen Gesinnungen tut er nur, wenn es für ihn nicht gefährlich ist.

Die vier Strophen bestehen aus je drei und vier Jambenpaaren, die im Paarreim miteinander verbunden sind. Im ersten Verspaar benennt der Bürger eine progressive Eigenschaft, im zweiten Paar nennt er den Beleg für seine Behauptung; der Chor macht mit einer kleinen Einschränkung diese Behauptung lächerlich bzw. widerlegt sie: Einmal schränkt er durch das Adverbial „Mit Polizeierlaubnis“ die Behauptung furchtlosen freien Denkens und Handelns ein und führt sie ad absurdum; anschließend nennt er dreimal eine einschränkende Bedingung, welche die vorhergehende Behauptung aufhebt. Fünf von den acht Verspaaren weisen ein Enjambement auf; insgesamt sind die acht Reimpaare semantisch sinnvoll. So wird etwa in V. 1/2 und 3/4 das Gleiche gesagt, während in V. 5/6 und 7/8 der Satz fortgeführt wird.

Zur Interpretation, sofern sie überhaupt erforderlich ist, dienen die Überschrift und das Motto. Der deutsche Michel ist eine Figur, welche „die“ Deutschen darstellt: eine ausgesprochene Schlafmütze; wenn der sein Abendlied singt, dann ist Entsprechendes zu erwarten – hier ein völlig verzerrtes Bild seiner selbst als eines für Freiheit und Fortschritt eintretenden Bürgers. Mit dem Motto aus der Geheimen Offenbarung verurteilt der Dichter diesen Michel als „lau“: einerseits voller großer Worte, anderseits ein Hasenfuß. In der Geheimen Offenbarung wird mit diesem Wort eine christliche Gemeinde zurechtgewiesen und zur Umkehr aufgefordert.

Mit seinem Gedicht verspottet Hoffmann von Fallersleben jene Spießbürger, die ihr freiheitliches Maul aufreißen, aber schweigen, wenn sie etwas riskieren könnten. Eine Parallele ist Hoffmanns Gedicht „Das Lied vom deutschen Philister“ (1843).

https://gedichte.xbib.de/gedicht_Fallersleben.htm (Gedichte Hoffmanns)

Hoffmann von Fallersleben

https://de.wikipedia.org/wiki/August_Heinrich_Hoffmann_von_Fallersleben

https://www.von-fallersleben.de/ (mit Gedichten)

Vormärz

https://www.geschichte-abitur.de/restauration-und-vormarz/vormarz

https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch/artikel/vormaerz-und-junges-deutschland

https://www.inhaltsangabe.de/wissen/literaturepochen/vormaerz/

Sonstiges

https://de.wikipedia.org/wiki/Karlsbader_Beschl%C3%BCsse (Karlsbader Beschlüsse)

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/vormaerz-und-revolution/deutscher-bund/karlsbader-beschluesse-1819.html (dito)

https://www.dw.com/de/michel-nationalfigur-und-persona-non-grata/a-16368360 (der deutsche Michel)

https://de.wikipedia.org/wiki/Deutscher_Michel (dito)

https://en.wikipedia.org/wiki/Deutscher_Michel (dito)

http://www.kapitalismusfehler.de/Deutscher-Michel.html (dito)

F. Freiligrath: Freie Presse – Text und Analyse

Ferdinand Freiligrath: Freie Presse

 

Festen Tons zu seinen Leuten spricht der Herr der Druckerei:

»Morgen, wisst ihr, soll es losgeh‘n, und zum Schießen braucht man Blei!

Wohl, wir haben unsre Schriften: – Morgen in die Reih‘n getreten!

Heute Munition gegossen aus metall‘nen Alphabeten!

 

Hier die Formen, hier die Tiegel! auch die Kohlen fach‘ ich an!

Und die Pforten sind verrammelt, dass uns niemand stören kann!

An die Arbeit denn, ihr Herren! Alle, die ihr setzt und presst!

Helft mir auf die Beine bringen dieses Freiheitsmanifest!«

 

Spricht‘s, und wirft die ersten Lettern in den Tiegel frischer Hand.

Von der Hitze bald geschmolzen brodeln Perl‘ und Diamant;

Brodeln Kolonel und Korpus; hier Antiqua, dort Fraktur

Werfen radikale Blasen, dreist umgehend die Zensur.

 

Dampfend in die Kugelformen zischt die glüh‘nde Masse dann: –

So die ganze lange Herbstnacht schaffen diese zwanzig Mann;

Atmen rüstig in die Kohlen; schüren, schmelzen unverdrossen,

Bis in runde, blanke Kugeln Schrift und Zeug sie umgegossen!

 

Wohlverpackt in grauen Beuteln liegt der Vorrat an der Erde,

Fertig, dass er mit der Frühe brühwarm ausgegeben werde!

Eine dreiste Morgenzeitung! Wahrlich, gleich beherzt und kühn

Sah man keine noch entschwirren dieser alten Offizin!

 

Und der Meister sieht es düster, legt die Rechte auf sein Herz:

»Dass es also musste kommen, mir und vielen macht es Schmerz!

Doch – welch Mittel noch ist übrig, und wie kann es anders sein? –

Nur als Kugel mag die Type dieser Tage sich befrei‘n!

 

Wohl soll der Gedanke siegen – nicht des Stoffes rohe Kraft!

Doch man band ihn, man zertrat ihn, doch man warf ihn schnöd in Haft!

Sei es denn! In die Muskete mit dem Ladstock lasst euch rammen!

Auch in solchem Winkelhaken steht als Kämpfer treu beisammen!

 

Auch aus ihm bis in die Hofburg fliegt und schwingt euch, trotzige Schriften!

Jauchzt ein raues Lied der Freiheit, jauchzt und pfeift es hoch in Lüften!

Schlagt die Knechte, schlagt die Söldner, schlagt den allerhöchsten Toren,

Der sich diese freie Presse selber auf den Hals beschworen!

 

Für die rechte freie Presse kehrt ihr heim aus diesem Strauß:

Bald aus Leichen und aus Trümmern graben wir euch wieder aus!

Gießen euch aus stumpfen Kugeln wieder um in scharfe Lettern –

Horch! ein Pochen an der Haustür! und Trompeten hör‘ ich schmettern!

 

Jetzt ein Schuss! – Und wieder einer! – Die Signale sind‘s, Gesellen!

Hallender Schritt erfüllt die Gassen, Hufe dröhnen, Hörner gellen!

Hier die Kugeln! hier die Büchsen! Rasch hinab! – Da sind wir schon!«

Und die erste Salve prasselt! – Das ist Revolution!

(https://archive.org/details/airasechsgedic00frei/page/42/mode/2up; der Text wurde heutiger Rechtschreibung angepasst.)

Erläuterungen zu Vers

3 Schriften: die verschiedenen Formen, in denen Schrift gesetzt wird; in V. 10 und 11 werden verschieden Schriften genannt, dazu die Offizin in V. 20. In V. 16 taucht noch einmal „Schrift“ im Sinn von Schriften auf.

7 setzen: die einzelnen Lettern einer Schrift in Zeilen zu einem Text zusammenstellen; pressen = drucken.

24 mag = kann

27 Muskete und Ladestock: Die Muskete war die Hauptwaffe der Fußtruppen. Für einen Schuss wurde sie mit Pulver, der Kugel und anfangs mit einem Schusspflaster geladen, das Ganze wurde mit dem Ladestock festgestopft. – Am besten informiert man sich im Artikel „Muskete“ in Wikipedia.

28 Winkelhaken: Der Winkelhaken ist eine winkelförmige Schiene, die über einen feststehenden und einen verschieb- und feststellbaren Anschlag („Frosch“) aus Stahl verfügt, um so die gewünschte Zeilenbreite einstellen zu können. – Hier wird der Lauf der Flinte metaphorisch als Winkelhaken bezeichnet, weil die Kugeln aus Lettern gegossen sind.

29 Hofburg: Die Hofburg in Wien war bis 1918 die Residenz der Habsburger.

33 Strauß: Kampf, Gefecht

In „Wie man‘s macht“ ergab sich die Revolution beinahe von selbst und sollte auch unblutig verlaufen; im neuen Gedicht (1846 in Herisau in der Schweiz erschienen) wird erzählt, dass die Revolution systematisch vorbereitet wird und man selber Waffen herstellt. Das Gedicht besteht aus zwei Reden eines Druckereibesitzers an seine Arbeiter (sieben von zehn Strophen) und aus dem Bericht, wie die Arbeiter die Kugeln herstellen (Strophe 3-5); der Erzähler kommentiert mehrfach das Geschehen, er ist offensichtlich von der Revolution begeistert. Das Gedicht lebt von den Metaphern, die durch die Überlagerung zweier Bildebenen entstehen: mit Lettern arbeiten, Presse – mit Kugeln kämpfen, Krieg.

Gleich in Strophe (1) erklärt der Chef seinen offenbar eingeweihten („wisst ihr“, V. 2) Arbeitern, dass man für die am nächsten Tag geplante Revolution Kugeln aus den Lettern der Druckerei herstellen muss; seine Arbeiter sollen bei der Revolution mitmachen (V. 3), der Beruf tritt jetzt für alle zurück. Das erzählte Geschehen geht vom Vorabend bis zum Morgen der Revolution (V. 3, V. 40): Nach Ende der regulären Arbeitszeit sind die Türen verrammelt (V. 6); zeitraffend wird erwähnt, dass die Arbeit die ganze Herbstnacht andauert (V. 14). Es wird berichtet, dass die Arbeit irgendwann erledigt ist (V. 17); die Zeit bis zum Morgen wird durch die zweite Rede des Meisters (ab Strophe 6) nicht plausibel überbrückt.

Die vier Verse bestehen aus achthebigen Trochäen und erfordern ein entschlossenes Sprechen, wie es der geplanten Revolution angemessen ist; dreimal ist der Takt durch eine zusätzliche Silbe gestört (V. 4, 29, 38). Die Verse sind im Paarreim verbunden, ohne dass sich angesichts der Verslänge immer ein semantischer Zusammenhang ergäbe; meistens bildet der Vers einen geschlossenen Satz, erstmals in V. 11 gibt es ein Enjambement, dann noch einmal in V. 19. Die Verspaare sind meistens um eine Silbe verkürzt, unregelmäßig tauchen aber auch weibliche Kadenzen auf, was jedoch für die Erzählung belanglos ist; in der Regel endet ein Vers mit einer kleinen Pause.

Der Chef fordert (Strophe 2) seine Leute auf, mit der Arbeit zu beginnen: „Helft mir auf die Beine bringen dieses Freiheitsmanifest!“ (V. 8) In diesem Satz stoßen wir auf eine Metapher, deren Konstruktion typisch für das Gedicht ist: Ein Manifest ist ein gedruckter Text; hier werden damit die Kugeln bezeichnet, die für den Freiheitskampf herzustellen man sich anschickt. Da die Kugeln aus den Lettern gegossen werden, mit denen man sonst Texte druckt, werden sie hier „Freiheitsmanifest“ genannt – womit ihre Herstellung auch gerechtfertigt wird, weil ein Freiheitsmanifest etwas Gutes ist. Der Reim V. 7/8 verbindet die Drucker mit dem Freiheitsmanifest.

Es folgt der Bericht von der nächtlichen Herstellung der Kugeln (Strophe 3-5). In V. 12 kommentiert der Erzähler den Vorgang mit einer erneuten Anspielung auf den Zusammenhang zwischen Texten und Kugeln, der durch die Verarbeitung der Lettern hergestellt wird: Die eingeschmolzenen Lettern werfen „radikale Blasen“ (V. 12 – radikal können nur Texte oder Manifeste sein) und „umgehen“ dreist die Zensur, wie Freiligrath es mit dem Druck der Gedichte in der Schweiz ebenfalls tut: Die Zensur umgehen kann ein Autor mit seinen Texten; hier tun es die Kugeln, die illegal hergestellt werden. Die Reime verbinden oft die verschiedenen Ereignisse in ihrer Abfolge (V. 13/14, V. 15/16).

In Strophe (5) blickt der Erzähler noch auf die Frühe des kommenden Tages voraus (V. 18); danach spricht der Chef, höchstens fünf Minuten (V. 22 ff.), und dann ist schon der Morgen der Revolution da – ein Bruch in der Konstruktion der Zeitstruktur. Dass die Kugeln bald „brühwarm ausgegeben“ werden sollen (V. 18), nennt der Erzähler eine „dreiste Morgenzeitung“ (V. 19); hier werden wieder Waffen und Texte in der Metapher in eins gesetzt. Das Attribut „dreist“ ist aus seiner Sicht ironisch verwendet, dreist ist es aus der Sicht der Regierung.

In seiner zweiten Rede rechtfertigt der Meister die geplante Revolution: „Nur als Kugel mag die Type dieser Tage sich befrei‘n!“ (V. 24). Die Type steht metonymisch für die gedruckten Texte, die der Zensur unterliegen (vgl. V. 12). Die Freiheit der Presse kann nur durch Revolution, also durch die Kugel erlangt werden, da alles Bitten und Verhandeln erfolglos geblieben ist. An dieser Stelle wird auch die Überschrift „Freie Presse“ verständlich: Es ist die durch Zensur geknebelte Presse, die jetzt durch Letternkugeln befreit werden soll.

Das Bild wird in den nächsten Strophen fortgeführt: Die Letternkugeln sollen in der Muskete als dem neuen Winkelhaken beisammen stehen (V. 27 f.), als trotzige Schriften bis in die Hofburg fliegen (V. 29) und das Lied der Freiheit singen (V. 30). Sie werden metaphorisch als „diese freie Presse“ (V. 32) bezeichnet und der richtigen freien Presse (V. 33) gegenübergestellt; am Ende sollen sie aus stumpfen Kugeln wieder zu scharfen Lettern (Lettern, mit denen man scharfe unzensierte Texte druckt – Kontrast, V. 35) werden.

Folgende Einzelheiten sind noch zu beachten: Der Gedanke (in Texten) soll eigentlich über die rohe Kraft (in Kugeln) siegen (Kontrast, V. 25), doch „man“ verhindert das (durch Verhaftung der Autoren) und zwingt die Bürger zu revoltieren (V. 26) – Argumentation im Schema Zwar-Aber (V. 25 f.), womit der Kampf legitimiert wird. Die Letternkugeln werden persönlich angesprochen (V. 27-35) und erhalten ihre Aufträge; sie werden so personifiziert. Als Kämpfer sind sie „trotzige Schriften“ (V. 29, das alte Bild), sie singen im Kampf ein raues Lied (V. 30).  „Hufe / Hörner“ (V. 38) zusammen mit „Hallender“: Alliteration des Kampflärms.

Der Meister wird in seiner Rede an die Lettern durch Lärm unterbrochen; die Revolution hat begonnen, wie er seinen Gesellen erklärt (V. 36 ff.); er fordert sie auf, sich rasch in den Kampf zu stürzen (V. 39). Der Erzähler berichtet kurz begeistert vom Beginn der Kämpfe (V. 40): „Das ist Revolution!“ (V. 40) Dieser letzte Satz ist emphatisch, betont, voller Begeisterung zu sprechen.

[Ein anderes Revolutionsgedicht, vom März 1848, ist „Schwarz-Rot-Gold“, s. https://archive.org/details/gedichte03unkngoog/page/n270/mode/2up!]

https://archive.org/details/bub_gb_vAxkwDHZ4uIC/page/n465/mode/2up (Freiligraths Gedichte, 1. Band)

https://archive.org/details/gedichte03unkngoog/page/n416/mode/2up (2. Band, Freiligraths politische Gedichte, ab 1844)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Freiligrath,+Ferdinand/Gedichte (Freiligrath: Gedichte, mit einigen Fehlern)

https://kalliope.org/da/works/freiligrath (dito)

Ferdinand Freiligrath

https://www.deutsche-biographie.de/gnd118535196.html#ndbcontent

Vormärz

https://www.geschichte-abitur.de/restauration-und-vormarz/vormarz

https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch/artikel/vormaerz-und-junges-deutschland

https://www.inhaltsangabe.de/wissen/literaturepochen/vormaerz/

Sonstiges

https://de.wikipedia.org/wiki/Karlsbader_Beschl%C3%BCsse (Karlsbader Beschlüsse)

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/vormaerz-und-revolution/deutscher-bund/karlsbader-beschluesse-1819.html (dito)

https://de.wikipedia.org/wiki/Muskete (Muskete)

F. Freiligrath: Wie man’s macht – Text und Analyse

Ferdinand Freiligrath: Wie man’s macht

So wird es kommen, eh‘ ihr denkt: – Das Volk hat nichts zu beißen mehr!

Durch seine Lumpen pfeift der Wind! Wo nimmt es Brot und Kleider her? –

Da tritt ein kecker Bursche vor; der spricht: »Die Kleider wüsst‘ ich schon!

Mir nach, wer Rock und Hosen will! Zeug für ein ganzes Bataillon!«

 

Und wie man eine Hand umdreht, stellt er in Rotten sie und Reih‘n,

Schreit: »Linksum kehrt!« und »Vorwärts marsch!« und führt zur Kreisstadt sie hinein.

Vor einem steinernen Gebäu haltmachen lässt er trutziglich:

»Seht da, mein Kleidermagazin – das Landwehrzeughaus nennt es sich!

 

Darinnen liegt, was ihr bedürft: Leinwand zu Hemden, derb und schwer!

Wattierte Jacken, frisch genäht – dazu von zweierlei Couleur!

Tuchmäntel für die Regennacht! Feldmützen auch und Handschuh‘ viel,

Und alles, was sich sonst gehört zu Heerschau und Paradespiel!

 

Ihr kennt den ganzen Rummel ja! Ob auch mit Hadern jetzt bedeckt,

Haben die meisten doch von euch in der Montierung schon gesteckt!

Wehrmänner seid ihr allzumal! So lange jeder denn vom Pflock

Sich seinen eignen Hosensack und seinen eignen blauen Rock!

 

Ja, seinen Rock! Wer faselt noch vom Rock des Königs? – Liebe Zeit!

Gabt ihr die Wolle doch dazu: geschorne Schafe, die ihr seid!

Du da – ist nicht die Leinwand hier der Flachs, den deine Mutter spann,

Indes vom kummervollen Aug‘ die Trän‘ ihr auf den Faden rann?

 

Nehmt denn! So recht! Da prunkt ihr ja, als ging‘s zu Felde morgen früh,

Oder doch allerwenigstens nach Grimlinghausen zur Revue!

Nur die Muskete fehlt euch noch! Doch sieh, da steht von ungefähr

Der ganze Saal voll! Zum Versuch: – Gewehr in Arm! Schultert‘s Gewehr!

 

Ganz, wie sich‘s hört! Das nenn‘ ich Schick! Am Ende… Jungens, wisst ihr was?

Auch die Gewehre wandern mit! – Gewehr bei Fuß! – Das wird ein Spaß!

Und würd‘ es Ernst… Nun, möglich ist‘s! Sie machen immer groß Geschrei,

Und nennen diesen Kleiderwitz vielleicht noch gar Rebellerei!

 

Nennen ihn Einbruch noch und Raub! – In wenig Stunden, sollt ihr seh‘n,

Wird uns ein Linienregiment schlagfertig gegenübersteh‘n!

Da heißt es denn für seinen Rock die Zähne weisen! Dran und drauf!

Patronen her! Geladen, Kerls! Und pflanzt die Bajonette auf!

 

Stülpt auch den Tschako auf den Kopf, und hängt den Degen vor den Steiß: –

Dass ihr ihn ‚Käsemesser‘ nennt, ein glückverheißend Omen sei‘s!

Kein Hirn, will‘s Gott, besudelt ihn! Kein Herzblut, hoff‘ ich, färbt ihn rot –

Für Weib und Kinder ‚Käse‘ nur soll er zerhau‘n und nahrhaft Brot!

 

Und nun hinaus! Tambour voran, Querpfeifer und Hornistenpaar!

Soll auch die Adlerfahne noch vorflattern, Brüder, eurer Schar?

Der Teufel auch! Was kümmert uns vergangner Zeit Raubvögelpack!

Wollt ihr ein Banner: Eines nur schickt sich für euch – der Bettelsack!

 

Den pflanzt auf irgendein Gerüst: – da, hier ist ein Ulanenspeer! –

Und tragt ihn, wie die Geusen einst, mit zorn‘gem Stolze vor euch her!

Ihr könnt es füglicher als sie! Ihr tragt den Sack nicht bloß zum Staat,

Ihr seid nicht bloß dem Namen nach – nein, ihr seid Bettler in der Tat!

 

Marsch denn, ihr Geusen dieser Zeit! Marsch, Proletarier-Bataillon!«

Da naht zu Fuß und naht zu Roß die königliche Linie schon!

»Feuer!« befiehlt der General; »Chok!« heißt es bei der Reiterei. –

Doch, ha! Kein Renner hebt den Fuß, und keine Flinte schickt ihr Blei!

 

Ein Murren aber rollt durchs Heer: »Auch wir sind Volk! Was königlich!«

Und plötzlich vor dem Bettelsack senkt tief die Adlerfahne sich!

Dann Jubelschrei: »Wir sind mit euch! Denn wir sind ihr, und ihr seid wir!«

»Kanaille!« ruft der Kommandeur – da reißt ein Leutnant ihn vom Tier!

 

Und wie ein Sturm zur Hauptstadt geht‘s! Anschwillt ihr Zug lawinengleich!

Umstürzt der Thron, die Krone fällt, in seinen Angeln ächzt das Reich!

Aus Brand und Blut erhebt das Volk siegaft sein lang zertreten Haupt: –

Wehen hat jegliche Geburt! – So wird es kommen, eh‘ ihr glaubt.

(https://archive.org/details/airasechsgedic00frei/page/32/mode/2up)

Erläuterungen zu Vers

5 Rotte: Soldaten, die neben- oder hintereinander als geschlossene Einheit antreten

8 Zeughaus: Hier wurden Waffen und Ausrüstung gelagert.

8 Landwehr: dem Heer beigeordnete Milizen oder ältere Reservisten

13 Hader: Ein Fetzen Stoff, Lumpen; zerschlissenes Kleidungsstück

15 Wehrmann: Dienstgrad unter dem Gefreiten

21 zu Felde: in den Krieg

23 Grimlinghausen: In Grimlinghausen bei Neuss fand am 31. August 1842 ein großes Feldmanöver des 7. preußischen Armeecorps an der Erft statt.

30 Linienregiment: Linie ist eine alte Bezeichnung für die nicht zur Garde gehörenden Truppen; beim Exerzieren ist die Grundaufstellung Mann neben Mann in einer Linie; siehe V. 44!

25 hört = gehört (des Taktes wegen verkürzt)

33 Tschako: militärische Kopfbedeckung mit Augen- und Nackenschirm

34 Omen: Vorzeichen

37 Tambour: hier der Tambourmajor, der die Militärmusiker dirigiert

38 Adlerfahne: die Flagge Preußens, ein schwarzer Adler auf weißem Grund

41 Ulanen: leichte Reitereinheit, mit Lanzen, Säbeln und Pistolen bewaffnet

42 Geusen: Bezeichnung für die Aufständischen in den Niederlanden nach 1568 (von franz. gueux: Bettler)

43 zum Staat: zum Schmuck

47 Chok = choque, etwa: o Schreck!

52 Kanaille (Schimpfwort): Schurke, Schuft, Strolch

Wie man‘s macht“ (Überschrift): Hier wird erzählt, wie die kommende Revolution verlaufen soll: „So wird es kommen, eh‘ ihr denkt“ (V. 1) ist die Einleitungsformel, die zum Schluss leicht verändert wiederholt wird (V. 56). Das erzählte Geschehen entspringt aus der Not des Volkes (Strophe 1), das unter Führung eines kecken Burschen das Zeughaus in der Kreisstadt stürmt und sich einkleidet (bis Strophe 5). Dazu werden auch Waffen erbeutet, die man für den zu erwartenden Kampf mit regulären Truppen brauchen wird (bis Strophe 9); als Fahne wählt man den Bettelsack (bis Strophe 11). Beim Zusammenstoß mit den Truppen weigern diese sich zu kämpfen: „Denn wir sind ihr, und ihr seid wir!“ (V. 51) Die Revolution wird unblutig in der Hauptstadt vollendet (Strophe 14).

Erzählt wird das alles in Versen zu acht Jamben, von denen vier im Paarreim in einer Strophe zusammengefasst sind; das ergibt ein zügiges Erzählen, wie es zum Revolutionsgeschehen passt. Gelegentlich sind einzelne Silben gegen den Takt betont, z. B. die erste Silbe in V. 11, 15, 21, 25 und öfter, bedeutsam und kraftvoll in „An-“ (V. 53) und „Um-“ (V. 54). Die Reime sind mehr oder weniger sinnvoll, z. B. V.1/2 die Not; V. 3/4 Kleidung; V. 5/6 Aufstellung und Marsch; V. 7/8 ohne Bezug; V. 9/10 Kleidung, usw. Jeweils zwei Verse gehören vom Sinn her zusammen, hinter dem ersten und dritten Vers einer Strophe geht der Satz in der Regel weiter.

Da die Geschichte dieser Revolution chronologisch erzählt wird, ist es hier nur erforderlich, auf einzelne Besonderheiten hinzuweisen. Am Anfang des Geschehens steht die Armut des Volkes (V. 1 f.). Der Zug zum Zeughaus ist schon von einem jungen Burschen militärisch organisiert (V. 5 f.), „Bataillon“ (V. 4) ist eine Anspielung aufs Zeughaus (V. 8), deutet aber auch schon auf die spätere Bewaffnung voraus (V. 25 ff.). Seine Rede an die Aufständischen (V. 3 f. und V. 8-45) macht den größten Teil der ersten Hälfte aus: Geschehen und Rede, seine Anweisungen und ihre Taten erfolgen parallel. „Gebäu“ (V. 7) ist das um des Taktes willen verkürzte „Gebäude“; das Possessivpronomen „mein“ (V. 8) rechtfertigt das Unternehmen kühn. Mit der Bezeichnung „den ganzen Rummel“ (V. 13) wird die normale militärische Ausstattung abgewertet. In V. 17-20 wird die Aneignung der Uniformen legitimiert; das alles sei nicht des Königs, sondern des Volkes Eigentum (Kontrast); die Menschen seien „geschorne Schafe“ (V. 18) des Königs – mit dieser Metapher wird der Bezug zur Wolle hergestellt und die Wollkleidung als eigen beansprucht.

Diente der Aufstand ursprünglich nur dazu, sich Kleidung zu verschaffen (V. 1 ff.), so geht er durch zwei irreale Vergleiche (V. 21 f.) dazu über, sich auch mit Waffen zu versorgen (V. 23 ff.), wobei sich dann die Möglichkeit eines Kampfes abzeichnet. Die drei Punkte und die Frage (V. 25) zeigen, dass die Bewaffnung gar nicht geplant war und sich im Verlauf des Geschehens ergibt – zuerst nur als Spaß gedacht (V. 26), wobei schon vorsichtig mit dem Ernst gerechnet wird (V. 27 f. – Konjunktiv II); auch in Strophe (8) wird nur der Kampf um die Kleidung als Ziel ausgegeben (V. 31), von Revolution ist noch keine Rede. In Strophe (9) bemüht der Sprecher sich, ein akzeptables Bild der kommenden Auseinandersetzung zu zeichnen; dazu dient die Bezeichnung des Degens als Käsemesser (harmlos); die Hoffnung, ohne Blutvergießen auszukommen (V. 35); der Hinweis auf den Zweck, nur die eigene Familie in ihrer Not zu versorgen (V. 36 – ähnlich rechtfertigt Tell die Ermordung Geßlers). Auch der Bettelsack als „Flagge“ und die Bezeichnung „Geusen“ weisen in diese Richtung (Strophe 10 und 11) – der Bettelsack ist ein schöner Kontrast zum stolzen preußischen Adler, der als Raubvogel und Pack abgewertet wird (V. 39 – unter dem Raubvogel muss man zwangsläufig Bettler werden) – dem Sprecher ist der Raubvogel bereits nur noch Zeichen der Vergangenheit; so wird das „Proletarier-Bataillon“ in Marsch gesetzt (V. 45): alles noch eine Aktion der Bettler (V. 44), die nur ihre Rechte verteidigen (V. 16 ff., V. 31, V. 44). Damit ist die Rede des Anführers und der erste Teil der Revolution zu Ende.

Den zweiten Teil des erzählten Geschehens bildet die Auseinandersetzung mit den Truppen (V. 46-52), die wundersamerweise unblutig endet, weil die Soldaten des Königs meutern und sich mit den Aufständischen solidarisieren. Dieser plötzliche Umschwung wird mit der Wendung „Doch, ha!“ (V. 48) eingeleitet und durch die Unzufriedenheit der Soldaten (V. 49) erklärt; der Spruch „Auch wir sind Volk!“ erinnert uns an die deutsche Revolution 1989 („Wir sind das Volk!“). In diesem Spruch wird dem König die Legitimation von Gottes Gnaden bestritten („Was königlich!“, V. 49) und das Volk als Ursprung aller Macht behauptet, also das demokratische Prinzip vertreten. Dass der Adler sich vor dem Bettelsack verneigt (V. 50), ist zutiefst paradox und Vorzeichen des künftigen Geschehens. Mit einem Jubelschrei (V. 51) vereinigen sich die beiden Teile des Volkes, der Kommandeur wird abgesetzt (V. 52).

In der letzten Strophe wird durch die Vergleiche mit Sturm und Lawine die Macht des Volkes bezeichnet, die dann das alte Regime stürzt (V. 53 f.); Thron und Krone sind die Symbole der alten Herrschaft. Voller Stolz berichtet der Erzähler vom endgültigen Sieg des Volkes; Brand und Blut, eine Alliteration, zeigen an, dass die Revolution doch nicht unblutig verlaufen ist – oder sie gehören einfach zum Bild einer Revolution, obwohl nirgendwo von Brand und Blut erzählt wurde. Sie werden jedenfalls mit dem Bild von den Wehen, die zu jeder Geburt gehören, gerechtfertigt (V. 56). Der Kontrast ‚sieghaft – lang zertreten‘ (V. 55) deutet die Größe des Erfolges an. Dass das Volk sein Haupt erhebt (V. 55) impliziert, dass der König nicht mehr das Oberhaupt ist.

Der Dichter Freiligrath zeichnet hier ein schönes Bild der kommenden Revolution, die dann im Jahr 1848 nicht ganz so schön verlaufen ist. Sein Bild schillert in Bezug auf den Einsatz von Gewalt: Der kecke Anführer möchte Gewalt vermeiden und bereitet seine Leute doch auf ein Gefecht vor; die Begegnung mit den regulären Truppen endet friedlich; die Hauptstadt wird erobert, ohne dass von „Brand und Blut“ erzählt würde – sie werden nur genannt und als Geburtswehen gerechtfertigt.

Das Gedicht, im Dezember 1843 verfasst, stammt noch aus der Anfangszeit des revolutionären Denkens des Dichters; vielleicht erklärt das die zweideutige Haltung in der Frage der Gewaltanwendung. Vielleicht muss man aber auch das Bild einer weithin friedlichen Revolution zeichnen, um die Zögernden oder die Bedenkenträger zum Mitmachen zu bewegen (oder seine eigenen Bedenken zu beschwichtigen).

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https://kalliope.org/da/works/freiligrath (dito)

Ferdinand Freiligrath

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Vormärz

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Sonstiges

https://de.wikipedia.org/wiki/Karlsbader_Beschl%C3%BCsse (Karlsbader Beschlüsse)

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/vormaerz-und-revolution/deutscher-bund/karlsbader-beschluesse-1819.html (dito)

https://www.geschichte-abitur.de/revolution-184849/marzbewegung (Märzrevolution)

https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Revolution_1848/1849 (deutsche Revolution 1848/49)

F. Freiligrath: Die Freiheit! das Recht! – Text und Analyse

Ferdinand Freiligrath: Die Freiheit! das Recht! (1843)

 

O, glaubt nicht, sie ruhe fortan bei den Toten,

O, glaubt nicht, sie meide fortan dies Geschlecht,

Weil mutigen Sprechern das Wort man verboten

Und Nichtdelatoren verweigert das Recht!

Nein, ob ins Exil auch die Eidfesten schritten;

Ob, müde der Willkür, die endlos sie litten,

Sich andre im Kerker die Adern zerschnitten –

Doch lebt noch die Freiheit, und mit ihr das Recht!

Die Freiheit! das Recht!

 

Nicht mach‘ uns die einzelne Schlappe verlegen!

Die fördert die Siege des Ganzen erst recht;

Die wirkt, dass wir doppelt uns rühren und regen,

Noch lauter es rufen: Die Freiheit! das Recht!

Denn ewig sind eins diese heiligen Zweie!

Sie halten zusammen in Trutz und in Treue;

Wo das Recht ist, da wohnen von selber schon Freie,

Und immer, wo Freie sind, waltet das Recht!

Die Freiheit! das Recht!

 

Und auch das sei ein Trost uns: Nie flogen, wie heuer,

Die freudigen Zwei von Gefecht zu Gefecht!

Nie flutete voller ihr Odem und freier,

Durch die Seele selbst brausend dem niedrigsten Knecht!

Sie machen die Runde der Welt und der Lande,

Sie wecken und werben von Strande zu Strande,

Schon sprengten sie kühn des Leibeigenen Bande,

Und sagten zu denen des Negers: Zerbrecht!

Die Freiheit! das Recht!

 

Ja, ihr Banner entflattert und weht allerorten,

Dass die Unbill gesühnt sei, die Schande gerächt!

Ja, und siegen sie hier nicht, so siegen sie dorten,

Und am Ende doch siegen sie gründlich und echt!

O Gott, welch ein Kranz wird sie glorreich dann zieren!

All‘ die Läuber, die Völker im Fahnentuch führen!

Die Olive des Griechen, das Kleeblatt des Iren,

Und vor allem germanisches Eichengeflecht!

Die Freiheit! das Recht!

 

Wohl ruhn dann schon manche, die jetzo noch leiden –

Doch ihr Schlummer ist süß, und ihr Ruhn ist gerecht!

Und licht an den Gräbern stehen die beiden,

Die wir ihnen auch danken – die Freiheit! das Recht!

Unterdes hebt die Gläser! Ihr Wohl, die da stritten!

Die da stritten und mutig ins Elend drum schritten!

Die das Recht uns verfochten, und Unrecht drum litten!

Hoch ewig das Recht – und die Freiheit durchs Recht!

Die Freiheit durchs Recht!

(https://archive.org/details/einglaubensbeken00frei/page/102/mode/2up)

Erläuterung zu V. 4: Ein Delator war v.a. in der römischen Kaiserzeit ein professioneller Denunziant; angezeigt wurden unliebsame Personen, v.a. wegen Majestätsbeleidigung.

Freiheit und Recht sind die großen Forderungen, die in diesem Gedicht proklamiert werden. Als Gegenbegriffe werden Leibeigenschaft und Sklaverei (V. 25 f.) genannt. Sowohl ein Leibeigener wie ein Sklave ist als Unfreier dadurch definiert, dass ihm die Rechte anderer Menschen fehlen. Unfreiheit ist Rechtlosigkeit.

Um den Zusammenhang von Freiheit und Recht zu begreifen und ein vordergründiges Verständnis von Freiheit („tun und lassen, was man will“) zu überwinden, soll kurz skizziert werden, was Leibeigenschaft und Sklaverei bedeuten.

Ein Leibherr verfügt über die Person des Leibeigenen. Dieser

  • ist zu Frondiensten verpflichtet,
  • darf nicht vom Gutshof fortziehen,
  • darf nur mit Genehmigung des Leibherren heiraten,
  • unterliegt dessen Gerichtsbarkeit,
  • kann mit dem Gut, aber auch einzeln verkauft werden.

Ein Sklave ist ein entrechteter Mensch, der gegen seinen Willen festgehalten, verschleppt, misshandelt und wirtschaftlich ausgebeutet wird. Ein Sklave ist ein Mensch, der zum Eigentum eines anderen Menschen erklärt wird.“ (Gregor Delvaux de Fenffe, planet-wissen.de) Sklaven rangieren auf der Ebene der Sachen, der Waren. Sklaverei wurde für Europa auf dem Wiener Kongress für abgeschafft erklärt, in den USA erst nach dem Sezessionskrieg (1861-1865), zumindest rechtlich, auch wenn die erst im 20. Jahrhundert abgeschaffte Rassentrennung bis heute nachwirkt.

Das Besondere an Freiligraths Gedicht ist, dass hier nicht wie in anderen Gedichten des Vormärz nur Freiheit gefordert wird, sondern mit ihr zusammen das Recht. Ein Sprecher, der als Sprachrohr des Dichters fungiert, wendet sich an eine nicht bezeichnete Gruppe, die er direkt anspricht („glaubt nicht“, V. 1) und zu der er sich auch zählt („uns“, V. 10). Es sind die Freunde der Freiheit, denen er Mut macht in einem Kampf, der noch nicht entschieden ist. Zunächst skizziert er die gegenwärtige Lage: Die Menschen sind weithin rechtlos; dagegen proklamiert der Sprecher, dass die Freiheit und das Recht noch leben (1. Strophe). Dafür führt er verschiedene Gründe an (2. und 3. Strophe). Er blickt in die Zukunft, wo sie siegen werden (4. Strophe), aber auch zurück auf die Menschen, die im Kampf für Freiheit und Recht unterlegen sind, und ruft auf deren Wohl ein Prosit aus (5. Strophe).

Der Sprecher ist von Begeisterung beflügelt, er spricht flott im Daktylus: ein Auftakt und vier Versfüße, wovon der letzte um eine oder zwei Silben verkürzt ist, so dass sich regelmäßig folgende Kadenzen ergeben: w – m – w – m – w – w – w – m. Von der dritten Strophe an bilden unregelmäßig eine oder zwei Silben den Auftakt, was das Sprechen beschleunigt (V. 19, V. 22, V. 28, usw.). Die acht Verse einer Strophe werden durch einen kurzen neunten abgeschlossen, der siegreich „Die Freiheit! das Recht!“ verkündet und nur in der letzten Strophe minimal variiert wird; auch in diesem Vers 9 wird der Daktylus durchgehalten, aber eben um zwei Versfüße verkürzt, wobei die männliche Kadenz „Recht!“ stark betont ist. Die ersten vier Verse einer Strophe sind im Kreuzreim verbunden; Vers 4, 8 und 9 jeder Strophen reimen sich auf „Recht“, Vers 5, 6, 7 (weibliche Kadenz) weisen einen Dreierpaarreim auf. Die Kombination der Varianten in Versaufbau und Reimwechsel ergibt ein lebhaftes Sprechen: aus Begeisterung für den kommenden Sieg von Freiheit und Recht.

Der Sprecher geht von dem anscheinend verbreiteten Eindruck aus, dass es um die Freiheit („sie“, V. 1)in Deutschland nicht gut bestellt ist: Sie scheint beinahe tot zu sein (V. 1), doch er ruft dazu auf, solches nicht zu glauben (zwei Imperative, V. 1 f.), und proklamiert, dass sie lebt (V. 8). Er nennt mehrere Gründe für die Annahme, dass sie tot sei (V. 3-7), dass nämlich den Bürgern elementare Rechte verweigert werden. Der Reim V. 1/3 verbindet den falschen Glauben mit einem Grund zu dieser Annahme, während in V. 5/6/7 verschiedene Ereignisse des Unrechts genannt werden; die Recht-Reime passen ebenfalls zusammen.

Danach spricht er seine Freiheitsfreunde erneut an und macht ihnen Mut für den weiteren Kampf, indem er der einzelnen Schlappe den späteren Gesamtsieg gegenüberstellt (V. 10 f.); die einzelne Schlappe sei vielmehr ein Grund, erst recht für Freiheit und Recht einzutreten (V. 12 ff.). Es folgt ein kleiner Exkurs zum Zusammenhang von Freiheit und Recht (V. 14 ff.). Die Reime passen so wie in Strophe (1) zusammen; dabei holpert es beim Reimpaar des 2. und 4. Verses ein wenig, weil mit dem 4. Vers kein neuer Satz beginnt.

In der dritten Strophe wird der Glaube an den Endsieg dadurch bestärkt, dass der Sprecher darauf erweist, dass gerade „heuer“ (V. 19) Freiheit und Recht auf dem Vormarsch seien. Dies führt er zunächst nur bildhaft aus (V. 19-24); als konkrete Erfolge kann er das Ende der Leibeigenschaft (in Preußen 1807) und der Sklaverei nennen (V. 25) – da er aber nicht angibt, wo diese Freiheiten errungen wurden, bleiben seine Hinweise recht unbestimmt; man muss „heuer“ als großen Zeitraum, als „unsere Zeit“ verstehen. Als sinntragende Reime können die Verse 19/21 (gegenwärtige Erfolge) und 23/24/25 (überall Erfolge) genannt werden.

In der ersten Hälfte der vierten Strophe wird wie der ersten Hälfte der Strophe (2) argumentiert; in der zweiten Hälfte blickt der Sprecher in die Zukunft und verbindet mit dem Glauben an den Sieg das Bild vom Siegeskranz, in das „die Läuber“ (Plural zu „Laub“, Neologismus) verschiedener Völker eingeflochten werden. In dieser Strophe sind alle Reimkombinationen semantisch sinnvoll (wo, V. 28/30; Sieg, V. 29/31; Kranz, V. 32-34); nur V. 35 fällt aus der Recht-Reihe, während V. 36 sich wieder an V. 29/31 anschließt.

Es folgt ein Rückblick vom Tag des künftigen Sieges aus („dann“, V. 37) auf jene jetzt leidenden Kämpfer, die diesen Freudentag nicht mehr erleben können. Der Trost wird nach dem Schema „zwar – aber“ vorgetragen; zwar erleben sie den Sieg nicht, aber sie ruhen in Frieden und in unserem Dank (V. 37-40). Im Schlusswort bringt der Sprecher ein fröhliches Prosit auf die jetzt Unrecht erleidenden Freiheitskämpfer aus und lässt auch Freiheit und Recht hochleben. (Das Präteritum in V. 41-43 kann aus dem Rückblick am Tag des Sieges oder aus dem Rückblick im Moment des Sprechens erklärt werden – in seiner Begeisterung achtet der Sprecher nicht exakt auf logische Feinheiten.) Neu ist hier die Formel „Freiheit durchs Recht!“; sie ergibt sich dadurch, dass der Sprecher an das zuvor beklagt Unrecht (V. 43 und V. 42) anknüpft und so das Recht als Bedingung der Freiheit rühmen kann, was ja auch einleuchtet, wenn man die Lage von Leibeigenen oder Sklaven bedenkt. Die üblichen Reimkombinationen sind wieder sinnvoll; nur die Recht-Reime bleiben als bloße Wiederholung der Parole „Recht!“ farblos.

Damit ist eine Besonderheit dieses Gedichts berührt: Es lebt davon, dass es die Parole „Freiheit und Recht“ immer wieder einhämmert; dafür verzichtet der Sprecher auf historische Argumentation oder differenzierte Analysen – es geht ihm darum, die Kämpfer zu stärken, nicht Zweifelnde erst noch zu überzeugen. Das Gedicht lebt also von der Parole „Die Freiheit! Das Recht!“; Heines Gedicht „Das Sklavenschiff“ als Gegenbeispiel entlarvt als Erzählung großartig die Sklaverei als mieseste Geschäftspraxis – hat dafür aber nichts mit der Lage in Deutschland und den Kämpfen dort zu tun.

 

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Ferdinand Freiligrath

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Vormärz

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Sonstiges

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https://www.wissen.de/lexikon/leibeigenschaft (Leibeigenschaft)

https://de.wikipedia.org/wiki/Leibeigenschaft (dito)

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https://de.wikipedia.org/wiki/Sklaverei (dito)

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