Ludwig Uhland: Wanderung
Ich nahm den Stab zu wandern,
Durch Deutschland ging die Fahrt,
Man pries mir ja vor andern
Der Deutschen Sinn und Art.
Dem Lande blieb ich ferne,
Wo die Orangen glühn;
Erst kennt ich jenes gerne,
Wo die Kartoffeln blühn.
Ich kam zum Fürstenhofe,
Wo man die Künste kränzt,
Wo Prunksaal und Alkove
Von Götterbildern glänzt.
Ein Baum, der nicht im groben
Volksboden sich genährt,
Nein einer, der nach oben
Sogar die Wurzeln kehrt!
Ich ging zur Hohenschule,
Da schöpft ich reines Licht,
Wo vom Prophetenstuhle
Die wahre Freiheit spricht;
Wo uns der Meister täglich
Den innern Sinn befreit,
Indes ihm selbst erträglich
Der ird’sche Leib gedeiht.
Ich schritt zum Sängerwalde,
Da sucht ich Lebenshauch;
Da saß ein edler Skalde
Und pflückt‘ am Lorbeerstrauch;
Nicht hatt er Zeit, zu achten
Auf eines Volkes Schmerz,
Er konnte nur betrachten
Sein groß, zerrissen Herz.
Ich ging zur Tempelhalle,
Da hört ich christlich Recht:
Hier innen Brüder alle,
Da draußen Herr und Knecht!
Der Festesrede Giebel
War: duck dich! schweig dabei?
Als ob die ganze Bibel
Ein Buch der Kön’ge sei.
Ich kam zum Bürgerhause,
Gern denk ich dran zurück,
Fern vom Parteigebrause
Blüht Tugend hier und Glück.
Lebt häuslich fort wie heute!
Bald wird vom Belt zum Rhein
Ein Haus voll guter Leute,
Ja! ein Gutleuthaus sein.
Ich ging zum Hospitale,
Da fand ich alles nett,
Viel Grütz und Kraut zum Mahle
Und reinlich Krankenbett;
Auch sorgt ein schön Erbarmen
Für manch verwahrlost Kind.
Wer denkt des Volks von Armen,
Die altverwahrlost sind?
Ich saß im Ständesaale,
Da schlief ich ein und träumt,
Ich sei noch im Spitale,
Den ich doch längst geräumt.
Ein Mann, der dort im Fieber,
Im kalten Fieber lag,
Er rief: nur nichts, mein Lieber,
Nur nichts vom Bundestag!
Ich mischte mich zum Volke,
Das nach dem Festplatz zog,
Wo durch die Staubeswolke
Manch dürrer Renner flog;
Da lernt es, daß die Eile
Den Reiter überstürzt
Und daß man gut die Weile
Mit Wurst und Bier sich kürzt.
Ein Adler, flügelstrebend,
War Reichspanier hievor,
Ich sah ihn noch, wie lebend,
Zu Nürnberg an dem Tor.
Jetzt fliegt man nicht zum Zwecke,
Der Wahlspruch ist: Gott geb’s!
Das Wappen ist die Schnecke,
Schildhalter ist der Krebs.
Als ich mir das entnommen,
Kehrt ich den Stab nach Haus;
Wann einst das Heil gekommen,
Dann reis ich wieder aus:
Wohl werd ich’s nicht erleben,
Doch an der Sehnsucht Hand
Als Schatten noch durchschweben
Mein freies Vaterland.
Das Gedicht, 1834 geschrieben, wurde 1835 veröffentlicht. Es ist in der Zeit der schlimmsten politischen Restauration bzw. Reaktion in Deutschland entstanden und gehört so mit seiner beinahe dezenten Kritik in den Vormärz. Poetisch ist es als politisch-kritisches eher anspruchslos; hier sollen nur für Schüler einige Hinweise zum Verständnis gegeben werden, nach Strophen sortiert:
Überschrift: Die „Wanderung“ macht es möglich, verschiedene Stationen Deutschlands zu besuchen und zu prüfen, was sie zum Allgemeinwohl des Volkes beitragen.
(1) Das Land, wo die Orangen glühn, ist Italien; Uhland spielt auf Goethes Gedicht „Kennst du das Land…“ an. Orangen-Kartoffeln ist ein hübscher Kontrast, etwa im Sinn von edel-bodenständig.
(2) Den hervorragenden Dichtern wurden Kränze verliehen; die Götterbilder sind Statuen, welche Kunstsinn demonstrieren. Die Metapher vom Baum für Fürstenhof ermöglicht es, die Perversion des feinen Lebens dort anzudeuten.
(3) Die Beschreibung der Universität ist voller Ironie (reines Licht der Wahrheit, Lehrstuhl = Prophetenstuhl, Befreiung des Geistes), markiert durch den Kontrast ‚innerer Sinn / irdischer Leib‘, also durch die Banalisierung des Erhabenen.
(4) Der Sängerwald ist der Ort der Dichter; der alte Skalde ist nur um seinen Ruhm bemüht (um den Lorbeerkranz), s. Str. 2; der Kontrast ‚des Volkes Schmerz / sein „zerrissen“ Herz‘ offenbart die egozentrische Beschränktheit des Dichters, der nicht am Wohlergehen des Volkes interessiert ist.
(5) Die Tempelhalle ist der christliche Dom bzw. eine Kirche; wieder offenbart der Kontrast ‚drinnen (angeblich) Brüder / draußen (in Wahrheit) Herr und Knecht‘, wie es um die Glaubwürdigkeit der frommen Reden bestellt ist, die nur dem Bündnis von Thron und Altar dienen. Dazu passt die „christliche“ Aufforderung „duck dich!“; die bloßen Namen der zwei bzw. vier biblischen Bücher der Könige (AT) werden hier zur Charakterisierung des „christlichen“ Umgangs mit der Bibel als Mittel der Unterdrückung genommen.
(6) Das Haus der einfachen Bürger erscheint als Ort des guten Lebens, weshalb die Bürger zum häuslich-einträchtigen Leben aufgefordert werden und die Einheit des Vaterlands metaphorisch als „ein Gutleuthaus“ gesehen wird.
(7) Das Hospital wird als Vorbild für die Fürsorge für das „arme“ Volk erkannt; Kontrast ‚Kind – altverwahrlost‘ (Neologismus).
(8) Der Ständesaal ist der Ort, wo die Ständeversammlung tagt. Über die Landstände muss man sich bei den Historikern informieren: https://historisches-lexikon.li/Landst%C3%A4nde oder http://www.zeno.org/Meyers-1905/A/Landst%C3%A4nde oder https://de.wikipedia.org/wiki/Landschaft_(Landst%C3%A4nde). Ob das Einschlafen des Sprechers damit zu tun hat, dass im Ständesaal nichts mehr passiert? Zumindest dient es dazu, den Traum mit dem fiebernden Mann zu rechtfertigen, mit seinem Ruf „Nur nichts vom Bundestag!“. Der Bundestag des Deutschen Bundes versagte als Organ in den Augen Uhlands offensichtlich, s. https://www.geschichte-abitur.de/restauration-und-vormarz/deutscher-bund oder https://www.bundestag.de/parlament/geschichte/parlamentarismus/anfaenge.
(9) Durch das Bild vom stürzenden Reiter wird angeblich klar, dass man „[m]it Wurst und Bier“ in aller Seelenruhe besser lebt; ich lese das als ironische Kritik am Spießbürger, dem alles egal ist, wenn er bloß Kirmes und Karneval feiern darf. Man muss auf die Spannung zu (6) achten, ebenso darauf, dass Uhland selber (nicht nur) mit seinem Metzelsuppenlied in eine gefährliche Nähe zu den Spießbürgern gerät.
(10) „Reichsadler nennt man den Adler derjenigen Staatsgebilde, die sich durch das Adlersymbol auf eine Reichsidee beziehen und – mittelbar oder unmittelbar – an die Tradition des Römischen Reiches anknüpfen oder diesen Anspruch verfolgen.“ (Wikipedia) Im Wappen der Stadt Nürnberg befindet sich ein Adler, s. https://de.wikipedia.org/wiki/Wappen_der_Stadt_N%C3%Bcrnberg. Dem früheren fliegenden Adler werden als Symbole des gegenwärtigen Zustands des Reiches Schnecke (langsam) und Krebs (rückwärts gehen) gegenübergestellt. Der Wahlspruch „Gott geb‘s!“ verschleiert nicht einmal die eigene Faulheit und Untätigkeit, vgl. (9).
(11) Das Demonstrativum „das“ fasst alle Erlebnisse der Reise zusammen: Die Gegenwart ist in Deutschland politisch heillos, dazu steht die Hoffnung im Kontrast („einst“), dass der Sprecher irgendwann nach seinem Tod als Schatten noch die Freiheit Deutschlands erleben wird.
Die Form des Gedichtes ist schlicht. Jede Strophe besteht aus acht Versen zu drei Jamben, wobei jeweils der erste, dritte, fünfte und siebte Vers eine Silbe zusätzlich haben (weibliche Kadenz); das passt zumKreuzreim. Jeweils zwei Verse bilden eine semantische und oft auch syntaktische Einheit, so dass man nur von den Reimen der jeweils zweiten Verse einen semantischen Bezug erwarten darf. Ich spiele das für Str. 1 durch: Fahrt durch Deutschland – der Deutschen Art (Entsprechung); wo die Orangen glühn – die Kartoffeln blühn (Kontrast).
Das Ziel des Gedichtes ist weniger poetisch als politisch: eine deutliche Kritik (allerdings nur wenig über Stammtischniveau) an den verbreiteten Missständen (besser Mißständen), ohne eine Anleitung zum Handeln oder gar die Idee eines Aufstandes – außer der sehnsüchtigen Hoffnung (11) auf Besserung hat der Sprecher nichts zu bieten, siehe auch (6)! Der Vormärz zeichnet sich in seiner Radikalität erst am Horizont ab. Trotzdem bietet das Gedicht einen Anlass, sich mit der bleiernen Zeit 1815–1848 und den Fragen der nationalen Einheit und der Freiheit zu befassen.
Text
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Vormärz
Uhland
https://archive.org/details/bub_gb_50EQAAAAYAAJ/page/n3/mode/2up (Uhland: Gedichte, Bd. 1)
http://www.zeno.org/Literatur/M/Uhland,+Ludwig/Gedichte (Gedichte, Ausgabe letzter Hand, 1862)
https://archive.org/details/ludwiguhlanddie00haaggoog/page/n3/mode/2up (Die Entwicklung des Lyrikers)
https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Uhland (Uhland: Leben)
https://www.deutsche-biographie.de/sfz6857.html (Uhle: Leben, 2016, knapp)
https://www.deutsche-biographie.de/sfz6857.html#adbcontent (Leben, 1895 – wesentlich umfangreicher)
https://archive.org/details/bub_gb_e7s5AAAAMAAJ/page/n7/mode/2up (Uhlands Leben, von seiner Witwe, 1874)