Der weise Kaiser Suleiman [einMärchen vom Wasser des Lebens]

Der weise Kaiser Suleiman

Man erzählt sich, dass, als der weise Kaiser Suleiman alt geworden war, der Herrscher der bösen Geister zu ihm gekommen sei und gesagt habe: »O Kaiser, hier, nimm diese Zauberschale mit dem Wasser des Lebens. Trinke einen Schluck davon und du wirst die Unsterblichkeit besitzen.«

Doch der alte Kaiser Suleiman war wirklich weise. Er wollte wissen, was andere Menschen darüber denken. So befahl er, die ersten drei, die an seinem Palast vorübergingen, hineinzuführen. Bald standen ein berühmter Krieger, ein reicher Händler und ein armer Bauer vor ihm. Suleiman fragte den Krieger: »Sag mir, werde ich glücklich sein, wenn ich das Wasser des ewigen Lebens getrunken habe?« Der Krieger antwortete: »Ja, du wirst glücklich sein! Tausend und abertausend Jahre wirst du leben und Zeit haben, das ganze Land zu erobern. Ist es nicht ein großes Glück, viele Völker zu erobern?«

Dann fragte der Kaiser den Händler: »Sag du mir, was du darüber denkst.« Der Händler erwiderte: »Ja, du wirst glücklich sein! Du wirst tausend und abertausend Jahre leben und mit jedem Jahr wird sich dein Reichtum mehren. Und ist es nicht ein großes Glück, zu sehen, wie man immer reicher wird?«

Zuletzt fragte der Kaiser den Bauern. Der Bauer entgegnete: »O Kaiser! Du hast nur die halbe Wahrheit erfahren. Warum du glücklich sein wirst, haben sie dir erklärt, sie verschwiegen dir aber, warum du unglücklich sein wirst. Kaiser, es kommt die Stunde, da stirbt deine geliebte Frau. Du aber lebst und siehst, wie dein Reichtum sich mehrt. Deine Kinder werden sterben. Du aber lebst und freust dich deiner Macht. Deine Enkel werden zu Grabe getragen, du aber lebst und zählst deine Schätze. Eines Tages blickst du dich um und es gibt niemanden mehr, der dich und deine Zeit versteht, der dir nahe steht. Das ist es, was dich erwartet, weiser Herr. Und nun trinke und erwirb dir Unsterblichkeit!« »Um nichts in der Welt will ich so leben«, rief der Kaiser, nahm die Schale mit dem Wasser des Lebens und zerschmetterte sie.

Die Erde aber sog den Zaubertrank in sich ein, die Scherben des kostbaren Gefäßes jedoch befahl der Kaiser ins Meer zu werfen.

(Indonesisches Märchen)

Vgl. auch das Ende des Gilgamesch-Epos: https://www.lyrik.ch/lyrik/spur1/gilgame/gilgam01.htm

https://de.wikipedia.org/wiki/Gilgamesch-Epos

Th. Mann: Der Zauberberg – zum zweiten Mal gelesen

In den letzten beiden Wochen habe ich Thomas Manns Zauberberg zum zweiten Mal gelesen; von der ersten Lektüre 1995 hatte ich fast gar nichts mehr behalten. Es ist ein eindrucksvoller Roman, zu dem es eine Menge Inhaltsangaben, Interpretationen und Untersuchungen gibt, so dass ich überfordert wäre, etwas Neues zu schreiben; ich habe im Wikipedia-Artikel einen Satz hinzugefügt und unter „Diskussion“ meine Kritik an zwei Behauptungen zum Zeit-Thema dort festgehalten.

Ich möchte ausdrücklich auf das hinweisen, was Hans Castorp über das Leben im Unterschied zum Toten denkt („Was ist das Leben? …“, im Abschnitt „Forschungen“), was für mich wichtiger war, als es gemeinhin dargestellt wird. Auch Castors Selbstbild, das er im Gespräch mit Peeperkorn zeichnet („Ich bin seit langer Zeit hier oben…“, im Abschnitt „Mynheer Peeperkorn (des weiteren)“), verdient Beachtung.

„Der Zauberberg“ ist ein großer Roman, ein Zeitroman, den man mit einer einzigen Lektüre nicht erschöpft, lebenswert, zumal da die Zeit selber ans Geheimnis unseres Lebens rührt.

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Zauberberg (umfangreich)

https://www.mythos-magazin.de/methodenforschung/ap_zauberberg.pdf (A. Petelin: Philosophische Bezüge in Thomas Manns Roman Der Zauberberg:

„Er [Nietzsche] begreift das Dionysische als den Lebensprozess selbst, als Wechsel von Werden und Vergehen, das eine gleichsam schöpferische wie destruktive Kraft darstellt. Im Rückbezug auf HERAKLIT verweist er auf das den Krieg als ein typisches Phänomen für das Hervorbrechen dionysischer Energien. Zivilisationen als Produkt des Apollinischen erscheinen ihm dementsprechend als Bollwerke gegen diesen endlosen Vernichtungskampf. Institutionen, Rituale und Sinngebungen dienen der Repräsentation der dionysischen Energien, die durch sie sowohl sublimiert, als auch angezapft werden. Das Dionysische und das Apollinische sind insofern antagonistische Prinzipien, die einander dennoch wechselseitig bedingen, denn erst durch ihr Zusammenspiel gelangen Kulturen zu ihrer Blüte. (…)

Im Folgenden soll nun untersucht werden, in welchem Ausmaß THOMAS MANN durch den Rückgriff auf die Kulturphilosophie FRIEDRICH NIETZSCHES und die ihr zugrunde liegenden Prinzipien des Apollinischen und Dionysischen das Beziehungsgeflecht zwischen der Handlung, den Figuren und Schlüsselmotiven des Romans herstellt. Vorweg sei darauf hingewiesen, dass THOMAS MANN selbst die Begriffe des Apollinischen und Dionysischen nicht verwendet, sondern stattdessen Begriffspaare wie Geist und Leben, Vernunft und Leidenschaft, Geist und Natur, Westen und Osten oder auch Geist und Körper verwendet. In den weiteren Ausführungen werden die Begriffspaare synonym zu denen NIETZSCHEs gehandhabt.“ – S. 19-37 findet man eine große Zusammenfassung des Geschehens; bedeutsam und tiefgründig ist die Interpretation der Figur Peeperkorn.)

https://d-nb.info/978901525/34 (Diss: zur Komposition des Romans)

https://www.duo.uio.no/bitstream/handle/10852/25600/Overrein_Master.pdf?sequence=1 (Die Bedrohung des Bürgerlichen im Roman – Masterarbeit von P. A. Overrein, Oslo. Das ist in der Fragestellung eine wichtige Arbeit, die aber als Masterarbeit natürlich viele Wünsche offen lässt:

„Laut Ingarden muss ein Leser eines literarischen Werkes „leere Stellen“ ausfüllen, um zum Verständnis eines Romans zu gelangen. Mein Verständnis, dass der Roman von einer Bedrohung handelt, ist eine solche Ausfüllung. Die Diskussion über das Bürgertum ist ebenso eine Ausfüllung. […] Castorp weicht von einigen Normen ab (Normen in dem Erwartungshorizont, siehe Kap. 3). Erstens verlässt er seine Ingenieurkarriere, und damit die Möglichkeit, an der Front des Fortschritts zu kämpfen. Zweitens verliebt er sich in eine nichtbürgerliche Frau, aber auf eine nichtproduktive Weise, da er homoerotische Neigungen hat. Die Atmosphäre des Kurorts droht ihm, seine bürgerliche Bildung in vielerlei Weise zu schwächen oder niederzubrechen, z. B. ihn zum Zynismus zu stimulieren. Das Interessante mit dem Buch ist, dass Castorp, obwohl er sein ganzes bürgerliches Leben in Gefahr setzt, die Kraft hat, diesem Widerstand entgegen zu stehen [setzen]. Er widersteht durch seine humanistische Skepsis gegenüber dem Fortschrittsglauben, und dadurch, dass er andere Eigenschaften als die Ingenieur-Fähigkeiten in sich selbst erweckt.

Er hält einen Abstand zu den Menschen, denen er begegnet, sowohl in der Liebe als beim Kontakt mit den Patienten und Ideologen. Abstand zu halten hat auch damit zu tun, dass er ein Spieler ist. Er tritt nicht wahrhaftig gegenüber der Liebe oder den Ideologen auf. Die Ideologen benutzt er als eine Aktivität, eine Unterhaltung, ohne die Ideologen zu unterstützen. Die Stärke seines Verhaltens ist, dass er den Kurort überlebt. Aber man kann fragen, ob der Preis ist, dass seine Beziehung zu den Menschen von großer Einsamkeit geprägt ist.“)

https://journals.openedition.org/zjr/1281 (Der Roman zwischen Religion und Literatur)

https://erikdesmedt.eu/mann.htm (Struktur und Funktion der Gespräche)

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/kunst-und-kultur/thomas-mann-der-zauberberg.html (KLL)

Monika Skálová. Interpretation des Werkes „Der Zauberberg“ von Thomas Mann (Interpretation – Masterarbeit; es gelingt mir nicht, die Arbeit zu verlinken)

https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/gequ.12245 (Dimensionen des Zeitbegriffs im Roman – sehr gelehrt)

https://www.christian-gloystein.de/thomas-mann.html (Zusammenfassung einer Diss)

https://apcz.umk.pl/szhf/article/download/4060/3934 (Pakalski: Selbstwiderspruch und Synthese – Interpretation: Suche nach deutscher Identität)

https://comparaisondetre.wordpress.com/2018/03/03/thomas-mann-der-zauberberg/ (Interpretation nach einer ersten Lektüre)

https://www.xlibris.de/Autoren/Mann/Werke/Der%20Zauberberg (Interpretation, sehr eng)

https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/der-zauberberg/5429 (ausführlicher)

https://www.dieterwunderlich.de/Mann_zauberberg.htm (quasi beinahe gelehrt)

https://literaturkritik.de/id/6508 (Interpretation anlässlich einer Neuausgabe)

P. Maurensig: Der Schatten und die Sonnenuhr (1999) – gelesen

Warum der Titel „Der Schatten und die Sonnenuhr“ heißt, erschließt sich mir nicht. Überhaupt erschließt sich mir manches in dieser Erzählung nicht. Zum Schluss spricht der Erzähler vom Aufbrechen: „Das werde ich sofort tun.“ (S. 127) Das ist also die Datierung des Erzählens. Ziemlich zu Beginn ist der heutige Tag jedoch einige Wochen vorher, er habe Onkel Eugenio „sogar beleidigt, bis zum heutigen, einem weit entfernten Tag, der jedoch in der Erinnerung klar wie die Gegenwart ist“ (S. 16) – entweder müsste „zum heutigen“ durch „zu diesem“ ersetzt werden (dann passte es zur Angabe S. 127) oder die ganze Angabe ist widersprüchlich, sogar in in sich unverständlich (wobei unklar ist, ob das zu Lasten des Autors oder der Übersetzerin geht).

Nachdem ich mit Begeisterung Maurensigs „Die Lüneburg-Variante“ gelesen hatte, habe ich mir gleich ein weiteres Buch von ihm besorgt, „Der Schatten und die Sonnenuhr“; von diesem kleinen Roman bin ich enttäuscht: Ein Ich-Erzähler, ein Fotograf, der sein Geschäft aufgegeben hat, erzählt von seinem Aufenthalt in einem billigen Gasthof, in dem „Onkel Eugenio“, der Bruder der Wirtin, dem Tod entgegensieht. Der Erzähler begleitet ihn, indem er ihn häufig fotografiert; er verbindet mit seiner Erzählung Reflexionen über das Fotografieren. Zum Schluss stirbt Onkel Eugenio; er wird begraben und die Verwandten treffen sich zum Begräbnisessen, wobei diese Verwandten äußerst negativ erlebt und beschrieben werden. Danach verschiebt der Erzähler den geplanten Aufbruch, ohne dass man einen Grund dafür erkennen könnte; er wird von allen gemieden, erkrankt und wird wieder gesund und will dann doch aufbrechen.

Eingeschoben ist die Geschichte seiner unglücklichen Ehe und als Vorgeschichte eine Erzählung von der eigenen ungeliebten Mutter: Sie wurde, als sie schwanger war, von ihrem Verlobten verlassen und deswegen in der Verwandtschaft geächtet. Der Erzähler ist das uneheliche Kind, welches von der Mutter nicht geliebt wurde. Eines Tages kam ein fremder Mann, eben „Onkel Eugenio“, als Sonntagsbekanntschaft der Mutter regelmäßig. Wie es nach deren Tod mit Onkel Eugenio weiterging und weshalb der Erzähler ihn vor dessen Tod dauernd fotografiert (er will sich ihm nähern, S. 40, und die Oberfläche dieses Gesichtes erforschen – aber warum?), wird nicht klar. Er erwähnt gleich zu Beginn, dass sie „durch keine verwandtschaftlichen Bande verknüpft“ wären (S. 7), was nachträglich zur Überlegung führt, ob er „Onkel Eugenio“ doch als seinen später wieder aufgetauchten Vater ansieht – andernfalls wäre sein Interesse an Onkel Eugenio kaum verständlich. Aber man weiß es nicht,

und vor allem weiß ich nicht, wozu dieses Buch überhaupt geschrieben worden ist, außer als Absage an Ehe und Verwandtschaft. Dazu kommt, dass es voll schräger Ausdrücke und Bilder ist: So taucht eine Frau synodalen Alters (?) auf; der Erzähler vermutet, man habe bei Onkel Eugenio „vielleicht vergessen, ihm unter der Zunge die Silbe wegzunehmen, die ihn am Leben erhält“ (?); er kann es nicht ertragen, „daß deine Verachtung die Vergangenheit durchpflügt wie eine Bleirose die Luft“ (?); der Pfarrer sprach, „und an den vernehmbaren Schallgrenzen erahnte ich die Kreisbewegung einer Feder“ (?), und so geht das weiter, bis endlich auf S. 127 die Erzählung aufhört. – Die Seitenangaben beziehen sich auf die Ausgabe, die 2000 im Diana-Verlag, München, erschienen ist.

Ph. Ariès: Bilder zur Geschichte des Todes (1984) – vorgestellt

Philippe Ariès‘ „Bilder zur Geschichte des Todes“ (1983, deutsch 1984) bietet rund 400 Bilder, mit denen er seine Theorie von der „Geschichte des Todes“ (1976) im Abendland seit dem Mittelalter illustriert. Da ich den Theorieband nicht kenne, kann ich nur mit Einschränkungen über den Bildband urteilen, den ich dieser Tage gelesen habe und in dem viele Nachweise fehlen, die im Theorieband zu finden sein müssten. Ariès geht also der Frage nach, wie wir seit dem 9. Jahrhundert in Europa die Toten begraben und wie wir sie bzw. „den Tod“ dargestellt haben.

Was mich an meine Beobachtungen in Brügge erinnerte, waren die Hinweise auf das Aufkommen des Porträts, das hier mit der Figur des priant in Verbindung gebracht wird: In Brügge kann man schön sehen, wie sich das Porträt nach 1300 aus den Stifterfiguren entwickelt hat, wobei die gefalteten Hände der anbetenden Stifter anfänglich auch noch (inzwischen funktionslos) auf den Porträts auftauchen.

Das Buch leidet daran, dass sich historische Verläufe und systematische Aspekte vermengen. Thematisiert werden der Friedhof und die Kirche; die Gräber; vom Totenbett zum Grabe; das Jenseits; omnia vanitas; die Wiederkehr des Friedhofs; der Tod des anderen; „Und heute?“. Um nicht den Überblick über die Fülle der Bilder und Behauptungen zu verlieren, müsste man sich bei der Lektüre Notizen machen. Auf jeden Fall wird der Blick des Lesers auf Details geschärft, die man sonst nicht wahrnimmt.

Manche Äußerungen des Autors sind problematisch, etwa dass es „die Hölle“ erst seit dem 13. Jahrhundert gebe (S. 154). Unklar ist, wie viele der kleinen Schnitzer auf das Konto des Übersetzers Hans-Horst Henschen gehen (sicher „Photomontage“ S. 184, „Soziabilität“ ist einfach nicht übersetzt, S. 188; das Alter der Frau auf Bild Nr. 293 war 35, nicht 36 – vielleicht ein Fehler des Autors), manche Aussagen bleiben schleierhaft. Der Druck der Fotos ist etwas grobkörnig, so dass manche Einzelheiten kaum zu erkennen sind.

30 Jahre stand das Buch unbeachtet im Bücherschrank, jetzt habe ich es mit Gewinn, teilweise auch mit Verwirrung gelesen und die Bilder betrachtet.

Geschichte des Todes (deutsch 1976):

https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41069411.html

https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14320141.html

https://doc1.bibliothek.li/aaa/000A092296.pdf (Inhaltsverzeichnis)

http://www.transhistory.de/tod_jenseits/index.html (kleine Parallele)

http://www.rowane.de/html/inhalt.htm (dito)

Brüder Grimm: Die Boten des Todes

Seit der 4. Auflage der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (1840) steht das folgende Märchen darin (in der Rechtschreibung der damaligen Zeit):

Die Boten des Todes.

Vor alten Zeiten wanderte einmal ein Riese auf der großen Landstraße, da sprang ihm plötzlich ein unbekannter Mann entgegen, und rief „halt! keinen Schritt weiter!“ „Was,“ sprach der Riese, „du Wicht, den ich zwischen den Fingern zerdrücken kann, du willst mir den Weg vertreten? Wer bist du, daß du so keck reden darfst?“ „Ich bin der Tod,“ erwiederte der andere, „mir widersteht niemand, und auch du mußt meinen Befehlen gehorchen.“ Der Riese aber weigerte sich, und fieng an mit dem Tode zu ringen. Es war ein langer heftiger Kampf, zuletzt aber behielt der Riese die Oberhand, und schlug den Tod mit seiner Faust nieder, daß er neben einen Stein zusammensank. Der Riese gieng seiner Wege, und der Tod lag da besiegt, und war so kraftlos, daß er sich nicht wieder erheben konnte. „Was soll daraus werden,“ sprach er, „wenn ich da in der Ecke liegen bleibe? es stirbt niemand mehr auf Erden, und sie wird so mit Menschen angefüllt werden, daß sie nicht mehr Platz haben neben einander zu stehen.“ Indem kam ein junger Mensch des Wegs, frisch und gesund, sang ein Lied, und warf seine Augen hin und her. Als er den halbohnmächtigen erblickte, gieng er mitleidig heran, richtete ihn auf, flößte ihm aus seiner Flasche einen stärkenden Trank ein, und wartete bis er wieder zu Kräften kam. „Weist du auch,“ fragte der Fremde, indem er sich aufrichtete, „wer ich bin, und wem du wieder auf die Beine geholfen hast?“ „Nein,“ antwortete der Jüngling, „ich kenne dich nicht.“ „Ich bin der Tod,“ sprach er, „ich verschone niemand, und kann auch mit dir keine Ausnahme machen. Damit du aber siehst daß ich dankbar bin, so verspreche ich dir daß ich dich nicht unversehens überfallen, sondern dir erst meine Boten senden will bevor ich komme und dich abhole.“ „Wohlan,“ sprach der Jüngling, „immer ein Gewinn, daß ich weiß wann du kommst, und so lange wenigstens sicher vor dir bin,“ zog weiter, war lustig und guter Dinge, und lebte in den Tag hinein. Allein Jugend und Gesundheit hielten nicht lange aus, es kamen Krankheiten und Schmerzen, die ihn plagten. „Sterben werde ich nicht,“ sprach er zu sich selbst, „denn der Tod sendet erst seine Boten, ich wollte nur die bösen Tage der Krankheit wären erst vorüber.“ Sobald er sich gesund fühlte, fieng er wider an in Freuden zu leben. Da klopfte ihn eines Tags jemand auf die Schulter, und als er sich umblickte, stand der Tod hinter ihm, und sprach „folge mir, die Stunde deines Abschieds von der Welt ist gekommen.“ „Wie,“ antwortete der Mensch, „willst du dein Wort brechen? hast du mir nicht versprochen daß du mir bevor du selbst kämest, deine Boten senden wolltest? ich habe keinen gesehen.“ „Schweig,“ erwiederte der Tod, „habe ich dir nicht einen Boten über den andern geschickt? kam nicht das Fieber, stieß dich an, und warf dich nieder? hat der Schwindel dir nicht den Kopf betäubt? zwickte dich nicht die Gicht in allen Gliedern? brauste dirs nicht in den Ohren? nagte nicht der Zahnschmerz in deinen Backen? ward dirs nicht dunkel vor den Augen? Ueber das alles, hat nicht mein leiblicher Bruder, der Schlaf, dich jeden Abend an mich erinnert? lagst du nicht in der Nacht, als wärst du schon gestorben?“ Der Mensch wußte nichts zu erwiedern, ergab sich in sein Geschick, und gieng mit dem Tode fort.

(https://de.wikisource.org/wiki/Die_Boten_des_Todes_(1840))

Die Anmerkungen der Brüder Grimm dazu:

Die Boten des Todes.

Nach Kirchhofs Wendunmut 2, Nr. 123, und daraus auch bei Colshorn Nr. 68. Ferner in Paulis Schimpf und Ernst Cap. 151, im Äsop von Huldrich Wolgemut Fab. 198 und in einem Meistergesang der Colmarer Handschrift (v. d. Hagen Sammlung für altdeutsche Literatur 187. 188). Der letzte Theil auch in dem lateinischen Äsop von Joach. Camerarius (1564) S. 347. 348 und von Gregor Bersmann (1590), doch weder griechische noch römische Fabeldichter wissen etwas davon. Schon im 13ten Jahrhundert war das Märchen bekannt, denn Haug von Trimberg erzählt es im Rener 23666–23722.

(https://de.wikisource.org/wiki/Kinder-_und_Haus-M%C3%A4rchen_Band_3_(1856)/Anmerkungen#177)

Die Anmerkungen von Bolte-Polivka dazu:

https://archive.org/stream/anmerkungenzuden03grim#page/292/mode/2up bzw.

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Grimms_M%C3%A4rchen_Anmerkungen_(Bolte_Polivka)_III_293.jpg

Meine Anmerkungen dazu:

Die Pointe des Märchen liegt im Begriff „die Boten des Todes“. Der ehemalige junge und später alte Mensch versteht ihn wörtlich: Boten als Leute, die anklopfen, sich ausweisen und mündlich oder schriftlich ihre Botschaft ausrichten. Der Tod jedoch versteht „die Boten“ metaphorisch; er nennt, als er sich rechtfertigt, „Krankheiten und Schmerzen“ seine Boten, die er dann als Fieber, Schwindel, Gicht usw. einzeln benennt. Dazu verweist er auf seinen leiblichen Bruder, den Schlaf, der einen jeden Abend an den Tod erinnere, weil man dann so liege, „ als wärst du schon gestorben“. Diese Argumentation erkennt der alte Mann an, auf dass auch der Leser sie anerkenne. – Vgl. auch La Fontaines Fabel „Der Tod und der Sterbende“ (Buch 8, Fabel I)!

Eine alte Sentenz ist es, dass der Schlaf der Bruder des Todes ist:

https://thanatos.tv/schlafes-stief-bruder/

http://www.academia.edu/475206/Tod_Schlafes_Bruder._Intertextuelle_Streifz%C3%BCge_und_Fallstudien bzw.

https://www.academia.edu/475206/Tod_Schlafes_Bruder._Intertextuelle_Streifz%C3%BCge_und_Fallstudien?auto=download

http://www.schlafen-aktuell.de/wissenswertes/geschichte-des-schlafs