Manfred Geier: Geistesblitze (2013) – gelesen

Ich kannte bereits mehrere Bücher von Manfred Geier; er schreibt anschaulich und verständlich; so ist auch sein Buch „Geistesblitze. Eine andere Geschichte der Philosophie“ verfasst. Er hat nämlich nicht „die Lehre“ einzelner Philosophen dargestellt (Parmenides, Descartes, Rousseau, Kant, Hamann, Nietzsche, Popper), sondern berichtet, wie ihnen entscheidende Gedanken in einer Art Geistesblitz gekommen sind. Für den philosophischen Geistesblitz (bei Hamann ist es eher eine religiöse Bekehrung!) erkennt Geier einen typischen Dreischritt: „Es beginnt mit Krisenerfahrungen, sei es gedanklicher, sei es existenzieller Art, die zutiefst irritieren.“ Gewöhnlich versuche man, sie durch ruhiges Nachdenken zu lösen. Doch ein Geistesblitz „löst nicht nur das irritierende Grundproblem des jeweiligen Denkers, sondern öffnet auch seinem Lebensweg eine neue Perspektive. Mit dieser plötzlich gewonnenen Einsicht kann er sich als Philosoph jedoch nicht zufriedengeben. Er muss sie zu einer Werkidee weiterentwickeln, die es in mühsamer Denkarbeit maßgebend auszuführen gilt. Erst damit gewinnt der Geistesblitz eine epochale Wirkung, die den augenblicklichen Einfall zu einem philosophiegeschichtlichen Ereignis macht.“

Was er hier zum Geistesblitz schreibt, kann er in den sieben genannten Fällen nur teilweise einlösen. Von Parmenides wissen wir wenig, aber Wichtiges, was man hier wirklich verstehen kann; Descartes hat seine Erleuchtung zum „cogito ergo sum“ (dessen Deutung umstritten ist) selber erzählt, von Rousseaus Erleuchtung über die ursprüngliche Güte des Menschen gibt es vier verschiedene Fassungen aus seiner Feder; was die Lektüre Rousseaus für Kant wirklich bedeutet hat, ist umstritten. Bei Hamann handelt es sich um eine religiöse Bekehrung, die darauf beruht, dass er in der Geschichte Israels auf dessen Weg ins Gelobte Land seinen eigenen Lebensweg wiedererkennt. Nietzsche Erleuchtung am See von Silvaplana (der Gedanke der ewigen Wiederkehr) hat eher für ihn als für uns eine große Bedeutung gehabt. „Die Logik der Wissenschaften besteht in einem nicht beendbaren Zusammenspiel von schöpferischen Verbesserungsvorschlägen und kritischer Fehlerkorrektur, von Vermutungen und Widerlegungen, von Versuch und Irrtum: Das ist die Grundidee, die Popper 1929 wie ein Licht aufgegangen ist.“ Aber kann eine solche Idee das eigene Leben verändern? – Es scheint, dass der Autor sich von Dieter Henrichs Buch „Werke im Werden“ (2011) hat anregen lassen, s. Henrichs Biografie in der Wikipedia!

Ich habe das Buch mit Freude gelesen und zum Schluss gemerkt, wie elegant Manfred Geier Anfang und Ende verbindet: Er beginnt mit Xenophanes, dem großen Aufklärer und Skeptiker, als Lehrer des Parmenides, und schließt mit Popper, der am Ende bekennt, dass er eigentlich das Gleiche wie Xenophanes gedacht hat.

Ich habe einige Links zu ausgewählten Themen gesucht. Vielleicht sollte man sich einmal intensiver mit Hamann als Denker der Geschichte und der Sprache als unseren Aprioris befassen?

Geistesblitz:

https://www.deutschlandfunk.de/der-geistesblitz-zum-phaenomen-der-ploetzlichen-erkenntnis-102.html

https://www.deutschlandfunk.de/der-geistesblitz-zum-phaenomen-der-ploetzlichen-erkenntnis-100.html

https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/neurowissenschaften-rezept-fuer-geistesblitze

https://www.scinexx.de/news/biowissen/warum-wir-geistesblitzen-vertrauen-sollten/

https://www.geo.de/wissen/gesundheit/inspiration–der-moment–bevor-ein-geistesblitz-entsteht-35975706.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Geistesblitz

Blitz als Metapher:

https://symbolonline.eu/index.php?title=Blitz

https://www.wisdomlib.org/de/concept/blitz

https://de.wikisource.org/wiki/Christliche_Symbolik/Blitz

https://www.schwabeonline.ch/schwabe-xaveropp/elibrary/start.xav?start=%2F%2F*%5B%40attr_id%3D%27verw.fulguration%27%20and%20%40outline_id%3D%27hwph_verw.fulguration%27%5D

Rousseau:

https://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/7419/1/Wenderholm_Verwirrung_Schwindel_Herzklopfen_2010.pdf (zu Rousseaus Erleuchtung)

https://de.wikipedia.org/wiki/Jean-Jacques_Rousseau (großer Artikel)

https://iep.utm.edu/rousseau/ (große Übersicht über die einzelnen Werke)

https://plato.stanford.edu/entries/rousseau/ (systematische Übersicht über das Werk)

Hamann:

https://www.deutsche-biographie.de/gnd11854523X.html#ndbcontent (1966)

https://www.deutsche-biographie.de/gnd11854523X.html#adbcontent (1879)

https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Georg_Hamann

https://plato.stanford.edu/entries/hamann/ (systematisch)

https://iep.utm.edu/hamann/ (knapper)

https://archive.org/details/11720432bsb/page/n7/mode/2up (Hamanns Schriften und Briefe, Bd. 1)

https://archive.org/details/11720433bsb/page/n3/mode/2up (dito, Bd.2)

https://archive.org/details/11720434bsb/page/n3/mode/2up (dito, Bd. 3)

https://archive.org/details/11720435bsb/page/n3/mode/2up (dito, Bd. 4)

Es gibt bei archive.org auch eine ältere Ausgabe seiner Schriften, von Friedrich Roth, 1821 ff.: https://archive.org/details/hamannsschrifte02hamagoog/page/n8/mode/2up usw.

https://archive.org/details/johanngeorghaman01poeluoft/page/n9/mode/2up (Poel: Hamanns Leben aus seinen Schriften, Bd. 1, 1874)

https://archive.org/details/johanngeorghaman02poeluoft/page/n5/mode/2up (Poel: Sein Leben und Mitteilungen aus seinen Schriften, Bd. 2, 1876)

https://archive.org/details/11602989bsb/page/n3/mode/2up (Herders Briefe an Hamann, mit Erläuterungen)

Rousseau: Bekenntnisse – gelesen

Die „Bekenntnisse“ sind 1782 erschienen, vier Jahre nach dem Tod ihres Verfassers. In den Bekenntnissen erzählt und rechtfertigt Rousseau sein Leben bis 1765: Es war das unstete Leben eines Autodidakten, das ihn durch mehre Länder, mehrere Berufe, mehrere Konfessionen, mehrere Liebschaften, viele Freund- und fast genauso viele Feindschaften geführt hat. Die Bekenntnisse sind darauf angelegt, Rousseau als einen gutwilligen, gelegentlich schwachen, doch stets tugendhaften Menschen zu zeichnen, der allerdings von charakterlich schwachen Zeitgenossen verleumdet und am Ende wegen seines „Emile“ vertrieben und verfolgt wurde. Zur Herausgabe seiner Werke sagt er, auch mit Berufung auf seine Lebensgeschichte: „Ich bedurfte gegen meine Verleumder keiner anderen Verteidigung. Sie konnten unter meinem Namen einen anderen Menschen schildern, aber sie konnten mit dieser Schilderung nur die täuschen, die getäuscht sein wollten. Sie mochten immerhin die Geschichte meines Lebens von einem Ende zum andern beanmerken, beglossieren und deuteln, so war ich doch gewiß, daß man durch meine Fehler und meine Schwächen hindurch, durch meine Unfähigkeit, ein Joch irgendwelcher Art zu tragen – daß man alles dessen ungeachtet in mir den gerechten guten Mann ohne Galle, ohne Haß, ohne Neid, den Mann mit der größten Bereitwilligkeit, seine eigenen Fehler zu erkennen, und mit der noch größeren, fremde Fehler zu vergessen, den Mann, der in allen Dingen die Aufrichtigkeit bis zur Unklugheit trieb und bis zur unglaublichsten Uneigennützigkeit – daß man diesen in mir nicht verkennen würde.“ Das ist schon sehr selbstgerecht, und nachdem ich die Bekenntnisse (wenn auch nur in der gekürzten Fassung) gelesen habe, glaube ich dem Autor nur die Hälfte.

Rousseau war zeitlebens darauf angewiesen, dass sich gute Seelen um ihn kümmerten, zuerst „Mama“, die ihn auch zum Mann machte; dann öfter Adelige, durch die er in die feinere Gesellschaft kam, der er sich aber gern – zumindest teilweise – durch ein ländliches Leben in der Einsamkeit entzog. Von seinen Büchern spricht er wenig, am ehesten noch über Julie und vor allem den Emile, der ihm viele Unannehmlichkeiten bereitet hat. Sicher hat er sich nicht so gut gekannt, wie er beansprucht. Aber sein Selbstbewusstsein hat vor nichts zurückgeschreckt: „Ich beginne ein Unternehmen, von dem es kein Beispiel gibt und dessen Ausführung keine Nachahmer finden wird.“ Im zehnten Buch erzählt Rousseau, dass Rey angeregt habe, er solle die Geschichte seines Lebens aufschreiben. „Ich beschloß also, ein durch beispiellose Wahrheitsliebe einziges Werk daraus zu schaffen: man sollte, dies war mein Zweck, wenigstens einmal einen Menschen so kennen lernen, wie er innerlich ist.“ Das Ergebnis davon ist, dass wir einen Menschen sehen, wie er gern gewesen wäre.

Mit größerer Begeisterung habe ich vor Jahren Ludwig Harigs Rousseau-Buch, eine verfremdende Überarbeitung der Bekenntnisse, gelesen: Rousseau: Der Roman vom Ursprung der Natur im Gehirn. Carl Hanser Verlag 1978.

Jean-Jacques Rousseau‘s Bekenntnisse. Hrsg. von Otto Fischer, München 1912 https://archive.org/details/bekenntnisse00rous/page/n9/mode/2up (gekürzte Fassung, immerhin noch 500 Seiten)

J.-J. Rousseau: Bekenntnisse. Unverkürzt aus dem Französischen übertragen von Ernst Hardt. Berlin 1907 https://archive.org/details/bub_gb_b82aLYs_7SEC/page/n1/mode/2up

https://blogs.fu-berlin.de/menschenbilder/2017/12/03/der-mensch-ist-von-natur-aus-gut-ich-glaube-es-nachgewiesen-zu-haben-rousseau-1755/ (sein Menschenbild)

https://www.tagesspiegel.de/kultur/jean-jacques-rousseau-querkopf-der-aufklaerung/6788314.html (der Mensch)

Subjektive Authentizität – zu Christa Wolf

In einem e-Buch Ulli W.s habe ich eine Passage gefunden, die auch ein vertieftes Verständnis dessen erlaubt, was Christa Wolf „subjektive Authentizität“ nennt:

Einige der Autoren im Frankreich des 18. Jahrhunderts betreiben ihre Textproduktion als Steckenpferd von einer wohlsituierten bürgerlichen Existenz aus, andere wie Rousseau, Diderot oder Voltaire sind mehr oder weniger auf den literarischen Erfolg angewiesen, sei es, um unmittelbar von den Einkünften oder mittelbar von ihrem Ruhm zu zehren, wie es später Goethe mit seinem ‚Werther‘ gelingen wird. Alle diese Leute gehören zur neuen Profession der Literaten, Schriftsteller, von ihrer Wichtigkeit überzeugt und davon, daß die Menschheit ihnen dafür ein Auskommen schulde.

Auffällig ist die Neigung zur Schriftgläubigkeit, Textgläubigkeit, die seit dem Humanismus und der Reformation immer weiter zugenommen hat. Inzwischen gibt es dank Leihbüchereien und zunehmender Alphabetisierung ungebildet bleibender breiter Schichten ein größeres Lesepublikum, das weder im bisherigen Sinne Kunst noch Gelehrsamkeit, sondern Zeitvertreib, Unterhaltung, virtuelle Alternativen zur bürgerlichen Enge und gelegentlich Anteilnahme an der modernen Ideologieproduktion möchte.

Bei Jean-Jacques Rousseau geht das alles so weit, daß er irgendwann anfängt, das Eigentliche seines Lebens als dessen Text zu verstehen, nachdem er als Kind und Jugendlicher sein Leben mit den Texten der Romane seiner Mutter und denen, die er von der Bücherverleiherin Tribu bezieht, ausgefüllt hat. Dieses Eigentliche wird immer massiver an die Stelle eines wirklichen, selbst gelebten Lebens treten. In seinen letzten 16 Jahren wird er immer wieder aufs neue und fast nur noch sein eigenes Leben aufschreiben. In einem lichten Moment wird er dann bekennen, daß rundweg alle seine Texte nur von ihm selbst handeln, Konfessionen, Ausdruck “seiner Natur” sind, was heißt, wenig mit einem von ihm getrennten Gegenstand befaßt sind. Auch damit wird er Vorbild für Schiller und Goethe wie für Shelley, Byron und viele andere. Die abendländische Kultur wendet sich von der Auseinandersetzung mit Gegenständen ab und dem Abarbeiten an Vorstellungen zu; sie wird in einem allgemeinen Sinn “idealistisch” und in einem konkreten “programmatisch”. Bildung wird zur Hinwendung zu einer intertextuellen res publica, deren Gegenstände sich als das “Ich”, “der Mensch”, “die Natur”, das Leben als solches und die Welt im Großen und im Ganzen formulieren lassen. Solche Texte hören auf, das konkrete Leben in der wirklichen Welt zu begleiten, sie fangen an, es zu ersetzen. Das Autorentum wird zum Beruf und zur Lebensaufgabe, die Köpfe rauchen und der Hände Arbeit wird wie nebenbei von anderen erledigt. Bürgerliche Damen, der Untätigkeit hingegeben, werden zu Leseratten, Disku-Tanten und eröffnen Salons für die (Salon)Löwen der Texte, mögen sie nun im Bett der Damen oder vorwiegend als Bettvorleger wie Rousseau landen. Dieser versucht sich zunächst schüchtern und mit zwiespältigen Gefühlen in dieser Welt zu etablieren, mit in den Text verlagerten Allmachtsphantasien und zugleich mit diffusen Ängsten im persönlichen Umgang, die schlußendlich in der Feindschaft mit allen und jedem enden: dem Wahn, überall verfolgt zu werden.

(Ulli Wohlenberg in seinem Buch über Rousseau: http://ulliwohlenberg.tripod.com/senseandsensibility/id13.html, dort aus dem Abschnitt „Les Mots“)