Von diesem Buch Manfred Geiers bin ich enttäuscht. Es ist oberflächlich sowohl in der Behandlung des Themas wie auch in der Form der Darstellung. Beginnen wir mit dem Thema: Die Liebe der Philosophen geht uns nur etwas an, wenn sie in Zusammenhang mit ihrem Denken steht; den Blick durchs Schlüsselloch sollte man sich als Philosophierender verbieten, dieser Blick ist etwas für BILD und die Yellow Press.
Ich habe für die ersten drei besprochenen Philosophen ergänzend zu Geiers Darstellung den Artikel im „Metzler Philosophen Lexikon“ (1989) gelesen. Darin erfährt man wesentlich mehr über Sokrates (gut 4 Seiten), Augustinus (gut 4 Seiten) und Rousseau (gut 6 Seiten) als bei Geier. Und vor allem: Die Liebe oder die Sexualität hat für Sokrates‘ Denken keine Rolle gespielt; das von Geier neben der Biografie (Xanthippe als seine Frau) strapazierte „Symposion“ Platons ist eine Art philosophischer Roman und hat mit dem realen Sokrates nichts zu tun – der hat keine großen Reden gehalten. Bei Augustinus, der als Philosoph unbedeutend, als Theologe dagegen ein abendländischer Riese war, ist die intensiv gelebte Sexualität des jungen Mannes erst in der Rückschau der „Bekenntnisse“ als Hindernis für seine Bekehrung zum Christentum bedeutsam (wobei der Bericht der Confessiones „kaum als authentisch anzusehen ist“, so Peter Habermehl im Philosophen Lexikon) und hat später in seiner verhängnisvollen Theorie der Erbsünde zur Verteufelung der Sexualität geführt. Rousseaus „Bekenntnisse“ seiner sexuellen Erfahrungen oder Verfehlungen nutzt dieser „zum ausschließlichen Bekenntnis zu sich selbst und seiner unvergleichlichen Individualität (…), um mit der Fundierung in der autobiographischen Erfahrung zugleich die Überzeugungskraft seiner Geschichtsphilosophie zu stärken“ (so Matthias Schmitz, Philosophen Lexikon). Man muss also die „Bekenntnisse“ Rousseaus insgesamt kritisch würdigen (eine eitle, selbstgefällige Inszenierung, finde ich), um seine Äußerungen über seine Liebe einzuordnen. Bei allen drei genannten Männern versagt Geiers Darstellung.
Kant ist in dieser Darstellung aufgrund seiner asketischen Lebensweise fehl am Platz, Alexander von Humboldt war sicher kein Philosoph, Wilhelm von Humboldts Amouren sind für sein Denken bedeutungslos, ähnlich wie bei Wittgenstein dessen „gehemmtes Begehren“ (Geier); Heideggers zahlreiche Seitensprünge und ihre großartige Stilisierung in seinen Briefen widersprechen seiner Philosophie („Sein und Zeit“) völlig. Bleiben de Sade und Foucault als Männer, deren Denken und Leben nicht von Liebe, sondern von wildester Sexualität bestimmt war. Als letzter ist Kierkegaard zu nennen, dessen stets scheiternde Leibe zu Regine Olsen sein Denken wesentlich bestimmt hat – neben dem Sündentrauma der Familie Kierkegaard. Die „Unmöglichkeit“ seiner Liebe kann man meines Erachtens aber nicht aus ideologischen (theologischen oder philosophischen) Konstruktionen verstehen, wie Kierkegaard dies selbst versucht hat, sondern nur distanziert psychologisch: Stichwort „vermeidender Bindungsstil“.
Vermeidender Bindungsstil ist ein unsicherer Bindungstyp, der sich aus frühen Kindheitserfahrungen entwickelt, wenn emotionale Bedürfnisse unzuverlässig oder ablehnend erfüllt wurden. Betroffene wünschen sich oft Nähe, fliehen sie aber gleichzeitig, um Schmerz und Verletzbarkeit zu vermeiden. Dies führt zu einem inneren Konflikt zwischen dem Wunsch nach Verbundenheit und der Angst vor Überforderung oder Zurückweisung.
Ursachen und Entstehung
- Kinder lernen, dass emotionale Bedürfnisse nicht erfüllt werden, z. B. durch Ignoranz, Kritik oder Strafen für Gefühlsäußerungen.
- Beispiele: „Reiß dich zusammen!“, Ignorieren von Trauer oder Freude, übermäßige Strenge.
- Das Kind entwickelt eine Überlebensstrategie: Distanzierung und Unterdrückung von Gefühlen, um sich vor emotionaler Verletzung zu schützen.
Kennzeichen und Verhaltensmuster
- Vermeidung von Nähe: Körperliche und emotionale Intimität werden gemieden.
- Distanzierung in Beziehungen: Partner*innen werden auf Distanz gehalten, auch wenn die Beziehung gut läuft.
- Typische Verhaltensweisen:
- Kein „Ich liebe dich“ oder andere klare Liebeserklärungen.
- Vermeiden von gemeinsamen Zukunftsplänen oder langfristigen Verpflichtungen.
- Rückzug bei Konflikten (Schweigen, Zimmertür zu, Mauern).
- Idealisierung oder Abwertung des Partners – keine „Graustufen“ in der Wahrnehmung.
- Geheimnisse bewahren, um Unabhängigkeit zu wahren.
- Körperliche Nähe vermeiden (z. B. kein Händchenhalten, Schlafen in getrennten Betten). […] (so bei brave)
- Kurz zur Kritik am Stil Geiers: „Ihre überschwängliche Liebe und seine abgeklärte Verantwortung ließen sich nicht miteinander verbinden.“ (S. 207, zu Kierkegaard, aus dessen Sicht – Geschwätz). „Eine geistreiche dialektische Reflexion und eine grandiose phantasievolle Einbildungskraft hatten ein Werk entstehen lassen, das den Widerstreit von ästhetisch-erotischem Genuss und ethisch begründeter Pflicht in seiner ganzen Komplexität gestaltet.“ (S. 211, wieder zu Kierkegaard – was weiß oder versteht man, wenn man solchen Schwulst liest?) Oder zu Wittgenstein, wobei Geier teilweise wieder den Standpunkt des genannten Philosophen einnimmt: „Die strenge Trennung der Geschlechter führte zu ersten gleichgeschlechtlichen Begehrlichkeiten; und Schuldgefühle, die nur durch den Tod gesühnt werden konnten [sic!], waren in einem gesellschaftlichen Klima nicht ungewöhnlich., in dem die Sexualität tabuisiert wurde (…).“ (S. 222 f., – ohne Kommentar)
Fazit: 1. Manfred Geier hat ein überflüssiges Buch geschrieben. 2. Im Metzler Philosophen Lexikon erfährt man auf wenigen Seiten wesentlich mehr über die Philosophen als bei Geier. 3. Vermutlich würde man einige der besprochenen Autoren besser durch andere ersetzen.
Über die historisch schreckliche Verteufelung der Sexualität: