Christian Morgenstern: Der Tanz (1905)
Ein Vierviertelschwein und eine Auftakteule
trafen sich im Schatten einer Säule,
die im Geiste ihres Schöpfers stand.
Und zum Spiel der Fiedelbogenpflanze
reichten sich die zwei zum Tanze
Fuß und Hand.
Und auf seinen dreien rosa Beinen
hüpfte das Vierviertelschwein graziös,
und die Auftakteul auf ihrem einen
wiegte rhythmisch ihr Gekrös.
Und der Schatten fiel,
und der Pflanze Spiel
klang verwirrend melodiös.
Doch des Schöpfers Hirn war nicht von Eisen,
und die Säule schwand, wie sie gekommen war;
und so mußte denn auch unser Paar
wieder in sein Nichts zurücke reisen.
Einen letzten Strich
tat der Geigerich –
und dann war nichts weiter zu beweisen.
Erläuterungen für Kinder:
V. 1 Vierviertelschwein: Das ist ein ungewöhnlich zusammengesetztes Hauptwort. Was ein Wildschwein ist, weiß man: ein Schwein, das wild im Wald lebt; ein Hausschwein ist ein Schwein, das im Stall in einem Haus lebt. „Vierviertelschwein“ hat man noch nie gehört – und die Angabe des Taktes, Vierviertel, passt nicht zu einem Schwein. Wenn man den ersten Vers des Gedichtes spricht, hört sich das etwa so an (betonte Silben sind fett gesetzt): Ein Vierviertelschwein und eine Auftakteule…, und im Viervierteltakt gesetzt: Ein Vierviertel / schwein und eine / Auftakteule… Der Vers bestände also aus drei Takten mit vier Silben (= Vierteltakten). Bei Gedichten sagt man, dass das sechs Takte mit dem Metrum Trochäus (Abfolge betonte/unbetonte Silbe) sind.
Auftakteule: Im gleichen Vers treffen wir auf ein weiteres Tier, das wir nicht kennen. Aber der Auftakt gehört in die Musik und bezeichnet den Beginn eines Liedes oder Stücks auf einem unbetonten Taktteil vor der ersten Hauptbetonung. Das gilt auch für Gedichte, etwa so: Im / Frühtau zu / Berge wir / zieh‘n, faller / a – – . Hier ist „Im“ der Auftakt; es folgen vier Dreivierteltakte, wovon dem letzten zwei Silben fehlen.
Vierviertelschwein und Auftakteule sind also Tiere, die in der Musik leben; das Gedicht hat ja auch den Titel „Der Tanz“.
V. 3 die im Geiste ihres Schöpfers stand: Da sie sonst nirgendwo stand, war es eine bloß erdachte oder vorgestellte Säule.
V. 4 Fiedelbogenpflanze: Das verstehen wir jetzt sofort, es ist eine Pflanze, die eine Geige (Fiedel) spielt.
V. 6 Fuß und Hand: Schwein und Eule haben zwar keine Hände, aber beim klassischen Tanzen nimmt der Herr die Dame in den rechten Arm und fasst mit der linken Hand ihre freie Hand; wenn Schwein und Eule miteinander tanzen, müssen sie sich also auch mit einer Hand anfassen. Vers 6 besteht nur aus zwei Takten, wovon der letzte unvollständig ist (= kleine Pause); da dem Vers zwei Takte fehlen, muss er ganz ruhig gesprochen werden, weil man wie bisher vier vollständige Takte erwartet.
V. 7 drei rosa Beine: Das eine Bein hat das Schwein als Hand der Eule gereicht; aber da sich die beiden auch den Fuß reichen, kann es eigentlich nur auf einem Bein hüpfen.
V. 8 graziös: anmutig, leicht beschwingt
V. 10 Gekrös(e): ein Teil des Leibesinneren, des Bauchfells; allgemein: die Innereien, also der Inhalt der Bauchhöhle. – Man darf „Gekrös“ hier nicht zu allzu wörtlich nehmen, der Dichter brauchte schließlich ein Wort, das sich auf „graziös“ reimt.
V. 11 der Schatten: der Schatten der Säule, siehe V. 2!
V. 11 und 12 sind so wie Vers 6 gebaut, nur dass sie einen Takt mehr aufweisen, aber immer noch keine vier Takte: also ruhig sprechen!
V. 13 weist ihnen gegenüber einen zusätzlichen Takt auf, endet ebenso wie diese mit einer betonten Silbe (= kleine Pause, dazu kommt der Punkt des Satzendes: Stimme senken!).
V. 13 melodiös: Das Adjektiv wird von „Melodie“ abgeleitet.
V. 14 des Schöpfers: der vorgestellten Säule, siehe V. 3!
V. 14 nicht von Eisen: war nicht stabil, nicht beständig; Folge davon siehe V. 15!
V. 15 schwand: verschwand
V. 17 in sein Nichts zurückreisen: Es gab auch die Tiere offensichtlich nur im Geist ihres Schöpfers (siehe V. 3), es waren Phantasiegebilde.
V. 19 der Geigerich: der Geiger; das Nomen ist ähnlich wie „der Enterich“ gebildet, die männliche Form zu „die Ente“ – nur dass „die Geige“ nicht eine Spielerin, sondern das Instrument selbst bezeichnet; ein Wortwitz.
V. 20 besteht aus fünf Takten, was nach den beiden verkürzten Versen 18 und 19 einen guten Schluss bildet.
V. 20 nichts zu beweisen: Da alle Beteiligten sich in Nichts aufgelöst haben, kann man ihnen nichts (Böses) nachweisen.
Überschrift: Wenn du jetzt, nachdem du das Gedicht verstanden und ein paar Mal laut und sinnvoll gelesen hast, über die Überschrift nachdenkst, merkst du, dass hier nicht nur Schwein und Eule getanzt haben – wer oder was war es außerdem noch?
Vortrag des Gedichtes:
https://www.youtube.com/watch?v=-qES-9d9J7w (F. Friedrich, etwas zu langsam)
https://www.youtube.com/watch?v=LyGl4ZCCbz4 (F. Stavenhagen, sehr gut)
Ein Hinweis für Lehrer: zum Vergleich den Rhythmus von Goethes „Die Braut von Korinth“ heranziehen!