Ruhe und Ordnung
Wenn Millionen arbeiten, ohne zu leben,
wenn Mütter den Kindern nur Milchwasser geben –
das ist Ordnung.
Wenn Werkleute rufen: »Lasst uns ans Licht!
Wer Arbeit stiehlt, der muss vors Gericht!«
Das ist Unordnung.
Wenn Tuberkulöse zur Drehbank rennen,
wenn dreizehn in einer Stube pennen –
das ist Ordnung.
Wenn einer ausbricht mit Gebrüll,
weil er sein Alter sichern will –
das ist Unordnung.
Wenn reiche Erben im Schweizer Schnee
jubeln – und sommers am Comer See –
dann herrscht Ruhe.
Wenn Gefahr besteht, dass sich Dinge wandeln,
wenn verboten wird, mit dem Boden zu handeln –
dann herrscht Unordnung.
Die Hauptsache ist: Nicht auf Hungernde hören.
Die Hauptsache ist: Nicht das Straßenbild stören.
Nur nicht schrein.
Mit der Zeit wird das schon.
Alles bringt euch die Evolution.
So hats euer Volksvertreter entdeckt.
Seid ihr bis dahin alle verreckt?
So wird man auf euern Gräbern doch lesen:
sie sind immer ruhig und ordentlich gewesen.
Theobald Tiger
Die Weltbühne, 13.01.1925, Nr. 2, S. 68, wieder in: Mona Lisa.
„Zum stehenden politischen Schlagwort wurde ‚Ruhe und Ordnung‘ gleich zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als der Stadtkommandant von Berlin, Friedrich Wilhelm Graf von der Schulenburg, nach der verlorenen Schlacht bei Jena und Auerstedt beim Einmarsch der französischen Truppen verkünden ließ, dass ‚Ruhe die erste Bürgerpflicht‘ sei. ‚Ruhe‘ bedeutete hier Bürgertugend, Untertanengeist und einen Vertrauensvorschuss gegenüber dem preußischen Staat (…). Für die ‚Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung‘ im Fall eines ‚Aufruhrs‘ war bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts neben der Polizei auch das Militär zuständig. Mit dem Topos ‚Ruhe und Ordnung‘ trat neben der ‚Sicherheit auch die Kategorie der Öffentlichkeit als Konkretisierung polizeilicher Befugnisse in den Hintergrund. ‚Ruhe und Ordnung‘ war insofern ein militärisch-obrigkeitsstaatliches, antirevolutionär-reaktionäres ‚taktisches Dispositiv in den Machtbeziehungen zwischen Staat und Bürgern in Krisensituationen‘ [Thomas Lindenberg].“ Mit dieser Erklärung von Achim Saupe aus seinem Aufsatz „Von ‚Ruhe und Ordnung‘ zur ‚inneren Sicherheit‘“ (2010, https://zeithistorische-forschungen.de/2-2010/id=4674#pgfId-1037691a) ist die Folie ausgespannt, vor der man Tucholskys Gedicht lesen muss.
Ein namenloser Sprecher wendet sich in einer Rede an Menschen, die unter der in Deutschland geschätzten und politisch propagierten „Ruhe und Ordnung“ (Überschrift) zu leiden haben (Anrede „ihr“ ab V. 23). Ort und Zeit dieser Rede sind nicht benannt; es ist nur auszumachen, dass Tucholsky sich an die Leser der „Weltbühne“ wandte. „Die Weltbühne war eine deutsche Wochenzeitschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft. Sie wurde von Siegfried Jacobsohn in Berlin unter dem Namen ‚Die Schaubühne‘ als reine Theaterzeitschrift gegründet und erschien am 7. September 1905 zum ersten Mal. Am 4. April 1918 wurde die Schaubühne, die sich seit 1913 für wirtschaftliche und politische Themen geöffnet hatte, in Die Weltbühne umbenannt. (…) Mit ihren kleinen roten Heften galt die Weltbühne in der Weimarer Republik als das Forum der radikaldemokratischen bürgerlichen Linken. (…) Selbst in ihrer Hochphase hatte die Weltbühne nur eine geringe Auflage von rund 15.000 Exemplaren. Publizistisch drang sie dennoch durch. Beispiele dafür sind die Aufdeckung der Fememorde innerhalb der Schwarzen Reichswehr sowie Berichte über die heimliche Aufrüstung der Reichswehr, die später zum sogenannten Weltbühne-Prozess führten.“ (Wikipedia, Art. „Die Weltbühne“, 22. 9. 2018)
Der Sprecher polemisiert gegen die Politik, die unter den Schlagworten „Ruhe und Ordnung“ betrieben wird. In den ersten drei Strophen stellt er polemisch jeweils Situationen gegenüber, denen in Deutschland das Prädikat „Ordnung“ (V. 3 und V. 9, einmal „Ruhe“, V. 15) bzw. „Unordnung“ (V. 6, 12, 18) aufgeklebt wird. In der letzten Strophe wendet er sich direkt an die davon Betroffenen und zeigt ihnen auf, dass sie an dieser Politik sterben werden, wenn sie sich nicht dagegen wehren. Die Leser der „Weltbühne“ waren aber nicht die Leute, deren Schicksal im Gedicht vorgeführt wird, sondern Leser, die wie Tucholsky gegen eine solche Politik von „Ruhe und Ordnung“ waren, so dass zum Schluss kurz erörtert werden muss, was Tucholsky mit seinem Gedicht „bezweckte“. Thema des Gedichts ist die soziale Ungerechtigkeit, die mit dem Schlagwort „Ruhe und Ordnung“ gerechtfertigt wird.
Das Gedicht besteht aus drei Strophen zu sechs Versen und einer zu neun Versen, deren Form unterschiedlich ist. In den ersten drei Strophen stehen zweimal zwei Knittelverse, die im Paarreim verbunden sind; ihnen folgt jeweils der erklärende Satz (mit zwei Hebungen, die so eine größere Pause zum Nachdenken ermöglichen) „das ist Ordnung / Unordnung“ (ab V. 3), der dann variiert wird zu „dann herrscht Ruhe / Unordnung“ (V. 15 und V. 18). Die Sätze „Ordnung / Unordnung“ sind aus der Sicht des Sprechers ironisch gemeint, sie geben die Sicht der herrschenden politischen Klasse wieder. Aus dieser Sicht sind auch die beiden ersten Verse der vierten Strophe gesprochen, in denen erklärt wird, was „[d]die Hauptsache“ ist (V. 19 f.), während die nächsten drei Verse ausdrücklich dem Volksvertreter der kleinen Leute zugeordnet werden (V.21-24), dessen Sicht die gleiche wie die in den Ordnungs-Sätzen ist. In den letzten drei Versen meldet sich der Sprecher mit seiner Sicht zu Wort; er will die kleinen Leute wachrütteln, dass sie sich solche Ruhe-und-Ordnung-Politik nicht gefallen lassen sollen, weil sie daran zugrunde gingen.
Die Paarreime verbinden je zwei Verse auch inhaltlich sinnvoll, zum Beispiel: ohne zu leben – nur Milchwasser geben (V. 1 f., Armut); im Schweizer Schnee – am Comer See (V. 13 f., Luxusorte), usw. Der Sprecher ist zornig, die Knittelverse ermöglichen ein zügiges Sprechen, das auf die ruhige ironische Bewertung in den Ordnungs-Sätzen zustrebt; in der Regel enden die Sätze am Versende (bis auf V. 13), was jeweils eine kleine Pause hervorruft. Die Sprache ist die Standardsprache, nur zweimal werden stark wertende Wörter einer niederen Sprachebene benutzt („pennen“, V. 8; „verreckt“, V. 25).
Zu Beginn spielt der Sprecher auf die Armut von „Millionen“ an, die „arbeiten, ohne zu leben“ (V. 1); damit greift er die Redensart auf, dass wir arbeiten, um zu leben, und nicht unseren Lebenssinn in der Arbeit suchen sollen; er zeigt dagegen an fiktiven Beispielen auf, dass Millionen von ihrer Arbeit eben nicht leben können,
- dass Mütter ihren Kindern keine Milch geben können (V. 2),
- dass Kranke zur Arbeit gehen (müssen) (V. 7),
- dass große Familien auf engstem Raum leben (V. 8),
- dass Leute wegen drohender Armut verzweifeln (V. 10 f.).
„Milchwasser“ (V. 2) ist Milch, die aus Not verdünnt ist; die Arbeitslosenzahl schwankte im Deutschen Reich zwischen 4.000.000 (1923), 1.000.000 (1925), über 2.000.000 (1926) und stieg 1929 noch weit höher an – auf solche Zahlen spielt der Satz „Wer Arbeit stiehlt…“ der Werkleute an (V. 4 f.). Dass sie „ans Licht“ wollen (V. 4), impliziert, dass sie gegenwärtig im Schatten oder gar in der Dunkelheit leben: Metapher ihres elenden Daseins. Mit dem Verb „stehlen“ wird unterstellt, dass dafür einzelne Menschen verantwortlich sind, die man deshalb vor Gericht zur Rechenschaft ziehen könne. Das Leiden der Millionen wird ironisch als „Ordnung“, die Auflehnung dagegen als „Unordnung“ bewertet – zur Perspektive s. o.!
In der zweiten Strophe wird dieses Schema des Strophenaufbaus wiederholt; nicht ganz klar ist, was „ausbrechen mit Gebrüll“ bedeutet, ob damit also nur eine laute Demonstration oder eine kriminelle Aktion gemeint ist. Dass Tuberkulöse zur Drehbank „rennen“ (Übertreibung, V. 7), ist hier so zu verstehen, dass sie es sich nicht leisten können, krank zu sein, weil es für die ersten drei Tage des Krankfeierns keine Unterstützung gab. In der dritten Strophe wird als Gegenbeispiel für „Ruhe“ der Urlaub reicher Erben in teuren Ferienorten genannt, wobei deren Jubeln (V. 14) die gepriesene „Ruhe“ (V. 15) ironisch widerlegt. Dass sich Dinge wandeln (V. 16) spielt auf soziale Verbesserungen oder revolutionäre Umbrüche an, während der Bodenhandel (V. 17) den Handel mit einem partiell öffentlichen Gut betrifft (https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96ffentliches_Gut und https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96ffentliche-G%C3%Bcter-Spiel): Einige haben sich den Boden angeeignet und spekulieren mit ihm am Markt, nutzen auch durch öffentliche Investitionen erzielte Wertsteigerungen (Ackerland → Bauland) und schöpfen privat die Gewinne ab. Wird diese kapitalistische Praxis verboten, wird das als „Unordnung“ diffamiert (V. 17 f.).
Die beiden ersten Verse der letzten Strophe (V. 19 f.) lese ich als ironisches Fazit des Sprechers; da Anführungszeichen in dieser Strophe fehlen, könnte man sie auch als Entdeckung des Volksvertreters lesen (V. 24), was aber im Sinn keinen Unterschied macht. Hier werden die Beispiele der ersten drei Strophen verallgemeinert, indem gesagt wird, was Kriterien der Unordnung sind: auf Hungernde hören, das Straßenbild stören. „Nur nicht schrein.“ (V. 21), der einzige Vers ohne reimendes Paar, ist die erste Forderung des „Volksvertreters“ (V. 24), der angeblich die Interessen der Armen, nämlich des Volks, in Wahrheit die der Privilegierten vertritt, so dass der „Volksvertreter“ kein Volksvertreter ist; er begründet seine Forderung mit dem allgemeinen Trost, die Probleme regelten sich „mit der Zeit“ von selbst und ohne Revolution, nämlich durch „Evolution“ (V. 23 – das politisch ungewöhnliche Wort ist bewusst als Gegensatz zu „Revolution“ gewählt). Auch dass besagter Herr dieses „entdeckt“ habe (V. 24), ist ironisch gesagt – da gab es nichts zu entdecken, das ist tradierte Ideologie.
Die Frage nach den Überlebenschancen (V. 25) ist weniger eine Frage als konditionaler Nebensatz zum folgenden „tröstenden“ Satz („doch“ als tröstende Modifizierung, V. 26) vom Grabspruch der Verreckten, der in den Augen der Obrigkeit ein Lob darstellt: „sie sind immer ruhig und ordentlich gewesen“ (V. 27), haben sich nicht gegen Unterdrückung gewehrt und sind deshalb „verreckt“ (V. 25), sagt der Sprecher – gegen die Obrigkeit. Das ist Tucholskys politische Propaganda in Form der Lyrik für die „Weltbühne“.
Was mag Tucholsky mit dem Gedicht bezweckt haben? Die Massen zur Revolution aufrufen, wie man dem Text entnehmen könnte, wollte er sicher nicht; er wusste, dass die Massen nicht die „Weltbühne“ lasen; er wandte sich an Leser, die das Gleiche wie er dachten und die sich vermutlich freuten und bestärkt fühlten, wenn sie in diesem Gedicht ihre Weltsicht in geistreich gereimter Form wiederfanden. Was Tucholsky bezweckte, lässt sich nicht sagen; vielleicht wollte er nur einen Beitrag zur nächsten Nummer der „Weltbühne“ leisten. Das ist jetzt nicht böse gemeint: Vielleicht hat er auch nur seine vertraglich geregelte Pflicht erfüllt und ans Honorar gedacht – das wäre im Einzelfall sicher nicht unmöglich, auch wenn Tucholsky von dem überzeugt war, was er schriftlich von sich gab. Was man jedoch mit Sicherheit sagen ist, worauf der Text als solcher zielt – unabhängig davon, was Tucholsky an einem Freitagnachmittag damit bezweckte; der Text lebt unabhängig von seinem Dichter, lebt auch nach seinem Tode weiter.