Christoph Hein: Trutz (2017) – glesen

Es gibt mehrere umfangreiche Besprechungen dieses großartigen Romans, so dass ich nur ein paar Hinweise zu geben brauche. Erzählt wird das Schicksal des Rainer Trutz von den späten 20er Jahren des 20. Jh. bis zu seinem Tod. Durch einen Unfall lernt er eine sowjetische Kulturbeauftragte, die Lettin Lilija, in Berlin kennen, die ihm Zugang zu literarischen Kreisen verschafft und ihm mit seiner Frau, als sie von den Nazis bedroht werden, ein Exil in der Sowjetunion ermöglicht. Dort müssen beide in der Produktion arbeiten; ihr Sohn Majkl wird 1934 geboren. Aufgrund einer ironischen Rezension eines die SU verherrlichenden Reiseberichts in der „Weltbühne“ wird er nach Jahren zu fünf Jahren Workuta verurteilt und bei seiner Ankunft dort erschlagen; seine Frau wird mit Sohn nach 1941 in den Osten der SU geschickt, wo sie 1943 stirbt.

Majkl, dessen Gedächtnis von einem Professor der Mnemonik einige Jahr trainiert worden worden, kommt in ein Kinderheim, kommt mit 17 nach Leipzig und studiert nach dem Abitur Archivwissenschaft. Er entdeckt, dass ein Politbüromitglied früher eine SS-Größe war; infolge dessen wird besagtem Herrn Brachvogel der Prozess gemacht. Aber da einige Tage zuvor Berliner Juristen die gleiche Entdeckung gemacht und ideologisch ausgeschlachtet hatten, kommt Brachvogel mit einer Degradierung davon, Majkl wir in die Provinz strafversetzt. Dort findet er eine neue Frau. Nach Jahren meldet sich nach der Wende sein ehemaliger Freund Rem, Gejms Sohn; Rem besucht ihn. Zu einem Gegenbesuch kommt es nicht, da Rem in Moskau erschlagen wird.

In einer Art Vorwort erklärt ein Ich-Erzähler, der sich im Roman nur ganz selten zu Wort meldet, wie er Majkl Trutz zufällig kennenlernte und wie dieser ihm in vielen Gesprächen die ganze Geschichte der Familie Trutz erzählt hat.

Worum geht es in dieser Familiengeschichte, in der neben Lilija eine weitere Russin ein Rolle spielt? Das Thema wird durch das Stichwort „untrügliches Gedächtnis“, über das Majkl verfügt, und den Professor Gejm und seine Mnemonik-Forschungen und -Übungen gesetzt: Wie gut und wie gefährlich ist es, die Wahrheit zu wissen (und zu sagen)? Gegen die Wahrheit stehen anfangs die Nazis, die Schläger der SA; stehen in der SU die Denunziationen und Prozesse wegen nichts und wieder nichts (bzw. wegen einer Rezension in der „Weltbühne“ vor 1933), die mit Genickschuss oder Straflager enden; stehen in der DDR die Forderung nach Linientreue und entsprechenden beruflichen Chancen, und in der BRD wird ein alter DDR-Funktionär Majkls Chef – er hat sich genau wie Brachvogel einem neuen System bedenkenlos angepasst. Also: Anpassung oder aufrechter Gang? Oder wie Havel sagte: In der Lüge oder in der Wahrheit leben? Die Russin Magalja hat sich als lebenskluge Frau durch geschicktes Taktieren behauptet, sie kannte die Mechanismen der Ausgrenzung. Majkl sinniert zum Schluss (was Gejms Tochter einst in Moskau spielte): „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist.“ Aber gelebt hat er anders. Er stirbt 2007. Ihm ist das eindrucksvolle Buch gewidmet.

https://literaturkritik.de/hein-trutz-erinnern-kann-gefaehrlich-sein,23637.html (umfangreich)

https://www.deutschlandfunk.de/christoph-hein-trutz-das-raetsel-der-mnemonik-100.html (umfangreich)

https://www.unsere-zeit.de/eine-andere-geschichte-49284/ (umfangreich)

https://www.degruyterbrill.com  ›  document  ›  doi  ›  10.1515  ›  9783839469125-034  ›  pdf (sehr umfangreich)

https://literaturblatt.ch/christoph-hein-trutz-suhrkamp/ (kurz)

https://de.wikipedia.org/wiki/Christoph_Hein (Hein)

https://www.perlentaucher.de/stichwort/hein-christoph/buecher.html (Heins Bücher)

https://www.mdr.de/kultur/literatur/christoph-hein-top-sieben-buecher-102.html https://www.degruyterbrill.com  ›  document  ›  doi  ›  10.1515  ›  9783839469125-034  ›  pdf (Heins wichtigste Bücher)

https://de.wikipedia.org/wiki/Mnemotechnik (=Mnemonik)

Bora Ćosić: Wie unsere Klaviere repariert wurden (1966/68) – gelesen

Belgrad unter deutscher bzw. ungarischer Besatzung und dann von den Partisanen und der Roten Armee befreit, die Jahre 1943 – 1946, mit den Augen eines Jungen erlebt, der 1943 elf Jahre alt war – das ist das in diesem schmalen Bändchen köstlich erzählte Geschehen. Der Vater säuft, die jungen Tanten geben sich allerlei „künstlerischen“ Tätigkeiten hin, sticken vaterländische Verse in die Handtücher, schwärmen von amerikanischen Filmstars und schmucken Soldaten, der Onkel besucht als „Kavalir“ nachts die verlassenen Frauen der Nachbarschaft, „Witwen des großen Kriegs und jungen Frauen von Deportierten, Männern, die in den verwickelten dialektischen Ereignissen der Jahrhundertmitte verschwunden waren, Onkel brachte ihnen Freude, heimliche, wie auch Gedichte, harmonische, leicht erlernbare“, und kann sogar die kompliziertesten Verschlüsse der Büstenhalter öffnen. Die Leute behelfen sich, indem sie defekte Geräte reparieren und alles in die Suppe schmeißen, was sich zerkleinern lässt; es tritt ein Dichter auf, der den anderen plausibel machen kann, dass er der größte ist und sie für seinen Unterhalt sorgen dürfen, und der jedem, aber auch wirklich jedem Rock hinterherrennt. Und dann die Säuberung nach der Befreiung, wo vermeintliche und wirkliche Kollaborateure einfach erschossen werden, wo überall rote Sterne befestigt und patriotische Lieder gesungen werden, wo Kriegsfilme gezeigt und Klaviere repariert werden, ohne dass jemand über Zucker verfügte… alles in der jungenhaften Perspektive gebrochen, distanziert und nicht ohne objektive Ironie erzählt, einfach herrlich!

Dazu kommen die Schreibfehler des Jungen, der zum Beispiel vom „Hausmajstor“ spricht – man muss solche Wörter laut sprechen, dann versteht man sie. Wie viele schöne Bücher gibt es dieses nur noch antiquarisch; ich habe es sicher schon viermal gelesen und freue mich immer wieder über die Pointen des naiven Blicks, auch wenn ich sie eigentlich schon kenne.

https://de.wikipedia.org/wiki/Bora_%C4%86osi%C4%87

Manès Sperber: Wie eine Träne im Ozean – gelesen

Wie eine Träne im Ozean“ ist ein dickes Buch, über 1000 Seiten stark, ein Buch mit so vielen Namen und Ereignissen, dass man leicht den Überblick verliert. „Held“ ist Dojno Faber, ein überzeugter Kommunist, der nicht bereit ist, die von der sowjetischen KP resp. Stalin angeordneten Verbrechen mitzumachen, dem also seine eigene Redlichkeit noch über die Parteitreue geht. Dessen und seiner Freunde und Genossen Kämpfe vor und im Zweiten Weltkrieg, ihr Schwanken und ihre Verzweiflung, ihre Fluchten, Rettungen und Untergänge in Deutschland, Österreich, Frankreich, Italien und Jugoslawien werden im Roman erzählt. Faber muss scheitern, weil er ein intellektueller Revolutionär ist, dem es nicht um die Macht geht – er scheitert an denen, die entschlossener als er die Macht ergreifen und ausüben, und an denen, sie sich den herrschenden Verhältnissen anpassen, weil sie gut leben oder überleben wollen.

Es gibt mehrere Stellen im Buch, an denen es lange vor seinem Ende enden könnte: etwa als Faber auf seinen Selbstmord verzichtet, um sich um den Waisenjungen Jeannot zu kümmern – da hat er eine Aufgabe, die einen Mann erfordert.; trotzdem zieht er wieder los. Oder als er nach einer waghalsigen Flucht eher zufällig mit dem Leben davongekommen ist und frei nach Kant denkt, ohne sich etwas dabei zu denken: „Der Himmel über unsern Häupten und das Gewissen in unserer Brust“, worauf der Erzähler fortfährt: „Daß er noch lebte, war ein Zufall, und er war niemandem mehr etwas schuldig, auch nicht sich selbst.“ Das wäre ein runder Schluss der Erzählung, aber es geht noch 220 Seiten weiter.

Die Inhaltsübersicht im Wikipedia-Artikel ist miserabel. Den großen Kontext des Buches findet man in Günther Stockers Untersuchung „Diskurse des Kalten Krieges. Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur“ (https://www.academia.edu/35994555/Diskurse_des_Kalten_Krieges_Eine_andere_%C3%B6sterreichische_Nachkriegsliteratur) und begrenzt im Sammelband „Spannungsfelder. Zur deutschsprachigen Literatur im Kalten Krieg“ (1945 – 1968)“ (https://www.academia.edu/33373765/Spannungsfelder_Zur_deutschsprachigen_Literatur_im_Kalten_Krieg_1945_1968_&nav_from=e64b3e49-78aa-48e3-9e40-2da00c829f47&rw_pos=0).

https://www.derstandard.de/story/2000130043060/autor-manes-sperber-der-schaerfste-kritiker-der-linken-holzwege (der Autor)

https://de.wikipedia.org/wiki/Man%C3%A8s_Sperber (dito)

https://www.deutsche-biographie.de/pnd118616145.html (dito)

https://www.deutschlandfunk.de/mirjana-stan-269-i-263-manes-sperber-leben-und-werk-100.html (dito)

https://individualpsychology.wordpress.com/manes-sperber/ (dito)

Ein anderes Suchwort wäre etwa „kommunistische Renegaten“, so in https://taz.de/Die-fuenfte-Himmelsrichtung/!1665892/ oder in https://www.deutschlandfunk.de/vom-abschied-aus-dem-linken-lager-100.html etc.

https://diepaideia.blogspot.com/2015/09/athur-koestler-und-der-kommunismus-teil.html

Erich Fried: Die Feinde – Analyse

Die schon vom Leben zerrissen…“

Dieses Gedicht besteht aus einem einzigen Satz: Der Hauptsatz steht ganz am Ende (V. 16); das ihn einleitende Demonstrativum „die“ greift auf die vier Relativsätze zurück, die ihm voraufgehen (V. 1 ff., V. 5 ff., V. 9 ff., V. 13-15) – vor V. 1 ist das Pronomen „Diejenigen“ zu ergänzen, dann ist die Konstruktion klar. Die in den vier Relativsätzen umschriebenen Personen „sind meine Brüder und Schwestern“ (V. 16), sagt der anonyme Sprecher zu nicht genannten Hörern oder zur Allgemeinheit. Über diese scheinbar belanglose Äußerung müssen wir noch nachdenken, wenn wir die Besonderheit der Brüder und Schwestern verstanden haben; sie sollen laut Überschrift ja „Die Feinde“ sein.

Es handelt sich dabei um Leute, die „schon vom Leben zerrissen“ sind (V. 1); es sind die kleinen Leute, die Ausgebeuteten, sagt man gewöhnlich mit Karl Marx. Ihre Besonderheit erkennt der Sprecher nun darin, dass sie nicht gegen die Unterdrücker kämpfen, dass sie nicht an ihren Ketten rütteln, sondern dass sie von völlig unsinnigen Sorgen geplagt sind, die mit ihrer Lage nichts zu tun haben: Sie haben die Sorge, „keine Antwort zu wissen / auf ungefragte Fragen“ (V. 3 f.). Solchen Antworten nachzusinnen ist sinnlos, weil die Fragen ja gar nicht gestellt sind, vielleicht auch sich gar nicht stellen. An welche ungefragten Fragen der Sprecher denkt, sagt er nicht. Ich vermute mit Nietzsche: „ich meine jene Fragen: wozu der Mensch? Welches Los hat er nach dem Tode? Wie versöhnt er sich mit Gott? und wie diese Kuriosa lauten mögen“ (Menschliches, Allzumenschliches II 16, s. https://www.textlog.de/20744.html), aber das ist nur eine Vermutung. Dass jene Sorge „immer noch“ (V. 2) besteht, deutet an, dass sie eigentlich überholt ist, dass man es jetzt besser wissen könnte – das passt gut in den Kontext von Nietzsches Aphorismus, auch wenn Erich Fried es sicher nicht mit Nietzsche hält und vielleicht auch an etwas anderes gedacht hat.

Die vier Verse sind im Kreuzreim aneinander gebunden; man darf hier aber (wie immer) nicht nach dem Zusammenhang der reimenden Wörter fragen, sondern muss mindestens den ganzen Vers beachten; dann findet man vier Verse von armen Menschen, die sich mit einer unnötigen Sorge plagen. In jedem Vers gibt es drei Hebungen bei freier Füllung, die Kadenz ist weiblich, was ein flüssiges Sprechen möglich macht. Die beiden letzten Verse (V. 3 f.) sind Attribut zu „Sorge“.

Die zweite Strophe setzt im Anschluss mit „und“ (V. 5) die Aussage über die vom Leben Zerrissenen fort; sie ist genau so wie die erste Strophe aufgebaut, ein Infinitivsatz (V. 7 f.) gibt an, womit sie ihr Leben verbringen („damit“ ist Objekt zu „verbringen“, V. 6). Das Reimschema entspricht dem von Strophe 1, die Anzahl der Hebungen schwankt. Auch die zweite genannte Bemühung der vom Leben Zerrissenen ist sinnlos oder eher unangebracht: Sie besingen „ihr ungelebtes Leben“, statt es zu beklagen oder statt sogar zu revoltieren; das zeigt, wie sehr sie irregeleitet sind, sie merken nicht einmal, dass sie ihr Leben nicht gelebt haben (und vielleicht von den Konsumangeboten darin getäuscht werden, was Leben heißen kann). Das tun sie den ihnen verbliebenen „Rest ihres Lebens“ (V. 5); hier ist „Leben“ einfach die Lebensspanne, während in V. 7 das wahre Leben gemeint ist. Spätestens jetzt fällt auf, wie stark das Nomen „Leben“ das Gedicht resp. die Äußerung des Sprechers bestimmt. Es steht auch in der Hauptaussage der dritten Strophe, dass sie nämlich bereit vielleicht sind, ihr Leben für etwas zu geben (V. 10).

Diese Strophe ist mit der Partikel „auch“, welche hier eine Steigerung der ideologischen Verblendung der Zerrissenen einleitet, an die zweite angeschlossen: Sie besingen nicht nur ihr verfehltes Leben, sondern sind vielleicht sogar bereit, für ihre Ideologie zu kämpfen und ihr Leben hinzugeben. Dass hier von einer Ideologie die Rede ist, sieht man in der zugehörigen Infinitivkonstruktion (V. 11 f.): Sie wollen partout nicht sehen, „wofür und wogegen sie leben“ (V. 12) – sie leben nämlich für ihre Ausbeuter und gegen die Möglichkeit der Befreiung. Ich kenne nicht die Entstehungszeit des Gedichtes, würde es aber aufgrund seiner Tendenz in den Kalten Krieg zwischen dem Westen und der Sowjetunion verorten; die verführten Zerrissenen wären dann die Westdeutschen, die zu einem Krieg gegen die SU bereit wären, welche als Trägerin der roten Revolution die Möglichkeiten sozialistischen Lebens offenhielte. – In dieser Strophe reimen sich nur V. 10/12; sonst gilt für die Sprache das Gleiche wie vorhin, der Sprecher bewegt sich mit seinem kritischen Blick (ungefragte Fragen, V. 4; ungelebtes Leben, V. 7) in der Ebene gehobener Umgangssprache.

Die vierte Charakterisierung der Zerrissenen wird adversativ mit „doch“ hinter der aufzählenden Konjunktion „und“ (V. 13) angeschlossen: Sie hoffen trotz ihrer Verblendung auf ein „Morgen“ (V. 13); in ihnen glüht also noch der menschliche Funke. Allerdings ist ihre Hoffnung notwendig eine verfehlte, eine getäuschte; denn sie lebt „ohne Wissen von Heute und Gestern“ (den Pendants und der historischen Basis des „Morgen“, V. 15), wie ja ihre Sorgen (Str. 1), ihre Lieder (Str. 2), ihre Unwissenheit (V. 11 f.) zeigen. In einer Apposition wird noch einmal ausdrücklich ihre Verdummung genannt, sie sind „allen Lügen und Täuschungen offen“ (V. 15); sie werden also belogen und getäuscht, aber sie lassen sich auch belügen und täuschen und sind somit ihr Elend auch selber schuld. Der Kontrast „Wissen / Lügen und Täuschungen“ (V. 14 f.) markiert die verfehlte Hoffnung der Zerrissenen; er zeigt den Ort des Gedichtes im ideologischen Kampf zwischen Kapitalismus und Sozialismus.

Sprachlich weicht der Sprecher in dieser Strophe nur in der Anzahl der Hebungen vom Schema der ersten Strophen ab (dreimal vier statt drei Hebungen). Das verdankt sich der überraschenden Pointe am Schluss des Gedichts: Die vom Leben Zerrissenen, die in ihrer ideologischen Verblendung ihr Leben völlig verfehlen, die deshalb sogar als „Die Feinde“ (Überschrift) betrachtet werden, „die sind meine Brüder und Schwestern“ (V. 16). Damit sagt der Sprecher, dass er die vom Leben Zerrissenen, vom Kapitalismus Getäuschten nicht aufgibt, dass er zu ihnen hält – und seine Äußerung über ihr verfehltes Leben mag als ein erster Beitrag zu ihrer Befreiung gedacht sein.

Die Kategorie der Bruderschaft ist seit Jahrtausenden bedeutsam; ich nenne jetzt nur vier Beispiele dafür, ohne damit ihre Bedeutung erschöpft zu haben:

  • Von Jesus ist in einer Rede vom Weltgericht der Satz überliefert, dass der Menschensohn als Richter nur einen Maßstab kennt: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr für mich getan.“ (Mt 25,40)
  • In den christlichen Orden wurde versucht, das wahrhaft christliche Leben im Sinn einer Bruderschaft zu führen (vgl. Mt 23,8).
  • In der französischen Revolution war „Brüderlichkeit“ eine der drei großen Losungen (fraternité).
  • Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ ist das Lied der Arbeiterklasse (https://www.youtube.com/watch?v=sJ4ZKzO4YJ), wo sich die Parole der Brüderlichkeit mit der Lichtmetaphorik verbindet.

Der Sprecher hat über dem Bekenntnis zu den verführten Brüdern auch die Schwestern nicht vergessen; sein Kampf gilt nicht ihnen – die wahren Feinde sind immer noch und bleiben die Ausbeuter.

Fritz Stavenhagen hat das Gedicht gut vorgetragen (https://www.deutschelyrik.de/die-feinde.html), doch etwas zu ruhig, zu wenig kämpferisch.

Kurt Tucholsky: Ruhe und Ordnung – Text und Analyse

Ruhe und Ordnung

Wenn Millionen arbeiten, ohne zu leben,
wenn Mütter den Kindern nur Milchwasser geben –
das ist Ordnung.
Wenn Werkleute rufen: »Lasst uns ans Licht!
Wer Arbeit stiehlt, der muss vors Gericht!«
Das ist Unordnung.

Wenn Tuberkulöse zur Drehbank rennen,
wenn dreizehn in einer Stube pennen –
das ist Ordnung.
Wenn einer ausbricht mit Gebrüll,
weil er sein Alter sichern will –
das ist Unordnung.

Wenn reiche Erben im Schweizer Schnee
jubeln – und sommers am Comer See –
dann herrscht Ruhe.
Wenn Gefahr besteht, dass sich Dinge wandeln,
wenn verboten wird, mit dem Boden zu handeln –
dann herrscht Unordnung.

Die Hauptsache ist: Nicht auf Hungernde hören.
Die Hauptsache ist: Nicht das Straßenbild stören.
Nur nicht schrein.
Mit der Zeit wird das schon.
Alles bringt euch die Evolution.
So hats euer Volksvertreter entdeckt.
Seid ihr bis dahin alle verreckt?
So wird man auf euern Gräbern doch lesen:
sie sind immer ruhig und ordentlich gewesen.

Theobald Tiger

Die Weltbühne, 13.01.1925, Nr. 2, S. 68, wieder in: Mona Lisa.

Zum stehenden politischen Schlagwort wurde ‚Ruhe und Ordnung‘ gleich zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als der Stadtkommandant von Berlin, Friedrich Wilhelm Graf von der Schulenburg, nach der verlorenen Schlacht bei Jena und Auerstedt beim Einmarsch der französischen Truppen verkünden ließ, dass ‚Ruhe die erste Bürgerpflicht‘ sei. ‚Ruhe‘ bedeutete hier Bürgertugend, Untertanengeist und einen Vertrauensvorschuss gegenüber dem preußischen Staat (…). Für die ‚Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung‘ im Fall eines ‚Aufruhrs‘ war bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts neben der Polizei auch das Militär zuständig. Mit dem Topos ‚Ruhe und Ordnung‘ trat neben der ‚Sicherheit auch die Kategorie der Öffentlichkeit als Konkretisierung polizeilicher Befugnisse in den Hintergrund. ‚Ruhe und Ordnung‘ war insofern ein militärisch-obrigkeitsstaatliches, antirevolutionär-reaktionäres ‚taktisches Dispositiv in den Machtbeziehungen zwischen Staat und Bürgern in Krisensituationen‘ [Thomas Lindenberg].“ Mit dieser Erklärung von Achim Saupe aus seinem Aufsatz „Von ‚Ruhe und Ordnung‘ zur ‚inneren Sicherheit‘“ (2010, https://zeithistorische-forschungen.de/2-2010/id=4674#pgfId-1037691a) ist die Folie ausgespannt, vor der man Tucholskys Gedicht lesen muss.

Ein namenloser Sprecher wendet sich in einer Rede an Menschen, die unter der in Deutschland geschätzten und politisch propagierten „Ruhe und Ordnung“ (Überschrift) zu leiden haben (Anrede „ihr“ ab V. 23). Ort und Zeit dieser Rede sind nicht benannt; es ist nur auszumachen, dass Tucholsky sich an die Leser der „Weltbühne“ wandte. „Die Weltbühne war eine deutsche Wochenzeitschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft. Sie wurde von Siegfried Jacobsohn in Berlin unter dem Namen ‚Die Schaubühne‘ als reine Theaterzeitschrift gegründet und erschien am 7. September 1905 zum ersten Mal. Am 4. April 1918 wurde die Schaubühne, die sich seit 1913 für wirtschaftliche und politische Themen geöffnet hatte, in Die Weltbühne umbenannt. (…) Mit ihren kleinen roten Heften galt die Weltbühne in der Weimarer Republik als das Forum der radikaldemokratischen bürgerlichen Linken. (…) Selbst in ihrer Hochphase hatte die Weltbühne nur eine geringe Auflage von rund 15.000 Exemplaren. Publizistisch drang sie dennoch durch. Beispiele dafür sind die Aufdeckung der Fememorde innerhalb der Schwarzen Reichswehr sowie Berichte über die heimliche Aufrüstung der Reichswehr, die später zum sogenannten Weltbühne-Prozess führten.“ (Wikipedia, Art. „Die Weltbühne“, 22. 9. 2018)

Der Sprecher polemisiert gegen die Politik, die unter den Schlagworten „Ruhe und Ordnung“ betrieben wird. In den ersten drei Strophen stellt er polemisch jeweils Situationen gegenüber, denen in Deutschland das Prädikat „Ordnung“ (V. 3 und V. 9, einmal „Ruhe“, V. 15) bzw. „Unordnung“ (V. 6, 12, 18) aufgeklebt wird. In der letzten Strophe wendet er sich direkt an die davon Betroffenen und zeigt ihnen auf, dass sie an dieser Politik sterben werden, wenn sie sich nicht dagegen wehren. Die Leser der „Weltbühne“ waren aber nicht die Leute, deren Schicksal im Gedicht vorgeführt wird, sondern Leser, die wie Tucholsky gegen eine solche Politik von „Ruhe und Ordnung“ waren, so dass zum Schluss kurz erörtert werden muss, was Tucholsky mit seinem Gedicht „bezweckte“. Thema des Gedichts ist die soziale Ungerechtigkeit, die mit dem Schlagwort „Ruhe und Ordnung“ gerechtfertigt wird.

Das Gedicht besteht aus drei Strophen zu sechs Versen und einer zu neun Versen, deren Form unterschiedlich ist. In den ersten drei Strophen stehen zweimal zwei Knittelverse, die im Paarreim verbunden sind; ihnen folgt jeweils der erklärende Satz (mit zwei Hebungen, die so eine größere Pause zum Nachdenken ermöglichen) „das ist Ordnung / Unordnung“ (ab V. 3), der dann variiert wird zu „dann herrscht Ruhe / Unordnung“ (V. 15 und V. 18). Die Sätze „Ordnung / Unordnung“ sind aus der Sicht des Sprechers ironisch gemeint, sie geben die Sicht der herrschenden politischen Klasse wieder. Aus dieser Sicht sind auch die beiden ersten Verse der vierten Strophe gesprochen, in denen erklärt wird, was „[d]die Hauptsache“ ist (V. 19 f.), während die nächsten drei Verse ausdrücklich dem Volksvertreter der kleinen Leute zugeordnet werden (V.21-24), dessen Sicht die gleiche wie die in den Ordnungs-Sätzen ist. In den letzten drei Versen meldet sich der Sprecher mit seiner Sicht zu Wort; er will die kleinen Leute wachrütteln, dass sie sich solche Ruhe-und-Ordnung-Politik nicht gefallen lassen sollen, weil sie daran zugrunde gingen.

Die Paarreime verbinden je zwei Verse auch inhaltlich sinnvoll, zum Beispiel: ohne zu leben – nur Milchwasser geben (V. 1 f., Armut); im Schweizer Schnee – am Comer See (V. 13 f., Luxusorte), usw. Der Sprecher ist zornig, die Knittelverse ermöglichen ein zügiges Sprechen, das auf die ruhige ironische Bewertung in den Ordnungs-Sätzen zustrebt; in der Regel enden die Sätze am Versende (bis auf V. 13), was jeweils eine kleine Pause hervorruft. Die Sprache ist die Standardsprache, nur zweimal werden stark wertende Wörter einer niederen Sprachebene benutzt („pennen“, V. 8; „verreckt“, V. 25).

Zu Beginn spielt der Sprecher auf die Armut von „Millionen“ an, die „arbeiten, ohne zu leben“ (V. 1); damit greift er die Redensart auf, dass wir arbeiten, um zu leben, und nicht unseren Lebenssinn in der Arbeit suchen sollen; er zeigt dagegen an fiktiven Beispielen auf, dass Millionen von ihrer Arbeit eben nicht leben können,

  • dass Mütter ihren Kindern keine Milch geben können (V. 2),
  • dass Kranke zur Arbeit gehen (müssen) (V. 7),
  • dass große Familien auf engstem Raum leben (V. 8),
  • dass Leute wegen drohender Armut verzweifeln (V. 10 f.).

Milchwasser“ (V. 2) ist Milch, die aus Not verdünnt ist; die Arbeitslosenzahl schwankte im Deutschen Reich zwischen 4.000.000 (1923), 1.000.000 (1925), über 2.000.000 (1926) und stieg 1929 noch weit höher an – auf solche Zahlen spielt der Satz „Wer Arbeit stiehlt…“ der Werkleute an (V. 4 f.). Dass sie „ans Licht“ wollen (V. 4), impliziert, dass sie gegenwärtig im Schatten oder gar in der Dunkelheit leben: Metapher ihres elenden Daseins. Mit dem Verb „stehlen“ wird unterstellt, dass dafür einzelne Menschen verantwortlich sind, die man deshalb vor Gericht zur Rechenschaft ziehen könne. Das Leiden der Millionen wird ironisch als „Ordnung“, die Auflehnung dagegen als „Unordnung“ bewertet – zur Perspektive s. o.!

In der zweiten Strophe wird dieses Schema des Strophenaufbaus wiederholt; nicht ganz klar ist, was „ausbrechen mit Gebrüll“ bedeutet, ob damit also nur eine laute Demonstration oder eine kriminelle Aktion gemeint ist. Dass Tuberkulöse zur Drehbank „rennen“ (Übertreibung, V. 7), ist hier so zu verstehen, dass sie es sich nicht leisten können, krank zu sein, weil es für die ersten drei Tage des Krankfeierns keine Unterstützung gab. In der dritten Strophe wird als Gegenbeispiel für „Ruhe“ der Urlaub reicher Erben in teuren Ferienorten genannt, wobei deren Jubeln (V. 14) die gepriesene „Ruhe“ (V. 15) ironisch widerlegt. Dass sich Dinge wandeln (V. 16) spielt auf soziale Verbesserungen oder revolutionäre Umbrüche an, während der Bodenhandel (V. 17) den Handel mit einem partiell öffentlichen Gut betrifft (https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96ffentliches_Gut und https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96ffentliche-G%C3%Bcter-Spiel): Einige haben sich den Boden angeeignet und spekulieren mit ihm am Markt, nutzen auch durch öffentliche Investitionen erzielte Wertsteigerungen (Ackerland → Bauland) und schöpfen privat die Gewinne ab. Wird diese kapitalistische Praxis verboten, wird das als „Unordnung“ diffamiert (V. 17 f.).

Die beiden ersten Verse der letzten Strophe (V. 19 f.) lese ich als ironisches Fazit des Sprechers; da Anführungszeichen in dieser Strophe fehlen, könnte man sie auch als Entdeckung des Volksvertreters lesen (V. 24), was aber im Sinn keinen Unterschied macht. Hier werden die Beispiele der ersten drei Strophen verallgemeinert, indem gesagt wird, was Kriterien der Unordnung sind: auf Hungernde hören, das Straßenbild stören. „Nur nicht schrein.“ (V. 21), der einzige Vers ohne reimendes Paar, ist die erste Forderung des „Volksvertreters“ (V. 24), der angeblich die Interessen der Armen, nämlich des Volks, in Wahrheit die der Privilegierten vertritt, so dass der „Volksvertreter“ kein Volksvertreter ist; er begründet seine Forderung mit dem allgemeinen Trost, die Probleme regelten sich „mit der Zeit“ von selbst und ohne Revolution, nämlich durch „Evolution“ (V. 23 – das politisch ungewöhnliche Wort ist bewusst als Gegensatz zu „Revolution“ gewählt). Auch dass besagter Herr dieses „entdeckt“ habe (V. 24), ist ironisch gesagt – da gab es nichts zu entdecken, das ist tradierte Ideologie.

Die Frage nach den Überlebenschancen (V. 25) ist weniger eine Frage als konditionaler Nebensatz zum folgenden „tröstenden“ Satz („doch“ als tröstende Modifizierung, V. 26) vom Grabspruch der Verreckten, der in den Augen der Obrigkeit ein Lob darstellt: „sie sind immer ruhig und ordentlich gewesen“ (V. 27), haben sich nicht gegen Unterdrückung gewehrt und sind deshalb „verreckt“ (V. 25), sagt der Sprecher – gegen die Obrigkeit. Das ist Tucholskys politische Propaganda in Form der Lyrik für die „Weltbühne“.

Was mag Tucholsky mit dem Gedicht bezweckt haben? Die Massen zur Revolution aufrufen, wie man dem Text entnehmen könnte, wollte er sicher nicht; er wusste, dass die Massen nicht die „Weltbühne“ lasen; er wandte sich an Leser, die das Gleiche wie er dachten und die sich vermutlich freuten und bestärkt fühlten, wenn sie in diesem Gedicht ihre Weltsicht in geistreich gereimter Form wiederfanden. Was Tucholsky bezweckte, lässt sich nicht sagen; vielleicht wollte er nur einen Beitrag zur nächsten Nummer der „Weltbühne“ leisten. Das ist jetzt nicht böse gemeint: Vielleicht hat er auch nur seine vertraglich geregelte Pflicht erfüllt und ans Honorar gedacht – das wäre im Einzelfall sicher nicht unmöglich, auch wenn Tucholsky von dem überzeugt war, was er schriftlich von sich gab. Was man jedoch mit Sicherheit sagen ist, worauf der Text als solcher zielt – unabhängig davon, was Tucholsky an einem Freitagnachmittag damit bezweckte; der Text lebt unabhängig von seinem Dichter, lebt auch nach seinem Tode weiter.