Eine alte Dame erzählt der Ich-Erzählerin eine Episode aus ihrer Jugendzeit: Sie war Erzieherin eines schwierigen Kindes aus adeligem Haus und stellt für einen Bruder der gelegentlich verstorbenen Hausherrin wie auch anschließend für deren Ehemann die Person dar, um die man aus unterschiedlichen Gründen wirbt. – Ein eher langweiliger kleiner Roman aus der Zeit der Napoleonischen Kriege, den zu lesen nicht lohnt.
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Marie von Ebner-Eschenbach: Die Freiherren von Gemperlein – gelesen
Eine köstliche Novelle ist kurz vorzustellen: Die beiden Freiherren von Gemperlein stammen aus einem streitbaren Geschlecht, und entsprechend gehen sie auch miteinander um – der eine ein konservativer Anhänger des Herrschers, der andere revolutionär gesinnt und im 18. Jahrhundert seiner Zeit voraus. Sie bewirtschaften das Gut Wlastowitz, an dem sie hängen und das sie untereinander aufteilen wollen, wozu es aber nie kommt. Die mit feinem Humor erzählten Streitereien sowie die überaus naiven Heiratspläne der beiden Junggesellen bilden die Einleitung zum großen Schluss: Sie werden von ihrer adeligen Nachbarin hereingelegt, die ihnen eine schöne verheiratete Frau als adeliges Fräulein, ihre Nichte, vorstellt, worauf sie beide sich Hals über Kopf in sie verlieben – und sich streiten, wer sie bekommen soll; schließlich einigen sie sich darauf, dass die Dame selber wählen soll. Sie haben ihre Fassung verloren und machen sich dann heimlich daran, einer für den anderen als Brautwerber aufzutreten. Der jungen Frau fällt dann die undankbare Aufgabe zu, ihnen reinen Wein einzuschenken. Und so endet die mit vielen köstlichen Einzelheiten geschmückte Erzählung: „Trotz dieser Voraussicht und trotz des guten Vorsatzes, ihren Stamm in Ehren zu erhalten, hat keiner der Brüder sich vermählt. Sie sind hinübergegangen, ohne einen Erben ihres Namens zu hinterlassen, und so ist denn, wie so vieles Schöne auf dieser Erde, auch das alte Geschlecht derer von Gemperlein – erloschen.“
Eine erfrischende kurze Erzählung – unbedingt lesenswert!
https://archive.org/details/diefreiherrenvon00ebneuoft/page/n3/mode/2up?view=theater (Text mit Erläuterungen für amerikanische Leser)
Ebner-Eschenbach: Die Mußmenschen – eine fragwürdige Parabel
Marie von Ebner-Eschenbach hat eine rätselhafte Parabel „Die Mußmenschen“ (in neuer Rechtschreibung „Die Mussmenschen“) geschrieben, deren innere Logik und deren „Ergebnis“ Fragen aufwerfen. Es wird neutral erzählt, dass ein entflohener Verbrecher durch einen alten Hirten von einem Land hört, in dem man nicht an die Freiheit des menschlichen Willens glaube; dort gebe es weder Schuld noch Verdienst, weder Gut noch Böse, weder Verantwortung noch Tugend, kein Gesetz und keine Richter; „es gebe kein Tun, sondern nur ein Geschehen; die Handlungen der Menschen werden genau so betrachtet wie Naturereignisse als die notwendigen Folgen unabsehbarer, von Ewigkeit her wirkender Ursachen“. Daraufhin beschließt der Verbrecher, dieses für ihn wunderbare Land aufzusuchen.
Er wird freundlich aufgenommen und sieht fleißige Menschen; er weigert sich aber, für sein Essen zu arbeiten. Es werden dann drei Fälle vom Erzähler vorgeführt, wo Probleme in diesem Friedensreich auftauchen: Eine kleine Frau schlägt ihren Mann; ein hochmütiger Philosoph hat einen Rückfall erlebt und sein System auf Kosten der anderen gelobt; der Verbrecher selbst belästigt eine Frau, prügelt sich mit Männern und ermordet schließlich einen Wärter. Wer Derartiges tut, gilt als krank und muss behandelt werden. Die Theorie dazu lautet: „Wir Menschen sind nun einmal angewiesen, in Gesellschaft zu leben, und da wir es sind, müssen wir suchen, dieses Zusammenleben möglichst gedeihlich zu gestalten. Nun hat die Erfahrung uns gelehrt, das geschähe am besten, wenn Frieden, gegenseitige Rücksicht und Hilfsbereitschaft unter uns herrschen. So haben wir denn die ganze Kraft unseres Müssens auf die Erfüllung jener Bedingungen der allgemeinen Wohlfahrt gestellt. Gibt sich ein widerspenstiges Müssen kund, können wir es nur als ein krankhaftes ansehen, und müssen suchen, es zu kurieren.“ Demgemäß werden den leichten Fällen „Erinnerungszeichen“ eingepflanzt, die ihnen das heilsame Müssen einprägen, notfalls wiederholt einprägen. Die Unheilbaren werden hingerichtet. Vor seiner Hinrichtung resümiert der Verbrecher: „Euer Müssen und unser Wollen, eure Rezeptenschreiber und unsere Richter, es kommt auf eins heraus.“ Und der Henker gibt ihm recht: „es kommt eigentlich auf eins heraus“ und tötet ihn.
Was als erstes auffällt, ist der Widerspruch zwischen dem Bericht des Hirten und der Theorie und Praxis der Mussmenschen: einerseits angeblich kein Wille (keine Freiheit), kein Tun und keine Normen – anderseits die „Erziehung“ bzw. Behandlung der „Kranken“ hin zum heilsamen Müssen (einschließlich Prügeln und Essensentzug) und die Beseitigung der Asozialen; da ist also von den notwendigen Folgen unabsehbarer Ursachen nicht mehr die Rede, wie ja auch das Versagen der kleinen Frau mit dem frühen Tod der Mutter und ähnlichen Faktoren erklärt wird. Auch sind Friedfertigkeit, Rücksicht, Hilfsbereitschaft und Fleiß durchaus als Tugenden bzw. Normen anzusehen, die der allgemeinen Wohlfahrt als oberstem Ziel dienen, ohne dass erklärt würde, wer das Verhalten der Menschen nach welchen Kriterien beurteilen soll und über ihre Behandlung entscheiden darf („Rezeptenschreiber“).
Das erste Fazit lautet also: Die Erzählung ist nicht stringent konstruiert; angeblich wird menschliches Tun als Geschehen betrachtet, in Wahrheit wird es aber wie bei uns beurteilt, nur dass einige Namen bzw. ethische und juristische Begriffe fehlen und die Institutionen des Rechts nicht erkennbar, aber doch irgendwo vorhanden sind.
Die zweite Frage lautet für mich: Wozu ist eine solche Parabel gut? Worauf läuft sie nach ihrer (kaum vorhandenen) inneren Logik hinaus? Was hat der mitdenkende Leser am Ende erkannt: dass es ohne Recht und Tugend doch kein ersprießliches Zusammenleben gibt, dass man an Freiheit und Verantwortung festhalten muss, Kranke oder Geschädigte aber behandeln soll?
Die dritte Frage ist dann, wie es in Wahrheit um das Verhältnis von Ich, Handeln und Freiheit bestellt ist und wie man sich einen „Willen“ zu denken hat: ob der freie Wille nur ein anderer Name für ein vernunftbegabtes, der Reflexion und Distanzierung fähiges Ich ist? Das ist aber eine Frage, über die man lange trefflich streiten kann.
Text der Parabel:
Ebner-Eschenbach: Prinzessin Leiladin – ein Märchen
Ein zauberhaftes Märchen der Ebner-Eschenbach habe ich eben gelesen: „Prinzessin Leiladin“. Es handelt von einer wunderschönen Prinzessin, hinter der allein sieben Friseure wandeln, um ihre blonden Haare fortwährend zu kämmen – allerdings unter dem Damoklesschwert, dass sie alle sieben des Todes sind, wenn der Prinzessin ein einziges Haar ausfällt oder ausgezupft wird. Ein Staatsgeheimnis ist allerdings, dass sie inwendig aus Pappendeckel ist, also kein Herz hat. Um aus den vielen Freiern den richtigen Bräutigam zu finden, der sie nicht nur wegen ihrer Stellung liebt, wird das Gerücht verbreitet, sie würde nach der Hochzeit mit wenigen Utensilien des Landes verwiesen. Da bleibt nur ein junger Held übrig, hübsch und blondhaarig, „mit schwärmerischen Augen und kräftigen Fäusten“; alle jubeln, nur der Hofnarr hält die Wahl für verfehlt, weil ein Wachspüppchen nicht zu einem Feuerbrand passe. Nach einigem (wunderbar erzählten) Hin und Her gewinnt der Bräutigam einen Zauberer dafür, der Prinzessin ein Herz einzusetzen – es müsse aber gleich von Beginn an mit Sympathie und Zuneigung gepflegt werden. Nach der geheimnisvollen Operation zeigt sich dann beim großen Rosenfest, dass das Herz der Prinzessin für den Herrn von Leimsiedeland schlägt, mit dem sie hingebungsvoll tanzt. Der Bräutigam entflieht in der Nacht allein auf seinem Pferd, doch bald holt ihn der Hofnarr ein: Sie waren die beiden einzigen, die am ganzen Hof ein Herz hatten, während alle anderen Pappendeckelfiguren waren, wozu ein Herr von Leimsiedeland exakt passt. Als der Prinz dem alten Hofnarren die Freundschaft anbietet, sagt dieser: Wir sind’s, „seit es ehrliche Helden und weise Narren gibt“.
Warum mich die Lektüre dieses Märchens so erfreut, lässt sich leicht erklären: Ich kann wie eine meiner Töchter von Herzen laut lachen, wenn ich eine witzige Sache mitkriege; darüber empören sich manche Pappnasen öffentlich oder hinter meinem Rücken, teilweise auch deshalb, weil sie nicht alle Pointen mitkriegen, die durch die Luft schwirren. In diesem Märchen finde ich die Bestätigung dafür, dass man aus vollem Herzen lachen darf, auch wenn man dafür auf die Zuneigung von Leuten verzichten muss, die wie Prinzessin Leiladin im Inneren aus Pappendeckel bestehen.
Den Text habe ich in „Märchen der Dichter“, hrsg. von Fritz Meichner, Weimar o.J. (ein altes DDR-Buch) gefunden; es gibt ihn auch in einer Ausgabe zweier Märchen der Ebner-Eschenbach von 1985 (ebenfalls DDR) und in Frakturschrift hier: https://archive.org/details/samtlichewerke0000ebne_h4n4/page/596/mode/2up
Ebner-Eschenbach: Die Nachbarn – Analyse (Grundzüge)
(Zeilenzählung nach „Parabeln“, RUB 9539, S. 18-20)
Hauptfiguren: der Blonde und der Braune, sie sind nicht individuell gezeichnet; sie stehen an der Spitze gutmütiger Hirtenvölker;
Ausgangssituation: gute Nachbarschaft zu beiderseitigem Nutzen (Z. 3-6); Ereignis, das die Handlung in Gang setzt: Sturm beim Braunen, Nutzung des Holzes (Z. 7 ff.);
1. Wende (zum Schlechten):
a) Aufrüstung durch den Blonden (Z. 16 ff.); hier wertet der Erzähler den Vorgang als auf Irrtümern (blöde Augen, Z. 18; vermeintlich Gerüstete, Z. 25), Dummheit („auch Weise darunter“, Z. 22 f.) und Ängstlichkeit beruhend (Z. 22 f.); „Misstrauen schüren“ ist ebenfalls negativ; der Vorgang selbst wird (vom Erzähler) durch den Kontrast „Kultur“ – verwüstet (Z. 29/33) wie durch das Agieren von Knechten an Stelle des Herrn (Z. 28 ff.) bewertet; auch das Unmaß der Rüstung (Verhältnis 3 : 1, Z. 26 f.) spricht für die Unvernunft des Tuns;
b) Aufrüstung durch den Braunen (Z. 35 ff.); auch die innere Logik des Rüstens zeigt die Unvernunft des beiderseitigen Handelns, das ab Z. 40 bewertet wird: Soll der Braune „reich an Stöcken“ werden (Z. 39), so geraten beide Völker in Armut (Z. 42 f., Kontrast), was hyperbolisch formuliert wird: „alles war in Stöcke verwandelt“ (Z. 45); auch das Ergebnis des Lebens zeigt, wie unbedacht (Z. 41!) das auf Misstrauen beruhende Rüsten ist: Die Menschen sehnen den Krieg als Erlösung herbei, die Fürsten wünschen sich den Tod (Z. 46 ff., 51 ff.); Leben und Herrschen haben ihren Sinn verloren.
2. Wende (zur Einsicht): Durch Zufall treffen sich die beiden Fürsten. Ohne dass außer dem Hinweis auf die alte Liebe eine Erklärung gegeben würde, versöhnen sie sich (lassen Stöcke fallen: Metapher). Der Erzähler berichtet, dass sie ihr eigenes Rüsten nicht begriffen haben (Z. 72 ff.) und dass sie erkennen (weiß geworden, weise werdend), dass sie falsch gehandelt haben (Z. 76 ff.). Sie begreifen ihr Misstrauen (Z. 73) und ihre Furcht vor dem Verlust der Erdengüter (Z. 78) als Quellen ihrer entscheidenden Fehler.
Der Verzicht auf historische oder psychologische Erklärungen („Zufall“) sowie auf genaue Orts- und Zeitangaben, die schematische Zeichnung der Figuren sowie der Kontrastgebrauch (verbunden mit der Zeitraffung) machen deutlich, dass eine moralische Erzählung vorliegt. Da es nicht um Individuen geht, sondern um Herrscherfiguren, muss man die genannten Fehlerquellen Misstrauen und Furcht mit dem unsinnigen Rüsten zusammen sehen, um die „Lehre“ der Autorin zu erfassen. Der auktoriale Erzähler könnte viel mehr wissen, als er sagt; ihm kommt es aber darauf an, dass er die Menschen und ihr Handeln bewertet und dass die Hauptfiguren schließlich auch zur Einsicht kommen, welche er von Anfang an gehabt hat; das Schicksal der Völker und die Beseitigung der Schäden, also die politischen Aspekte interessieren ihn nicht mehr. Der Erzähler ist so vielleicht im Blick auf die Leser konzipiert.
Wodurch bekommt diese Erzählung ihre Bedeutung?
Diese ergibt sich zunächst aus der Logik oder Struktur des erzählten Geschehens: Ein guter Ausgangszustand wird verlassen, und zwar durch eine Kombination negativer Elemente (blöde Augen, ängstliche Leute); die Menschen befinden sich in einer extremen Notlage, in die sie sich selbst hineingebracht haben. Nach einer erneuten Wende geben sie die verfehlte Handlungslogik (des Rüstens) auf und steuern wieder auf die Normalsituation zu. Die normale Logik des Helfens und Tauschens aufzugeben war also ein verfehlter Versuch, das Leben zu verbessern. Es ist nämlich falsch, wenn man als Ergebnis seiner Schutzmaßnahmen nur die Sehnsucht nach dem Kampf (Gebet der Leute, Z. 47 ff.) oder nach dem Tod (Sehnsucht der Anführer, Z. 51) hat. – Dass die alt und weiß (und damit weise) Gewordenen zum Schluss (!) erkennen, was sie falsch gemacht haben, Z. 76 ff.), stellt die richtige Interpretation des Geschehens durch kompetente Akteure dar.
An der Erzählweise fallen einige kommentierende Bemerkungen des Erzählers sowie die starken Wertungen auf: „Was lag ihnen an seiner hohen Kultur?“ (Z. 28 f.) In diesen Kommentar ist der Kontrast von „Kultur / Verwüstung“ eingebunden, eine von vielen konträren Wertungen. Auch die Erkenntnis des ersten Boten wird vom Erzähler als falsch bewertet (blöde Augen; schien, Z. 17 f.); ähnlich sieht er die Rückkehr der „Liebe“ zwischen den Anführern, die in ihr altes Recht tritt (Z. 64).
Wenn ich richtig tippe, dass die Erzählung 1897 veröffentlicht worden ist, kann man sie leicht in einen zeitlichen und thematischen Zusammenhang mit der deutschen Hochrüstung und imperialistischen Politik stellen, wie sie etwa aus Heinrich Manns „Der Untertan“ bekannt sind.