Roberto Bolaño: 2666 – gelesen

Der Roman ist ein Monster; in meiner Ausgabe geht der Text bis S. 1085, es folgen ein Nachwort und gut zwei Seiten Erläuterungen zu mexikanischen Wörter. Er besteht aus fünf Büchern, die aber durch die auftretenden Figuren und die Orte miteinander verbunden sind.

Worum es insgesamt geht, ist schwer zu sagen. Den Rahmen bildet die Suche nach dem berühmten Schriftsteller Benno von Arcimboldi (Buch 1), den niemand kennt und der sich in Mexiko aufhalten soll, und seine Lebensgeschichte (Buch 5): ein Deutscher aus Ostpreußen, Hans Reiter, der eine deutlich jüngere Schwester hat, Soldat im Zweiten Weltkrieg wird, im Kriegsgefangenenlager einen anderen, der 500 Juden hat erschießen lassen, nachts erwürgt, nach seiner Entlassung jobt und schließlich zu schreiben beginnt. In Hamburg findet er schließlich einen Verleger, nennt sich Benno von Arcimboldi und liefert in kurzer Zeit eine Reihe von Romanen ab.

Der Sohn seiner Schwester war in die USA ausgewandert, war öfter mit dem Gesetz in Konflikt geraten, deshalb nach Mexiko ausgewandert, hatte einen florierenden Computerladen und war dann verhaftet worden, weil man ihm vorwarf, für die Frauenmorde in Santa Teresa verantwortlich zu sein. Seine Mutter versucht, ihm zu helfen, und zum Schluss bricht Arcimboldi nach Mexiko auf – das ist dann die Vorgeschichte zu Buch 1, hier schließt sich der Kreis.

Viele Leser sehen in den Ereignissen in Santa Teresa, Mexiko, nahe der Grenze zu den USA, und dann speziell in den sämtlich unaufgeklärten Frauenmorden den Kern des Romans – schließlich werden im Lauf der Jahre dort 400 Frauen ermordet. Aber nach der Ermordung Tausender, vielleicht Zig-Tausender Demonstranten im Iran (Januar 2026) und einen Tag nach dem Auschwitz-Gedenktag (6.000.000 systematisch ermordete Juden) fragt man sich abgebrüht: Was sind schon 400 tote Frauen? Diese Passage, Buch 4, habe ich großenteils übersprungen: eine Frau nach der anderen ermordet, anal und vaginal vergewaltigt, ihre Lebenssituation, kurze erfolglose Ermittlungen, und dann der nächste Mord, eine eintönige Geschichte.

Wenn man perplexity fragt: Worum geht es in dem Roman, bekommt man folgende Antwort:

Worum geht es in dem Roman 2666 von Roberto Bolano?

 

„2666“ ist ein monumentaler, fünfteiliger Roman, der lose durch eine nordmexikanische Grenzstadt namens Santa Teresa, eine Serie von Frauenmorden und die Figur des geheimnisvollen deutschen Schriftstellers Benno von Archimboldi zusammengehalten wird. Er verbindet Liebesgeschichten, Kriminalfall, Kriegsroman und Schriftstellerbiografie zu einem sehr düsteren Panorama von Gewalt, Moderne und „Weltliteratur“.

Aufbau und Handlung in groben Zügen

Der Roman besteht aus fünf Teilen, die je eigene Handlungsstränge haben, aber auf Santa Teresa und Archimboldi zulaufen.

  • Teil 1 („Der Teil der Kritiker“): Vier Literaturwissenschaftler aus Europa sind besessen von dem schwer fassbaren deutschen Autor Archimboldi und reisen schließlich nach Santa Teresa, wo er gesehen worden sein soll; ihre Suche verläuft im Nichts, und nebenbei zerbricht ihr Liebes  und Freundschaftsgeflecht.
  • Teil 2 („Der Teil von Amalfitano“): Der chilenische Professor Amalfitano lebt mit seiner Tochter Rosa in Santa Teresa und wird zunehmend paranoid, weil er die Stadt wegen der Gewalt gegen Frauen als tödliche Bedrohung für sie empfindet.
  • Teil 3 („Der Teil von Fate“): Der afroamerikanische Journalist Oscar Fate kommt für einen Boxkampf in die Stadt, gerät in die Partyszene, lernt Rosa kennen und versucht schließlich, sie vor der Gefahr in Santa Teresa in Sicherheit zu bringen.
  • Teil 4 („Der Teil der Verbrechen“): Über Hunderte von Seiten werden die Morde an Frauen in und um Santa Teresa protokolliert – oft Arbeiterinnen der Maquiladoras –, dazu Polizeiarbeit, Korruption und der Fall des Deutschen Klaus Haas, der als Verdächtiger im Gefängnis sitzt, während die Morde weitergehen.
  • Teil 5 („Der Teil von Archimboldi“): In einer großen Rückblende wird das Leben von Hans Reiter alias Benno von Archimboldi erzählt, einem deutschen Soldaten des Zweiten Weltkriegs, der zum Schriftsteller wird und dessen Biografie schließlich eine Verbindung zu Santa Teresa und den Verbrechen erhält.

Zentrale Themen

„2666“ kreist vor allem um strukturelle Gewalt, insbesondere gegen Frauen, und darum, wie Gesellschaften das Böse normalisieren oder ignorieren. Die nicht aufgeklärte Mordserie in Santa Teresa ist an die realen Frauenmorde von Ciudad Juárez angelehnt und bildet den apokalyptischen Kern des Buches.

Daneben reflektiert der Roman die Rolle der Literatur: Kritiker, Schriftsteller und Leser versuchen Sinn zu erzeugen, stoßen aber auf Leere, Zufall und Chaos. Form und Umfang des Werks selbst wirken wie ein Weltmodell – ein Netz aus Episoden, Spuren und Andeutungen, in dem es keinen klaren „Haupthelden“ und keine eindeutige Auflösung gibt.

In der Wikipedia und bei getabstract (die beiden ersten Links) findet man ähnliche, jedoch ausführlichere Übersichten. – Um Leere, Zufall und Chaos aufzuzeigen, hat Kafka keine 1000 Seiten gebraucht.

Eine Reihe von mexikanischen Wörtern musste ich nachschlagen (sagte man früher), weil die Erläuterungen am Ende zu knapp sind; „Epitufe“ habe ich nirgendwo finden können. Gelegentlich stößt man auf grammatische Schnitzer („zum Arena“, „in einem der Zellen im Keller“, „mit Hilfe einer rechtlichen Schliche“), die Vielzahl der Namen verwirrt einen.

Was sind wir inmitten der Unergründlichkeit des Alls? Welche Erinnerung wird an uns bleiben?“ (S. 874)

https://de.wikipedia.org/wiki/2666_(Roman)

https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/2666/34737

https://lernlitlmu.hypotheses.org/5462 (eigenwillige Deutung)

https://www.reddit.com/r/books/comments/1hh0kaa/thoughts_on_2666/?tl=de (Leserkommentare)

https://www.perlentaucher.de/buch/roberto-bolano/2666.html (Referat der Rezensionen in den großen dt. Zeitungen)

W. G. Sebald: Austerlitz (2001) – kritisch gelesen

Dieser Roman ist mir als einer der ganz großen Romane empfohlen worden, und wenn man in die Kritiken und Besprechungen schaut, findet man diesen Ton öfter – aber man findet auch deutliche Kritik sowohl an der Sprache wie an der Art, wie Sebald sich mit Werken anderer Autoren auseinandersetzt.

Den Inhalt kann man in den ersten drei Links leicht nachlesen: Ein Ich-Erzähler trifft auf einen Herrn Austerlitz, mit dem ihn das Interesse an Architektur verbindet und der ihm im Verlauf vieler Jahre bei gelegentlichen Treffen seine Lebensgeschichte erzählt. Im Alter von 4 Jahren ist er 1939 mit einem Kindertransport nach England vor den Nazis in Sicherheit gebracht worden, bei einem schrecklichen Pfarrer aufgewachsen, spät über seine Identität aufgeklärt worden, traumatisiert und in Beziehungen zu anderen gestört – so versucht er, das Schicksal seiner Eltern zu erforschen, wobei er für die Mutter auf das Lager Theresienstadt stößt, während die Spur des Vaters sich in Paris verliert.

Ich kann die Begeisterung über den Roman nicht teilen. Einmal finde ich seine Sprache teilweise manieriert, so wenn er häufig im Nebensatz das Verb nach vorn zieht („daß wir warten mußten in einem grün gestrichenen Raum“) und wenn er konsequent im Perfekt „haben“ durch „sein“ ersetzt („bin über den Zeitungen gesessen“, „bin gestanden“ etc.). Zum anderen erzeugt Sebald einen Schein von Tiefsinn; so berichtet Austerlitz von einem Besuch in Theresienstadt, wo er in einem Laden hundert verschiedene Dinge sieht, von denen er Antwort „auf die vielen, nicht auszudenkenden Fragen, die mich bewegten“, erwartet: „Was bedeutet das Festtagstischtuch mit weißer Spitze, das über der Rückenlehne der Ottomane hing, der Wohnzimmersessel mit seinem verblaßten Brokatbezug? Welches Geheimnis bargen die drei verschieden großen Messingmörser (…)?“ Ganz einfach, das Tischtuch bedeutet gar nichts, und die Messingmörser bergen auch kein Geheimnis – nur das Raunen des Erzählers erzeugt die Atmosphäre eines Geheimnisses.

Die fragwürdige Mystik wird am stärksten in dem sichtbar, was Protagonist Austerlitz über die Zeit sagt. In seinem ersten Vortrag über die Zeit (S. 145-148 in der Ausgabe der SZ-Bibliothek, 2008) macht er deutlich, dass seine Einschätzung der Zeit als etwas Künstliches und Schwankendes dem Wunsch entspringt, das Geschehene (die Ermordung der Eltern etc.) ungeschehen zu machen; auf eine Kritik einzelner Aussagen hier verzichte ich. Erwähnt sei die seltsame Erfahrung, dass ein Zimmer über Jahrzehnte abgesperrt und unverändert geblieben ist (S. 156 f.). Rätselhaft ist die Äußerung Austerlitz‘, es gebe für ihn Augenblicke „ohne Anfang und Ende“, sein Leben sei manchmal für ihn „wie ein blinder Punkt ohne jede Dauer“ (S. 169); speziell unter der letzten Aussage kann ich mir nichts vorstellen. Erschöpft von der Denk- und Erinnerungsarbeit fühle er, „wie die Zeit sich zurückbiegt in mir“ (S. 172); das verstehe ich nicht. Eine Anwandlung hat Austerlitz in einem Bahnhof erlebt, wo die Erinnerungen sich ineinander verschachtelten und der Wartesaal „alle Stunden meiner Vergangenheit“ enthalten habe (S. 196) – wiederum rätselhaft. Im Anschluss an den Bericht von einem Traum von seinen Eltern: „Es scheint mir nicht, sagte Austerlitz, daß wir die Gesetze verstehen, unter denen sich die Wiederkunft der Vergangenheit vollzieht“; es komme ihm vor, „daß wir, die wir uns am Leben befinden, in den Augen der Toten irreale und nur manchmal, unter bestimmten Lichtverhältnissen und atmosphärischen Bedingungen sichtbar werdende Wesen sind“ (S. 265). Dazu sage ich: Es gibt keine Gesetze für die Wiederkunft der Vergangenheit, und über die Augen oder Sicht der Toten zu spekulieren ist blanker Unsinn – Mystizismus. [Sprachlich: Wir sind am Leben oder befinden uns im Leben.] Man könnte auch noch Stellen auf S. 314 und 363 erwähnen, aber das Bisherige reicht: Aus dem verständlichen, jedoch utopischen Wunsch, das Geschehene ungeschehen zu machen, verfällt Austerlitz auf eine krude Zeitmetaphysik, die nur scheinbar tiefsinnig ist. So bewältigt man den Holocaust nicht, Herr Sebald.

Eine weitere Frage wäre, ob die massiven Zusammenbrüche des Herrn Austerlitz seinem Lebensweg angemessen sind oder ob sie das erzählte Geschehen erzähltechnisch dramatisieren sollen. Dazu hatte ich mir aber keine Aufzeichnungen gemacht. Wie bemüht die Sicht von Austerlitz/Sebald ist, zeigt die Benennung „Mordstadt Bacharach“: Im späten 13. Jahrhundert kam es im Rheinland nach dem vermeintlichen Ritualmord an Werner von Bacharach zu einer großen Judenverfolgung. Vielleicht sollte man heute eher von anderen Mordstädten sprechen?

https://de.wikipedia.org/wiki/Austerlitz_(Roman)

https://www.deutschlandfunk.de/austerlitz-102.html (mit großen Zitaten)

https://literaturkritik.de/id/3909 (ausführlich, begeistert)

https://www.belletristik-couch.de/titel/3626-austerlitz/

https://www.dw.com/de/w-g-sebald-austerlitz/a-44899438

https://lehrerfortbildung-bw.de/u_sprachlit/deutsch/gym/bp2016/fb13/2_alle/sebald_austerlitz_2001/

https://www.dieterwunderlich.de/Sebald_Austerlitz.htm

https://www.perlentaucher.de/buch/w-g-sebald/austerlitz.html (Übersicht über die großen Rezensionen)

https://de.wikipedia.org/wiki/W._G._Sebald

https://taz.de/Diskussion-ueber-den-Autor-W-G-Sebald/!5618861/ (über Sebald)

https://taz.de/Debatte-um-Schriftsteller-W-G-Sebald/!5820753/ (über Sebald)

Uri J. Katz: Aus dem Nichts kommt die Flut (2015/24) – gelesen

Dieser Roman ist ein Labyrinth, und am Ende weiß man nicht, ob man den Ausgang gefunden hat. Der Ich-Erzähler tritt unter den Namen des Autors auf und berichtet von der Suche nach einer Novelle, die dem Tschechen Pawel Klemczek zugeschrieben wird und von der nur ein Teil bekannt ist. Klemczek gilt als ein Mann, der Kafka beeinflusst hat. Im Lauf des Erzählung stellt sich dann heraus, dass dieser Klemczek ein Angestellter war, der nie etwas geschrieben hat – sein Name diente einer Gruppe tschechischer Schriftsteller dazu, gemeinsam eine Novelle „Der Mann, dem das Gesicht im Grimm erstarrte“ zu schreiben; für den besten Beitrag sollte es ein Preisgeld geben. Das alles spielt vor und nach Kafkas Tod. Einzelne Beiträge stehen dann als Solitäre im Roman.

Einer der Schriftsteller, die sich an dieses Unternehmen gemacht hatten, war Uri Jitzchak Katz, der 1948 in den Kämpfen der Juden in Palästina gefallen ist. Sein Enkel gleichen Namens ist der Ich-Erzähler, der verschiedene Leute befragt und auch Material der Armee aus dem Jahr 1948 findet und benutzt – das Jahr, in dem sein Großvater den Schluss der Geschichte schreiben sollte. Das ist eine zweite Ebene: wie Manuskripte in den kriegerischen Auseinandersetzungen transportiert und von einer Sekretärin Zippora getippt werden sollten. Ein Teil der Figuren taucht dann in der zeitlichen Gegenwart des Erzählers wieder auf.

Ein weiterer Erzählstrang ist eine SF-Geschichte, in der neue Menschen direkt ohne Sprache miteinander kommunizieren können; ihr Chef ist der oberste Prophet Max. Sie beherrschen die alte Gattung sapiens, deren Mitglieder in Kolonien als „Krüppel“ leben; bei der Begegnung der beiden Gattungen kommt es zu verwirrenden Ereignissen, auch zu einer großen Liebesgeschichte. – Aber damit sind noch nicht alle Erzählstränge erfasst; man müsste den Roman mindestens zweimal lesen und sich dabei Aufzeichnung machen und Namenregister anlegen, um wirklich einen Überblick zu gewinnen.

Eine Eigenheit der labyrinthischen Erzählung besteht darin, dass manche Namen neben Uri Katz doppelt auftauchen, so etwa Julia, so dass man nachher vor lauter Julia nicht mehr durchblickt, welche Julia was ist. Nur Leila, in die viele verliebt sind, ist einmalig – und sie verschwindet.

Ich habe den Roman mit großer Begeisterung gelesen und werde ihn mir garantiert ein zweites Mal zu Gemüte führen.

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https://www.perlentaucher.de/buch/uri-jitzchak-katz/aus-dem-nichts-kommt-die-flut.html (Zusammenfassung zweier Besprechungen) brave

https://whatchareadin.de/community/threads/rezension-3-5-zu-aus-dem-nichts-kommt-die-flut-von-uri-jitzchak-katz.38436/ brave

https://www.sueddeutsche.de/kultur/uri-jitzschak-katz-aus-dem-nichts-die-flut-roman-israel-1.7252866?reduced=true

Deena Mohamed: Shubeik Lubeik (2022/2025) – gelesen

Es war eine Empfehlung in der SZ, es ist ein Weihnachtsgeschenk für mich: ein schönes Buch, Deena Mohameds „Shubeik Lubeik“: eine graphic novel, die man von hinten nach vorn liest und von rechts nach links, weil sie aus dem Ägyptischen (von Laila und Resel Rebiersch) übersetzt ist. Es geht um das Wünschen und seine Problematik.

Wünschen ist, so lernt man in dem Buch, strenggläubigen Moslems nicht erlaubt, weil es Gottes Güte in Frage stellt. Und wenn man sich nicht an die Vokabel „wünschen“ klammert, kann man auch an die vergessenen Gebote resp. Verbote am Ende des Dekalogs erinnern: „Du sollst nicht nach dem Haus deines Nächsten verlangen. Du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen, nach seinem Sklaven oder seiner Sklavin, seinem Rind oder seinem Esel oder nach irgendetwas, das deinem Nächsten gehört.“ (Ex 20,17) Es geht um das Begehren, dem im Kapitalismus propagierten Antrieb der Menschen im Umgang mit der Welt. Es gibt offenbar erst-, zweit- und drittklassige Wünsche; der Handel mit drittklassigen Wünschen ist in Ägypten und vielen Ländern verboten, weil aus ihnen viel Unheil entsteht. So verliert einer Arm und Bein, weil er sich gewünscht hat, zehn Kilo leichter zu sein, oder man bekommt ein Spielzeugauto, wenn man sich einen Mercedes gewünscht hat.

Das erzählte Geschehen kreist um einen Kioskbesitzer, dem von einem Italiener drei erstklassige Wünsche geschenkt worden sind, mit einem Zertifikat ihrer Echtheit. Als Moslem glaubt er sie nicht nutzen und auch nicht verkaufen zu dürfen. So liegen sie fein säuberlich in einer Kiste – und werden dann doch verkauft, zumindest der erste und der zweite. Für den ersten hat eine Frau jahrelang geschuftet; als sie ihn endlich hat, fällt sie einem Polizisten und dann der ägyptischen Justiz in die Hände: Eine arme Frau könne sich solche Wünsche nicht leisten, das Zertifikat nützt nichts, sie wird enteignet und kommt ins Gefängnis. Der zweite Wunsch geht an einen Studenten, der an einer Depression leidet und der mit seinem Wunsch nicht nur keinen Erfolg hat, sondern auch trotz Psychotherapie vereinsamt, bis er einem anderen hilft und so aus seiner Krise findet. Mit dem dritten Wunsch will der Besitzer nach langen Überlegungen und mit großen Skrupeln einer krebskranken alten Frau helfen, die sich aber absolut weigert, den Wunsch anzunehmen – warum sie das tut und wie sie nach Erfüllung eines erstklassigen Wunsches gelebt hat, ist dann eine Geschichte für sich. Schließlich verwendet der Besitzer seinen dritten Wunsch für einen abgehalfterten alten Esel, der sprechen kann und den er in einen Menschen verwandelt, einen jungen Mann von 20 Jahren.

Man liest viel von den zahlreichen Vorschriften über den bürokratischen Umgang mit Wünschen und von der Entwicklung der entsprechenden Gesetze in Ägypten. Auch die verhaftete Frau und der einst deprimierte Student tauchen wieder auf – ein rundum gelungenes Buch, das einen prächtig unterhält und über die simpelste Sache der Welt nachdenken lässt: über das Wünschen, seinen Sinn und Unsinn. https://www.radiodrei.de/themen/literatur/rezensionen/comic/2025/deena-mohamed-shubeik-lubeik.html

https://www.fluter.de/shubeik-lubeik-comic-deena-mohamed

https://www.jungewelt.de/artikel/512048.comic-w%C3%BCnschen-will-gelernt-sein.html

https://lithub.com/shubeik-lubeik/

https://www.tarvolon.com/2024/09/15/fantasy-graphic-novel-review-shubeik-lubeik-by-deena-mohamed/

Alex Schulman: Verbrenn all meine Briefe (2018/22) – gelesen

Alex Schulman hat ein bewegendes Buch geschrieben: Ein Ich-Erzähler, hinter dem sich der Autor verbirgt – auch wenn es sich um einen Roman handelt – berichtet, dass er sich wegen seiner Härte und Lieblosigkeit gegenüber seinen Kindern und seiner Frau in eine Psychotherapie begeben hat (Prolog und Epilog). Den Roman könnte man als das Ergebnis der Gespräche in der Therapie ansehen.

Das Romangeschehen spielt auf drei Zeitebenen: die Gegenwart, in der der Ich-Erzähler seine Nachforschungen anstellt; 1988: Erinnerungen des Erzählers als Kind an Begegnungen mit seinen Großeltern Karin und Sven Stolpe; 1932: die Begegnung Olof Lagercrantz‘ mit dem Ehepaar Stolpe in einem Institut, das Literaten fördert, und die heimliche und verbotene Liebe zwischen Olof und Karin sowie deren abrupter Schluss (ohne dass sie je geendet hätte). Der Erzähler kann sich neben seinen Erinnerungen auf die Briefe Karins und Olofs stützen, die er in Svens Nachlass findet, und auf Olofs Tagebuch.

Sein Großvater Sven ist die Quelle eines unendlichen Hasses in seiner Familie, zu der der Erzähler über seine Mutter gehört; er zerstört rücksichtslos alles und alle, die sich ihm in den Weg stellen, zuvörderst seine Frau. Seine Wut stammt daher, dass sein Vater seine Mutter verlassen hat, als er zehn Jahre alt war; diesen Verrat rechnet er der neuen Frau zu, die den Vater verführt habe, wie man erst im Epilog erfährt. Der Verrat der untreuen Frau, die bestraft werden muss, ist das einzige Thema, um das alle seine zahlreichen Romane kreisen – und diese Strafe vollzieht er selber an seiner eigenen Frau. Die Liebesgeschichte zwischen Karin und Sven wird diskret und zart erzählt und berührt einen; der Bösewicht ist Sven Stolpe, der die Erfüllung dieser Liebe brutal verhindert, bis hin zu einem Selbstmordversuch, als er mit seiner Frau im Auto eine Böschung hinabfährt, was er später als Unfall ausgibt.

Am Ende scheint der Ich-Erzähler die Kurve gekriegt zu haben; er geht liebevoll auf seine Frau zu.

https://www.buecherrezensionen.org/buecher/rezension/alex-schulman-verbrenn-all-meine-briefe.htm (große Besprechung)

https://en.wikipedia.org/wiki/Sven_Stolpe

https://skbl.se/en/article/KarinStolpe

https://en.wikipedia.org/wiki/Olof_Lagercrantz

Wei Zhang: Eine Mango für Mao (2018) – gelesen

Durch die ausführliche Besprechung in der „Literaturkritik“ (s. 1. Link) wird der Roman hinreichend vorgestellt. Vielleicht sollte man noch ergänzen, dass in der Familie der kleinen Heldin noch der alte Glaube an die Seelenwanderung fest verwurzelt ist und dass die Erwachsenen mit tradierten Sprichwörtern auf die Härten des Lebens reagieren.

Wei Zhangs Roman ist 2018 veröffentlicht worden, Lea Ypis Roman drei Jahre später – nach dem gleichen Strickmuster geschrieben: Ein Kind erlebt unwissend und begeistert das Leben in einer Diktatur (hier allerdings in Albanien), unter der die ganze Familie leidet, ohne dass das Kind dies wüsste, und welche in der Familie abgelehnt wird. Ich fand Ypis Erzählung eindrucksvoller, vielleicht aber nur deshalb, weil ich sie als erste gelesen habe.

https://literaturkritik.de/zhang-eine-mango-fuer-mao-haustierhaltung-faellt-unter-hochverrat,24446.html (Besprechung, ausführlich)

https://www.viceversaliteratur.ch/book/23896 (kurz)

https://www.ted.com/talks/vivian_jiang_mao_zedong_s_infamous_mango_cult?language=de (der Mango-Kult)

https://norberto42.wordpress.com/2025/04/11/lea-ypi-frei-erwachsenwerden-am-ende-der-geschichte-2021-22-gelesen/ (Lea Ypis Roman)

Polnische Prosa des 20. Jahrhunderts (1969) – gelesen

1969 hat Karl Dedecius dieses Lesebuch „Polnische Prosa des 20. Jahrhunderts“ herausgegeben, in dem 51 Autoren, darunter 4 Frauen zu Wort kommen. Jahrzehnte hat mein Exemplar, das ich in der Buchhandlung Mathes in Eschweiler gekauft habe, im Bücherregal gestanden. Ich habe mich dieser Tage entschlossen, es endlich zu lesen, nachdem mich die Humoresken und Satiren des jungen Cechov gelangweilt haben. Und ich habe es nicht bereut. Doch zuvor will ich noch ausdrücklich auf Karl Dedecius verweisen, der sich um die Vermittlung polnischer Literatur in Deutschland sehr verdient gemacht hat.

Von den 51 Erzählungen erscheinen mir acht eher als schwach oder kaum verständlich; eine ganze Reihe sind gut oder sehr gut, Lem und Mrozek sind natürlich über jedes Lob erhaben, Lem mit dem 1. Kapitel aus „Kyberiade“, Mrozek mit der Erzählung „Schach“, in dem einige bezahlte „Figuren“ in einem Schachspiel mit lebenden Figuren sich gegen den Willen der alten trotteligen Spieler selbständig machen. Auch Kolakowskis Reflexionen über den König Herodes (aus „Der Himmelsschlüssel“) sind großartig; leider kannte ich sie schon, genau so wie die „Kyberiade“. Von den eindrucksvollen Erzählungen erwähne ich nur „Korporal Koziolek und ich“ von Tasdeusz Konwicki: Der Ich-Erzähler, ein Akademiker, ist der Außenseiter in einer kleinen militärischen Einheit, in der es recht kameradschaftlich zugeht; als man zwei Deutsche gefangen nimmt, bestimmt das Los ihn, einen davon zu erschießen, was er dann mit großen Skrupeln auch tut. Auch Jan Jozef Ssczpanskis Erzählung von einem ehemaligen KZ-Häftling, der ganz systematisch im Nachkriegspolen Karriere macht und einen alten Leidensgenossen links liegen lässt, hat mich beeindruckt. Viele Erzählungen stammen aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg; die Zerstörung Warschaus durch die Deutschen wird öfter thematisiert.

Den Texten folgen ausführliche Angaben zu den Autoren – das, was man heute in der Wikipedia findet. Solche Bücher wie diese Anthologie Dedecius‘ tragen dazu bei, dass die von PIS geschürte Feindschaft zwischen Polen und Deutschen nicht zunimmt, sondern einem Verständnis Platz macht.

https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Dedecius

Chr. Ransmayer: Cox oder Der Lauf der Zeit (2016) – gelesen

Ein knappes Jahr dauert das erzählte Geschehen, von der Ankunft einer Gruppe brillianter englischer Uhrmacher im Herbst in China bis zu ihrer Abreise im nächsten Sommer. Sie sind auf Einladung des chinesischen Kaisers gekommen, haben auch Uhren mitgebracht, wissen aber nicht genau, was sie tun sollen. Sie werden im Lauf der Zeit drei Uhren bauen: eine, die das Zeiterleben eines Kindes spiegelt, eine für das Zeiterleben eines Todgeweihten und eine, die quasi ewig laufen soll.

In diese Uhrmachergeschichte ist einmal die Besichtigung der fernen chinesischen Welt und ihres noch ferneren gottgleichen Kaisers und seiner Umgebung eingebunden; daneben oder zugleich wird das Erleben des Protagonisten Cox, des größten Uhrmachers seiner Zeit, geschildert, der von der kühlen Distanz seiner jungen Frau Faye, dem frühen Tod seiner Tochter Abigail und der Beinahe-Begegnung mit der zaubrhaften Mädchenfrau Än, der Lieblingskonkubine des Kaisers, in seinen Gefühlen beherrscht wird.

Der gottgleiche Kaiser, der nur hinter einem Vorhang eher oberflächlich über die Zeit philosophiert, löst damit in Cox ein Gefühl des Triumphes aus: „Er wußte, was [Kaiser] Qiánlóng dachte, wußte, was Qiánlóng sagen würde, wußte!, was der Kaiser von China von ihm wollte, noch bevor der es aussprechen und Kiang seinen Wunsch übersetzen konnte.“ Woher dieses gottgleiche Wissen stammt, wird nicht erklärt: Cox entschließt sich, eine Uhr zu bauen, an der man das Zeiterleben eines Kindes ablesen kann, dem die Zeit manchmal dahinschleicht und manchmal bei Angst vor drohender Strafe rast. Diese Uhr wird von den Engländern „Winduhr“ genannt, weil sie nur bei Luftzug läuft und sonst steht.

Hier ist ein erster kritischer Einwand geboten: Was der Kaiser vom Zeiterleben des Kindes sagt, ist so allgemein, dass es für jedes Zeiterleben gilt; wie ein bestimmtes Kind die Zeit im Augenblick erlebt, kann die Uhr nicht zeigen. Das weiß übrigens Ramsmayer und mit ihm Cox: Cox sagt, eine Uhr könne „nur den Inhalt unseres eigenen Kopfes, bestenfalls noch die Wünsche ihres Besitzers oder Auftraggebers sichtbar machen“. Damit ist das Projekt Winduhr theoretisch erledigt; der Kaiser beruft die Uhrmacher kurz vor dessen Vollendung ab und ordnet das neue Projekt Uhr der Todgeweihten an.

Auch wenn zu diesem Zweck der Erzähler detailliert die bevorstehende Hinrichtung zweier Ärzte schildert und der Kaiser einen Besuch der Engländer bei ihnen für die lebendige Anschauung Todgeweihter anordnet, macht das die Konstruktion der Uhr nicht besser; auch lässt Ramsmayer bzw. der Kaiser sie auf ihren Wunsch eine Reise zur Chinesischen Mauer im Winter unternehmen – die Mauer wird dann das Modell der neuen Uhr werden.

Den dritten Auftrag erteilt der Kaiser ganz jovial, als er sich mit den Engländern – unerhört! – privat im Regen am Fluss trifft: „ein Uhrwerk, das die Sekunden, die Augenblicke, die Jahrhunderttausende und weiter, die Äonen der Ewigkeit messen konnte und dessen Zahnräder sich noch drehen würden, wenn seine Erbauer und alle ihre Nachkommen und deren Nachkommen längst wieder vom Angesicht der Erde verschwunden waren“. Aber erstens ist diese Vorstellung reichlich verworren, und zweitens wissen die Engländer, dass ein perpetuum mobile bzw. vollkommen geschlossene Systeme in dieser Welt nicht existieren können. Gleichwohl bauen sie eine Uhr, die dem Ideal nahekommen und mindestens ein paar hundert Jahre laufen soll. Ihr chinesischer Dolmetscher warnt sie, es dürfe keine Uhr geben, die länger als der Kaiser – Herr über die Zeit! – laufen könne; sie gefährdeten damit ihr Leben; Cox begreift das, verzögert den Bau und lässt die letzten Handgriffe den fernen Kaiser tun, dem er genau beschreibt, was dieser zu tun habe. Dann fahren die Engländer, um einen Toten weniger, reich beschenkt im Sommer ab; der Kaiser aber verbrennt Cox‘ Anweisungen und lässt die Uhr unvollendet.

Das erinnert mich an das Märchen vom weisen Kaiser Suleiman, der darauf verzichtet, das Wasser des Lebens zu trinken und ewig zu leben – die Weisheit trieft durch die Buchstaben des Romans auf den Schreibtisch. Gleichwohl ist es eine reichlich platte Weisheit: Die Engländer wissen, dass es die gefährliche Uhr überhaupt nicht geben kann, aber Cox tut in seiner Angst so, als könnte sie doch funktionieren: einer der logischen Seiltricks des Erzählers bzw. des Autors.

Was bietet der Roman? Eine gefällige Erzählung vom alten China, eine banale Zeitphilosophie und zwischendurch einige abenteuerliche Episoden sowie einen Protagonisten, der an den Resten seiner Familie leidet. Halt, noch eines: Als ihn Än bei einer Visite berührt, ist er dem Himmel nah, der Zeit enthoben. Das ist doch auch etwas, oder?

https://www.dieterwunderlich.de/Ransmayr-Cox-lauf-der-zeit.htm

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https://journals.univie.ac.at/index.php/mp/article/view/mi1027

https://www.perlentaucher.de/buch/christoph-ransmayr/cox.html (wenig vorsichtige und eine klare Kritik)

H. M. Ledig-Rowohlt (Hrsg.): Große Erzähler des 20. Jahrhunderts (1983) – gelesen

Die 25 Texte in „Große Erzähler des 20. Jahrhunderts“ leiden vorab unter zwei Einschränkungen: Sie stammen ausschließlich aus Büchern des Rowohltverlags und sie sind (bis auf einen und das Vorwort) alle vor 1968 erschienen. Das Vorwort des Herausgebers über Thomas Wolfe in Berlin ist lebendig erzählt; die erzähltechnisch raffinierteste Geschichte ist „Frühling in Fialta“ von Vladimir Nabokov, die ich im vorigen Blogbeitrag analysiert habe. Sie gehört in die Kategorie „Mitten aus dem Leben“.

In die gleiche Kategorie gehören Nicolas Borns „Dunkelheit mit Lichtern“ (nächtliche Tour eines Mannes durch Pinten und Bars), D. H. Lawrence‘ „Die blauen Mokassins“ (Ehekrise wegen eines Paar Mokassins) und Italo Svevos „Feuriger Wein“(ein Kranker trinkt bei einem Fest zu viel). Gute Unterhaltung bieten Ulrich Becher, John Collier, Roald Dahl (der Leser merkt, dass ein junger Mann bald vergiftet wird, der selber völlig ahnungslos ist), Sinclair Lewis, Jean Paul Sartre (vor einer Hinrichtung verrät ein Opfer völlig zufällig seinen Onkel) und Isaac Singer.

Ausgesprochen politisch sind die Erzählungen von Camus (erfolgloser Streik), Hochhuth (Widerstand im Dritten Reich), Kusenberg (Dystopie einer totalen Kontrolle) und Rühmkorf (ein Märchen). Durch unsinnige und überzogene Bildersprache fallen Malcolm Lowry und Henry Miller auf. Nicht gelesen haben ich die Erzählungen von Borchert, Hochhuth und Musil, die ich bereits kannte, wobei Hochhuth und Musil Beachtung verdienen, während Borchert kaum mäßige Unterhaltung bietet. Thurbers „Walter Mittys Geheimleben“ präsentiert die Phantasien eigener Größe eines Mannes – solche Phantasien hat man eher als Kind oder Jugendlicher, von Thurber gibt es bei den Fabeln deutlich Besseres.

Bei manchen Erzählungen fragt man sich: Wozu soll ich das lesen? Der Herausgeber wusste es: damit Rowohlt an alten Texten noch einmal etwas verdient.

V. Nabokov: Frühling in Fialta (1936) – Analyse

Ein Ich-Erzähler, der einmal als Victor angesprochen wird, erzählt von seinen Begegnungen mit der gleichaltrigen Russin Nina. Er beginnt mit der letzten Begegnung in Fialta, das müsste im Frühjahr 1933 gewesen sein; denn Nina ist da 32 Jahre alt, und beide sind im Jahr 1900 geboren worden. In diese Erzählung werden Erinnerungen an frühere Begegnungen und eine überaus negative Charakterisierung von Ninas Mann Ferdinand, einem drittklassigen arroganten Schriftsteller, eingeschoben.

Des Erzählers Verhältnis zu Nina ist von Anfang an ambivalent: Nina ist eine erotisch attraktive und freizügige Frau, aber oberflächlich: „Immer war sie gerade eingetroffen oder im Aufbruch. Ihre kurzlebigen Kümmernisse zwischen zwei Zügen.“ (S. 252)

Dass das letzte Treffen in Fialta stattfindet (Fialta klingt italienisch, aber der benachbarte Mt. Sankt Georg klingt eher französisch), bildet die Grundierung des Verhältnisses der beiden: Der Frühling in Fialta ist wolkig, trüb, feucht, macht aber den Wanderer für alle Reize empfänglich (S. 245 f.). Im Kontrast dazu steht die Familie des Erzählers, „sie bildete eine Insel des Glücks, die im klaren Norden meines Wesens immerfort gegenwärtig war, die mich ständig begleitete, ja die, möchte ich sagen, durch mich hindurchtrieb, sich aber dennoch meist an der Außenseite meiner selbst hielt“ (S. 246).

So geistert Nina nicht nur in mehreren zufälligen Begegnungen durch das Leben des Erzählers, beginnend mit einem leidenschaftlichen Kuss während einer nächtlichen Wanderung 1917, nach dem Nina ihn aber weiter nicht beachtete (S. 248 ff.). Einmal haben die beiden, wie der Erzähler nur andeutet, miteinander geschlafen: Als ihr Mann beim Fechten war, führt Nina „(ihr erotisches Verständnis hatte nicht seinesgleichen“ – S. 255) den Erzähler auf ihr Zimmer, die Tür wird verriegelt, die Dahlien lassen „mit einer Art wollüstigem Seufzer“ den Vorhang los – „eine Weile später trat ich auf den winzigen Gußeisenbalkon jenseits des Vorhangs hinaus“ (S. 255); und beim Mittagessen hatte Nina anscheinend „vergessen, was am Morgen geschehen war“ (S. 258). Wenn Nina spricht oder ruft, dann „mit einer stöhnenden Zärtlichkeit, die sich auf nichts festlegte“ (S. 259).

Der Erzähler berichtet von weiteren zufälligen Begegnungen, auch von seiner Sehnsucht nach einer Nacht mit Nina (S. 262); doch es kam nie zu irgendwelchen Aussprachen (S. 263), es waren letztlich hoffnungslose Begegnungen (S. 264). Und so fragt der Erzähler sich: was sie ihm eigentlich bedeutete (S. 261). Er hatte damals jedenfalls das Gefühl, dass „etwas Wunderschönes, Zartes und Unwiederholbares vergeudet wurde: etwas, das ich mißbrauchte, wenn ich mir in großer Eile armselige Stückchen davon abbrach und dabei den bescheidenen, aber wahren Kern verschmähte“ (S. 263). So sah er sich moralisch genötigt, zwischen der heilen Welt seiner Familie und einem unbeständigen und bitteren Leben mit Nina zu wählen: „Nein, das Ganze war absurd. Und war sie darüber hinaus nicht durch etwas Stärkeres als Liebe an ihren Gatten gekettet – die unerschütterliche Freundschaft zwischen zwei Strafgefangenen? Absurd! Doch was denn hätte ich mit dir anfangen sollen, Nina, wie hätte ich mich dieser aufgespeicherten Traurigkeit entledigen können…“ (S. 264)

Beim letzten Treffen in Fialta fragt er Nina nach einem heißen Kuss: „Schauen Sie – was wäre, wenn ich Sie liebe?“ (S. 269) Aber Nina kann mit dieser Frage nichts anfangen. Nach dem Essen fährt Nina mit ihrem Mann und dessen Freund mit einem Auto weg; bei einem Unfall kurz danach stirbt Nina als einzige, wie der Erzähler am nächsten Tag in der Zeitung liest.

Fazit: die Geschichte einer teils erhofften, aber unerfüllten und unmöglichen Liebe.

Ich musste die Geschichte zweimal lesen, um die Feinheiten mitzukriegen. Sie liegt mir im Band „Große Erzähler des 20. Jahrhunderts“, hrsg. von Heinrich Maria Ledig-Rowohlt, 1983, S. 245-270, vor.

Eine Art Nacherzählung von „Frühling in Fialta“: https://fabulahub.com/de/story/fruehling-fialta/sid-697

Heinar Kipphardt: März (1976) begeistert gelesen

Heute möchte ich den Blick auf ein Buch lenken, das ich vor Jahren mehrmals und mit großer Anteilnahme gelesen habe, einmal auch in einem Kurs der Klasse 12. Es heißt „März“ und stammt von Heinar Kipphardt; inzwischen ist es fast 50 Jahre alt. Es sind i.W. die (überarbeiteten) Aufzeichnungen eines psychisch Kranken („Schizo“), dazu Notizen des Arztes. Wenn man sich auf deren Äußerungen einlässt, erscheint einem das „normale“ Leben nicht mehr einfach als das schlechthin richtige, das Treiben der Kranken nicht als bloß abartig.

Sehr geehrter Her Doktor! Die Person von mir ist allein und sehr allein. Sie hat keine Verwandten und hat niemals solche gehabt. Sie wird nicht mehr ich sagen, sie wird es nie wieder sagen, es ist ihr zu blöde, denn niemand weiß, was das ist. Das Ich, wahrscheinlich, ist die Person von jemand, die ihn am stärksten interessiert. (…) März ist hier in Lohberg abhanden gekommen. Im Charme der Psychiatrie.“

Was ist normal? Ein normaler Mensch tut lebenslang nicht was er will. So stark gehorcht er der Pflicht. Je besser es ihm gelingt, nicht er selber zu sein, desto mehr bekommt er. Mit 65 wird der normale Mensch pensioniert (auf Antrag mit 63). Jetzt hat er Zeit für sich, doch hat er sich leider vergessen.“

Der Wahnsinn bricht aus, heißt es gern, hieß es oft auch bei mir, ein Ausbruch von Wahnsinn, steht, wo es geht, in der Zeitung. Wo, wenn der Wahnsinn bei mir ausbricht, hat er in mir gesteckt? In welchem Teil? (…) Der Wahnsinn lauert auf dem Grunde des Verstandes auf seinen Ausbruch und ist dem Verstande geheuer. Im Wahnsinn steckt Verstand (Methode). Verstand ist geregelter Wahnsinn, Wahnsinn ist entregelter Verstand. Er spricht dann die Hieroglyphensprache, das ist die innere Sprache, die Kamelattasprache der Kunsteisfabrik. (….) Vielleicht wäre es besser, wenn er öfter mal still zum Vorschein käme und hieße eventuell Phantasie. Auch Phantasie allerdings ist etwas sehr Störendes, z.B. in Büro und Fabrik. Man spricht auch von göttlichem Wahnsinn. Allerdings nicht in Lohberg. Hier bin ich von Wahnsinn geschlagen.“

Hat sich ein Fremder in mir festgesetzt? Oder bin ich nur der, ders bemerkt? Ich fühlte, daß ich in die Fußstapfen eines anderen trat, da mußte ich stehen bleiben.“

Ist von mehreren einer vom Kurs abgekommen, können dies leicht auch die anderen sein.“

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A. Wolkowicz: Heinar Kipphardts antipsychiatrischer Roman „März“ (Darstellung und Referat kritischer Stimmen, lesenswert):

Philip Roth: Jedermann (2006) – gelesen

Der namenlose auktoriale Erzähler beginnt mit dem Begräbnis und endet mit dem Tod des Protagonisten während einer Operation. Einiges über sein Leben erfährt man gleich zu Beginn aus den Reden der Trauergäste (ehemalige Kollegen, Bruder, Tochter), aber natürlich nur die guten Seiten seiner Person. Im Lauf des Erzählens kommen dann seine drei gescheiterten Ehen, sein Verhältnis zur Tochter Nancy und zum Bruder Howie zur Sprache. Den größten Teil nehmen seine Klagen über die Leiden des Alters (insgesamt sieben Operationen im Lauf des Lebens), über die Vereinsamung und die Sinnlosigkeit seines Hobbys Malen ein. Durch seine unbändige Lust auf junge Frauen hat er seine zweite Ehe mit seiner klugen Frau Phoebe selber zerstört, die dritte war von Anfang ein Fehlschlag: Ein 24jähriges Model ist halt nichts für einen Mann über 50, trotz großartiger Vögelei. Das Verhältnis zur ersten Frau und zu seinen Söhnen ist zerrüttet. Der Umzug in eine Seniorensiedlung einige Jahre vor dem Tod hat ihm auch nicht geholfen.

Ist das das Leben von Jedermann? Der Erzähler springt in der Chronologie der Ereignisse, was es einem nicht leichter macht, einen Überblick zu gewinnen; ein Grund dafür ist nicht ersichtlich, außer dass es „modern“ ist. Außerdem scheut er nicht vor Kitsch zurück: „Das Alter ist kein Kampf. Es ist ein Massaker.“ (S. 148) Als Mann von 83 Jahren muss ich festhalten, dass das nicht bei Jedermann der Fall ist. Und als er einem Arbeiter beim Ausheben eines Grabes zuschaut, denkt er: „Das Fleisch schmilzt dahin, aber die Knochen bleiben. Die Knochen waren der einzige Trost für einen, der nicht an ein Leben nach dem Tod glaubte und ohne jeden Zweifel wußte, daß Gott eine Erfindung war und dieses Leben das einzige, das er haben würde.“ Nein, dann sind die Knochen auch kein Trost, für mich jedenfalls nicht.

Fazit: ein weithin verfehltes Leben, dessen letzter Halt der tägliche Anruf seiner Tochter ist und dessen Inhaber deshalb auch nicht gelassen seinem Ende entgegensehen kann. Der Roman sagt mir nichts für den Rest meines Lebens. Eher gibt mir Fontanes Gedicht „Es kribbelt und wibbelt weiter“ zu denken; das mag zwar nicht die ganze Wahrheit sein, aber es ist auch nicht völlig falsch.

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