Elias Hirschl: Schleifen (2026) – gelesen

Elias Hirschl hat ein im doppelten Sinn phantastisches Buch geschrieben: Es ist phantastisch gut und sein Inhalt beruht auf übersprudelnder Phantasie. Um den Dreh des „Romans“ zu würdigen, muss man wissen, dass es in der Linguistik als Binsenweisheit gilt, dass ein Wort (Zeichen) sachlich in keiner Beziehung zur bezeichneten Sache steht: arbitraire du signe, die Bezeichnung ist willkürlich. Das bedeutet, dass das Wort „Fieber“ nichts Fiebermäßiges hat; historisch ist das Wort natürlich motiviert:ahd. fiebar (9. Jh.), mhd. fieber, vieber, mit Genuswechsel aus gleichbed. lat. febris f. entlehnt“ (DWDS); aber die Römer hätten das Fieber auch sabris oder palla nennen können, dann hätte man heute in Deutschland vielleicht Saber statt Fieber (bei gleicher Temperatur!).

Eine der Ideen des Autors ist nun, eine Frau ins Rennen zu schicken, die bei der Nennung einer Krankheit diese Krankheit sofort bekommt, das Wort bewirkt die benannte Sache. Und ihre Tochter tut sich später mit einem Mathematiker zusammen, der eine neue Mathematik erfinden will, in der der Gödelsche Satz nicht mehr gilt, worauf die elementaren Maße Meter, Kilogramm, Sekunde neu definiert werden, was zu Ungenauigkeiten und einer unheimlichen Beschleunigung der gezählten Jahre führt, so dass es eine alte und eine neue Zeitrechung gibt.

Die Frau ihrerseits gründet eine Sekte, die eine neue Sprache erschaffen will, die sich ständig von selber weiter entwickelt und wo die Namen wesentlich den Dingen entsprechen, was dazu führt, dass man manche Wörter und damit Dinge einfach auslöschen kann – wovon abgesehen in Tokio auch Menschen verschwinden, wenn sie einem stark befahrenen Kreisverkehr durchqueren wollen. Und dazwischen tauchen Gödel und Wittgenstein auf, teils in Zitaten, teils als Figuren, sowie ein Mönch, der zur Zeit der gregorianischen Kalenderreform als Ketzer verbrannt wurde, dessen Schriften aber womöglich gefälscht sind… Kafka wird verklagt, seinen Roman „Der Prozess“ nicht zu veröffentlichen, weil alle darin vorkommenden Wörter bereits von ihm in früheren Werken, die in einem anderen Verlag erschienen sind, vorkommen. Und geschriebene Texte ändern bei jeder Lektüre ihre Bedeutung… Kurz, Hirschl hat keinen „normalen“ Roman geschrieben, sondern ein linguistisches und mathematisches Feuerwerk gezündet: unbedingt lesenswert, viel besprochen und gewürdigt, wenn das Buch auch sicher nicht als SPIEGEL-Bestseller taugt, dafür ist es zu gut.

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https://dorftv.at/video/48022 (dito in Öesterreich)

https://www.kulturknistern.at/eine-welt-ohne-missverstaendnisse-elias-hirschl-im-interview/ (Interview mit Hirschl)

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https://lust-auf-literatur.com/schleifen-von-elias-hirschl/

https://wienlive.at/gar-nicht-harmlose-sprachspiele-elias-hirschls-roman-schleifen/

https://www.perlentaucher.de/buch/elias-hirschl/schleifen.html (Übersicht)

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und viele, viele andere Besprechungen…

A. Mirgeler: Rückblick auf das abendländische Christentum (1961) – erneut gelesen

Albert Mirgeler, Jahrgang 1901, hat offensichtlich an der katholischen Kirche, wie auch ich (Jahrgang 1942) sie auf dem Dorf im Rheinland noch kennengelernt habe, gelitten. Sie repräsentierte für ihn „das abendländische Christentum“, dessen Entstehung er in sehr groben Zügen auf 142 Seiten beschreibt, wobei er deutlich die Einflüsse und Prozesse bewertet, die zu einer Verengung und Verarmung, ja zur Deformation des (letztlich katholischen) Christentums geführt haben. In der Antike haben die griechische Philosophie und die in Rom entstandene Reichskirche dazu geführt, die jüdischen Ursprünge in ein Allgemeines, für alle Menschen Gültiges zu verwandeln, wobei schließlich Christ sein und Bürger sein identisch wurden. Bei der Germanenmission ergab es sich, dass Wunder die Wahrheit der neuen, oft aufgezwungenen Religion bestätigen mussten. 751 wurde die römische Reichsidee von den Franken adaptiert. Eine wichtige Einsicht ist Mirgelers Hinweis, dass die praktizierte Religion der kleinen Leute mit den dogmatisch-theologischen Feinheiten nichts zu tun hatte.

Die keltischen Mönche brachten, am AT orientiert, das Christentum als eine moralische Angelegenheit unters Volk und führten die klösterliche Bußdisziplin für Laien ein. In der großen Kirchenreform des 11. Jahrhunderts wurde die mönchische Geisteshaltung allgemein prägend.

Der spanische Glaubenskampf gegen die Mauren führte zu einer kämpferischen Haltung nicht nur in den Kreuzzügen, sondern auch in der Auseinandersetzung mit innerkirchlichen Gegnern, die schließlich in Inquisition und Ketzerverfolgung ausartete. Eine bedeutende Erkenntnis war die Unterscheidung von geistlich/weltlich, die 1111 zu einer Einigung zwischen Kaiser Heinrich V. und Papst Paschalis II. führte und das Ende der Reichskirche bedeutet hätte, aber am Widerstand der deutschen Kirchenfürsten scheiterte, die weder Besitz noch Macht verlieren wollten. So kam es zu dem arroganten Anspruch der Päpste auf Weltherrschaft im 13. Jahrhundert, dessen Ausdruck: die Tiara, die dreifache Kaiserkrone, ich selber noch bei Pius XII. gesehen habe. Die Kirche verstand sich immer mehr als Institution, wurde eine Klerikerkirche und bildete die Lehre von den sieben Sakramenten aus und die Theorie ihrer Wirksamkeit ex opere operato. In der bald einsetzenden Eucharstieverehrung (mit „Aussetzung“ der konsekrierten Hostie in der Monstranz), in der der alte Reliquienkult fortlebte, wurde die Frömmigkeit noch mehr versachlicht. Den Protest spiritualistischer Reformer etwa bei den Franziskanern konnte der Papst abwehren. Große Beachtung findet auch die Geschichte des Ablasses, die praktisch zu einem Verzicht auf die persönliche Bußleistung führte.

Die Aufklärung und die industrielle Revolution entlarvten das abendländische Christentum als überholt und eigentlich überflüssig. Wie es danach weitergehen kann mit dem Christsein, kann Mirgeler nur tastend andeuten: Der Christ muss sich selbständig der Welt zuwenden und dabei doch wissen, dass er dabei im Vorläufigen operiert.

Es scheint, dass Alois Dempfs Buch „Kritik der historischen Vernunft“ (1957) Mirgeler stark beeinflusst hat. – Ich habe Mirgelers Buch erstmals im März 1967 gelesen; seine Lektüre wäre nicht nur allen Bischöfen zu empfehlen, sondern müsste Grundlage vieler Gesprächsrunden sein oder auf den synodalen Prozess einwirken – als Einzelner kann man in der Kirche nichts ändern, und Rom ist zäh wie eh und je in der Behauptung seiner alten Rechte.

https://de.wikipedia.org/wiki/Albert_Mirgeler

https://de.wikipedia.org/wiki/Alois_Dempf

https://fr.wikipedia.org/wiki/Fichier:Papst_Pius_XII.,_Kr%C3%B6nung_10._Jahrestag.jpg (Pius XII. mit Tiara)

Zu W. Eilenberger: Ist da jemand noch wach? (DIE ZEIT No. 12, 12.März 2026, S. 49)

Zu Eilenbergers Aufsatz möchte ich Folgendes sagen:

1. Ob die analytische Philosophie heute die Lehrstühle beherrscht, kann ich nicht beurteilen. Auf dem Buchmarkt ist sie sicher nicht die einzige Strömung. Ich habe zwei Maschinen nach den Strömungen in der deutschen Philosophie gefragt und gebe unten ihre Antworten wieder.

2. Dass die analytische Philosophie unnütz ist, halte ich für falsch. Ich habe mich z.B. vor kurzem mit Denkformen resp. dem Thema „Denkformen und Lebensformen“ beschäftigt. Den Begriff der Denkformen gibt es seit Ende des 18. Jh.; heute wird er wahllos für alle möglichen Phänomene gebraucht, man braucht die Maschinen nur zu fragen: Was sind Denkformen? Da wäre es durchaus sinnvoll, einmal zu klären, was man überhaupt unter Denkformen versteht und wie man den Begriff von anderen abgrenzt; dabei könnte analytische Philosophie helfen.

3. Dass die Philosophie heute weltfremd ist, kann man so allgemein nicht sagen; bei der Würdigung von J. Habermas konnte man lesen, wo er sich über all in die Politik eingemischt hat. Grundsätzlich hat ein Philosoph aber kein besseres Urteil in politicis als ein normaler Bürger.

4. Dass die Akademisierung zu sprachlichen Absonderlichkeiten und unverständlichem Kauderwelsch führt, gilt für alle Richtungen der Philosophie; aber den Bericht eines Arztes über seine Untersuchung versteht man auch nicht, ebenso nicht das Kauderwelsch der Chemiker usw.

5. Dass die Philosophie nicht zur Lebenskunst anleitet, stimmt i.W.; es gibt eine große Ausnahme, Herrn Schmid, aber dessen Lektüre tue ich mir nicht an; und wenn man gelegentlich einen „Philosophen“ im Nachtcafé des SWR (freitags 22.00) hört, kann man auf dessen Banalitäten auch verzichten.

Aber: Niemand hindert uns, die Klassiker zu lesen: Epiktet, Epikur, Marc Aurel, Seneca, Cicero… Da bekommt man viele Anregungen. Von Eilenbergers Hoffnung, außerwestliche Traditionen könnten uns zur Weisheit verhelfen, halte ich nicht viel – das ist nur ein Abklatsch der Chinamode des 18. Jh. oder der Hoffnung auf den edlen Wilden. Zur Lebenskunst spricht man besser mit realen Menschen, die über ihre Lebensführung nachdenken oder nachgedacht haben; das ist dann Philosophieren, zumindest im Ansatz – wenn man nicht gläubig nickt, sondern ein kritisches Gespräch führen kann. Oder man denkt z.B. über Gyllensten, Kains Memoiren, nach, oder über die großen Romane und Dramen der Weltliteratur.

Welche Richtungen oder Schulen der Philosophie gibt es derzeit in Deutschland? – Claude antwortet:

Hier ein Überblick über die wichtigsten philosophischen Richtungen und Schulen, die derzeit in Deutschland aktiv sind:

Analytische Philosophie Heute wohl die dominante akademische Strömung auch in Deutschland. Sie konzentriert sich auf sprachliche Präzision, logische Analyse und enge Zusammenarbeit mit den Wissenschaften. Wichtige Themen: Sprachphilosophie, Erkenntnistheorie, Philosophie des Geistes.

Phänomenologie Geht auf Edmund Husserl und Martin Heidegger zurück. Untersucht die Struktur des Bewusstseins und der gelebten Erfahrung. Besonders an Universitäten wie Freiburg und Köln noch stark verankert.

Kritische Theorie / Frankfurter Schule Die Tradition von Horkheimer, Adorno und Habermas wird weitergeführt, vor allem am Institut für Sozialforschung in Frankfurt. Axel Honneth und andere haben sie mit Anerkennungstheorie und sozialer Philosophie weiterentwickelt.

Hermeneutik Geprägt durch Hans-Georg Gadamer. Beschäftigt sich mit Interpretation, Verstehen und dem Sinn von Texten und Kulturen. Spielt auch in der Theologie und Literaturwissenschaft eine Rolle.

Ethik und politische Philosophie Ein sehr lebendiges Feld, das sich mit normativen Fragen zu Gerechtigkeit, Demokratie, Bioethik und KI befasst – oft an der Schnittstelle zwischen analytischer und kontinentaler Philosophie.

Naturphilosophie und Wissenschaftsphilosophie Angesichts von KI, Klimakrise und Neurowissenschaften erlebt dieses Feld eine Renaissance. Fragen nach dem Verhältnis von Geist und Materie, Realismus und Antirealismus stehen im Mittelpunkt.

Pragmatismus Amerikanischer Herkunft, aber in Deutschland zunehmend rezipiert – besonders im Dialog mit der Kritischen Theorie (Habermas hat ihn stark aufgenommen).

Poststrukturalismus / Kontinentale Philosophie Französische Denker wie Foucault, Derrida oder Deleuze werden rezipiert und weiterentwickelt, vor allem in kulturwissenschaftlichen und geisteswissenschaftlichen Kontexten.

Philosophische Anthropologie Eine eher deutsche Tradition (Plessner, Gehlen), die den Menschen in seiner Besonderheit gegenüber anderen Lebewesen untersucht. Erlebt im Kontext von KI-Debatten neues Interesse.


Grundsätzlich lässt sich sagen, dass die strikte Trennung zwischen analytischer und kontinentaler Philosophie in Deutschland zunehmend aufgeweicht wird – viele Philosophen arbeiten heute an der Schnittstelle beider Traditionen. Gibt es eine bestimmte Richtung, über die du mehr erfahren möchtest?

 

Philosophische Strömungen in Deutschland – Search GPT antwortet:

In Deutschland gibt es derzeit eine Vielzahl philosophischer Richtungen und Schulen, die teils auf eine lange Tradition zurückblicken und teils neue Schwerpunkte setzen. Die deutsche Philosophie hat eine reiche Geschichte, die von Denkern wie Kant, Hegel, Marx und Nietzsche geprägt ist. Diese Traditionen wirken bis heute nach, werden aber auch kritisch reflektiert und weiterentwickelt.

Eine wichtige Strömung ist die Kritische Theorie, die in der Tradition der Frankfurter Schule steht. Sie beschäftigt sich mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen, Ideologien und Herrschaftsformen und versucht, emanzipatorische Perspektiven zu entwickeln. Vertreter sind beispielsweise Jürgen Habermas und Axel Honneth. Die Kritische Theorie hat einen großen Einfluss auf die Sozialwissenschaften und die politische Philosophie.

Ein weiterer wichtiger Bereich ist die Phänomenologie, die auf Edmund Husserl zurückgeht. Sie konzentriert sich auf die Analyse von Bewusstseinsphänomenen und versucht, die Strukturen der Erfahrung zu verstehen. Die Phänomenologie hat viele verschiedene Ausprägungen, von der transzendentalen Phänomenologie Husserls bis zur existentialistischen Phänomenologie Heideggers und Merleau-Pontys.

Die Analytische Philosophie ist eine weitere einflussreiche Strömung, die sich vor allem mit Fragen der Logik, der Sprache und der Erkenntnistheorie beschäftigt. Sie hat ihre Wurzeln in der angelsächsischen Philosophie und hat in Deutschland seit den 1960er Jahren an Bedeutung gewonnen. Vertreter sind beispielsweise Gottlob Frege und Rudolf Carnap. In Deutschland gibt es analytische Philosophen, die sich mit den Grundlagen der Mathematik, der Physik oder der Sprachphilosophie beschäftigen.

Auch die Poststrukturalistische Philosophie ist in Deutschland präsent, obwohl sie oft kritisch rezipiert wird. Sie geht auf Denker wie Michel Foucault, Jacques Derrida und Gilles Deleuze zurück und beschäftigt sich mit Fragen der Macht, des Diskurses und der Identität. Der Poststrukturalismus hat einen großen Einfluss auf die Kulturwissenschaften und die Literaturtheorie.

Neben diesen großen Strömungen gibt es noch viele weitere philosophische Ansätze in Deutschland, die sich mit unterschiedlichen Themen beschäftigen. Dazu gehören beispielsweise die Ethik, die sich mit Fragen des moralischen Handelns auseinandersetzt, die politische Philosophie, die sich mit Fragen der Gerechtigkeit und der politischen Ordnung beschäftigt, und die Wissenschaftstheorie, die sich mit den Grundlagen der wissenschaftlichen Erkenntnis beschäftigt.

Die deutsche Philosophie ist also sehr vielfältig und lebendig. Es gibt viele verschiedene Schulen und Richtungen, die sich teils ergänzen, teils aber auch widersprechen. Diese Vielfalt macht die deutsche Philosophie zu einem spannenden und herausfordernden Feld.


P.S. Epiktet, Handbuch:

52. Das erste und notwendigste Kapitel der Philosophie ist das von der Anwendung der Lebensregeln. Zum Beispiel „du sollst nicht lügen‘‘, das zweite das von den Beweisen dafür, z.B. daß man nicht lügen soll. Das dritte ist dasjenige, das von der Gewißheit und von den wesentlichen Teilen eines Beweises handelt und z. B. die Fragen beantwortet: Warum ist das ein Beweis? Was ist eine Folge? Was ist Widerspruch? Was ein wahres, was ein falsches Urteil? Das dritte Kapitel ist also um des zweiten und das zweite um des ersten willen notwendig. Das Notwendigste aber und der Ruhepunkt unseres Lebens ist das erste Kapitel. Wir hingegen kehren diese Ordnung um. Wir halten uns bei dem dritten Kapitel auf und wenden allen unsern Fleiß darauf. Das erste vernachlässigen wir gänzlich. Daher kommt es denn, daß wir lügen, aber den Beweis, daß man nicht lügen soll, immer zur Hand haben.

Johannes Fried: Das Mittelalter (2008) – gelesen

Johannes Fried hat eine Darstellung der mittelalterlichen Geschichte und Kultur geschrieben, die für weitere Kreise bestimmt ist. Das macht sie gut lesbar, auch wenn man die zahlreichen Namen und Verwicklung bald wieder vergisst, macht sie aber auch in mancherlei Hinsicht oberflächlich: „Über Hus und die Hussiten, über die Böhmischen Brüder führte der Weg, den John Wiclif geebnet hatte, hin zu Martin Luther, der den Antichristen in Rom residieren sah, führte weiter zu Huldreich Zwingli und Johannes Calvin…“ (S. 511) – was weiß oder versteht man, wenn man solche Sätze liest? Aber wenn man für 1000 Jahre 550 Seiten zur Verfügung hat, geht es nicht ohne Bilder und Abkürzungen.

Fried macht deutlich, dass das Mittelalter keineswegs nur „finster“ war, und zeigt in seinen Ausführungen wie noch einmal im Epilog, welche Leistungen das Mittelalter erbracht hat. Unter Karl dem Großen wurde die aristotelische Logik und Dialektik wiederentdeckt, wurde in Schulen gelehrt, ermöglichte ein neues Denken und Sprechen. In der Auseinandersetzung mit den Mongolen erweiterte sich der Horizont, Unis und Schulen brachten Gelehrte, speziell auch Juristen und Notare hervor, ohne die die modernere Verwaltung und die rationale Herrschaft nicht möglich gewesen wären. Die Technik machte Fortschritte, es bildete sich eine rationale Geldwirtschaft aus, Transporte zu Lande und zu Wasser nachmen zu, das Weltbild veränderte sich (Kugelgestalt der Erde), die Bildung von Nationen begann, nur Deutschland zersplitterte sich, teils in der Folge des Kaisertums und seiner unseligen und teuren Züge nach Italien; Herrschaft wurde ausgebaut und begrenzt, die reichen Bürger in den Städten meldeten sich zu Wort: Die Einheit Europas wurde begründet.

Mich als ehemaligen Lehrer hat vor allem beeindruckt, welch große Bedeutung die Einsicht in die Grammatik des Satzes, das Verständnis der Kategorien des Aristoteles und der Ausbau der Schulen in Klöstern und Städten hatte.

https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Fried

Manfred Geier: Geistesblitze (2013) – gelesen

Ich kannte bereits mehrere Bücher von Manfred Geier; er schreibt anschaulich und verständlich; so ist auch sein Buch „Geistesblitze. Eine andere Geschichte der Philosophie“ verfasst. Er hat nämlich nicht „die Lehre“ einzelner Philosophen dargestellt (Parmenides, Descartes, Rousseau, Kant, Hamann, Nietzsche, Popper), sondern berichtet, wie ihnen entscheidende Gedanken in einer Art Geistesblitz gekommen sind. Für den philosophischen Geistesblitz (bei Hamann ist es eher eine religiöse Bekehrung!) erkennt Geier einen typischen Dreischritt: „Es beginnt mit Krisenerfahrungen, sei es gedanklicher, sei es existenzieller Art, die zutiefst irritieren.“ Gewöhnlich versuche man, sie durch ruhiges Nachdenken zu lösen. Doch ein Geistesblitz „löst nicht nur das irritierende Grundproblem des jeweiligen Denkers, sondern öffnet auch seinem Lebensweg eine neue Perspektive. Mit dieser plötzlich gewonnenen Einsicht kann er sich als Philosoph jedoch nicht zufriedengeben. Er muss sie zu einer Werkidee weiterentwickeln, die es in mühsamer Denkarbeit maßgebend auszuführen gilt. Erst damit gewinnt der Geistesblitz eine epochale Wirkung, die den augenblicklichen Einfall zu einem philosophiegeschichtlichen Ereignis macht.“

Was er hier zum Geistesblitz schreibt, kann er in den sieben genannten Fällen nur teilweise einlösen. Von Parmenides wissen wir wenig, aber Wichtiges, was man hier wirklich verstehen kann; Descartes hat seine Erleuchtung zum „cogito ergo sum“ (dessen Deutung umstritten ist) selber erzählt, von Rousseaus Erleuchtung über die ursprüngliche Güte des Menschen gibt es vier verschiedene Fassungen aus seiner Feder; was die Lektüre Rousseaus für Kant wirklich bedeutet hat, ist umstritten. Bei Hamann handelt es sich um eine religiöse Bekehrung, die darauf beruht, dass er in der Geschichte Israels auf dessen Weg ins Gelobte Land seinen eigenen Lebensweg wiedererkennt. Nietzsche Erleuchtung am See von Silvaplana (der Gedanke der ewigen Wiederkehr) hat eher für ihn als für uns eine große Bedeutung gehabt. „Die Logik der Wissenschaften besteht in einem nicht beendbaren Zusammenspiel von schöpferischen Verbesserungsvorschlägen und kritischer Fehlerkorrektur, von Vermutungen und Widerlegungen, von Versuch und Irrtum: Das ist die Grundidee, die Popper 1929 wie ein Licht aufgegangen ist.“ Aber kann eine solche Idee das eigene Leben verändern? – Es scheint, dass der Autor sich von Dieter Henrichs Buch „Werke im Werden“ (2011) hat anregen lassen, s. Henrichs Biografie in der Wikipedia!

Ich habe das Buch mit Freude gelesen und zum Schluss gemerkt, wie elegant Manfred Geier Anfang und Ende verbindet: Er beginnt mit Xenophanes, dem großen Aufklärer und Skeptiker, als Lehrer des Parmenides, und schließt mit Popper, der am Ende bekennt, dass er eigentlich das Gleiche wie Xenophanes gedacht hat.

Ich habe einige Links zu ausgewählten Themen gesucht. Vielleicht sollte man sich einmal intensiver mit Hamann als Denker der Geschichte und der Sprache als unseren Aprioris befassen?

Geistesblitz:

https://www.deutschlandfunk.de/der-geistesblitz-zum-phaenomen-der-ploetzlichen-erkenntnis-102.html

https://www.deutschlandfunk.de/der-geistesblitz-zum-phaenomen-der-ploetzlichen-erkenntnis-100.html

https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/neurowissenschaften-rezept-fuer-geistesblitze

https://www.scinexx.de/news/biowissen/warum-wir-geistesblitzen-vertrauen-sollten/

https://www.geo.de/wissen/gesundheit/inspiration–der-moment–bevor-ein-geistesblitz-entsteht-35975706.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Geistesblitz

Blitz als Metapher:

https://symbolonline.eu/index.php?title=Blitz

https://www.wisdomlib.org/de/concept/blitz

https://de.wikisource.org/wiki/Christliche_Symbolik/Blitz

https://www.schwabeonline.ch/schwabe-xaveropp/elibrary/start.xav?start=%2F%2F*%5B%40attr_id%3D%27verw.fulguration%27%20and%20%40outline_id%3D%27hwph_verw.fulguration%27%5D

Rousseau:

https://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/7419/1/Wenderholm_Verwirrung_Schwindel_Herzklopfen_2010.pdf (zu Rousseaus Erleuchtung)

https://de.wikipedia.org/wiki/Jean-Jacques_Rousseau (großer Artikel)

https://iep.utm.edu/rousseau/ (große Übersicht über die einzelnen Werke)

https://plato.stanford.edu/entries/rousseau/ (systematische Übersicht über das Werk)

Hamann:

https://www.deutsche-biographie.de/gnd11854523X.html#ndbcontent (1966)

https://www.deutsche-biographie.de/gnd11854523X.html#adbcontent (1879)

https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Georg_Hamann

https://plato.stanford.edu/entries/hamann/ (systematisch)

https://iep.utm.edu/hamann/ (knapper)

https://archive.org/details/11720432bsb/page/n7/mode/2up (Hamanns Schriften und Briefe, Bd. 1)

https://archive.org/details/11720433bsb/page/n3/mode/2up (dito, Bd.2)

https://archive.org/details/11720434bsb/page/n3/mode/2up (dito, Bd. 3)

https://archive.org/details/11720435bsb/page/n3/mode/2up (dito, Bd. 4)

Es gibt bei archive.org auch eine ältere Ausgabe seiner Schriften, von Friedrich Roth, 1821 ff.: https://archive.org/details/hamannsschrifte02hamagoog/page/n8/mode/2up usw.

https://archive.org/details/johanngeorghaman01poeluoft/page/n9/mode/2up (Poel: Hamanns Leben aus seinen Schriften, Bd. 1, 1874)

https://archive.org/details/johanngeorghaman02poeluoft/page/n5/mode/2up (Poel: Sein Leben und Mitteilungen aus seinen Schriften, Bd. 2, 1876)

https://archive.org/details/11602989bsb/page/n3/mode/2up (Herders Briefe an Hamann, mit Erläuterungen)

Heinar Kipphardt: März (1976) begeistert gelesen

Heute möchte ich den Blick auf ein Buch lenken, das ich vor Jahren mehrmals und mit großer Anteilnahme gelesen habe, einmal auch in einem Kurs der Klasse 12. Es heißt „März“ und stammt von Heinar Kipphardt; inzwischen ist es fast 50 Jahre alt. Es sind i.W. die (überarbeiteten) Aufzeichnungen eines psychisch Kranken („Schizo“), dazu Notizen des Arztes. Wenn man sich auf deren Äußerungen einlässt, erscheint einem das „normale“ Leben nicht mehr einfach als das schlechthin richtige, das Treiben der Kranken nicht als bloß abartig.

Sehr geehrter Her Doktor! Die Person von mir ist allein und sehr allein. Sie hat keine Verwandten und hat niemals solche gehabt. Sie wird nicht mehr ich sagen, sie wird es nie wieder sagen, es ist ihr zu blöde, denn niemand weiß, was das ist. Das Ich, wahrscheinlich, ist die Person von jemand, die ihn am stärksten interessiert. (…) März ist hier in Lohberg abhanden gekommen. Im Charme der Psychiatrie.“

Was ist normal? Ein normaler Mensch tut lebenslang nicht was er will. So stark gehorcht er der Pflicht. Je besser es ihm gelingt, nicht er selber zu sein, desto mehr bekommt er. Mit 65 wird der normale Mensch pensioniert (auf Antrag mit 63). Jetzt hat er Zeit für sich, doch hat er sich leider vergessen.“

Der Wahnsinn bricht aus, heißt es gern, hieß es oft auch bei mir, ein Ausbruch von Wahnsinn, steht, wo es geht, in der Zeitung. Wo, wenn der Wahnsinn bei mir ausbricht, hat er in mir gesteckt? In welchem Teil? (…) Der Wahnsinn lauert auf dem Grunde des Verstandes auf seinen Ausbruch und ist dem Verstande geheuer. Im Wahnsinn steckt Verstand (Methode). Verstand ist geregelter Wahnsinn, Wahnsinn ist entregelter Verstand. Er spricht dann die Hieroglyphensprache, das ist die innere Sprache, die Kamelattasprache der Kunsteisfabrik. (….) Vielleicht wäre es besser, wenn er öfter mal still zum Vorschein käme und hieße eventuell Phantasie. Auch Phantasie allerdings ist etwas sehr Störendes, z.B. in Büro und Fabrik. Man spricht auch von göttlichem Wahnsinn. Allerdings nicht in Lohberg. Hier bin ich von Wahnsinn geschlagen.“

Hat sich ein Fremder in mir festgesetzt? Oder bin ich nur der, ders bemerkt? Ich fühlte, daß ich in die Fußstapfen eines anderen trat, da mußte ich stehen bleiben.“

Ist von mehreren einer vom Kurs abgekommen, können dies leicht auch die anderen sein.“

https://willizblog.de/?p=1573

A. Wolkowicz: Heinar Kipphardts antipsychiatrischer Roman „März“ (Darstellung und Referat kritischer Stimmen, lesenswert):

Haeckel: Kunstformen der Natur

Am Sonntag war ich in einer Fotoausstellung in Köln: Bilder von Berd und Hilla Becher, sehr interessant. Auf einer Tafel stand ein Hinweis auf zwei ältere Bücher, die Hilla Becher angeregt hatten. Eines davon habe ich gefunden, „Kunstformen der Natur“ von Haeckel. Hier ist der Link, vielleicht erfreust du dich ja auch an den schönen Bildern: https://archive.org/details/KunstformenderN00Haec/page/n15/mode/2up

Wenn du unten rechts das Quadrat anklickst, wird das Bild größer; umblättern kannst du durch Klicken auf eine Seite oder einen Pfeil unten.

(Das andere Buch war „Urformen der Kunst“, 1928; das gibt es leider nicht einzusehen.)

Die grosse Blocklaus. Das komplett erfundene Lexikon (2010)

In einem Kommentar zu meiner Besprechung des Chasarischen Wörterbuchs wurde auf „Die grosse Blocklaus. Das komplett erfundene Lexikon“ hingewiesen. Um es kurz zu sagen: Dieses Opus von Axel Fröhlich u.a. kann den Vergleich mit dem Chasarischen Wörterbuch nicht bestehen.

Es gibt einige wirklich geistreiche Artikel. Dazu gehören zum Beispiel der über den Koch F. Arundi, den Star der Nanogastronomie; das Merkmal seiner 70-teiligen Speisefolge „ist der völlige Verzicht auf jegliche Stoffe, die vom Menschen als lebensmittelfähig wahr- oder aufgenommen werden können. Die einzelnen Menügänge unterscheiden sich durch Form und Größe der gereichten Teller.“ Das sei ein Erlebnis, wenn auch leider kein kulinarisches.

Gefallen hat mir die Satire auf den modischen Lobpreis der Intuition im Artikel „Destuition“: „die Fähigkeit, in kürzester Zeit unbewusst Sachverhalte völlig falsch zu erfassen. Die auch umgangssprachlich als ‚Darmgefühl‘ bezeichnete Begabung ermöglicht es, auf Anhieb irrige Entscheidungen zu treffen. Dazu ist weder eine systematische Erörterung noch eine darauf aufbauende Schlussfolgerung vonnöten.“ [Satzbau: „auch“ sollte hinter „umgangssprachlich“ stehen!]

Auch der Artikel zu „Diosin“ ist witzig: eine Droge, bei der es in Deutschland weniger als zehn Abhängige gibt. „Der Proband nimmt die Realität unverfälscht und in Echtzeit wahr. (…) Die einzige wissenschaftlich belegte Wirkung von Diosin ist ein anhaltender, leicht pessimistischer Gemütszustand. (…) Ein Entzug ist für den Konsumenten in keiner Weise unangenehm, die Mehrheit der Konsumenten empfindet diesen im Gegenteil als positiv…“

Nicht zu vergessen der Artikel „Olgebra“ – ein „Teilgebiet der Mathematik, das sich durch die Negation jeglicher Systematik auszeichnet“ und verschiedene Lösungen bei gleichbleibender Aufgabenstellung erlaubt, also den kreativen Umgang mit Zahlen fördert.

Von allen Lemmata unter dem Buchstaben H haben mich nur zwei restlos überzeugt: „Hanoi. Sozialpsychologischer Fachbegriff für den Ort, an den man zurückkehren muss, um sich wieder daran zu erinnern, was man eigentlich machen wollte.“ Und „Hyax“, ein Sofamöbel, das dem Opfer durch die Wirbelsäule die Energie entzieht. „Das Opfer bemerkt zunächst eine wachsende Trägheit [besser: Schwäche, N.T.], die sich zu einer Lähmung des ganzen Organismus ausweiten kann.“

Dann gibt es eine Reihe von Artikeln, zu denen ich „einigermaßen“ oder „na, ja“ sagen würde: Hachblumen, Hartwig (mit Parodie einer ethnographischen Beschreibung des Oktoberfests), Heisenbergbrille (mit leichter Unschärfe, wirkt sich positiv aus), Herbst des Seins (Satire auf moderne Kunst am Bau), Herpeles (der kleine Bruder von Herkules). Etwas schummerig ist der Artikel „Homopathie“, ein Spott auf Homöopathie und Homosexualität. Gelegentlich gibt es Grammatikfehler („des Autoren“ statt „des Autors“), im „Hirnfürzchen“ einen Satzbaufehler und den Artikel „Hebräer: Kommunikationslinguistischer Fachbegriff für Grunzlaute von Gewichthebern.“ Dazu kann ich nur „Wat?“ sagen.

Die Idee des Buches ist gut, erfordert aber mehr Arbeit, als die drei Autoren hineingesteckt haben; die Idee auszuführen ist deshalb schwierig, weil die einzelnen Stichworte durchweg – abgesehen von einigen Querverweisen – nichts miteinander zu tun haben, so dass jedesmal ein neuer Geistesblitz aufleuchten müsste, wofür eine beständige intellektuelle Hochspannung die Bedingung wäre.

Chr. Nonn: 12 Tage und ein halbes Jahrhundert (2020)

Eine Geschichte des Deutschen Kaiserreiches 1871 – 1918

Christoph Nonn ist nicht nur Professor für Neueste Geschichte, sondern kann auch gut erzählen. Sein Buch über die „12 Tage“ im Kaiserreich liest sich streckenweise wie ein Krimi; das hängt auch damit zusammen, dass er eben von den Personen und Ereignissen an 12 bestimmten Tagen zwischen 1871 und 1918 ausgeht und damit politische Entwicklungen im Kaiserreich verknüpft. So erzählt er im ersten Kapitel, wie der Kunstmaler Anton von Werner im Januar 1871 das Angebot bekam, nach Versailles zu kommen, um dort an einem Ereignis teilzunehmen, das seines Pinsels würdig sei – die Proklamation des Kaisers, wie sich dann herausstellte. Herr von Werner hat das Ereignis in verschiedenen Gemälden festgehalten, und an den Unterschieden dieser Gemälde macht Nonn fest, wie sich das Kaisertum und das Kaiserreich in der Folgezeit entwickelt haben. Verschiedene Deutungen dieses Kaisertums hatten schon im Januar 1871 bestanden: ob man Wilhelm nun „Deutscher Kaiser“, „Kaiser der Deutschen“ oder „Kaiser von Deutschland“ nennen sollte, was zu einem Kompromiss führte; er wurde als „Kaiser Wilhelm“ proklamiert, damit konnten alle leben.

Im zweiten Kapitel geht Nonn von angeblichen Marienerscheinungen aus, die drei kleine Mädchen 1876 in Marpingen im Saarland hatten, und vom Kampf der preußischen Behörden gegen die Pilgermassen, bei dem sogar Militär eingesetzt wurde. Diese Ereignisse führen Nonn zum Kulturkampf, zur katholischen Erneuerung, zur Verweiblichung der Religion im 19. Jahrhundert, zur Entstehung des Zentrums und dem Schwinden des Liberalismus, zur Individualisierung der Religion und dem konfessionellen Graben zwischen deutschen Protestanten und Katholiken, der im 19. Jahrhundert sich massiv vertiefte.

Das nächste markante Datum ist der 2. Juni 1878; an diesem Tag wurde Bebel aus der Haft entlassen, aber auch ein Attentat auf den Kaiser verübt, das Bismarck zur Hetze gegen die Sozialisten missbrauchte, die er im Sozialistengesetz zementierte. Mit dem 2. Juni 1878 verbindet Nonn die Vorgeschichte der Eheleute Bebel, Augusts Rolle in der Partei, Julies Arbeit als Helferin, den Einigungsparteitag in Gotha (1875) und schließlich die Frauenfrage: Missachtung der Frau als politisch dumm, später der Kampf um ein Frauenwahlrecht, die Entdeckung der Frau und ihrer Interessen als Konsumentin. Damit zeichnet Nonn den Wandel der SPD von einer Partei der Handwerker zur Partei der Industriearbeiter und schließlich der Konsumenten, die aber gegen Bernstein an den revolutionären Zielen festhielt und so 1918 unvorbereitet vor ihrer neuen Aufgabe stand.

Theodor Lohmann ist der Held des nächsten Kapitels, ein protestantischer Verwaltungsjurist, der die deutsche Sozialversicherung (Unfall-, Kranken- und Altersversicherung) wesentlich mit Hilfe Bismarcks und im Kampf gegen den Kanzler geprägt hat: mit der Idee eigenverantwortlicher Zusammenschlüsse von Arbeitern und Arbeitgebern ohne staatliche Zuschüsse und staatlichen Einfluss, wofür Bismarck energisch eintrat, um die Sozialdemokratie und das Parlament zu entmachten. Lohmanns Kampf führt am 27.09.1883 zum Bruch mit Bismarck. Nonn untersucht zum Schluss, inwiefern die neuen Sozialversicherungen zur Modernisierung Deutschlands beigetragen haben. Das Ende des Kapitels ist etwas zu stark breitgetreten.

Am 21. Oktober 1885 wurde ein Schutzvertrag zwischen dem Deutschen Reich und dem Herero Maharero abgeschlossen; die Vor- und Nachgeschichte dieses Vertrags, das Verhältnis der Herero zu anderen Stämmen, das Auftreten des betrügerischen Kaufmanns Lüderitz, das Wirken verschiedener deutscher Gouverneure, die zunehmende Landgier deutscher Siedler, das Anwachsen der deutschen Schutztruppe und ihr Rassenhass sind Gegenstand des fünften Kapitels. 1904 kam es aufgrund von Greuelmärchen zu einem Krieg, der rücksichtslos gegen die Schwarzen geführt wurde und in einem Völkermord 1904/05 endete. Ab 1906 wandelte sich die deutsche Kolonialpolitik, sie begriff Kolonisation als Kulturmission. 1915 kapitulierte die deutsche Schutztruppe. Nonn diskutiert zum Schluss ausführlich, ob die deutsche Kolonialpolitik als Vorstufe und Vorbild der nazistischen Juden- und Ostpolitik angesehen werden kann.

Am 15. März 1890 kam es zu einem Krach zwischen dem gealterten Kanzler und dem jungen Kaiser, der sich an einer möglichen Zusammenarbeit mit dem Zentrum und der alten Ordre von 1852 entzündete, dass kein Minister ohne Zustimmung Bismarcks mit dem Kaiser sprechen dürfe. Einige Tage später wurde Bismarck entlassen und durch Caprivi ersetzt. Voraufgegangen war ein Wahlsieg der Sozialdemokraten (wegen Bismarcks Zollpolitik zugunsten der Bauern) – Bismarck konnte sich gegen die Tendenzen zur Industrialisierung, zur Verstädterung und zum Vorrang des Parlaments vor dem Bundesrat der Fürsten nicht behaupten. Nach seiner Entlassung griff er vor allem durch die Presse in die Politik ein, wurde mit Mühe 1891 Reichstagsabgeordneter und starb 1898, wonach er zum Reichsgründer stilisiert wurde. Nonn diskutiert dann noch die Bedeutung und Leistung Wilhelms II., dessen Bild bis heute umstritten ist.

Im siebenten Kapitel geht es um das deutsche Flottenbauprogramm und das von Tirpitz am 3. Januar 1896 dazu erstellte Gutachten; die vergrößerte Flotte sollte deutsche Handels- und Kolonialpolitik unterstützen bzw. absichern. Tirpitz hatte sich vorher durch Arbeit an der Torpedoentwicklung ausgezeichnet und war, auch durch Förderung seines Onkels Caprivi, 1892 Stabschef des Oberkommandos der Flotte in Berlin geworden. Nonn unterstellt ihm, dass er den Ausbau der Flotte wegen des eigenen persönlichen Ansehens und der besseren Bezahlung betrieben habe. Für die Politiker waren dagegen außen- und innenpolitische Motive maßgebend: Annäherung an England, Isolierung gegenüber der Entente, Vergrößerung der Exportchancen, Eindämmung der Sozialisten durch nationale Begeisterung. Die Pressearbeit des Amtes Tirpitz sei dilettantisch gewesen, die Deutschen hätten nach 1910 von sich aus Freude an Flottenparaden und Stapelläufen gehabt; nur die Finanzierung des Spektakels war umstritten. – Die Vermengung innen- und außenpolitischer Aspekte in diesem Kapitel ist eher unübersichtlich.

Am 11. März 1900 verschwand in Konitz/Westpreußen der Gymnasiast Ernst Winter; Leichenteile und Kleidungsstücke des Ermordeten wurden später gefunden. In Konitz blühten die Gerüchte, die von Anna Roß als angeblicher Augenzeugin und anderen gestreut wurden: gegen einen jüdischen Metzger, einen Altlutheraner, einen unverheirateten Schneidermeister. Als am 15. April, an Ostern der Kopf Winters gefunden wurde, kamen Gerüchte von einem jüdischen Ritualmord auf, die zu Pogromen und zur Verwüstung der Synagoge führten. Die schlampigen Ermittlungen kamen zu keinem Ergebnis. Nonn erklärt in diesem Zusammenhang die Funktion von stereotypen Vorurteilen und von Gerüchten sowie die zeitgenössischen Bedingungen des Antisemitismus (preußische Germanisierungspolitik gegen die Polen, wirtschaftliche Umbrüche). Abschließend diskutiert er, welche Bedeutung der Antisemitismus im Kaiserreich hatte und wie tragfähig die diesbezüglichen wissenschaftlichen Theorien sind.

Im neunten Kapitel steht der Hauptmann von Köpenick im Mittelpunkt: Wilhelm Voigt hatte eine lange kriminelle Vorgeschichte, als er am 16. Oktober 1906 mit einem Trupp aufgelesener Soldaten in Hauptmannsuniform die Stadtkasse von Köpenick beschlagnahmte und 3.500 Mark erbeutete. Am 26. Oktober wurde er verhaftet und zu vier Jahren Haft verurteilt. Die Sympathien der Bürger begleiteten ihn und bewirkten, dass er 1908 vorzeitig entlassen wurde. In den Zeitungen und einigen Parteien wurde der Fall zur Kritik des übermächtigen preußischen Militarismus benutzt. Der Fall wurde vielfach publizistisch ausgeschlachtet, bis hin zu Carl Zuckmayers Stück „Der Hauptmann von Köpenick“ (1931). Nonn widerlegt die einfache Kritik am preußischen Militarismus: Auch in anderen Ländern gab es ähnliche Vorfälle. Vielmehr habe es im 19. Jh. in ganz Europa eine Nationalisierung und damit verbunden eine Militarisierung gegeben. Zum Schluss stellt er die Militärpolitik der folgenden Jahre dar, die darauf abzielte, das Militär als Waffe im Inneren einsetzen zu können, bis 1913 eine Mehrheit aus SPD und Zentrum eine stärkere Kontrolle der Armee durch das Parlament anstrebte.

Das nächste Datum ist der 2. Oktober 1908; an diesem Tag ließ der Kanzler von Bülow im Urlaub auf Norderney eine Zusammenfassung von Äußerungen des Kaisers, die er prüfen sollte, ungelesen passieren; ähnlich machten es die von ihm damit Beauftragten, so dass die Veröffentlichung am 28.10. im Daily Telegraph einen Skandal auslöste. Von Bülow hatte sich systematisch bei Bismarck und dann beim Kaiser emporgearbeitet und galt als Freund des Kaisers, bis er nach dem 28. 10. von ihm abrückte. Er bediente sich intensiv der Presse, um seine Sicht zur Geltung zu bringen, war eine Art Medienkanzler, wie ja auch Wilhelm die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit genoss; nach 1908 zog dieser sich enttäuscht aus der Innenpolitik zurück. Nonn stellt dar, wie die Bedeutung der Presse um 1900 gewachsen ist; anschließend zeigt er, wie nach 1908 auch die Macht des Parlaments wuchs, ohne dass die Parteien (selbst die seit 1912 dominierende SPD) konsequent die Parlamentarisierung und die eigene politische Verantwortung angestrebt hätten.

Im Blickpunkt des elften Kapitels steht zunächst Charlotte Herder, eine Frau aus der bürgerlichen Oberschicht in Freiburg, die am 30. Juli 1914, kurz vor dem geplanten Urlaub, die Puppen ihrer Tochter wegpackte. An ihrem Beispiel wird gezeigt, jemand den Beginn des Krieges und das Ausrücken des Ehemanns erlebte. Als am 28. Juli Österreich Serbien den Krieg erklärt hatte, erst recht nach der anschließenden russischen Mobilmachung, erwartete man allgemein ohne große Begeisterung einen Krieg; nur die jungen Leute waren teilweise begeistert. In der Presse bestimmten Rollenklischees die Berichterstattung. Auch zeigten sich Unterschiede zwischen dem persönlichen Erleben und dem, wie man sich öffentlich darstellte. An der Front, die im Westen bald in einem von der Artillerie bestimmten Stellungskrieg erstarrte, passten sich die Soldaten der Lage an, bestärkt durch die Solidarität der Kameraden und auf Gehorsam gedrillt. Die Zivilisten suchten teilweise einen religiösen Sinn in ihrem Leiden. Jedenfalls erlebte die Oberschicht den Krieg ganz anders als die notleidende Unterschicht.

Im letzten Kapitel geht es um das Kriegsende und die Revolution. Dafür hat Nonn sich Felix Fechenbach ausgesucht, der am 7. November in München eine Revolution machte, indem er nach einer mit den Sozialdemokraten veranstalteten Kundgebung mit einer großen Schar kriegsmüder Soldaten eine Kaserne nach der anderen in München übernahm. Am Abend rief Eisner die Republik aus, die Königsfamilie floh, und das Volk nahm die Revolution hin, weil die staatlichen Autoritäten bei der Versorgung der Bevölkerung versagt und ihre Legitimität eingebüßt hatten. Ein erster Revolutionsversuch war am 31. Januar 1918 gescheitert. Eisner wurde nach einer verlorenen Wahl am 21. 2. 1919 ermordet, Fechenbach 1933, nachdem er in der Republik nach einer Zuchthausstrafe sich den Sozialdemokraten angeschlossen hatte. Trotz der Dolchstoßlegende sieht Nonn nicht, dass das Erbe des Kaiserreichs und die Niederlage 1918 zwangsläufig zum Ende der Weimarer Republik geführt hätten; vielmehr hätten die demokratischen Parteien nach 1930 versagt und nur an sich selbst gedacht, statt politische Verantwortung zu übernehmen und Kompromisse zu suchen.

Dadurch, dass Nonn jeweils verschiedene Personen und Themen in ihren Kontexten behandelt, kommt es einmal öfter zu Wiederholungen, anderseits durch nichtchronologische Darstellung gelentlich zu einem etwas unklaren Bild. Das ändert aber nichts daran, dass Nonn ein großartiges Buch geschrieben hat.

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https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-29086 (Sammelbesprechung: Deutsches Kaiserreich)

https://lisa.gerda-henkel-stiftung.de/thh_12tage (Gespräch mit dem Autor)

https://www.perlentaucher.de/buch/christoph-nonn/12-tage-und-ein-halbes-jahrhundert.html (kurze Übersichten)

https://www.geschichte.uni-wuppertal.de/fileadmin/geschichte/Sammlungen/Mangold-Will/DigSdr_Mangold-Will_promotional.pdf (zum Kaiserreich)

https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsches_Kaiserreich (Kaiserreich : großer Artikel)

https://de.wikipedia.org/wiki/Christoph_Nonn

St. Bierling: Die unvereinigten Staaten (2024) – gelesen

Das politische System der USA und die Zukunft der Demokratie“ ist der Untertitel dieses hervorragenden Buchs von Stephan Bierling. Er zeigt, wie die verschiedenen Institutionen konzipiert waren und wie sie sich dann im Lauf von 250 Jahren verändert haben: einmal weil verschiedene Krisen und Notlagen eine stärkere Konzentration der Macht beim Präsidenten gefördert haben, weil die Selbständigkeit der Einzelstaaten gegenüber der Regierung abgenommen hat und vor allem weil es seit 50 Jahren eine immer radikalere Polarisierung der beiden großen Parteien gibt, die eine Verständigung, einen Kompromiss vernünftiger Menschen – entgegen der Idee der Verfassung – unmöglich machen. „Mäßigung als Kernprinzip: Die Ideen der Verfassungsväter“ ist das erste Kapitel; in den folgenden neun Kapitel beschreibt er, wie diese Mäßigung auf allen Ebenen, von der Richterbestellung bis zum Zuschnitt der Wahlkreise und dem Modus der Präsidentenwahl, systematisch unterlaufen wird. Im letzten Kapitel diskutiert er, ob die Demokatrie der USA im Todeskampf steht oder eine Neubelebung erfährt; seine einzige Hoffnung besteht darin, dass die Bürger wieder vernünftiger werden und sich um einen Ausgleich entgegen den parteipolitischen Scharfmachern bemühen – für wahrscheinlich halte ich das nicht, aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Am Ende zeigt er kurz, dass auch die Bundesrepublik Deutschland einen Teil der Zeche dieser verhängnisvollen Entwicklung zahlt.

P.S. Das Buch gibt es günstig in verschiedenen Landeszentralen für politische Bildung.

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https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/die-unvereinigten-staaten/ (dito)

https://internationalepolitik.de/de/buchkritik-amerikas-schwerer-weg-zurueck-zu-mass-und-mitte (Sammelbesprechung zum Thema USA)

A. Bleyer: 1848. Erfolgsgeschichte einer gescheiterten Revolution – gelesen

Alexandra Bleyer hat ein gut lesbares Buch über die Vorgeschichte der Revolutionen 1848, über ihre Geschichte (vor allem in Deutschland, aber auch in den Nachbarstaaten) und über ihr Scheitern bzw. ihre fortdauernde Wirkung geschrieben. Mir fällt dabei auf, dass sie viele einzelne Beteiligte zu Wort kommen lässt, so dass ich Namen gelesen habe, von denen ich noch nie gehört hatte – und wenn man diese Namen notiert, kann man Näheres in der Wikipedia über sie lesen oder auch in ihre Bücher hineinschauen: Jakob Venedey, Gabriel Riesser, Johann Jacoby, Fanny Lewald, Louise Otto, Arnold Ruge, Gustav Struve, Mathilde Anneke, und wie sie alle hießen…

Bleyer zeigt, wie verschieden die Interessen der Beteiligten waren, was letztlich zum Scheitern der Revolution beitrug: Interesse an einer Verfassung, Kampf gegen Not der Arbeiter und der kleinen Bauern, Demokratiebestrebungen, Wunsch nach nationaler Einheit, nach Gleichberechtigung der Frau oder der Emanzipation der Juden… Der Kampf um die Freiheit und Bildung der Frauen, um ihr Mitspracherecht in der Öffentlichkeit nimmt im Buch relativ breiten Raum ein.

Als bleibenden Erfolg nennt Bleyer „die Politisierung weiter Bevölkerungskreise, die nun noch einmal intensiviert wurde, denn es galt nun, den Menschen den Wert einer Verfassung zu vermitteln, um sie für den Kampf dafür mobilisieren zu können. Erkennbar war die Konzentration auf bürgerliche Protestformen: Statt mit roher Gewalt (…) wollte man die widerstrebenden Monarchen mit öffentlichen Willensbekundungen auf friedlichem Weg zum Einlenken bewegen.“ Öfter zitiert sie Jellinek: „Ideen können nicht erschossen werden.“ Sie berichtet auch von einer Neubewertung der Revolution in den letzten Jahr(zehnt)en: „Man lernte Mitsprachemöglichkeiten kennen und schätzen – und diese ließ man sich langfristig nicht mehr nehmen.“ Die 1848 formulierten Grundrechte wurden in der Weimarer Verfassung wieder aufgenommen.

Als Episode am Rande sei die Gründung der Kindergärten 1844 und ihre rasche Verbreitung, ihr Verbot 1852 als Stätte der Indoktrination freiheitlicher Ideen und dessen Aufhebung 1860 erwähnt. Ich weise ausdrücklich auf die große Rezension in „Sehepunkte“ hin. Ein lesenswertes Buch, das derzeit in den Zentralen für politische Bildung preiswert resp. umsonst zu beziehen ist.

https://www.sehepunkte.de/2023/01/37132.html (Rezension)

https://www.perlentaucher.de/buch/alexandra-bleyer/1848.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Revolution_1848/1849 (große Übersicht 1848/49)

https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/revolution-1848-1849/ (dito)

https://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/APuZ_2023-07-09_Online-PDF_1848-49.pdf (1848/49)

https://archive.org/details/erinnerungenausd00bieduoft/page/n1/mode/2up?view=theater (Karl Biedermann: Erinnerungen aus der Paulskirche, 1849)

P. S. Woran die Revolution 1848 auch gescheitert ist, macht der Eindruck deutlich, den Fanny Lewald nach der Rückkehr aus Frankreich in Berlin hatte (Erinnerungen aus dem Jahre 1848. Zweiter Band, Braunschweig 1850 – Brief vom 11. April 1848): Was mir aber, im Hinblick auf Paris, schmerzlich auffiel, das ist der Mangel an Freudigkeit über den Sieg, der fehlende Schwung des Enthusiasmus, die mich in Paris so sehr überraschten. Keine begeisternden Lieder, keine jener siegestrunkenen Zurufe, welche dort von Mund zu Mund gingen und so elektrisch wirkten. (…) Die Einen sind wie ungeübte Ballspieler, die den Ball, welcher ihnen fast von selbst in die Hand flog, vor Freude über das Glück fallen lassen, statt fest die Hände zusammenzuschlagen und zuzugreifen; die Anderen stehen so rathlos, erschrocken und verlegen da, wie Kinder, die zu lange im Gehkorb gehalten worden sind, und die nun mit einem Male allein auf die Erde gestellt werden und laufen sollen. Sie trauen den eigenen Kräften nicht; sie haben Furcht, weil sie nicht mehr bevormundet werden; sie möchten eigentlich gern wissen, ob der König, ob die Glieder des vorigen Ministeriums auch zufrieden sind, mit dem was geschehen ist?“ https://archive.org/details/bub_gb_Ro6O0A6s8wUC/page/n241/mode/2up?view=theater; auch der Brief vom 8. Juni 1848 über die deutsche Kunst spricht Bände, ebenso der Brief vom 15. Oktober 1848 über die Propaganda der Rechten gegen das Volk (erinnert an die Propagnda der AfD gegen die Flüchtlinge). Und nach der Auflösung der Nationalversammlung in Berlin durch Militär am 10. November schreibt sie: „Pflicht und Gehorsam, das sind die beiden Worte, hinter die sich die Gewalt noch immer verschanzen kann, die Gewalt, welche sich weich und doch so fest gebettet hat auf dem furchtbaren christlichen Grundsatz: ’seid unterthan der Obrigkeit, welche Gewalt über euch hat.‘ Dieser christliche Grundsatz hat den Franzosen von 1800 – 1813 in Deutschland ihre Siege bereitet, dieser christliche Grundsatz mit seinem blinden Gehorsam gegen die Gewalt, wird noch maaßloses Elend über uns bringen, wenn die jetzt heranwachsende Jugend abermals zu gehorsamen Christen, statt zu denkenden Menschen – zu Unterthanen der gewalthabenden Obrigkeit, statt zu Staatsbürgern erzogen wird.“ (Brief vom 18. November)

P. von Matt: Sieben Küsse. Glück und Unglück in der Literatur (2017) – gelesen

Endlich wieder ein Buch, von dem ich restlos begeistert bin! Ich besitze bereits (und habe gelesen) vier Bücher von Matts über literarische Themen. So war es „getan fast eh‘ gedacht“, dass ich die „Sieben Küsse“ gekauft habe, als ich von deren Existenz erfuhr. In diesem Buch untersucht und interpretiert Peter von Matt, ein großer Literaturwissenschaftler und Schriftsteller, sieben Erzählungen oder Romane, in denen es einen entscheidenden Kuss gibt, reflektiert die Möglichkeiten des Glücks und behandelt nebenher auch noch ein paar literarische Motive, so die Kopisten in der Literatur, die (Gottes)Narren, erklärt die Eigenart des modernen Romans und stellt als Prinzip klar: „Die Literatur denkt in Szenen.“ (so ausführlich zu Beginn von Kap. VI), also nicht in Theorien oder Begriffen. Das bedeutet, dass man manche Szenen eben nicht schlüssig und eindeutig erklären kann.

Die behandelten Texte sind V. Woolf: Mrs. Dalloway; F. S. Fitzgerald: Der große Gatsby; G. Keller: Die Jungfrau als Ritter (nebst „Die Jungfrau und der Teufel“, beide aus den „Sieben Legenden“); F. Grillparzer: Der arme Spielmann; H. von Kleist: Die Marquise von O….; M. Duras: Moderato cantabile; A. Tschechow: Der Kuss. Bei der Interpretation verknüpft er die einzelnen Szenen und stellt sie behutsam in den Aufbau der Erzählung, macht auch auf die jeweils eigenartige Erzählweise aufmerksam und gibt nebenher manche Querverweise, die man getrost als Anregung zur Lektüre nutzen kann; so werde ich nicht nur einige der besprochenen Texte ganz lesen, sondern auch die vom Autor gerühmte Selbstbiografie Grillparzers.

Die einzige Stelle, an der ich ihm nicht zustimmen kann, ist seine Deutung von Kleists Zweizeiler zur Marquise von O….: „Dieser Roman ist nicht für dich, meine Tochter. In Ohnmacht! / Schamlose Posse! Sie hielt, weiß ich, die Augen bloß zu.“ Wenn man wie von Matt der Marquise den Wunsch abspricht, vom russischen Offizier, ihrem Retter, vergewaltigt zu werden, ist seine Deutung plausibel; aber man müsste ehrlicherweise ihr den untergründigen Wunsch zuerkennen, von ihm geliebt zu werden, vielleicht den ambivalenten Wunsch: Sie wollte und wollte doch nicht – so etwas gibt es.

Fazit: Ein großartiges Buch, ein Lesevergnügen, literarisch vieles erhellend, dazu eine Menge Anregungen für die weitere Lektüre.

https://de.wikipedia.org/wiki/Mrs._Dalloway

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_gro%C3%9Fe_Gatsby

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_arme_Spielmann

https://de.wikipedia.org/wiki/Sieben_Legenden

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Marquise_von_O….

https://de.wikipedia.org/wiki/Moderato_cantabile_(Duras)

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Kuss_(Tschechow)

https://archive.org/details/bub_gb_2L8GAAAAQAAJ/page/n45/mode/2up?view=theater (Text: Der arme Spielmann)

https://www.deutschestextarchiv.de/book/view/keller_legenden_1872?p=59 (Text: Die Jungfrau als Ritter, davor: Die Jungfrau und der Teufel)