Alte Nationalgalerie

Im Jahr 1830 wurde in Berlin das Alte Museum eröffnet, eins der Hauptwerke von Karl Friedrich Schinkel. Es war Preußens erstes öffentliches ✺Museum. Es war auf einer →Insel in der Spree gebaut worden, wo in den nächsten hundert Jahren noch mehrere Museen gebaut werden. Deshalb nennt man sie heute auch die →Museumsinsel. Eins dieser ✺Museen hat heute seinen hundertfünfzigsten Geburtstag, wenn man eine Eintrittskarte hat, sind alle →Führungen in der Alten Nationalgalerie heute frei. 

Am 22. März 1876 wurde die kaiserliche Nationalgalerie von Kaiser Wilhelm, den man Jahrzehnte zuvor den Kartätschenprinz genannt hatte, feierlich eröffnet. Ein Tempel der Kunst des jungen Deutschlands, das es jetzt fünf Jahre gab. Im Auftrag des Königs Friedrich Wilhelms IV, der seit dem Juni 1886 ein →Reiterstandbild vor der Nationalgalerie hat, hatte der preußische Baumeister Friedrich August Stüler ab 1862 das Bauwerk geplant. →Stüler, der ein Schüler von Karl Friedrich Schinkel war, wird hier schon in den Posts Gemäldegalerie und Putbus erwähnt. Gebaut wurde das Museum dann nach Stülers Tod von Johann Heinrich Strack in dem Mischstil aus Klassizismus und der Neorenaissance, den man in der Belle Époque gerne verwendete.

Der erste Direktor der königlichen Nationalgalerie war Max Jordan, hier nach seiner Pensionierung von seinem Neffen Wilhelm Jordan gemalt. Max Jordan verwaltet, was er vorfindet. Der Grundstock des Museums war die →Kunstsammlung von Joachim Heinrich Wilhelm Wagener, die der Bankier in seinem 1859 aufgesetzten Testament dem Prinzregenten, beziehungsweise dem Staat Preußen, schenkte: Im Vertrauen auf das Urtheil vieler Kenner über den nicht unbedeutenden Kunstwerth der Sammlung, die ich mit einem Kostenaufwande von weit über 100,000 Thalern zusammengebracht und mit stets wachsender Freude gepflegt habe, wage ich es, dieselbe Sr. Königlichen Hoheit dem Prinz-Regenten und, insofern bei meinem Ableben die Regentschaft beendet sein sollte, Sr. Majestät dem alsdann regierenden Könige als ein Legat anzubieten und um huldreiche Annahme desselben im Interesse der Kunst unterthänigst zu bitten. Es knüpft sich an diese meine Bitte keinerlei andere Bedingung oder Beschränkung, als die ich in meinem obigen Wunsche für die ungetrennte Erhaltung, Aufstellung und Benutzung der Sammlung bereits auszusprechen mir erlaubt habe.

Schinkels →Gotische Kirche auf einem Felsen am Meer war eins der ersten Bilder, das der Bankier 1815 gekauft hatte, zwei Bilder von Caspar David Friedrich hatte er auch besessen. Über den Säulen der Frontseite der Nationalgalerie steht programmatisch Der Deutschen Kunst. Daran werden sich die Nachfolger von Max Jordan, der die Sammlung von Wagener neu ordnete und katalogisierte, nicht halten. Hugo von Tschudi, der sich in einem Konkurrenzkampf mit dem übermächtigen Wilhelm von Bode befindet, kauft zum Missfallen des Kaisers Monet, →Manet, Renoir, Cezanne und →Constable. Und auch sein Nachfolger Ludwig Justi, den die Nazis 1933 absetzen, wird Ähnliches tun.

Nach der Wiedervereinigung hat man die Berliner Museen neu geordnet, die schöne →Gemäldegalerie Dahlem gibt es nicht mehr. Die Alte Nationalgalerie beherbergt jetzt die Malerei des 19. Jahrhunderts. Schinkels Gotische Kirche ist immer noch da, aber auch Friedrichs Mönch am Meer, der früher in Charlottenburg hing. Eduard Gaertner ist auch hier, aber auch →Manet und Renoir. Die neue Direktorin Anette Hüsch wird sich das seit 2025 alles angeschaut haben, denn mit dieser Kunst hatte sie sich zuvor nicht beschäftigt. Eher mit Jeff Koons, Andy Warhol und Jörg Immendorf.

Hüsch war von 2010 bis 2025 Direktorin der Kieler Kunsthalle. Der ✺NDR hat bei ihrem Abschied über sie gesagt: Mehr als ein Jahrzehnt lang hat Hüsch die Kunstszene in der Landeshauptstadt geprägt. Davon habe ich, das muss ich gestehen, überhaupt nichts gemerkt; obwohl ich in der Landeshauptstadt wohne und seit einem halben Jahrhundert Mitglied des Kunstvereins bin. Die Kunsthalle Kiel ist seit drei Jahren wegen einer Renovierung, die fünfzig oder sechzig Millionen Euro kosten soll, geschlossen. Und wird das auch noch mindestens drei Jahre bleiben. Eine neue Direktorin hat man aber schon. 

Jens Christian Jensen war 1971 der erste hauptamtliche und eigenständige Direktor der Kunsthalle geworden, vorher war der Ordinarius für Kunstgeschichte der Universität in Personalunion Direktor der Kunsthalle. Jensen hatte durch ein Feuerwerk von großen Ausstellungen das verschlafene Provinzmuseum in die Champions League der Museen geführt, seine Nachfolger haben sie in die Kreisklasse gebracht. Jensen, den die dänische Königin zum Ritter des Dannebrogordens ernannt hatte, hatte mir vor seinem Tod geschrieben, dass er über die Tätigkeiten seiner Nachfolger sehr, sehr unglücklich sei. In dem Post Friedrich Mißfeldt habe ich über das Kieler Stadtmuseum Warleberger Hof gesagt, dass dieses Haus ein kulturelles Juwel ist. Als die Kieler Kunsthalle nach dem Weggang von Jensen unter unfähigen Direktoren zur Bedeutungslosigkeit verkam, als nach der Verlegung der Kunstsammlung der Stiftung Pommern nach Greifswald noch ein Loch in die dünne Kulturdecke gerissen wurde, als keine Ausstellungen mehr in der Landeshalle des Kieler Schlosses stattfanden, da blieb der Warleberger Hof der einzige Ort, an dem man noch interessante Ausstellungen sehen konnte. 

Irgendwie lebte ich wohl in einer anderen Welt als die Direktorin der Kunsthalle, die angeblich die Kunstszene der Landeshauptstadt geprägt hat. Aber wie es auch sei, ich gratuliere natürlich der Alten Nationalgalerie, in der ich in meinem Leben viele Stunden verbracht habe, zum hundertfünfzigsten Geburtstag. Bei Google habe ich über meinen Blog gelesen: Die Texte sind bekannt für ihre intellektuelle Tiefe, gepaart mit einem persönlichen, oft anekdotischen Erzählstil. Das stimmt wahrscheinlich, je suis comme je suis. Und so will ich meinen Glückwunsch mit etwas Anekdotischem beschließen. Dieses schöne Bild von Franz Krüger aus der Nationalgalerie, das den →Künstler beim Ausritt mit dem Kronprinzen zeigt, brauche ich auch dazu. Vor fünfundsechzig Jahren war ich mit meiner Freundin Traute, die leider viel zu früh verstorben ist, eine Woche in Berlin. Wir bewegten uns von Museum zu Museum. Wir hatten noch kein Abitur, aber Traute war klar, dass sie Kunst studieren würde. Mir war klar, dass ich  Kunstgeschichte studieren würde. Und an diesem schönen Spätsommertag, als wir auf der Museumsinsel landeten, konnte ich es wieder einmal nicht lassen, den Mini-Kunsthistoriker herauszulassen und gab vor jedem Bild meine Kommentare ab.

Als wir bei Franz Krügers →Parade auf dem Opernplatz in Berlin angekommen waren, gesellte sich eine vierköpfige Familie aus Sachsen zu uns, die irgendwie den Eindruck hatten, dies sei eine offizielle Museumsführung. Bei der Nennung von Pferde-Krüger nickten sie schon alle fachmännisch mit den Köpfen, und als ich dann noch hinzufügte, dass Krüger bei einem Landschaftsmaler namens Kolbe gelernt hatte, den man den Eichen-Kolbe nannte (weil er immer so schöne Eichen in seine Bilder malte), waren sie von mir begeistert. Pferde-Krüger und Eichen-Kolbe, das kann man sich leicht merken. Und dann zur Krönung noch die Geschichte, dass Krüger am Anfang seiner Karriere Kohlezeichnungen von Pferden und Stallburschen gemacht hat, für fünf Groschen das Bild. Die Geschichte stimmt wahrscheinlich nicht, kommt aber immer gut an. 

Glücklicherweise besitzt die Nationalgalerie auch viele →Bilder von Carl Blechen, einem Maler, zu dem mir (wie bei diesem →Waldweg bei Spandau) immer etwas einfällt. Am Ende des Nachmittags war die Gruppe, die wir von Saal zu Saal mitschleppten, auf etwas über zwanzig Leute angewachsen. Meine Freundin Traute, eine coole Blondine, hatte die ganze Zeit über Schwierigkeiten, nicht vor Lachen loszuprusten. Ein schwedisches Diplomatenehepaar mit einem verzogenen Gör gab mir zum Schluss sein ganzes DDR Blechgeld. Sie glaubten wohl, einem jungen DDR Bürger damit einen großen Gefallen zu tun. Wir versuchten, das DDR Geld über das Wasser zu ditschen, aber was mit flachen Kieseln auf der Weser geht, ging mit den Münzen auf der Spree nicht. Das billige Blechgeld hüpfte nicht, wie es hüpfen sollte.

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amerikanische Malerei der Romantik


Heute vor 225 Jahren wurde Thomas Cole in Bolton in Lancashire geboren. Er wanderte als Jugendlicher mit seinen Eltern nach Amerika aus und wurde zum bedeutendsten Maler der amerikanischen Romantik. Er hat Bilder der wilden Schönheit von God’s Own Country gemalt, einem Land, das sich in der Zeit der Romantik über die Natur definierte. In der →Trauerrede für seinen Freund Cole sprach der amerikanische Dichter William Cullen Bryant 1848 von the delight at the opportunity of contemplating pictures which carried the eye over scenes of wild grandeur peculiar to our country, over our ariel mountain-tops with their mighty growth of forest never touched by the axe, along the banks of streams never deformed by culture.

Diese Schönheit der Natur never deformed by culture gibt es nicht mehr. Die amerikanische Kunsthistorikerin Barbara Novak hat das Standardwerk Nature und Culture, American Landscape and painting 1825-1875 über die Zeit geschrieben, als sich Amerika über die Natur definierte. Ich habe das Buch →hier im Volltext. Bei Novak kann man lesen, wie besorgt Thomas Cole sich in Schriften und Gedichten dazu äußerte, dass es das Paradies, das er malte, bald nicht mehr so geben würde. Lesen Sie mehr dazu in den Posts Bäume und Umwelt. Das Buch, das Barbara Novak 1980 schrieb (es gibt inzwischen eine überarbeitete neue Auflage), war ein wenig revolutionär. Denn die amerikanische Malerei hatte es schwer, von den Amerikanern wahrgenommen zu werden.

Der einzige, der in Amerika über amerikanische Malerei schrieb, war ein ehemaliger Journalist namens James Thomas Flexner, der niemals Kunstgeschichte studiert hatte. Aber er hatte in Harvard studiert, und er konnte hervorragend schreiben. Was auch durch Auszeichnungen wie den National Book Award und eine Pulitzer Prize Special Citation für seine vierbändige ✺Washington Biographie gewürdigt wurde. Seinem Buch →American painting First flowers of our wilderness (1947) folgten A Short History Of American Painting und für ein breiteres Publikum das kleine Taschenbuch American Painting.

Ein Fach Kunstgeschichte wie in Deutschland gab es in Amerika eigentlich gar nicht – das wird sich ändern, wenn die von Hitler vertriebenen deutschen Kunsthistoriker an amerikanischen Universitäten Unterschlupf finden. Doch nur wenige von ihnen widmeten sich der Kunst ihres Gastlandes. Wie zum Beispiel Alfred Neumeyer, dessen Geschichte der amerikanischen Malerei: Von der kolonialen Frühzeit bis zur naiven Malerei im 18. u. 19. Jahrhundert 1974 bei →Prestel erschien. Schon 1948 hatte Wolfgang Born (der Halbbruder des Nobelpreisträgers Max Born) bei der Yale University Press sein Buch American Landscape Painting: An Interpretation veröffentlicht (es wurde 2021 neu aufgelegt). Das war damals das erste Buch über die amerikanische Landschaftsmalerei überhaupt.

Die amerikanische Malerei kam in meinem Studium der Kunstgeschichte nicht vor. Dass es 1988 in Berlin eine Ausstellung amerikanischer Malerei geben würde (und 2007 eine weitere: Neue Welt: Die Erfindung der amerikanischen Malerei im Hamburger Bucerius Forum) konnte niemand ahnen. 

Als ich 1988 einem amerikanischen Gastprofessor empfahl, sich die Ausstellung Bilder aus der Neuen Welt in Berlin anzuschauen, kam er mit dem Satz zurück: Gee, Jay, I didn’t know we had all that art. Wir könnten nun belustigt über diesen Amerikaner schmunzeln, doch ich kann diesen kleinen Gag noch übertreffen. Wenn ich nämlich verrate, dass einer der deutschen Kunsthistoriker, der 1988 die Ausstellung in Berlin gemacht hatte, mir damals insgeheim gestand, dass er niemals geahnt hätte, dass die Amerikaner wirklich solche Maler besäßen. Aber seine Frau, die hätte das gewußt, sonst hätte er sich gar nicht an die Ausstellung gewagt. Dieses Bild von Asher B. Durand mit dem Titel ✺Kindred Spirits zeigt die Freunde Thomas Cole und Williams Cullen Bryant in den Catskills, die für Cole zur Heimat geworden waren.

Als ich mich bei Professor Wolfgang J. Müller für die Doktorprüfung anmeldete, spielte ich einen Augenblick mit dem Gedanken, ihm die amerikanische Malerei der Romantik vorzuschlagen. Das Buch Die Maler der Romantikin Amerika von F.M. Huebner und Virginia Pearce Delgado, das ich als Jugendlicher in einem Antiquariat gefunden hatte, konnte ich auswendig. Ich hatte alle Aufsätze zur amerikanischen Kunst gelesen, die in der Zeitschrift Perspectives waren, und das Kennedy Haus hatte mir alles besorgt, was innerhalb des Leihverkehrs der Amerika Häuser zugänglich war. Aber ich habe das mit der amerikanischen Kunst als Prüfungsthema gelassen. Obwohl Müller das wahrscheinlich akzeptiert hätte. Als ich viele Jahre später einen Aufsatz über Thomas Cole und William Cullen Bryant geschrieben hatte, schickte ich ihm natürlich einen Sonderdruck.

Und bekam wenig später einen langen Brief, in dem er schilderte, wie er bei seinem ersten Besuch in Amerika versucht hatte, die Stelle zu finden, von der aus Cole den Katerskill Wasserfall (der oben im ersten Absatz abgedruckt ist) gemalt hatte. Er legte noch die Photokopie eines Artikels (Naomi Bliven: Searching for Kaaterskill Falls) aus dem New Yorker bei. Ich glaube, er war damals der einzige deutsche Professor für Kunstgeschichte, der sich für amerikanische Malerei interessierte. Vielleicht ist das heute ja anders, ich weiß es nicht. Als ich noch an der Uni war, habe ich mal ein Seminar über die amerikanische Malerei des 18. und 19. Jahrhunderts gemacht. Ich glaube, dass das die erste und einzige Lehrveranstaltung zu dem Thema an der Uni war. In meinem Blog gab es die amerikanische Malerei aber immer wieder, von John Singleton Copley bis zu Jackson Pollock und Grandma Moses.

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nie gesehen

In der Folge ✺Nicht schießen (1985) der Fernsehreihe Schwarz-Rot-Gold ermittelt der Zollfahnder Zaluskowski (Uwe Friedrichsen) gegen einen international tätigen Kriminellen, der einen amerikanischen Hochleistungscomputer in die Sowjetunion schmuggeln will. Was ihm am Ende nicht gelingt, der Zollamtsrat Zaluskowski und seine Truppe werden den Computer in einem Container im Hamburger Hafen sicherstellen. Der Kriminelle bleibt auf der Flucht, seine beiden Helfershelfer  (Thekla Carola Wied und Peter Fitz) werden in den USA festgenommen. Peter Fitz war schon in dem ersten Film der Serie Unser Land, der wie Nicht schießen von Dieter Wedel gedreht worden war, der Bösewicht. Wedel war nach seiner Dissertation von Dieter Meichsner (der alle achtzehn Folgen von Schwarz-Rot-Gold schrieb)  als Filmregisseur für den NDR angeworben worden. Die drei Folgen (✺Unser Land, ✺Alles in Butter, ✺Nicht schießen), die er für die Serie drehte, gehören qualitativ mit zu den besten der Serie.

Am Anfang des Films plant der Bösewicht (gespielt von Joachim Bißmeier) in der Hamburger Kunsthalle zusammen mit einem Kompagnon den großen Coup. Sie stehen in der Kunsthalle vor einem großen Bild. Einem sehr großen Bild, es ist fünfzig Quadratmeter groß. Ich habe das Bild nie gesehen, dabei kenne ich die Hamburger Kunsthalle gut. War sogar jahrelang Mitglied im Kunstverein. Deshalb konnte ich 1974 bei der großen Caspar David Friedrich Ausstellung auch an der langen Schlange vorbei flanieren, um am Eingang meinen kleinen grünen Mitgliedsausweis zu zeigen. Das Bild, das ich nie hesehen habe, heißt Der Einzug Kaiser Karls V in Antwerpen, die Hamburger Kunsthalle hatte es 1882 für 130.000 Mark gekauft.

Damals fand man die Bilder von Hans Makart ja chic, vor allem, wenn auf dem Bild auch noch nackte Ehrenjungfrauen unbekleidet bei hellem Sonnenschein durch die Straßen wanderten. Man kennt heute die Namen der nackten Damen der Wiener Schickeria, das Bild führte damals zu einem Skandal. Während des Zweiten Weltkriegs rollte man das Bild ein und ließ es im Keller verschwinden. Ende der siebziger Jahre hatte der Kunsthallendirektor Werner Hofmann die Idee, den Schinken wieder aus dem Keller zu holen. Die Restaurierung des Gemäldes kostete 130.000 Mark und dauerte mehr als ein Jahr. Man musste die fünfzig Quadratmeter ganz vorsichtig wieder glattbügeln.

Als man dann die ganze kitschige Pracht des Wiener Historismus wieder in der Kunsthalle stehen hatte, war man mit dem Bild nicht so glücklich, es passte nicht so richtig ins Gesamtbild, es erschlug alle Bilder daneben. Man wollte es allerdings nicht wieder zusammenrollen, man baute einfach eine Gipswand davor. Im Jahre 2020 nahm man die Wand wieder weg, weil man eine Makart Ausstellung plante. Sie können das auf diesem ✺Video sehen. Auf diesem Photo kann man sehen, dass man die Wand schon abgebaut hat, das Bild ist noch von einer Schutzfolie umgeben.

Nackte Frauen soll es am 23. September 1520 in Antwerpen wirklich gegeben haben. Albrecht Dürer berichtet Melanchton in einem Brief von den allerreizendsten Jungfrauen, fast nackt, nur in einem sehr dünnen und durchsichtigen Schleier gehüllt, die er gesehen habe. Der Kaiser habe sie aber nicht beachtet. Dürer war in Antwerpen, weil er hoffte, dass der neue Kaiser die Rentenzahlungen erneuerte, die ihm Kaiser Maximilian gewährt hatte. Makart hat Dürers Bericht von seinem Aufenthalt in Antwerpen gekannt, und deshalb haben wir die nackten Frauen in der Bildmitte. Und Albrecht Dürer auch. Man muss nur genau hingucken. Wenn Sie von der grünen Girlande auf dem Balkon links ein Stück heruntergehen, dann sehen Sie Dürer im Profil.

1938 wollte das Münchener Haus der Deutschen Kunst auf Wunsch von Herman Göring das Bild gerne kaufen. Göring (hier ein Blick in seine Kunstsammlung) hatte ja selbst mehrere →Bilder von Markart. Eins der →Bilder hatte ihm Adolf Hitler geschenkt, der selbst→Makart bewunderte. Aber die Kunsthalle lehnte ab. Dr Werner Kloos schrieb: Es handelt sich um eines der repräsentativsten Stücke dieses Meisters in Deutschland und bildet das Hauptwerk der erst vor wenigen Monaten neu eingerichteten ‚Galerie des 19. Jahrhunderts‘ in unserem Haus. Zudem ist dieses Werk seit Jahrzehnten mit der hamburgischen Museums- und Kunstgeschichte eng verbunden und stellt einen der Hauptanziehungspunkte dar. Da die Kunsthalle entsprechend der wieder wachsenden Bedeutung Hamburgs als ‚Tor zur Welt‘ mehr und mehr von Ausländern und Fremden in großer Zahl besucht wird, würde das Verschwinden dieses Bildes eine unersetzliche Lücke in unseren Bestand reißen. Kloos war ein echter →Nazi, war in der NSDAP und Untersturmbannführer der SS. Wie dieser Mann nach dem Krieg Direktor des Bremer Focke-Museums werden konnte, ist mir bis heute unklar.

Der Makart-Saal soll anregen, Sichtweisen zu hinterfragen. Der Makart-Saal, als Auftaktsaal des Rundgangs durch die Museumssammlung, soll in Zukunft das Publikum anregen, herkömmliche Sichtweisen zu hinterfragen. Was früher vielleicht richtig war, muss den heutigen Vorstellungen nicht mehr entsprechen. Das kann man auf der Seite der ✺Hamburger Kunsthalle lesen. Sind das Plattitüden oder ist das kunsthistorische Verzweiflung? In diesem Jahr werden die USA zweihundertfünfzig Jahre alt, dies wäre doch ein schönes Geschenk. Donald Trump wird das Bild sicher gefallen, und in Mar-a-Lago würde das Bild auch einen besseren Platz haben als in der Hamburger Kunsthalle.

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doublet

Heute vor hundertsechzig Jahren wurde der Maler Félix Edouard Vallotton geboren. Er war ein einziges Mal mit einem Bild in dem Post Peepshow, das Bild stelle ich noch einmal ein. Ich mag seine Malerei überhaupt nicht, und er käme kein zweites Mal in meinem Blog vor, wenn ich nicht ein wirklich witziges Bild gefunden hätte, das ich an seinem Geburtstag gerne hier zeigen möchte. Es hat mich gewundert, dass Valloton sich immer wieder in der Aktmalerei versuchte, obgleich das eigentlich nicht seine Sache ist. Ich habe hier den Aufsatz →Der nackte Akt : Félix Vallotton (1865-1925) zu dem Thema. Falls Sie das interessiert.

Julian Barnes fand Valltons Aktbilder scheußlich: Als ich zum ersten Mal seine Akte sah, schienen sie das Vallotton’sche Gesetz zu beweisen: Je weniger Kleider eine Frau auf einem seiner Gemälde trägt, desto schlechter ist es. Aber trotzdem hat er einen langen →Artikel über Valloton geschrieben und vor zehn Jahren eine →Valloton Ausstellung kuratiert. Mir ist der Julian Barnes, der über rote Morgenmäntel und Flauberts Papagei schreibt, lieber als der Barnes, der Valloton mag. Ich finde die Aktgemälde von Valloton auch scheußlich, am scheußlichsten ist sicher das →Bild von 1921, das das Städelsches Kunstinstitut besitzt.

In meinem Bild heute ist Valloton nur Nebensache. Es ist ein Farbphoto von Albert Theodor Schaefer. Es hat den Titel →Félix Vallotton: Madame Vallotton im Morgenrock II. Madame Valloton Nummer eins ist auf dem Photo auch zu sehen, links auf dem →Gemäldean der Wand. Auf dem im Hintergrund noch ein Aktgemälde zu sehen ist. Das Photo gehört, wie das Gemälde, der Staatsgalerie Stuttgart. Das 50 mal 65 Zentimeter große Photo ist ein Bild aus der Serie BilderEchos des →Photographen, der sich auf Theater- und Opernphotographien spezialisiert hat, aber auch viele andere interessante Dinge macht. Irgendwie ist es ein perfektes Bild, auf dem wir drei mehr oder weniger bekleidete Frauen sehen können. Leider werden wir wahrscheinlich nie erfahren, wer diese sexy Brünette mit dem weißen Badetuch ist, die durch die leere Staatsgalerie tänzelt. Immer, wenn ich in Kunsthallen bin, laufen mir solche Frauen nicht über den Weg.

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se vuol ballare, Signor Trumpino?

Am Morgen habe ich die New York Times in der Mail, am Abend den New Yorker Daily. Den New Yorker hatte ich mein halbes Leben als Abo oder als Geschenk; und Adam Gopnik, den ich als Autor sehr schätze, hat hier schon einen Post. Die Lektüre der besten Zeitungen aus den USA kostet übrigens nichts, Sie brauchen sich nur mit Ihrer E-Mail Adresse auf die Liste setzen zu lassen. Sie können natürlich auch den White House Newsletter abonnieren, aber das wollen Sie sicher nicht. Obgleich die Selbstinszenierung der Regierung Trump sehr, sehr komisch ist. Was beide New Yorker Blätter im Augenblick beschäftigt, ist der Ostflügel des Weißen Hauses, den Trump gerade abreißen lässt. Weil er dort einen Ballsaal für tausend Leute bauen will, den sich die Nation angeblich schon immer gewünscht hat: For 150 years, Presidents, Administrations, and White House Staff have longed for a large event space on the White House complex that can hold substantially more guests than currently allowed. President Donald J. Trump has expressed his commitment to solving this problem on behalf of future Administrations and the American people.

Als ich die Sache mit dem Ballsaal zu ersten Mal las, fiel mir Figaros Arie se vuol ballare, signor contino ein, das wäre ein witziger Titel für das Ganze gewesen. Signor contino Donald lässt einen Ballsaal bauen und Figaro bringt ihm das Tanzen bei. Im New Yorker beantwortete George E. Condon, die Frage How normal is this sort of White House renovation? mit den klaren Sätzen: The White House wants you to believe this is totally normal, citing all the renovations, big and small, made by past Presidents. They are right that changes were made. But they are dead wrong about how this is being done. With the exception of F.D.R. secretly building a bunker under the East Wing during the Second World War, past renovations of this size were debated, funded by Congress, and done only after the need was manifest. None were rushed and done at the whim of a President.

Keine Diskussionen in Kongress oder Senat, überhaupt keine Diskussionen im Land, wenn der Signor Trumpino at the whim seinen Tanzsaal haben will. So etwas wollte er schon vor Jahrzehnten mal haben und mit 100 Millionen Dollar selbst finanzieren, aber Obama hat seinen Brief gar nicht erst beantwortet. Hatte allerdings, als er sich 2011 um die zweite Amtszeit bemühte, beim jährlichen White House Correspondents Association Dinner ein Photo in seinem Vortrag eingeblendet, das das Weiße Haus nach einem theoretischen Sieg Donald Trumps zeigte. Das war damals ein kleiner visueller Scherz. Heute ist das Bild bitterböse Satire, aber vielleicht wird das ja noch genau so werden. Den Bordell-Stil seines Anwesens Mar-a-Lago mit viel →Gold und Glitzer hat Trump ja schon in das Weiße Haus gebracht: Where the Oval Office once conjured gravitas and continuity through its restrained adornments, it now evokes insecurity and petulance. It is awash in gilt.

Das Weiße Haus, das architektonisch sicherlich nicht die Bedeutung von Jeffersons Monticello hat, ist über die Jahre immer wieder umgebaut worden; vom Original von James Hoban ist wenig erhalten. Donald Trump benutzt jetzt eine →Auflistung der Umbauten durch Amerikas Präsidenten, um gegen seine Kritiker vorzugehen: In the latest instance of manufactured outrage, unhinged leftists and their Fake News allies are clutching their pearls over President Donald J. Trump’s visionary addition of a grand, privately funded ballroom to the White House — a bold, necessary addition that echoes the storied history of improvements and additions from commanders-in-chief to keep the executive residence as a beacon of American excellence

Wir lassen das Geschwafel mit der manufactured outrage, den unhinged leftists and their Fake New mal so stehen und kommen zu einer kurzen Baugeschichte. 1902 begann Roosevelt mit erheblichen Renovierungsmaßnahmen, die dem Haus diesen Ostflügel (und einen Südflügel) verschafften. Die Bauarbeiten wurden durch Amerikas renommierteste Firma McKim, Mead and White durchgeführt, die dafür berühmt waren, die größten Villen für die Millionäre des Gilded Age im Stil der École des Beaux-Arts von Paris zu bauen (lesen Sie mehr in Dementia Americana). Die verpassten dem →Haus auch die weiße Farbe. Und Roosevelt gibt ihm den Namen The White House

Nicht nur McKim, Mead and White haben das Haus umgebaut, das Haus wurde, seit es die Engländer im Krieg 1812-1814 angezündet hatten, ständig umgebaut. Damals hatte man das Gebäude zum ersten Mal weiß gestrichen, um die Brandschäden zu übertünchen. Von nun an baut jeder Präsident ein wenig an dem Haus dran herum. James Monroe ließ den Portikus im Süden errichten, Andrew Jackson zehn Jahre später den North Portico. Am Ende des 19. Jahrhunderts plädierten schon viele für einen Abriss und Neubau des Gebäudes. 

1945 merkte man, dass das Haus wirklich abrissreif war. Die Bausünden von Jahrhunderten wurden evident. Und die eine tragende Wand hätte Roosevelt nicht entfernen sollen. Nachdem das Spinett seiner Tochter durch die Decke des Obergeschosses gebrochen war, zog Präsident Truman mit seiner Familie in das Blair House, wo er die nächsten vier Jahre wohnen wird. So wie auf diesem Bild sah das Weiße Haus im Frühjahr 1950 aus, nur die Außenwände stehen noch, man hatte es vollständig entkernt. Fachleute hatten für einen Abriss des baufälligen Hauses plädiert, aber das wollte der Kongress nicht hören. Er bestand auf dem Erhalt der Fassade. Der Architekt Lorenzo Simmons Winslow wird dem amerikanischen Präsidenten ein neues Zuhause aus Stahlbeton geben. Im Frühjahr 1952 führte Harry S. Truman ein ✺Fernsehteam durch das im Inneren völlig neue Weiße Haus.

Und nun bekommt es eine visionary addition, einen neuen Flügel, der allerdings die ganze Konstruktion ein wenig aus dem Gleichgewicht bringt. Palladio, der für Amerikas öffentliche Bauten der Stilgeber ist, hätte so etwas nicht gebaut. Denn der Ballsaal im Stil von Versailles für Signor Trumpino wird größer als das Weiße Haus sein. I’ve seen drawings of the ballroom next to the White House, and it does a couple of things. First, it dwarfs it. And second, it takes away the symmetry. The White House looks symmetrical from above, from the front, and from the back — and this addition disrupts that, hat die Historikerin Dr Lindsay Chervinsky gesagt. 

Aber für den Bauherren, der das aus seiner Tasche (und den Taschen seiner Milliadärsfreunde) bezahlt, ist das alles nur beautifulIt will be beautiful. It won’t interfere with the current building. It won’t be – it will be near it, but not touching it. And pays total respect to the existing building, which I’m the biggest fan of. It’s my favourite. Der Architekt, den Trump für seinen Ballsaal gefunden hat, war bisher auf katholische Kirchen spezialisiert. Er war mal ein Vertreter moderner Architektur, tendiert aber heute zu irgendetwas, das er als klassisch empfindet. Er ist da wieder angekommen, wo McKim, Mead and White vor hundert Jahren schon waren. Ein bisschen klassischer Touch für Multimillionäre, die viel Geld und ganz wenig Geschmack haben.

Se vuol ballare, signor contino, singt Figaro, und seine Cavatine ist ein Lied der Rebellion. Das wissen wir, die Oper war häufig in diesem Blog. 

Will der Herr Graf ein Tänzchen nun wagen,
mag er’s mir sagen, ich spiel ihm auf.
Soll ich im Springen Unterricht geben,
auf Tod und Leben bin ich sein Mann.
Ich will ganz leise
listigerweise von dem Geheimnis
den Schleier ziehn.
Mit feinen Kniffen, mit kecken Griffen,
heute mit Schmeicheln, morgen mit Heucheln
werd‘ seinen Ränken ich kühn widerstehn.

Nur Googles KI-Modus hat das nicht begriffen. Da steht doch tatsächlich: Der Text lautet: „Will der Herr Graf ein Tänzchen nun wagen, mag er’s nur sagen, ich spiel‘ ihm auf“. Dieser Text stammt aus der Cavatine des Figaro aus der Oper Die Hochzeit des Figaro von Wolfgang Amadeus Mozart. Es handelt sich um die Arie, in der Figaro vor Freude, dass der Graf nicht gegen ihn ist, die Musik für den Grafen spielt … Bedeutung im Kontext: In dieser Arie drückt Figaro seine Freude aus, weil der Graf anscheinend nicht mehr gegen ihn ist. Er spielt die Musik für den Grafen und sagt, dass er ihm gerne aufspielen wird, wenn der Graf tanzen möchte. Nein, ihr Vollpfosten, Figaro will verhindern, dass der Graf Susanna an die Wäsche geht!

Wird man Signor Trumpino zum Tanz aufspielen? Die Musik, die er im Augenblick hört, ist der Krach der Abrißbirne: You probably hear the beautiful sound of construction in the back… When I hear that sound, it reminds me of money. Ach ja, das ist das einzige, das er im Kopf hat. This is Trump’s presidency in a single photo. Illegal, destructive, and not helping you, hat die Senatorin Elizabeth Warren über die ersten Photos gesagt. Und Hillary Clinton schrieb: It’s not his house. It’s your house. And he’s destroying it. Der Historiker Edward G. Lengel hat gesagt: I think Thomas Jefferson, poor old TJ, his head would’ve exploded if he had seen this. Die Frage, die bleibt, ist: wird Signor Trumpino es noch erleben, in seinem Ballsaal zu tanzen? Wird man da jemals solche ✺Szenen sehen? Und wer werden die anderen tausend in dem Saal sein? Repräsentieren die Amerika? Kann man Trumps Ränken, wie Figaro es singt, ganz leise Mit feinen Kniffen, mit kecken Griffen, heute mit Schmeicheln, morgen mit Heucheln kühn widerstehn? Die ersten Klagen gegen die Abrissarbeiten sind eingereicht.

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Lilienthal

Heute vor 280 Jahren wurde Johann Hieronymus Schroeter in Erfurt geboren, er soll uns einige Zeilen wert sein. Meyers Konversations-Lexikon weiß siebzig Jahre nach seinem Tod über ihn zu sagen: er wurde 1778 bei der hannöverschen Regierung angestellt und später Justizrat und Oberamtmann zu Lilienthal im Herzogtum Bremen, wo er eine Privatsternwarte errichtete und wichtige Beobachtungen über die physische Beschaffenheit der Planeten und des Mondes anstellte. 

Dieser Schroeter (hier auf einem Notgeld Schein der 1920er Jahre mit Karl Ludwig Harding und Friedrich Wilhelm Bessel) war ein bedeutender Mann. Eigentlich hatte er in Göttingen Jura studiert, aber er hörte auch Vorlesungen bei Abraham Gotthelf Kästner, der der Leiter der Göttinger Sternwarte war. Kästner wird in dem Post ein Poet im vollen Sinne des Wortes einmal erwähnt, aber der Lilienthaler Oberamtmann Schroeter, der war immer wieder in diesem Blog. Auf einer Seite, die →Telescopium Lilienthal heißt, hat Klaus-Dieter Uhden die Lebensgeschichte des Mannes mit der Privatsternwarte aufgeschrieben, der das kleine Kaff Lilienthal für die Wissenschaft berühmt gemacht hat. Dieses Lilienthal ist einer der interessantesten Orte! Zwar die Umgebung – es liegt eine Meile nordöstlich von Bremen, in Richtung der großen Moore – kann wohl nur dem Auge des Kanalbauers reizvoll erscheinen; im Herbst und Winter soll das Land voller Nebel und Rauch sein, und einen wahrhaft finnischen Anblick darbieten. … Herr Harding, der die Güte hatte, mir die Instrumente, zweifellos die größten auf dem Kontinente befindlichen, zu zeigen, bedauerte ebenfalls die Ungunst des Himmels. Umso erstaunlicher sind die Resultate seines Fleißes, von denen er uns einige äußerst schätzbare Blätter eines großen Sternatlas vorwies.

Das lässt Arno Schmidt den preußischen Obristen Massenbach in einer Erzählung sagen, in der Massenbach im Jahre 1801 die Lilienthaler Sternwarte besucht. →Lilienthal 1801, oder Die Astronomenhätte ein großer Roman werden sollen, gegen den Zettels Traum eine bloße Handübung gewesen wäre. Aber der Roman ist nie erschienen, allerdings haben sich in Schmidts Zettelkästen rund 400 Notizzettel befunden, die man zu einem Buch zusammengetragen hat. Mit Photographien des Handlungsortes, thematisch verwandten Tagebuchauszügen und Briefstellen von Arno und Alice Schmidt. Lilienthal kannte Arno Schmdt, er hatte sich 1957 auf die Küsterstelle von St Jürgen beworben und dem Pastor geschrieben: Ich wiederhole noch einmal, daß mir eine Wohnung in St Jürgen, zumindest für die nächsten Jahre hinaus, durchaus ideal erscheint; zumal mein nächstes Buch, mit dem Titel ‚Lilienthal 1801‘, in der dortigen Landschaft lokalisiert sein wird. Aber daraus wurde nichts. Schade, es war so still dort, schreibt er an seinen Freund Alfred AnderschGenau die Landschaft, die ich für ‚Lilienthal‘ brauche.

Als ich klein war, hatte ich mal den Vorsatz, alles über die Sterne am Himmel zu wissen. Als ich zur Oberschule kam, hätte ich den Vorsatz in die Tat umsetzen können. Denn die Schule hatte ein kleines Observatorium auf dem Dach, hier hat es jemand bei Schnee aufgenommen. Meine goldene Omega Constellation de Luxe hat auch ein Observatorium auf dem Gehäuseboden, das erinnert mich heute noch immer daran, dass aus den guten Vorsätzen mit der Erkundung des Sternenhimmels nichts geworden ist.

Ich verschob die Welt der Sterne auf später. Das ist mit den guten Vorsätzen ja immer so. Ich habe aber ein kleines Buch, in dem der ganze Himmel und die Harmonie der Welt erklärt wird. Und ich bekam eine drehbare Sternkarte geschenkt. Ich habe die Sache noch nicht ganz aufgegeben. Ich bin noch nicht bei der Haltung Panofskys angelangt, der, als ihm Ernst Kantorowicz sagte: Wenn ich zu den Sternen aufblicke, empfinde ich meine eigene Sinnlosigkeit, geantwortet hat: Alles, was ich empfinde, ist die Sinnlosigkeit der Sterne. Auch wenn ich am Sternenhimmel den Großen Bären nicht von dem Kleinen Löwen unterscheiden kann, über Astronomen und die Astronomie habe ich viel gelesen. Und deshalb weiß ich, dass in dem Roman Mason & Dixon von Thomas Pynchon die Astronomie eine Rolle spielt, und deshalb weiß ich auch, wer Heinrich Christian Schumacher war.

Seit zehn Jahren steht in Lilienthal ein funktionstüchtiger Nachbau des →Spiegelteleskops von Johann Hieronymus Schroeter aus dem Jahre 1793. Nach dem Tod von Schroeter 1816 verfiel die Sternwarte und wurde 1850 abgerissen. Schroeter hatte es nicht verwinden können, dass die Franzosen 1813 den ganzen Ort niedergebrannt hatten und dabei alle seine wissenschaftlichen Aufzeichnungen verbrannt waren. Am Anfang des Jahrhunderts hatte alles ganz anders ausgesehen. 

Da hatte der Amateurastronom von Lilienthal, der all seine Forschung und seine Publikationen selbst finanziert hatte, ziemlich viel Geld. Weil er 1799 alles, unter Vorbehalt der weiteren eigenen Nutzung, an den englischen König Georg verkauft hatte. Und im Jahre 1800 gründete er zusammen mit Franz Xaver von Zach die Astronomische Gesellschaft. In seiner Zeitschrift Monatliche Korrespondenzen für Erd- und Himmelskunde schrieb von Zach über Schroeter: Es ist in Deutschland noch immer ein seltner Fall, dass die erhabene Sternkunde thätige Liebhaber findet. Noch seltener ist die Erscheinung, dass Privatmänner einen beträchtlichen Theil ihres Vermögens auf die Anschaffung kostbarer Werkzeuge verwenden, die sie nicht etwa zum Staate, als gelehrten Hausrath anschaffen, sondern unermüdet und beharrlich mit dem glücklichsten Erfolge zu nützlichen Himmels-Beobachtungen und zur Erforschung neuer Wahrheiten gebrauchen, welche unmittelbar zu weiteren Fortschritten in der Weltenkunde führen. Es gibt einen solchen Mann in Deutschland, auf den das Vaterland stolz sein darf, und dieser ist der, dessen wohlgetroffenes Bildnis das gegenwärtige Heft unserer Zeitschrift ziert.

Lilienthal liegt zwischen den Ortschaften Worpswede und Fischerhude, beide haben etwas mit der Kunst zu tun. Zu Worpswede gibt es in diesem Blog eine Vielzahl von Posts. Fischerhude kommt in den Posts Cato Bontjes van Beek  und Albert Stagura vor, Lilienthal hatte mit Kunst wenig zu tun. Aber das hat sich geändert. Dank des Sammlers Hans Adolf Cordes, der die →Lilienthaler Kunststiftunggründete, gibt es in dem Kulturdreieck zwischen Wümme, Wörpe und Hamme jetzt massenhaft Kunst. Dank der Ausstellung →Hanseatische Malerinnen um 1900: Wie sie die Welt sahen im Jahre 2016 weiß ich etwas darüber. 

Drei der Malerinnen, deren Bilder da zu sehen waren, sind inzwischen in diesen Blog gewandert: Aline von KapffAnna Feldhusen und Dora Bromberger. Die aktuelle Ausstellung in Lilienthal →Das große Glück: Die Sammlung der Lilienthaler Kunststiftung läuft noch bis zum 19. Oktober.

Johann Hieronymus Schroeter und seine Sternwarte werden schon in mehreren Posts erwähnt: Wilhelm OlbersZeissMoorAstronomieEurekaFindorffAufklärungKometenschwanzleben. Und noch mehr über Observatorien, Sterne, Mond und Zeitmessung finden Sie hier: Adam Elsheimer ObservatoriumAbschiedsgeschenkDampfschiffahrtZeitmessungSommerzeitSir Christopher WrenAlberto Santos-DumontAstronomieVollmondHimmelDie Harmonie der WeltVulkaneDunkelheitMondnachtSoFiMünchhausen auf dem Mond.

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Gassenvenus

Heute vor 195 Jahren begann die Pariser Julirevolution, sie dauerte drei Tage, die man später Les Trois Glorieusesnannte. Der Marschall Marmont soll seinen König retten, aber es gelingt ihm nicht. Der König flieht nach England und Louis Philippe von Orléans, der einmal unter dem Namen Ludwig Philippe de Vries Tanzlehrer in Friedrichstadt war, wird Bürgerkönig, roi citoyen. Delacroix, der das riesige Gemälde La liberté guidant le peuple im Herbst des Jahres malte, war nicht bei den Straßenkämpfen dabei. Aber er will seinen Beitrag zur Revolution leisten, das schreibt er im Oktober 1830 seinem Bruder: Pour le spleen, il s’en va grâce au travail. J’ai entrepris un sujet moderne, une barricade, et si je n’ai pas vaincu pour la patrie, au moins peindrai-je pour elle. Cela m’a remis en belle humeur

Das englische Wort spleen, das Verärgerung, Schwermut und Melancholie bedeuten kann (Melvilles Ishmael bekämpft seinen →spleen, indem er zur See fährt), ist noch nicht so gebräuchlich in der französischen Sprache. Erst wenn Baudelaire von dem →spleen redet, gelangt es in die Sprache. Delacroix konnte Englisch, er war in →England gewesen und bewunderte die Bilder von →Turnerund →Constable, von daher ist es nicht verwunderlich, dass er das Wort spleen benutzt. Auch die englischen Dandies bewunderte Delacroix, sein Modeideal wird so ausgesehen haben wie der Baron Schwiter, den er ganz in Schwarz malte.

Erstaunlicherweise hat Delacroix in diesem Blog noch keinen Post, aber er wird in vielen Posts erwähnt. Zum Beispiel in dem Post Richard Parkes Bonington, in dem Sie lesen können, dass er in England das Reiten erlernt hatte und von da an Pferde in seinen Gemälden eine Rolle spielen. Wie zum Beispiel das Pferd des →König Rodrigoauf dem Cover des Katalogs der Bremer Kunsthalle. Die Ausstellung konnte man 1964 zu einem großen Teil aus eigenen Beständen gestalten, wer außer Paris konnte das schon? Es war aber außer den acht Gemälden, die die Kunsthalle besaß, nur sehr viel  →Graphik zu sehen, La liberté guidant le peuple lieh Paris nicht aus. Mein bleibender Eindruck von der Ausstellungseröffnung war ein hanseatischer Gentleman, der zu seinem grauen Flanellanzug ein rot-weiß gestreiftes Hemd mit einem weißen Kragen trug. Das hätte dem Dandy Delacroix gefallen, der sich über das schlechte Schuhzeug von William Turner furchtbar aufregen konnte.

Das ✺Bild, das Delacroix im Herbst 1830 malte, wurde im Mai 1831 im Palais du Luxembourg ausgestellt, tausende von Franzosen werden es sehen. Auch Heinrich Heine ist unter den Zuschauern, er wird über das Bild →schreibenAuf keinem von allen Gemälden des Salons ist so sehr die Farbe eingeschlagen, wie auf Delacroix‘ Julirevolution. Indessen, eben diese Abwesenheit von Firnis und Schimmer, dabei der Pulverdampf und Staub, der die Figuren wie graues Spinnweb bedeckt, das sonnengetrocknete Kolorit, das gleichsam nach einem Wassertropfen lechzt, alles dieses gibt dem Bilde eine Wahrheit, eine Wesenheit, eine Ursprünglichkeit, und man ahnt darin die wirkliche Physiognomie der Julitage.

Aber die barbusige →Freiheitsgöttin, die sich umwendet, damit wir ihr klassisches Profil sehen können, weckt bei ihm auch noch ganz andere Gedanken: Ich kann nicht umhin, zu gestehen, diese Figur erinnert mich an jene peripatetischen Philosophinnen, an jene Schnelläuferinnen der Liebe oder Schnelliebende, die des Abends auf den Boulevards umherschwärmen; ich gestehe, daß der kleine Schornsteincupido, der, mit einer Pistole in jeder Hand, neben dieser Gassenvenus steht, vielleicht nicht allein von Ruß beschmutzt ist. Die Marianne als Gassenvenus, damit sind wir bei den Frauen, die schon in den Postsles grandes horizontales und Demimonde vorkommen. Heine ist nicht der einzige, der ein wenig Schmutz in dem Bild sieht. Es finden sich auch französische →Stimmen, die ähnliches sagen: Dieu qu’elle est sale!Dévergondée, La plus ignoble courtisane des plus sales rues de Paris! oder Est-ce qu’il n’y avait que de la canaille à ces fameuses journées-là?

Carola Dorner hat diese Gedanken unter der Überschrift Liberté: Göttin, Hure, Mädchen aus dem Volk aufgegriffen: Wer aber ist diese zentrale Figur, die dem Bild so viel Kraft und Bewegung gibt? In der Liberté, der Allegorie der Freiheit, verdichtet sich vieles, was für das ganze Bild gilt. Als Göttin der Freiheit müsste sie eigentlich ein Ideal sein. Doch schon Heinrich Heine, der das Gemälde auf dem Pariser Salon 1831 ausgestellt sah, brachte es auf den Punkt: Er sieht sie gleichermaßen als Freiheitsgöttin und Gassenvenus, sie ist die personifizierte ‚wilde Volkskraft‘, das Mädchen aus dem Volk und die griechische Göttin. Ihr Profil gleicht dem auf einer antiken Münze, das Kleid ist verrutscht und lässt ihren Oberkörper frei, wir sehen die staubbedeckten Brüste und die behaarte Achselhöhle. Es war ein Skandal. Und ein Triumph. Diese Göttin der Freiheit war nicht abgehoben, sauber, marmorsteril, sondern kraftstrotzend, natürlich und entschlossen. Deshalb bietet sie so viele Identifikationsmöglichkeiten. Deshalb dient sie als Abziehbild der Freiheit. Weil ihr Profil an alte Münzen erinnert, wirkt es schlüssig, dass sie ab 1978 auf dem 100-Franc-Schein abgebildet war. Die Freiheit für den Geldbeutel, das Bild der halbnackten Heldin im ständigen Umlauf.

Auf dieser Ölskizze von Delacroix sieht das Ganze noch nicht so großartig aus. Die Skizze wurde 2017 bei →Christie’s zur Auktion angeboten, sie wurde auf einen Preis von 700.000 Pfund bis zu einer Million geschätzt. Der französische Staat kaufte sie für 3,1 Millionen englische Pfund. Delacroix hatte für sein Bild 1831 klägliche dreitausend Franc vom Innenminister bekommen. →La liberté guidant le peuple wird nicht lange im  Palais du Luxembourg bleiben, auch dem Bürgerkönig, der durch die Les Trois Glorieuses an die Macht gekommen war, ist es zu politisch. Das Bild wird zwar manchmal wieder gezeigt, verschwindet aber immer wieder im Depot. Erst seit 1874 hat es seinen festen Platz im →Louvre.

Die Marianne des Jahres 1968 ist nicht barbusig, sie schwenkt die Flagge Vietnams, nicht die Frankreichs. Und sie ist auch keine Französin, sie kommt aus der englischen High Society. Als ihr Großvater das Bild sieht, enterbt er sie. Sie verliert den Anspruch auf einige Millionen Pfund Sterling. Die Analogie des gestellten Photos zu Delacroix‘ Bild hat jeder gesehen, auch Caroline de Bendern, die über Mademoiselle Liberté gesagt hat: I should have bared my breast. She had such awesome breasts. Caroline (zu der ich →hier einen interessanten Artikel habe) lebt heute in Frankreich.

Ein Jahr nach den Maiunruhen 1968 beschlossen Frankreichs Bürgermeister, dass die Symbolfigur das Gesicht einer real existierenden Französin bekommen sollte. Die erste Marianne wurde Brigitte Bardot,, die zweite Mireille Mathieu, hier können wir die beiden nebeneinander sehen. Catherine Deneuve war dann die nächste, dann kamen Laetitia Casta, das Mannequin Inès de la Fressange und Evelyne Thomas, und ich weiß nicht wer noch alles. Wenn Sie alle sehen wollen, dann klicken Sie diese →Seite an.

Die Verkörperung der Freiheit ist heller geworden, man hat Ende 2023 das Bild aufwendig →restauriert. Acht Schichten von Firnis und Restaurationen hat man abgetragen. Restaurer le patrimoine que nous conservons pour le transmettre au plus grand nombre est l’une de nos missions les plus fondamentales. Grâce au patient travail accompli par Bénédicte Trémolières et Laurence Mugniot, ‚La Liberté guidant le peuple‘ a aujourd’hui retrouvé l’éclat, la fraîcheur et la merveilleuse harmonie de couleur si propre à Delacroix. Je me réjouis que nos visiteurs puissent découvrir ou redécouvrir cet immense chef-d’œuvre de la peinture du XIXe siècle, tout à la fois icône universelle, symbole de notre pays et ambassadrice de sa culture et de son histoire, hat →Laurence des Cars, der Direktor des Louvre, im April 2024. gesagt. Wir wollen mal hoffen, dass das die nächsten zweihundert Jahre so bleibt.

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Sommerausstellung

Meine Sparkasse hieß früher einmal →Kieler Spar- und Leihkasse, sie hat ihren Namen in Förde Sparkasse geändert. Sparkassen sind keine Banken, die nur auf Gewinnmaximierung aus sind, sie haben ein Gemeinnützigkeitsprinzip. Und sie haben meistens auch Stiftungen, die gemeinnützige Zwecke fördern sollen. Häufig hat das auch etwas mit Kultur zu tun. Beim Sparkassen- und Giroverband für Schleswig-Holstein ist dafür der promovierte Kunsthistoriker Bernd Brandes-Druba (hier links neben dem Plakat) zuständig. Und der hat mich gefragt, ob es in meinem Blog nicht einige Zeilen für eine neue Kunstausstellung geben könnte. Kann es, warum nicht, für Kultur ist in diesem Blog immer Platz. Ich habe auch schon Werbung für Ausstellungen gemacht, wie zum Beispiel für meinen ehemaligen Studenten Hansjörg Schneider. Ich liefere erst einmal die offizielle Presseerklärung; das Photo habe ich hinzugefügt, sonst wird das zu trocken:

Die Ausstellung Urban Rhythms and the City’s Pulse der Sparkassenstiftung Schleswig-Holstein ist vom 25. Juli 2025 bis zum 26. September 2025 in den Räumen des Sparkassen-und Giroverbandes für Schleswig-Holstein (SGVSH), Faluner Weg 6, 24109 Kiel (Mettenhof), zu besichtigen. Der Eintritt ist frei. Öffentliche Führung durch die Künstlerinnen: Dienstag, 09. September 2025, 17.00 Uhr, Treffpunkt im Foyer SGVSH (Faluner Weg 6). Der Eintritt hierzu ist frei. Um Anmeldung wird gebeten. Öffnungszeiten:Mo.-Do. 9.00-16.00 Uhr, Fr. 9.00-14.00 Uhr Informationen unter: http://www.sparkassenstiftung-sh.de. Zur Ausstellung erscheint ab dem 24. Juli unter dem Titel Urban Rhythms and the City’s Pulse in der Katalogreihe ars borealis der Sparkassenstiftung Schleswig-Holstein das aktuelle Kunstheft als Band 52. Es ist in der Ausstellung und auf Anfrage kostenfrei –soweit vorrätig – erhältlich.

Der Katalog von Urban Rhythms and the City’s Pulse aus der Reihe →ars borealis ist wirklich schön, schon der allein lohnt den Besuch der Ausstellung. Die Namen der Künstlerinnen Katja Flieger und Katharina Duwe waren bei dem spröden Pressetext nicht dabei. Das Photo der Künstlerinnen (links Katja Flieger, rechts Katharina Duwe) auch nicht. Es zeigt die beiden im letzten Jahr bei ihrer Ausstellung →Lebensräume in Eckernförde. Dr Brandes-Druba hat mir versichert, dass dies jetzt eine ganz andere Ausstellung mit ganz anderen Werken ist. Vor einem Jahr hieß es zu der Ausstellung: Die Künstlerinnen Katharina Duwe und Katja Flieger beschäftigen sich in ihrem Werk mit unseren zumeist architektonisch geprägten dynamischen Lebensräumen. Die Hamburger Künstlerin Katharina Duwe baut in ihren oft großformatigen farbintensiven Gemälden großstädtische Architektur, Verkehrsflüsse, nächtliche Lichterwelten, Bebauung und Natur neu zusammen. Die Kielerin Katja Flieger seziert Stadtpläne, erfindet Autobahnkreuze und nutzt schematische Darstellungen von Körperkreisläufen, baut filigrane Objekte, setzt sie mit digitalen Mitteln in einen ornamentalen Rapport und verwandelt Verkehrszeichen zu keramischen Andenkenobjekten. Aus der Gegenüberstellung der Werke ergeben sich feine inhaltliche und ästhetische Korrespondenzen. 

In diesem Text steht schon etwas mehr drin als in der Urban Rhythms and the City’s Pulse Ankündigung. Der gläserne Schaukasten zeigt Keramiken von →Katja Flieger. Das muss ich mal meinem Freund Uwe erzählen, der Bremer Kunstprofessor war mal der deutsche Guru zum Thema Keramik. Sein Buch Keramik: Kultur- und Technikgeschichte eines gebrannten Werkstoffs ist im Deutschen Porzellanmuseum immer noch ein Standardwerk. Katja Flieger macht auch andere Sachen als Keramik, zum Beispiel dieses →hier.

Während Katja Flieger es eher mit den kleinen Teilen hat, hat es Katharina Duwe mit dem Großstädten, das kann man an dem Bild sehen, vor dem sie steht. Die Stadtlandschaften sind seit einiger Zeit das Thema der Malerin. →Katharina Duwe ist die Tochter des Malers Harald Duwe, der mit Horst JanssenVicco von Bülow und Paul Wunderlich in Hamburg Kunst studiert hatte. Er wird in diesem Blog schon in dem Post Hannelies Taschau erwähnt. Ein Schüler von ihm kommt in den Posts Erbsensuppe und Gerrit Bekker ✝ vor.

Alle →Kinder von Harald Duwe und seiner Ehefrau, der Malerin Heilwig Duwe-Ploog, sind Maler geworden. Und wie ihr Vater und ihre Mutter auch ziemlich berühmt, Katharina Duwe erhielt 1986 den gerade gestifteten Élysée Preis. Fünf Maler in einer Familie sind selten, bei den Beecheys gab es das im 18. Jahrhundert schon mal. Es wäre jetzt schön, wenn es den Film Familientreffen: Die Duwes – eine Künstlerfamilie von Karl Siebig bei YouTube geben würde, dann wüssten Sie mehr über die Familie. Vielleicht kann Dr Brandes-Druba das ja mal erreichen, dass man diesen Film im Netz sehen kann. Im Netz gibt es nur Siebigs Film über ✺Kieler Straßengangs (ein Film mit Kultstatus), da könnte ein bisschen Kultur gut dazukommen. Einen ✺Filmschnipsel über die Malerfamilie Duwe habe ich hier aber doch.

Katharina Duwe malt Stadtlandschaften, der Wikipedia Artikel gibt zu diesem Thema überhaupt nichts her. Aber in dem englischen Artikel  Cityscape erfährt man schon etwas mehr. Die →Stadtmalereihat sich seit den Tagen, da Vermeer Delft malte, etwas weiterentwickelt. Es sind Stadtlandschaften, und sie entwickeln sofort einen Sog. Fast automatisch taucht man ein, wird Teil der Szenerie, wird einer von jenen, die dort in der nächtlichen Großstadt herumstehen, kommen oder gehen. Und man fühlt sich irgendwie wohl dabei. So beginnt der schöne→Artikel von Dr Karen Michels über die Stadtlandschaften von Katharina Duwe. Wenn Sie den lesen, wissen Sie alles zu dem Thema. Oder auf jeden Fall ganz viel. Ist auch bebildert. 

Da ich gerade Werbung für Ausstellungen mache, will ich die Sommerausstellung →Kunst des Nordens: 1850 -1950 der Galerie Rieck nicht vergessen. Die Galerie Rieck wird schon in dem Post Dänische Kunsterwähnt, einem Post, der schon beinahe zehntausend Leser hat. Dieser schöne Dünenkamm in Skagen von →Aage Bernhard-Frederiksen aus dem Jahre 1934 ist vielleicht gar nicht so teuer. So etwas mag ich im Wohnzimmer lieber als eine Stadtlandschaft, die habe ich, wenn ich aus dem Fenster schaue.

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Malweiber

Als ich in dem Post Marie Krøyer das Wort Malweiber benutzte, zögerte ich einen Augenblick. Das Wort, das man heute ironisch für die ersten Malerinnen in der Kaiserzeit verwendet, war im 19. Jahrhundert nur ein Schimpfwort. Im Simplicissimus konnte man 1901 unter der Zeichnung Malweiber von Bruno Paul lesen: Sehen Sie, Fräulein, es giebt zwei Arten von Malerinnen: die einen möchten heiraten und die anderen haben auch kein Talent. Und auch Peder Severin Krøyers Satz Aah, diese Damen, diese Damen, die alle malen wollen – lasst mich frei sein – ich will auf keinen Fall Schülerinnen – fertig beschreibt die Abneigung gegen die Frauen, die malen wollen. 

Und bei Paula Becker-Modersohn klingt es nicht unbedingt positiv, wenn sie →1899 aus Worpswede ihren Eltern schreibt: Viel leichtes Gelichter, viel kleine Malweiblein haben ihren Einzug auf unserem Berg gehalten. Viele Malerinnen (auch Paula Becker-Modersohn) wollen nach Paris, wie die Frauen auf diesem Gemälde. 

Aber Paris ist für viele junge Frauen eine große Enttäuschung: 1890 kam ich nach Paris. Hier ging mir eine neue Welt auf. Die ersten Besuche im Louvre betäubten mich fast. Aber von den Schulen, die ich sah, war ich enttäuscht, dort gefiel mir nichts. Ich entschloß mich, allein zu arbeiten und Rat und Urteil nur im Kreise einiger junger gleichgesinnter Freunde, fast alles Dänen und Norweger, zu sehen zu suchen. Das sagt die Lübeckerin Marie Dorette Caroline Schorer, die sich in Paris Maria Slavona nennt. Sie kann sich nennen wie sie will. Wenn man solche Bilder malen kann, dann ist man ganz oben. Wer nicht nach Paris geht, und das sind viele Malweiber, begnügt sich mit den überall entstehenden kleinen Künstlerkolonien: →FischerhudeNidden, →Dachau (als der Ort noch einen guten Namen hatte) oder →Hiddensee

Die Künstlerkolonie Frauenchiemsee hat es in der Kunstgeschichte ja nicht geschafft, in einem Namen mit Worpswede genannt zu werden. Der große 599-seitige Katalog Künstlerkolonien in Europa vom Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg 1982, erwähnt die Maler vom Chiemsee überhaupt nicht. Den Katalog hat mir mein Freund Peter mal zu Weihnachten geschenkt, und ich habe ihn sehr genau gelesen. Es ist sicherlich eine kleine Ironie der Kunstgeschichte, dass die erste wissenschaftliche Studie zu den Chiemseemalern, Ruth Negendancks Künstlerlandschaft Chiemsee, im Jahre 2008 im Verlag Atelier im Bauernhaus in Fischerhude erschienen ist. Fischerhude liegt nicht am Chiemsee. Das liegt auf der Landkarte neben Worpswede und ist der Ort, wohin Otto Modersohn und andere gezogen waren, als ihnen Worpswede nicht mehr gefiel. Ich kenne mich da aus, die Schwester meiner Freundin Gudrun arbeitete da im Museum.

Doch die Malweiblein haben sich ihren Platz in der Gesellschaft erobert. Der Anteil der hauptberuflich tätigen Künstlerinnen steigt von 1895 bis 1925 von zehn auf zwanzig Prozent. Inzwischen gibt es Bücher wie →Die Malweiber: Unerschrockene Künstlerinnen um 1900 und Ausstellungen wie →Die Malweiber von Paris

Für manche endet die künstlerische Karriere mit der Ehe. Da ist das Leben der Matisse Schülerin Mathilde Vollmoeller, die den Maler Hans Purrmann heiratet, ähnlich wie das Leben von Marie Krøyer. Beide verkümmern als Malerin im Schatten ihres Mannes. Und die Kunstgeschichte hat beinahe hundert Jahre gebraucht, um sie neu zu entdecken. In dem Post Malerinnen habe ich geschrieben: Dieser Blog hat immer wieder Malerinnen vorgestellt, von denen manche nicht so bekannt waren. Das ist ja auch so eine geheime Maxime dieses Blogs, dass hier Dinge stehen, die woanders nicht stehen.

Viele der deutschen Malerinnen haben in den 1930er Jahren ein schweres Schicksal. Wie Lotte B. Prechner, die Deutschland verlassen muss. Oder →Dora Bromberger (von der dieses Bild stammt), die 1942 in dem Vernichtungslager Maly Trostinez bei Minsk zusammen mit ihrer Schwester →Henny ermordet wird. Ihre Freundin, die Malerin Elisabeth Noltenius, schreibt 1944 in ihr →TagebuchBeim langsamen Zurückgehen unserer Truppen in Richtung Minsk gehen die Gedanken schwer zu den jüdischen Bremer Menschen, die in den nie zu vergessenden Novembertagen ausgewiesen wurden ins Ghetto nach Minsk. Wo sind heute die lieben Brombergers, die wir nicht vor dem grausigen Schicksal bewahren konnten, aus ihrem kleinen Haus ausgetrieben zu werden, trotz Besuch bei der Gestapo. Wie herzzerreißend diese wahrhaft große Haltung! Kein Wort der Anklage. Diese Rasse ist im Tragen und Dulden uns weit überlegen!

Elisabeth Noltenius hatte sich für Dora Bromberger starkgemacht und Bilder von ihr bei Ausstellungen in ihrem eigenen Haus gezeigt. Sie war bei der →Gestapo vorstellig geworden, als sie hörte, dass Dora deportiert werden sollte. Sie konnte nur froh sein, dass die Gestapo ihr Haus nicht durchsuchte und ihr Tagebuch fand. Die Bremerin Dora Bromberger hatte in München und Paris studiert und war in den 1920er Jahren in Bremen recht berühmt. Nach 1933 kamen →Berufs- und Ausstellungsverbot. Dieses wunderbare Bild mit dem Titel Vorfrühlinghabe ich einmal in einer Ausstellung gesehen, die →Bremer Malerinnen gewidmet war. Ich war hin und weg von dem Bild, aber ich wusste nichts von der Malerin. 

Inzwischen besitze ich das Buch Die Brombergers: Schicksal einer Künstlerfamilievon Rolf Rübsam, das 1992 im Bremer Donat Verlag erschienen ist. Der Autor, der Lehrer an meinem Gymnasium war, hat für seine Verdienste zu Recht das →Bundesverdienstkreuz bekommen. Bremer Malerinnen gab es in diesem Blog schon mit Anna Feldhusen, Aline von Kapff und Elisabeth Steinecke. Ich glaube ich mache damit irgendwann mal weiter. 

Und noch mehr Malerinnen, berühmte und nicht so berühmte, finden Sie hier: beinahe vergessenMarie KrøyerAnna Feldhusendie Malerin aus LüdenscheidBerthe MorisotTante AlineGlasfensterAlice NeelMarie EllenriederKindermädchenAnna AncherFrauenpowerAnna Waserdie BeecheysRosa Bonheurals Weib wirklich ungeheures TalentNordlichterAmanda LearLichtgebetSimple PleasuresGerta OverbeckVanessa BellTeckel & CorgwnLilla Cabot PerrySonia DelaunayAnita AlbusEternal SpringJo Hopper (und Eddie)

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beinahe vergessen

Mit diesem 1929 gemalten Bild, das Die Jazzsängerin heißt, sind wir im Jazz Age, den Roaring Twenties. Wir können das Bild auch unter dem Thema der Neuen Sachlichkeit rubrizieren; einem Begriff, den der Bremer Kunsthistoriker Gustav Friedrich Hartlaub mit seiner Mannheimer Ausstellung Neue Sachlichkeit: Deutsche Malerei seit dem Expressionismus geprägt hat. Ulrike Groos, die Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart, hat zu dem Bild gesagt: Es stammt von Lotte B. Prechner, einer Jüdin, die von den Nazis als entartet eingestuft wurde. Das Bild war verpönt, weil es das Saxophon in den Vordergrund stellt, das auch deshalb als öbszön eingestuft wurde, weil es eine phallischen Form hat. Die Aufbruchstimmung der Weimarer Republik hielt Prechner 1929 in ihrem Gemälde ›Jazztänzerin‹ fest. Sie stellt den modernen, emanzipierten Frauentypus der 1920er Jahre dar, der, androgyn gekleidet mit Hut und langer Hose, an Marlene Dietrich er­innert und selbstbewusst zu Jazzmusik tanzt.

Die Malerin und Bildhauerin Lotte Bertha Prechner hatte ihre große Zeit in den zwanziger Jahren, sie war in vielen Ausstellungen vertreten. Vier Jahre nach dem Bild der Jazzsängerin hatte sie Berufsverbot, weil sie von einer jüdischen Mutter abstammte. Ihre Bilder, die in Kunsthallen hingen, wurden als entartete Kunst entfernt. Sie wandert mit ihrem Mann nach Brüssel aus. Sie wird nie mehr nach Deutschland zurückkehren, lebt in Brüssel und bei ihrer Tochter in Italien. Sie wird neunzig Jahre alt werden und bis ins hohe Alter künstlerisch tätig sein. 

Ihre Tochter wird dafür sorgen, dass die inzwischen vergessene Malerin nicht vergessen bleibt, sie vermacht den Nachlass dem LVR-Landesmuseum Bonn. Dieses Bild, das den Titel →Epoche hat, hatte Prechner 1928 auf der Jahresausstellung des →Jungen Rheinland gezeigt, in dem Künstlerbund war sie Mitglied gewesen. Kunsthistoriker bezeichnen es heute als ihr Hauptwerk. 1998 erschien das Buch Lotte B. Prechner 1877–1967. Monographie und Werkverzeichnis, und in vielen neueren Ausstellungen über die Kunst der Weimarer Republik, wie zum Beispiel 2019 bei ‚→Zu schön, um wahr zu sein‘ – Das Junge Rheinland, war sie mit Bildern vertreten.

Meistens mit der Jazztänzerin oder dem Bild Epoche, das heute der Friedrich Ebert Stiftung gehört. Weil diese Bilder so plakativ sind, auch noch nach hundert Jahren. Ihre ganzen sozialkritischen Bilder, die sie nach dem Ersten Weltkrieg malte (in dem sie eine der wenigen zugelassenen weiblichen Kriegsmalerinnen war) kann man nicht so plakativ präsentieren. .Ich habe mir gedacht, dass Lotte Prechner (hier 1924 von ihrem Freund →Otto Dix portraitiert) an ihrem Geburtstag einen kleinen Post bekommen sollte. Zu dem Bild der Jazzsängerin gibt es →hier eine Seite. Aber viel wichtiger ist die von Dr Annette Bußmann verfasste Seite bei →FemBio. Die kann man nur zur Lektüre empfehlen.  

Noch mehr Neue Sachlichkeit gibt es in den Posts: Gerta OverbeckMagischer RealismusAlbert AereboeOswald Baer, Grant WoodRichard OelzeBowler HatOsternFranz RadziwillRadziwill

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