Rezension: Cal Flyn: Islands of Abandonment

Eigentlich sollte diese Besprechung im Rahmen eines „Zuletzt gelesen“-Artikels erscheinen, aber ich habe beim Schreiben gemerkt, dass ich genug zu sagen habe, um mich bei diesem großartigen Sachbuch vielleicht mal wieder an einer halbwegs klassischen Rezension zu versuchen. ;-) Also hier:

 

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(c) Harper Collins

 

Deutscher Titel: „Verlassene Orte: Enden und Anfänge in einer menschenleeren Welt“, übersetzt von Milena Adam, erschienen bei Matthes und Seitz Berlin

Was passiert, wenn die Natur sich von Menschen bebaute Orte zurückerobert, hatte schon immer eine unwiderstehliche Faszination für mich. Das erste Mal wurde ich damit meines Wissens in dem Sci-Fi-Klassiker „Logan’s Run“ (Flucht ins 23. Jahrhundert) konfrontiert, als wir ein großes Panorama des völlig von Pflanzen überwucherten Weißen Hauses präsentiert bekommen. Ähnlich faszinierte mich das, was am Ende eines anderen Sci-Fi-Klassikers, „Der Planet der Affen“, zu sehen ist (ich sage nicht, was, falls es irgendjemanden gibt, der den Film noch nicht kennt). Beide Filme habe ich zum ersten Mal als Kind gesehen und gehören noch heute zu meinen absoluten Lieblingsfilmen.

Cal Flyn nimmt sich in ihrem preisgekrönten Sachbuch solcher Orte an. Natürlich ist unsere Zivilisation (noch) nicht untergegangen. Dennoch gibt es zahlreiche Orte, die der Mensch aufgegeben hat. Oft sind sie fürchterlich verschmutzt und toxisch, etwa „Arthur Kill“ in den USA, oder, was ebenfalls ein unendliches Faszinosum darstellt, die Umgebung von Tschernobyl. Andere Orte sind aufgrund eines Konflikts unbewohnt, so die Pufferzone in Zypern. Wieder andere wurden einfach verlassen, weil das Leben in ihnen sich nicht mehr lohnt, Swona in Schottland gehört dazu.

Es gibt natürlich auch natürliche Gründe, warum Orte unbewohnbar werden, Vulkane, insbesondere Supervulkane, stellen hier ein großes Risiko dar. Und nicht zuletzt sorgt der menschengemachte Klimawandel gerade dafür, dass dies in Rekordzeit geschieht:

„We are the meteor. We are the supervolcano. And it is becoming clear that there will be no going gack to the way things were before.“ (Seite 289)

Allen Orten gemein ist, dass die Natur den Menschen mit ihrer Fähigkeit überrascht, selbst unter widrigsten Bedingungen Leben aufrechtzuerhalten und wieder entstehen zu lassen. Für das verseuchte Gebiet um Tschernobyl ist sogar festzustellen, dass die nukleare Katastrophe eine geringere Beeinträchtigung der Natur darstellt als die potentielle Anwesenheit des Menschen:

„In other words, though the radiation does them no good, the benefit of the absence of humans in fact far outweigh the harm.“ (Seite 103).

Was nicht heißt, dass diese Natur auch wieder für den Menschen oder alle Tierarten bewohnbar wäre. Ein krasses Beispiel die Verseuchung der Meere mit PCB:

„In the Arctic, the bodies of Inuit people – those subsisting on traditional diets featuring seal and narwhal meat – have been found to contain such high concentrations of PCBs and other chemicals that they could be classified as hazardous waste.“ (Seite 170)

Cal Flyn beschreibt aus den verschiedenen Ursachen verlassene Orte kapitelweise anhand eines Beispiels, auf das sie sich jedoch nicht beschränkt: Auch andere Orte, Effekte und verwandte Ursachen kommen zur Sprache. Immer wieder wartet Flyn dabei mit erstaunlichen, schockierenden Fakten auf, das Buch bleibt von Anfang bis Ende absolut unterhaltsam und spannend.

Dass die Natur und das Leben uns überdauern werden, ist nichts Neues. Doch Cal Flyns Untersuchungen legen nahe, dass Eingriffe des Menschen bei der Wiederbelebung von Orten manchmal mehr Schaden anrichten als Gutes tun.

Ein großartiges, verblüffendes und erschreckendes Sachbuch.

Leseupdate KW 36

Ich habe mich durch den fetten 1111-Seiten-Wälzer gekämpft, heißt, ich habe World Without End von Ken Follett beendet!

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(c) Penguin Random House

Das Buch hat mir Nackenschmerzen verpasst! Solche Klopper im Hardcover zu kaufen, ist nicht die optimale Vorgehensweise. War allerdings gebraucht und günstig.

Zum Buch selbst: Es liefert, was Ken Follett verspricht: Eine spannende Story, einen bunten, gut recherchierten historischen Hintergrund, und Charaktere, für die man, äh, rooted. Also die einem am Herzen liegen. Wobei das sich in diesem speziellen Follett ein wenig in Grenzen hält. Ich mochte Caris, Gwenda und auch Merthin und die Fieslinge kann man auch schön hassen. Aber so richtig mitgefiebert wie in manch anderem Buch habe ich nicht. Die Hindernisse, die Caris und Merthin nicht zusammenkommen lassen, waren mir ein bisschen zu viel. Ich hoffnungslose Romantikerin (lol) mochte auch die aufgrund dieser Hindernisse entstandenen sonstigen Beziehungen der beiden nicht.

Was mich wirklich schmunzeln ließ, sind die Parallelen zwischen dem damaligen und heutigen Verhalten bestimmter Bevölkerungsteile angesichts von Seuchen. So schimpfen einige rückwärtsgewandte Mönche, die sich auch noch „Ärzte“ schimpfen, über Caris‘ Maßnahmen zum Eindämmen der Pest, sprich Hände mit Essigwasser waschen und ein Tuch vor Mund und Nase tragen. Kommt uns das irgendwie bekannt vor? Aber klar, das war ja damals das finstere Mittelalter ;-)

Fazit: Gute Historienunterhaltung, auch wenn es nicht an The Pillars of the Earth rankommt. Werde auch die restlichen Kingsbridge-Bücher lesen.

Mein aktuelles Hörbuch ist immer noch The Lord God Made Them All von James Herriot.

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(c) Pan Macmillan Audio

Dauer: 12 h, 2 min

Sprecher: Nicholas Ralph

Der vierte Teil der All Creatures Great and Small-Reihe kann nicht ganz mit den ersten drei mithalten. Ich denke, irgendwann sind die besten, lustigsten Geschichten erzählt und so hören wir hier auch einige Geschichten über Herriots Kinder oder, durchaus interessante, Dienstreisen in die Sowjetunion und nach Istanbul. Ich höre auch diese Geschichten gerne, aber ich muss seltener lachen und bin nicht mehr ganz so scharf auf weitere Bände. Es gibt wohl noch mehr Material, aber ich weiß nicht, ob Nicholas Ralph noch weitere Hörbücher einlesen wird.

Manche Themen sind aus heutiger Sicht, vor allem, wenn man Tiere liebt und Vegetarierin bzw. Fast-Veganerin ist, auch nicht ganz so leicht zu verdauen, etwa Tiertransporte (wobei diese nach Herriots Schilderung nicht mit den heutigen Horrorstories zu vergleichen sind) oder die Entfernung von Hörnern bei Kühen. Es ist nun mal klar, dass Herriots Tätigkeit auf Bauernhöfen automatisch auch Tierleid impliziert. Die Geschichten sind in dieser Hinsicht aber einigermaßen erträglich.

Ich werde jetzt erst einmal eine Ausgabe von Geo lesen, dann sieht mein Leseplan eine deutsche SuB-Leiche vor. Habe mich noch nicht für eine entschieden, auch mein nächstes Hörbuch habe ich noch nicht ausgesucht, es wird aber ein deutsches sein.

Leseupdate KW 34

In der letzten Woche ist das Lesen ein bisschen zu kurz gekommen bei mir, trotzdem habe ich ein paar Bücher beendet und zwei angefangen.

Beendet habe ich Urwelten – Eine Reise durch die ausgestorbenen Ökosysteme der Erdgeschichte von Thomas Halliday, aus dem Englischen übersetzt von Hainer Kober.

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(c) Büchergilde Gutenberg

Ich habe schon in meinem letzten Update geschrieben, dass mir das Buch gut gefällt. Da war ich im Kapitel über das Jura, einem Erdzeitalter also, in dem die Flora und Fauna der Erde besonders üppig waren. Je weiter wir in der Vergangenheit zurückgehen, desto maritimer, kleiner und urwüchsiger werden natürlich die Tiere und Pflanzen, naturgemäß verschiebt sich da auch der Inhalt ein wenig in Richtung Geologie. Ich muss noch anmerken, dass ich glaube, einen ziemlich blöden Beschriftungsfehler in einer Karte gefunden zu haben, ich habe das der Büchergilde gemeldet, die es wiederum an den Hanser Verlag weitergeben wollte. Hab danach aber nichts mehr dazu gehört. Insgesamt ist das ein tolles Buch über die ausgestorbenen Ökosysteme der Erde, wie es im Untertitel heißt. Das eine oder andere Kapitel hätte für mich etwas länger ausfallen dürfen, aber das liegt an meinem subjektiven Interesse an dem jeweiligen Zeitalter. Diesem ist es auch geschuldet, dass mir die früheren Kapitel besser gefallen haben als die späteren. Zum Schluss zieht Halliday noch ein Fazit dazu, wie unser Wissen über Erdgeschichte zur Bekämpfung des Klimawandels herangezogen werden kann. Dieses war mir ehrlich gesagt etwas zu optimistisch.

Die Stärke von Thomas Halliday ist es, komplizierte Sachverhalte anschaulich zu erklären, da war ich mehrfach begeistert. Einen gewissen Anspruch hat das Buch natürlich auch. Ich würde es unbedingt weiterempfehlen.

Außerdem beendet habe ich noch Silberflamme, den vierten Teil der Phileasson-Saga von Bernhard Hennen & Robert Corvus.

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(c) Audible Studios

Achtung, Spoiler für alle, die die Bände 1-3 noch nicht  gelesen haben!

Wie schon der dritte Band hat mir auch dieser besser gefallen als die ersten beiden. Man ist vertraut mit den meisten Charakteren und das World Building ist dank der verschiedenen Kulturen und Kreaturen Aventuriens wirklich interessant. Auch das Setting hat mir hier besser gefallen, da wir den ganzen Band an Land verbringen. Ich hab zwar durchaus Interesse an maritimen Geschichten, aber mich interessieren die Regionen des Kontinents einfach mehr als die Meere und die Eiswüste. Am Ende erwartete mich dann ein ziemlicher Schock, obwohl man eigentlich wusste, dass es an der Stelle ein Problem geben würde, haben mich die Entscheidungen bestimmter Charaktere dann doch ziemlich überrascht. Auch wird wohl eine Figur aus der Handlung ausscheiden, die ich wirklich lieb gewonnen hatte und die generell sehr interessant ist. Ein Fragezeichen, dass während der Lektüre die ganze Zeit über meinem Kopf schwebte, wurde dann am Ende auch noch beseitigt. Ich stelle fest: Ich bin jetzt tatsächlich auch gespannter auf den nächsten Band, als das in bei den vorherigen Büchern der Fall war.

Angefangen habe ich mit World Without End von Ken Follett.

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(c) Penguin Random House

Ich habe vor ungefähr 100 Jahren, als ich 18 war, Die Säulen der Erde gelesen und sehr gemocht. Irgendwann habe ich auch die Verfilmung gesehen, deshalb habe ich die Handlung noch ganz gut im Kopf, obwohl ich das Buch seitdem nicht noch einmal gelesen habe. Auch die Verfilmung der Fortsetzung World Without End habe ich in Teilen mal gesehen. Ich kann mich erinnern, dass ich damals dachte, das ist eigentlich das Ganze noch mal von vorne. Aber trotzdem wollte ich das Buch irgendwann lesen. Dann war die Hardcover-Ausgabe gebraucht günstig zu haben und das Buch landete fünf Jahre später auf meiner Racheliste und there we go. Jetzt kann ich also diesen 1111-Seiten-Klopper im Hardcoverformat lesen. Auch abends im Bett ;-)

Bisher finde ich die Handlung eigentlich gar nicht so ähnlich wie in Die Säulen der Erde (ich bin auf Seite 263). Bei den Charakteren bin ich zwiegespalten. Unsere Heldin, Caris, mag ich sehr. Ihr Love Interest, Merthin, hm. Wobei ich bei Ken Follett nicht über penisgesteuerte Charaktere überrascht bin ;-) Sex hat in Ken Folletts Büchern schon immer eine nicht unbedeutende Rolle eingenommen. Das führt allerdings in diesem Buch auch zu unterirdischen Sätzen: „It was a mouth made for sex, …“ (Seite 220). Nun gut, ich lese Ken Follett nicht zu meiner literarischen Erbauung, ich lese ihn zur Unterhaltung und für das historische Setting, mit anderen Worten, zum Spaß. Den hab ich mit dem Buch. Und da ich das meiste aus der Verfilmung vergessen habe, bin ich gespannt, wie es weitergeht.

Mein neues Hörbuch ist The Lord God Made Them All von James Herriot.

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(c) Pan Macmillan Audio

Der vierte „Sammelband“ der „All Things Bright and Beautiful“-Reihe, gelesen vom Seriendarsteller Nicholas Ralph, beginnt mit der Rückkehr von James Herriot nach Darrowby nach seiner kurzen Laufbahn bei der RAF. Und ohne große Einleitung geht es auch gleich in gewohnter Weise mit kuriosen Fällen des Landtierarztes bei kuriosen Landbewohnern. Das ist wieder sehr vergnüglich anzuhören, wenn auch bisher (hab etwa 1,5 Stunden gehört) keine großen Lacher dabei waren. Nicholas Ralph macht das wie immer großartig, aber bei der Vielzahl von Kunden des Tierarztes ist sein Repertoire an Stimmen naturgemäß irgendwann auch mal erschöpft. Was mich ein bisschen stört sind die großen Zeitsprünge, z. B. ins Jahr 1961 und dann wieder zurück in die unmittelbare Nachkriegszeit, aber das tut dem Hörvergnügen keinen Abbruch.

Soweit meine aktuelle Lektüre. Habt ihr eines der Bücher gelesen? Wie steht ihr zu „Trivialliteratur“? Bis Sonntag!

Leseupdate KW 32

Hier nun endlich mein längst überfälliges Leseupdate!

Seit dem letzten Leseupdate habe ich folgende Bücher ausgelesen, angefangen oder abgebrochen:

Geo Epoche-Ausgabe Nr. 90 über Irland

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(c) Gruner & Jahr

Von meinem Problem mit der Darstellung der Inselkelten und ihrer vermeintlichen „Invasion“ nach Irland hatte ich ja schon berichtet. Der Rest des Heftes hat mir gefallen, solide Information, interessante Themenauswahl. Besonders gefallen hat mir der Artikel über James Joyce und den Bloomsday, da habe ich einiges erfahren, das ich noch nicht wusste, und habe sogar ein wenig das Bedürfnis, mir den Ulysses doch einmal vorzunehmen. Mal sehen, ob der sich hält, oder ob das vorübergehender Wahnsinn ist. Zumindest die Dubliners würde ich mir aber wirklich gerne noch einmal vornehmen. Ich habe die mit 19 gelesen und kann mich null erinnern. Vielleicht gibt es ja ein schönes Hörbuch? Muss ich mal schauen. Auch sehr informativ die Artikel über die Troubles, zur Auffrischung der Kenntnisse super. Und ich will jetzt verstärkt „Through the Barricades“ von Spandau Ballet hören (eines der schönsten, traurigsten Lieder, die ich kenne).

Ebenso beendet habe ich Nature Journaling von Verena Hillgärtner.

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(c) Kosmos

Meines Wissens ist dies das erste deutschsprachige Werk über diesen Trend, der in Großbritannien schon länger zu beobachten ist (korrigiert mich, falls ich falsch liege). Für alle, die Interesse am Nature Journaling haben, ist das Buch ein guter Anfang, es motiviert, macht Mut, nimmt die Angst vor dem eigenen, vielleicht als schlecht eingeschätzten, Zeichentalent und gibt dem „Jung“-Journaler erste Schritte und Aufgaben an die Hand, um einen gelungenen Einstieg in dieses schöne und sinnstiftende Hobby zu verschaffen. Ich hatte zu dem Zeitpunkt, als ich das Buch las, schon ein bisschen angefangen und orientiere mich ein bisschen mehr an der Vorgehensweise von Alex Boon (https://www.youtube.com/@AlexBoonArt ; https://www.instagram.com/alexboonart/), heißt, ich journalle weniger vor Ort in der Natur als zu Hause anhand von Beobachtungen und Fotos, die ich draußen gemacht habe. Aber sicherlich, das Naturerlebnis des Zeichnens vor Ort gehört sicher dazu, Alex Boon macht das ja schon auch und auch ich nehme mir das mal für die Zukunft vor. Allerdings zeichne ich auch anders als Verena Hillgärtner überwiegend mit Buntstiften statt mit Aquarellfarben, ein kleiner Farbkasten steht aber schon bereit. Auch wenn ich die Vorschläge und Schritte zur Vorgehensweise eher nicht befolge, ist dies ein tolles Handbuch für den Einstieg. Sehr empfehlen kann ich auch den YouTube-Kanal der Autorin: https://www.youtube.com/@WiederWilderWerden

Am letzten Tag des Juli habe ich dann noch Rabbit-Proof Fence von Doris Pilkington ausgelesen.

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(c) University of Queensland Press

Bei diesem Buch, dessen Verfilmung ich vor 100 Jahren mal gesehen habe und zu dem mein Guru Peter Gabriel die Musik beigesteuert hat, war ich etwas überrascht, dass die Schilderung der eigentlichen, unglaublichen Wanderung der drei Mädchen zurück aus dem Moore River Native Settlement, in das sie verschleppt wurden, zurück in ihr Heimatdorf einen relativ kleinen Teil ausmacht. Zunächst geht es um den betreffenden Stamm und seine Geschichte und Lebensweise, insbesondere seit dem ersten Aufeinandertreffen mit den Weißen. Die unglaubliche Leistung und Besonnenheit der Protagonistin Molly ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. Wem mehr über die Verbrechen der weißen Eroberer an den Aborigines außerhalb von gewaltsamen Auseinandersetzungen erfahren möchte, sei dieses Werk empfohlen. Ich muss jedoch feststellen, dass ich den Film dem Buch wahrscheinlich vorziehen würde.

Mein aktuelles Hörbuch ist immer noch Silberflamme, der vierte Teil der Phileasson-Saga von Bernhard Hennen & Robert Corvus.

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(c) Audible Studios

Achtung, Spoiler für alle, die die Bände 1-3 noch nicht  gelesen haben!

Die im vorigen Update erwähnte Namensgleichheit einer Figur mit einer anderen, längst verstorbenen, hat sich inzwischen geklärt. Was mich aber immer noch verwirrt, ist, warum Beorn einen Vorsprung vor Phileasson hat, denn dessen Ottajasko hat immerhin anders als die von Beorn die Aufgabe um die Seuche bei den Nivesen absolviert. Aber nun gut. Das Buch ist unterhaltsam und lässt uns auf Oger, Goblins und Drachen treffen. Mir ist Phileassons Ottajasko einschließlich ihres Drachenführers nach wie vor wesentlich sympathischer als die von Beorn und ich finde auch ihre Mitglieder interessanter. Dieser Teil überrascht mit neuen romantischen Beziehungen, während eine andere auf dem Prüfstand steht. Ich bin im letzten Viertel und werde auf jeden Fall dabeibleiben.

Abgebrochen habe ich Die Insel des vorigen Tages von Umberto Eco.

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(c) Hanser Verlag

Von Umberto Eco habe ich bisher Der Name der Rose sehr gerne und Baudolino gerne gelesen. In diesem Werk treibt Eco seine intellektuellen Gedankenspiele jedoch auf die Spitze. Da kommt es schon mal vor, dass man in einem Satz mehrere Begriffe recherchieren muss, was alleine schon ermüdend ist. Das war aber nicht mein größtes Problem mit dem Buch. Ich bin bereit, in Bücher ein gewisses Maß an Recherche zu investieren, wenn es nicht überhandnimmt, macht mir das sogar Spaß. Hier jedoch wechselt sich die eigentliche Handlung mit Rückblicken in die Geschichte des Protagonisten ab, etwa Städtebelagerungen, an denen er teilgenommen hat. Und schon der erste dieser Rückblicke hat mich unfassbar gelangweilt. Ich hatte gleich den Verdacht, dass sich das im Laufe des Buchs fortsetzen würde, und habe mal ein paar Rezensionen gelesen. Hätte ich besser gemacht, bevor ich das Buch bestellt habe. Viele Rezensenten erzählen ebenfalls von gähnender Langeweile. Und darauf habe ich keine Lust. Ich muss dazu anmerken, dass in meiner Lesegruppe eher Begeisterung herrscht und sie Freude an der Interpretation des Textes hat. Ich bin über Seite 66 nicht hinausgekommen.

Gerade lese ich Urwelten – Eine Reise durch die ausgestorbenen Ökosysteme der Erdgeschichte von Thomas Halliday

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(c) Büchergilde Gutenberg

Übersetzung aus dem Englischen von Hainer Kober

Ich habe im Moment große Lust auf Sachbücher, insbesondere solche, die sich mit der Natur beschäftigen. Und vergangene Zeiten sind ja eh mein Ding. Die Büchergilde-Ausgabe dieses Buchs ist einfach wunderschön, das sei vorab bemerkt. Interessant ist, dass Halliday einen umgekehrten Ansatz verfolgt, um über die natur in den verschiedenen Erdzeitaltern zu berichten. Das heißt, er beginnt nicht in der am weitesten zurückreichenden Periode, sondern im Känozoikum, und arbeitet sich zurück in die früheren Epochen. Ich befinde mich gerade im Kapitel über das Jura, diese Zeit ist für Dinosaurierliebhaber natürlich besonders interessant. Es sei allerdings darauf hingewiesen, dass den Dinosauriern hier nicht mehr Raum eingeräumt wird als anderen Tieren. Mir gefällt das Buch ausgesprochen gut. Halliday legt eine Erklärung anhand einer Metapher für den menschlichen Stammbaum vor, die wohl die anschaulichste ist, die ich je gelesen habe. Chapeau. Die Informationsdichte ist natürlich ziemlich hoch, weshalb ich weniger gut voran komme wie gewünscht (was allerdings auch damit zusammenhängt, dass ich gerade wieder eine ausgeprägte Abendmüdigkeitsphase habe). Das Buch macht Spaß und ich freue mich auf die verbleibenden Kapitel.

So, ich hoffe, das nächste Update lässt nicht so lange auf sich warten. Allerdings werde ich nach Urwelten zunächst eine Ausgabe des Büchermagazins lesen. Als nächstes Hörbuch ist der letzte Teil der All Creatures Great and Small-Reihe geplant.

Habt alle ein schönes Wochenende!

Kurzrezension: Sy Montgomery: The Soul of an Octopus

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(c) Simon & Schuster

Deutscher Titel: Rendezvous mit einem Oktopus

Die amerikanische Sachbuchautorin Sy Montgomery beobachtete über mehre Jahre hinweg im New England Aquarium und in freier Wildbahn mehrere Kraken und interagierte mit ihnen. Ihre Erkenntnisse schildert sie im vorliegenden Werk. Kraken sind überaus intelligent, wofür Montgomery im Verlauf des Buches zahlreiche Beispiele schildert, die nicht nur erstaunlich, sondern auch oft schlicht lustig sind. So etwa der Krake, der ein Schraubglas mit einem Leckerli darin nicht nur aufschrauben konnte, sondern dieses nach Verzehr des Leckerlis auch wieder sorgfältig zuschraubte. Die Intelligenz der Kraken kann, wie Montgomery schmerzlich erfahren musste, auch zu ihrem Verhängnis werden. Leider haben Kraken außerdem nur eine sehr geringe Lebenserwartung, was für die Forscherin und die Mitarbeiter des Aquariums, die eine echte Bindung zu den Tieren entwickelten, alles andere als leicht ist.

Montgomery warnt jedoch davor, die Tiere zu vermenschlichen, und hat auch hierfür eindrucksvolle Beispiele parat. „It’s alluring to assume that animals feel as we do, especially when we want them to like us“ (Seite 12). Das darf man vor allem in der Hinsicht nicht vergessen, dass Kraken ab einer gewissen Größe für den Menschen sehr gefährlich werden können.

Erstaunlich ist nicht nur die Intelligenz der Kraken, sondern auch andere physiologische Eigenschaften, so wird unter anderem vermutet, dass Kraken in der Lage sind, über ihre Haut Farben wahrzunehmen.

Der Ton des Buches allgemein ist, dass wir dazu neigen, Tiere zu unterschätzten. Sogar der mit dem Kraken zusammen in einem Becken lebende Seestern legte Verhalten an den Tag, das auf wesentlich mehr Intelligenz schließen lässt, als wir so einem Weichtier je zutrauen würden.

Schließlich spielen auch noch die anderen Mitarbeiter des New England Aquarium und deren Leben eine gewisse Rolle in dem Buch.

Ein liebevolles, humorvolles und spannendes Porträt einer spannenden Tierart.

Rezension: James Rebanks: The Shepherd’s Life – A Tale of the Lake District

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(c) Allen Lane Books

Der Lake District ist wohl eine der schönsten Gegenden Englands. Das Erscheinungsbild ist wildromantisch, und doch handelt es sich um eine jahrtausendealte Kulturlandschaft, die durch die Schafhaltung geprägt wurde. James Rebanks stammt aus einer alten Schäferfamilie und arbeitete bereits als Kind ganz selbstverständlich auf der Farm mit. Dass er auch Schäfer werden würde, stand nie in Frage und so verließ er die Schule, sobald es möglich war, ließ sich schon vorher kaum noch dort blicken und machte keinen Abschluss. Dann kam jedoch eine Phase, in der er sich viel mit seinem Vater stritt, die Zukunft der Farm unklar war und Rebanks begann, Bücher für sich zu entdecken. Sein weiterer Werdegang mit Abendschule und Studium an der Universität von Oxford ist ganz bemerkenswert. Die akademische Bildung hinderte ihn jedoch nicht daran, auf die Farm zurückzukehren und in die Fußstapfen seines Großvaters und Vaters zu treten.

Dieser Werdegang ist ein Bestandteil des Buches, jedoch nicht der Hauptanteil, der in episodischen Beschreibungen des Lebens und der Arbeit der Schäfer in der uralten Kulturlandschaft des Lake District besteht, gepaart mit Gedanken über Geschichte, Tradition und Sinn der alten Lebensweise.

„If you removed the tractors and machinery from the farm, much of what we did, was ancient.“ (Seite 76)

Dies stellt er der modernen Lebensweise gegenüber, die sich gar nicht mehr von der eines Schäfers unterscheiden könnte:

„It also made me think that modern life is rubbish for so many people. How few choices it gives them. Ho it lays out in front of them a future that bored most of them so much they couldn’t wait to get smashed out of their heads each weekend. How little most people are believed in, and how much it asks of so many people for so little in return.“ (Seit 97)

Das obige Zitat mag zunächst etwas widersprüchlich erscheinen. Hat der Mensch heute nicht mehr Auswahl als je zuvor? Doch wenn man einmal überlegt: Hat der Mensch denn in der modernen Gesellschaft wirklich die Wahl? Wird es noch akzeptiert, wenn jemand NICHT Karriere machen will (eine Frage, die für mich persönlich enorm wichtig war)? Kann man sich dem Raubtierkapitalismus wirklich noch entziehen? Sicher, da gibt es Aussteiger, aber nur die wenigsten werden denn Mut dafür aufbringen, was wiederum nachvollziehbar ist.

Solche Denkanstöße finden sich zuhauf in dem Buch. Wer jetzt aber denkt, dass Rebanks das Schäferleben romantisiert: keineswegs. Er verschweigt nicht die harte Arbeit, die Frustration, die Sorge um die Tiere, den Verlust von Tieren an die Wetterverhältnisse und die elende Abhängigkeit von diesen. Die schlechte Entlohnung, etwa für Wolle, die so wenig wert ist, dass sie manchmal verbrannt wird. Die Illusion, dass Schafe für ihre Wolle gehalten werden, hat mir Rebanks geraubt. Die Schäferindustrie ist eine Fleischindustrie. Das ist für mich als Vegetarierin, die versucht, überwiegend vegan zu leben, nicht leicht zu schlucken. Müsste ich diese Kultur, diese Tradition und diese Industrie nicht komplett ablehnen, Rebanks verurteilen? Es ist ein Dilemma, für das ich noch keine Antwort gefunden habe. Natürlich will ich nicht, dass Tiere für den menschlichen Verzehr sterben müssen. Andererseits handelt es sich wie bereits mehrfach erwähnt um eine uralte Kulturform, die auch die wunderschöne Landschaft geschaffen hat. Es ist keine Massentierhaltung, die Tiere leben in ihrer natürlichen Umgebung. Viele alte Nutztierrassen sind vom Aussterben bedroht. Könnte man die Schafhaltung so subventionieren, dass sie primär zur Landschaftspflege dient? Stellenweise gibt es solche Modelle schon, aber ist das im großen Umfang denkbar, realistisch und nicht zuletzt – bezahlbar? Und wollen wir Rebanks und seiner Familie, seinen Kollegen, ihrer Lebensweise berauben?

Trotz aller dieser Fragen: Ich habe die Lektüre dieses Buches sehr genossen und empfinde großen Respekt für James Rebanks. Das Leben eines Schäfers – das mag erst einmal etwas langweilig klingen, aber das Buch ist an keiner Stelle langweilig und die Schilderungen einer eiskalten, stürmischen Nacht, in der ausgerechnet zig Lämmer geboren werden und in der Rebanks um das Leben der ganzen Lämmer kämpfen muss – das ist spannender als jeder Krimi.

Ein unbedingt lohnendes Buch, das in mir mehr Fragen aufgeworfen hat, als die meisten anderen.