Zuletzt gelesen – KW 22

In diesem Artikel besprochene Bücher: „Zauber der Stille“ von Florian Illies (Hörbuch), „Artificial Condition“ von Martha Wells (Hörbuch), „Meine Geschichte der deutschen Literatur“ von Marcel Reich-Ranicki, „Elfenkrieg“ von Bernhard Hennen und Robert Corvus (Hörbuch) sowie ganz kurz „König Midas“ von Luc Ferry, Clotilde Bruneau, Stefano Garau und Guiseppe Baiguera (Graphic Novel).

Dieser Artikel wird ein bisschen schwierig, denn ich bin noch mehr ins Hintertreffen geraten, was meine zu rezensierenden Bücher angeht. Mal sehen, was ich noch aus meinem Gedächtnis klauben kann, bitte um Nachsicht, falls es nicht so viel ist ;-)

Florian Illies: Zauber der Stille

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(c) Argon Verlag

Sprecher: Stephan Schad

Dauer: 6h 27min

Wie wir es mittlerweile von einigen deutschen Autoren kennen, nimmt sich Florian Illies in „Zauber der Stille“ wieder eines bestimmten Zeitraums an, d. h., in diesem Falle dem Leben des „urdeutschen“ Malers Caspar David Friedrich, und setzt die Gesellschaft und die prominenten Persönlichkeiten der Epoche mit diesem in Beziehung. Meiner Meinung nach ist ihm dies in diesem Buch wieder wunderbar gelungen, wenn auch ein paar Zusammenhänge ein wenig an den Haaren herbeigezogen wirken könnten. Ich persönlich kann Illies dies verzeihen, denn insgesamt macht er das schon sehr geschickt, auch mit der Unterteilung des Buches in die Kapitel „Feuer“, „Erde“, „Wasser“ und „Luft“, die vier Elemente also, die sich nicht nur in den jeweils besprochenen Bildern des Malers widerspiegeln, sondern auch in den Ereignissen, die im entsprechenden Kapitel eine Rolle spielen. Vor allem im Kapitel „Feuer“ fand ich das äußerst gelungen. Für den notwendigen Humor ist auch gesorgt, der insbesondere in der Schilderung der, sagen wir, „schwierigen“ Beziehung Friedrichs mit Johann Wolfgang von Goethe deutlich wird. So macht Geschichte Spaß, das Buch, auch als Hörbuch zu empfehlen, hat mich prächtig unterhalten.

Martha Wells: Artificial Condition (The Murderbot Diaries #2)

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(c) Tor Books

(Cover/Link führt zur Printausgabe, da der Audioverlag (Recorded Books) keine Suchfunktion auf seiner Website hat. Buch gehört über Audible.)

Sprecher: Kevin R. Free

Dauer: 3h 21 min

Murderbot ist wieder unterwegs, und zwar mit einem Schiff, das von einem Bot namens ART gesteuert wird, der im Laufe wieder doch recht kurzen Geschichte zu einem herrlichen Sidekick wird. Vor allem will Murderbot herausfinden, was bei dem Vorfall, bei dem er mehrere Menschen getötet haben soll, wirklich passiert ist. Dabei muss Murderbot wieder ein paar naive Menschen retten, die sich selbst in haarsträubende Gefahren begeben, weil sie um die Ergebnisse einer von ihnen durchgeführten Expedition gebracht wurden. Das Beste an diesem zweiten Band der Murderbot Diaries ist definitiv ART, der süchtig nach Serien ist und nicht gut damit zurecht kommt, wenn diese tragisch enden. Da findet eine regelrechte  Charaktergestaltung einer künstlichen Intelligenz statt, die nicht einmal über einen Körper verfügt. Ich sehe regelrecht das Schild, das Martha Wells möglichen Lesegruppen vor die Nase hält und auf dem steht „Discuss“. Was ich an der Reihe auch beeindruckend finde, ist die Selbstverständlichkeit, mit der auf moderne Lebensmodelle verwiesen wird. Viele Menschen leben in dieser Zukunftswelt in polyamoren Ehen, bunt gemixt, mit gemeinsamen Kindern, Zweierbeziehungen scheinen eher selten zu sein. Auch diesen zweiten Band habe ich sehr gern gelesen bzw. gehört (inzwischen bin ich bis einschließlich Band 4 gekommen).

Marcel Reich-Ranicki: Meine Geschichte der deutschen Literatur

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(c) DVA

MRR ist nicht unumstritten, vor allem weil sein Kanon doch sehr von Männern dominiert ist und er ziemlich arrogante Äußerungen über weibliche Autoren gemacht hat, etwa, dass sie keine Romane schreiben könnten (Quelle: Frauen Literatur von Nicole Seifert). Auch in diesem Buch, das chronologisch nach den Epochen der deutschen Literatur aufgeteilt ist, dominieren die Männer, insbesondere in den ersten Teilen. (Jedem Autor bzw. jeder Autorin wird je ein Kapitel gewidmet.) Immerhin geht Reich-Ranicki auf diesen Punkt in einem den eigentlichen Autorenporträts vorangestellten, sehr interessanten Essays selbst ein und macht dabei folgende Feststellung: „Nun beweist der minimale Beitrag der Frauen zur Literatur und zur Kunst der Vergangenheit noch keineswegs, dass Kreativität und Genie nicht Sache des weiblichen Geschlechts seien. Es wurde schon oft gesagt und kann nicht oft genug wiederholt werden: Die den Frauen in der von Männern beherrschten Welt zugewiesene Rolle hat ihnen die Beschäftigung mit allem Geistigen und Künstlerischen in hohem Maße erschwert, ja unmöglich gemacht.“ (Seite 56/57).

Es hat sicherlich mehr vergessene weibliche Autoren in der Literaturgeschichte gegeben, die MRR nicht bespricht, aber ich muss ihm zu Gute halten, dass ich durch die Lektüre dieses Buches doch ein paar neue Autorinnen gefunden habe, die mich interessieren (etwa Eva Demski).

Der Titel des Buches ist ein wenig missverständlich. Es handelt sich hier nicht um ein zusammenhängendes Werk über die Geschichte der deutschen Literatur. Vielmehr besteht es aus in den langen Jahren seines Schaffens gesammelten Essays über deutsche Autor*innen, die in chronologische Reihenfolge gebracht wurden. Das könnte einige Erwartungen enttäuschen. Auch ich bin eher mäßig mit dem Ergebnis zurechtgekommen, der Band stellt jedoch eine durchaus lohnende Lektüre dar und bietet definitiv viele interessante Informationen. Um mehr über die größtenteils vergessenen weiblichen Autoren zu erfahren, lese ich jetzt „Frauen Literatur“ von Nicole Seifert.

Bernhard Hennen & Robert Corvus: Elfenkrieg (Phileasson-Saga, Band 8)

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(c) Audible Studios

Sprecher: Detlef Bierstedt

Dauer: 25 h 19 min

Achtung, leichte Spoiler für diejenigen möglich, die die ersten sieben Bände noch nicht gelesen haben.

Ab Band 8 der Phileasson-Saga agieren die beiden Ottajaskos erst einmal isoliert voneinander, denn die von Beorn wurde in das alte Tie’Shianna entrückt, in dem der lang zurückliegende Krieg um diese Elfenstadt tobt. Es handelt sich um ein sogenanntes lebendes Bild und Beorn und seine Recken und Schildmaiden müssen bald feststellen, dass die Abläufe um die Eroberung der Stadt jederzeit abrupt enden und wieder von vorne beginnen können. Wie sollen sie aus diesem lebenden Bild entkommen? Phileassons Ottajasko ist derweil weiterhin mit den Siedlern um Aischa unterwegs, um das Tal aus der Prophezeiung ihres Vaters zu finden. Dabei passieren sie unter anderem das Liebliche Feld, die Heimat von Vascal della Rescati und seiner Nichte Leomara. Auch der wieder sehr gelungene Prolog beschäftigt sich mit der Vorgeschichte Vascals und später auch Leomaras. Aufgrund dieses Prologs ist mir Vascal inzwischen richtig ans Herz gewachsen. Die Gemeinschaft reist weiter Richtung Dschungel, wo sie es unter anderem mit Echsenmenschen zu tun bekommen.

Dieser Band hat mir wieder gut gefallen und endet mit einem Cliffhanger, der mich erstmals veranlasste, den nächsten Band gleich hinterher zu hören. Hennen und Corvus halten das in den letzten Bänden aufgebaute Niveau.

Luc Ferry, Clotilde Bruneau, Stefano Garau, Guiseppe Baiguera: Mythen der Antike: König Midas

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(c) Splitter Verlag 

Übersetzung aus dem Französischen von Harald Sachse

Ich habe die Geschichte um den phrygischen König Midas erstmals von Stephen Fry in „Mythos“ vollständig gehört und hatte doch schon wieder vergessen, wie umfangreich diese Sage ist. Auch hier hat mich die Umsetzung des Splitter-Verlags überzeugt, wie die anderen Bände eignet er sich super zur Auffrischung oder auch als Erstkontakt mit dem griechischen Mythos.

Rezension: Andy Weir: The Martian

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(c) Audible Studios

Sprecher: Wil Wheaton

Dauer: 10h 59min

Mark Watney wurde, von seinen Mitastronauten für tot gehalten, bei einer Notfallevakuierung auf dem Mars zurückgelassen. Niemand weiß, dass er noch lebt, und selbst, wenn er sich bemerkbar machen könnte, wäre eine mögliche Rettung Jahre entfernt. Scheint aussichtslos. Doch statt aufzugeben, nutzt Watney seine botanischen und technischen Kenntnisse, um zu überleben. Erst mal. Es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit.

„Project Hail Mary“ war mein Jahreshighlight 2023, sowohl als Hörbuch, als auch insgesamt. Natürlich wollte ich Andy Weirs berühmten, aufwendig verfilmten Erstling auch noch lesen. Und als ich durch Wil Wheatons Autobiografie erfuhr, dass dieser das Buch eingelesen hatte, griff ich auch hier zum Hörbuch. Auch wenn „The Martian“ nicht ganz an die Genialität der Audioversion von „Project Hail Mary“ herankommt, hat mir auch dieser technisch anspruchsvolle Sci-Fi-Roman ganz hervorragend gefallen. Es war faszinierend, Watneys fantastische Überlebensstrategien und Problemlösungen zu verfolgen. Im Laufe des Buches erfahren dann auch, was auf der Erde und in dem Raumschiff und mit der Crew passiert, mit dem bzw. der Watney zum Mars gelangte. Ob Mark Watney gerettet werden kann, bleibt beinahe bis zur letzten Minute offen. Das macht das Buch mitunter schier unerträglich spannend. Jedes Mal, wenn die Narration plötzlich in die 3. Person wechselte, fühlte ich mich förmlich erblassen, weil ich ahnte, dass jetzt wieder etwas schief gegangen sein musste. Es gibt katastrophale Rückschläge, doch Mark Watneys Persönlichkeit zeichnet sich durch einen Optimismus aus, der wohl als Grundvoraussetzung für die pure Möglichkeit, zu überleben, betrachtet werden kann. Andy Weir beeindruckt außerdem mit seinem wissenschaftlichem und technischen Wissen, zumindest aus meiner Sicht als Laiin hatten Weirs Ausführungen stets eine solide wissenschaftliche Basis. Ganz tolles Buch. Die Verfilmung ist auch gelungen, jedoch in der Schilderung von Watneys Problemlösungsstrategien stark verkürzt. Ich bin wirklich gespannt, was Andy Weir uns als Nächstes vorlegt.

Wil Wheaton punktet als Sprecher insbesondere, wenn er Marks Passagen liest. Er passt auch mit seinem ganzen Hintergrund und seiner Art ganz wunderbar in die Rolle. Tatsächlich stutzte ich beim Anschauen des Films des Öfteren, weil ich Wil Wheaton als Mark Watney im Sinn hatte (sorry, Matt Damon, hast deinen Job auch super gemacht). Die sonstigen Passagen des Buches fand ich nicht ganz so überzeugend vorgetragen. In jedem Fall hat das Hörbuch großen Spaß gemacht.

Zuletzt gelesen – KW 11

In diesem Artikel besprochene Bücher: „Nincshof“ von Johanna Sebauer, „Totenmeer“ von Bernhard Hennen & Robert Corvus, „All Systems Red“ von Martha Wells und „Die Inkommensurablen“ von Raphaela Edelbauer

Johanna Sebauer: Nincshof

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(c) Dumont Buchverlag

Ach, mit Erna Rohdiebl hatte ich viel Spaß! Nicht nur, weil sie für ihr Alter echt dreist drauf ist. Die Prämisse des Romans ist auch einfach saukomisch umgesetzt: Drei männliche Bewohner des Dorfes wollen dafür sorgen, dass dieses vergessen wird. Vom Stress der globalisierten Welt abgeschnitten wird. Wie es früher schon einmal war. Und Erna wollen sie für ihr Anliegen rekrutieren. Straßenschilder, Wikipedia-Einträge und Archivmaterial verschwinden. Dann sind da aber noch diese aufmüpfigen Neuen, die im Dorf eine Irrziegenfarm betreiben wollen! Aus dieser Konstellation entsteht eine sehr humorvolle, wenn auch eher harmlose Geschichte um das kleine Dorf, mit einigen, wenigen ernsten Anklängen. In gewissem Maße ist da sicher auch Spott über bestimmte Gesellschaftsgruppen enthalten, aber dieser bleibt gutmütig, nicht bissig.

Bernhard Hennen & Robert Corvus: Totenmeer (Phileasson-Saga, Band 6)

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(c) Audible Studios

Sprecher: Detlef Bierstedt

Dauer: 21 h 31 min

Achtung, leichte Spoiler für die ersten fünf Teile der Saga möglich (weil man erfährt, dass bestimmte Charaktere noch leben ;-))

Mit diesem Teil der Phileasson-Saga haben mich Bernhard Hennen und Robert Corvus nun wirklich endgültig überzeugt. Auf einen gewohnt langen, aber auch richtig starken Prolog folgt ein Duell um den Sieg der nächsten Aufgabe, die in einem faszinierenden Setting angesiedelt ist. Das World Building ist hier wirklich ganz stark und ihr wisst ja, wie viel Wert ich darauf lege. Der absolute Höhepunkt ist aber der erzwungene und nur mit Worten ausgefochtene Austausch zwischen Zidaine Barazklah, Praioslob und Tylstyr Hagridson. Ich muss an dieser Stelle aufpassen, nicht zu spoilern. Das ganze ähnelt einem Gerichtsverfahren, in dem Praioslob Zidaines Handlungen ins richtige Licht rückt. Das ist ungemein tiefgründig und regelrecht philosophisch. Großartig! Deshalb muss ich dem Buch, dem ich zunächst vier Sterne gegeben habe, unbedingt im Nachhinein fünf Sterne geben. Richtig, richtig gut!

Martha Wells: All Systems Red (The Murderbot Diaries #1)

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(c) Tor Books

(Cover/Link führt zur Printausgabe, da der Audioverlag (Recorded Books) keine Suchfunktion auf seiner Website hat. Buch gehört über Audible.)

Sprecher: Kevin R. Free

Dauer: 3 h 17 min

In einer fernen Zukunft. KI ist mittlerweile nicht nur in der Lage, praktisch wie ein Mensch zu wirken, sie kann auch Vorlieben und Gefühle entwickeln. Murderbot ist ein Bodyguard-Android, genannt „SecUnit“, der über seine Hard- und Software auch sofortigen Zugang zu allen möglichen Daten hat und natürlich zäher als ein menschlicher Sicherheitsbeamter ist, wenn auch durchaus verletzlich. Murderbot weiß, dass es in seiner Vergangenheit einen Vorfall gab, bei dem er außer Kontrolle geriet und mehrere Menschen tötete. Er weiß jedoch nicht, wie das passieren konnte, denn seine Programmierung und sein künstliches Gewissen lassen dies normalerweise keinesfalls zu. Die entsprechenden Teile seines Gedächtnisses wurden gelöscht. Bei einer Erkundungsmission auf einem Planeten, die er als Sicherheitsandroid begleitet, kommt es zu mehreren sicherheitsrelevanten Vorfällen, die ungewöhnlich erscheinen, und Murderbot realisiert, dass die Menschen in seiner Obhut in großer Gefahr sind.

Martha Wells ist es gelungen, einen sympathischen Androiden zu erschaffen, der als Protagonist der Weltraumkrimis für Spannung sorgt. Sympathisch machen ihn seine menschlichen Eigenschaften – Murderbot ist etwa ein echter Serienjunkie -, aber auch besonders seine Unsicherheiten im Umgang mit Menschen: Murderbot ist … awkward und sich seiner sozialen Defizite peinlich bewusst. Die Bücher sind zu kurz, um auch ein ausgeklügeltes World Building zu bieten, da ist die Reihe bisher ausbaufähig, aber sie bietet neben viel Spannung und Action auch die Thematisierung der immer relevanter werdenden Fragestellung, was KI kann und darf, wie vertrauenswürdig sie ist und wo ihre Grenzen liegen. Das Ende hat mich, ich will nicht sagen „enttäuscht“, ich hätte mir nur persönlich für Murderbot etwas anderes gewünscht. Es birgt also keineswegs Abwertungspotenzial. Ich habe inzwischen auch den zweiten Band gehört und dieser hat mir noch besser gefallen als der erste. (Rezension folgt.)

Raphaela Edelbauer: Die Inkommensurablen

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(c) Klett-Cotta

Jetzt muss ich grundehrlich sein: Ich habe dieses Buch sehr gerne gelesen und fand es trotz seiner teils komplexen mathematisch-philosophischen Ausführungen gut lesbar. Das Problem ist nur, dass ich ziemlich viel einfach schon wieder vergessen habe. Das könnte man nun so interpretieren, dass das gegen das Buch spricht, aber dazu hat es mir zu gut gefallen (das weiß ich noch!). Das Buch spielt an einem einzigen Tag am Vorabend des 1. Weltkriegs in Wien und lässt einen jungen Landarbeiter namens Hans auf das Mathematikgenie Klara, die kurz vor ihrer Promotion steht, und ihren guten, adligen Freund Adam treffen. Was Klara und Hans verbindet, ist ein gemeinsamer Traum, den sie mit einigen anderen Menschen teilen und den die Psychoanalytikern Helene, bei der Klara wohnt und die Hans aufsuchen wollte, untersucht. Dabei macht die Autorin vielleicht das ein oder andere Fass zu viel auf, ich habe die daher die 410 Seiten als ein wenig überfrachtet empfunden, obwohl die Handlung nur einen Tag umfasst. Den mathematischen Theorien konnte ich nicht immer ganz folgen, was aber meinen Spaß an dem Buch nicht beeinträchtigt hat.

Leseupdate KW 42

Oha, vier Wochen kein Leseupdate, das wird schwierig… Ich mache es mal so: In diesem Artikel bespreche ich die Bücher, die ich seitdem beendet habe. Die Bücher, die ich aktuell lese, kommen dann nächste Woche.

Fangen wir mit den Büchern an, mit denen ich bei meinem letzten Leseupdate schon angefangen hatte.

Das zweite Gesicht von Kay Meyer

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(c) Audible Originals

Dauer: 15 h 6 min

Sprecherin: Luise Helm

Ich hatte mich ja doch noch ein bisschen mit dem Buch angefreundet. Dann ging es mit meiner Meinung kurzfristig wieder bergab, als klar wurde, um welche Mythen bzw. Verschwörungstheorien es da ging. Es ist schwierig, hier nicht zu spoilern. Die Theorien waren mir jedenfalls definitiv zu abstrus. Dann habe ich aber recherchiert und herausgefunden, dass sie tatsächlich Teil der Philosophie von Rudolf Steiner und der Anthroposophen sind. Abgefahren. Das fand ich dann doch interessant. Das Ganze führt zu einem coolen Twist, den ich kurz vorher allerdings schon erahnt hatte. Nicht so gefallen hat mir der Showdown gegen Ende, sowas mag ich nicht besonders. Insgesamt aber ein wirklich unterhaltsames und gut umgesetztes Hörbuch, wenn man sich darauf einlässt.

Das Nachwort von Dominik Graf fand ich stellenweise ein bisschen fragwürdig.

 

Lost & Dark Places – Saarland von Holger Mathias Peifer

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(c) Bruckmann Verlag

Ich hatte ja letztes Mal schon relativ viel zu dem Buch gesagt. Die restlichen Kapitel interessierten mich nicht mehr ganz so sehr, da die besprochenen Orte aus jüngerer Zeit stammten. Ansehen möchte ich mir noch die Burg Frankenstein; dieser Ort, durch den der Zug nach Mannheim fährt, hatte schon länger mein Interesse geweckt, sieht vom Zug aus spannend aus. Außerdem den Park des ehemaligen Schlosses Karlsberg (krass, dass ein ganzes Schloss fast restlos verschwinden kann) und eventuell die Blaufabrik in Sulzbach. Interessant fand ich auch die Area 1 aus dem Kalten Krieg.

 

Die vollständige Maus von Art Spiegelman

Coverabildung
(c) Fischer Taschenbücher

Auch zu diesem Buch habe ich eigentlich hier schon alles gesagt. Kurz zusammengefasst: Großartig. Sollte jeder lesen! Gerade jetzt.

 

Fan Fiction – A Mem-Noir: Inspired by True Events von Brent Spiner

(c) Macmillan Audio

Dauer: 6 h 53 min

Sprecher*innen: Barrie Kreinik, Brent Spiner, Gates McFadden, Genie Francis, Hallie Todd, Jeanne Darst, Jonathan Frakes, LeVar Burton, Marina Sirtis, Matie Argiropoulos, Matt Godfrey, Michael Dorn, Patrick Stewart, Saskia Maarleveld, Sean Patrick Hopkins

Vorab: Man sollte unbedingt Star Trek – The Next Generation gesehen haben, bevor man dieses Buch liest. Es geht nämlich um einen (fiktiven?) Stalking-Fall, den Brent Spiner aka Commander Data während der Dreharbeiten zur vierten Staffel der Serie erlebt. (Inwiefern das „True Events“ sind, ist mir absolut unklar.) In der Folge „The Offspring“ der dritten Staffel hatte Data einen Androiden namens „Lal“ geschaffen, der sich selbst entschied, die Form einer Menschenfrau anzunehmen. Data sah diese als seine Tochter. Nun bekommt Spiner plötzlich Briefe, die mit „Dear Daddy“ beginnen, einen äußerst beunruhigenden Inhalt haben und mit „Lal“ unterzeichnet sind. Daraus entspinnt sich ein Kriminalfall, der mir einen Riesenspaß bereitet hat. Ich habe oft laut lachen müssen. Das Ganze ist natürlich total überzeichnet, Spiner nimmt sich selbst und das Fandom gehörig auf die Schippe, was im Hörbuch allein durch seine Betonungen und die beim Vorlesen verschiedener Briefe gespielte Musik deutlich wird. Überhaupt ist das Hörbuch mehr ein Hörspiel, an dem der gesamte Cast von TNG und weitere Sprechrollen beteiligt sind. Besonders Patrick Stewart hört man an, dass er dabei seinen Spaß hatte. Ein urkomisches Werk und Riesenvergnügen für Star Trek-Fans. Unbedingt zum englischen Hörbuch greifen!

 

Marzahn, mon amour von Katja Oskamp

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(c) Hanser Berlin

Da es bei der Schriftstellerin Katja Oskamp nicht so lief, machte sie kurzweg eine Ausbildung zur Fußpflegerin und begann, in einer Praxis in Berlin-Marzahn zu arbeiten. Im liebevoll betitelten Marzahn, mon amour erzählt sie von den Menschen des Stadtteils, deren Füße sie im Laufe der Zeit behandelte. Da erfahren wir von einsamen Witwen und Witwern, von Frauen, die während des Kriegs flüchten mussten, überwiegend von älteren, „einfachen“ Menschen, die nicht viel haben, oft auch nicht viele menschliche Kontakte, aber sich doch irgendwie durchwurschteln. Oskamp kommentiert die Schicksale nicht, sie berichtet nur, und doch tut sie das auf eine Art und Weise, die tief berührt und aufrichtiges Interesse an den Menschen weckt. Ein ganz wunderbares, kleines Buch, das völlig zu Recht den Dublin Literary Award gewonnen hat. Ein echtes Jahreshighlight.

Hörbuch: Andy Weir: Project Hail Mary

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(c) Audible Studios

Deutscher Titel: Der Astronaut

Sprecher: Ray Porter

Dauer: 16 h 19 min

Vorbemerkung: Am Ende dieser Rezension gehe ich noch kurz auf ein paar Aspekte ein, die ich wegen Spoilergefahr nicht in der Rezension nennen möchte. Wird durch „Achtung, Spoiler“ gekennzeichnet.

Ryland Grace wacht auf. Er stellt fest, dass er sich in einer Art Stasekammer befindet und von einem Roboter medizinisch versorgt wird. Und er kann sich an nichts erinnern, nicht einmal an seinen Namen. Doch von Wissenschaft scheint er etwas zu verstehen, denn anhand einiger Experimente stellt er nach und nach fest, wo und wann er sich befindet. Und stückweise kommen auch die Erinnerungen zurück.

Ich muss zugeben, ein kleines bisschen skeptisch war ich, was dieses Buch anging. Ich habe „Der Marsianer“ nie gelesen, unsicher, ob das Buch etwas für mich sein könnte. Als dann Natira sein neuestes Werk „Project Hail Mary“ empfahl, wurde ich neugierig. Und der Klappentext sprach mich mehr an als der von „Der Marsianer“. Bekommen habe ich mein erstes wirkliches Jahreshighlight. Und ich kann mir kaum vorstellen, dass es noch ein anderes Buch schafft, dieses Hörbuch zu übertrumpfen.

Von Anfang an haben mir die gut verständlichen wissenschaftlichen Ausführungen und Experimente sehr gefallen und ich mochte auch den humorvollen Tonfall des Protagonisten, der durch die geniale Interpretation Ray Porters noch besser rüberkommt. Der Protagonist ist absolut sympathisch, mit der Zeit bekommen die Leser*innen jedoch mit, dass er keineswegs perfekt ist. Es ist spannend zu verfolgen, wie Ryland nach und nach herausfindet, wo er ist und was seine Aufgabe ist, abwechselnd mit Rückblicken zu den Anfängen und dem Verlauf des Petrova-Problems. Dieses Problem stellt die Menschheit vor die größte Herausforderung, die sie je zu meistern hatte: Denn ausgelöst wird es von Nano-Aliens, die sich von Sonnenenergie ernähren, unsere Sonne anzapfen und drohen, so innerhalb weniger Jahre das Klima unseres Planeten soweit abzukühlen, dass er unbewohnbar ist. Was Andy Weir aus diesem Setting macht, ist eine wunderbare, unfassbar spannende Geschichte, die durch die Themen Kommunikation und Freundschaft bereichert wird. Am faszinierendsten sind die zahlreichen Herausforderungen und Beinahe-Katastrophen, mit denen Ryland konfrontiert wird, und deren Lösung durch pure Wissenschaft macht einfach einen Riesenspaß. Am genialsten fand ich, wie der Aspekt Kommunikation gehandhabt wurde, dazu trägt auch die Umsetzung als Hörbuch bei, das Buch hat nicht umsonst einen Hörbuchpreis gewonnen. Ich kann euch leider nicht mehr darüber verraten, da das schon einen kleinen Spoiler darstellen würde.

Vor dem Ende des Buches hatte ich ein wenig Angst, aber was soll ich sagen: Es ist perfekt. „Project Hail Mary“ ist ein rundum gelungenes Weltraumabenteuer, das ohne Gewalt und auch ohne Lovestory auskommt – beides fehlt in keiner Weise.

Ich empfehle „Project Hail Mary“ von ganzem Herzen, ja, ich will, dass ihr es lest! Wenn ihr des Englischen mächtig seid, am besten als Hörbuch! (Ich weiß leider nicht, wie gelungen Umsetzung im deutschen Hörbuch ist.) Ein gewisses Interesse an Naturwissenschaften ist von Vorteil ;-) Auch ein dickes Lob an den fantastischen Sprecher Ray Porter! 5 Sterne, aber sowas von!

 

ACHTUNG, SPOILER

Rocky! Ich finde es unfassbar, wie Andy Weir es schafft, einen so „unhumanioden“ Alien so liebenswert zu machen, dass man ihn als „Leser*in“ so sehr in sein Herz schließt. Rylands Kommunikation mit Rocky, die sich entwickelnde Freundschaft und die gemeinsame Arbeit am Petrova-Problem gehören zum Besten, was ich je in Science-Fiction gelesen oder gesehen habe. Wie wunderbar! Andy Weir hat mir gezeigt, dass Science-Fiction auch etwas ganz anderes sein kann als eine Space Opera und dass eine Dystopie trotzdem hoffnungsvoll sein kann. Wirklich großartig!

Hörbuch: Marc-Uwe Kling: Qualityland 2.0 – Kikis Geheimnis – Kurzrezension

(c) Hörbuch Hamburg

Sprecher: Marc-Uwe Kling

Dauer: 9 h 46 min

Nach den Ereignissen des ersten Teils ist Peter Arbeitsloser wieder als Maschinentherapeut tätig. Auch sonst sieht es recht gut für ihn aus, er macht Fortschritte, was sein Level angeht. Sein Beziehungsstatus zu Kiki ist jedoch kompliziert. Selbige taucht plötzlich während seiner Abwesenheit in der Praxis auf und wird dort von einem professionellen Killerbot aufgespürt, der es auf sie abgesehen hat. Sie kann sich jedoch aus der Situation befreien. Wer will Kiki umbringen?

Sind wir mal ehrlich, bei Fortsetzungen ist man doch immer erst mal ein bisschen skeptisch, zumal wenn ein Buch ursprünglich gar nicht als Reihe geplant war. (Wobei ich anmerken möchte, dass ich bei manchen Kritiken auch den Eindruck habe, dass sie regelrecht darauf aus sind, zweite Teile zu verreißen.) Hören wollte ich den zweiten Teil natürlich trotzdem, habe ich mich doch bei Teil 1 köstlich amüsiert.

Um es kurz zu machen: Für mich ist diese Fortsetzung gelungen. Ich habe mich großartig unterhalten und ein Rant über unsere Gesellschaft und den Klimawandel von Aisha hat mir aus der Seele gesprochen. Allein die defekten Roboter, die bei Peter hausen, sind es schon wert, das Buch anzuhören und den gesellschaftlichen Abstieg von Martin Vorstand samt Running Gag (ich sage nur „Didödidö“) habe ich mit Schadenfreude verfolgt (wobei er mir dann irgendwann schon leidtat).

Dass es wieder die Hörbuchausgabe sein sollte, war von Anfang an klar, Marc-Uwe Kling ist einfach ein Performer. Alle Daumen hoch, mir hat es richtig viel Spaß gemacht.

Rezension: Becky Chambers: The Long Way to A Small Angry Planet

(c) Hodder & Stoughton

Deutscher Titel: Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten

In einer fernen Zukunft. Die Erde ist unbewohnbar und die Menschheit lebt verteilt auf dem Mars und verschiedenen anderen Planeten und Raumschiffen. Die auf dem Mars aufgewachsene Rosemary Harper wird Teil der Crew des Schiffes Wayfarer, das Wurmlöcher zwischen weit entfernten Teilen der Galaxie „bohrt“. Die Crew besteht aus einigen Menschen und diversen Angehörigen anderer Arten. Als dem Kapitän ein lukrativer Auftrag angeboten wird, eine Verbindung zu einem weit enternten Planeten herzustellen, kann er nicht ablehnen, auch wenn das bedeutet, dass die Crew sehr lange unterwegs sein wird.

Becky Chambers‘ Debütroman ist ein Riesenerfolg, das Buch wird auf Booktube und in der Bloggerwelt größtenteils gefeiert. Dass meine Erwartungen entsprechend hoch waren, ist klar. Ich hatte erwartet, dieses Buch zu lieben, und so ist es auch gekommen. Es ist Science-Fiction, in der es weniger um actionreiche Weltraumschlachten geht als um das World-Building, um die verschiedenen Aliens, ihre Beziehungen untereinander und zu den Menschen und um bestimmte moralische Fragen, die sich unter anderem durch den Fortschritt der Technik ergeben. In Bezug auf Letzteres fühlte ich mich sogar ein bisschen an Star Trek The Next Generation erinnert, wo auch des Öfteren Themen wie Rechte von künstlichen Intelligenzen behandelt wurden.

Action ist wie gesagt nicht sehr präsent, jedoch gibt es durchaus extrem spannende und dramatische Situationen, in denen man mit den Charakteren mitleiden muss.

Die meisten Charaktere sind absolut liebenswert, es ist zwar keineswegs alles Friede, Freude, Eierkuchen, doch wirkliche Bösewichte gibt es in dem Sinne nicht, auch deren Beweggründe und ihr Verhalten finden eine Stimme in dem Buch, die Verständnis und in einem Fall auch für eine gewisse Sympathie sorge. Das Buch ist ein Fest für die Diversität, zwar gibt es Arten, die andere optisch abstoßend finden, und auch welche, die bestimmte andere Arten verachten, außerdem sind Beziehungen zwischen bestimmten verschiedenen Spezies in bestimmten Welten verboten. Doch auf der Wayfarer herrscht allgemeine Toleranz, ja, sie ist selbstverständlich. So gibt es Liebesbeziehungen zwischen verschiedenen Spezies, gleichgeschlechtliche Paare und sogar eine verliebte AI. Ganz ohne Reibereien geht es auf einer Reise, die etwa ein Jahr dauert und sehr verschiedene Charaktere auf engem Raum zusammenbringt, natürlich nicht. Und manche Spezies haben eine äußerst gewalttätige Vergangenheit. Die Geschichte des Koches und Schiffsarztes Dr Chef ist beispielsweise herzzereißend. Insgesamt ist Becky Chambers‘ Werk ein zutiefst menschliches, ein Plädoyer für Verständnis und Toleranz. Ich bin sehr gespannt auf den zweiten Teil der Trilogie, auch wenn diese leider nicht auf der Wayfarer spielen wird. Ungeingeschränkte Leseempfehlung.

Rezension: E. M. Forster: The Machine Stops

(c) Penguin

Deutscher Titel: Die Maschine steht still

In E. M. Forsters Zukunftsszenario aus dem Jahre 1909 lebt die Menschheit nicht mehr auf der Erdoberfläche, sondern unterirdisch. Die Oberfläche ist durch irgendwelche Katastrophen verseucht, zu sehen bekommen die Menschen sie nur in den seltenen Fällen, dass sie persönlich per Luftschiff von einem Ort an einen anderen Reisen müssen. Die Menschen leben einzeln in ihren kleinen Appartments, in denen sie von der Maschine mit allem Lebensnotwendigem versorgt werden. Während die Menschen kontinuierlich über die Maschine in Kontakt sind, ist persönlicher Kontakt ungewöhnlich. Daher ist Vashti nicht wenig überrascht, als ihr Sohn sie bittet, zu ihm zu kommen und von Angesicht zu Angesicht mit ihm zu sprechen.

Es ist schon ein wenig unheimlich, was E. M. Forster da vor über 100 Jahren geschrieben hat. Ich kenne keine andere frühe Dystopie, die so viel voraussieht wie The Machine Stops. Es ist absolut vorstellbar, dass mit der Weiterentwicklung des Internets eine solche Entwicklung ihren Lauf nehmen könnte, schon jetzt haben wir häufig viel mehr Kontakt mit unseren Freunden über das Smartphone als persönlich. Introvertierte Menschen wie ich sehen darin erst einmal einen Vorteil, doch die Vorstellung, dass dies zur praktisch vollständigen räumlichen Isolation führt, ohne Kontakt zur Natur, ist auch für unsereins erschreckend und abstoßend. Hinzu kommt die Zerstörung der Natur, die in E. M. Forsters Zukunftsvision offenbar geschehen ist, was uns allen bekannt  vorkommen sollte. Für Forsters Protagonistin Vashti ist das Leben, wie es früher war, absurd, ein Leben ohne die Maschine undenkbar. Doch ihr Sohn sehnt sich danach, die Erdoberfläche zu sehen, von der Maschine unabhängig zu werden. Er erkennt, welch katastrophalen Lauf die Geschichte der Menschheit genommen hat:

„Cannot you see, cannot all you lecturers see, that it is we that are dying, and down here the only thing that really lives is the Machine?“ (Seite 33)

Es geht soweit, dass die Maschine wie ein Gott verehrt wird. Doch dann gibt es erste Anzeichen, dass sie nicht mehr ganz rund läuft…

E. M. Forsters Novelle gehört zu dem besten, was ich jemals an Science-Fiction gelesen habe. Eine unbedingte Empfehlung, erschreckend zeitgemäß und eine Warnung an uns alle.

Meine Ausgabe enthält noch eine Kurzgeschichte von Forster, The Celestial Omnibus, auf die ich hier nicht im Detail eingehen möchte. Sie hat mir bei Weitem nicht so gut gefallen wie The Machine Stops, ist aber ebenfalls interessant und lesenswert.

Eine weitere Besprechung findet ihr auf Leselebenszeichen.

Rezension: Cixin Liu: Die drei Sonnen

(c) Heyne

Übersetzung aus dem Chinesischen von Martina Hasse

Während der Kulturrevolution muss die junge Astrophysikerin Ye Wenjie mitansehen, wie ihr Vater, der ebenfalls Physiker ist, öffentlich zu Tode geprügelt wird. Später wird sie auf einen von der Außenwelt abgeschirmten Militärposten versetzt, wo im Geheimen nach intelligentem Leben im Weltall gesucht wird. Als tatsächlich ein Signal eingeht, nutzt sie die Chance, ihren eigenen Überzeugungen gemäß zu handeln. Rund 40 Jahre später wird der Nanotechnikforscher Wang Miao von der Polizei zur Aufklärung hinzugezogen, nachdem mehrere renommierte Wissenschaftler sich das Leben genommen haben. Dabei stößt er auf das Computerspiel Three Body, das in einer Welt spielt, in der sich chaotische mit stabilen Zeitaltern abwechseln. Dies kommt durch das sogenannte Dreikörperproblem zustande: Das System verfügt über drei Sonnen, die sich gegenseitig so beeinflussen, dass eine Prognose ihres Bahnverlaufs unmöglich wird. Zwischen diesem Computerspiel und den Physikersuiziden scheint ein Zusammenhang zu bestehen.

Das war keine leichte Kost, die ich mir als Erstlektüre für 2020 vorgenommen habe. Der Autor von „Die drei Sonnen“ verfügt offenbar über ein außergewöhnliches Wissen im Bereich der Physik und scheut sich nicht, seine Leser daran teilhaben zu lassen. Mit ein bisschen Hilfe von anderen Mitgliedern meiner Lesegruppe und Nachlesen bei Wikipedia konnte ich dem Buch jedoch über große Teile recht gut folgen. Größere Verständnisprobleme kamen erst gegen Ende des Buches auf (Stichwort Sophonen) und das Buch ließ sich schnell und flüssig lesen.

Wer allerdings nach Science-Fiction im Stile einer Space Opera sucht, sollte die Finger davon lassen. Das Buch spielt anders als die meisten anderen Sci-Fi-Romane in der Gegenwart und legt den Fokus eher auf die wissenschaftliche Seite der Science-Fiction. Auch sind die Charaktere keine Stärke des Buches, es gibt keine echte Identifikationsfigur und es geht in erster Linie um den Kontakt zur Trisolaris-Welt, die auch die Grundlage für das besagte Computerspiel bildet. Wenn man sich darauf einlässt und gewisse Merkwürdigkeiten erst einmal als gegeben akzeptiert, ist das Buch eine durchaus spannende und interessante Lektüre. Probleme hatte ich mit der erdachten Trisolaris-Kultur, die in Zyklen nach großen Katastrophen immer wieder neu entsteht. Dass solche Zyklen immer wieder zu fortgeschrittenen Zivilisationen führen können, die schließlich sogar der Menschheit weit überlegen sind, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Das kaufe ich dem Autor einfach nicht ab.  Vielleicht habe ich auch etwas falsch verstanden oder meine Kenntnisse reichen einfach nicht aus, um Lius Ideen folgen zu können. In dem Fall tue ich dem Buch wahrscheinlich unrecht. Es war jedoch dieser Aspekt, der meinen Genuss der Lektüre doch einigermaßen getrübt hat. Gleichzeitig finde ich jedoch das grundsätzliche Problem und die Frage, wie die Menschheit auf Kontakt mit einer eher feindlich gesinnten, überlegenen Kultur reagieren könnte, sehr spannend. Im Laufe des Buches stellt sich auch heraus, welches Sonnensystem mit Trisolaris gemeint ist, dies wiederum mit Hilfe von Wikipedia zu erkennen und nachzulesen, hatte schon einen angenehm-schaurigen Effekt.

Ich halte das Buch für lesenswert, Leser sollten sich jedoch vorab informieren, was sie da erwartet.

Rezension: Chris Beckett: Dark Eden

(c) Corvus

Eine deutsche Übersetzung des Buches scheint nicht vorzuliegen.

163 Jahre ist es her, dass Angela und Tommy, die Vorfahren von „The Family“, auf einem dunklen Planeten ohne Sonnenlicht strandeten. In Ermangelung von Tageszeiten haben sich mehrere Gruppen gebildet, die jeweils einen Teil des Tals bewohnen, in dem sie sich niedergelassen haben, und die jeweils einen unterschiedlichen Wach-Schlaf-Rhythmus einhalten. Die Inzucht ist nicht folgenlos geblieben, viele Menschen haben Missbildungen. Ihre Sprache hat sich entwickelt, vereinfacht, um es genauer zu sagen. Auch ihre Gesellschaft ist von Rückschritten geprägt, früher hatten sie noch eine Schule, bis beschlossen wurde, dass die Kinder für die Beschaffung von Lebensmitteln gebraucht werden. Und der Platz und die Nahrung werden immer knapper. Oberstes Gebot ist jedoch, in der Nähe des Platzes zu bleiben, wo einst das Landefahrzeug landete. Denn drei der fünf Astronauten kehrten damit zurück, um Hilfe zu holen. Irgendwann werden dort wieder Menschen landen und die Familie zur Erde zurückbringen, davon sind sie überzeugt. Ein Jugendlicher, John Redlantern, erkennt, dass das Festhalten an dieser Geschichte, die schon etwas Mythenhaftes hat, die Menschen daran hindert, sich weiterzuentwickeln und neue Lebensräume zu erschließen. Und er wird etwas dagegen unternehmen.

Kann es das geben, einen Planeten ohne Sonne, auf dem sich darüber hinaus noch Leben entwickelt hat? Ist es vielleicht ein äußerer Planet eines Sonnensystems, auf dem kaum noch Licht ankommt? Ich bin mir nicht sicher, ob Chris Becketts Schöpfung im Bereich des Möglichen liegt, aber seine Welt ist faszinierend. In ihr sind es die Pflanzen, die Wärme erzeugen und sie aus den Tiefen des Planeten an die Oberfläche transportieren. Pflanzen und Tiere verfügen über Lichtquellen, die dafür sorgen, dass die Dunkelheit nicht absolut ist. Am interessantesten ist aber, wie sich The Family auf dem Planeten entwickelt hat, wie sich innerhalb eines relativ geringen Zeitraums eine Quasi-Religion mit Traditionen bildete und sich eine Gruppe von Jugendlichen beginnt, sich gegen diese aufzulehnen, weil sie den Fortschritt verhindert. Da steckt natürlich eine indirekte Religionskritik dahinter. Doch die Folgen sind nicht nur positiv, es kommt zu Gewalttaten, für die die Familie bisher nicht einmal einen Namen hatte, das Matriarchat beginnt, sich in ein Patriarchat umzuwandeln.

Der erste Teil von Chris Becketts Dark Eden-Trilogie hat mich daran erinnert, warum ich Science-Fiction und speziell Dystopien liebe. Das World Building ist fantastisch, die Entwicklungen und auch Rückentwicklungen in der entstandenen Gesellschaft und ihrer Sprache sind wahnsinnig interessant und spannend.

Und gegen Ende erfahren wir außerdem noch eine Wahrheit, die die Leserin das ganze Buch über erahnt hat, deren Bestätigung aber einen Gänsehauteffekt erzeugt.

Ich kann es kaum erwarten, den zweiten Teil zu lesen und zu erfahren, was Chris Beckett sich für die weitere Entwicklung hat einfallen lassen. Genial!

P.S. Es gibt so manche Sexszene in dem Buch, aber ich finde nicht, dass es damit überfrachtet ist.