Zuletzt gelesen – KW 22

In diesem Artikel besprochene Bücher: „Zauber der Stille“ von Florian Illies (Hörbuch), „Artificial Condition“ von Martha Wells (Hörbuch), „Meine Geschichte der deutschen Literatur“ von Marcel Reich-Ranicki, „Elfenkrieg“ von Bernhard Hennen und Robert Corvus (Hörbuch) sowie ganz kurz „König Midas“ von Luc Ferry, Clotilde Bruneau, Stefano Garau und Guiseppe Baiguera (Graphic Novel).

Dieser Artikel wird ein bisschen schwierig, denn ich bin noch mehr ins Hintertreffen geraten, was meine zu rezensierenden Bücher angeht. Mal sehen, was ich noch aus meinem Gedächtnis klauben kann, bitte um Nachsicht, falls es nicht so viel ist ;-)

Florian Illies: Zauber der Stille

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(c) Argon Verlag

Sprecher: Stephan Schad

Dauer: 6h 27min

Wie wir es mittlerweile von einigen deutschen Autoren kennen, nimmt sich Florian Illies in „Zauber der Stille“ wieder eines bestimmten Zeitraums an, d. h., in diesem Falle dem Leben des „urdeutschen“ Malers Caspar David Friedrich, und setzt die Gesellschaft und die prominenten Persönlichkeiten der Epoche mit diesem in Beziehung. Meiner Meinung nach ist ihm dies in diesem Buch wieder wunderbar gelungen, wenn auch ein paar Zusammenhänge ein wenig an den Haaren herbeigezogen wirken könnten. Ich persönlich kann Illies dies verzeihen, denn insgesamt macht er das schon sehr geschickt, auch mit der Unterteilung des Buches in die Kapitel „Feuer“, „Erde“, „Wasser“ und „Luft“, die vier Elemente also, die sich nicht nur in den jeweils besprochenen Bildern des Malers widerspiegeln, sondern auch in den Ereignissen, die im entsprechenden Kapitel eine Rolle spielen. Vor allem im Kapitel „Feuer“ fand ich das äußerst gelungen. Für den notwendigen Humor ist auch gesorgt, der insbesondere in der Schilderung der, sagen wir, „schwierigen“ Beziehung Friedrichs mit Johann Wolfgang von Goethe deutlich wird. So macht Geschichte Spaß, das Buch, auch als Hörbuch zu empfehlen, hat mich prächtig unterhalten.

Martha Wells: Artificial Condition (The Murderbot Diaries #2)

Coverabbildung
(c) Tor Books

(Cover/Link führt zur Printausgabe, da der Audioverlag (Recorded Books) keine Suchfunktion auf seiner Website hat. Buch gehört über Audible.)

Sprecher: Kevin R. Free

Dauer: 3h 21 min

Murderbot ist wieder unterwegs, und zwar mit einem Schiff, das von einem Bot namens ART gesteuert wird, der im Laufe wieder doch recht kurzen Geschichte zu einem herrlichen Sidekick wird. Vor allem will Murderbot herausfinden, was bei dem Vorfall, bei dem er mehrere Menschen getötet haben soll, wirklich passiert ist. Dabei muss Murderbot wieder ein paar naive Menschen retten, die sich selbst in haarsträubende Gefahren begeben, weil sie um die Ergebnisse einer von ihnen durchgeführten Expedition gebracht wurden. Das Beste an diesem zweiten Band der Murderbot Diaries ist definitiv ART, der süchtig nach Serien ist und nicht gut damit zurecht kommt, wenn diese tragisch enden. Da findet eine regelrechte  Charaktergestaltung einer künstlichen Intelligenz statt, die nicht einmal über einen Körper verfügt. Ich sehe regelrecht das Schild, das Martha Wells möglichen Lesegruppen vor die Nase hält und auf dem steht „Discuss“. Was ich an der Reihe auch beeindruckend finde, ist die Selbstverständlichkeit, mit der auf moderne Lebensmodelle verwiesen wird. Viele Menschen leben in dieser Zukunftswelt in polyamoren Ehen, bunt gemixt, mit gemeinsamen Kindern, Zweierbeziehungen scheinen eher selten zu sein. Auch diesen zweiten Band habe ich sehr gern gelesen bzw. gehört (inzwischen bin ich bis einschließlich Band 4 gekommen).

Marcel Reich-Ranicki: Meine Geschichte der deutschen Literatur

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(c) DVA

MRR ist nicht unumstritten, vor allem weil sein Kanon doch sehr von Männern dominiert ist und er ziemlich arrogante Äußerungen über weibliche Autoren gemacht hat, etwa, dass sie keine Romane schreiben könnten (Quelle: Frauen Literatur von Nicole Seifert). Auch in diesem Buch, das chronologisch nach den Epochen der deutschen Literatur aufgeteilt ist, dominieren die Männer, insbesondere in den ersten Teilen. (Jedem Autor bzw. jeder Autorin wird je ein Kapitel gewidmet.) Immerhin geht Reich-Ranicki auf diesen Punkt in einem den eigentlichen Autorenporträts vorangestellten, sehr interessanten Essays selbst ein und macht dabei folgende Feststellung: „Nun beweist der minimale Beitrag der Frauen zur Literatur und zur Kunst der Vergangenheit noch keineswegs, dass Kreativität und Genie nicht Sache des weiblichen Geschlechts seien. Es wurde schon oft gesagt und kann nicht oft genug wiederholt werden: Die den Frauen in der von Männern beherrschten Welt zugewiesene Rolle hat ihnen die Beschäftigung mit allem Geistigen und Künstlerischen in hohem Maße erschwert, ja unmöglich gemacht.“ (Seite 56/57).

Es hat sicherlich mehr vergessene weibliche Autoren in der Literaturgeschichte gegeben, die MRR nicht bespricht, aber ich muss ihm zu Gute halten, dass ich durch die Lektüre dieses Buches doch ein paar neue Autorinnen gefunden habe, die mich interessieren (etwa Eva Demski).

Der Titel des Buches ist ein wenig missverständlich. Es handelt sich hier nicht um ein zusammenhängendes Werk über die Geschichte der deutschen Literatur. Vielmehr besteht es aus in den langen Jahren seines Schaffens gesammelten Essays über deutsche Autor*innen, die in chronologische Reihenfolge gebracht wurden. Das könnte einige Erwartungen enttäuschen. Auch ich bin eher mäßig mit dem Ergebnis zurechtgekommen, der Band stellt jedoch eine durchaus lohnende Lektüre dar und bietet definitiv viele interessante Informationen. Um mehr über die größtenteils vergessenen weiblichen Autoren zu erfahren, lese ich jetzt „Frauen Literatur“ von Nicole Seifert.

Bernhard Hennen & Robert Corvus: Elfenkrieg (Phileasson-Saga, Band 8)

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(c) Audible Studios

Sprecher: Detlef Bierstedt

Dauer: 25 h 19 min

Achtung, leichte Spoiler für diejenigen möglich, die die ersten sieben Bände noch nicht gelesen haben.

Ab Band 8 der Phileasson-Saga agieren die beiden Ottajaskos erst einmal isoliert voneinander, denn die von Beorn wurde in das alte Tie’Shianna entrückt, in dem der lang zurückliegende Krieg um diese Elfenstadt tobt. Es handelt sich um ein sogenanntes lebendes Bild und Beorn und seine Recken und Schildmaiden müssen bald feststellen, dass die Abläufe um die Eroberung der Stadt jederzeit abrupt enden und wieder von vorne beginnen können. Wie sollen sie aus diesem lebenden Bild entkommen? Phileassons Ottajasko ist derweil weiterhin mit den Siedlern um Aischa unterwegs, um das Tal aus der Prophezeiung ihres Vaters zu finden. Dabei passieren sie unter anderem das Liebliche Feld, die Heimat von Vascal della Rescati und seiner Nichte Leomara. Auch der wieder sehr gelungene Prolog beschäftigt sich mit der Vorgeschichte Vascals und später auch Leomaras. Aufgrund dieses Prologs ist mir Vascal inzwischen richtig ans Herz gewachsen. Die Gemeinschaft reist weiter Richtung Dschungel, wo sie es unter anderem mit Echsenmenschen zu tun bekommen.

Dieser Band hat mir wieder gut gefallen und endet mit einem Cliffhanger, der mich erstmals veranlasste, den nächsten Band gleich hinterher zu hören. Hennen und Corvus halten das in den letzten Bänden aufgebaute Niveau.

Luc Ferry, Clotilde Bruneau, Stefano Garau, Guiseppe Baiguera: Mythen der Antike: König Midas

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(c) Splitter Verlag 

Übersetzung aus dem Französischen von Harald Sachse

Ich habe die Geschichte um den phrygischen König Midas erstmals von Stephen Fry in „Mythos“ vollständig gehört und hatte doch schon wieder vergessen, wie umfangreich diese Sage ist. Auch hier hat mich die Umsetzung des Splitter-Verlags überzeugt, wie die anderen Bände eignet er sich super zur Auffrischung oder auch als Erstkontakt mit dem griechischen Mythos.

Zuletzt gelesen – KW 16

In diesem Artikel besprochene Bücher: „Radium Girls – Ihr Kampf um Gerechtigkeit“ von Cy. (Graphic Novel), „Still Just a Geek – An Annotated Memoir“ von Wil Wheaton, „The Observations“ von Jane Harris, „Rosentempel“ von Bernhard Hennen & Robert Corvus und „Ödipus“ von Luc Ferry, Clotilde Bruneau und Diego Oddi (Graphic Novel).

Cy.: Radium Girls: Ihr Kampf um Gerechtigkeit

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(c) Carlsen Verlag

Übersetzung aus dem Französischen von Christiane Bartelsen

Von der Geschichte der jungen Frauen, die in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts Ziffernblätter mit Radiumfarbe bemalten, habe ich bereits ausführlich im hervorragend recherchierten Sachbuch von Kate Moore gelesen (besprochen in diesem Artikel). Diese Graphic Novel habe ich zufällig in der Bibliothek entdeckt und gleich mitgenommen, um zu sehen, was die französische Zeichnerin Cy. aus dem Thema gemacht hat. Schon allein wegen der aufwendigen Buntstifttechnik ist die Graphic Novel nicht sehr ausführlich und daher eher als Einstieg in das Thema zu betrachten. Wer sich näher mit dem Schicksal der Frauen, ihrer Charakterisierung und individuellen Geschichten und ihrem Kampf gegen die verantwortlichen Konzerne beschäftigen möchte, sollte anschließend zu Kate Moores Buch greifen. Das Thema wird jedoch liebevoll und originell umgesetzt. Sehr gefallen hat mir das Farbschema, das die radioaktive Leuchtfarbe an jeder Stelle des Buches präsent sein lässt. Zusätzliches Gimmick: Das Cover leuchtet im Dunkeln leicht, wie die tödliche Farbe.

Wil Wheaton: Still Just a Geek: An Annotated Memoir

(Kann sein, dass die Coverabbildung fehlt, irgendwie lässt sich das Bild nicht dauerhaft verlinken.)

Coverabbildung
(c) Harper Audio

Sprecher: Wil Wheaton

Dauer: 23 h 51 min

Wil Wheaton wurde einem breiteren Publikum erstmals durch den sehr erfolgreichen Film „Stand By Me“ bekannt, den er im Alter von 14 Jahren drehte, weitaus berühmter ist er jedoch für seine Rolle als Sohn der Schiffsärztin in Star Trek – The Next Generation. Was man damals nicht wusste: Dieser Junge wollte kein Schauspieler sein, sondern wurde von seiner ehrgeizigen Mutter dazu genötigt. Er „musste“ ein Star sein, war jedoch sehr unglücklich damit.

Das vorliegende Buch ist im Grunde kein eigenständiges Werk, sondern eine ausführlich kommentierte Fassung seiner früheren Autobiografie „Just a Geek“. Das stellt für die Hörbuchversion eine gewisse Herausforderung dar, denn es ist nicht immer ganz einfach, nachzuvollziehen, wann der jüngere und wann der ältere Wil spricht. Im Großen und Ganzen gelingt ihm das jedoch recht gut. Eine weitere Besonderheit des Buches ist, dass es sich größtenteils um Posts aus seinem Blog handelt, den er in den frühen 2000ern ins Leben rief und der sich großer Beliebtheit erfreut. Warum braucht es die kommentierte Fassung? Einerseits hatte Wil damals noch nicht seine Therapie durchlaufen und Mental Health-Diagnosen erhalten. Er hatte sich noch nicht von seinen Eltern distanziert, die ihm so viel angetan haben. Und sein Verhältnis zu Star Trek war noch nicht überwiegend positiv, wie heute. Andererseits entschuldigt er sich an vielen Stellen für seine damalige Ignoranz bezüglich homophober, misogyner und ableistischer Sprache. Tatsächlich entschuldigt er sich so oft und so repetitiv, dass ich irgendwann nur noch dachte, ja, Wil, ist gut, wir glauben dir! ;-)

Ich habe das Buch sehr gerne gehört, mit Wil gelacht, aber auch mit Wil geweint, denn an einigen Stellen wird es sehr emotional und bricht auch Wils Stimme. Was seine Eltern Wil zugemutet haben, wie sie ihn ausgenutzt und ausgebeutet haben, ist unfassbar. Ich möchte aber betonen, dass es sich nicht um eine Art „Jammerbuch“ handelt, Wils Einstellung und Situation sind positiv und er hat seinen Frieden mit seiner Vergangenheit, Star Trek und seiner etwas verkorksten Schauspielerkarriere gemacht. Wenn auch nicht mit seinen Eltern, die aber auch uneinsichtig sind und es wohl auch nicht verdient hätten. Stattdessen hört man ganz viel Liebe für seine Ehefrau, seine (Stief-)Söhne und seine Star Trek-Familie heraus. Und natürlich gibt es auch viele Anekdoten und Eindrücke aus seiner ganzen Reise im Star Trek-Universum.

Jane Harris: The Observations

Coverabbildung
(c) Faber & Faber

Die junge Bessie erhält im Schottland des 19. Jahrhunderts mehr oder weniger durch Zufall eine Anstellung im Haus eines kleinen Landbesitzers. Dieser ist oft unterwegs und so hat Bessie es überwiegend mit Arabella, der Ehefrau des Hausherren zu tun. Diese trägt Bessie schon bald merkwürdige Aufgaben auf, etwa sich immer wieder abwechselnd auf einen Stuhl zu setzen und aufzustehen. Verwundert über ihre Arbeitgeberin, nutzt Bessie eine Gelegenheit, sich Arabellas Aufzeichnungen anzusehen (sie kann aus Gründen, die zunächst nicht erklärt werden, gut lesen und schreiben). Und muss feststellen, dass Arabella ihre Dienstmädchen für obskure Verhaltensstudien nutzt, die sie in einem Notizbuch festhält und „Observations“ nennt.

Jane Harris‘ Protagonistin Bessie ist definitiv ein spannender, humorvoller Charakter, der einige Geheimnisse birgt, von denen wir von Bessie in einigen Rückblenden erfahren. Gegenstand des Romans ist jedoch das Schicksal der Hausherrin Arabella, das zunächst wie eines der beklagenswerten Schicksale anmutet, die intelligenten Frauen, die in dieser Zeit der Willkür ihrer Ehemänner und/oder Väter ausgesetzt waren. Soweit gefiel mir das Buch wirklich, es ist unterhaltsam und lustig geschrieben, mit einer originellen Protagonistin. Doch die Auflösung gefiel mir gar nicht. Insbesondere nicht, was sie impliziert. Daher kann ich diesem Buch nicht mehr als drei Sterne geben. Ich hoffe, „Sugar Money“ von der Autorin, das ich auf dem SuB habe, enttäuscht mich diesbezüglich weniger.

Bernhard Hennen & Robert Corvus: Rosentempel (Die Phileasson-Saga, Teil 7)

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(c) Audible Studios

Sprecher: Detlef Bierstedt

Dauer: 23 h 37 min

Der siebte Teil der Phileasson-Saga ist größtenteils in Fasar und der Wüste angesiedelt. Es gilt, den richtigen Propheten zu finden, ihm zu folgen und den namengebenden Rosentempel zu finden. Was in diesem Band geschieht, ist harter Tobak. Ein Charakter kommt auf grausame Weise zu Tode, was dazu geführt hat, dass ich einen anderen Charakter, den ich mal mochte, nun abgrundtief hasse. Insgesamt ist dieser Band für mich bisher (bin inzwischen bis einschließlich Band 9 gekommen) einer der stärksten. Den Prolog um Galayne fand ich richtig stark. Das Ende dieses Bandes fand ich hingegen ein bisschen frustrierend und verwirrend.

Luc Ferry, Clotilde Bruneau, Diego Oddi: Ödipus

Coverabbildung
(c) Splitter Verlag

Übersetzung aus dem Französischen von Harald Sachse

Von der bekanntesten Fassung der thebanischen Mythen, der Thebanischen Trilogie von Sophokles, habe ich bisher „König Ödipus“ und „Antigone“ gelesen. Ebenfalls habe ich die Comic-Fassung von „Antigone“ aus dem Splitter-Verlag gelesen. Mit diesem Band konnte ich also mein Wissen um den Mythos einerseits auffrischen, andererseits mehr über „Ödipus auf Kolonos“ erfahren. Letzteres Werk sowie „König Ödipus“ werden beide in diesem Comic zusammengefasst. (Den „Ödipus auf Kolonos“ will ich natürlich auch noch in der Fassung von Sophokles lesen.) Die Umsetzung wie auch der Zeichenstil haben mir auch hier wieder sehr gut gefallen, wobei ich das Cover, das eher im Stil eines Gemäldes gehalten ist, schöner finde. Ob als Einstieg in die Thematik oder zur Auffrischung, die Bände zur griechischen Mythologie aus dem Splitter-Verlag sind absolut empfehlenswert.

Zuletzt gelesen KW 50 2023

Bernhard Hennen & Robert Corvus: Schlangengrab (Phileasson-Saga, Band 5)

Coverabbildung
(c) Audible Studios

Sprecher: Detlef Bierstedt

Dauer: 19 h 17 min

Da es sich um einen Teil einer Reihe handelt, äußere ich mich aufgrund der Spoilergefahr nur kurz. Auch dieser Band hat mir besser gefallen als die ersten drei Romane, aber nicht so gut wie der vierte. Eine Entwicklungen finde ich schade, ein Charakter geht zurück in eine Richtung, die mir nicht gefällt, auch kann ich immer noch nicht recht nachvollziehen, was an Beorn so toll sein soll. Auch, nachdem wir in diesem Band von seiner Vorgeschichte erfahren. Ok, immerhin respektiert er Frauen. Ich bin da doch sehr eindeutig Team Phileasson. Ich bin mittlerweile im sechsten Band, dessen Prolog mir deutlich besser gefallen hat als der von „Schlangengrab“.

Tomer Dotan-Dreyfus: Birobidschan

Coverabbildung
(c) Voland & Quist

Die Konstellation dieses Buches stach für mich aus den übrigen Kandidaten für den Deutschen Buchpreis dieses Jahres heraus: Eine jüdische Siedlung in Sibirien nahe China, ein Zusammenhang mit dem Tunguska-Ereignis von 1908, irgendwas mit Bären und mehrere Generationen einiger Familien. Von diesen lesen wir in nicht linearer Form, was ab und zu etwas verwirrend ist, ich hatte ein bisschen Probleme, die einzelnen Charakteren der richtigen Generation und den richtigen Müttern, Geschwistern etc. zuzuordnen. Dennoch hat mir das Buch gut gefallen, ich hab es zunächst auch mit 4,5 Stunden sehr hoch bewertet, inzwischen würde ich das auf 4 Sterne reduzieren, denn im Nachhinein hätte ich mir mehr Tunguska erhofft und weniger Roadtrip (auch wenn dieser nicht sehr umfangreich ist, ich mag einfach keine Roadtrips). Sehr gefallen haben mir manche der ein wenig wunderlichen Charaktere, der Sprachwitz (an einer Stelle ist von der Dörfität der Siedlung die Rede) und eine feine Dosis magischer Realismus, mit dem ich für gewöhnlich meine Schwierigkeiten habe, der aber hier genau richtig für mich abgewogen ist.

Ewald Frie: Ein Hof und elf Geschwister – Der stille Abschied vom bäuerlichen Leben

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(c) C. H. Beck

Der Historiker und Autor des diesjährigen Gewinners des Deutschen Sachbuchpreises ist mit seinen zehn Geschwistern, zwischen denen es erhebliche Altersunterschiede gibt, auf einem norddeutschen Bauernhof aufgewachsen. Nur einer der Brüder, der älteste, ist heute noch Landwirt, alle anderen haben andere Wege eingeschlagen. Anhand der Geschichte seiner Familie erzählt uns Ewald Frie von drastischen Änderungen der ländlichen Lebensweise während des Lebens seiner Eltern und Geschwister stellvertretend für eine (bzw. zwei) ganze Generation, die diese miterlebt hat. Das liest sich richtig unterhaltsam und zeigt mir wieder einmal, dass die Geschichte der „einfachen Leute“ mindestens genauso spannend ist wie die der großen Politik. Ich komme selbst aus einer Arbeiterfamilie, die letzten in der Landwirtschaft tätigen Vorfahren hatte ich in der Urgroßelterngeneration und so hat mich dieses Leben, das ich selbst überhaupt nicht kenne, besonders interessiert. Ich empfehle das schmale Buch herzlich weiter.

Olga Tokarczuk: Anna In – Eine Reise zu den Katakomben der Welt

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(c) Kampa Verlag

Übersetzung aus dem Polnischen von Lisa Palmes

Retellings von alten Mythen und Sagen sind ja absolut in, und wenn sie von einer Literaturnobelpreisträgerin kommen, macht sie das natürlich besonders interessant. In „Anna In“ geht es um die sumerische Göttin Inanna, akkadisch auch bekannt als Ištar. Wem das nichts sagt, das ist die vom berühmten Ischtar-Tor von Babylon, das sich im Pergamonmuseum befindet. Tokarczuks Vorwort gefiel mir noch sehr gut, auch wenn sie, was die Theorie der frühen großen Göttin angeht, nicht auf dem neuesten Stand zu sein scheint. Der Haupttext hält leider nicht, was das Vorwort verspricht. Auch wenn ich ihren Ansatz interessant fand, die Handlung in eine seltsam zeitlose Umgebung zu versetzen, in der es moderne, jedoch abgeänderte Technologien sowie urtümlich anmutende Aspekte gibt, konnte ich nichts mit der Umsetzung der Geschichte anfangen. Es mag sein, dass der Text alle möglichen Bedeutungsebenen und Verweise enthält (den Zusammenhang mit dem späteren griechischen Persephone-Mythos habe ich immerhin erkannt), aber dafür fehlen mir die philosophischen Kenntnisse und die Geduld. Mein Interesse liegt in der Historie. Wenn das Buch sich nur an ein ganz bestimmtes intellektuelles Publikum richtet, ist es einfach nichts für mich. Wobei sich in unserer Lesegruppe schnell herausstellte, dass auch diejenigen, die über das entsprechende Vorwissen verfügen, wenig Begeisterung über den Text an den Tag legten. Die einzige „Message“, die ich ihm entnehmen kann, ist, dass ohne die Frauen nix geht. Das ist mir zu banal, weil eigentlich selbstverständlich (auch wenn bestimmt populistische Bewegungen das immer noch gerne abstreiten). Fazit: Ich hoffe, Olga Tokarczuks andere Bücher sind ansprechender. Mein erstes Leseerlebnis mit ihr hat mich enttäuscht.

Rezension: Natalie Haynes: The Children of Jocasta

(c) Mantle/Pan Macmillan

Eine deutsche Übersetzung liegt nicht vor, ich konnte nicht herausfinden, ob eine solche geplant ist

Die fünfzehnjährige Jocasta wird gegen ihren Willen mit dem König von Theben, Laius, verheiratet. Sie gebärt einen Sohn, der jedoch sofort weggebracht wird, da es sich angeblich um eine Totgeburt handelt. Jahrzehnte später leben im Palast von Theben Jocastas vier Kinder, die jedoch nicht der Ehe mit Laius entstammen, sondern aus einer zweiten Ehe mit einem viel jüngeren Händlerssohn aus Korinth. Auf die jüngste Tochter, Ismene, wird ein Mordanschlag verübt. Wer trachtet den Kindern Jocastas nach dem Leben? Und hat es etwas mit dem jährlichen Wechsel der Königswürde zwischen den zwei älteren Brüdern zu tun?

Die meisten von uns werden den Namen kennen: Ödipus (Oedipus). War das nicht der, der seinen Vater tötete und seine Mutter heiratete? In Unkenntnis selbstverständlich. Es ist die griechische Tragödie schlechthin, in der eine Prophezeiung sich ausgerechnet dadurch erfüllt, dass die Protagonisten versuchen, sie zu verhindern. Fortgesetzt wird die Geschichte aus „König Ödipus“ in „Ödipus auf Kolonos“ (das ich nicht gelesen habe und das auch in dem vorliegenden Buch kaum eine Rolle spielt) und in „Antigone“, wo es um das Schicksal von Ödipus‘ und Iokastes (Jocastas) Kindern geht.

So weiß die Leserin bei der Lektüre des Buches von Natalie Haynes, die damit als eine der ersten den momentanen Trend zur Neuerzählung griechischer Sagen aufgriff, schon grob, was sie erwartet. Sie wechselt in ihrer Nacherzählung zwischen zwei Zeitebenen und zwei weiblichen Protagonisten (Jocasta und Ismene), was zunächst etwas verwirrend ist, jedoch eine clevere erzählerische Strategie darstellt, denn die beiden Parallelhandlungen laufen beide auf einen Höhepunkt zu, sodass das Buch auch dann spannend ist, wenn man die Grundzüge der Geschichte bereits kennt. Haynes scheut sich auch nicht, in ihrer Version des Geschehens kleinere und größere Abweichungen von der bekannten Tragödienhandlung einzubauen, dies liest sich, als ob es sich um die „wahre“ Geschichte handelte, die sich hinter dem daraus entstandenen Mythos verbärge.

Allgemein wird die Geschichte durch die Romanform wesentlich zugänglicher als in der alten Drama-Version, wer mit Sophokles nicht viel anfangen kann, wird hier eher fündig, sogar eine kleine Krimihandlung ist enthalten. Doch auch für Fans der Tragödie bietet Haynes‘ Buch eine interessante und unterhaltsame Alternative.

Hörbuch: Stephen Fry: Mythos

(c) Penguin Books Ltd.

Dauer: 15 h 25 Minuten

Sprecher: Stephen Fry

Deutscher Titel: Mythos – Was uns die Götter heute sagen

Die griechische Mythologie und ihre Sagen erleben momentan eine echte Renaissance, egal ob in Form von Fantasy-Jugendbüchern (Percy Jackson-Reihe), Nacherzählungen der Grundidee in modernem Setting (etwa „Home Fire“ von Kamila Shamsie) oder klassischen Retellings („Circe“ von Madeline Miller, The Silence of the Girls von Pat Barker), griechische Götter sind gefragt! (Es sei angemerkt, dass das Phänomen sich nicht auf die griechische Mythologie beschränkt, man siehe Neil Gaimans Buch über nordische Mythologie.)

Der Schauspieler und Autor Stephen Fry gehört zu jenen, die schon als Kinder von den Sagen des griechischen Altertums fasziniert waren und ergriff die Gelegenheit, die lieb gewonnenen Geschichten nach eigener Manier neuzuerzählen. Wer Stephen Fry kennt, ahnt, dass dies nur mit einer gehörigen Portion Humor einhergehen kann – und entsprechend ist das Ergebnis. Frys Interpretationen der Sagen sprühen vor Witz, gelegentliche Anspielungen auf lebende Persönlichkeiten sind voll beabsichtigt. Darüber hinaus kennen wir Stephen Fry als begnadeten Erzähler, seine Einlesungen der Harry Potter-Bücher sind regelrecht legendär. Dementsprechend entschied ich mich für das Hörbuch – und meine Erwartungen wurden voll erfüllt. Für jemanden wie mich, die einzelne Sagen und die wichtigsten Gottheiten kannte, jedoch nie ein zusammenhängendes Werk zum Thema gelesen hat, bringt Fry im wahrsten Sinne des Wortes Ordnung in das Chaos, er strukturiert sein Buch in mehr oder weniger chronologischer Form, beginnt mit dem genannten Chaos und der ersten Göttergeneration und gelangt über die Titanen und die olympischen Göttern zur Erschaffung der Menschen und den Geschichten um deren „Interaktionen“ mit den Göttern. Einen Cut macht er bei den klassischen Heldensagen, denen er ein eigenes, nachfolgendes Buch gewidmet hat („Heroes“). Stephen Frys Witz und Erzähltalent machen daraus ein Buch, das Spaß macht und das man nur ungern zur Seite legt bzw. unterbricht. Aus den genannten Gründen empfehle ich unbedingt das Hörbuch, das Stephen Frys Text sicher noch einmal bereichert.

Rezension: Pat Barker: The Silence of the Girls

(c) (c) Penguin Random House

Eine deutsche Übersetzung des Buches liegt noch nicht vor.

Bereits seit 9 Jahren belagern die Griechen Troja, als sie die Stadt Lyrnessus erobern und brandschatzen. Alle Männer und Jungen werden getötet, die Frauen versklavt, auch die junge Königin Briseis. Sie wird dem griechischen Helden Achilles als Kriegsbeute zugesprochen. Aus ihrer Sicht erzählt uns Pat Barker die Geschehnisse der Ilias und des Untergangs von Troja.

Retellings griechischer Mythen stehen zurzeit hoch im Kurs, was mich sehr freut, denn ich liebe sie (vorausgesetzt, sie werden nicht in die Moderne verfrachtet). Ich hatte daher hohe Erwartungen an dieses Buch und diese wurden auch nicht enttäuscht, weder inhaltlich noch sprachlich.

Nein, es ist keine romantische Beziehung zwischen Briseis und Achilles, wie sie in der bekannten Verfilmung mit Brad Pitt dargestellt wurde. Die gefangenen Frauen sind ihrem „Herren“ auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, sie sind nicht mehr mehr als Sexsklavinnen. Das auszuhalten und etwaige Chancen für ein neues Leben zu wahren – dafür muss man zäh sein, eine starke Frau.

Von den eigentlichen Kämpfen um die Stadt Troja bekommen wir nicht viel mit, in diesem Buch steht ebendieser Kampf der Frauen im Mittelpunkt, der Kampf ums Überleben, den unzählige Generationen von Frauen in allen patriarchalischen Gesellschaften ausfechten. Und auch der innere Kampf, die Frage, ob sie nicht lieber sterben wollen als denen zu dienen, die ihre Brüder getötet haben. Und es gibt nur diese Wahl, da selbst im unwahrscheinlichen Fall einer erfolgreichen Flucht der Tod im Krieg absehbar wäre, sodass die einzige Alternative die Selbsttötung wäre.

In Patroklos findet Briseis so etwas wie einen Freund. Im Verlauf des Buches erleben wir manche Passagen denn auch aus seiner Sicht oder aus der des Achilles. Ihre Beziehung zueinander wird ebenso thematisiert wie Achilles‘ Beziehung zu seiner Mutter, der Meergöttin.

„What will they make of us, the people of those unimaginably distant times? One thing I do know: they won’t want the brutal reality of conquest and slavery. They won’t want to be told about the massacres of men and boys, the enslavement of women and girls. They won’t want to know we were living in a rape camp. No, they’ll go for something altogether softer. A love story, perhaps? I just hope they manage to work out who the lovers were.“ (Seite 324)

Would you have married the man who’d killed your brothers? Well, first of all, I wouldn’t have been given a choice. But yes, probably. Yes, I was a slave, and a slave will do anything, anything at all, to stop being a thing and become a person again. I just don’t know how you could do that. Well no, of course you don’t. You’ve never been a slave.“ (Seite 93)

In diesem inneren Kampf, den Briseis mit sich selbst ausficht, siegt letzten Endes das Leben. Und dies ist die Stärke der Frauen, die Kunst am Leben zu bleiben gegen alle Widerstände. Zu überleben gegen das Vergessen.

Forget! This is your life now! Forget. So there was my duty laid out in front of me, as simple and clear as a bowl of water: Remember.“ (Seite 20)

Hörbuch: Madeline Miller: Circe

(c) Hachette Audio

Deutscher Titel: Ich bin Circe

Sprecherin: Perdita Weeks

Dauer: 12 h 8 min

Circe ist in der griechischen Mythologie eine Nymphe: Tochter des Sonnengottes Helios und der Nymphe Perse. Sie ist wenig geachtet in den Hallen ihres Vaters, selbst ihre Geschwister halten sie für dumm und untalentiert. Ihre Schwäche für sterbliche Menschen verleitet sie zu einer Tat, die nicht nur ihre waren Kräfte offenbart, sondern auch dafür sorgt, dass ihr Vater sie verbannt, auf die Insel Aiaia, wo sie fortan mit Tieren zusammenlebt und ihre Zauberei schulen kann: Denn Circe ist eine Hexe.

Den meisten wird die Zauberin Circe, im Deutschen auch Kirke, aus der Odyssee bekannt sein: Die Geschichte, wie Odysseus auf ihrer Insel strandet und nach anfänglichen, ähm, Missverständnissen, ein Jahr lang ihre Gastfreundschaft in Anspruch nimmt. Tatsächlich gibt es aber wesentlich mehr Geschichten um Helios‘ Tochter und diese erzählt Madeline Miller in ihrem Buch nach.

Und das macht sie großartig. Die Sprache, derer sich Miller bedient, ist einfach wunderbar, ein Genuss, sie zu lesen bzw. zuzuhören. Allein hierdurch wird dieses Buch definitiv zu einem meiner Lieblingsbücher des Jahres werden, wenn nicht so gar überhaupt zu einem Lieblingsbuch. Madeline Miller schafft es darüber hinaus, ihrer Heldin echtes Leben einzuhauchen, Circe zeigt sich der Leserin von ihrer verwundbaren Seite, verbirgt nicht ihre Einsamkeit und ihre Niederlagen. So wird aus der vermeintlich bösen Hexe eine sympathische Protagonistin, deren Melancholie bei der Leserin ankommt. Auch der, ähm, Zwischenfall mit Odysseus‘ Männern erklärt sich im Kontext. Im Laufe ihres langen Lebens trifft Circe trotz ihrer Verbannung auf viele weitere Figuren aus der griechischen Mythologie, darunter Hermes, Athena, Dädalos, der Minotauros, ihre Nichte Medea und Odysseus natürlich. Auch, wenn uns vieles aus der Mythologie bereits bekannt ist, nehmen die Geschichten die Form eines spannenden Abenteuerromans an.

Anders als ihre göttliche Verwandschaft erkennt Circe schließlich, was das wahre Leben ausmacht, sie ergreift ihre Chance und ist den Göttern in dieser Hinsicht letzten Endes überlegen.

Schon lange hat mir kein Buch mehr so viel Spaß gemacht und noch nie konnte mich die griechische Mythologie so in ihren Bann ziehen. Ich kann es kaum erwarten, auch Millers Erstling „The Song of Achilles“ lesen.

Perdita Weeks liest Circe in genau dem richtigen Tonfall, der die Melancholie trägt und die schöne Sprache gut zur Geltung bringt.