Meine Gedanken zu diesem Hörbuch, das ich gerade beendet habe, sind noch unstrukturiert, daher bezeichne ich sie nicht als Rezension. Ich möchte aber bei meinem katastrophalen Gedächtnis mich nicht erst später dazu äußern.
Kein anständiger Mensch möchte ein Rassist sein. Ich habe mich durchaus schon öfters mit Rassismus beschäftigt und bin mir bewusst, dass es in unserem Land strukturellen Rassismus gibt, den alle hier sozialisierten, auch ich, in gewissem Maße verinnerlicht haben. Es gilt, dies nicht nur zu erkennen und entsprechende Erkenntnisse nicht mehr abzuwehren, sondern auch dazuzulernen und an sich zu arbeiten, um rassistisches Verhalten zu vermeiden. Tupoka Ogettes Buch ist hierfür ein echter Schatz, der Pflichtlektüre nicht nur an Schulen sein sollte. Es klärt über die Ursprünge des Rassismus auf und darüber, warum und in welchen Erscheinungsformen er auch in unserer Gegenwart er immer noch überall zu Tage tritt. Dies geschieht häufig gar nicht bewusst, denn wie gesagt, wer will schon ein Rassist sein? Als besonders hilfreich habe ich die Fragen empfunden, die die Lesenden sich selbst stellen sollen, nicht nur in dieser Hinsicht ist das Buch interaktiv. Ich werde mir auf jeden Fall auch noch die zahlreichen weiterführenden Materialien anschauen, die auf der zugehörigen Website aufgelistet sind.
Tupoka Ogette verzichtet auf umfangreiche Schilderungen ihrer eigenen rassistischen Erfahrungen, doch u. a. in Kapitel 8 erzählen Schwarze Menschen und Eltern Schwarzer Kinder von ihren Erlebnissen. Diese haben mir Tränen der Wut in die Augen getrieben. Ich hatte wirklich gedacht, dass die meisten weißen Menschen mit einer gewissen Bildung versuchen, sich nicht rassistisch zu verhalten und das auch ihren Kindern beibringen. Ich hatte gedacht, dass wir in den letzten 30 Jahren Fortschritte gemacht haben. Ich dachte, wir wären weiter. Doch das Ausmaß dessen, was Schwarze Kinder und PoC an deutschen Schulen immer noch durchmachen, hat mich extrem aufgewühlt. Erlebnisse wie das einer Mutter eines Schwarzen Kindes, das mit seiner Klasse von der Klassenfahrt zurückkommt, und als sich die Tür des Busses öffnet, hört die Mutter, dass im Bus alle außer ihrem Kind, inklusive der Lehrer, „10 kleine N…“ singen. Das Schwarze Mädchen, dass deutsche Muttersprachlerin mit einem ausgezeichneten Sprachniveau ist, aber zur Sprachförderung geschickt wird, weil es „wild gestikuliere, was wohl an seiner Herkunft läge“. Ich finde das unerträglich.
Tupoka Ogettes Buch hat mich dazulernen lassen und mich inspiriert, mich mehr mit Rassismus zu beschäftigen. Denn ich bin sicher noch nicht am Ende des Weges. Ich spreche hier eine dringende Leseempfehlung aus.
Liebe Schwarze Menschen und PoC, wie ich oben schon gesagt habe, ist mir bewusst, dass auch ich Rassismen internalisiert habe. Sollte ich verletzende Formulierungen verwenden, macht mich bitte darauf aufmerksam. Danke.
Gelesen von: Shannon Tyo, Sean Patrick Hopkins, Thomas Pruyn, Angie Kim
Dauer: 13 h 5 min
Deutscher Titel: Happiness Falls
Mias 14-jähriger Bruder Eugene kommt sichtlich verstört rennend und ohne ihren Vater, der ihn begleitet hatte, aus dem nahe gelegenen Park zurück. Er kann sich nicht mitteilen, denn er ist Autist und hat außerdem das Mosaic Angelman Syndrome, eine genetisch bedingte Störung, die unter anderem zur Folge hat, dass er nicht sprechen kann. Auch Versuche, über alphabetische Hilfsmittel mit ihm zu kommunizieren, sind bisher krachend fehlgeschlagen. Der Familienvater bleibt verschwunden und nur Eugene weiß, was passiert ist. Als die Polizei ermittelt, wird auch der Jungen zum Verdächtigen.
Wie ihr wisst, bin ich keine große Krimi- oder Thriller-Leserin. Als jedoch im Papierstau-Podcast über dieses Buch gesprochen wurde, wurde ich aufgrund der Implikationen, die die medizinischen Besonderheiten in dem Fall mit sich bringen, sehr neugierig und habe mich daher entschlossen, zum Hörbuch zu greifen.
Es gibt kein Vorgeplänkel in diesem Buch, es beginnt sofort mit dem Verschwinden von Adam, dem Vater der zwanzigjährigen Zwillinge Mia und John und ihres jüngeren Bruders Eugene. Die Geschwister und ihre Mutter suchen nun nicht nur nach Adam, sondern versuchen auch verzweifelt, den aufgrund seiner Behinderung mitteilungsunfähigen Eugene zu schützen.
Die Geschichte ist von Anfang an irre spannend. Angie Kim arbeitet dabei auch viel mit Andeutungen künftiger Entwicklungen, die auf dramatische Ereignisse hindeuten. Ich habe dieser leider so missverstanden, dass ich am Ende mit einem gewaltigen Twist gerechnet habe und war erst einmal enttäuscht, als dieser ausblieb. Auch so bleiben am Ende jedoch so einige Zweifel.
Trotzdem ist das Buch am Ende ein Highlight für mich, denn schon allein die liebevolle Darstellung der Familie und der Beziehung der Eltern und Geschwister zu Eugene hat mir ausnehmend gut gefallen. Angie Kim hat mit dieser Geschichte auch ein Anliegen, denn sie wurde selbst Zeugin von Fällen, in denen sogenannte non-verbale Menschen sich bei erfolgreichen Kommunikationsversuchen als intelligent erwiesen, obwohl bisher davon ausgegangen worden war, dass sie gar nicht ausdrucksfähig sind. Ein weiterer Aspekt ist, dass die Mutter und somit auch ihre Kinder wie Angie Kim selbst koreanischer Abstammung sind und auch dies einen starken Einfluss darauf hat, wie sie von ihrem Mitmenschen wahrgenommen werden.
So wird dieser unblutige Thriller zu einem ganz besonderen, den ich sicher nicht vergessen werde und der dazu anregt, eigene Wahrnehmungen zu überdenken und sich eingehender über Menschen mit Behinderungen wie Eugenes zu informieren. Angie Kim erzählt im Nachwort von ihren eigenen Erfahrungen und gibt interessante Literaturtipps.
Zum Hörbuch: Die Performance von Shannon Tyo ist top und trägt dazu bei, Mia zu einer Protagonistin zu machen, mit der man sich identifizieren kann. Adams Notizbucheinträge werden von Sean Patrick Hopkins einwandfrei gelesen. Schließlich kommt auch noch die Stimme von Thomas Pruyn zum Einsatz, was ich besonders bemerkenswert fand, warum, verrate ich nicht :-)
Nicht nur dank meines sprachwissenschaftlichen Hintergrunds ist mir klar, wie wichtig Sprache in einer Gesellschaft ist. Mit Sprache und der Diskursverschiebung in Richtung Rechts schaffen Erzkonservative und Rechtsradikale es, dass immer mehr rechte und rechtsextreme Positionen in Deutschland akzeptabel werden. Das zeigt sich leider gerade mehr als deutlich. Der Literaturwissenschaftler Victor Klemperer war ein Zeitzeuge aus dem Dritten Reich, der in seinem großen Werk „LTI – Notizbuch eines Philologen“ (LTI = Lingua Tertii Imperii) dokumentierte, wie die Nationalsozialisten mit Sprache arbeiteten. Angesichts dessen, was wir gerade nicht nur aus rechtsextremen, sondern leider auch in zunehmendem Maße aus konservativen Kreisen zu hören bekommen, lesen sich die vorliegenden Auszüge weniger unfassbar. Auch wenn es Beispiele gibt, die an Absurdität nicht zu übertreffen sind: „… ich durfte dem Tierschutzverein für Katzen keinen Beitrag mehr zahlen, weil im „Deutschen Katzenwesen“ – wahrhaftig, so hieß jetzt das zum Parteiorgan gewordene Mitteilungsblatt des Vereins – kein Platz mehr war für artvergessene Kreaturen, die sich bei Juden aufhielten“. (Seite 55)
Victor Klemperers Ausführungen können uns dabei helfen, die Formulierungen aus dem rechtsextremen Spektrum als das zu entlarven, was sie sind: höchst manipulative Propaganda. Als ich diese von Heinrich Detering zusammengestellten Auszüge aus der Büchergilde Gutenberg gekauft habe, wusste ich, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, nicht, dass es sich nur um Teile eines Gesamtwerks handelt. Diese reichen jedoch durchaus aus, um sich ein Bild zu machen.
Patrick Stewart: Making It So: A Memoir
(c) Simon & Schuster
Sprecher: Patrick Stewart
Dauer: 18 h 50 min
Patrick Stewart (oder vielleicht eher Captain Picard ;-)) ist einer meiner Helden. Star Trek TNG hatte in meiner Jugend großen Einfluss auf mich. Die Serie war für mich oft ein moralischer Wegweiser, präsentierte mir das Bild einer lebenswerten Zukunft und gab mir Hoffnung in einer Zeit, als das Mobbing mir das Leben zur Hölle machte. Auch hatte ich schon oft davon gehört oder gelesen, wie eng befreundet sowohl der Cast war und ist als auch die Crew, die dieser spielte. Das zeigte mir, dass es auch anders geht.
Dass Patrick Stewart von der Royal Shakespeare Company kam, wusste ich natürlich. Auch, dass er in seiner Kindheit häusliche Gewalt miterleben musste. Aber seine ganze Geschichte von ihm selbst erzählt zu bekommen, war etwas Besonderes. Die Autobiografie ist sehr detailliert, beginnt mit seiner zunächst glücklichen, dann weniger glücklichen Kindheit. Erstaunt hat mich, wie früh Stewart schon an seiner Schauspielkarriere arbeitete. Sein Werdegang ist wirklich beeindruckend und es hat mir sehr gefallen, von seinen ganzen Wegbegleitern zu hören, ganz früh etwa Brian Blessed oder später Ian McKellen, der sogar ihn und seine dritte Ehefrau traute. Obwohl das Ganze stellenweise in etwas viel Name Dropping ausartet. Auch dachte ich an manchen Stellen, dass er, was Privates angeht, manchmal ein bisschen zu viel ins Detail geht.
Sehr gelacht habe ich über die Anekdote über sein erstes Aufeinandertreffen mit dem ihm als reinem Klassikfan unbekannten Sting am Set von „Der Wüstenplanet“. Ein wenig geknickt war ich darüber, dass Gene Roddenberry Stewart so gar nicht in der Rolle des Captain Picard sehen wollte, im Nachhinein vollkommen unverständlich. Es sei angemerkt, dass Stewart sich auch über Menschen, die ihm weniger zugetan waren, nie negativ äußert.
Besonders schön war es natürlich, den Anekdoten rund um Star Trek – The Next Generation zu lauschen und den vielen wunderbaren Erinnerungen an die Zusammenarbeit mit einem großartigen Cast. Auch die Arbeit an den auf die Serie folgenden Kinofilmen und dem – zumindest für mich – überraschenden erneuten Zusammenkommen der alten Crew in Star Trek Picard kommt nicht zu kurz.
Ich habe viel gelacht beim Hören dieses Buches, aber am Schluss musste ich auch heulen. Deshalb gibt es von mir eben doch fünf Sterne.
Frances Hardinge: The Lie Tree
(c) Macmillan Children’s Books
Wir befinden uns im südlichen England des 19. Jahrhunderts. Faith und ihr kleiner Bruder setzen mit ihren Eltern auf eine Insel über, wo sie in Zukunft leben sollen. Faiths Vater ist Pfarrer und Hobbynaturforscher. Offenbar muss er vor einem Skandal fliehen, der etwas mit einer seiner Entdeckungen zu tun hat. Faith ist selbst brennend interessiert an Naturwissenschaften, muss aber immer wieder erleben, wie sie von allem, was damit zu tun hat, ausgeschlossen wird, weil sie ein Mädchen ist. Doch dann passiert etwas Schlimmes und Faith versucht, das Geheimnis ihres Vaters zu ergründen…
Frances Hardinges Jugendbuch ist ein packender Mystery-Thriller mit zahlreichen feministischen Anklängen. Es hat mir großen Spaß gemacht, mit Faith auf Entdeckungsreise zu gehen, und ich habe mich mit ihr über die Männer geärgert, die ihr beibringen wollten, dass das weibliche Gehirn nicht für die Wissenschaft gemacht sei. Ein wirklich schönes, mäßig gruseliges Abenteuer. Ich werde sicher mehr von der Autorin lesen.
Tonio Schachinger: Echtzeitalter
(c) Argon Verlag
Sprecher: Johannes Nussbaum
Dauer: 11 h 12 min
Nur weil der Protagonist eines Buches ein Jugendlicher ist, muss es sich noch lange nicht um ein Jugendbuch handeln. Coming-of-Age passt da viel besser. Ein Buch über Jugend für Erwachsene. Ein solches ist der letztjährige Siegertitel des Deutschen Buchpreises, was viele überrascht hat. Tills Erwachsenwerden ist allerdings durch das Setting in einem strengen, elitären Wiener Teilinternats der Gegenwart auch ein Gesellschaftsroman, denn es geht indirekt auch um den Konservatismus, die Neue Rechte und jugendlichen Protest, letzterer in Form der hochbegabten, aber aufmüpfigen Schülerin Feli. Ich habe ja eine gewisse Schwäche für Internatsromane (im Gegensatz zu High-School-Jugendromanen, die sind üüüberhaupt nicht mein Ding) und die Einbettung dieses Buches in gesellschaftliche Themen macht es für mich zu einem wirklich ansprechenden Gegenwartsroman. Und dann geht es natürlich auch um Computerspiele und die Rolle, die diese inzwischen in unserer Gesellschaft spielen. Denn aus ihnen ist ein eigenständiges Berufsfeld fern der Programmierung entstanden, das war mir in diesem Maße noch nicht bewusst. Es gibt wirklich Menschen, die vom öffentlichen Spielen von Computerspielen leben können.
Ich habe das Buch sehr gerne gelesen bzw. gehört, zumal Johannes Nussbaum den Wiener Tonfall, den ich ja ohnehin liebe, wunderbar rüberbringt. Ein wenig gewurmt hat mich, dass Till sich nicht mehr gegen seinen Klassenleiter Dolinar wehrt, der völlig übergriffig das Leben seiner Schüler zu bestimmen versucht. Ich habe irgendwo gelesen, dass das Buch wohl schlecht altern wird, und zwar wegen der Anspielungen auf bestimmte politische Ereignisse, die in der Zukunft nur noch wenige verstehen werden. Das wird sich herausstellen.
Vielleicht kein experimentelles Sprachfeuer, aber ein wirklich schöner Roman.
Für das erste Buch, das ich seit dem letzten Update beendet habe, habe ich leider keine Coverabbildung, da es nur noch antiquarisch erhältlich ist. Es handelt sich um Die Frau im Mittelalter von Erika Uitz. Zunächst muss ich dazu feststellen, dass ich den Titel für etwas irreführend halte. Genauer wäre „Die Frau in der spätmittelalterlichen Stadt“, denn es geht tatsächlich vorwiegend darum, welche Tätigkeiten, Berufe und gesellschaftlichen Stellungen in mittelalterlichen Städten ausüben bzw. innehaben konnten. Das Buch ist mit einer ordentlichen Anzahl von Quellen und Bildquellen versehen, insbesondere letztere stammen aber eben überwiegend aus dem späten Mittelalter, manche sogar aus dem 16. Jahrhundert, das meiner Kenntnis nach schon der frühen Neuzeit und nicht mehr dem Mittelalter zuzurechnen ist.
Es ist interessant, zu lesen, in welch großem Spektrum an Berufen Frauen tatsächlich wirkten und somit ist das Buch auch sehr informativ. Meiner Meinung nach kommen allerdings die Frauen, die eben nicht die Möglichkeit oder die Fähigkeiten hatten, eine solche Stellung zu erlangen, ein wenig zu kurz. Und ich hätte gerne auch etwas über die Landbevölkerung erfahren.
Das Buch ist recht anspruchsvoll und dicht geschrieben, also nicht unbedingt eine leichte Lektüre, aber auch nicht anstrengend zu lesen. Ich habe drei Sterne vergeben.
Als Nächstes las ich eine Ausgabe von Geo und griff dann zur Geo Epoche Nr. 91: Der Kalte Krieg.
(c) Gruner & Jahr
Ich muss gestehen: Der Kalte Krieg ist jetzt nicht so mein Thema. Obwohl oder vielleicht gerade, weil ich ihn noch in Teilen miterlebt habe. Zudem frustriert die Lektüre etwas, wenn man bedenkt, dass der Kalte Krieg leider nun wieder aufgeflammt ist und seine Fortsetzung erlebt. Dennoch habe ich das Heft mit Interesse gelesen. Wie bei allen Themen, die nicht weit zurückliegen und daher mit unzähligen Fakten und Informationen daherkommen, ist dieses Heft besonders dicht, ich habe lange dafür gebraucht. Besonders eindrücklich waren für mich die Themen, in denen klar wurde, wie oft und wie knapp die Menschheit im Verlauf des Kalten Kriegs an einer atomaren Katastrophe vorbeigeschlittert ist. Etwa 1983, als ein sowjetischer Computer fälschlicherweise den Anflug von fünf US-Raketen anzeigte, der zuständige Oberst aber Ruhe bewahrte, die Situation richtig beurteilte (da bei einem echten Angriff sicher mehr als fünf Raketen abgefeuert würden) und einen Fehlalarm meldete. Dieser Vorfall ist bis heute eher unbekannt. Ein wenig schmerzlich war außerdem der Artikel über Michail Gorbatschow. Wenn man heute bedenkt, was er bewirkt hat, nämlich das Ende all dessen, und dann darüber nachdenkt, wie Putin das nun zunichtemacht. (Das Magazin macht aber durchaus auch deutlich, dass Gorbatschow mit seinen wirtschaftlichen Reformen gescheitert ist.) Eine wirklich gelungene Ausgabe des Geschichtsmagazins.
Mein beendetes Hörbuch im August war The Lord God Made Them All von James Herriot.
(c) Pan Macmillan Audio
Dauer: 12 h, 2 min
Sprecher: Nicholas Ralph
Zu diesem Hörbuch habe ich eigentlich in meinem letzten Update schon alles gesagt. Ich kann aber noch ergänzen, dass ich inzwischen auf Nicholas Ralphs Instagram-Kanal erfahren habe, dass er wieder im Studio ist und offenbar ein weiteres Hörbuch einliest :-)
Als nächstes Hörbuch habe ich mir Das zweite Gesicht von Kai Meyer heruntergeladen.
(c) Audible Originals
Dauer: 15 h 6 min
Sprecherin: Luise Helm
Das fing nicht gut an mit uns beiden. Es war sehr schnell absehbar, dass die Protagonistin eine Entscheidung treffen würde, die ich blöd finde, und hatte befürchtet, dass das Buch damit in eine Richtung geht, mit der ich wenig anfangen kann. Ich war kurz davor, es abzubrechen. Tatsächlich traf „Chiara Mondschein“ (ich weiß, den Namen „Mondschein“ gibt es, aber trotzdem…) diese Entscheidung, ich konnte mit dem sich abzeichnenden Plot dann aber mehr anfangen als gedacht und bin dabei geblieben. Es geht grob gesagt um eine junge Frau in den 20ern, die in die Fußstapfen ihrer durch Suizid gestorbenen Schauspieler-Schwester tritt, der sie sehr ähnlich sieht. Außerdem um Spiritismus und etwaige dunkle Machenschaften eines Filmschaffenden. Ein Mystery-Thriller also. Ich habe schon in einem anderen Post angedeutet, dass ich mich nach langer Gruselabstinenz ein bisschen schwertue mit Hokuspokus, allerdings dominiert dieser das Buch auch nicht und gerade hat der Thriller-Aspekt die Oberhand (ich bin über die Hälfte hinaus). Ich bin jetzt also tatsächlich gespannt, was dabei herauskommt.
Angefangen habe ich mit den beiden Büchern, die ich aus der Saarbrücker Stadtbibliothek ausgeliehen habe. Dabei handelt es sich einmal um Lost & Dark Places: Saarland – 33 vergessene, verlassene und unheimliche Orte von Holger Mathias Peifer.
(c) Bruckmann Verlag
„Lost & Dark Places“ ist eine ganze Buchreihe des Verlags, die sich mit verschiedenen Regionen Deutschlands befasst. Das Buch über das Saarland macht erst mal stutzig, da sich einige der beschriebenen Orte überhaupt nicht im Saarland befinden, einer liegt sogar bei Bad Kreuznach. Aber gut, nehmen wir das Buch einfach als Ratgeber für Ausflugstipps, sind das sicher Ziele, die man vom Saarland aus gut im Rahmen einer Tagestour besuchen kann.
Zunächst einmal gefällt mir, dass dem Text Verhaltensregeln für Lost Places vorangestellt sind. Trotz der übertriebenen Bemühungen des Autors, mittels abenteuerlicher Bezüge (sinngemäß z. B. könne Spielbergs Poltergeist auch in Saarbrücken spielen, weil da ja auch ein alter Friedhof heute anderweitig genutzt wird. Okayyyyy…) eine gewisse gruselige Atmosphäre zu schaffen, hat mir das erste Kapitel gleich gut gefallen. Der alte Friedhof in Alt-Saarbrücken plus jüdischer Friedhof und Deutschherrnkapelle, das ist sicher ein interessantes Ziel, werde ich mir anschauen. Zumal ich von der Deutschherrnkapelle gar nicht wusste, dass sie aus dem 13. Jahrhundert stammt und somit das älteste Bauwerk Saarbrückens ist. Auch das Kapitel über den in meiner Ecke allseits bekannten „Stiefel“ (eine Felsformation) und seine Umgebung fand ich gut, auch das notiere ich mir als Ziel. An einer Stelle brachte mich ein Sprung von den Neandertalern (Faustkeil von Ludweiler) zu den Kelten zum Husten. Da lag doch ein klitzekleiner Zeitraum dazwischen… Die weiteren Kapitel haben mich bisher nicht ganz so interessiert, ich bin inzwischen aber auch im Teil über neuere Bauten angelangt und wie ihr wisst, ich mag es alt ;-) Ich bin kurz vor der Hälfte, lese jeden Abend drei Kapitel.
Meine aktuelle Hauptlektüre ist Die vollständige Maus von Art Spiegelman.
(c) Fischer Taschenbücher
Ich glaube, über das Buch muss ich euch dank seines hohen Bekanntheitsgrades nicht viel erzählen. Art Spiegelman schildert in zwei Teilen das Überleben seiner Eltern als polnische Juden im Zweiten Weltkrieg. Dabei sind Juden als Mäuse, Nazis als Katzen, Polen als Schweine (nicht despektierlich) dargestellt.
Zunächst dachte ich, als ich den Kommentar von Christine Brink und Josef Joffe las, die das Buch übersetzt haben, dass ich es doch besser auf Englisch gelesen hätte. Tatsächlich haben die beiden das aber so gut gemacht (jiddisch gefärbtes Englisch wurde in jiddisch gefärbtes Deutsch übersetzt), dass ich sogar froh bin, zu der Übersetzung gegriffen zu haben, könnte mir vorstellen, dass das Jiddisch im Deutschen stärker nachwirkt als im Englischen.
Ich bin bereits im zweiten Teil, der bisher in Auschwitz spielt, und wirklich begeistert. Was für eine eindringliche Darstellung der Grauen des Holocaust, aufbereitet in einer so persönlichen und besonders zugänglichen Form. Auch wenn man wenig Affinität zu Comics hat, sollte man sich diesen unbedingt anschauen.
Soweit mein aktuelles Leseupdate. Ich erwarte, dass ich noch heute (Freitag) mit „Maus“ fertigwerde, und werde mir dann erst mal eine weitere Ausgabe von Geo vornehmen (muss endlich mal ein wenig aufholen mit der Lektüre).
Hier nun endlich mein längst überfälliges Leseupdate!
Seit dem letzten Leseupdate habe ich folgende Bücher ausgelesen, angefangen oder abgebrochen:
Geo Epoche-Ausgabe Nr. 90 über Irland
(c) Gruner & Jahr
Von meinem Problem mit der Darstellung der Inselkelten und ihrer vermeintlichen „Invasion“ nach Irland hatte ich ja schon berichtet. Der Rest des Heftes hat mir gefallen, solide Information, interessante Themenauswahl. Besonders gefallen hat mir der Artikel über James Joyce und den Bloomsday, da habe ich einiges erfahren, das ich noch nicht wusste, und habe sogar ein wenig das Bedürfnis, mir den Ulysses doch einmal vorzunehmen. Mal sehen, ob der sich hält, oder ob das vorübergehender Wahnsinn ist. Zumindest die Dubliners würde ich mir aber wirklich gerne noch einmal vornehmen. Ich habe die mit 19 gelesen und kann mich null erinnern. Vielleicht gibt es ja ein schönes Hörbuch? Muss ich mal schauen. Auch sehr informativ die Artikel über die Troubles, zur Auffrischung der Kenntnisse super. Und ich will jetzt verstärkt „Through the Barricades“ von Spandau Ballet hören (eines der schönsten, traurigsten Lieder, die ich kenne).
Ebenso beendet habe ich Nature Journaling von Verena Hillgärtner.
(c) Kosmos
Meines Wissens ist dies das erste deutschsprachige Werk über diesen Trend, der in Großbritannien schon länger zu beobachten ist (korrigiert mich, falls ich falsch liege). Für alle, die Interesse am Nature Journaling haben, ist das Buch ein guter Anfang, es motiviert, macht Mut, nimmt die Angst vor dem eigenen, vielleicht als schlecht eingeschätzten, Zeichentalent und gibt dem „Jung“-Journaler erste Schritte und Aufgaben an die Hand, um einen gelungenen Einstieg in dieses schöne und sinnstiftende Hobby zu verschaffen. Ich hatte zu dem Zeitpunkt, als ich das Buch las, schon ein bisschen angefangen und orientiere mich ein bisschen mehr an der Vorgehensweise von Alex Boon (https://www.youtube.com/@AlexBoonArt ; https://www.instagram.com/alexboonart/), heißt, ich journalle weniger vor Ort in der Natur als zu Hause anhand von Beobachtungen und Fotos, die ich draußen gemacht habe. Aber sicherlich, das Naturerlebnis des Zeichnens vor Ort gehört sicher dazu, Alex Boon macht das ja schon auch und auch ich nehme mir das mal für die Zukunft vor. Allerdings zeichne ich auch anders als Verena Hillgärtner überwiegend mit Buntstiften statt mit Aquarellfarben, ein kleiner Farbkasten steht aber schon bereit. Auch wenn ich die Vorschläge und Schritte zur Vorgehensweise eher nicht befolge, ist dies ein tolles Handbuch für den Einstieg. Sehr empfehlen kann ich auch den YouTube-Kanal der Autorin: https://www.youtube.com/@WiederWilderWerden
Am letzten Tag des Juli habe ich dann noch Rabbit-Proof Fence von Doris Pilkington ausgelesen.
(c) University of Queensland Press
Bei diesem Buch, dessen Verfilmung ich vor 100 Jahren mal gesehen habe und zu dem mein Guru Peter Gabriel die Musik beigesteuert hat, war ich etwas überrascht, dass die Schilderung der eigentlichen, unglaublichen Wanderung der drei Mädchen zurück aus dem Moore River Native Settlement, in das sie verschleppt wurden, zurück in ihr Heimatdorf einen relativ kleinen Teil ausmacht. Zunächst geht es um den betreffenden Stamm und seine Geschichte und Lebensweise, insbesondere seit dem ersten Aufeinandertreffen mit den Weißen. Die unglaubliche Leistung und Besonnenheit der Protagonistin Molly ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. Wem mehr über die Verbrechen der weißen Eroberer an den Aborigines außerhalb von gewaltsamen Auseinandersetzungen erfahren möchte, sei dieses Werk empfohlen. Ich muss jedoch feststellen, dass ich den Film dem Buch wahrscheinlich vorziehen würde.
Mein aktuelles Hörbuch ist immer noch Silberflamme, der vierte Teil der Phileasson-Saga von Bernhard Hennen & Robert Corvus.
(c) Audible Studios
Achtung, Spoiler für alle, die die Bände 1-3 noch nicht gelesen haben!
Die im vorigen Update erwähnte Namensgleichheit einer Figur mit einer anderen, längst verstorbenen, hat sich inzwischen geklärt. Was mich aber immer noch verwirrt, ist, warum Beorn einen Vorsprung vor Phileasson hat, denn dessen Ottajasko hat immerhin anders als die von Beorn die Aufgabe um die Seuche bei den Nivesen absolviert. Aber nun gut. Das Buch ist unterhaltsam und lässt uns auf Oger, Goblins und Drachen treffen. Mir ist Phileassons Ottajasko einschließlich ihres Drachenführers nach wie vor wesentlich sympathischer als die von Beorn und ich finde auch ihre Mitglieder interessanter. Dieser Teil überrascht mit neuen romantischen Beziehungen, während eine andere auf dem Prüfstand steht. Ich bin im letzten Viertel und werde auf jeden Fall dabeibleiben.
Abgebrochen habe ich Die Insel des vorigen Tages von Umberto Eco.
(c) Hanser Verlag
Von Umberto Eco habe ich bisher Der Name der Rose sehr gerne und Baudolino gerne gelesen. In diesem Werk treibt Eco seine intellektuellen Gedankenspiele jedoch auf die Spitze. Da kommt es schon mal vor, dass man in einem Satz mehrere Begriffe recherchieren muss, was alleine schon ermüdend ist. Das war aber nicht mein größtes Problem mit dem Buch. Ich bin bereit, in Bücher ein gewisses Maß an Recherche zu investieren, wenn es nicht überhandnimmt, macht mir das sogar Spaß. Hier jedoch wechselt sich die eigentliche Handlung mit Rückblicken in die Geschichte des Protagonisten ab, etwa Städtebelagerungen, an denen er teilgenommen hat. Und schon der erste dieser Rückblicke hat mich unfassbar gelangweilt. Ich hatte gleich den Verdacht, dass sich das im Laufe des Buchs fortsetzen würde, und habe mal ein paar Rezensionen gelesen. Hätte ich besser gemacht, bevor ich das Buch bestellt habe. Viele Rezensenten erzählen ebenfalls von gähnender Langeweile. Und darauf habe ich keine Lust. Ich muss dazu anmerken, dass in meiner Lesegruppe eher Begeisterung herrscht und sie Freude an der Interpretation des Textes hat. Ich bin über Seite 66 nicht hinausgekommen.
Gerade lese ich Urwelten – Eine Reise durch die ausgestorbenen Ökosysteme der Erdgeschichte von Thomas Halliday
(c) Büchergilde Gutenberg
Übersetzung aus dem Englischen von Hainer Kober
Ich habe im Moment große Lust auf Sachbücher, insbesondere solche, die sich mit der Natur beschäftigen. Und vergangene Zeiten sind ja eh mein Ding. Die Büchergilde-Ausgabe dieses Buchs ist einfach wunderschön, das sei vorab bemerkt. Interessant ist, dass Halliday einen umgekehrten Ansatz verfolgt, um über die natur in den verschiedenen Erdzeitaltern zu berichten. Das heißt, er beginnt nicht in der am weitesten zurückreichenden Periode, sondern im Känozoikum, und arbeitet sich zurück in die früheren Epochen. Ich befinde mich gerade im Kapitel über das Jura, diese Zeit ist für Dinosaurierliebhaber natürlich besonders interessant. Es sei allerdings darauf hingewiesen, dass den Dinosauriern hier nicht mehr Raum eingeräumt wird als anderen Tieren. Mir gefällt das Buch ausgesprochen gut. Halliday legt eine Erklärung anhand einer Metapher für den menschlichen Stammbaum vor, die wohl die anschaulichste ist, die ich je gelesen habe. Chapeau. Die Informationsdichte ist natürlich ziemlich hoch, weshalb ich weniger gut voran komme wie gewünscht (was allerdings auch damit zusammenhängt, dass ich gerade wieder eine ausgeprägte Abendmüdigkeitsphase habe). Das Buch macht Spaß und ich freue mich auf die verbleibenden Kapitel.
So, ich hoffe, das nächste Update lässt nicht so lange auf sich warten. Allerdings werde ich nach Urwelten zunächst eine Ausgabe des Büchermagazins lesen. Als nächstes Hörbuch ist der letzte Teil der All Creatures Great and Small-Reihe geplant.
Etwas später als geplant, aber besser als nie, berichte ich euch heute weiter von den Büchern, die ich Ende Dezember/Anfang Januar gelesen habe.
Johanna Romberg: Der Braune Bär fliegt erst nach Mitternacht
(c) Quadriga Verlag
Für mich als langjährige Geo-Abonnentin ist Johanna Romberg eine alte Bekannte. Ihre Reportagen habe ich immer besonders gern gelesen. Inzwischen hat sie auch zwei Bücher veröffentlicht, zunächst „Federnlesen: Vom Glück, Vögel zu beobachten“ (steht natürlich auch auf meiner Liste), dann das vorliegende, wunderschön illustrierte Werk. Rombergs Anliegen ist es, die weitverbreitete Sorge um unsere Umwelt mit dem tatsächlichen Erleben der kleinen Wunder vor unserer Haustür zu verbinden und konkrete Beispiele und Vorschläge dafür zu präsentieren, wie wir tatsächlich etwas bewirken können. Alles, ohne zu verleugnen, dass es sehr schwierig werden wird, die Natur zu bewahren. Teichmuscheln, Torfmoose und Nachtfalter, ihre Eigenschaften und die Menschen, die sich mit ihnen beschäftigen, sind Beispiele für die Themen des Buches. Dabei lernt man etwa, was eine „Schirmart“ oder was „Luftplankton“ ist oder „Paludikultur“ und wie letztere zur nachhaltigen Nutzung von Feuchtgebieten eingesetzt werden könnte. Das macht Spaß zu lesen und Mut. Ein sehr lesenswertes Buch.
Kate Moore: The Radium Girls: The Dark Story of America’s Shining Women
(c) Sourcebooks
Derzeit scheint keine englische Übersetzung vorzuliegen
Aus heutiger Sicht ist es schier unfassbar, wie Radium zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts in den USA vermarktet wurde, teilweise gar als Allheilmittel, obwohl es schon früh Hinweise gab, dass das Material schädlich, ja tödlich war. Ein Einsatzgebiet für das radioaktive Element war die Uhrenindustrie, in der mithilfe von Radium eine Farbe hergestellt wurde, die – auf Ziffernblätter aufgetragen – leuchtete und es so ermöglichte, die Uhrzeit im Dunkeln abzulesen. Was unter anderem im Krieg ein Vorteil war. Um die feinen Pinselstriche ausführen zu können, tauchten die Frauen (Männer wurden hierfür offenbar nicht eingesetzt) ihre Pinsel in die radioaktive Farbe und nahmen die Pinselspitze in den Mund, um sie entsprechend zu formen. Dass die Frauen im Dunkeln zu glühen begannen, fanden sie lustig, manche malten sich gar die Farbe auf die Lippen um des Effektes willen. Die Radiumfarbe war ja völlig ungefährlich. Wie man es ihnen immer und immer wieder versicherte. Doch dann begannen einige Frauen, Probleme mit dem Kiefer zu entwickeln. Zunächst war es oft nur ein schmerzender Zahn, der dann vom Zahnarzt behandelt wurde. Das Endergebnis war entsetzlich: Die Kiefer der Frauen zersetzten sich regelrecht, begannen zu brechen, unter unerträglichen Schmerzen. Und nicht nur der Kiefer war betroffen. Andere Körperteile begannen auch schmerzhaft zu erkranken, die Frauen entwickelten Tumore. Und begannen zu sterben, eine nach der anderen. Der Arbeitgeber leugnete jede Verantwortung, einige der Frauen wehrten sich jedoch, strebten Prozesse an, was sich jedoch so lange hinauszog, dass es für viele Frauen zu spät war. Die Firma ließ nichts unversucht, um vor Gericht gegen die Frauen zu bestehen – unterdessen wurden Frauen in der Branche munter weiter unter Verwendung des Radiums beschäftigt. Kate Moores packendes Buch erzählt uns nicht nur die Geschichte der Radium Girls, es bringt sie uns auch nahe, lässt uns an ihrem Schicksal teilhaben, was allerdings die schrecklichen Leiden der Frauen umso schwerer erträglich macht. Was die Radium Girls in Bezug auf Arbeitnehmerrechte erreicht haben, ist unschätzbar.
Sara Collins: The Confessions of Frannie Langton (Hörbuch)
(c) Penguin Books
Deutscher Titel: Das Geständnis der Frannie Langton
Dauer: 12 h 14 min
Gelesen von: Sara Collins, Roy McMillan
London 1826: Der ehemaligen Sklavin Frannie Langton wird wegen der Ermordung von Mr und Mrs Benham, in deren Dienst sie stand, der Prozess gemacht. Die Beschuldigte kann sich an die Mordnacht nicht erinnern, ist sich jedoch ganz sicher: Mrs Benham kann sie nicht umgebracht haben. Denn sie hat sie geliebt. Frannie beginnt im Gefängnis, ihre Geschichte aufzuschreiben.
In Rückblicken erzählt Sara Collins die Geschichte ihrer Protagonistin seit ihrer Kindheit in Jamaika. Dabei springt sie zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und her, was aber nur an wenigen Stellen etwas verwirrend ist. In diesem Buch werden zahlreiche Themen angesprochen: Rassismus und Sklaverei, Phrenologie und Menschenversuche und die für den Zeitpunkt der Handlung undenkbare lesbische Liebe und gleichzeitig Liebe zwischen einer schwarzen und einer weißen Frau. Sara Collins entlarvt die Motive vieler scheinbarer Fürsprecher der Schwarzen als reinen Eigennutz und zeigt, wie viele Schwarze in Großbritannien trotz Verbotes der Sklaverei dennoch wie solche behandelt werden.
Gleichzeitig handelt es sich auch um einen historischen Krimi mit der Besonderheit, dass die vermeintliche Täterin gar nicht weiß, ob sie eventuell doch schuldig ist. Gelungenes Debüt der caymanisch-britischen Autorin, die den Roman selbst liest. Ihr Vortrag ist ein wenig eintönig, aber gut zu verfolgen. Gerichtsdokumente werden von Roy McMillan gelesen.
Carolin Kebekus, Mariella Tripke: Es kann nur eine geben (Hörbuch)
(c) Argon Verlag
Dauer: 8 h 32 min
Gelesen von Carolin Kebekus
Da ich nicht viel fernsehe und mich in der deutschen Comedy-Szene nicht sehr gut auskenne, wusste ich nicht viel über Carolin Kebekus. Auf der Frankfurter Buchmesse 2021 ist sie mir dann unter anderem durch ihre Fürsprache für Jasmina Kuhnke positiv aufgefallen und auch über ihr Buch über Feminismus hörte ich viel Gutes. „Es kann nur eine geben“ ist ein Buch über Feminismus allgemein und Konkurrenz von Frauen untereinander im Besonderen. Denn, beispielsweise im Comedy-Bereich hieß und heißt es häufig: Eine Frau haben wir schon. Wie gesagt, es kann nur eine geben. Als ob das Patriarchat nicht schon schwierig genug in echte Gleichberechtigung umzuwandeln wäre, machen sich Frauen auch noch untereinander das Leben schwer. So berichtet Kebekus von dem Shitstorm, den eines ihrer YouTube-Videos nach sich zog. Ein Shitstorm wegen schwabbeliger Unterarme. Die negativen Kommentare waren allesamt von Frauen. Carolin Kebekus greift sich jedoch auch an die eigene Nase und räumt ein, sie habe selbst in der Vergangenheit Witze auf die Kosten anderer Frauen gemacht. Auch Mütter haben es nicht immer leicht mit anderen Müttern. Da Kebekus keine Kinder hat, wurde das entsprechende Kapitel von Mariella Tripke verfasst.
Carolin Kebekus hat ähnlich überzeugende Argumente wie Margarete Stokowski in „Untenrum frei“, erreicht jedoch wahrscheinlich durch ihre Popularität, wie schon andere Rezensent*innen angemerkt haben, ein breiteres Publikum. Ihre bestechenden Argumente bettet sie in eigene Erfahrungen und Beispiele ein – und diese sind außerdem, wie es sich für eine Comedian gehört, sehr sehr komisch wiedergegeben. Als ich mit dem Hörbuch unterwegs war, musste ich oft laut lachen, was sicher ein wenig seltsam wirkte. ;-)
Eine echte Überraschung, die ich gerne weiterempfehle
Originaltitel: A Brief History of the Poor Palatinate Refugees
Übersetzung aus dem Englischen von Heide Lipecky
Im frühen 18. Jahrhundert flüchteten Tausende Menschen aus der Pfalz aufgrund von Armut und Krieg sowie religiöser Verfolgung nach England. Dort erging es ihnen, wie es auch heute noch vielen Flüchtlingen erging: Wie John Robert Moore in seinem Vorwort schreibt, waren
„nur wenige Sprengel bereit, den Fremden ohne Garantie, sich nicht aufzuhalten, den Durchgang zu erlauben; jeder Konflikt mit den Einheimischen wurde aufgebauscht und den Auswanderern angelastet.“ (Seite 10)
In dem Schriftsteller Daniel Defoe fanden die pfälzischen Flüchtlinge einen prominenten Fürsprecher – 1709 erschien der vorliegende Text, in dem Defoe sich leidenschaftlich für deren Aufnahme und Integration in die englische Gesellschaft ausspricht.
Er beklagt die Vorurteile, denen die Flüchtlinge häufig begegneten, die Scheinheiligkeit der Christen, die sich „ganz im Gegensatz zu der Religion, zu der sie sich bekennen…“ (Seite 29) unbarmherzig und lautstark gegen die Flüchtlinge wandten, und betont, wie nützlich und wichtig die fleißigen Einwanderer auch aus wirtschaftlichen Gründen für das Königreich seien.
Das klingt sehr modern und vorbildlich und lässt unsere heutige Gesellschaft, die sich immer noch eher abweisend gegenüber Flüchtlingen verhält, in einem schlechten Licht dastehen. So ist Defoes Essay immer noch brandaktuell und eine lohnende Lektüre.
Es soll jedoch nicht verschwiegen werden, dass Defoe nicht mit allen Menschen so milde umgeht. Er betont die Arbeitsamkeit der Flüchtlinge im Gegensatz zur mittellosen Bevölkerung Englands, die nach Defoes Ansicht, gar nicht arbeiten wollten:
„…, wir haben eine große Zahl von Landstreichern und handfesten Bettlern, die nicht arbeiten, solange sie vom Betteln leben können.“ (Seite 31)
Das erinnert nun eher an polemische Aussagen über Hartz IV-Empfänger.
Was die Beschäftigung der Flüchtlinge angeht, ist Defoe ein Kind seiner Zeit, verweist er doch darauf, dass „ein Kind von sechs Jahren oder jünger“ (Seite 74) sich seinen Lebensunterhalt in zwei Monaten verdienen könne…
Sprachlich ist der Text schließlich erwartungsgemäß von seiner Entstehungszeit geprägt, sehr förmlich und teilweise umständlich formuliert, was aber seinen eigenen Reiz hat oder gar belustigend wirkt („in dem letzten Brief, den von Ihnen zu erhalten Sie mich auszeichneten…“ (Seite 19)).
Kurz gefasst, es handelt sich um eine empfehlenswerte Lektüre vor dem Hintergrund der Flüchtlingsthematik.
London, 1948. Die junge Jamaikanerin Hortense trifft mit dem Schiff in England ein, um zu ihrem Ehemann Gilbert in London zu stoßen, mit dem sie nach kurzer Bekanntschaft einen Deal geschlossen hat: Geld für die Überfahrt nach London gegen Heirat und Vorbereitung einer Wohnung für sie beide. Der Traum vom strahlenden England wird schnell zerschmettert: Gilbert haust in einem einzigen Zimmer, das Land leidet noch unter den Nachwirkungen des Krieges und die Engländer behandeln farbige Menschen, als seien sie minderwertig. Gilberts weiße Vermieterin Queenie, die er noch während seiner Zeit bei der Airforce im Krieg kennengelernt hatte, lebt allein, da ihr Ehemann Bernard auch 3 Jahre nach Ende des Krieges aus diesem noch nicht zurückgehrt ist, sie hat keine Ahnung, wo er sich aufhält, und rechnet nicht mehr mit seiner Rückkehr.
Andrea Levys preisgekrönter Roman aus dem Jahr 2004 hat mir von der ersten Minute an sehr gut gefallen. Die ersten Erzählperspektiven sind die von Queenie und Hortense und vor allem Hortense ist trotz ihrer Naivität eine absolute Sympathieträgerin. Es herrlich, wie gewählt sie sich ausdrückt, vor allem im Kontrast mit den Londonern, die ihre gehobene Ausdrucksweise teilweise gar nicht verstehen, sich aber ansonsten selbstverständlich den „Darkies“ gegenüber als überlegen betrachten. Dies kommt bereits in der ersten Szene auf einer Commonwealth-Ausstellung zum Ausdruck, als ein Afrikaner Queenies Familie sehr höflich und in gehobenem Englisch den Weg weist, der Vater aber bemerkt, die Afrikaner hätten keine Kultur.
Hortenses Naivität wirkt komisch, jedoch gleichzeitig auch traurig, denn sie ist sich überhaupt nicht bewusst, wie sie von den Engländern gesehen wird und dass die Bildung, die sie in Jamaika genossen hat, in England nicht ernstgenommen wird. Sie versteht den Rassismus der Engländer nicht, wieso sagt ihr beispielsweise Queenie, sie habe kein Problem damit, sich mit ihr in der Öffentlichkeit zu zeigen? Sie selbst fühlt sich der schlecht gekleideten Frau mit dem starken Akzent eigentlich überlegen.
Die Geschichte spielt sich abwechselnd in Jamaika und England, später auch in den Übersee-Einsatzgebieten von Queenies Ehemann Bernard ab, es wird zwischen zwei Zeitebenen gewechselt: noch während des Krieges und 1948. Die Perspektiven wechseln ebenso zwischen den vier Hauptpersonen Hortense, Gilbert, Queenie und Bernard.
Das Buch eröffnete mir Einsichten, die ich bisher nie bewusst wahrgenommen habe, so besteht ein deutlicher Unterschied zwischen Briten und jamaikanischen Farbigen einerseits und weißen und schwarzen GIs aus den USA andererseits. Der Rassismus der Amerikaner ist aggressiver, beleidigender als der der Engländer, die sich häufig gar nicht richtig darüber bewusst sind, dass Jamaika zum damaligen Zeitpunkt auch britisch ist. Doch dass etwa Jamaikaner als Kollegen von weißen Frauen arbeiten – undenkbar. Eine Szene, in der Queenie und ihr Schwiegervater mit Gilbert einen Film im Kino ansehen möchten, Gilbert aber aufgefordert wird, sich nach hinten zu den anderen Farbigen zu setzen, mündet in einem Desaster.
„Small Island“ ist ein warmherziger, humorvoller Roman über ein schwieriges Thema, der uns vor Augen führt, wie es der sogenannten „Windrush“-Generation jamaikanischer Einwanderer nach England in der Nachkriegszeit ergangen ist. Der Perspektivwechsel zwischen zwei Jamaikaner*innen, von denen einer sich des Rassismus bewusst ist, die andere nicht, einer Engländerin, die nur wenig rassistisch ist, und einem eingefleischten Rassisten eröffnet unterschiedliche Sichtweisen und hat mir sehr gefallen.
Lediglich mit dem Ende war ich nicht glücklich. Da hatte ich auf etwas anderes gehofft. In jedem Fall ein sehr lesenswertes Buch, das ich wärmstens empfehlen kann.
Die 2019 leider verstorbene Andrea Levy liest ihr Buch selbst und sehr überzeugend, sie spricht perfekt in den verschiedenen Dialekten und bringt die Erfahrungen ihrer Figuren, insbesondere die von Hortense, perfekt zum Ausdruck. Der jamaikanische Akzent ist recht gut zu verstehen, der der Engländer eventuell etwas schwieriger, aber immer noch gut.
Titel der deutschen Ausgabe: We Were Eight Years in Power – Eine amerikanische Tragödie
Als 2008 mit Barack Obama zum ersten Mal ein Afroamerikaner zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde, wurde dies von vielen als Meilenstein im Kampf gegen den Rassismus im Land gefeiert. Die Karriere von Ta-Nehisi Coates als Journalist begann damals gerade, er schrieb einen Blog für die Zeitschrift The Atlantic. Im vorliegenden Buch sind acht Essays vorhanden, die Coates während der Amtszeit von Barack Obama für den Atlantic schrieb. Sie befassen sich mit verschiedenen Aspekten des Rassismus in den USA und der Präsidentschaft Obamas.
Ich begann mit dem Hören des Hörbuchs kurz vor den amerikanischen Präsidentschaftswahlen, denn ich wusste, dass in dem Buch auch darauf eingegangen wird, wie es zur Wahl von Donald Trump kommen konnte. Und mit Joe Biden trat der Vizepräsident Obamas gegen diesen an. Das Buch beschäftigt sich jedoch keineswegs ausschließlich mit Obamas Präsidentschaft. Im ersten Essay „This Is How We Lost to the White Man“ etwa erläutert Coates das Phänomen des „schwarzen Konservatismus“, vornehmlich am Beispiel des Schauspielers Bill Cosby. Gleich ein Thema, über das ich wenig wusste. Konservativen Afroamerikanern geht es häufig darum, dass nicht länger die ganze Schuld (aus ihrer Sicht) auf die Weißen zu schieben, sondern die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Sie kritisieren oft Aspekte, die in der schwarzen Bevölkerung eine große Rolle spielen, wie Schwangerschaften bei Teenagern. Coates kritisiert diese Einstellung und bringt stichhaltige Argumente.
Dass auch Barack Obama innerhalb des afroamerikanischen Spektrums eher auf der konservativen Seite steht, hat mich zunächst überrascht, wenn man darüber nachdenkt, ist das aber durchaus nachvollziehbar. In einigen Essays nennt Coates auch Beispiele dafür, wie Obama darauf achten musste, sich in seinen Statements nicht zu eindeutig auf die Seite der Schwarzen zu stellen, und wie er sofort von seinen weißen Gegnern abgestraft wurde, wenn er dies einmal tat. Ta-Nehisi Coates konnte Obama während seiner Amtszeit mehrere Male interviewen. In einem solchen Interview gegen Ende der Präsidentschaft äußerte Obama auch, wie sich viele offenbar vorstellten, er könne als Präsident alles tun, was er wolle. Wie sehr ihm oft die Hände gebunden waren, sollte allen bewusst sein.
Besonders kontrovers ist der Essay „The Case for Reparations“, in dem Coates Argumente dafür vorbringt, dass die USA ihrer afroamerikanischen Bevölkerung Reparationen zahlen sollten. Dies ist sicher weit davon entfernt, ernsthaft von der amerikanischen Regierung in Betracht gezogen zu werden, aber Coates Argumente sind schlüssig. Das Wort „eigentlich“ schwebt da im Raum.
Ta-Nehisi Coates Texte zeigen, wie zutiefst rassistisch die Vereinigten Staaten in weiten Teilen nach wie vor sind. Ausführlich geht er etwa darauf ein, wie der „War on Drugs“ vor allem auf Afroamerikaner abzielte (der Besitz „weißer“ Drogen wurden etwa viel milder bestraft), wie katastrophal die Gefängnispolitik der USA für die schwarze Bevölkerung ist, wie stark Schwarze bei Wahlen benachteiligt werden. Die Texte haben ein hohes intellektuelles Niveau, nicht umsonst wird Coates heute als „die schwarze Stimme Amerikas“ angesehen. Das Buch ist rundum empfehlenswert.
Der Untertitel des Buches „Eine amerikanische Tragödie“ kommt nicht von ungefähr. Was Obamas Präsidentschaft angeht, ist der Schluss, den ich aus „We Were Eight Years in Power“ ziehe, besonders tragisch. Denn ein schwarzer Präsident, der für die White Supremacy des Landes eigentlich nicht sein durfte, machte es erst möglich, dass ein völlig inkompetenter Social Media-Star, von dem ich es nicht über mich bringe, ihn als Politiker zu bezeichnen, gewählt werden konnte. Er versprach, Obamas Errungenschaften rückgängig zu machen. Trump ist die Rache der White Supremacists für Präsident Obama.
Zum Hörbuch: Beresford Bennet liest das Hörbuch sehr gut verständlich und ausdrucksvoll. Bei Zitaten wendet er auch den jeweiligen Akzent der zitierten Person an. Ein wenig hat mich gestört, wie er beim Zitieren von Frauen seine Stimme etwas verstellte, das wäre denke ich nicht nötig gewesen.
Im Jahr 1608 landet der englische Abenteurer John Smith an der amerikanischen Nordküste in einer großen, schmalen Bucht: der Chesapeake Bay. Zu seinen Mitstreitern gehört der Katholik Edmund Steed, der vor der Verfolgung in seinem Heimatland geflohen ist. Nach anfänglichen Kämpfen mit lokalen Indianerstämmen entschließt sich Steed, auf einer Insel nahe der Mündung des Choptank zu siedeln, die er Devon nennt.
Im Nachfolgeroman von „Centennial“ verzichtet James Michener darauf, die Entwicklung der großen Bucht bis in frühere Erdzeitalter zurückzuverfolgen und lässt seine Handlung mit dem Indianer Pentaquod vor der Ankunft der englischen Siedler einsetzen. Die Urbevölkerung nimmt jedoch erheblich weniger Raum in Anspruch, als dies bei Centennial der Fall war. Es dauert nicht lange, bis der nahe Devon lebende, friedliche Indianerstamm mehr oder weniger ausgelöscht ist und nur noch dank einer Mischehe Nachfahren von ihnen in dem Buch vorkommen. In „Cheseapeake“ geht es vor allem in den ersten Teilen des Buches viel um Religion, denn nicht nur die katholische Familie Steed, sondern auch die Quäkerfamilie Paxmore gehören nicht der protestantischen Mehrheitsreligion der Kolonien an. Die Quäker werden zunächst in einigen Kolonien gar verfolgt und als Ketzer hingerichtet. Doch Devon liegt in Maryland, der einzigen katholischen Kolonie, in der andere christliche Konfessionen toleriert wurden. Interessant ist hier auch zu wissen, dass Michener selbst als Quäker erzogen wurde.
Wie in seinen anderen Büchern verfolgen wir die Geschichte der Region anhand der Nachkommen einiger früher Protagonisten. Was die Charaktere angeht, kann „Chesapeake“ nicht ganz mit „Centennial“ mithalten, es gibt zwar einige echte Sympathieträger wie Rosalind Steed, doch insgesamt konnte ich hier zu weniger Charakteren einen so guten Zugang finden. Wie mein Lesebuddy bald anmerkte, ist in „Chesapeake“ im Grunde die Bucht selbst der Hauptcharakter.
Ein wichtiges Thema, das sich durch Micheners Bücher zieht, ist die Zerstörung der Natur, die Kolonisten roden die Wälder, die Lebensgrundlage der Indianer, später setzen sie fürchterliche Jagdwaffen ein, mit denen Dutzende Wildvögel mit einem Schuss getötet werden können, sodass Enten und Gänse zeitweise völlig aus der Region verschwinden. Auch die Austernbänke in der Bay werden gnadenlos ausgebeutet. Die entsprechenden Kapitel sind dementsprechend auch solche mit unsympathischen Charakteren, den gierigen Jägern nämlich. Sogar die Folgen des Klimawandels spielen in dem Roman von 1978 schon eine Rolle.
Im Vergleich mit den Romanen Micheners, die im Westen der USA spielen, spielt in „Chesapeake“ natürlich die Sklaverei eine größere Rolle. So verfolgen wir die Entführung und Versklavung eines jungen Mannes aus der Kongoregion und seine Zeit als Sklave bei einem der Steeds und einem Sklavenschinder, der den Geist aufsässiger Sklaven auf fürchterliche Weise brechen soll. So unterhaltsam auch die ersten Kapitel über die nun als Piraten in der Karibik agierenden Turlocks, den Nachfahren eines als Straftäter deportierten Briten sind, so bitter werden sie, als sie schließlich ihre Schiffe als Sklavenschiffe betreiben.
Das letzte große Thema in dem Roman ist der Watergate-Skandal, an dem zwei von Micheners Protagonisten beteiligt sind. Hierzu, muss ich gestehen, kann ich nicht allzu viel sagen, da sich meine Kenntnisse des Skandals in Grenzen halten.
Insgesamt ist „Chesapeake“ das bisher plotmäßig am besten aufgebaute Buch, das ich von Michener gelesen habe, eine stimmige Geschichte der am frühesten durch Europäer besiedelten Region in Nordamerika. Mein Lieblingsbuch von Michener bleibt aufgrund bestimmter Charaktere und der stärkeren Rolle der Indianer „Centennial“, doch Chesapeake ist sicher ein Meisterwerk des Autors.