Hörbuch: Sherman Alexie: You Don’t Have to Say You Love Me

(c) Hachette

Sprecher: Sherman Alexie

Dauer: 12 h 9 min

Eine deutsche Übersetzung des Buches liegt noch nicht vor.

Sherman Alexie ist der wohl bekannteste Schriftsteller indianischer Abstammung. Bekannt wurde er vor allem durch sein Jugendbuch „The Absolutely True Diary of a Part-Time Indian„, das auch ich mit Begeisterung gelesen habe.

Das Cover des vorliegenden Buchs zeigt eine Mutter, Alexies Mutter, mit einem Kind, denn es geht um die Beziehung zwischen dem Autor und seiner Mutter Lillian, die Aufarbeitung ihres Sterbens, ihres Todes, ihres Schicksals allgemein. Alexie hatte keine einfache Beziehung zu seiner schwierigen Mutter. Alexie selbst ist bipolar und vermutet, dass diese Störung auch seine Mutter geprägt hat.

In zahlreichen, teilweise sehr kurzen, aber auch längeren Kapiteln erzählt Alexie vom Leben seiner Mutter und von seiner eigenen Kindheit. Es ist kein Loblied auf eine liebevolle Mutter, sondern eine ehrliche, leidenschaftliche Schilderung des Lebens einer Frau, die schlimme Schicksalsschläge hinnehmen musste, es aber schaffte, dem in den Reservaten grassierenden Alkoholismus zu entkommen, um ihre Kinder anständig betreuen zu können.

Alexies Sprache ist großartig, roh, ehrlich, oft wütend, verzweifelt, traurig, was beim Hörbuch besonders stark ist: Alexie spricht die Texte selbst und legt seine Emotionen bar, lässt den Leser an seiner Trauer teilhaben. Das mag für manchen Hörer ein wenig zu viel sein, mich hat es mitgerissen und mich dem Autor näher gebracht. Erstmals traf ich in diesem Buch auch auf Alexies Lyrik, viele Kapitel bestehen aus Gedichten, was niemanden abzuschrecken braucht: Ich glaube, ich habe noch nie Lyrik gelesen, die so zugänglich, verständlich und nachvollziehbar war. Alexie hat mich schier begeistert. Oft bedient sich Alexie des Stilmittels der Wiederholung, sodass seine Worte besonders eindringlich sind und im Gedächtnis bleiben. Manchem sind die Wiederholungen vielleicht ein bisschen viel.

Alexie hat eine Biografie geschrieben, die für mich bisher das Buch des Jahres ist, sein außergewöhnliches Leben, sein Humor, die faszinierende Persönlichkeit seiner Mutter, das ergibt ein höchst mitreißendes (Hör-)buch. Aufgrund eigener Mobbingerfahrungen fühlte ich mich dem Autor besonders nah. Gut gefallen hat mir am Hörbuch außerdem, dass Alexie die Sprachfärbung der Reservatsindianer wiedergibt, die gefällt mir sehr. Ansonsten spricht Alexie ein recht breites Amerikanisch, das ich aber dennoch gut verständlich fand.

Sherman Alexie hat mich mit „You Don’t Have to Say You Love Me“ umgehauen und außerdem bewirkt, dass ich dringend mehr von indianischstämmigen Autoren lesen und mich generell intensiver mit der Geschichte der nordamerikanischen Ureinwohner befassen will.

Ich wiederhole mich: Mein bisheriges Buch des Jahres

Anmerkung:

Ich habe mich sehr schwer getan mit dieser Rezension, denn nach der Lektüre habe ich erfahren, dass Sherman Alexie der sexuellen Belästigung beschuldigt wird. Ein entsprechendes Statement von ihm findet ihr hier. Ich weiß nicht recht, wie ich angesichts dieser Vorwürfe mit meinen eigenen Emotionen beim Hören des Buchs und der Nähe, die ich zum Autor gespürt habe, umgehen soll. Ich habe mich entschieden, die Rezension so zu schreiben, als ob ich nichts von den Vorwürfen wüsste, möchte sie aber nicht unerwähnt lassen. Es heißt, er habe sein Verhalten eingestellt, als er darum gebeten wurde. (Ich hab den Link nicht parat, kann ergoogelt werden.) Das entschuldigt sein unangemessenes Verhalten nicht, schränkt nur dessen Tragweite ein. Vorerst werde ich Alexie jedoch als Leserin treu bleiben. Ich hoffe, ihr könnt das nachvollziehen.

Rezension: Margaret Atwood: The Penelopiad

(c) Vintage Canada

In deutscher Sprache unter dem Titel „Die Penelopiade“ erschienen beim dtv, antiquarisch erhältlich

Wir alle kennen die Geschichte von Odysseus, der zunächst 10 Jahre lang auf Seiten der Athener in Troja kämpfte und die geniale Idee mit dem Trojanischen Pferd hatte und anschließend 10 Jahre lang verirrt durchs Mittelmeer kreuzte, bis er den Weg nach Ithaka und zu seiner Frau Penelope wiederfand, die ihm über all die Jahre treu blieb und sich entschlossener Avancen zahlreicher Heiratskandidaten erwehren musste. Doch die Odyssee wird aus Odysseus‘ Sicht geschildert, wie war das für Penelope, 20 Jahre lang auf den Ehemann zu warten und von Freiern belagert zu werden? Wie nahm sie die kaum noch für möglich gehaltene Rückkehr des Gatten wahr?

Ich sage es euch gleich, mir hat lange kein Buch solches Vergnügen bereitet wie dieses geniale Retelling. Penelope berichtet in der ersten Person von ihrem Leben, mit bissigem Humor und Feminismus. Gleich zu Beginn ruft sie ihre Geschlechtsgenossinnen auf, es ihr nicht gleichzutun, dass es nicht wert ist, zum Rollenmodell zu werden:

„And what did I amount to, once the official version gained ground? An edifying legend. A stick used to beat other women with. Why couldn’t they be as considerate, as trustworthy, as all-suffering as I had been? That was the line they took, the singers, the yarn-spinners. Don’t follow my example, I want to scream in your ears – yes, yours! But when I try to scream, I sound like an owl.“ (Seite 2)

Penelope erzählt die Ereignisse ab dem Zeitpunkt ihrer Kindheit im Rückblick, längst befindet sie sich in der Unterwelt, von wo aus sie auch Einblicke in unsere Gegenwart hat. Moderne Retellings interessieren mich nicht, aber dieser Blickwinkel ist einmalig. Unterbrochen wird Penelopes Prosa von in Versform verfassten Chorgesängen der 12 Mägde, die Odysseus nach seiner Rückkehr hinrichten ließ, da sie sich Penelopes Freiern hingegeben hatten. Ich bin nun wahrlich keine Lyrik-Expertin, tue mich eher schwer damit, aber diese Lyrik! Das konnte mich erreichen, die Sprache ist einfach wunderbar!

Ich erwähnte schon den bissigen Humor, dieser durchzieht das gesamte Buch (auch die Lyrikteile) und hat mir besonders gut gefallen. Sowohl Männer als auch Frauen bekommen dabei ihr Fett weg, etwa die Schwiegermutter Antikleia oder die selbstsüchtige Cousine Helena.

Margaret Atwoods Penelopiade ist in meinen Augen ein Meisterwerk, ich fand das Buch schlicht großartig. Bereits Atwoods Roman „Alias Grace“ konnte mich ja absolut überzeugen, damit ist Margaret Atwood wohl auf dem Weg, meine Lieblingsautorin zu werden. Als Nächstes werde ich „The Handmaid’s Tale“ lesen, ich freue mich sehr darauf.