Zuletzt gelesen – KW 22

In diesem Artikel besprochene Bücher: „Zauber der Stille“ von Florian Illies (Hörbuch), „Artificial Condition“ von Martha Wells (Hörbuch), „Meine Geschichte der deutschen Literatur“ von Marcel Reich-Ranicki, „Elfenkrieg“ von Bernhard Hennen und Robert Corvus (Hörbuch) sowie ganz kurz „König Midas“ von Luc Ferry, Clotilde Bruneau, Stefano Garau und Guiseppe Baiguera (Graphic Novel).

Dieser Artikel wird ein bisschen schwierig, denn ich bin noch mehr ins Hintertreffen geraten, was meine zu rezensierenden Bücher angeht. Mal sehen, was ich noch aus meinem Gedächtnis klauben kann, bitte um Nachsicht, falls es nicht so viel ist ;-)

Florian Illies: Zauber der Stille

Coverabbildung
(c) Argon Verlag

Sprecher: Stephan Schad

Dauer: 6h 27min

Wie wir es mittlerweile von einigen deutschen Autoren kennen, nimmt sich Florian Illies in „Zauber der Stille“ wieder eines bestimmten Zeitraums an, d. h., in diesem Falle dem Leben des „urdeutschen“ Malers Caspar David Friedrich, und setzt die Gesellschaft und die prominenten Persönlichkeiten der Epoche mit diesem in Beziehung. Meiner Meinung nach ist ihm dies in diesem Buch wieder wunderbar gelungen, wenn auch ein paar Zusammenhänge ein wenig an den Haaren herbeigezogen wirken könnten. Ich persönlich kann Illies dies verzeihen, denn insgesamt macht er das schon sehr geschickt, auch mit der Unterteilung des Buches in die Kapitel „Feuer“, „Erde“, „Wasser“ und „Luft“, die vier Elemente also, die sich nicht nur in den jeweils besprochenen Bildern des Malers widerspiegeln, sondern auch in den Ereignissen, die im entsprechenden Kapitel eine Rolle spielen. Vor allem im Kapitel „Feuer“ fand ich das äußerst gelungen. Für den notwendigen Humor ist auch gesorgt, der insbesondere in der Schilderung der, sagen wir, „schwierigen“ Beziehung Friedrichs mit Johann Wolfgang von Goethe deutlich wird. So macht Geschichte Spaß, das Buch, auch als Hörbuch zu empfehlen, hat mich prächtig unterhalten.

Martha Wells: Artificial Condition (The Murderbot Diaries #2)

Coverabbildung
(c) Tor Books

(Cover/Link führt zur Printausgabe, da der Audioverlag (Recorded Books) keine Suchfunktion auf seiner Website hat. Buch gehört über Audible.)

Sprecher: Kevin R. Free

Dauer: 3h 21 min

Murderbot ist wieder unterwegs, und zwar mit einem Schiff, das von einem Bot namens ART gesteuert wird, der im Laufe wieder doch recht kurzen Geschichte zu einem herrlichen Sidekick wird. Vor allem will Murderbot herausfinden, was bei dem Vorfall, bei dem er mehrere Menschen getötet haben soll, wirklich passiert ist. Dabei muss Murderbot wieder ein paar naive Menschen retten, die sich selbst in haarsträubende Gefahren begeben, weil sie um die Ergebnisse einer von ihnen durchgeführten Expedition gebracht wurden. Das Beste an diesem zweiten Band der Murderbot Diaries ist definitiv ART, der süchtig nach Serien ist und nicht gut damit zurecht kommt, wenn diese tragisch enden. Da findet eine regelrechte  Charaktergestaltung einer künstlichen Intelligenz statt, die nicht einmal über einen Körper verfügt. Ich sehe regelrecht das Schild, das Martha Wells möglichen Lesegruppen vor die Nase hält und auf dem steht „Discuss“. Was ich an der Reihe auch beeindruckend finde, ist die Selbstverständlichkeit, mit der auf moderne Lebensmodelle verwiesen wird. Viele Menschen leben in dieser Zukunftswelt in polyamoren Ehen, bunt gemixt, mit gemeinsamen Kindern, Zweierbeziehungen scheinen eher selten zu sein. Auch diesen zweiten Band habe ich sehr gern gelesen bzw. gehört (inzwischen bin ich bis einschließlich Band 4 gekommen).

Marcel Reich-Ranicki: Meine Geschichte der deutschen Literatur

Coverabbildung
(c) DVA

MRR ist nicht unumstritten, vor allem weil sein Kanon doch sehr von Männern dominiert ist und er ziemlich arrogante Äußerungen über weibliche Autoren gemacht hat, etwa, dass sie keine Romane schreiben könnten (Quelle: Frauen Literatur von Nicole Seifert). Auch in diesem Buch, das chronologisch nach den Epochen der deutschen Literatur aufgeteilt ist, dominieren die Männer, insbesondere in den ersten Teilen. (Jedem Autor bzw. jeder Autorin wird je ein Kapitel gewidmet.) Immerhin geht Reich-Ranicki auf diesen Punkt in einem den eigentlichen Autorenporträts vorangestellten, sehr interessanten Essays selbst ein und macht dabei folgende Feststellung: „Nun beweist der minimale Beitrag der Frauen zur Literatur und zur Kunst der Vergangenheit noch keineswegs, dass Kreativität und Genie nicht Sache des weiblichen Geschlechts seien. Es wurde schon oft gesagt und kann nicht oft genug wiederholt werden: Die den Frauen in der von Männern beherrschten Welt zugewiesene Rolle hat ihnen die Beschäftigung mit allem Geistigen und Künstlerischen in hohem Maße erschwert, ja unmöglich gemacht.“ (Seite 56/57).

Es hat sicherlich mehr vergessene weibliche Autoren in der Literaturgeschichte gegeben, die MRR nicht bespricht, aber ich muss ihm zu Gute halten, dass ich durch die Lektüre dieses Buches doch ein paar neue Autorinnen gefunden habe, die mich interessieren (etwa Eva Demski).

Der Titel des Buches ist ein wenig missverständlich. Es handelt sich hier nicht um ein zusammenhängendes Werk über die Geschichte der deutschen Literatur. Vielmehr besteht es aus in den langen Jahren seines Schaffens gesammelten Essays über deutsche Autor*innen, die in chronologische Reihenfolge gebracht wurden. Das könnte einige Erwartungen enttäuschen. Auch ich bin eher mäßig mit dem Ergebnis zurechtgekommen, der Band stellt jedoch eine durchaus lohnende Lektüre dar und bietet definitiv viele interessante Informationen. Um mehr über die größtenteils vergessenen weiblichen Autoren zu erfahren, lese ich jetzt „Frauen Literatur“ von Nicole Seifert.

Bernhard Hennen & Robert Corvus: Elfenkrieg (Phileasson-Saga, Band 8)

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(c) Audible Studios

Sprecher: Detlef Bierstedt

Dauer: 25 h 19 min

Achtung, leichte Spoiler für diejenigen möglich, die die ersten sieben Bände noch nicht gelesen haben.

Ab Band 8 der Phileasson-Saga agieren die beiden Ottajaskos erst einmal isoliert voneinander, denn die von Beorn wurde in das alte Tie’Shianna entrückt, in dem der lang zurückliegende Krieg um diese Elfenstadt tobt. Es handelt sich um ein sogenanntes lebendes Bild und Beorn und seine Recken und Schildmaiden müssen bald feststellen, dass die Abläufe um die Eroberung der Stadt jederzeit abrupt enden und wieder von vorne beginnen können. Wie sollen sie aus diesem lebenden Bild entkommen? Phileassons Ottajasko ist derweil weiterhin mit den Siedlern um Aischa unterwegs, um das Tal aus der Prophezeiung ihres Vaters zu finden. Dabei passieren sie unter anderem das Liebliche Feld, die Heimat von Vascal della Rescati und seiner Nichte Leomara. Auch der wieder sehr gelungene Prolog beschäftigt sich mit der Vorgeschichte Vascals und später auch Leomaras. Aufgrund dieses Prologs ist mir Vascal inzwischen richtig ans Herz gewachsen. Die Gemeinschaft reist weiter Richtung Dschungel, wo sie es unter anderem mit Echsenmenschen zu tun bekommen.

Dieser Band hat mir wieder gut gefallen und endet mit einem Cliffhanger, der mich erstmals veranlasste, den nächsten Band gleich hinterher zu hören. Hennen und Corvus halten das in den letzten Bänden aufgebaute Niveau.

Luc Ferry, Clotilde Bruneau, Stefano Garau, Guiseppe Baiguera: Mythen der Antike: König Midas

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(c) Splitter Verlag 

Übersetzung aus dem Französischen von Harald Sachse

Ich habe die Geschichte um den phrygischen König Midas erstmals von Stephen Fry in „Mythos“ vollständig gehört und hatte doch schon wieder vergessen, wie umfangreich diese Sage ist. Auch hier hat mich die Umsetzung des Splitter-Verlags überzeugt, wie die anderen Bände eignet er sich super zur Auffrischung oder auch als Erstkontakt mit dem griechischen Mythos.

Rezension: Kristof Magnusson: Ein Mann der Kunst

(c) Verlag Antje Kunstmann

Sprecher: Devid Striesow

Dauer: 6 h 15 min

KD Pratz ist ein berühmter Künstler, der als kauzig gilt und sehr zurückgezogen in einer Burg am Rhein wohnt. In Frankfurt gibt es ein kleines Museum, dessen Förderverein einen Anbau finanzieren möchte, in dem Gemälde von KD Pratz untergebracht werden sollen. Zu diesem Förderverein gehören Konstantin Marx und seine Mutter Ingeborg, die ein besonders großer Fan des Malers ist. Obwohl dieser als  extrem schwierig gilt, organisiert der Museumsleiter eine Reise des Fördervereins an den Rhein, um KD Pratz kennenzulernen und sein Studio zu besichtigen. Die Gerüchte um den schwierigen Künstler erweisen sich bald als wahr…

Klingt an sich nicht besonders spannend, aber das Buch wurde unter anderem von Dennis Scheck gelobt und sollte eine amüsante Satire über den Kunstbetrieb sein.

Und über lange Strecken war das Buch genau das, recht amüsant, aber umgehauen hat es mich nicht. Von Anfang an erinnerte mich das Szenario ans Isabel Bogdans „Der Pfau“, doch an dessen Humor kam es nicht ganz ran. Es hat aber durchaus Spaß gemacht, wie Konstantin und Ingeborg die anderen Mitglieder des Fördervereins sehen, etwa das „Einstecktuch“, und wie die Situation im Umgang mit KD Pratz langsam eskaliert, bis es schließlich zum finalen Streit kommt. Der markiert nicht das Ende des Romans, dieses folgt aber bald und war tatsächlich so köstlich und hat mir so viel Vergnügen bereitet, dass ich die Wertung des Romans von drei auf vier Sterne erhöht habe.

Kristof Magnusson nimmt den Kunstbetrieb, einschließlich seiner oft als „abgehoben“ empfundenen Ausdrucksweise und der kunstinteressierten Intellektuellen wunderbar aufs Korn. Das Buch ist kein Meisterwerk, aber durchaus unterhaltsam und enthält darüber hinaus auch noch einen netten Fußballwitz.

Devid Striesow macht seinen Job solide, verstellt seine Stimme nicht zu sehr, bringt aber die Eigenheiten der Charaktere gut zum Ausdruck.

Rezension: Michael Bienert, Elke Linda Buchholz: Die Zwanziger Jahre in Berlin – Ein Wegweiser durch die Stadt

(c) Berlin Story Verlag

Hinweis: Die folgende Rezension bezieht sich auf eine ältere Ausgabe des Buchs, inzwischen ist eine überarbeitete Auflage verfügbar. (Klick auf das Coverbild führt zur Verlagsseite.)

Berlin in den Zwanzigern, das waren Dada, Bauhaus, Theater und Varieté, Oper und Revue, Cafés und Tanzpaläste – und der Aufstieg der Nazis. Ein widersprüchliches, faszinierendes Jahrzehnt, dessen Spuren, wenn man genauer hinschaut, noch in ganz Berlin präsent sind. Michael Bienert und Elke Linda Buchholz nehmen uns mit auf eine Spurensuche.

Jedes Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts hat seine Besonderheiten, seine Geister, seine Schrecken, insbesondere natürlich die Kriegsjahrzehnte. Doch kaum ein Jahrzehnt übt heute noch eine solche Faszination auf uns aus wie die Zwanziger Jahre, als einerseits die Nazis ihre Macht in der schwachen Weimarer Republik ausdehnten und andererseits eine nie gekannte Lebensfreude und Freizügigkeit herrschte – man denkt direkt an Josephine Bakers Auftritte in der Stadt. Auch die Kunst blühte in neuen Formen auf – man denke an die Neue Sachlichkeit.

Dementsprechend geht es im vorliegenden Buch viel um Kunst und Architektur, aber selbstverständlich auch um Politik, Technik und Freizeit. So gibt es etwa Unterkapitel über den Bubikopf, Schulen und Badeanstalten. Bienert und Buchholz erörtern uns ausführlich die Hintergründe und nennen uns – ergänzt durch historische und modern Schwarzweißfotos, die entsprechenden Orte in Berlin, an denen wir die Geschichte der Zwanziger Jahre erfahren können. Auch auf eventuell vorhandene Gedenktafeln wird verwiesen. Alte Städtpläne erleichtern die Orientierung, bei der Lektüre habe ich, die ich mich ein wenig, aber nicht besonders gut in Berlin auskenne, dennoch des Öfteren auf Google Maps zurückgegriffen, um mir einen noch genaueren Eindruck von der Lage eines Ortes zu machen.

Gerade die Hintergrundinformationen fand ich sehr spannend – so wusste ich nicht, dass Berlin damals die flächenmäßig größte Stadt Europas war. Auch sehr interessant sind soziale Aspekte, etwa dass private Vermieter heftigen Widerstand gegen neue Großbauprojekte leisteten, die vor allem den unteren Bevölkerungsschichten in der hoffnungslos überbevölkerten Stadt zugute kamen. Gerade die heute verschmähte Plattenbausiedlung brachte in dieser Hinsicht große Erleichterung.

Besonders interessant ist das Buch für Einwohner oder Besucher Berlins, die Kapitel sind nach Themengebieten gegliedert und der Leser kann je nach Interesse etwa eine Tour durch Berlin mit Blick auf die Geschäftshausarchitektur der Zwanziger oder Künstlerlokale planen. Es werden auch Tipps für solche Touren gegeben.

Es sollte sich jedoch auch niemand abschrecken lassen, der nicht plant, Berlin in näherer Zukunft einen Besuch abzustatten, das Buch eignet sich auch absolut als reines Lesebuch. Für Leser wie mich, die Berlin schon ein wenig kennen, ist das Buch dann umso interessanter.

Ein sehr interessantes, gut lesbares Sachbuch, das darüber hinaus auch die perfekte Vorgängerlektüre für „Berlin 1936“ von Oliver Hilmes ist, das ich zum Zeitpunkt dieser Rezension lese.