Hörbuch: Charles Dickens: The Pickwick Papers

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(c) SNR Audio

Dauer: 36 h 7 min

Gesprochen von: Matt Addis

Deutscher Titel: Die Pickwickier

In Charles Dickens‘ Romandebüt geht es um die Mitglieder eines von Samuel Pickwick gegründeten Herrenclubs, die von London aus Reisen in die Umgebung unternehmen und ihre Beobachtungen festhalten. Der Plot ist schnell beschrieben, „a bunch of people going to each other’s houses“ und so. Die Unternehmungen der Pickwickier sind durchsetzt mit Anekdoten und von Charakteren erzählten Geschichten, die eine schöne Bandbreite abdecken und unter anderem eine Art „Proto-Scrooge“ hervorbringen. Natürlich werden auch die Herzen verschiedener Pickwickier und sonstiger Charaktere gewissen Herausforderungen gegenübergestellt. The Pickwick Papers ist eine Gesellschaftssatire und von Anfang an auch so zu lesen. Ich war zunächst ein wenig empört über die Darstellung der weiblichen Charaktere, die reihenweise in Ohnmacht fallen. Doch im Laufe der Geschichte bin ich zu dem Schluss gekommen, dass auch dies eine satirische Darstellung ist. Dickens war sicher alles andere als modern und aufgeschlossen bei der Darstellung von weiblichen Charakteren und auch hier finden sich die engelgleichen Damen,  die seinem offensichtlichen Idealbild einer Frau entsprachen, doch völlig überzogene Darstellungen sind ja typisch für Dickens‘ Humor und so werden die Ohnmachten hier offenbar auch eingesetzt. Auch in Dickens‘ erstem Roman findet sich eine Portion Sozialkritik, insbesondere bei der Darstellung des Schuldnergefängnisses „the Fleet“. Was mir bei der „Lektüre“ besonders auffiel, war, wie unfassbar treffend eine Satire aus dem 19. Jahrhundert heute immer noch auf unsere Gesellschaft angewandt werden kann. Herrlich etwa die Schilderungen einer Kleinstadt, in der ein todernster Kleinkrieg zwischen zwei Parteien herrscht, die sich lediglich dadurch unterscheiden, dass die eine Partei sich der Farbe Blau, die andere der Farbe Beige (buff) verschrieben hat. Großartig außerdem die Theorie von Sam Weller, Pickwicks Diener, über den Zusammenhang zwischen der scheinbaren Unsterblichkeit von „post boys“ und Eseln. Genau so entstehen Verschwörungstheorien!

Der Roman enthält zahlreiche weitere Humorelemente. Sam Weller und sein Vater vertauschen beispielsweise die Aussprache von v und w im Englischen, was Matt Addis sehr schön umsetzt und mich immer wieder zum Lachen brachte. Eine kurze Recherche ergab, dass Dickens dies vor allem bei East End-Cockney-Bewohnern Londons einsetzte. Das Hörbuch ist absolut empfehlenswert, die Hörer*innen sollten jedoch eine gewisse Erfahrung mit englischen Dialekten haben, ich hatte stellenweise schon Probleme, den Dialekt gewisser Figuren zu verstehen. Nichtsdestotrotz mach Addis das großartig.

Ich hatte sehr viel Spaß mit Dickens‘ Erstling, habe jedoch länger gebraucht, um mich in das Buch einzufinden, als etwa bei „Nicholas Nickleby“ und ich würde auch den Unterhaltungswert und den Humor nicht ganz so hoch bewerten wie bei letzterem Roman.

Hörbuch: Émile Zola: Das Glück der Familie Rougon (Les Rougon-Macquart 1)

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(c) die Gehörgäng

Sprecher: Thomas Schendel

Dauer: 14 h 30 min

Übersetzung aus dem Französischen: wird nachgeliefert, wenn ich den Namen finde…

Der erste Teil der Rougon-Macquart-Klassiker Reihe von Émile Zola schildert die Ereignisse rund um den französischen Staatsstreich von 1851, der im zweiten französischen Kaiserreich mündete, anhand der fiktiven provenzalischen Stadt Plassans, die, wie ich inzwischen von Wikipedia gelernt habe, auf der Stadt der Kindheit Zolas, Aix-en-Provence, sowie der Stadt Lorgues beruht, wo sich der im Buch geschilderte Aufstand in ähnlicher Form tatsächlich ereignet hat. Protagonisten sind die verschiedenen Mitglieder der beiden Familien Rougon und Macquart, die alle von der „gefallenen“ Kleinadeligen Adelaide Fouquet, später „Tante Dide“ genannt, abstammen. Während das Leben der meisten Nachkommen von Armut und Alkoholsucht geprägt ist, hat es Pierre geschafft, sich durch Betrug an seinen Geschwistern einen (sehr) bescheidenen Wohlstand zu ergaunern, was aber weder seinen Ambitionen noch denen seiner ehrgeizigen Ehefrau Felicité gerecht wird. Zwei weitere Protagonisten sind der junge, idealistische Enkel von Tante Dide, Silvère, und seine blutjunge Freundin Miette. Die Handlungsstränge vereinen sich in der Kumulation der Aufstandsbewegung, die für einige Charaktere tödlich endet, für andere im sozialen Aufstieg.

Émile Zolas Geschichte ist ein wenig mit Pathos überfrachtet, aber bildsprachlich sehr schön geschrieben. Die vorliegende Übersetzung, deren Urheber ich gerade ums Verrecken nicht ermitteln kann, obwohl ich der Meinung bin, den Namen irgendwo gelesen zu haben, ist ein wenig altertümlich gehalten, insbesondere liebt er die Verwendung des Wortes „allein“ im Sinne von „jedoch“ (wäre interessant, zu wissen, ob Zola ebenfalls eine Vorliebe für ein entsprechendes Wort hatte) und des veralteten literarischen „Dativ-e“ am Ende von Substantiven, was zu Sätzen führt wie „Daher habe ich eine Kugel an meinem Ohre vorüberpfeifen hören“, was mich aber nicht weiter gestört, sondern im Gegenteil eher amüsiert hat.

Die Lektüre lohnt sich meiner Meinung nach trotz einiger Längen insbesondere bei Interesse an den historischen Vorgängen, von denen ich, wie ich gestehen muss, nicht sehr viel wusste, da Frankreich bisher nicht so das Zentrum meines geschichtlichen Interesses bildete. Der Roman und, wie ich vermute, die ganze Reihe, sind eben doch viel zugänglicher als die meisten trockenen Geschichtsbücher. Ich freue mich darauf, die weiteren Teile der Reihe zu hören, „Nana“ und „Das Paradies der Damen“ kenne ich ja bereits.

Der Sprecher der Gehörgäng, Thomas Schendel, macht seinen Job sehr gut.

Zuletzt gelesen – KW 16

In diesem Artikel besprochene Bücher: „Radium Girls – Ihr Kampf um Gerechtigkeit“ von Cy. (Graphic Novel), „Still Just a Geek – An Annotated Memoir“ von Wil Wheaton, „The Observations“ von Jane Harris, „Rosentempel“ von Bernhard Hennen & Robert Corvus und „Ödipus“ von Luc Ferry, Clotilde Bruneau und Diego Oddi (Graphic Novel).

Cy.: Radium Girls: Ihr Kampf um Gerechtigkeit

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(c) Carlsen Verlag

Übersetzung aus dem Französischen von Christiane Bartelsen

Von der Geschichte der jungen Frauen, die in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts Ziffernblätter mit Radiumfarbe bemalten, habe ich bereits ausführlich im hervorragend recherchierten Sachbuch von Kate Moore gelesen (besprochen in diesem Artikel). Diese Graphic Novel habe ich zufällig in der Bibliothek entdeckt und gleich mitgenommen, um zu sehen, was die französische Zeichnerin Cy. aus dem Thema gemacht hat. Schon allein wegen der aufwendigen Buntstifttechnik ist die Graphic Novel nicht sehr ausführlich und daher eher als Einstieg in das Thema zu betrachten. Wer sich näher mit dem Schicksal der Frauen, ihrer Charakterisierung und individuellen Geschichten und ihrem Kampf gegen die verantwortlichen Konzerne beschäftigen möchte, sollte anschließend zu Kate Moores Buch greifen. Das Thema wird jedoch liebevoll und originell umgesetzt. Sehr gefallen hat mir das Farbschema, das die radioaktive Leuchtfarbe an jeder Stelle des Buches präsent sein lässt. Zusätzliches Gimmick: Das Cover leuchtet im Dunkeln leicht, wie die tödliche Farbe.

Wil Wheaton: Still Just a Geek: An Annotated Memoir

(Kann sein, dass die Coverabbildung fehlt, irgendwie lässt sich das Bild nicht dauerhaft verlinken.)

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(c) Harper Audio

Sprecher: Wil Wheaton

Dauer: 23 h 51 min

Wil Wheaton wurde einem breiteren Publikum erstmals durch den sehr erfolgreichen Film „Stand By Me“ bekannt, den er im Alter von 14 Jahren drehte, weitaus berühmter ist er jedoch für seine Rolle als Sohn der Schiffsärztin in Star Trek – The Next Generation. Was man damals nicht wusste: Dieser Junge wollte kein Schauspieler sein, sondern wurde von seiner ehrgeizigen Mutter dazu genötigt. Er „musste“ ein Star sein, war jedoch sehr unglücklich damit.

Das vorliegende Buch ist im Grunde kein eigenständiges Werk, sondern eine ausführlich kommentierte Fassung seiner früheren Autobiografie „Just a Geek“. Das stellt für die Hörbuchversion eine gewisse Herausforderung dar, denn es ist nicht immer ganz einfach, nachzuvollziehen, wann der jüngere und wann der ältere Wil spricht. Im Großen und Ganzen gelingt ihm das jedoch recht gut. Eine weitere Besonderheit des Buches ist, dass es sich größtenteils um Posts aus seinem Blog handelt, den er in den frühen 2000ern ins Leben rief und der sich großer Beliebtheit erfreut. Warum braucht es die kommentierte Fassung? Einerseits hatte Wil damals noch nicht seine Therapie durchlaufen und Mental Health-Diagnosen erhalten. Er hatte sich noch nicht von seinen Eltern distanziert, die ihm so viel angetan haben. Und sein Verhältnis zu Star Trek war noch nicht überwiegend positiv, wie heute. Andererseits entschuldigt er sich an vielen Stellen für seine damalige Ignoranz bezüglich homophober, misogyner und ableistischer Sprache. Tatsächlich entschuldigt er sich so oft und so repetitiv, dass ich irgendwann nur noch dachte, ja, Wil, ist gut, wir glauben dir! ;-)

Ich habe das Buch sehr gerne gehört, mit Wil gelacht, aber auch mit Wil geweint, denn an einigen Stellen wird es sehr emotional und bricht auch Wils Stimme. Was seine Eltern Wil zugemutet haben, wie sie ihn ausgenutzt und ausgebeutet haben, ist unfassbar. Ich möchte aber betonen, dass es sich nicht um eine Art „Jammerbuch“ handelt, Wils Einstellung und Situation sind positiv und er hat seinen Frieden mit seiner Vergangenheit, Star Trek und seiner etwas verkorksten Schauspielerkarriere gemacht. Wenn auch nicht mit seinen Eltern, die aber auch uneinsichtig sind und es wohl auch nicht verdient hätten. Stattdessen hört man ganz viel Liebe für seine Ehefrau, seine (Stief-)Söhne und seine Star Trek-Familie heraus. Und natürlich gibt es auch viele Anekdoten und Eindrücke aus seiner ganzen Reise im Star Trek-Universum.

Jane Harris: The Observations

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(c) Faber & Faber

Die junge Bessie erhält im Schottland des 19. Jahrhunderts mehr oder weniger durch Zufall eine Anstellung im Haus eines kleinen Landbesitzers. Dieser ist oft unterwegs und so hat Bessie es überwiegend mit Arabella, der Ehefrau des Hausherren zu tun. Diese trägt Bessie schon bald merkwürdige Aufgaben auf, etwa sich immer wieder abwechselnd auf einen Stuhl zu setzen und aufzustehen. Verwundert über ihre Arbeitgeberin, nutzt Bessie eine Gelegenheit, sich Arabellas Aufzeichnungen anzusehen (sie kann aus Gründen, die zunächst nicht erklärt werden, gut lesen und schreiben). Und muss feststellen, dass Arabella ihre Dienstmädchen für obskure Verhaltensstudien nutzt, die sie in einem Notizbuch festhält und „Observations“ nennt.

Jane Harris‘ Protagonistin Bessie ist definitiv ein spannender, humorvoller Charakter, der einige Geheimnisse birgt, von denen wir von Bessie in einigen Rückblenden erfahren. Gegenstand des Romans ist jedoch das Schicksal der Hausherrin Arabella, das zunächst wie eines der beklagenswerten Schicksale anmutet, die intelligenten Frauen, die in dieser Zeit der Willkür ihrer Ehemänner und/oder Väter ausgesetzt waren. Soweit gefiel mir das Buch wirklich, es ist unterhaltsam und lustig geschrieben, mit einer originellen Protagonistin. Doch die Auflösung gefiel mir gar nicht. Insbesondere nicht, was sie impliziert. Daher kann ich diesem Buch nicht mehr als drei Sterne geben. Ich hoffe, „Sugar Money“ von der Autorin, das ich auf dem SuB habe, enttäuscht mich diesbezüglich weniger.

Bernhard Hennen & Robert Corvus: Rosentempel (Die Phileasson-Saga, Teil 7)

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(c) Audible Studios

Sprecher: Detlef Bierstedt

Dauer: 23 h 37 min

Der siebte Teil der Phileasson-Saga ist größtenteils in Fasar und der Wüste angesiedelt. Es gilt, den richtigen Propheten zu finden, ihm zu folgen und den namengebenden Rosentempel zu finden. Was in diesem Band geschieht, ist harter Tobak. Ein Charakter kommt auf grausame Weise zu Tode, was dazu geführt hat, dass ich einen anderen Charakter, den ich mal mochte, nun abgrundtief hasse. Insgesamt ist dieser Band für mich bisher (bin inzwischen bis einschließlich Band 9 gekommen) einer der stärksten. Den Prolog um Galayne fand ich richtig stark. Das Ende dieses Bandes fand ich hingegen ein bisschen frustrierend und verwirrend.

Luc Ferry, Clotilde Bruneau, Diego Oddi: Ödipus

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(c) Splitter Verlag

Übersetzung aus dem Französischen von Harald Sachse

Von der bekanntesten Fassung der thebanischen Mythen, der Thebanischen Trilogie von Sophokles, habe ich bisher „König Ödipus“ und „Antigone“ gelesen. Ebenfalls habe ich die Comic-Fassung von „Antigone“ aus dem Splitter-Verlag gelesen. Mit diesem Band konnte ich also mein Wissen um den Mythos einerseits auffrischen, andererseits mehr über „Ödipus auf Kolonos“ erfahren. Letzteres Werk sowie „König Ödipus“ werden beide in diesem Comic zusammengefasst. (Den „Ödipus auf Kolonos“ will ich natürlich auch noch in der Fassung von Sophokles lesen.) Die Umsetzung wie auch der Zeichenstil haben mir auch hier wieder sehr gut gefallen, wobei ich das Cover, das eher im Stil eines Gemäldes gehalten ist, schöner finde. Ob als Einstieg in die Thematik oder zur Auffrischung, die Bände zur griechischen Mythologie aus dem Splitter-Verlag sind absolut empfehlenswert.

Leseupdate KW 28

Da ich letzte Woche keine Zeit für den Artikel hatte, sind seit meinem letzten Update drei Wochen vergangen und ich habe einiges beendet. Legen wir mal los.

Beendet: John Steinbecks The Grapes of Wrath

(c) Penguin

Dieses Buch hat mich sehr beeindruckt und gleichzeitig gut unterhalten. Mich interessiert Sozialgeschichte allgemein und die Weltwirtschaftskrise und die Dust Bowl insbesondere. Es ist ein bitteres Buch, das Steinbecks Wut auf den Kapitalismus deutlich spüren lässt.

„The works of the roots of the vines, of the trees, must be destroyed to keep up the price, and  this is the saddest, bitterest thing of all. Carloads of oranges dumped on the ground. The people came for miles to take the fruit, but this could not be“…

„There is a crime here that goes beyond denunciation. There is a sorrow here that weeping cannot symbolize. There is a failure here that topples all our success. The fertile earth, the straight tree rows, the sturdy trunks, and the ripe fruit. And children dying of pellagra must die because a profit cannot be taken from an orange. And coroners must fill in the certificates – died of malnutrition – because the food must rot, must be forced to rot.“ …

„… and in the eyes of the hungry there is a growing wrath. In  the souls of the people  the grapes of wrath are filling and growing heavy, growing heavy for the vintage.“ (Seite 364-365)

Sprachlich und inhaltlich ganz große Klasse. Ich freue mich darauf, mehr von diesem intelligenten Autor zu lesen.

Beendetes Hörbuch: Druidendämmerung von Mira Valentin

(c) Argon Verlag

Sprecher: Robert Frank

Dauer: 13 h 8 min

Nach meinem ersten Update zu diesem Buch fällt mir ehrlich gesagt nicht mehr allzu viel ein. Es ist ein solides, unterhaltendes Fantasybuch, das sich liest wie das Retelling einer keltischen Sage. Ich kann nicht sagen, dass es mich wirklich gepackt hat. Ich hab es durchaus gern gehört, aber es ist meiner Meinung nach nichts, was man gelesen haben muss. Es ist aber sicher eine gute Wahl für Leser*innen, die sich für die zahlreichen Fabelwesen der keltischen Mythologie interessieren.

Beim letzten Update wegen des Gruppenreads pausiert hatte ich Die Söhne der Wölfin von Tanja Kinkel. Inzwischen habe ich es fertiggelesen.

(c) dot.books

Ich bezeichne dieses Buch ja als mein liebstes von Tanja Kinkel, was vor allem an meiner Faszination für die Entstehung Rom liegt. Auch beim zweiten Lesen hat mich das Szenario mit der Konfrontation von Latinern und Etruskern gepackt. Dennoch muss ich feststellen, dass meine Begeisterung nicht so groß war wie beim ersten Lesen. Was mich ein wenig stört, ist, dass große Teile des Buches eben nicht im Latinum spielen, sondern in Griechenland und Ägypten. Ich kann das verstehen, Tanja Kinkel wollte sicher ein Panorama der damaligen, griechisch geprägten antiken Welt schaffen. Das ist ihr auch durchaus gelungen, aber ich wäre lieber in Italien geblieben. Auch die Darstellung von Romulus als seit seiner Jugend intellektuell überlegenen, aber zornigen und boshafteren Zwilling hat mir dieses Mal weniger gut gefallen. Bei allen Fehlern, die die Serie „Romulus“ hat, deren Charakterisierung der Zwillinge und Erklärung des Brudermordes finde ich interessanter. Auf jeden Fall will ich demnächst Sachbücher über Rom lesen. Ich schaue gerade die zweite Staffel der Serie „Rom“ noch einmal und mein Gott, was war das für eine faszinierende Stadt und Zeit.

Die Julilektüre unserer Lesegruppe auf Goodreads war The Promise von Damon Galgut und ich habe sie auch schon beendet.

(c) Vintage

Ich muss gestehen, das ist erst mein zweites Buch eines südafrikanischen Autors. Literarisch habe ich Apartheid-Südafrika bisher nur mit Trevor Noah besucht, in seinem Memoir „Born a Crime“, das ich großartig fand. „The Promise“ ist nun ein Buch eines weißen Südafrikaners und es spielt auch im Umfeld auf der Farm einer recht gutsituierten weißen Familie in der Nähe von Pretoria. Interessant ist das Buch vor allem strukturell, es ist unterteilt in die Kapitel „Ma“, „Pa“, „Astrid“ und „Anton“ und spätestens ab dem dritten Kapitel kann man sich denken, wieso. Bei dem titelgebenden Versprechen handelt es sich um das Versprechen der Mutter an ihr schwarzes Hausmädchen Salome, dass diese das Haus auf dem Grundstück der Familie, das sie bewohnt, bekommen soll. Der Rest der Familie ist gegenüber diesem Versprechen jedoch nicht sehr aufgeschlossen. Die Erzählperspektive wechselt im Buch zwischen den einzelnen Familienmitgliedern. Eine Art Hauptfigur ist dabei die jüngste Tochter Amor, die Zeugin des Versprechens an Salome wurde. Das Buch ist sprachlich ganz fantastisch geschrieben. Ich habe mir zahlreiche Sätze und Passagen unterstrichen. Den Ton emfand ich insgesamt als recht zynisch, wirklich sympathisch ist bis auf Amor niemand, und etwa die Art des Ablebens des Familienvaters ist auf morbide Art regelrecht komisch. Auch auf der Interpretationsebene birgt der Roman großes Potential, in unserer Lesegruppe wurde unter anderm darauf verwiesen, dass Freuds Konzept von Eros vs. Thanatos eine Rolle spielen könnte und der Bruder Anton dabei für Thanatos und die Schwestern Astrid und Amor als Eros interpretiert werden könnten. Schon Amors Name deutet ja darauf hin, dass sie für Liebe steht. Ich kenne mich selbst damit leider nicht aus, aber es ist schon spannend, was in einem solchen Werk alles drinstecken kann. Ein in meinen Augen unkonventioneller Familienroman, der Lust auf mehr von Galgut macht.

Seit dem letzten Update habe ich außerdem Tom Feltons Memoir Beyond the Wand gelesen.

(c) Grand Central Publishing

Sprecher: Tom Felton

Dauer: 6 h 36 min

Memoirs lese ich besonders gerne im Hörbuchformat, vor allem, wenn der Autor sie selbst vorliest. Ich bin jetzt kein Mega-Harry-Potter-Fan, bin ja auch zu alt, um damit aufgewachsen zu sein, aber ich hab die Bücher schon mit Begeisterung gelesen und auch zumindest die ersten vier Filme mehrfach geschaut. Tom Felton hat Draco Malfoy meiner Meinung nach großartig dargestellt, zuerst der kleine, dann der große Fiesling, der jedoch selbst auch unter großem Druck steht und am Ende einen großen inneren Konflikt auskämpfen muss. Nach dem, was ich von Felton über seine Darstellung des Draco Malfoy in den späteren Filmen gehört habe, will ich diese auch unbedingt noch einmal sehen.

Das Hörbuch beginnt aber nicht mit Toms Potter-Jahren, sondern setzt schon früher ein, denn er war ja als Kinderstar schon zuvor in den Filmen „Ein Fall für die Borger“ und „Anna und der König“ zu sehen. Was Felton von seiner Familie, seinen ersten schauspielerischen Bemühungen und seinen Co-Stars erzählt, ist absolut unterhaltsam und stellenweise sehr komisch, ich habe sehr viel gelacht. Den größten Teil des Buches nehmen natürlich die langjährigen Dreharbeiten an den Harry Potter-Filmen ein. Felton verschweigt dabei auch nicht, dass er schon ein paar Mal in Schwierigkeiten geriet. Über seine Schauspielerkollegen berichtet Tom in sehr warmem Ton, das ist sehr sympathisch zu lesen und weckt nostalgische Gefühle, vor allem, wenn er von dem verstorbenen Alan Rickman oder auch von Robbie Coltrane erzählt, der inzwischen ja auch verstorben ist. Ich wusste auch nicht, dass Felton und Emma Watson sich so nahe stehen. Felton gibt einige Aussagen von Emma über sich selbst wieder, die mich wirklich beeindruckt haben.  Tom liest seine Geschichte sehr engagiert, die Kapitelankündigungen schreit er regelrecht raus, oft ist auch eine Art nervöses Lachen zu hören, auch das wirkt durchaus sympathisch. Die letzten eineinhalb Stunden des Buches befassen sich mit der Zeit nach Potter und da wird auch der Ton ernster, denn obwohl Tom gleich eine Rolle in „Planet der Affen – Prevolution“ angeboten wurde, hatte er es danach nicht immer so leicht. Nach einiger Zeit war er in Hollywood, wo er mit seiner Freundin hingezogen war, auch sehr unglücklich, ohne es wirklich zu realisieren. Die Folge war ein höchst ungesunder Lebensstil mit viel Alkohol, eine Reha, aus der er floh und weitere Therapien. Der Schluss ist dann wieder sehr positiv, zugegebenermaßen auch ein wenig pathetisch.

Ein für alle Fans der Harry Potter-Filme ein wirklich lesens- bzw. hörenswertes Buch.

Begonnen habe ich mit Der Name des Windes von Patrick Rothfuss.

(c) Klett-Cotta

Ich bin ca. auf Seite 270. Das Buch gefällt mir bisher gut, vor allem der Anfang hat mich sprachlich beeindruckt und ich ärgere mich jetzt ein bisschen, dass ich es nicht im Original habe. Bisher kann ich allerdings nicht nachvollziehen, warum der Roman so viel besser sein soll als andere Fantasy, das kann aber natürlich noch kommen. Was mir außerdem auffällt, ist, dass das mal wieder eine sehr männerlastige Fantasy ist, bis auf die Mutter des Protagonisten gab es bisher kaum weibliche Figuren. Ich lese es aber gern und bin gespannt, wie es weitergeht.

Als Hörbuch habe ich mir den nächsten Teil der Phileasson-Saga heruntergeladen, Silberflamme, aber noch nicht damit begonnen.

So viel zu meiner Lektüre in den letzten drei Wochen :-)

Vergessenes Juwel: Else Jerusalem: Der heilige Skarabäus

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(c) DVB Verlag

Um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert leben im Wiener Rothaus rund ein Dutzend Prostituierte in einem Bordell namens „Rothaus“, darunter die „schwarze Katherine“ mit ihrer sechsjährigen Tochter Milada. Ein Hofbesitzer hatte sie geschwängert und sich wenig überraschend geweigert, sie zu heiraten. So wächst das aufgeweckte Kind Milada in einem Bordell auf, was ihr weniger schlecht bekommt, als man erwarten würde. Das Kind darf in die Schule gehen und erwirbt im Rothaus so viel Erfahrung und Selbstbewusstsein, dass sie, die zunächst ebenfalls zur Dirne wird, bald in dem Bordell die Strippen zieht.

Habt ihr schon mal von diesem Roman oder seiner Autorin gehört? Ich auch nicht, bevor er von einem Mitglied unserer Lesegruppe als Monatslektüre vorgeschlagen wurde (danke, Markus!). Und das dürfte nicht so sein, denn selten habe ich ein so kraftvolles, sprachgewaltiges und mit faszinierenden Charakteren bestücktes Werk aus dem frühen 20. Jahrhundert gelesen wie dieses. Von der ersten Seite an besticht Else Jerusalem mit ihrer Schreibkunst, die ganz hoch einzuschätzen und dennoch wunderbar lesbar ist.

Jerusalem bricht das Tabu und erzählt von Prostituierten unterschiedlichster Herkunft und ihrem scheinbar unvermeidlichen Schicksal. Wie Brigitte Spreizer in ihrem Nachwort „Else Jerusalem – eine Spurensuche“ schreibt:

„Die Provokation, auf die Else Jerusalem besteht, liegt darin, dass sie die Prostitution nicht als Gegenteil, sondern als Teil der (bürgerlichen) Gesellschaft betrachtet“.

Milada entwickelt sich schnell zum zentralen Charakter des Romans, bleibt dabei jedoch keineswegs der einzige spannende Charakter: Sowohl die verschiedenen Prostituierten, die wechselnden Bordellchefinnen und vor allem Horner, der zu Miladas Mentor wird, sind plastische, multidimensionale Charaktere. Horners Passagen gehören überhaupt zu den stärksten des Romans, es ist eine Freude sie zu lesen, einiges habe ich sogar mehrfach gelesen. Horner ist es auch, der uns über die Bedeutung des Buchtitels aufklärt, sofern man sich das bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht selbst erschlossen hat. Auf das entsprechende Kapitel „Der Philosoph“ folgen einige Abschnitte, in denen das Buch etwas schwächelt, denn Milada verliebt sich, was Befürchtungen weckt, das Werk könnte in eine bestimmte Richtung abdriften. Dies ändert sich jedoch schnell wieder und schadet nicht meinem begeisterten Gesamteindruck des Romans.

Man mag sich fragen, wie dieses Meisterwerk so in Vergessenheit geraten konnte. Andererseits war dies das Schicksal vieler Autorinnen, die zu Zeiten des Nationalsozialismus geächtet wurden.

Ich wünsche mir, dass dieser Klassiker der feministischen Literatur eine Renaissance erlebt, lest es!

Zuletzt gelesen – März 2022

Alexander Osang: Die Leben der Elena Silber (Hörbuch)

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(c) HörbuchHamburg

Dauer: 17 h 8 min

Gelesen von: Stefan Kaminski

Es war der Zufall, der mich Mitte Februar ausgerechnet zu einem Hörbuch mit einer russischen Protagonistin führte. Auch, dass ich gerade die Geo Epoche zur Russischen Revolution gelesen hatte und Stefan Kaminski mein Lieblingshörbuchsprecher ist. Wir begleiten einerseits Elena, die im revolutionären Russland aufwächst, durch die verschiedenen Phasen des 20. Jahrhunderts in Russland und der DDR, andererseits ihren Enkel Konstantin Stein, einem eher erfolglosen Filmemacher in der Jetztzeit. Elenas Schicksal führt sie aus der Provinz über Moskau und Leningrad nach Deutschland, Konstantin hadert mit der Entscheidung seiner Mutter, seinen dementen Vater in einem Heim unterzubringen, und seiner mauen Filmkarriere. Laut seiner Mutter findet er sein Thema nicht. Ein Roman mit zwei Zeitebenen also. Elena ist eher keine Identifikationsfigur, man wird nicht wirklich mit ihr warm, ihren Lebensweg durch die ereignisreiche erste Hälfte des 20. Jahrhunderts zu verfolgen, ist aber interessant. Konstantin ist vergleichsweise sympathisch, die Schilderungen über seinen Umgang mit dem dementen Vater sind berührend, gerade für jemand, der selbst ein Elternteil an die Demenz verloren hat. Nicht ganz unterdrücken konnte ich die Frage, wie Konstantin das bitte alles finanziert, da er ja keinen Erfolg mit seinen Filmprojekten zu haben scheint. Ganz zum Schluss klärt sich schließlich auch die Frage, was mit Elenas Ehemann und Konstantins Großvater passiert ist. Empfehlenswerter historischer Roman über ein russisch-deutsches Schicksal.

Über Stefan Kaminski muss ich nicht viel sagen, er macht das wie immer brillant.

Robert Jordan: New Spring (The Wheel of Time #0)

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(c) Little, Brown Book Group

In der Prequel zu Robert Jordans „The Wheel of Time“-Reihe erfahren wir, wie es dazu kam, dass Moiraine Damodred und Lan Mandragoran 20 Jahre vor den Ereignissen von The Eye of the World begannen, nach dem Dragon Reborn zu suchen. Moiraine ist zu Beginn des Buches wie ihre Freundin Siuan Sanche noch eine von den „Accepted“, wird aber bald den Test zur vollen Aes Sedai durchlaufen. Lan, der noch nicht Moiraines Warder ist, zieht als Krieger durch die Lande. Die Geschichte konzentriert sich größtenteils auf Moiraines und Siuans Werdegang. Das liest sich alles recht interessant, es ist auch spannend über Lans Vorgeschichte zu erfahren, auch wenn das, was man über die Kultur von Malkier lernt, nicht allzu erbaulich ist (ich sage nur, Männer haben es da nicht leicht…). Das Buch ist sicher besonders für Moiraine/Siuan-Shipper interessant und bietet einige Hintergründe, ein Highlight ist es jedoch nicht.

Stefan Zweig: Ungeduld des Herzens

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(c) Null Papier Verlag

In seinem einzigen Roman lässt Stefan Zweig einen jungen Offizier auf eine gehbehinderte junge Frau treffen. Noch in Unkenntnis über ihre Behinderung fordert er sie auf einem Ball zum Tanz auf. Der unendlich peinliche Vorfall bewirkt, dass Anton Hofmiller sich der jungen Dame verpflichtet fühlt, er beginnt, die Familie regelmäßig zu besuchen und schon bald entsteht eine enge Freundschaft zwischen Anton, Edith, ihrer Cousine und ihrem Vater. Die Beziehung ist jedoch problematisch, denn vonseiten Antons wird sie ausschließlich vom Mitleid bestärkt, während Edith beginnt, echte Gefühle für den jungen Mann zu entwickeln. Das Desaster nimmt seinen Lauf. Aus heutiger Sicht ist der Ableismus der Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht leicht zu ertragen. Besonders bezeichnend der Satz „So etwas kann man doch nicht heiraten“. Der wirklich sehr leicht zu lesende Roman zeigt eindrücklich die dramatischen Konsequenzen, die eine Beziehung auf der Basis von Mitleid haben kann.

Jessica Townsend: Wundersmith – The Calling of Morrigan Crow (Nevermoor #2) (Hörbuch)

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(c) Hachette

Dauer: 11 h 50 min

Gelesen von: Gemma Whelan

Deutscher Titel: Das Geheimnis des Wunderschmieds

Im zweiten Teil der Nevermoor-Reihe ist es endlich soweit: Morrigan Crow wird Schülerin an der Wundrous Society. Doch von Beginn an werden ihre Steine in den Weg gelegt: Ein einziges Fach darf sie belegen, und dort soll sie ausschließlich lernen, wie furchtbar Wundersmiths sind und welche Desaster sie in der Vergangenheit über Nevermoor gebracht haben. Dann beginnt Morrigans „Unit“, die Mitschüler, die ihre Brüder und Schwestern werden sollen, Erpresserbriefe zu erhalten und unfassbare Dinge von seinen Mitgliedern zu verlangen, wenn Morrigans Geheimnis, dass sie ein Wundersmith ist, nicht offenbart werden soll. Und immer mehr Angehörige der Wundrous Society scheinen plötzlich zu verschwinden…

Dieser Teil der Reihe hat mir fast noch besser gefallen als der erste. Jessica Townsends Ideen und ihr World Building sind faszinierend, lustig und spannend. Lediglich einen kleinen Abzug muss ich von der 5-Sterne-Wertung machen, und zwar, weil ein Aspekt mich doch ein wenig zu sehr an etwas Ähnliches im ersten Harry Potter-Buch erinnerte, was angesichts des Schul-Settings aber auch nicht verwunderlich ist. Dieser Aspekt war für mich jedenfalls einigermaßen vorhersehbar. Auch ein anderes Element, das erst am Schluss aufgelöst wird, habe ich vorhergesehen, das macht aber der tollen Unterhaltung, die das Buch bietet, keinen Abbruch.

Wieder möchte ich ausdrücklich das Hörbuch empfehlen, denn Gemma Whelan macht ihre Aufgabe mit ihrer variantenreichen Stimme großartig.

Zuletzt gelesene Bücher – Februar 2022

Im Februar habe ich drei kürzere und zwei längere Bücher gelesen bzw. gehört. „Amerikas Gotteskrieger“ und „Der große Augenblick“ habe ich schon rezensiert, hier nun Kurzrezensionen zu den restlichen Büchern, inklusive des letzten Hörbuchs aus dem Januar.

Shirley Jackson: We Have Always Lived in the Castle (Hörbuch)

(c) Blackstone Audiobooks

Dauer: 5 h 32 min

Gelesen von: Bernadette Dunne

Deutscher Titel: Wir haben schon immer im Schloss gelebt

Merricat lebt mit ihrer Schwester Constance und ihrem alten Onkel Julian in einem abgeschiedenen Haus bei einer kleinen Stadt, deren Bewohner die Familie meiden und mit Argwohn betrachten. Denn vor Jahren ist der Rest der Familie an einer Arsenvergiftung gestorben. Die ältere Schwester Constance wurde verdächtigt, jedoch freigesprochen. Die drei leben in relativem, abgeschiedenen Frieden, bis sie von einem Besucher überrascht werden.

Von Beginn an herrscht in diesem Roman von Shirley Jackson eine merkwürdige, angespannte Stimmung. Zunächst scheint vor allem Constance ein Problemfall zu sein, da sie nicht in der Lage ist, das Grundstück zu verlassen, und Angst vor anderen Menschen hat. Merricat will sie offensichtlich beschützen. Doch langsam wird immer deutlicher, dass tatsächlich mit Merricat etwas nicht stimmt, sie hat merkwürdige Angewohnheiten, verbietet sich selbst, bestimmte Hausarbeiten auszuführen oder Zimmer zu betreten. Als der Besuch eintrifft, eskaliert die Situation.

Das war ganz nach meinem Geschmack. Ich mochte die düstere Stimmung, die langsame Annäherung an die Wahrheit, das Hervortreten der Düsternis in Merricat. Sehr gelungenes Buch, dessen Ausgang den Leser*innen Platz für eigene Spekulationen lässt.

Die Sprecherin macht ihren Job gut, schafft die passende Atmosphäre, ohne zu übertreiben.

Isabel Wilkerson: The Warmth of Other Suns – The Epic Story of America’s Great Migration

(c) Vintage Books

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels lag keine Übersetzung ins Deutsche vor.

Von den Zehner- bis zu den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts wanderten zahlreiche Afroamerikaner aus den Südstaaten der USA in deren nördliche und westliche Regionen aus. Sie flüchteten aus den Staaten, in denen Schwarze durch die Jim Crow-Gesetze unterdrückt wurden und wegen kleinster Anlässe um ihr Leben fürchten mussten. Wilkerson erzählt die Geschichte dieser Migration exemplarisch anhand des Schicksals dreier Auswanderer: Ida Mae Gladney, die mit ihrem Mann zusammen in Mississippi als Sharecropperin lebte und von dort nach Chicago ging, George Starling, einem Feldarbeiter, der in Florida in Lebensgefahr schwebte und nach New York auswanderte, weil er für die Rechte der schwarzen Arbeiter gekämpft hatte, und schließlich Robert Forster, einem Mediziner, der von Louisiana nach Kalifornien ging, um dort eine Praxis aufzubauen. Gelegentlich ergänzt Wilkerson die Geschichte dieser drei Personen mit Erfahrungen weiterer Auswanderer. Im ersten Teil beschreibt sie außerdem, welcher Unterdrückung und welchen Gefahren die Afroamerikaner im Süden der USA ausgesetzt waren. Die intensive Auseinandersetzung mit drei Einzelschicksalen funktioniert sehr gut, da sie den Leser*innen die Personen nahe bringt und mitfiebern lässt. Vor allem Ida Mae wuchs mir ans Herz. Gelegentlich hätte ich mir allerdings doch mehr allgemeinere Informationen gewünscht. Ein wertvoller und kurzweiliger Beitrag zur Black History-Geschichtsschreibung.

Jessica Townsend: The Trials of Morrigan Crow – Nevermoor 1 (Hörbuch)

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(c) Orion Children’s Books

Deutscher Titel: Fluch und Wunder (Nevermoor 1)

Dauer: 11 h

Gelesen von: Gemma Whelan

Ein Mädchen, das verflucht ist, an seinem 11. Geburtstag sterben soll, aber stattdessen in einer Stadt voller Wunder landet und sich um Aufnahme an einer besonderen Akademie (die Wundrous Society) bewerben soll? Wer denkt da nicht an Harry Potter? Auch ich habe lange gezögert, bis ich mir dieses Buch schließlich doch gekauft habe. Einen Harry Potter-Aufguss wollte ich nicht. Doch ich hörte von immer mehr Booktubern, dass die Bücher wirklich gut sein sollen. Und tatsächlich, das ist nicht Harry Potter reloaded, das ist etwas ganz Eigenes. Morrigan Crow, die Protagonistin, ist eher eine Antiheldin, da sie verflucht ist, wird sie in ihrer Gegend für so ziemlich alles verantwortlich gemacht, was schiefläuft. Auch ihre eigene Familie hat es vermieden, eine liebevolle Beziehung zu ihr aufzubauen, da sie ja eh an ihrem 11. Geburtstag sterben wird. Wäre da nicht Jupiter North, ein ziemlich cooler Typ, der sich Morrigans annimmt, ein angesehenes Mitglied der Wundrous Society, ein Forscher, Held und der Besitzer des abgefahrensten Hotels, von dem ihr je gehört habt. Jessica Townsend zieht alle Register ihrer Fantasie, Nevermoor macht richtig Spaß, ist spannend und humorvoll, wunderbare Middle-Grade-Fantasy. Ich freue mich auf den zweiten Teil.

Die Vorleserin Gemma Whelan kennen viele von euch als Yara bzw. im Deutschen Asha (?) aus Game of Thrones. Ich habe mich auch für das Hörbuch entschieden, weil sie eine begnadete Hörbuchsprecherin sein soll – und das kann ich bestätigen ;-)

George Sand: Sie sind ja eine Fee, Madame! – Märchen aus Schloss Nohant

Übersetzung aus dem Französischen von Angela von Hagen und Hans T. Siepe

Leider habe ich keine Coverabbildung für dieses Buch parat, da es nur noch antiquarisch erhältlich ist.

Die französische Schriftstellerin George Sand, die eigentlich Amantine Aurore Lucile Dupin de Francueil hieß, war eine Vorreiterin des Feminismus im Frankreich des 19. Jahrhunderts. Sie wurde durch ihre Romane und politischen Schriften bekannt. Sie rebellierte gegen die Regeln ihres Standes und hatte mehrere Affären, unter anderem mit dem Komponisten Frédéric Chopin. Sie hatte aber auch Kinder und Enkelkinder, für die sie die Märchen im vorliegenden Band erschuf. George Sand entführt uns darin in eine verwunschene, wildromantische Märchenwelt der Feen. Vor allem die Atmosphäre der ersten Geschichte, „Die Königin Quax“, aber auch der Geschichte um das Schloss Pictordu, bieten Eskapismus vom Feinsten. Die Geschichte „Die rote Streitaxt“ hat mir ebenfalls besonders gut gefallen, da es sich hier um die Geschichte eines von Menschen über viele Jahrhunderte genutzten Gegenstandes geht. Sie brachte mich allerdings auch zum Schmunzeln, die Kenntnisse über Vorgeschichte waren im 19. Jahrhundert natürlich noch nicht besonders gut und die Vorstellung, dass die Kelten in der Steinzeit lebten, fand ich schon erheiternd. Es gefällt mir sehr, wie George Sand am Ende dieses Märchens feststellt, dass es sich bei der Feenkönigin letzten Endes um die Natur handelt.

Lediglich das letzte der Märchen, „Die göttliche Blume“ fällt ein wenig aus dem Rahmen, da es in Indien spielt und sich um einen heiligen weißen Elefanten dreht. Andererseits ist dieses Märchen bemerkenswert, da Sand hier eindeutig buddhistische Motive aufgreift (gilt auch für das Märchen „Der Hund“).

George Sand war sicher eine wunderbare Großmutter und es ist schade, dass ihre fantastischen Geschichten heute nicht mehr aufgelegt werden.

Klassiker: Daniel Defoe: Moll Flanders

(c) Naxos Audio Books

Sprecherin: Georgina Sutton

Dauer: 12 h 24 min

In „Moll Flanders“ begleiten wir das Waisenkind, das sich später so nennen wird, von seiner Geburt bis ins hohe Alter. Schon als Kind strebt sie einen ordentlichen Lebensstandard an und ist bereit, hart dafür zu arbeiten – solange sie nicht ein Dienstmädchen werden muss. Eine reiche Familie nimmt sich ihrer an, doch der älteste Sohn hat ein Auge auf die junge Schönheit geworfen – und Molls schwieriges Schicksal nimmt seinen Lauf.

Daniel Defoes Urheberschaft an dem im Stile einer Autobiografie verfassten Romans ist nicht ganz unumstritten, er wird jedoch weitläufig als dessen Autor behandelt. Defoe gilt ja als einer der Begründer des Romangenres und trotz einiger Längen war ich überrascht, wie modern das Buch sich liest oder vielmehr hört. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es auf das Audioformat zurückzuführen ist, aber ich hatte wirklich keinerlei Schwierigkeiten mit der Form oder altertümlicher Sprache.

Ebenso modern mutet das Thema des Romans an, es scheint regelrecht protofeministisch, schildert er doch eindrucksvoll, wie schwer Frauen der unteren Schichten es hatten, in der Gesellschaft des 17. Jahrhunderts ihren eigenen Lebensunterhalt sicherzustellen. Nicht einmal eine klassische Versorgerehe brachte wirkliche Sicherheit – blieb nach einem frühzeitigen Tod des Mannes nicht genug Geld übrig, konnten eine Frau und ihre Kinder ganz schnell in eine Notlage geraten. So ergeht es auch Moll Flanders – mehrfach. Ihr Verhalten, ihre Entscheidungen und Lebensweise scheinen in höchstem Maße amoralisch, sind jedoch in jedem einzelnen Fall auf Notlagen zurückzuführen, in die sie größtenteils unverschuldet durch unglückliche Umstände und schieres Pech geraten ist. So durchlebt Moll mehrere Ehen, gebärt zahlreiche Kinder, die größtenteils nicht lange bei ihr leben können, wird schließlich sogar zur Meisterdiebin – man ahnt, dass sie früher oder später auch im Gefängnis landen wird – doch manchmal meint es das Schicksal auch gut mit ihr.

Ein wichtiges Thema des Romans ist ferner die Religion, die aufrichtige Reue und Vergebung, die die gealterte Moll gegen Ende ihres Lebens anstrebt.

Ein wirklich gut lesbarer und spannender früher Roman, der soziale Missstände aufdeckt und Verständnis für „gefallene Frauen“ aufbringt.

Das Hörbuch ist sehr zu empfehlen, Georgina Sutton ist für meine Ohren die perfekte Stimme für Moll, das Hörbuch ist so gut gelesen, dass ich mir vorgenommen habe, Klassiker vermehrt im Hörbuchformat zu konsumieren.

Kurzrezension: Arthur Conan Doyle: Heute dreimal ins Polarmeer gefallen – Tagebuch einer arktischen Reise

 

(c) btb

Herausgeber: Jon Lellenberg und Daniel Stashower

Übersetzung aus dem Englischen: Alexander Pechmann

Wir kennen Sir Arthur Conan Doyle vorrangig für seine Kriminalgeschichten um den genialen Ermittler Sherlock Holmes. Auch hat sich herumgesprochen, dass der Schriftsteller und Mediziner einen Hang zum Spiritismus hatte. Weniger bekannt ist, dass sich Conan Doyle als junger Medizinstudent als Schiffsarzt auf einem Walfänger betätigte.

Unser Glück ist, dass er dort Tagebuch führte und uns seine Eindrücke von seiner Reise in die Polarregion hinterlassen hat. Der vorliegende Band enthält neben Conan Doyles Aufzeichnungen eine Einleitung der Herausgeber, zahlreiche Abbildungen des Originaltagebuchs inklusive Conan Doyles Zeichnungen sowie einen ausführlichen Anhang mit Essays über dessen Reise ins Nordpolarmeer, den Walfang und die Tierwelt der Arktis.

Eins dürfte klar sein: Für Tierliebhaber ist das Buch mitunter keine unproblematische Lektüre. Zwar äußert Conan Doyle Schuldgefühle und Mitleid für die erlegten Wale und Robben, aber er hält sich nicht bei der Beschreibung der Jagd zurück und lässt auch erkennen, dass er doch mit Begeisterung bei der Arbeit war. Denn seine Arbeit beschränkte sich keineswegs auf die des Schiffarztes.

Dennoch ist das Tagebuch ein interessantes und wichtiges Zeitdokument, das durch das schriftstellerische Talent des Autors abgesehen von dem oben genannten Aspekt vergnüglich zu lesen ist. Vor allem Conan Doyles Humor ist hervorzuheben: Mich hatte das Buch bereits durch seinen Titel als Leserin gewonnen: Mit welcher Unbekümmertheit er berichtet, er sei heute dreimal ins Polarmeer gefallen! Seine Kameraden gaben ihm daraufhin auch den Spitznamen „großer Eistaucher“. Überhaupt fügte sich der Autor problemlos in die Mannschaft ein und erzählt allerlei Anekdoten von seinen Kameraden.

Zusammen mit dem Zusatzmaterial – vor allem den Abbildungen der Originalseiten des Tagebuchs – stellt das Buch eine absolut lohnende Lektüre dar, solange man nicht über die Abschlachterei vor allem der Robben nachdenkt.

Kurzrezension: Ray Bradbury: Dandelion Wine

(c) Harper Collins

Deutscher Titel: Löwenzahnwein

Ray Bradbury ist hierzulande vor allem bekannt für seine Science-Fiction, insbesondere Fahrenheit 451. Doch im Rahmen seiner Green Town-Trilogie hat Bradbury auch Bildungsromane geschrieben, die stark an seine Kindheit in Waukegan, Illinois, angelehnt sind. In „Löwenzahnwein“ erzählt Bradbury episodenhaft, wie Douglas, ein 12-jähriger Junge, den Sommer in seiner Heimatstadt erlebt. Dabei lernen wir zahlreiche Charaktere und Originale kennen, die die kleine Stadt prägen. Eine Motive ziehen sich über mehrere der kurzgeschichtenartigen Episoden hinweg, etwa die „Glücksmaschine“, die einer der Bewohner zu bauen versucht, die lebendige Zeitmaschine in Form eines betagten Bewohners, der vieles aus der Geschichte zu schildern vermag oder auch der gruselige Aspekt des Buches, der Mörder, The Lonely One, der Ausflüge in die „Ravine“, eine kleine Schlucht nahe der Stadt gefährlich und abenteuerlich zugleich macht.

Der Roman ist durchzogen von Nostalgie, Atmosphäre und Originalität, mit wenigen leicht fantastischen Elementen und einer Prise Dunkelheit, die die Erlebnisse der Kinder ein wenig schaurig machen. Das hat uns in der Lesegruppe an „Stand By Me“ von Stephen King erinnert, vielleicht war das Buch ja ein Einfluss für den Horrorautor.

„Dandelion Wine“ ist eine ganz wunderbare Sommerlektüre, zugleich leicht und doch mit Tiefgang, die ich sehr gerne weiterempfehle.
Ray Bradbury hat mich als Autor überzeugt und ich möchte sowohl die beiden anderen Green Town-Romane als auch seine Science-Fiction bzw. Dystopien lesen.