Leseupdate KW 38

Für das erste Buch, das ich seit dem letzten Update beendet habe, habe ich leider keine Coverabbildung, da es nur noch antiquarisch erhältlich ist. Es handelt sich um Die Frau im Mittelalter von Erika Uitz. Zunächst muss ich dazu feststellen, dass ich den Titel für etwas irreführend halte. Genauer wäre „Die Frau in der spätmittelalterlichen Stadt“, denn es geht tatsächlich vorwiegend darum, welche Tätigkeiten, Berufe und gesellschaftlichen Stellungen in mittelalterlichen Städten ausüben bzw. innehaben konnten. Das Buch ist mit einer ordentlichen Anzahl von Quellen und Bildquellen versehen, insbesondere letztere stammen aber eben überwiegend aus dem späten Mittelalter, manche sogar aus dem 16. Jahrhundert, das meiner Kenntnis nach schon der frühen Neuzeit und nicht mehr dem Mittelalter zuzurechnen ist.

Es ist interessant, zu lesen, in welch großem Spektrum an Berufen Frauen tatsächlich wirkten und somit ist das Buch auch sehr informativ. Meiner Meinung nach kommen allerdings die Frauen, die eben nicht die Möglichkeit oder die Fähigkeiten hatten, eine solche Stellung zu erlangen, ein wenig zu kurz. Und ich hätte gerne auch etwas über die Landbevölkerung erfahren.

Das Buch ist recht anspruchsvoll und dicht geschrieben, also nicht unbedingt eine leichte Lektüre, aber auch nicht anstrengend zu lesen. Ich habe drei Sterne vergeben.

Als Nächstes las ich eine Ausgabe von Geo und griff dann zur Geo Epoche Nr. 91: Der Kalte Krieg.

Coverabbildung
(c) Gruner & Jahr

Ich muss gestehen: Der Kalte Krieg ist jetzt nicht so mein Thema. Obwohl oder vielleicht gerade, weil ich ihn noch in Teilen miterlebt habe. Zudem frustriert die Lektüre etwas, wenn man bedenkt, dass der Kalte Krieg leider nun wieder aufgeflammt ist und seine Fortsetzung erlebt. Dennoch habe ich das Heft mit Interesse gelesen. Wie bei allen Themen, die nicht weit zurückliegen und daher mit unzähligen Fakten und Informationen daherkommen, ist dieses Heft besonders dicht, ich habe lange dafür gebraucht. Besonders eindrücklich waren für mich die Themen, in denen klar wurde, wie oft und wie knapp die Menschheit im Verlauf des Kalten Kriegs an einer atomaren Katastrophe vorbeigeschlittert ist. Etwa 1983, als ein sowjetischer Computer fälschlicherweise den Anflug von fünf US-Raketen anzeigte, der zuständige Oberst aber Ruhe bewahrte, die Situation richtig beurteilte (da bei einem echten Angriff sicher mehr als fünf Raketen abgefeuert würden) und einen Fehlalarm meldete. Dieser Vorfall ist bis heute eher unbekannt. Ein wenig schmerzlich war außerdem der Artikel über Michail Gorbatschow. Wenn man heute bedenkt, was er bewirkt hat, nämlich das Ende all dessen, und dann darüber nachdenkt, wie Putin das nun zunichtemacht. (Das Magazin macht aber durchaus auch deutlich, dass Gorbatschow mit seinen wirtschaftlichen Reformen gescheitert ist.) Eine wirklich gelungene Ausgabe des Geschichtsmagazins.

Mein beendetes Hörbuch im August war The Lord God Made Them All von James Herriot.

Coverabbildung
(c) Pan Macmillan Audio

Dauer: 12 h, 2 min

Sprecher: Nicholas Ralph

Zu diesem Hörbuch habe ich eigentlich in meinem letzten Update schon alles gesagt. Ich kann aber noch ergänzen, dass ich inzwischen auf Nicholas Ralphs Instagram-Kanal erfahren habe, dass er wieder im Studio ist und offenbar ein weiteres Hörbuch einliest :-)

Als nächstes Hörbuch habe ich mir Das zweite Gesicht von Kai Meyer heruntergeladen.

Coverabbildung
(c) Audible Originals

Dauer: 15 h 6 min

Sprecherin: Luise Helm

Das fing nicht gut an mit uns beiden. Es war sehr schnell absehbar, dass die Protagonistin eine Entscheidung treffen würde, die ich blöd finde, und hatte befürchtet, dass das Buch damit in eine Richtung geht, mit der ich wenig anfangen kann. Ich war kurz davor, es abzubrechen. Tatsächlich traf „Chiara Mondschein“ (ich weiß, den Namen „Mondschein“ gibt es, aber trotzdem…) diese Entscheidung, ich konnte mit dem sich abzeichnenden Plot dann aber mehr anfangen als gedacht und bin dabei geblieben. Es geht grob gesagt um eine junge Frau in den 20ern, die in die Fußstapfen ihrer durch Suizid gestorbenen Schauspieler-Schwester tritt, der sie sehr ähnlich sieht. Außerdem um Spiritismus und etwaige dunkle Machenschaften eines Filmschaffenden. Ein Mystery-Thriller also. Ich habe schon in einem anderen Post angedeutet, dass ich mich nach langer Gruselabstinenz ein bisschen schwertue mit Hokuspokus, allerdings dominiert dieser das Buch auch nicht und gerade hat der Thriller-Aspekt die Oberhand (ich bin über die Hälfte hinaus). Ich bin jetzt also tatsächlich gespannt, was dabei herauskommt.

Angefangen habe ich mit den beiden Büchern, die ich aus der Saarbrücker Stadtbibliothek ausgeliehen habe. Dabei handelt es sich einmal um Lost & Dark Places: Saarland – 33 vergessene, verlassene und unheimliche Orte von Holger Mathias Peifer.

Coverabbildung
(c) Bruckmann Verlag

„Lost & Dark Places“ ist eine ganze Buchreihe des Verlags, die sich mit verschiedenen Regionen Deutschlands befasst. Das Buch über das Saarland macht erst mal stutzig, da sich einige der beschriebenen Orte überhaupt nicht im Saarland befinden, einer liegt sogar bei Bad Kreuznach. Aber gut, nehmen wir das Buch einfach als Ratgeber für Ausflugstipps, sind das sicher Ziele, die man vom Saarland aus gut im Rahmen einer Tagestour besuchen kann.

Zunächst einmal gefällt mir, dass dem Text Verhaltensregeln für Lost Places vorangestellt sind. Trotz der übertriebenen Bemühungen des Autors, mittels abenteuerlicher Bezüge (sinngemäß z. B. könne Spielbergs Poltergeist auch in Saarbrücken spielen, weil da ja auch ein alter Friedhof heute anderweitig genutzt wird. Okayyyyy…) eine gewisse gruselige Atmosphäre zu schaffen, hat mir das erste Kapitel gleich gut gefallen. Der alte Friedhof in Alt-Saarbrücken plus jüdischer Friedhof und Deutschherrnkapelle, das ist sicher ein interessantes Ziel, werde ich mir anschauen. Zumal ich von der Deutschherrnkapelle gar nicht wusste, dass sie aus dem 13. Jahrhundert stammt und somit das älteste Bauwerk Saarbrückens ist. Auch das Kapitel über den in meiner Ecke allseits bekannten „Stiefel“ (eine Felsformation) und seine Umgebung fand ich gut, auch das notiere ich mir als Ziel. An einer Stelle brachte mich ein Sprung von den Neandertalern (Faustkeil von Ludweiler) zu den Kelten zum Husten. Da lag doch ein klitzekleiner Zeitraum dazwischen… Die weiteren Kapitel haben mich bisher nicht ganz so interessiert, ich bin inzwischen aber auch im Teil über neuere Bauten angelangt und wie ihr wisst, ich mag es alt ;-) Ich bin kurz vor der Hälfte, lese jeden Abend drei Kapitel.

Meine aktuelle Hauptlektüre ist Die vollständige Maus von Art Spiegelman.

Coverabbildung
(c) Fischer Taschenbücher

Ich glaube, über das Buch muss ich euch dank seines hohen Bekanntheitsgrades nicht viel erzählen. Art Spiegelman schildert in zwei Teilen das Überleben seiner Eltern als polnische Juden im Zweiten Weltkrieg. Dabei sind Juden als Mäuse, Nazis als Katzen, Polen als Schweine (nicht despektierlich) dargestellt.

Zunächst dachte ich, als ich den Kommentar von Christine Brink und Josef Joffe las, die das Buch übersetzt haben, dass ich es doch besser auf Englisch gelesen hätte. Tatsächlich haben die beiden das aber so gut gemacht (jiddisch gefärbtes Englisch wurde in jiddisch gefärbtes Deutsch übersetzt), dass ich sogar froh bin, zu der Übersetzung gegriffen zu haben, könnte mir vorstellen, dass das Jiddisch im Deutschen stärker nachwirkt als im Englischen.

Ich bin bereits im zweiten Teil, der bisher in Auschwitz spielt, und wirklich begeistert. Was für eine eindringliche Darstellung der Grauen des Holocaust, aufbereitet in einer so persönlichen und besonders zugänglichen Form. Auch wenn man wenig Affinität zu Comics hat, sollte man sich diesen unbedingt anschauen.

Soweit mein aktuelles Leseupdate. Ich erwarte, dass ich noch heute (Freitag) mit „Maus“ fertigwerde, und werde mir dann erst mal eine weitere Ausgabe von Geo vornehmen (muss endlich mal ein wenig aufholen mit der Lektüre).

Ich wünsche euch allen ein schönes Wochenende!

Zuletzt gelesene Bücher – Februar 2022

Im Februar habe ich drei kürzere und zwei längere Bücher gelesen bzw. gehört. „Amerikas Gotteskrieger“ und „Der große Augenblick“ habe ich schon rezensiert, hier nun Kurzrezensionen zu den restlichen Büchern, inklusive des letzten Hörbuchs aus dem Januar.

Shirley Jackson: We Have Always Lived in the Castle (Hörbuch)

(c) Blackstone Audiobooks

Dauer: 5 h 32 min

Gelesen von: Bernadette Dunne

Deutscher Titel: Wir haben schon immer im Schloss gelebt

Merricat lebt mit ihrer Schwester Constance und ihrem alten Onkel Julian in einem abgeschiedenen Haus bei einer kleinen Stadt, deren Bewohner die Familie meiden und mit Argwohn betrachten. Denn vor Jahren ist der Rest der Familie an einer Arsenvergiftung gestorben. Die ältere Schwester Constance wurde verdächtigt, jedoch freigesprochen. Die drei leben in relativem, abgeschiedenen Frieden, bis sie von einem Besucher überrascht werden.

Von Beginn an herrscht in diesem Roman von Shirley Jackson eine merkwürdige, angespannte Stimmung. Zunächst scheint vor allem Constance ein Problemfall zu sein, da sie nicht in der Lage ist, das Grundstück zu verlassen, und Angst vor anderen Menschen hat. Merricat will sie offensichtlich beschützen. Doch langsam wird immer deutlicher, dass tatsächlich mit Merricat etwas nicht stimmt, sie hat merkwürdige Angewohnheiten, verbietet sich selbst, bestimmte Hausarbeiten auszuführen oder Zimmer zu betreten. Als der Besuch eintrifft, eskaliert die Situation.

Das war ganz nach meinem Geschmack. Ich mochte die düstere Stimmung, die langsame Annäherung an die Wahrheit, das Hervortreten der Düsternis in Merricat. Sehr gelungenes Buch, dessen Ausgang den Leser*innen Platz für eigene Spekulationen lässt.

Die Sprecherin macht ihren Job gut, schafft die passende Atmosphäre, ohne zu übertreiben.

Isabel Wilkerson: The Warmth of Other Suns – The Epic Story of America’s Great Migration

(c) Vintage Books

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels lag keine Übersetzung ins Deutsche vor.

Von den Zehner- bis zu den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts wanderten zahlreiche Afroamerikaner aus den Südstaaten der USA in deren nördliche und westliche Regionen aus. Sie flüchteten aus den Staaten, in denen Schwarze durch die Jim Crow-Gesetze unterdrückt wurden und wegen kleinster Anlässe um ihr Leben fürchten mussten. Wilkerson erzählt die Geschichte dieser Migration exemplarisch anhand des Schicksals dreier Auswanderer: Ida Mae Gladney, die mit ihrem Mann zusammen in Mississippi als Sharecropperin lebte und von dort nach Chicago ging, George Starling, einem Feldarbeiter, der in Florida in Lebensgefahr schwebte und nach New York auswanderte, weil er für die Rechte der schwarzen Arbeiter gekämpft hatte, und schließlich Robert Forster, einem Mediziner, der von Louisiana nach Kalifornien ging, um dort eine Praxis aufzubauen. Gelegentlich ergänzt Wilkerson die Geschichte dieser drei Personen mit Erfahrungen weiterer Auswanderer. Im ersten Teil beschreibt sie außerdem, welcher Unterdrückung und welchen Gefahren die Afroamerikaner im Süden der USA ausgesetzt waren. Die intensive Auseinandersetzung mit drei Einzelschicksalen funktioniert sehr gut, da sie den Leser*innen die Personen nahe bringt und mitfiebern lässt. Vor allem Ida Mae wuchs mir ans Herz. Gelegentlich hätte ich mir allerdings doch mehr allgemeinere Informationen gewünscht. Ein wertvoller und kurzweiliger Beitrag zur Black History-Geschichtsschreibung.

Jessica Townsend: The Trials of Morrigan Crow – Nevermoor 1 (Hörbuch)

Coverabbildung
(c) Orion Children’s Books

Deutscher Titel: Fluch und Wunder (Nevermoor 1)

Dauer: 11 h

Gelesen von: Gemma Whelan

Ein Mädchen, das verflucht ist, an seinem 11. Geburtstag sterben soll, aber stattdessen in einer Stadt voller Wunder landet und sich um Aufnahme an einer besonderen Akademie (die Wundrous Society) bewerben soll? Wer denkt da nicht an Harry Potter? Auch ich habe lange gezögert, bis ich mir dieses Buch schließlich doch gekauft habe. Einen Harry Potter-Aufguss wollte ich nicht. Doch ich hörte von immer mehr Booktubern, dass die Bücher wirklich gut sein sollen. Und tatsächlich, das ist nicht Harry Potter reloaded, das ist etwas ganz Eigenes. Morrigan Crow, die Protagonistin, ist eher eine Antiheldin, da sie verflucht ist, wird sie in ihrer Gegend für so ziemlich alles verantwortlich gemacht, was schiefläuft. Auch ihre eigene Familie hat es vermieden, eine liebevolle Beziehung zu ihr aufzubauen, da sie ja eh an ihrem 11. Geburtstag sterben wird. Wäre da nicht Jupiter North, ein ziemlich cooler Typ, der sich Morrigans annimmt, ein angesehenes Mitglied der Wundrous Society, ein Forscher, Held und der Besitzer des abgefahrensten Hotels, von dem ihr je gehört habt. Jessica Townsend zieht alle Register ihrer Fantasie, Nevermoor macht richtig Spaß, ist spannend und humorvoll, wunderbare Middle-Grade-Fantasy. Ich freue mich auf den zweiten Teil.

Die Vorleserin Gemma Whelan kennen viele von euch als Yara bzw. im Deutschen Asha (?) aus Game of Thrones. Ich habe mich auch für das Hörbuch entschieden, weil sie eine begnadete Hörbuchsprecherin sein soll – und das kann ich bestätigen ;-)

George Sand: Sie sind ja eine Fee, Madame! – Märchen aus Schloss Nohant

Übersetzung aus dem Französischen von Angela von Hagen und Hans T. Siepe

Leider habe ich keine Coverabbildung für dieses Buch parat, da es nur noch antiquarisch erhältlich ist.

Die französische Schriftstellerin George Sand, die eigentlich Amantine Aurore Lucile Dupin de Francueil hieß, war eine Vorreiterin des Feminismus im Frankreich des 19. Jahrhunderts. Sie wurde durch ihre Romane und politischen Schriften bekannt. Sie rebellierte gegen die Regeln ihres Standes und hatte mehrere Affären, unter anderem mit dem Komponisten Frédéric Chopin. Sie hatte aber auch Kinder und Enkelkinder, für die sie die Märchen im vorliegenden Band erschuf. George Sand entführt uns darin in eine verwunschene, wildromantische Märchenwelt der Feen. Vor allem die Atmosphäre der ersten Geschichte, „Die Königin Quax“, aber auch der Geschichte um das Schloss Pictordu, bieten Eskapismus vom Feinsten. Die Geschichte „Die rote Streitaxt“ hat mir ebenfalls besonders gut gefallen, da es sich hier um die Geschichte eines von Menschen über viele Jahrhunderte genutzten Gegenstandes geht. Sie brachte mich allerdings auch zum Schmunzeln, die Kenntnisse über Vorgeschichte waren im 19. Jahrhundert natürlich noch nicht besonders gut und die Vorstellung, dass die Kelten in der Steinzeit lebten, fand ich schon erheiternd. Es gefällt mir sehr, wie George Sand am Ende dieses Märchens feststellt, dass es sich bei der Feenkönigin letzten Endes um die Natur handelt.

Lediglich das letzte der Märchen, „Die göttliche Blume“ fällt ein wenig aus dem Rahmen, da es in Indien spielt und sich um einen heiligen weißen Elefanten dreht. Andererseits ist dieses Märchen bemerkenswert, da Sand hier eindeutig buddhistische Motive aufgreift (gilt auch für das Märchen „Der Hund“).

George Sand war sicher eine wunderbare Großmutter und es ist schade, dass ihre fantastischen Geschichten heute nicht mehr aufgelegt werden.

Kurzrezension: John Boyne: Haus der Geister

(Piper)

Übersetzung aus dem Englischen: Sonja Finck

England im 19. Jahrhundert: Die junge Lehrerin Eliza Caine lebt mit ihrem Vater in London. Als letzterer verstirbt, beschließt Eliza, einen Neustart zu wagen, und nimmt eine in der Zeitung annoncierte Stelle als Gouvernante auf dem Land an. Bei ihrer Ankunft am Bahnhof hat sie einen Beinahe-Unfall, denkt sich aber nichts dabei. Merkwürdig findet sie jedoch das Gebaren des Kutschers, der sie abholt, und die Tatsache, dass ihre zukünftigen Schützlinge bis auf die Gouvernante das Herrenhaus völlig allein zu bewohnen scheinen. Und schon in ihrer ersten Nacht in dem Anwesen passieren erschreckende Dinge…

John Boyne hat es sich mit seinem Geisterroman etwas zu leicht gemacht. Er wählt ein klassisches, viktorianisches Setting mit vielen Gothic-Elementen, was zunächst einmal vielversprechend scheint. Der Geist des Hauses tritt jedoch von Anfang an mit der Keule auf, da gibt es wenig Subtilität für feinen Grusel. Es ist so offensichtlich, dass hier ein Geist wirkt und bald auch, wer dahinter steckt, dass jedes Gruselpotenzial verpufft, jedenfalls ich habe das so empfunden. Wenn man Grusel erzeugen will, muss man langsam arbeiten, mit kurzen Schockmomenten, doch Boyne trägt deutlich zu dick auf. Das Ganze liest sich gut und ist durchaus in gewissem Maße unterhaltsam, aber wer sich gruseln möchte, sollte lieber zu einem anderen Buch greifen.

Mehr habe ich zu dem Buch nicht zu sagen, ich bin sicher, dass Boyne mehr kann, und hoffe, dass sich das in anderen Werken von ihm auch zeigt.

Hörbuch: Josh Malerman: Bird Box

(c) HarperCollins

Deutscher Titel: Der Fluss – Deine letzte Hoffnung

Sprecherin: Cassandra Campbell

Dauer: 9 h 8 min

USA zur Jetztzeit. Seit vier Jahren hat Malorie das Grundstück, auf dem sie mit ihren beiden kleinen Kindern lebt, nicht mehr verlassen. Alle Fenster sind verhängt, sie und die Kinder müssen bei den seltenen Aufenthalten im Freien Augenbinden tragen. Die Kinder haben ein geschultes Gehör, wie man es von Sehbehinderten kennt. Warum? Vor vier Jahren gab es erste Fälle von plötzlich auftretendem Wahnsinn bei beliebigen Personen, der immer innerhalb kürzester Zeit mit dem Selbstmord der Menschen endete. Bald stellte sich heraus, dass der Wahnsinn von etwas ausgelöst wurde, das die Personen gesehen haben. Innerhalb weniger Wochen bricht die gesamte Gesellschaft zusammen. Nur vereinzelt überleben Menschen allein oder in kleinen Gruppen. Auch Malorie hat einmal einer solchen Gruppe angehört. In Rückblenden erinnert sie sich an die Geschehnisse der letzten vier Jahre, während sie einen Fluchtversuch mithilfe eines Bootes auf dem Fluss vorbereitet, der hinter dem Grundstück verläuft.

Von einigen Booktubern hatte ich erfahren, dass dieses Buch absolut furchteinflößend und gruselig sei. Außerdem sollte die Hörbuchversion gut sein. Das kam mir gelegen, denn Hörbücher bieten eine gute Möglichkeit, neuere Bücher zu konsumieren, ohne den SuB zu belasten. Die Prämisse des Buchs ist wirklich originell, es handelt sich um eine ganz andere Art von Grusel, die ich sehr interessant und erfrischend fand. Es ist ein subtiler Grusel, jedoch nicht im traditionellen Sinne, es geht nicht direkt um etwas Übersinnliches. Wir erfahren, dass der Wahnsinn von Kreaturen ausgelöst wird, doch da jeder, der diese sieht, augenblicklich durchdreht und sich umbringt, haben wir nicht die geringste Vorstellung von ihnen. Und genau das macht den Horror aus, den das Buch bietet. Abwechselnd schildert der Autor das Voranschreiten von Malories Fluchtversuch (wir wissen zunächst nicht, was sie vorhat und was ihr Ziel ist) und die Ereignisse seit dem erstmaligen Auftreten des Phänomens. Dieser ständige Wechsel erzeugt zusätzliche Spannung, außerdem ist das Buch im Präsens geschrieben, was ich prinzipiell nicht unbedingt bevorzuge, bei einem Spannungsroman jedoch durchaus sinnvoll ist.

Das Buch ist also gut geschrieben, spannend und wirklich gruselig, lediglich mit der Glaubwürdigkeit hapert es ein bisschen. Kaum vorstellbar scheint es, dass Menschen eine solche Situation wirklich durchhalten, die Augenbinde immer Schlimmeres verhindert und vor allem, dass Menschen, die sich bisher ganz auf ihren Augensinn verlassen haben, eine Orientierung ohne diesen möglich sein soll. Klug ist hierbei die Hinzunahme der Kinder, die Monate nach dem Beginn der Katastrophe geboren wurden und deren Hörvermögen von ihrer Mutter trainiert wurde.

Ein solides und originelles Werk der Spannungsliteratur mit kleinen Schwächen, aber absolut lesenswert.