Hörbuch: Charles Dickens: The Pickwick Papers

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(c) SNR Audio

Dauer: 36 h 7 min

Gesprochen von: Matt Addis

Deutscher Titel: Die Pickwickier

In Charles Dickens‘ Romandebüt geht es um die Mitglieder eines von Samuel Pickwick gegründeten Herrenclubs, die von London aus Reisen in die Umgebung unternehmen und ihre Beobachtungen festhalten. Der Plot ist schnell beschrieben, „a bunch of people going to each other’s houses“ und so. Die Unternehmungen der Pickwickier sind durchsetzt mit Anekdoten und von Charakteren erzählten Geschichten, die eine schöne Bandbreite abdecken und unter anderem eine Art „Proto-Scrooge“ hervorbringen. Natürlich werden auch die Herzen verschiedener Pickwickier und sonstiger Charaktere gewissen Herausforderungen gegenübergestellt. The Pickwick Papers ist eine Gesellschaftssatire und von Anfang an auch so zu lesen. Ich war zunächst ein wenig empört über die Darstellung der weiblichen Charaktere, die reihenweise in Ohnmacht fallen. Doch im Laufe der Geschichte bin ich zu dem Schluss gekommen, dass auch dies eine satirische Darstellung ist. Dickens war sicher alles andere als modern und aufgeschlossen bei der Darstellung von weiblichen Charakteren und auch hier finden sich die engelgleichen Damen,  die seinem offensichtlichen Idealbild einer Frau entsprachen, doch völlig überzogene Darstellungen sind ja typisch für Dickens‘ Humor und so werden die Ohnmachten hier offenbar auch eingesetzt. Auch in Dickens‘ erstem Roman findet sich eine Portion Sozialkritik, insbesondere bei der Darstellung des Schuldnergefängnisses „the Fleet“. Was mir bei der „Lektüre“ besonders auffiel, war, wie unfassbar treffend eine Satire aus dem 19. Jahrhundert heute immer noch auf unsere Gesellschaft angewandt werden kann. Herrlich etwa die Schilderungen einer Kleinstadt, in der ein todernster Kleinkrieg zwischen zwei Parteien herrscht, die sich lediglich dadurch unterscheiden, dass die eine Partei sich der Farbe Blau, die andere der Farbe Beige (buff) verschrieben hat. Großartig außerdem die Theorie von Sam Weller, Pickwicks Diener, über den Zusammenhang zwischen der scheinbaren Unsterblichkeit von „post boys“ und Eseln. Genau so entstehen Verschwörungstheorien!

Der Roman enthält zahlreiche weitere Humorelemente. Sam Weller und sein Vater vertauschen beispielsweise die Aussprache von v und w im Englischen, was Matt Addis sehr schön umsetzt und mich immer wieder zum Lachen brachte. Eine kurze Recherche ergab, dass Dickens dies vor allem bei East End-Cockney-Bewohnern Londons einsetzte. Das Hörbuch ist absolut empfehlenswert, die Hörer*innen sollten jedoch eine gewisse Erfahrung mit englischen Dialekten haben, ich hatte stellenweise schon Probleme, den Dialekt gewisser Figuren zu verstehen. Nichtsdestotrotz mach Addis das großartig.

Ich hatte sehr viel Spaß mit Dickens‘ Erstling, habe jedoch länger gebraucht, um mich in das Buch einzufinden, als etwa bei „Nicholas Nickleby“ und ich würde auch den Unterhaltungswert und den Humor nicht ganz so hoch bewerten wie bei letzterem Roman.

Hörbuch: Émile Zola: Das Glück der Familie Rougon (Les Rougon-Macquart 1)

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(c) die Gehörgäng

Sprecher: Thomas Schendel

Dauer: 14 h 30 min

Übersetzung aus dem Französischen: wird nachgeliefert, wenn ich den Namen finde…

Der erste Teil der Rougon-Macquart-Klassiker Reihe von Émile Zola schildert die Ereignisse rund um den französischen Staatsstreich von 1851, der im zweiten französischen Kaiserreich mündete, anhand der fiktiven provenzalischen Stadt Plassans, die, wie ich inzwischen von Wikipedia gelernt habe, auf der Stadt der Kindheit Zolas, Aix-en-Provence, sowie der Stadt Lorgues beruht, wo sich der im Buch geschilderte Aufstand in ähnlicher Form tatsächlich ereignet hat. Protagonisten sind die verschiedenen Mitglieder der beiden Familien Rougon und Macquart, die alle von der „gefallenen“ Kleinadeligen Adelaide Fouquet, später „Tante Dide“ genannt, abstammen. Während das Leben der meisten Nachkommen von Armut und Alkoholsucht geprägt ist, hat es Pierre geschafft, sich durch Betrug an seinen Geschwistern einen (sehr) bescheidenen Wohlstand zu ergaunern, was aber weder seinen Ambitionen noch denen seiner ehrgeizigen Ehefrau Felicité gerecht wird. Zwei weitere Protagonisten sind der junge, idealistische Enkel von Tante Dide, Silvère, und seine blutjunge Freundin Miette. Die Handlungsstränge vereinen sich in der Kumulation der Aufstandsbewegung, die für einige Charaktere tödlich endet, für andere im sozialen Aufstieg.

Émile Zolas Geschichte ist ein wenig mit Pathos überfrachtet, aber bildsprachlich sehr schön geschrieben. Die vorliegende Übersetzung, deren Urheber ich gerade ums Verrecken nicht ermitteln kann, obwohl ich der Meinung bin, den Namen irgendwo gelesen zu haben, ist ein wenig altertümlich gehalten, insbesondere liebt er die Verwendung des Wortes „allein“ im Sinne von „jedoch“ (wäre interessant, zu wissen, ob Zola ebenfalls eine Vorliebe für ein entsprechendes Wort hatte) und des veralteten literarischen „Dativ-e“ am Ende von Substantiven, was zu Sätzen führt wie „Daher habe ich eine Kugel an meinem Ohre vorüberpfeifen hören“, was mich aber nicht weiter gestört, sondern im Gegenteil eher amüsiert hat.

Die Lektüre lohnt sich meiner Meinung nach trotz einiger Längen insbesondere bei Interesse an den historischen Vorgängen, von denen ich, wie ich gestehen muss, nicht sehr viel wusste, da Frankreich bisher nicht so das Zentrum meines geschichtlichen Interesses bildete. Der Roman und, wie ich vermute, die ganze Reihe, sind eben doch viel zugänglicher als die meisten trockenen Geschichtsbücher. Ich freue mich darauf, die weiteren Teile der Reihe zu hören, „Nana“ und „Das Paradies der Damen“ kenne ich ja bereits.

Der Sprecher der Gehörgäng, Thomas Schendel, macht seinen Job sehr gut.

Hörbuch: Maud Ventura: Der Rache Glanz

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(c) Saga Egmont

Übersetzung aus dem Französischen: Michaela Meßner

Originaltitel: Célèbre

Gelesen von: Sandra Voss

Dauer: 10h 20min

Schon als Kind wusste Cléo: Sie will berühmt werden. Unbedingt. Kein Weg durfte daran vorbeiführen. Und wie wir gleich zu Beginn des Romans erfahren: Sie hat es geschafft. Gerade hat sie einen sündhaft teuren Urlaub auf einer einsamen Insel angetreten, um sich zu erholen und ungestört an ihrem nächsten Album arbeiten zu können. In Rückblicken erzählt sie uns ihren Werdegang, der von Kind auf durch grenzenlosen Ehrgeiz, Rachegedanken und Selbstinszenierung geprägt ist.

Ich war eine der vielen Leser*innen, die nach „Mein Mann“ mit seinem genialen Ende mit Spannung auf Maud Venturas zweites Buch gewartet haben. Wieder haben wir eine unfassbar selbstbezogene Ich-Erzählerin, die Geschichte ist jedoch eine ganz andere. Die Protagonistin ist ein Popstar, der hinsichtlich des Erfolges und ihres Äußeren sicher nicht nur mich an Taylor Swift denken lässt, ich glaube aber nicht, dass darüber hinaus ein näherer Bezug zu genau dieser Person besteht. Eins kann ich jedoch mit Sicherheit sagen: Wenn das Leben eines Popstars auch nur annähernd so ist wie das, was Ventura da schildert, dann ist das kein Geld der Welt wert. Der Popstar ist ein reines Kunstprodukt, dessen Leben fast komplett fremdbestimmt und durchgetaktet ist. So gut wie nichts ist echt.

Zwischen den Vergangenheitsepisoden kehren wir immer wieder kurzfristig zur Zukunfts-Cléo auf der einsamen Insel zurück. Die Rückblicke steigern sich dabei immer mehr in ihrer Intensität und dem Exzentrismus der Protagonistin. Achtung, es ist nicht einfach, dieser unausstehlichen Frau 10 Stunden lang zuzuhören. Doch es lohnt sich dranzubleiben. Denn die Frage, ob es Maud Ventura erneut gelingt, ein absolut verblüffendes Ende hinzulegen, kann ich nur folgendermaßen beantworten: Holy Shit! She’s done it again! Das Ende ist sogar noch krasser als das von „Mein Mann“. Der Wahnsinn.

Hörbuch: Ariel Lawhon: The Frozen River

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(c) Random House Audio

Gelesen von: Jane Oppenheimer

Dauer: 15 h 5 min

Deutscher Titel: Der gefrorene Fluss

Wir schreiben das Jahr 1789. Die erfahrene Hebamme Martha Ballard lebt mit ihrer Familie in Hallowell, Maine. Kürzlich musste sie sich um die Pfarrersfrau Rebecca kümmern, die in Abwesenheit ihres Mannes von zwei Männern brutal vergewaltigt wurde. Ob diese je dafür belangt werden, ist offen. Einer von ihnen ist zudem ein angesehener Offizier und der Richter der Stadt. Als ein paar Männer im zufrierenden Kennebec River einbrechen, stoßen sie auf eine Leiche. Es ist der andere der beiden Vergewaltiger.

„‚No one will believe you‘. It’s the line spoken by every man who has ever used a woman in this way.“ Ein zentraler Satz in Ariel Lawhons historischem Roman um die historische Hebamme Martha Ballard, deren akribisch geführte Tagebücher erhalten sind und auf denen diese fiktionalisierte Geschichte beruht. Ich feiere diesen Roman schon allein dafür, dass seine Heldin in fortgeschrittenem (meinem!) Alter ist, sie ist zum Zeitpunkt der Handlung 54 Jahre alt. Es geht um Gerechtigkeit in diesem Buch und darum, wie Männer sich das, was sie wollen, oft einfach unbehelligt nehmen konnten und können. Wer jetzt Männer-Bashing befürchtet: keineswegs. Marthas Ehemann ist fast zu gut, um wahr zu sein, und auch ihre Söhne und die meisten männlichen Bewohner der Stadt sind anständige Kerls. Allein schon die Schilderungen von Marthas Arbeit machen das Buch lesenswert.  Es ist eine Hommage an den Beruf der Hebamme, die über Jahrhunderte hinweg unschätzbare Dienste geleistet haben und leider heute immer noch unterschätzt und wenig gewürdigt werden, wie es die Politik erst neulich wieder bewiesen hat. Es ist aber auch eine spannende, vielschichtige Kriminalgeschichte mit einer großartigen Frau im Mittelpunkt. Einer Frau, die selbst einiges durchlitten hat: drei ihrer Töchter starben in der Kindheit an Diphtherie, was mich besonders bewegt hat, denn auch meine Großmutter hat einen ihrer Söhne wegen dieser Krankheit im Alter von 2 Jahren begraben müssen. Meinem Vater kamen noch 70 Jahre später die Tränen, wenn er davon erzählte.

Von Marthas jüngeren Jahren erfahren wir immer wieder in eingeschobenen Rückblicken, die natürlich stark fiktionalisiert sind.

„The Frozen River“ war für mich ein echtes Jahreshighlight. Ich habe mir gleich die von der Autorin in ihrem umfangreichen Nachwort empfohlene Biografie über Martha Ballard heruntergeladen. Kann ich uneingeschränkt empfehlen.

Gedanken zu „exit RACISM – rassismuskritisch denken lernen“ von Tupoka Ogette (Hörbuch)

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(c) Struck & Tatze

Gesprochen von: Tupoka Ogette u. a.

Dauer: 4 h 28 min

Meine Gedanken zu diesem Hörbuch, das ich gerade beendet habe, sind noch unstrukturiert, daher bezeichne ich sie nicht als Rezension. Ich möchte aber bei meinem katastrophalen Gedächtnis mich nicht erst später dazu äußern.

Kein anständiger Mensch möchte ein Rassist sein. Ich habe mich durchaus schon öfters mit Rassismus beschäftigt und bin mir bewusst, dass es in unserem Land strukturellen Rassismus gibt, den alle hier sozialisierten, auch ich, in gewissem Maße verinnerlicht haben. Es gilt, dies nicht nur zu erkennen und entsprechende Erkenntnisse nicht mehr abzuwehren, sondern auch dazuzulernen und an sich zu arbeiten, um rassistisches Verhalten zu vermeiden. Tupoka Ogettes Buch ist hierfür ein echter Schatz, der Pflichtlektüre nicht nur an Schulen sein sollte. Es klärt über die Ursprünge des Rassismus auf und darüber, warum und in welchen Erscheinungsformen er auch in unserer Gegenwart er immer noch überall zu Tage tritt. Dies geschieht häufig gar nicht bewusst, denn wie gesagt, wer will schon ein Rassist sein? Als besonders hilfreich habe ich die Fragen empfunden, die die Lesenden sich selbst stellen sollen, nicht nur in dieser Hinsicht ist das Buch interaktiv. Ich werde mir auf jeden Fall auch noch die zahlreichen weiterführenden Materialien anschauen, die auf der zugehörigen Website aufgelistet sind.

Tupoka Ogette verzichtet auf umfangreiche Schilderungen ihrer eigenen rassistischen Erfahrungen, doch u. a. in Kapitel 8 erzählen Schwarze Menschen und Eltern Schwarzer Kinder von ihren Erlebnissen. Diese haben mir Tränen der Wut in die Augen getrieben. Ich hatte wirklich gedacht, dass die meisten weißen Menschen mit einer gewissen Bildung versuchen, sich nicht rassistisch zu verhalten und das auch ihren Kindern beibringen. Ich hatte gedacht, dass wir in den letzten 30 Jahren Fortschritte gemacht haben. Ich dachte, wir wären weiter. Doch das Ausmaß dessen, was Schwarze Kinder und PoC an deutschen Schulen immer noch durchmachen, hat mich extrem aufgewühlt. Erlebnisse wie das einer Mutter eines Schwarzen Kindes, das mit seiner Klasse von der Klassenfahrt zurückkommt, und als sich die Tür des Busses öffnet, hört die Mutter, dass im Bus alle außer ihrem Kind, inklusive der Lehrer, „10 kleine N…“ singen. Das Schwarze Mädchen, dass deutsche Muttersprachlerin mit einem ausgezeichneten Sprachniveau ist, aber zur Sprachförderung geschickt wird, weil es „wild gestikuliere, was wohl an seiner Herkunft läge“. Ich finde das unerträglich.

Tupoka Ogettes Buch hat mich dazulernen lassen und mich inspiriert, mich mehr mit Rassismus zu beschäftigen. Denn ich bin sicher noch nicht am Ende des Weges. Ich spreche hier eine dringende Leseempfehlung aus.

Liebe Schwarze Menschen und PoC, wie ich oben schon gesagt habe, ist mir bewusst, dass auch ich Rassismen internalisiert habe. Sollte ich verletzende Formulierungen verwenden, macht mich bitte darauf aufmerksam. Danke.

Hörbuch: Angie Kim: Miracle Creek

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(c) Macmillan Audio

Gelesen von: Jennifer Lim

Dauer: 14 h 5 min

Deutscher Titel: Miracle Creek

Die hyperbare Sauerstofftherapie wird bei zahlreichen Krankheitsbildern eingesetzt, um bei Patienten mittels reinem Sauerstoff Heilprozesse zu fördern. Im vorliegenden Roman betrieb Pak Yoo, ein koreanischer Einwanderer, mit seiner Ehefrau Young und Teenager-Tochter Mary in dem kleinen Ort Miracle Creek in Virginia eine Druckkammer, in der diese Therapieform angewandt wurde. Die Behandlung ist nicht ohne Risiken, denn reiner Sauerstoff ist extrem brandfördernd, weswegen strenge Sicherheitsmaßnahmen gelten. Dennoch kam es in Paks Einrichtung zur Katastrophe: Die Druckkammer geriet in Brand und ein junger Patient, der wegen Autismus behandelt wurde, und die Mutter eines weiteren Kindes starben, weitere Personen wurden schwer verletzt, darunter der Betreiber Pak. Nun beginnt der Gerichtsprozess und angeklagt ist die Mutter des Jungen, der auf grausame Weise in der Kammer zu Tode kam.

Angie Kim wirft die Lesenden direkt ins kalte Wasser: Das Buch beginnt mit der Eröffnung des Gerichtsverfahrens, zunächst geschildert aus der Perspektive von Paks Frau Young, die bei der Katastrophe zugegen war. Die Ereignisse werden in Rückblicken geschildert, teilweise mittels der Zeugenaussagen der Beteiligten. Wir lernen dabei zahlreiche verschiedene Perspektiven kennen, u. a. die der Angeklagten und der anderen Opfer. Die Schilderung des Unfalls ist stellenweise sehr grausam und kaum zu ertragen. Jeder Perspektivwechsel eröffnet neue Erkenntnisse, die dazu führen, dass die Lesenden ständig ihre Vermutungen über den bzw. die Schuldige anpassen müssen. Alle Protagonisten haben scheinbar etwas zu verbergen. Wie unterschiedlich scheinbar stark belastende Aussagen aus einer anderen Perspektive erscheinen, ist absolut faszinierend und von Angie Kim meisterhaft dargelegt. In Frage steht nicht nur das Whodunnit, auch viele weitere interessante Aspekte werden aufgegriffen, am wichtigsten erscheint mir dabei die Lebensrealität der Eltern von Kindern mit Behinderungen (insbesondere Autismus), die etwa bei der Angeklagten einen kaum zu bewältigenden, durchgetakteten Tagesablauf umfasst, sowie die Bedeutung des Prinzips, dass Angeklagte bis zum Beweis der Schuld als unschuldig zu gelten haben. So ist Angie Kims Roman nicht nur ein hochspannendes Gerichtsdrama, sondern auch ein Plädoyer für Verständnis gegenüber betroffenen Eltern. Ein weiterer wichtiger Aspekt sind die Schwierigkeiten, mit denen sich Einwandererfamilien konfrontiert sehen und die mit einem teilweisen Verlust der eigenen Identität einhergehen können.

Angie Kims Erstling ist, wie ich bereits geäußert habe, das beste, was ich in diesem Genre je gelesen, gehört oder gesehen habe. Insbesondere für mich, die nicht viele Krimis oder Thriller liest, kann kein blutiges oder actionreiches Buch mit dieser intelligenten und hochkomplexen Geschichte mithalten.

Die offenbar auf Texte mit asiatischem Bezug spezialisierte Jennifer Lim liest das Hörbuch nuancenreich und gibt auch die verschiedenen Akzente wieder. Eine Top-Leistung.

Hörbuch: Annett Gröschner: Schwebende Lasten

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(c) C. H. Beck

Gelesen von: Michaela Winterstein

Dauer: 7 h 35 min

Hanna kann man wohl als typischen deutschen Teenager in der Weimarer Republik beschreiben. Sie arbeitet im Magdeburger Blumenladen ihrer Schwester, kümmert sich zeitweise um den Haushalt ihrer anderen Schwester in Berlin und hat Reibereien mit beiden. Sie heiratet einen Mann, der sich als nicht besonders gute Wahl entpuppt, und ist bald reihenweise schwanger. Irgendwie bringt sie ihre Familie, wenn auch nicht alle Mitglieder derselben, durch fast das gesamte 20. Jahrhundert und durchlebt dabei absolute Armut, Kriege, Verluste und zwei Dikaturen. Ihre Leidenschaft bleibt dabei jedoch unverändert: Blumen.

Ich gehe inzwischen oft skeptisch an Weltkriegsliteratur heran. Nun ist dieses Buch nicht wirklich Weltkriegsliteratur, denn es umspannt ja fast das gesamte letzte Jahrhundert, doch naheliegenderweise nehmen das 3. Reich und der 2. Weltkrieg einen großen Teil des Buchs ein.

Ich nehme hier vorweg: Das Buch hat mich nach und nach für sich gewonnen bis hin zur echten Begeisterung. Locker chronologisch erzählt Gröschner uns von Hannas Blumenladen im Knattergebirge, dem Magdeburger Viertel, das laut Wikipedia vor dem 2. Weltkrieg eines der am dichtesten besiedelten Gebiete Europas war, ihrem Abstieg in bittere Armut, schrecklichen Kriegserlebnissen, dem Verlust von Kindern, ihrer Arbeit in der DDR als Kranführerin bis hin zur Wiedervereinigung. Dabei wird das Buch auch zu einer Art Chronik der Geschichte der Stadt Magdeburg im 20. Jahrhundert. So hat mich das Buch zum Recherchieren veranlasst, was ich ja besonders liebe. Den Kapiteln vorangestellt sind Beschreibungen verschiedener Blumenarten und Insekten, die Hanna in ihr Notizbuch geschrieben hat. Am meisten beeindruckt und erschüttert hat mich die Schilderung der Bombenangriffe auf Magdeburg, durch die Stadt völlig zerstört, das Knattergebirge ausgelöscht wurde. Ich habe mich schon viel mit diesem Thema befasst, aber noch nie hatte ich so sehr das Gefühl, den absoluten Horror eines Feuersturms so nah mitzuerleben. Der Krieg hinterlässt Hanna und ihre Kinder traumatisiert, aber sie schlagen sich weiter durch. Wie schon zuvor liegt der Hauptteil der Last und Verantwortung für die Familie bei Hanna.

Was Annett Gröschner hier erzählt, ist keine Geschichte über klischeehafte Charaktere, die sich gegen Nazis wehren, vermengt mit einer kitschigen Lovestory. Hanna macht vor allem eines: sich arrangieren und irgendwie überleben. Das tut sie mit einer Konsequenz, die sie zu einer der zahlreichen Heldinnen des Alltags macht, denen Annett Gröschner mit diesem Buch ein Denkmal setzt.

So wurde das Buch zu einem echten Lesehighlight und ich bin wirklich enttäuscht, dass es nicht in die Shortlist für den Deutschen Buchpreis aufgenommen wurde.

Das Hörbuch ist von Michaela Winterstein einfühlsam, aber ohne Pathos eingelesen.

 

Liz Moore: The God of the Woods – Kurzbesprechung und spoilerischer Kurzrant

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(c) Penguin Audio

Gelesen von: Saskia Maarleveld

Dauer: 14 h 35 min

Deutscher Titel: Der Gott des Waldes

Keine Angst, Spoiler kommen erst unten nach entsprechendem Hinweis.

1975. Die im Staat New York zur High Society gehörende Familie Van Laar betreibt in den Adirondack Mountains ein Sommercamp. Vor 14 Jahren verschwand aus selbigem der junge Sohn von Peter Van Laar und seiner Frau Barbara. Und nun kehrt auch die jüngere Tochter Barbara nach einem mutmaßlichen nächtlichen Ausflug nicht in ihr Bett im Camp zurück. Erneut beginnt eine groß angelegte Suche, zumal Gerüchte umgehen, dass ein aus dem Gefängnis entflohener Mörder in der Gegend unterwegs sein könnte…

In meiner Wahrnehmung ist „The God of the Woods“ wohl der gehypteste Roman der ersten Hälfte dieses Jahres. Da das Setting ja halbwegs historisch ist, wurde auch ich, die eher selten Krimis oder Thriller liest, neugierig und ich greife in solchen Fällen gerne zum Hörbuch. Das Buch ist sicher in dem Sinne kompliziert, dass es zahlreiche Perspektivwechsel, PoVs und Zeitsprünge gibt. Ich hatte dennoch keine größeren Probleme, dem Plot zu folgen, das ist schon gut gemacht. Es gibt immer wieder Hinweise, die verschiedene Figuren verdächtig machen, und es ist keineswegs einfach, auf die Lösung zu kommen. Das Buch hat es auch geschafft, in mir Interesse an den großen Wäldern der Adirondacks zu wecken, ich habe sogar einen gewissen Wehmut empfunden, dass ich diese großartige Natur nie selber werde erleben dürfen. Dennoch fehlte mir ein wenig die tatsächliche Wildnis-Atmosphäre, die das Buch zu einem hätte machen können, das ich wirklich mit Genuss gelesen hätte. Über größere Strecken ist der Roman wirklich spannend, es gibt allerdings auch Passagen, etwa wenn die Kinder survivalmäßig allein im Wald übernachten sollen, die mich gelangweilt haben. Identifizieren konnte ich mich am ehesten mit der jungen Polizistin Judyta, die sehr sympathisch angelegt ist. Ja, und dann die Auflösung. Die fand ich jetzt nicht wirklich schlecht, aber ich habe mit einigen ihrer Aspekte ein paar Probleme. Die erläutere ich jetzt im Spoilerteil.

 

 

 

 

SPOILER

 

Ok, Bears Tod war also ein Unfall. Verursacht durch die eigene, alkoholisierte Mutter. Ausgerechnet die schwache, abhängige Frau ist die „Schuldige“. Musste das wirklich sein? Ein Unfall, ok, aber aus feministischer Sicht hat es für mich einen Beigeschmack, dass die verweichlichte, betrogene Ehefrau, die sich schon immer als unzulänglich empfand und nicht in der Lage ist, auf Augenhöhe mit ihrem Ehemann zu kommunizieren, auch noch dafür verantwortlich ist, dass ihr über alles geliebter Sohn ertrinkt. Für den Unfall wären auch andere Szenarien denkbar gewesen.

Die Andeutungen, dass der Großvater nicht der liebe Opa ist, verlaufen ins Leere. Nun gut, darüber will ich mich nicht weiter beschweren, es muss nicht immer alles aufgelöst werden in einem Roman. Man muss auch nicht unbedingt einen Missbrauchsfall daraus machen, das wäre vielleicht auch zu einfach gewesen, aber es wäre denkbar gewesen, dass der Großvater durch seinen harten Charakter auf irgendeine Weise für Bears Tod verantwortlich werden könnte. Aber wie gesagt, das will ich bei meiner Abwertung des Buchs nicht berücksichtigen.

Was für mich allerdings auch fragwürdig ist, ist die Auflösung von Barbaras Verschwinden. Selbst wenn man es schluckt, dass ihre Eltern so furchtbar sind, dass man ihnen zumuten kann, ein weiteres Kind an ein ungeklärtes Schicksal zu verlieren: Barbara ist wie alt, 12 oder 13? Was wird aus ihr, wenn sie erwachsen ist, so ohne jede weitere Schulbildung? Auf ewig versorgt von den Hewitts? Vermittlung in einen Rangerjob? Das ist vielleicht nicht undenkbar, vielleicht bin ich auch nicht in der Lage, das auch amerikanischer Sicht zu bewerten (Land der unbegrenzten Möglichkeiten und so), aber das ist für mich nicht recht zu Ende gedacht. Da hätte ich noch einen Satz oder zwei zu einer möglichen Zukunft für Barbara erwartet.

Und die „Bestrafung“ des reichen Freundes der Familie bzw. Louises Ex-Verlobten? Ok, das ist wirklich ein Arschloch. Aber auch eine solche Form der Selbstjustiz hinterlässt einen Beigeschmack.

Falls das jetzt klingt wie ein Verriss. Ist es nicht. Das Buch ist gut gemacht und hat mich über weite Strecken gut unterhalten. Mit einer anderen Auflösung hätte es von mir auch sicher mehr als drei Sterne bekommen. Aber den Hype kann ich nicht nachvollziehen.

Hörbuch: Angie Kim: Happiness Falls

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(c) Penguin Random House Audio

Gelesen von: Shannon Tyo, Sean Patrick Hopkins, Thomas Pruyn, Angie Kim

Dauer: 13 h 5 min

Deutscher Titel: Happiness Falls

Mias 14-jähriger Bruder Eugene kommt sichtlich verstört rennend und ohne ihren Vater, der ihn begleitet hatte, aus dem nahe gelegenen Park zurück. Er kann sich nicht mitteilen, denn er ist Autist und hat außerdem das Mosaic Angelman Syndrome, eine genetisch bedingte Störung, die unter anderem zur Folge hat, dass er nicht sprechen kann. Auch Versuche, über alphabetische Hilfsmittel mit ihm zu kommunizieren, sind bisher krachend fehlgeschlagen. Der Familienvater bleibt verschwunden und nur Eugene weiß, was passiert ist. Als die Polizei ermittelt, wird auch der Jungen zum Verdächtigen.

Wie ihr wisst, bin ich keine große Krimi- oder Thriller-Leserin. Als jedoch im Papierstau-Podcast über dieses Buch gesprochen wurde, wurde ich aufgrund der Implikationen, die die medizinischen Besonderheiten in dem Fall mit sich bringen, sehr neugierig und habe mich daher entschlossen, zum Hörbuch zu greifen.

Es gibt kein Vorgeplänkel in diesem Buch, es beginnt sofort mit dem Verschwinden von Adam, dem Vater der zwanzigjährigen Zwillinge Mia und John und ihres jüngeren Bruders Eugene. Die Geschwister und ihre Mutter suchen nun nicht nur nach Adam, sondern versuchen auch verzweifelt, den aufgrund seiner Behinderung mitteilungsunfähigen Eugene zu schützen.

Die Geschichte ist von Anfang an irre spannend. Angie Kim arbeitet dabei auch viel mit Andeutungen künftiger Entwicklungen, die auf dramatische Ereignisse hindeuten. Ich habe dieser leider so missverstanden, dass ich am Ende mit einem gewaltigen Twist gerechnet habe und war erst einmal enttäuscht, als dieser ausblieb. Auch so bleiben am Ende jedoch so einige Zweifel.

Trotzdem ist das Buch am Ende ein Highlight für mich, denn schon allein die liebevolle Darstellung der Familie und der Beziehung der Eltern und Geschwister zu Eugene hat mir ausnehmend gut gefallen. Angie Kim hat mit dieser Geschichte auch ein Anliegen, denn sie wurde selbst Zeugin von Fällen, in denen sogenannte non-verbale Menschen sich bei erfolgreichen Kommunikationsversuchen als intelligent erwiesen, obwohl bisher davon ausgegangen worden war, dass sie gar nicht ausdrucksfähig sind. Ein weiterer Aspekt ist, dass die Mutter und somit auch ihre Kinder wie Angie Kim selbst koreanischer Abstammung sind und auch dies einen starken Einfluss darauf hat, wie sie von ihrem Mitmenschen wahrgenommen werden.

So wird dieser unblutige Thriller zu einem ganz besonderen, den ich sicher nicht vergessen werde und der dazu anregt, eigene Wahrnehmungen zu überdenken und sich eingehender über Menschen mit Behinderungen wie Eugenes zu informieren. Angie Kim erzählt im Nachwort von ihren eigenen Erfahrungen und gibt interessante Literaturtipps.

Zum Hörbuch: Die Performance von Shannon Tyo ist top und trägt dazu bei, Mia zu einer Protagonistin zu machen, mit der man sich identifizieren kann. Adams Notizbucheinträge werden von Sean Patrick Hopkins einwandfrei gelesen. Schließlich kommt auch noch die Stimme von Thomas Pruyn zum Einsatz, was ich besonders bemerkenswert fand, warum, verrate ich nicht :-)

Hörbuch: Walter Tevis: Mockingbird

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(c) Tantor Audio

Dauer: 9 h 42 min

Sprecher*innen: Robert Fass, Nicole Poole

Deutscher Titel: Die Letzten der Menschheit

Robert Spofforth ist – unter anderem – der Dekan der New Yorker Universität. Wenn man das, was in dieser Zukunft existiert, noch so bezeichnen kann. Tatsächlich können die wenigen verbleibenden Menschen nicht lesen, sie dürfen es nicht mal. In den komplett von Robotern verwalteten Bildungseinrichtungen lernen sie nur noch, dass die Privatsphäre des Individuums über allem steht und strenge Regeln diktiert, etwa, dass zwei Menschen nicht länger als eine Woche zusammen leben dürfen – „quick sex is best“. Für die täglichen Bedürfnisse haben sie eine Kreditkarte, über die sie über ebenso von Maschinen gesteuerte Ausgabestellen Dinge des täglichen Bedarfs sowie Nahrung und die Drogen, mit denen sie ruhiggestellt werden, beziehen können.

Um zu Robert Spofforth zurückzukommen, er ist das ultimative Robotermodell (wir würden ihn heute eher als Androiden bezeichnen), von denen er der letzte ist, und sein größter Wunsch ist: zu sterben. Dummerweise ist ein Suizidverhinderungsmechanismus in ihn eingebaut. Eines Tages erhält Spofforth Besuch von einem Mann namens Paul, der sich mithilfe einer alten Fibel das Lesen beigebracht hat und es gerne an der Universität unterrichten würde. Das geht natürlich nicht, doch Spofforth erlaubt ihm, alte Stummfilme, die nur mit Untertiteln versehen sind, zu synchronisieren. Als dritte Protagonistin lernen wir Mary Lou kennen, die sich dem KI-Staat entzogen hat und in dem von Robotertieren und Roboterkinderimitaten bevölkerten Zoo lebt.

Angesichts der KI-Debatte könnte diese Dystopie aus dem Jahr 1980 gar nicht aktueller sein. Sie zeigt auf, welche Risiken eine grenzenlose Mechanisierung aller Prozesse birgt. In dieser Beziehung hat das Buch starke „The Machine Stops“-Vibes (eine Geschichte von E. M. Forster), denn die Menschen haben längst verlernt, wie man Maschinen bedient und KIs programmiert und sind vollkommen von diesen abhängig. Auch die beste Maschine zeigt jedoch irgendwann Abnutzungserscheinungen, was harmlosere Folgen haben kann, wie etwa, dass es keine Toaster mehr gibt, weil in der entsprechenden Fabrik eine Schraube in eine Maschine gefallen ist, und kein Mensch da ist, der das Ganze überprüft. Oder aber auch gravierende Konsequenzen, wie dass die Menschheit am Aussterben ist. Es ist unmöglich, alle Folgen abschätzen zu können, die eine Programmierung mit sich tragen kann, so wie das auch in „Views“ von Marc-Uwe Kling geschieht. Es ist nicht so, dass die Roboter bösartig werden, aber auch, sie so zu programmieren, dass die Menschen zufrieden sind, kann tragische Konsequenzen haben.

Die Auflösung dieses großartigen und ungeheuer hellsichtig erscheinenden Science-Fiction-Romans hat meiner Meinung nach eine kleine Schwäche, die sich mit etwas gutem Willen jedoch erklären lässt und der Genialität dieser Dystopie keinen Abbruch tut. Jahreshighlight. Unbedingte, dringende Leseempfehlung.

Zum Hörbuch: Die Umsetzung ist gelungen und empfehlenswert, die Aussprache des Englischen sehr gut verständlich, Mary Lous Passagen liest Nicole Poole, Spofforths und Pauls Passagen Robert Fass.