Zuletzt gelesen – KW 22

In diesem Artikel besprochene Bücher: „Zauber der Stille“ von Florian Illies (Hörbuch), „Artificial Condition“ von Martha Wells (Hörbuch), „Meine Geschichte der deutschen Literatur“ von Marcel Reich-Ranicki, „Elfenkrieg“ von Bernhard Hennen und Robert Corvus (Hörbuch) sowie ganz kurz „König Midas“ von Luc Ferry, Clotilde Bruneau, Stefano Garau und Guiseppe Baiguera (Graphic Novel).

Dieser Artikel wird ein bisschen schwierig, denn ich bin noch mehr ins Hintertreffen geraten, was meine zu rezensierenden Bücher angeht. Mal sehen, was ich noch aus meinem Gedächtnis klauben kann, bitte um Nachsicht, falls es nicht so viel ist ;-)

Florian Illies: Zauber der Stille

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(c) Argon Verlag

Sprecher: Stephan Schad

Dauer: 6h 27min

Wie wir es mittlerweile von einigen deutschen Autoren kennen, nimmt sich Florian Illies in „Zauber der Stille“ wieder eines bestimmten Zeitraums an, d. h., in diesem Falle dem Leben des „urdeutschen“ Malers Caspar David Friedrich, und setzt die Gesellschaft und die prominenten Persönlichkeiten der Epoche mit diesem in Beziehung. Meiner Meinung nach ist ihm dies in diesem Buch wieder wunderbar gelungen, wenn auch ein paar Zusammenhänge ein wenig an den Haaren herbeigezogen wirken könnten. Ich persönlich kann Illies dies verzeihen, denn insgesamt macht er das schon sehr geschickt, auch mit der Unterteilung des Buches in die Kapitel „Feuer“, „Erde“, „Wasser“ und „Luft“, die vier Elemente also, die sich nicht nur in den jeweils besprochenen Bildern des Malers widerspiegeln, sondern auch in den Ereignissen, die im entsprechenden Kapitel eine Rolle spielen. Vor allem im Kapitel „Feuer“ fand ich das äußerst gelungen. Für den notwendigen Humor ist auch gesorgt, der insbesondere in der Schilderung der, sagen wir, „schwierigen“ Beziehung Friedrichs mit Johann Wolfgang von Goethe deutlich wird. So macht Geschichte Spaß, das Buch, auch als Hörbuch zu empfehlen, hat mich prächtig unterhalten.

Martha Wells: Artificial Condition (The Murderbot Diaries #2)

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(c) Tor Books

(Cover/Link führt zur Printausgabe, da der Audioverlag (Recorded Books) keine Suchfunktion auf seiner Website hat. Buch gehört über Audible.)

Sprecher: Kevin R. Free

Dauer: 3h 21 min

Murderbot ist wieder unterwegs, und zwar mit einem Schiff, das von einem Bot namens ART gesteuert wird, der im Laufe wieder doch recht kurzen Geschichte zu einem herrlichen Sidekick wird. Vor allem will Murderbot herausfinden, was bei dem Vorfall, bei dem er mehrere Menschen getötet haben soll, wirklich passiert ist. Dabei muss Murderbot wieder ein paar naive Menschen retten, die sich selbst in haarsträubende Gefahren begeben, weil sie um die Ergebnisse einer von ihnen durchgeführten Expedition gebracht wurden. Das Beste an diesem zweiten Band der Murderbot Diaries ist definitiv ART, der süchtig nach Serien ist und nicht gut damit zurecht kommt, wenn diese tragisch enden. Da findet eine regelrechte  Charaktergestaltung einer künstlichen Intelligenz statt, die nicht einmal über einen Körper verfügt. Ich sehe regelrecht das Schild, das Martha Wells möglichen Lesegruppen vor die Nase hält und auf dem steht „Discuss“. Was ich an der Reihe auch beeindruckend finde, ist die Selbstverständlichkeit, mit der auf moderne Lebensmodelle verwiesen wird. Viele Menschen leben in dieser Zukunftswelt in polyamoren Ehen, bunt gemixt, mit gemeinsamen Kindern, Zweierbeziehungen scheinen eher selten zu sein. Auch diesen zweiten Band habe ich sehr gern gelesen bzw. gehört (inzwischen bin ich bis einschließlich Band 4 gekommen).

Marcel Reich-Ranicki: Meine Geschichte der deutschen Literatur

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(c) DVA

MRR ist nicht unumstritten, vor allem weil sein Kanon doch sehr von Männern dominiert ist und er ziemlich arrogante Äußerungen über weibliche Autoren gemacht hat, etwa, dass sie keine Romane schreiben könnten (Quelle: Frauen Literatur von Nicole Seifert). Auch in diesem Buch, das chronologisch nach den Epochen der deutschen Literatur aufgeteilt ist, dominieren die Männer, insbesondere in den ersten Teilen. (Jedem Autor bzw. jeder Autorin wird je ein Kapitel gewidmet.) Immerhin geht Reich-Ranicki auf diesen Punkt in einem den eigentlichen Autorenporträts vorangestellten, sehr interessanten Essays selbst ein und macht dabei folgende Feststellung: „Nun beweist der minimale Beitrag der Frauen zur Literatur und zur Kunst der Vergangenheit noch keineswegs, dass Kreativität und Genie nicht Sache des weiblichen Geschlechts seien. Es wurde schon oft gesagt und kann nicht oft genug wiederholt werden: Die den Frauen in der von Männern beherrschten Welt zugewiesene Rolle hat ihnen die Beschäftigung mit allem Geistigen und Künstlerischen in hohem Maße erschwert, ja unmöglich gemacht.“ (Seite 56/57).

Es hat sicherlich mehr vergessene weibliche Autoren in der Literaturgeschichte gegeben, die MRR nicht bespricht, aber ich muss ihm zu Gute halten, dass ich durch die Lektüre dieses Buches doch ein paar neue Autorinnen gefunden habe, die mich interessieren (etwa Eva Demski).

Der Titel des Buches ist ein wenig missverständlich. Es handelt sich hier nicht um ein zusammenhängendes Werk über die Geschichte der deutschen Literatur. Vielmehr besteht es aus in den langen Jahren seines Schaffens gesammelten Essays über deutsche Autor*innen, die in chronologische Reihenfolge gebracht wurden. Das könnte einige Erwartungen enttäuschen. Auch ich bin eher mäßig mit dem Ergebnis zurechtgekommen, der Band stellt jedoch eine durchaus lohnende Lektüre dar und bietet definitiv viele interessante Informationen. Um mehr über die größtenteils vergessenen weiblichen Autoren zu erfahren, lese ich jetzt „Frauen Literatur“ von Nicole Seifert.

Bernhard Hennen & Robert Corvus: Elfenkrieg (Phileasson-Saga, Band 8)

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(c) Audible Studios

Sprecher: Detlef Bierstedt

Dauer: 25 h 19 min

Achtung, leichte Spoiler für diejenigen möglich, die die ersten sieben Bände noch nicht gelesen haben.

Ab Band 8 der Phileasson-Saga agieren die beiden Ottajaskos erst einmal isoliert voneinander, denn die von Beorn wurde in das alte Tie’Shianna entrückt, in dem der lang zurückliegende Krieg um diese Elfenstadt tobt. Es handelt sich um ein sogenanntes lebendes Bild und Beorn und seine Recken und Schildmaiden müssen bald feststellen, dass die Abläufe um die Eroberung der Stadt jederzeit abrupt enden und wieder von vorne beginnen können. Wie sollen sie aus diesem lebenden Bild entkommen? Phileassons Ottajasko ist derweil weiterhin mit den Siedlern um Aischa unterwegs, um das Tal aus der Prophezeiung ihres Vaters zu finden. Dabei passieren sie unter anderem das Liebliche Feld, die Heimat von Vascal della Rescati und seiner Nichte Leomara. Auch der wieder sehr gelungene Prolog beschäftigt sich mit der Vorgeschichte Vascals und später auch Leomaras. Aufgrund dieses Prologs ist mir Vascal inzwischen richtig ans Herz gewachsen. Die Gemeinschaft reist weiter Richtung Dschungel, wo sie es unter anderem mit Echsenmenschen zu tun bekommen.

Dieser Band hat mir wieder gut gefallen und endet mit einem Cliffhanger, der mich erstmals veranlasste, den nächsten Band gleich hinterher zu hören. Hennen und Corvus halten das in den letzten Bänden aufgebaute Niveau.

Luc Ferry, Clotilde Bruneau, Stefano Garau, Guiseppe Baiguera: Mythen der Antike: König Midas

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(c) Splitter Verlag 

Übersetzung aus dem Französischen von Harald Sachse

Ich habe die Geschichte um den phrygischen König Midas erstmals von Stephen Fry in „Mythos“ vollständig gehört und hatte doch schon wieder vergessen, wie umfangreich diese Sage ist. Auch hier hat mich die Umsetzung des Splitter-Verlags überzeugt, wie die anderen Bände eignet er sich super zur Auffrischung oder auch als Erstkontakt mit dem griechischen Mythos.

Zuletzt gelesen – KW 6 2024

Victor Klemperer: Die Sprache des Dritten Reiches

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(c) Büchergilde Gutenberg

Nicht nur dank meines sprachwissenschaftlichen Hintergrunds ist mir klar, wie wichtig Sprache in einer Gesellschaft ist. Mit Sprache und der Diskursverschiebung in Richtung Rechts schaffen Erzkonservative und Rechtsradikale es, dass immer mehr rechte und rechtsextreme Positionen in Deutschland akzeptabel werden. Das zeigt sich leider gerade mehr als deutlich. Der Literaturwissenschaftler Victor Klemperer war ein Zeitzeuge aus dem Dritten Reich, der in seinem großen Werk „LTI – Notizbuch eines Philologen“ (LTI = Lingua Tertii Imperii) dokumentierte, wie die Nationalsozialisten mit Sprache arbeiteten. Angesichts dessen, was wir gerade nicht nur aus rechtsextremen, sondern leider auch in zunehmendem Maße aus konservativen Kreisen zu hören bekommen, lesen sich die vorliegenden Auszüge weniger unfassbar. Auch wenn es Beispiele gibt, die an Absurdität nicht zu übertreffen sind: „… ich durfte dem Tierschutzverein für Katzen keinen Beitrag mehr zahlen, weil im „Deutschen Katzenwesen“ – wahrhaftig, so hieß jetzt das zum Parteiorgan gewordene Mitteilungsblatt des Vereins – kein Platz mehr war für artvergessene Kreaturen, die sich bei Juden aufhielten“. (Seite 55)

Victor Klemperers Ausführungen können uns dabei helfen, die Formulierungen aus dem rechtsextremen Spektrum als das zu entlarven, was sie sind: höchst manipulative Propaganda. Als ich diese von Heinrich Detering zusammengestellten Auszüge aus der Büchergilde Gutenberg gekauft habe, wusste ich, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, nicht, dass es sich nur um Teile eines Gesamtwerks handelt. Diese reichen jedoch durchaus aus, um sich ein Bild zu machen.

 

Patrick Stewart: Making It So: A Memoir

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(c) Simon & Schuster

Sprecher: Patrick Stewart

Dauer: 18 h 50 min

Patrick Stewart (oder vielleicht eher Captain Picard ;-)) ist einer meiner Helden. Star Trek TNG hatte in meiner Jugend großen Einfluss auf mich. Die Serie war für mich oft ein moralischer Wegweiser, präsentierte mir das Bild einer lebenswerten Zukunft und gab mir Hoffnung in einer Zeit, als das Mobbing mir das Leben zur Hölle machte. Auch hatte ich schon oft davon gehört oder gelesen, wie eng befreundet sowohl der Cast war und ist als auch die Crew, die dieser spielte. Das zeigte mir, dass es auch anders geht.

Dass Patrick Stewart von der Royal Shakespeare Company kam, wusste ich natürlich. Auch, dass er in seiner Kindheit häusliche Gewalt miterleben musste. Aber seine ganze Geschichte von ihm selbst erzählt zu bekommen, war etwas Besonderes. Die Autobiografie ist sehr detailliert, beginnt mit seiner zunächst glücklichen, dann weniger glücklichen Kindheit. Erstaunt hat mich, wie früh Stewart schon an seiner Schauspielkarriere arbeitete. Sein Werdegang ist wirklich beeindruckend und es hat mir sehr gefallen, von seinen ganzen Wegbegleitern zu hören, ganz früh etwa Brian Blessed oder später Ian McKellen, der sogar ihn und seine dritte Ehefrau traute. Obwohl das Ganze stellenweise in etwas viel Name Dropping ausartet. Auch dachte ich an manchen Stellen, dass er, was Privates angeht, manchmal ein bisschen zu viel ins Detail geht.

Sehr gelacht habe ich über die Anekdote über sein erstes Aufeinandertreffen mit dem ihm als reinem Klassikfan unbekannten Sting am Set von „Der Wüstenplanet“. Ein wenig geknickt war ich darüber, dass Gene Roddenberry Stewart so gar nicht in der Rolle des Captain Picard sehen wollte, im Nachhinein vollkommen unverständlich. Es sei angemerkt, dass Stewart sich auch über Menschen, die ihm weniger zugetan waren, nie negativ äußert.

Besonders schön war es natürlich, den Anekdoten rund um Star Trek – The Next Generation zu lauschen und den vielen wunderbaren Erinnerungen an die Zusammenarbeit mit einem großartigen Cast. Auch die Arbeit an den auf die Serie folgenden Kinofilmen und dem – zumindest für mich – überraschenden erneuten Zusammenkommen der alten Crew in Star Trek Picard kommt nicht zu kurz.

Ich habe viel gelacht beim Hören dieses Buches, aber am Schluss musste ich auch heulen. Deshalb gibt es von mir eben doch fünf Sterne.

Frances Hardinge: The Lie Tree

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(c) Macmillan Children’s Books

Wir befinden uns im südlichen England des 19. Jahrhunderts. Faith und ihr kleiner Bruder setzen mit ihren Eltern auf eine Insel über, wo sie in Zukunft leben sollen. Faiths Vater ist Pfarrer und Hobbynaturforscher. Offenbar muss er vor einem Skandal fliehen, der etwas mit einer seiner Entdeckungen zu tun hat. Faith ist selbst brennend interessiert an Naturwissenschaften, muss aber immer wieder erleben, wie sie von allem, was damit zu  tun hat, ausgeschlossen wird, weil sie ein Mädchen ist. Doch dann passiert etwas Schlimmes und Faith versucht, das Geheimnis ihres Vaters zu ergründen…

Frances Hardinges Jugendbuch ist ein packender Mystery-Thriller mit zahlreichen feministischen Anklängen. Es hat mir großen Spaß gemacht, mit Faith auf Entdeckungsreise zu gehen, und ich habe mich mit ihr über die Männer geärgert, die ihr beibringen wollten, dass das weibliche Gehirn nicht für die Wissenschaft gemacht sei. Ein wirklich schönes, mäßig gruseliges Abenteuer. Ich werde sicher mehr von der Autorin lesen.

 

Tonio Schachinger: Echtzeitalter

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(c) Argon Verlag

Sprecher: Johannes Nussbaum

Dauer: 11 h 12 min

Nur weil der Protagonist eines Buches ein Jugendlicher ist, muss es sich noch lange nicht um ein Jugendbuch handeln. Coming-of-Age passt da viel besser. Ein Buch über Jugend für Erwachsene. Ein solches ist der letztjährige Siegertitel des Deutschen Buchpreises, was viele überrascht hat. Tills Erwachsenwerden ist allerdings durch das Setting in einem strengen, elitären Wiener Teilinternats der Gegenwart auch ein Gesellschaftsroman, denn es geht indirekt auch um den Konservatismus, die Neue Rechte und jugendlichen Protest, letzterer in Form der hochbegabten, aber aufmüpfigen Schülerin Feli. Ich habe ja eine gewisse Schwäche für Internatsromane (im Gegensatz zu High-School-Jugendromanen, die sind üüüberhaupt nicht mein Ding) und die Einbettung dieses Buches in gesellschaftliche Themen macht es für mich zu einem wirklich ansprechenden Gegenwartsroman. Und dann geht es natürlich auch um Computerspiele und die Rolle, die diese inzwischen in unserer Gesellschaft spielen. Denn aus ihnen ist ein eigenständiges Berufsfeld fern der Programmierung entstanden, das war mir in diesem Maße noch nicht bewusst. Es gibt wirklich Menschen, die vom öffentlichen Spielen von Computerspielen leben können.

Ich habe das Buch sehr gerne gelesen bzw. gehört, zumal Johannes Nussbaum den Wiener Tonfall, den ich ja ohnehin liebe, wunderbar rüberbringt. Ein wenig gewurmt hat mich, dass Till sich nicht mehr gegen seinen Klassenleiter Dolinar wehrt, der völlig übergriffig das Leben seiner Schüler zu bestimmen versucht. Ich habe irgendwo gelesen, dass das Buch wohl schlecht altern wird, und zwar wegen der Anspielungen auf bestimmte politische Ereignisse, die in der Zukunft nur noch wenige verstehen werden. Das wird sich herausstellen.

Vielleicht kein experimentelles Sprachfeuer, aber ein wirklich schöner Roman.

Zuletzt gelesen KW 50 2023

Bernhard Hennen & Robert Corvus: Schlangengrab (Phileasson-Saga, Band 5)

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(c) Audible Studios

Sprecher: Detlef Bierstedt

Dauer: 19 h 17 min

Da es sich um einen Teil einer Reihe handelt, äußere ich mich aufgrund der Spoilergefahr nur kurz. Auch dieser Band hat mir besser gefallen als die ersten drei Romane, aber nicht so gut wie der vierte. Eine Entwicklungen finde ich schade, ein Charakter geht zurück in eine Richtung, die mir nicht gefällt, auch kann ich immer noch nicht recht nachvollziehen, was an Beorn so toll sein soll. Auch, nachdem wir in diesem Band von seiner Vorgeschichte erfahren. Ok, immerhin respektiert er Frauen. Ich bin da doch sehr eindeutig Team Phileasson. Ich bin mittlerweile im sechsten Band, dessen Prolog mir deutlich besser gefallen hat als der von „Schlangengrab“.

Tomer Dotan-Dreyfus: Birobidschan

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(c) Voland & Quist

Die Konstellation dieses Buches stach für mich aus den übrigen Kandidaten für den Deutschen Buchpreis dieses Jahres heraus: Eine jüdische Siedlung in Sibirien nahe China, ein Zusammenhang mit dem Tunguska-Ereignis von 1908, irgendwas mit Bären und mehrere Generationen einiger Familien. Von diesen lesen wir in nicht linearer Form, was ab und zu etwas verwirrend ist, ich hatte ein bisschen Probleme, die einzelnen Charakteren der richtigen Generation und den richtigen Müttern, Geschwistern etc. zuzuordnen. Dennoch hat mir das Buch gut gefallen, ich hab es zunächst auch mit 4,5 Stunden sehr hoch bewertet, inzwischen würde ich das auf 4 Sterne reduzieren, denn im Nachhinein hätte ich mir mehr Tunguska erhofft und weniger Roadtrip (auch wenn dieser nicht sehr umfangreich ist, ich mag einfach keine Roadtrips). Sehr gefallen haben mir manche der ein wenig wunderlichen Charaktere, der Sprachwitz (an einer Stelle ist von der Dörfität der Siedlung die Rede) und eine feine Dosis magischer Realismus, mit dem ich für gewöhnlich meine Schwierigkeiten habe, der aber hier genau richtig für mich abgewogen ist.

Ewald Frie: Ein Hof und elf Geschwister – Der stille Abschied vom bäuerlichen Leben

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(c) C. H. Beck

Der Historiker und Autor des diesjährigen Gewinners des Deutschen Sachbuchpreises ist mit seinen zehn Geschwistern, zwischen denen es erhebliche Altersunterschiede gibt, auf einem norddeutschen Bauernhof aufgewachsen. Nur einer der Brüder, der älteste, ist heute noch Landwirt, alle anderen haben andere Wege eingeschlagen. Anhand der Geschichte seiner Familie erzählt uns Ewald Frie von drastischen Änderungen der ländlichen Lebensweise während des Lebens seiner Eltern und Geschwister stellvertretend für eine (bzw. zwei) ganze Generation, die diese miterlebt hat. Das liest sich richtig unterhaltsam und zeigt mir wieder einmal, dass die Geschichte der „einfachen Leute“ mindestens genauso spannend ist wie die der großen Politik. Ich komme selbst aus einer Arbeiterfamilie, die letzten in der Landwirtschaft tätigen Vorfahren hatte ich in der Urgroßelterngeneration und so hat mich dieses Leben, das ich selbst überhaupt nicht kenne, besonders interessiert. Ich empfehle das schmale Buch herzlich weiter.

Olga Tokarczuk: Anna In – Eine Reise zu den Katakomben der Welt

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(c) Kampa Verlag

Übersetzung aus dem Polnischen von Lisa Palmes

Retellings von alten Mythen und Sagen sind ja absolut in, und wenn sie von einer Literaturnobelpreisträgerin kommen, macht sie das natürlich besonders interessant. In „Anna In“ geht es um die sumerische Göttin Inanna, akkadisch auch bekannt als Ištar. Wem das nichts sagt, das ist die vom berühmten Ischtar-Tor von Babylon, das sich im Pergamonmuseum befindet. Tokarczuks Vorwort gefiel mir noch sehr gut, auch wenn sie, was die Theorie der frühen großen Göttin angeht, nicht auf dem neuesten Stand zu sein scheint. Der Haupttext hält leider nicht, was das Vorwort verspricht. Auch wenn ich ihren Ansatz interessant fand, die Handlung in eine seltsam zeitlose Umgebung zu versetzen, in der es moderne, jedoch abgeänderte Technologien sowie urtümlich anmutende Aspekte gibt, konnte ich nichts mit der Umsetzung der Geschichte anfangen. Es mag sein, dass der Text alle möglichen Bedeutungsebenen und Verweise enthält (den Zusammenhang mit dem späteren griechischen Persephone-Mythos habe ich immerhin erkannt), aber dafür fehlen mir die philosophischen Kenntnisse und die Geduld. Mein Interesse liegt in der Historie. Wenn das Buch sich nur an ein ganz bestimmtes intellektuelles Publikum richtet, ist es einfach nichts für mich. Wobei sich in unserer Lesegruppe schnell herausstellte, dass auch diejenigen, die über das entsprechende Vorwissen verfügen, wenig Begeisterung über den Text an den Tag legten. Die einzige „Message“, die ich ihm entnehmen kann, ist, dass ohne die Frauen nix geht. Das ist mir zu banal, weil eigentlich selbstverständlich (auch wenn bestimmt populistische Bewegungen das immer noch gerne abstreiten). Fazit: Ich hoffe, Olga Tokarczuks andere Bücher sind ansprechender. Mein erstes Leseerlebnis mit ihr hat mich enttäuscht.

Leseupdate KW 34

In der letzten Woche ist das Lesen ein bisschen zu kurz gekommen bei mir, trotzdem habe ich ein paar Bücher beendet und zwei angefangen.

Beendet habe ich Urwelten – Eine Reise durch die ausgestorbenen Ökosysteme der Erdgeschichte von Thomas Halliday, aus dem Englischen übersetzt von Hainer Kober.

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(c) Büchergilde Gutenberg

Ich habe schon in meinem letzten Update geschrieben, dass mir das Buch gut gefällt. Da war ich im Kapitel über das Jura, einem Erdzeitalter also, in dem die Flora und Fauna der Erde besonders üppig waren. Je weiter wir in der Vergangenheit zurückgehen, desto maritimer, kleiner und urwüchsiger werden natürlich die Tiere und Pflanzen, naturgemäß verschiebt sich da auch der Inhalt ein wenig in Richtung Geologie. Ich muss noch anmerken, dass ich glaube, einen ziemlich blöden Beschriftungsfehler in einer Karte gefunden zu haben, ich habe das der Büchergilde gemeldet, die es wiederum an den Hanser Verlag weitergeben wollte. Hab danach aber nichts mehr dazu gehört. Insgesamt ist das ein tolles Buch über die ausgestorbenen Ökosysteme der Erde, wie es im Untertitel heißt. Das eine oder andere Kapitel hätte für mich etwas länger ausfallen dürfen, aber das liegt an meinem subjektiven Interesse an dem jeweiligen Zeitalter. Diesem ist es auch geschuldet, dass mir die früheren Kapitel besser gefallen haben als die späteren. Zum Schluss zieht Halliday noch ein Fazit dazu, wie unser Wissen über Erdgeschichte zur Bekämpfung des Klimawandels herangezogen werden kann. Dieses war mir ehrlich gesagt etwas zu optimistisch.

Die Stärke von Thomas Halliday ist es, komplizierte Sachverhalte anschaulich zu erklären, da war ich mehrfach begeistert. Einen gewissen Anspruch hat das Buch natürlich auch. Ich würde es unbedingt weiterempfehlen.

Außerdem beendet habe ich noch Silberflamme, den vierten Teil der Phileasson-Saga von Bernhard Hennen & Robert Corvus.

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(c) Audible Studios

Achtung, Spoiler für alle, die die Bände 1-3 noch nicht  gelesen haben!

Wie schon der dritte Band hat mir auch dieser besser gefallen als die ersten beiden. Man ist vertraut mit den meisten Charakteren und das World Building ist dank der verschiedenen Kulturen und Kreaturen Aventuriens wirklich interessant. Auch das Setting hat mir hier besser gefallen, da wir den ganzen Band an Land verbringen. Ich hab zwar durchaus Interesse an maritimen Geschichten, aber mich interessieren die Regionen des Kontinents einfach mehr als die Meere und die Eiswüste. Am Ende erwartete mich dann ein ziemlicher Schock, obwohl man eigentlich wusste, dass es an der Stelle ein Problem geben würde, haben mich die Entscheidungen bestimmter Charaktere dann doch ziemlich überrascht. Auch wird wohl eine Figur aus der Handlung ausscheiden, die ich wirklich lieb gewonnen hatte und die generell sehr interessant ist. Ein Fragezeichen, dass während der Lektüre die ganze Zeit über meinem Kopf schwebte, wurde dann am Ende auch noch beseitigt. Ich stelle fest: Ich bin jetzt tatsächlich auch gespannter auf den nächsten Band, als das in bei den vorherigen Büchern der Fall war.

Angefangen habe ich mit World Without End von Ken Follett.

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(c) Penguin Random House

Ich habe vor ungefähr 100 Jahren, als ich 18 war, Die Säulen der Erde gelesen und sehr gemocht. Irgendwann habe ich auch die Verfilmung gesehen, deshalb habe ich die Handlung noch ganz gut im Kopf, obwohl ich das Buch seitdem nicht noch einmal gelesen habe. Auch die Verfilmung der Fortsetzung World Without End habe ich in Teilen mal gesehen. Ich kann mich erinnern, dass ich damals dachte, das ist eigentlich das Ganze noch mal von vorne. Aber trotzdem wollte ich das Buch irgendwann lesen. Dann war die Hardcover-Ausgabe gebraucht günstig zu haben und das Buch landete fünf Jahre später auf meiner Racheliste und there we go. Jetzt kann ich also diesen 1111-Seiten-Klopper im Hardcoverformat lesen. Auch abends im Bett ;-)

Bisher finde ich die Handlung eigentlich gar nicht so ähnlich wie in Die Säulen der Erde (ich bin auf Seite 263). Bei den Charakteren bin ich zwiegespalten. Unsere Heldin, Caris, mag ich sehr. Ihr Love Interest, Merthin, hm. Wobei ich bei Ken Follett nicht über penisgesteuerte Charaktere überrascht bin ;-) Sex hat in Ken Folletts Büchern schon immer eine nicht unbedeutende Rolle eingenommen. Das führt allerdings in diesem Buch auch zu unterirdischen Sätzen: „It was a mouth made for sex, …“ (Seite 220). Nun gut, ich lese Ken Follett nicht zu meiner literarischen Erbauung, ich lese ihn zur Unterhaltung und für das historische Setting, mit anderen Worten, zum Spaß. Den hab ich mit dem Buch. Und da ich das meiste aus der Verfilmung vergessen habe, bin ich gespannt, wie es weitergeht.

Mein neues Hörbuch ist The Lord God Made Them All von James Herriot.

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(c) Pan Macmillan Audio

Der vierte „Sammelband“ der „All Things Bright and Beautiful“-Reihe, gelesen vom Seriendarsteller Nicholas Ralph, beginnt mit der Rückkehr von James Herriot nach Darrowby nach seiner kurzen Laufbahn bei der RAF. Und ohne große Einleitung geht es auch gleich in gewohnter Weise mit kuriosen Fällen des Landtierarztes bei kuriosen Landbewohnern. Das ist wieder sehr vergnüglich anzuhören, wenn auch bisher (hab etwa 1,5 Stunden gehört) keine großen Lacher dabei waren. Nicholas Ralph macht das wie immer großartig, aber bei der Vielzahl von Kunden des Tierarztes ist sein Repertoire an Stimmen naturgemäß irgendwann auch mal erschöpft. Was mich ein bisschen stört sind die großen Zeitsprünge, z. B. ins Jahr 1961 und dann wieder zurück in die unmittelbare Nachkriegszeit, aber das tut dem Hörvergnügen keinen Abbruch.

Soweit meine aktuelle Lektüre. Habt ihr eines der Bücher gelesen? Wie steht ihr zu „Trivialliteratur“? Bis Sonntag!

Leseupdate KW 32

Hier nun endlich mein längst überfälliges Leseupdate!

Seit dem letzten Leseupdate habe ich folgende Bücher ausgelesen, angefangen oder abgebrochen:

Geo Epoche-Ausgabe Nr. 90 über Irland

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(c) Gruner & Jahr

Von meinem Problem mit der Darstellung der Inselkelten und ihrer vermeintlichen „Invasion“ nach Irland hatte ich ja schon berichtet. Der Rest des Heftes hat mir gefallen, solide Information, interessante Themenauswahl. Besonders gefallen hat mir der Artikel über James Joyce und den Bloomsday, da habe ich einiges erfahren, das ich noch nicht wusste, und habe sogar ein wenig das Bedürfnis, mir den Ulysses doch einmal vorzunehmen. Mal sehen, ob der sich hält, oder ob das vorübergehender Wahnsinn ist. Zumindest die Dubliners würde ich mir aber wirklich gerne noch einmal vornehmen. Ich habe die mit 19 gelesen und kann mich null erinnern. Vielleicht gibt es ja ein schönes Hörbuch? Muss ich mal schauen. Auch sehr informativ die Artikel über die Troubles, zur Auffrischung der Kenntnisse super. Und ich will jetzt verstärkt „Through the Barricades“ von Spandau Ballet hören (eines der schönsten, traurigsten Lieder, die ich kenne).

Ebenso beendet habe ich Nature Journaling von Verena Hillgärtner.

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(c) Kosmos

Meines Wissens ist dies das erste deutschsprachige Werk über diesen Trend, der in Großbritannien schon länger zu beobachten ist (korrigiert mich, falls ich falsch liege). Für alle, die Interesse am Nature Journaling haben, ist das Buch ein guter Anfang, es motiviert, macht Mut, nimmt die Angst vor dem eigenen, vielleicht als schlecht eingeschätzten, Zeichentalent und gibt dem „Jung“-Journaler erste Schritte und Aufgaben an die Hand, um einen gelungenen Einstieg in dieses schöne und sinnstiftende Hobby zu verschaffen. Ich hatte zu dem Zeitpunkt, als ich das Buch las, schon ein bisschen angefangen und orientiere mich ein bisschen mehr an der Vorgehensweise von Alex Boon (https://www.youtube.com/@AlexBoonArt ; https://www.instagram.com/alexboonart/), heißt, ich journalle weniger vor Ort in der Natur als zu Hause anhand von Beobachtungen und Fotos, die ich draußen gemacht habe. Aber sicherlich, das Naturerlebnis des Zeichnens vor Ort gehört sicher dazu, Alex Boon macht das ja schon auch und auch ich nehme mir das mal für die Zukunft vor. Allerdings zeichne ich auch anders als Verena Hillgärtner überwiegend mit Buntstiften statt mit Aquarellfarben, ein kleiner Farbkasten steht aber schon bereit. Auch wenn ich die Vorschläge und Schritte zur Vorgehensweise eher nicht befolge, ist dies ein tolles Handbuch für den Einstieg. Sehr empfehlen kann ich auch den YouTube-Kanal der Autorin: https://www.youtube.com/@WiederWilderWerden

Am letzten Tag des Juli habe ich dann noch Rabbit-Proof Fence von Doris Pilkington ausgelesen.

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(c) University of Queensland Press

Bei diesem Buch, dessen Verfilmung ich vor 100 Jahren mal gesehen habe und zu dem mein Guru Peter Gabriel die Musik beigesteuert hat, war ich etwas überrascht, dass die Schilderung der eigentlichen, unglaublichen Wanderung der drei Mädchen zurück aus dem Moore River Native Settlement, in das sie verschleppt wurden, zurück in ihr Heimatdorf einen relativ kleinen Teil ausmacht. Zunächst geht es um den betreffenden Stamm und seine Geschichte und Lebensweise, insbesondere seit dem ersten Aufeinandertreffen mit den Weißen. Die unglaubliche Leistung und Besonnenheit der Protagonistin Molly ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. Wem mehr über die Verbrechen der weißen Eroberer an den Aborigines außerhalb von gewaltsamen Auseinandersetzungen erfahren möchte, sei dieses Werk empfohlen. Ich muss jedoch feststellen, dass ich den Film dem Buch wahrscheinlich vorziehen würde.

Mein aktuelles Hörbuch ist immer noch Silberflamme, der vierte Teil der Phileasson-Saga von Bernhard Hennen & Robert Corvus.

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(c) Audible Studios

Achtung, Spoiler für alle, die die Bände 1-3 noch nicht  gelesen haben!

Die im vorigen Update erwähnte Namensgleichheit einer Figur mit einer anderen, längst verstorbenen, hat sich inzwischen geklärt. Was mich aber immer noch verwirrt, ist, warum Beorn einen Vorsprung vor Phileasson hat, denn dessen Ottajasko hat immerhin anders als die von Beorn die Aufgabe um die Seuche bei den Nivesen absolviert. Aber nun gut. Das Buch ist unterhaltsam und lässt uns auf Oger, Goblins und Drachen treffen. Mir ist Phileassons Ottajasko einschließlich ihres Drachenführers nach wie vor wesentlich sympathischer als die von Beorn und ich finde auch ihre Mitglieder interessanter. Dieser Teil überrascht mit neuen romantischen Beziehungen, während eine andere auf dem Prüfstand steht. Ich bin im letzten Viertel und werde auf jeden Fall dabeibleiben.

Abgebrochen habe ich Die Insel des vorigen Tages von Umberto Eco.

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(c) Hanser Verlag

Von Umberto Eco habe ich bisher Der Name der Rose sehr gerne und Baudolino gerne gelesen. In diesem Werk treibt Eco seine intellektuellen Gedankenspiele jedoch auf die Spitze. Da kommt es schon mal vor, dass man in einem Satz mehrere Begriffe recherchieren muss, was alleine schon ermüdend ist. Das war aber nicht mein größtes Problem mit dem Buch. Ich bin bereit, in Bücher ein gewisses Maß an Recherche zu investieren, wenn es nicht überhandnimmt, macht mir das sogar Spaß. Hier jedoch wechselt sich die eigentliche Handlung mit Rückblicken in die Geschichte des Protagonisten ab, etwa Städtebelagerungen, an denen er teilgenommen hat. Und schon der erste dieser Rückblicke hat mich unfassbar gelangweilt. Ich hatte gleich den Verdacht, dass sich das im Laufe des Buchs fortsetzen würde, und habe mal ein paar Rezensionen gelesen. Hätte ich besser gemacht, bevor ich das Buch bestellt habe. Viele Rezensenten erzählen ebenfalls von gähnender Langeweile. Und darauf habe ich keine Lust. Ich muss dazu anmerken, dass in meiner Lesegruppe eher Begeisterung herrscht und sie Freude an der Interpretation des Textes hat. Ich bin über Seite 66 nicht hinausgekommen.

Gerade lese ich Urwelten – Eine Reise durch die ausgestorbenen Ökosysteme der Erdgeschichte von Thomas Halliday

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(c) Büchergilde Gutenberg

Übersetzung aus dem Englischen von Hainer Kober

Ich habe im Moment große Lust auf Sachbücher, insbesondere solche, die sich mit der Natur beschäftigen. Und vergangene Zeiten sind ja eh mein Ding. Die Büchergilde-Ausgabe dieses Buchs ist einfach wunderschön, das sei vorab bemerkt. Interessant ist, dass Halliday einen umgekehrten Ansatz verfolgt, um über die natur in den verschiedenen Erdzeitaltern zu berichten. Das heißt, er beginnt nicht in der am weitesten zurückreichenden Periode, sondern im Känozoikum, und arbeitet sich zurück in die früheren Epochen. Ich befinde mich gerade im Kapitel über das Jura, diese Zeit ist für Dinosaurierliebhaber natürlich besonders interessant. Es sei allerdings darauf hingewiesen, dass den Dinosauriern hier nicht mehr Raum eingeräumt wird als anderen Tieren. Mir gefällt das Buch ausgesprochen gut. Halliday legt eine Erklärung anhand einer Metapher für den menschlichen Stammbaum vor, die wohl die anschaulichste ist, die ich je gelesen habe. Chapeau. Die Informationsdichte ist natürlich ziemlich hoch, weshalb ich weniger gut voran komme wie gewünscht (was allerdings auch damit zusammenhängt, dass ich gerade wieder eine ausgeprägte Abendmüdigkeitsphase habe). Das Buch macht Spaß und ich freue mich auf die verbleibenden Kapitel.

So, ich hoffe, das nächste Update lässt nicht so lange auf sich warten. Allerdings werde ich nach Urwelten zunächst eine Ausgabe des Büchermagazins lesen. Als nächstes Hörbuch ist der letzte Teil der All Creatures Great and Small-Reihe geplant.

Habt alle ein schönes Wochenende!

Leseupdate KW 29

Moin zusammen! Ich freue mich auf den heutigen Tag, denn ich habe ihn mir freigehalten, um ihn ganz Büchern, Booktube und dem Journaling widmen zu können. Meine Motivation hat heute Morgen auch einen Schub bekommen, da ein Administrator von Observations.org meine Sichtung einer Italienischen Schönschrecke, die in Deutschland vom Aussterben bedroht ist, offiziell bestätigt hat. Vielleicht wage ich mich heute wirklich daran, das Vieh Insekt zu zeichnen.

Aber kommen wir zu den Büchern, sonst wirft mir noch jemand Clickbaiting vor ;-)

Gestern Abend habe ich Der Name des Windes von Patrick Rothfuss ausgelesen.

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(c) Klett-Cotta

Mein Eindruck ist seit dem letzten Update größtenteils gleich geblieben: Das ist gute Fantasy, vor allem in sprachlicher Hinsicht. Ich habe allerdings ein wenig den Verdacht, dass die Sprache im Original noch interessanter ist, ich hätte es wirklich auf Englisch lesen sollen. Nichtsdestotrotz: Ich sehe immer noch nicht ein, warum dieses Werk so viel besser sein soll als andere Fantasy. Mein Eindruck, dass es sich um eine sehr männerlastige Fantasy handelt, wurde im Verlauf des Buches ein wenig besser, als zumindest eine weibliche Figur begann, eine größere Rolle zu spielen, allerdings nur in Bezug auf den Helden. Den Bechdel-Test würde das Buch auf keinen Fall bestehen ;-) Ich habe wahrlich nichts gegen eine langsam fortschreitende Handlung, sonst wäre ich kein Fan von Tad Williams. Ich würde aber die Bücher des letzteren diesem immer noch vorziehen, das World Building (das für mich immer noch das Wichtigste ist an Fantasy-Literatur) kommt in keiner Weise an das von Robert Jordan in der The Wheel of Time-Reihe heran, auch wenn das Magiesystem einen sehr wissenschaftlichen Anklang hat. Und was die Charakterisierung der Figuren angeht, ist diese meilenweit entfernt von George R. R. Martins genialer Figurenzeichnung in A Song of Ice and Fire. Nur Kvothe ist ein wirklich dreidimensionaler Charakter. Aber lassen wir die ganzen Vergleiche, ich bin ja gar kein Freund dieser Tendenz auf Booktube, Fantasy-Bücher und -Reihen in eine Rangfolge einzuordnen. Das soll auch keine negative Review sein, ich habe dem Buch vier Sterne gegeben und freue mich auf den zweiten Teil. Und hoffe, dass Rothfuss irgendwann auch den abschließenden Band vorlegt.

Mein aktuelles Hörbuch ist Silberflamme von Bernhard Hennen & Robert Corvus, der vierte Teil der Phileasson-Saga, gesprochen von Detlef Bierstedt.

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(c) Audible Studios

Auch dem vierten Teil ist ein sehr langer Prolog vorangestellt, der uns 250 Jahre in die Vergangenheit führt. Die Geschichte fand ich dieses Mal recht interessant, war allerdings sehr verwirrt über die Namensgleichheit einer der Figuren mit einer Figur in Phileassons Geschichte. Ich kann nur annehmen, dass der eine Charakter nach dem anderen benannt wurde, denn auch in dieser Welt werden Menschen nicht sooo alt. Überhaupt macht es mir nach wie vor Schwierigkeiten, den Überblick über die Vielzahl der Figuren zu behalten, teilweise kann ich auch beim besten Willen nicht heraushören, wie die Namen in schriftlicher Form aussehen würden. Ich sollte vielleicht mal schauen, ob es ein entsprechendes Wiki gibt. Vom Hocker reißt mich das Buch bisher nicht, aber meine Erwartungen an die Reihe halten sich auch in Grenzen. Allerdings muss ich feststellen, dass ich in zunehmendem Maße von der salbungsvollen Sprechweise der Elfen, die vom Sprecher Bierstedt auch noch entsprechend betont wird, genervt bin. Das Buch ist 22 Stunden lang, also kommt noch einiges auf mich zu.

Meine aktuelle Hauptlektüre ist die Geo Epoche-Ausgabe Nr. 90 über Irland.

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(c) Gruner + Jahr

Ich fürchte, diese Ausgabe und ich hatten keinen guten Start miteinander. Denn gleich auf Seite 20 geht es um die keltische Invasion der Insel, die, wie wir inzwischen aufgrund genetischer Untersuchungen wissen, in dieser Form nie stattgefunden hat. Die heutigen Bewohner Irlands stammen zu großen Teilen von der Bevölkerung ab, die schon vor der Zeit der Kelten in Irland lebte. Was tatsächlich stattfand, war eine Übernahme der keltischen Kultur. Ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Erkenntnis schon 2018 vorlag, müsste das aber überprüfen. Normalerweise wünsche ich mir möglichst viel Vor- und Frühgeschichte in Geo Epoche (denn die ist mein Ding), aber in dem Fall bin ich ganz froh, dass der Großteil des Heftes sich mit späteren Epochen beschäftigt.

Nebenbei habe ich außerdem begonnen, das gerade erst im Kosmos-Verlag erschienene Buch der Wildnispädagogin Verena Hillgärtner (@wiederwilderwerden), Nature Journaling, zu lesen.

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(c) Kosmos

Ich folge der Autorin auf YouTube und Instagram, sie ist eine der Inspirationen für meine eigenen Nature Journaling-Aktivitäten. Das Buch gefällt mir bisher sehr, auch hier bin ich aber noch ziemlich am Anfang.

Soweit mein Leseupdate für diese Woche. Ich freue mich schon sehr darauf, heute Abend weiter in Nature Journaling und der Geo Epoche weiterzuschmökern, bevor morgen mein Serienabend folgt.

Habt alle ein schönes Wochenende!

Leseupdate KW 28

Da ich letzte Woche keine Zeit für den Artikel hatte, sind seit meinem letzten Update drei Wochen vergangen und ich habe einiges beendet. Legen wir mal los.

Beendet: John Steinbecks The Grapes of Wrath

(c) Penguin

Dieses Buch hat mich sehr beeindruckt und gleichzeitig gut unterhalten. Mich interessiert Sozialgeschichte allgemein und die Weltwirtschaftskrise und die Dust Bowl insbesondere. Es ist ein bitteres Buch, das Steinbecks Wut auf den Kapitalismus deutlich spüren lässt.

„The works of the roots of the vines, of the trees, must be destroyed to keep up the price, and  this is the saddest, bitterest thing of all. Carloads of oranges dumped on the ground. The people came for miles to take the fruit, but this could not be“…

„There is a crime here that goes beyond denunciation. There is a sorrow here that weeping cannot symbolize. There is a failure here that topples all our success. The fertile earth, the straight tree rows, the sturdy trunks, and the ripe fruit. And children dying of pellagra must die because a profit cannot be taken from an orange. And coroners must fill in the certificates – died of malnutrition – because the food must rot, must be forced to rot.“ …

„… and in the eyes of the hungry there is a growing wrath. In  the souls of the people  the grapes of wrath are filling and growing heavy, growing heavy for the vintage.“ (Seite 364-365)

Sprachlich und inhaltlich ganz große Klasse. Ich freue mich darauf, mehr von diesem intelligenten Autor zu lesen.

Beendetes Hörbuch: Druidendämmerung von Mira Valentin

(c) Argon Verlag

Sprecher: Robert Frank

Dauer: 13 h 8 min

Nach meinem ersten Update zu diesem Buch fällt mir ehrlich gesagt nicht mehr allzu viel ein. Es ist ein solides, unterhaltendes Fantasybuch, das sich liest wie das Retelling einer keltischen Sage. Ich kann nicht sagen, dass es mich wirklich gepackt hat. Ich hab es durchaus gern gehört, aber es ist meiner Meinung nach nichts, was man gelesen haben muss. Es ist aber sicher eine gute Wahl für Leser*innen, die sich für die zahlreichen Fabelwesen der keltischen Mythologie interessieren.

Beim letzten Update wegen des Gruppenreads pausiert hatte ich Die Söhne der Wölfin von Tanja Kinkel. Inzwischen habe ich es fertiggelesen.

(c) dot.books

Ich bezeichne dieses Buch ja als mein liebstes von Tanja Kinkel, was vor allem an meiner Faszination für die Entstehung Rom liegt. Auch beim zweiten Lesen hat mich das Szenario mit der Konfrontation von Latinern und Etruskern gepackt. Dennoch muss ich feststellen, dass meine Begeisterung nicht so groß war wie beim ersten Lesen. Was mich ein wenig stört, ist, dass große Teile des Buches eben nicht im Latinum spielen, sondern in Griechenland und Ägypten. Ich kann das verstehen, Tanja Kinkel wollte sicher ein Panorama der damaligen, griechisch geprägten antiken Welt schaffen. Das ist ihr auch durchaus gelungen, aber ich wäre lieber in Italien geblieben. Auch die Darstellung von Romulus als seit seiner Jugend intellektuell überlegenen, aber zornigen und boshafteren Zwilling hat mir dieses Mal weniger gut gefallen. Bei allen Fehlern, die die Serie „Romulus“ hat, deren Charakterisierung der Zwillinge und Erklärung des Brudermordes finde ich interessanter. Auf jeden Fall will ich demnächst Sachbücher über Rom lesen. Ich schaue gerade die zweite Staffel der Serie „Rom“ noch einmal und mein Gott, was war das für eine faszinierende Stadt und Zeit.

Die Julilektüre unserer Lesegruppe auf Goodreads war The Promise von Damon Galgut und ich habe sie auch schon beendet.

(c) Vintage

Ich muss gestehen, das ist erst mein zweites Buch eines südafrikanischen Autors. Literarisch habe ich Apartheid-Südafrika bisher nur mit Trevor Noah besucht, in seinem Memoir „Born a Crime“, das ich großartig fand. „The Promise“ ist nun ein Buch eines weißen Südafrikaners und es spielt auch im Umfeld auf der Farm einer recht gutsituierten weißen Familie in der Nähe von Pretoria. Interessant ist das Buch vor allem strukturell, es ist unterteilt in die Kapitel „Ma“, „Pa“, „Astrid“ und „Anton“ und spätestens ab dem dritten Kapitel kann man sich denken, wieso. Bei dem titelgebenden Versprechen handelt es sich um das Versprechen der Mutter an ihr schwarzes Hausmädchen Salome, dass diese das Haus auf dem Grundstück der Familie, das sie bewohnt, bekommen soll. Der Rest der Familie ist gegenüber diesem Versprechen jedoch nicht sehr aufgeschlossen. Die Erzählperspektive wechselt im Buch zwischen den einzelnen Familienmitgliedern. Eine Art Hauptfigur ist dabei die jüngste Tochter Amor, die Zeugin des Versprechens an Salome wurde. Das Buch ist sprachlich ganz fantastisch geschrieben. Ich habe mir zahlreiche Sätze und Passagen unterstrichen. Den Ton emfand ich insgesamt als recht zynisch, wirklich sympathisch ist bis auf Amor niemand, und etwa die Art des Ablebens des Familienvaters ist auf morbide Art regelrecht komisch. Auch auf der Interpretationsebene birgt der Roman großes Potential, in unserer Lesegruppe wurde unter anderm darauf verwiesen, dass Freuds Konzept von Eros vs. Thanatos eine Rolle spielen könnte und der Bruder Anton dabei für Thanatos und die Schwestern Astrid und Amor als Eros interpretiert werden könnten. Schon Amors Name deutet ja darauf hin, dass sie für Liebe steht. Ich kenne mich selbst damit leider nicht aus, aber es ist schon spannend, was in einem solchen Werk alles drinstecken kann. Ein in meinen Augen unkonventioneller Familienroman, der Lust auf mehr von Galgut macht.

Seit dem letzten Update habe ich außerdem Tom Feltons Memoir Beyond the Wand gelesen.

(c) Grand Central Publishing

Sprecher: Tom Felton

Dauer: 6 h 36 min

Memoirs lese ich besonders gerne im Hörbuchformat, vor allem, wenn der Autor sie selbst vorliest. Ich bin jetzt kein Mega-Harry-Potter-Fan, bin ja auch zu alt, um damit aufgewachsen zu sein, aber ich hab die Bücher schon mit Begeisterung gelesen und auch zumindest die ersten vier Filme mehrfach geschaut. Tom Felton hat Draco Malfoy meiner Meinung nach großartig dargestellt, zuerst der kleine, dann der große Fiesling, der jedoch selbst auch unter großem Druck steht und am Ende einen großen inneren Konflikt auskämpfen muss. Nach dem, was ich von Felton über seine Darstellung des Draco Malfoy in den späteren Filmen gehört habe, will ich diese auch unbedingt noch einmal sehen.

Das Hörbuch beginnt aber nicht mit Toms Potter-Jahren, sondern setzt schon früher ein, denn er war ja als Kinderstar schon zuvor in den Filmen „Ein Fall für die Borger“ und „Anna und der König“ zu sehen. Was Felton von seiner Familie, seinen ersten schauspielerischen Bemühungen und seinen Co-Stars erzählt, ist absolut unterhaltsam und stellenweise sehr komisch, ich habe sehr viel gelacht. Den größten Teil des Buches nehmen natürlich die langjährigen Dreharbeiten an den Harry Potter-Filmen ein. Felton verschweigt dabei auch nicht, dass er schon ein paar Mal in Schwierigkeiten geriet. Über seine Schauspielerkollegen berichtet Tom in sehr warmem Ton, das ist sehr sympathisch zu lesen und weckt nostalgische Gefühle, vor allem, wenn er von dem verstorbenen Alan Rickman oder auch von Robbie Coltrane erzählt, der inzwischen ja auch verstorben ist. Ich wusste auch nicht, dass Felton und Emma Watson sich so nahe stehen. Felton gibt einige Aussagen von Emma über sich selbst wieder, die mich wirklich beeindruckt haben.  Tom liest seine Geschichte sehr engagiert, die Kapitelankündigungen schreit er regelrecht raus, oft ist auch eine Art nervöses Lachen zu hören, auch das wirkt durchaus sympathisch. Die letzten eineinhalb Stunden des Buches befassen sich mit der Zeit nach Potter und da wird auch der Ton ernster, denn obwohl Tom gleich eine Rolle in „Planet der Affen – Prevolution“ angeboten wurde, hatte er es danach nicht immer so leicht. Nach einiger Zeit war er in Hollywood, wo er mit seiner Freundin hingezogen war, auch sehr unglücklich, ohne es wirklich zu realisieren. Die Folge war ein höchst ungesunder Lebensstil mit viel Alkohol, eine Reha, aus der er floh und weitere Therapien. Der Schluss ist dann wieder sehr positiv, zugegebenermaßen auch ein wenig pathetisch.

Ein für alle Fans der Harry Potter-Filme ein wirklich lesens- bzw. hörenswertes Buch.

Begonnen habe ich mit Der Name des Windes von Patrick Rothfuss.

(c) Klett-Cotta

Ich bin ca. auf Seite 270. Das Buch gefällt mir bisher gut, vor allem der Anfang hat mich sprachlich beeindruckt und ich ärgere mich jetzt ein bisschen, dass ich es nicht im Original habe. Bisher kann ich allerdings nicht nachvollziehen, warum der Roman so viel besser sein soll als andere Fantasy, das kann aber natürlich noch kommen. Was mir außerdem auffällt, ist, dass das mal wieder eine sehr männerlastige Fantasy ist, bis auf die Mutter des Protagonisten gab es bisher kaum weibliche Figuren. Ich lese es aber gern und bin gespannt, wie es weitergeht.

Als Hörbuch habe ich mir den nächsten Teil der Phileasson-Saga heruntergeladen, Silberflamme, aber noch nicht damit begonnen.

So viel zu meiner Lektüre in den letzten drei Wochen :-)

Zuletzt gelesene Bücher – Juli/August 2022

Tad Williams: Into the Narrowdark

(c) Daw Books

Noch nicht auf Deutsch erschienen

Achtung, Spoiler möglich für diejenigen, die The Witchwood Crown und Empire of Grass noch nicht gelesen haben.

Den dritten Teil einer Reihe zu rezensieren, ohne zu viel zu verraten, ist nur eingeschränkt möglich, zumal wenn der zweite Teil mit einem fiesen Cliffhanger endet. Deshalb fasse ich mich hier kurz: Ist gut.

Nein quatsch, kann schon noch dazu sagen, dass auch dieser Teil wieder sehr spannend war und ich sehr mit meinen Lieblingsfiguren mitgelitten habe. Dass Simon die Nachricht von Miris mutmaßlichem Tod verkraften muss, ist schon schlimm genug, aber Tad Williams weiß das durchaus noch zu toppen. Aufgelockert wird das Ganze durch die gemeinsamen Abenteuer von Morgan und Nezeru, die gar nicht wissen, dass sie verwandt sind. Ansonsten könnt ihr euch auf einen weiteren Cliffhanger gefasst machen. Das Warten auf The Navigator’s Children hat begonnen.

Chigozie Obioma: The Fishermen

(c) Little, Brown and Company

Deutscher Titel: Der dunkle Fluss

Benjamin lebt mit seinen drei Brüdern und seinen Eltern in einer nigerianischen Kleinstadt. Eines Tages verkündet der Vater, dass er beruflich in einer weiter entfernten Stadt eingesetzt werden wird und die Familie daher nur noch zu Besuchen sehen wird. In dieser Zeit entdecken die vier Jungs den nahe gelegenen Fluss für sich, üben sich im Fang kleiner Fische. Der Fluss hat jedoch einen üblen Ruf, der tief im nigerianischen Volksglauben verankert ist. Dann macht ein örtlicher als verrückt bekannter Mann, auf den sie treffen, eine düstere Prophezeiung und außerdem werden die Jungen von einer Nachbarin am Fluss gesehen. Das  gibt erst mal Ärger mit den Eltern. Doch die Prophezeiung des Verrückten wird vom ältesten Bruder, den sie betrifft, ernst genommen und vergiftet für immer die Beziehungen zwischen den Brüdern. Das Unglück nimmt seinen Lauf. Das Debüt des nigerianischen Schriftsteller Chigozie Obioma ist ein düsterer, fesselnder Blick auf die Nachwirkungen der Kolonialisierung und des Einflusses des alten Glaubens auf die heutige nigerianische Gesellschaft. Das Buch steckt voller Symbolismus, was mir persönlich sehr gut gefallen hat, in der Leserunde aber auch auf Ablehnung gestoßen ist. Mir hat der Roman sehr gut gefallen und mir Lust auf weitere afrikanische Literatur gemacht.

Maja Lunde: Die Geschichte des Wassers

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(c) btb

Übersetzung aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein

2017. Die ältere Norwegerin Signe erfährt, dass in ihrem Heimatdorf ein Projekt geplant ist, dass einen wertvollen Bachlauf samt Wasserfällen zerstören würde. Sie sabotiert das Projekt und nimmt mit ihrem Boot Kurs auf Südfrankreich, wo einer der Initiatoren des Projekts lebt, um ihm das Eis, das Produkt, das er vermarkten will, vor die Füße zu werfen. Das Pikante: Es handelt sich um ihren ehemaligen Freund. In Rückblenden erinnert sich an ihre gemeinsame Jugend. 20 Jahre später erreicht ein junger Franzose mit seiner Tochter ein Flüchtlingscamp im südlichen Frankreich. Eine jahrelange Dürre hat die Trinkwasserversorgung lahmgelegt, Menschen flüchten aus südlichen Regionen in die „Wasserländer“ im Norden Europas. Die Zukunft sieht düster aus.

Im zweiten Teil ihres Klimaquartetts springt Maja Lunde wieder zwischen den verschiedenen Erzählsträngen hin und her. Das liest sich gut und spannend. Ein wenig blass bleiben die Figuren, es wirkt alles ein wenig konstruiert. Was Lunde jedoch durchaus gelingt, ist, den Leser*innen unsere mögliche Zukunft vor Augen zu halten. Zwar wissen wir um die Auswirkungen des Klimawandels, aber es in einer solchen Geschichte  vor Augen geführt zu bekommen, lässt das Ganze doch etwas realer erscheinen. Insgesamt durchaus lesenwert, kommt aber erzählerisch nicht an Die Geschichte der Bienen heran. Trotzdem werde ich das Quartett weiterlesen.

James Robertson: News of the Dead

(c) Penguin Audio

Derzeit liegt keine deutsche Übersetzung vor.

Sprecher: Sheila Reid, David Monteath, David Rintould

Dauer: 14 h 30 min

James Robinsons historischer Roman ist aus drei verschiedenen Erzählperspektiven verfasst. In der Gegenwart erzählt uns Maja, die älteste Bewohnerin eines fiktiven schottischen Tals namens Glen Conach, von ihren Begegnungen mit Lachie, einem Jungen, der glaubt, immer wieder einen Geist zu sehen, von ihrem Wissen über den Einsiedler Conach, der in früheren Zeiten in dem Tal lebte, und schließlich auch von der Geschichte eines stummen Mädchens, das kurz nach dem Krieg im Tal auftauchte. Tagebucheinträge des Antiquars Charles Kirkliston Gibb berichten von dessen Aufenthalt im Tal im frühen 19. Jahrhundert zu dem Zweck, das „Book of Conach“, ein altes Manuskript über das Leben des „Beinahe-Heiligen“ Conach zu transkribieren. Unterkunft findet er bei dem lokalen Laird und seiner Familie. In einer dritten Erzählperspektive lesen bzw. hören wir den Wortlaut des fraglichen Manuskripts, das in einer entsprechend sagenartigen Form verfasst ist. Diese drei Perspektiven machen den Roman zu einem sehr ungewöhnlichen und originellen historischen Roman. Vor allem der Bericht von Gibb hat dabei seine Längen, ich möchte ihn nicht langweilig nennen, aber richtig fesseln konnte mich die Geschichte nicht. Was mich schließlich doch noch veranlasst hat, dem Buch vier statt drei Sterne zu geben, war der letzte Teil, in dem Maja von „The Dumb Girl“ berichtet, und ganz besonders die mitreißende Performance der Erzählerin Sheila Reid, die für ein außergewöhnliches Hörbucherlebnis sorgt. Die beiden anderen Perspektiven werden von David Monteath und David Rintould gesprochen, die ihren Job ebenfalls sehr gut machen. Den Twist gegen Ende habe ich relativ früh vorhergesehen. Insgesamt erhalten wir in dem Buch ein sehr schönes Panorama eines einsamen schottischen Tals und seiner Geschichte und seiner Bedeutung für seine Bewohner.

 

Zuletzt gelesen – März 2022

Alexander Osang: Die Leben der Elena Silber (Hörbuch)

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(c) HörbuchHamburg

Dauer: 17 h 8 min

Gelesen von: Stefan Kaminski

Es war der Zufall, der mich Mitte Februar ausgerechnet zu einem Hörbuch mit einer russischen Protagonistin führte. Auch, dass ich gerade die Geo Epoche zur Russischen Revolution gelesen hatte und Stefan Kaminski mein Lieblingshörbuchsprecher ist. Wir begleiten einerseits Elena, die im revolutionären Russland aufwächst, durch die verschiedenen Phasen des 20. Jahrhunderts in Russland und der DDR, andererseits ihren Enkel Konstantin Stein, einem eher erfolglosen Filmemacher in der Jetztzeit. Elenas Schicksal führt sie aus der Provinz über Moskau und Leningrad nach Deutschland, Konstantin hadert mit der Entscheidung seiner Mutter, seinen dementen Vater in einem Heim unterzubringen, und seiner mauen Filmkarriere. Laut seiner Mutter findet er sein Thema nicht. Ein Roman mit zwei Zeitebenen also. Elena ist eher keine Identifikationsfigur, man wird nicht wirklich mit ihr warm, ihren Lebensweg durch die ereignisreiche erste Hälfte des 20. Jahrhunderts zu verfolgen, ist aber interessant. Konstantin ist vergleichsweise sympathisch, die Schilderungen über seinen Umgang mit dem dementen Vater sind berührend, gerade für jemand, der selbst ein Elternteil an die Demenz verloren hat. Nicht ganz unterdrücken konnte ich die Frage, wie Konstantin das bitte alles finanziert, da er ja keinen Erfolg mit seinen Filmprojekten zu haben scheint. Ganz zum Schluss klärt sich schließlich auch die Frage, was mit Elenas Ehemann und Konstantins Großvater passiert ist. Empfehlenswerter historischer Roman über ein russisch-deutsches Schicksal.

Über Stefan Kaminski muss ich nicht viel sagen, er macht das wie immer brillant.

Robert Jordan: New Spring (The Wheel of Time #0)

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(c) Little, Brown Book Group

In der Prequel zu Robert Jordans „The Wheel of Time“-Reihe erfahren wir, wie es dazu kam, dass Moiraine Damodred und Lan Mandragoran 20 Jahre vor den Ereignissen von The Eye of the World begannen, nach dem Dragon Reborn zu suchen. Moiraine ist zu Beginn des Buches wie ihre Freundin Siuan Sanche noch eine von den „Accepted“, wird aber bald den Test zur vollen Aes Sedai durchlaufen. Lan, der noch nicht Moiraines Warder ist, zieht als Krieger durch die Lande. Die Geschichte konzentriert sich größtenteils auf Moiraines und Siuans Werdegang. Das liest sich alles recht interessant, es ist auch spannend über Lans Vorgeschichte zu erfahren, auch wenn das, was man über die Kultur von Malkier lernt, nicht allzu erbaulich ist (ich sage nur, Männer haben es da nicht leicht…). Das Buch ist sicher besonders für Moiraine/Siuan-Shipper interessant und bietet einige Hintergründe, ein Highlight ist es jedoch nicht.

Stefan Zweig: Ungeduld des Herzens

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(c) Null Papier Verlag

In seinem einzigen Roman lässt Stefan Zweig einen jungen Offizier auf eine gehbehinderte junge Frau treffen. Noch in Unkenntnis über ihre Behinderung fordert er sie auf einem Ball zum Tanz auf. Der unendlich peinliche Vorfall bewirkt, dass Anton Hofmiller sich der jungen Dame verpflichtet fühlt, er beginnt, die Familie regelmäßig zu besuchen und schon bald entsteht eine enge Freundschaft zwischen Anton, Edith, ihrer Cousine und ihrem Vater. Die Beziehung ist jedoch problematisch, denn vonseiten Antons wird sie ausschließlich vom Mitleid bestärkt, während Edith beginnt, echte Gefühle für den jungen Mann zu entwickeln. Das Desaster nimmt seinen Lauf. Aus heutiger Sicht ist der Ableismus der Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht leicht zu ertragen. Besonders bezeichnend der Satz „So etwas kann man doch nicht heiraten“. Der wirklich sehr leicht zu lesende Roman zeigt eindrücklich die dramatischen Konsequenzen, die eine Beziehung auf der Basis von Mitleid haben kann.

Jessica Townsend: Wundersmith – The Calling of Morrigan Crow (Nevermoor #2) (Hörbuch)

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(c) Hachette

Dauer: 11 h 50 min

Gelesen von: Gemma Whelan

Deutscher Titel: Das Geheimnis des Wunderschmieds

Im zweiten Teil der Nevermoor-Reihe ist es endlich soweit: Morrigan Crow wird Schülerin an der Wundrous Society. Doch von Beginn an werden ihre Steine in den Weg gelegt: Ein einziges Fach darf sie belegen, und dort soll sie ausschließlich lernen, wie furchtbar Wundersmiths sind und welche Desaster sie in der Vergangenheit über Nevermoor gebracht haben. Dann beginnt Morrigans „Unit“, die Mitschüler, die ihre Brüder und Schwestern werden sollen, Erpresserbriefe zu erhalten und unfassbare Dinge von seinen Mitgliedern zu verlangen, wenn Morrigans Geheimnis, dass sie ein Wundersmith ist, nicht offenbart werden soll. Und immer mehr Angehörige der Wundrous Society scheinen plötzlich zu verschwinden…

Dieser Teil der Reihe hat mir fast noch besser gefallen als der erste. Jessica Townsends Ideen und ihr World Building sind faszinierend, lustig und spannend. Lediglich einen kleinen Abzug muss ich von der 5-Sterne-Wertung machen, und zwar, weil ein Aspekt mich doch ein wenig zu sehr an etwas Ähnliches im ersten Harry Potter-Buch erinnerte, was angesichts des Schul-Settings aber auch nicht verwunderlich ist. Dieser Aspekt war für mich jedenfalls einigermaßen vorhersehbar. Auch ein anderes Element, das erst am Schluss aufgelöst wird, habe ich vorhergesehen, das macht aber der tollen Unterhaltung, die das Buch bietet, keinen Abbruch.

Wieder möchte ich ausdrücklich das Hörbuch empfehlen, denn Gemma Whelan macht ihre Aufgabe mit ihrer variantenreichen Stimme großartig.

Zuletzt gelesene Bücher – Februar 2022

Im Februar habe ich drei kürzere und zwei längere Bücher gelesen bzw. gehört. „Amerikas Gotteskrieger“ und „Der große Augenblick“ habe ich schon rezensiert, hier nun Kurzrezensionen zu den restlichen Büchern, inklusive des letzten Hörbuchs aus dem Januar.

Shirley Jackson: We Have Always Lived in the Castle (Hörbuch)

(c) Blackstone Audiobooks

Dauer: 5 h 32 min

Gelesen von: Bernadette Dunne

Deutscher Titel: Wir haben schon immer im Schloss gelebt

Merricat lebt mit ihrer Schwester Constance und ihrem alten Onkel Julian in einem abgeschiedenen Haus bei einer kleinen Stadt, deren Bewohner die Familie meiden und mit Argwohn betrachten. Denn vor Jahren ist der Rest der Familie an einer Arsenvergiftung gestorben. Die ältere Schwester Constance wurde verdächtigt, jedoch freigesprochen. Die drei leben in relativem, abgeschiedenen Frieden, bis sie von einem Besucher überrascht werden.

Von Beginn an herrscht in diesem Roman von Shirley Jackson eine merkwürdige, angespannte Stimmung. Zunächst scheint vor allem Constance ein Problemfall zu sein, da sie nicht in der Lage ist, das Grundstück zu verlassen, und Angst vor anderen Menschen hat. Merricat will sie offensichtlich beschützen. Doch langsam wird immer deutlicher, dass tatsächlich mit Merricat etwas nicht stimmt, sie hat merkwürdige Angewohnheiten, verbietet sich selbst, bestimmte Hausarbeiten auszuführen oder Zimmer zu betreten. Als der Besuch eintrifft, eskaliert die Situation.

Das war ganz nach meinem Geschmack. Ich mochte die düstere Stimmung, die langsame Annäherung an die Wahrheit, das Hervortreten der Düsternis in Merricat. Sehr gelungenes Buch, dessen Ausgang den Leser*innen Platz für eigene Spekulationen lässt.

Die Sprecherin macht ihren Job gut, schafft die passende Atmosphäre, ohne zu übertreiben.

Isabel Wilkerson: The Warmth of Other Suns – The Epic Story of America’s Great Migration

(c) Vintage Books

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels lag keine Übersetzung ins Deutsche vor.

Von den Zehner- bis zu den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts wanderten zahlreiche Afroamerikaner aus den Südstaaten der USA in deren nördliche und westliche Regionen aus. Sie flüchteten aus den Staaten, in denen Schwarze durch die Jim Crow-Gesetze unterdrückt wurden und wegen kleinster Anlässe um ihr Leben fürchten mussten. Wilkerson erzählt die Geschichte dieser Migration exemplarisch anhand des Schicksals dreier Auswanderer: Ida Mae Gladney, die mit ihrem Mann zusammen in Mississippi als Sharecropperin lebte und von dort nach Chicago ging, George Starling, einem Feldarbeiter, der in Florida in Lebensgefahr schwebte und nach New York auswanderte, weil er für die Rechte der schwarzen Arbeiter gekämpft hatte, und schließlich Robert Forster, einem Mediziner, der von Louisiana nach Kalifornien ging, um dort eine Praxis aufzubauen. Gelegentlich ergänzt Wilkerson die Geschichte dieser drei Personen mit Erfahrungen weiterer Auswanderer. Im ersten Teil beschreibt sie außerdem, welcher Unterdrückung und welchen Gefahren die Afroamerikaner im Süden der USA ausgesetzt waren. Die intensive Auseinandersetzung mit drei Einzelschicksalen funktioniert sehr gut, da sie den Leser*innen die Personen nahe bringt und mitfiebern lässt. Vor allem Ida Mae wuchs mir ans Herz. Gelegentlich hätte ich mir allerdings doch mehr allgemeinere Informationen gewünscht. Ein wertvoller und kurzweiliger Beitrag zur Black History-Geschichtsschreibung.

Jessica Townsend: The Trials of Morrigan Crow – Nevermoor 1 (Hörbuch)

Coverabbildung
(c) Orion Children’s Books

Deutscher Titel: Fluch und Wunder (Nevermoor 1)

Dauer: 11 h

Gelesen von: Gemma Whelan

Ein Mädchen, das verflucht ist, an seinem 11. Geburtstag sterben soll, aber stattdessen in einer Stadt voller Wunder landet und sich um Aufnahme an einer besonderen Akademie (die Wundrous Society) bewerben soll? Wer denkt da nicht an Harry Potter? Auch ich habe lange gezögert, bis ich mir dieses Buch schließlich doch gekauft habe. Einen Harry Potter-Aufguss wollte ich nicht. Doch ich hörte von immer mehr Booktubern, dass die Bücher wirklich gut sein sollen. Und tatsächlich, das ist nicht Harry Potter reloaded, das ist etwas ganz Eigenes. Morrigan Crow, die Protagonistin, ist eher eine Antiheldin, da sie verflucht ist, wird sie in ihrer Gegend für so ziemlich alles verantwortlich gemacht, was schiefläuft. Auch ihre eigene Familie hat es vermieden, eine liebevolle Beziehung zu ihr aufzubauen, da sie ja eh an ihrem 11. Geburtstag sterben wird. Wäre da nicht Jupiter North, ein ziemlich cooler Typ, der sich Morrigans annimmt, ein angesehenes Mitglied der Wundrous Society, ein Forscher, Held und der Besitzer des abgefahrensten Hotels, von dem ihr je gehört habt. Jessica Townsend zieht alle Register ihrer Fantasie, Nevermoor macht richtig Spaß, ist spannend und humorvoll, wunderbare Middle-Grade-Fantasy. Ich freue mich auf den zweiten Teil.

Die Vorleserin Gemma Whelan kennen viele von euch als Yara bzw. im Deutschen Asha (?) aus Game of Thrones. Ich habe mich auch für das Hörbuch entschieden, weil sie eine begnadete Hörbuchsprecherin sein soll – und das kann ich bestätigen ;-)

George Sand: Sie sind ja eine Fee, Madame! – Märchen aus Schloss Nohant

Übersetzung aus dem Französischen von Angela von Hagen und Hans T. Siepe

Leider habe ich keine Coverabbildung für dieses Buch parat, da es nur noch antiquarisch erhältlich ist.

Die französische Schriftstellerin George Sand, die eigentlich Amantine Aurore Lucile Dupin de Francueil hieß, war eine Vorreiterin des Feminismus im Frankreich des 19. Jahrhunderts. Sie wurde durch ihre Romane und politischen Schriften bekannt. Sie rebellierte gegen die Regeln ihres Standes und hatte mehrere Affären, unter anderem mit dem Komponisten Frédéric Chopin. Sie hatte aber auch Kinder und Enkelkinder, für die sie die Märchen im vorliegenden Band erschuf. George Sand entführt uns darin in eine verwunschene, wildromantische Märchenwelt der Feen. Vor allem die Atmosphäre der ersten Geschichte, „Die Königin Quax“, aber auch der Geschichte um das Schloss Pictordu, bieten Eskapismus vom Feinsten. Die Geschichte „Die rote Streitaxt“ hat mir ebenfalls besonders gut gefallen, da es sich hier um die Geschichte eines von Menschen über viele Jahrhunderte genutzten Gegenstandes geht. Sie brachte mich allerdings auch zum Schmunzeln, die Kenntnisse über Vorgeschichte waren im 19. Jahrhundert natürlich noch nicht besonders gut und die Vorstellung, dass die Kelten in der Steinzeit lebten, fand ich schon erheiternd. Es gefällt mir sehr, wie George Sand am Ende dieses Märchens feststellt, dass es sich bei der Feenkönigin letzten Endes um die Natur handelt.

Lediglich das letzte der Märchen, „Die göttliche Blume“ fällt ein wenig aus dem Rahmen, da es in Indien spielt und sich um einen heiligen weißen Elefanten dreht. Andererseits ist dieses Märchen bemerkenswert, da Sand hier eindeutig buddhistische Motive aufgreift (gilt auch für das Märchen „Der Hund“).

George Sand war sicher eine wunderbare Großmutter und es ist schade, dass ihre fantastischen Geschichten heute nicht mehr aufgelegt werden.