Rezension: Sayaka Murata: Das Seidenraupenzimmer

Coverabbildung
(c) Aufbau Verlag

Übersetzung aus dem Japanischen: Ursula Gräfe

Jedes Jahr fährt Yuki mit ihren Eltern und ihrer Schwester zu einem Familientreffen bei ihrer Großmutter, die ein traditionelles Haus in den Bergen bewohnt. Mit ihrem Cousin Yu verbindet sie eine zarte Kinderliebe und ihn zu sehen, ist in ihrem von ihrer lieblosen Mutter geprägten Leben das Highlight jedes Jahres. Beide Kinder haben Schwierigkeiten in ihrem Zuhause und schaffen sich ihre eigene Welt, die ihnen Zuflucht in der Zukunft verspricht. Dann verfinstert sich die Lage weiter, als ein Lehrer für Yuki zur Gefahr wird und sie keine Hilfe von ihren Eltern erhält. Sie beginnt, zu dissoziieren und die Dinge nehmen ihren Lauf.

Mir war bereits vor der Lektüre bewusst, dass dieses Buch ein – gelinde gesagt – merkwürdiges sein soll. Es beginnt denkbar harmlos, wenn man mal davon absieht, wie ungerecht und lieblos sich Yukis Eltern ihr gegenüber verhalten. Ziemlich plötzlich beginnt jedoch der Handlungsstrang, der einen Missstand in der Gesellschaft beschreibt, ein Thema, wie es aktueller nicht sein könnte, und die Schilderung von Yukis Leben wird schwer zu ertragen. Bis dahin bleibt das Buch jedoch durchaus im Rahmen und ich war gespannt darauf, wie die Geschichte eskalieren würde. Dies geschieht dann im zweiten Teil des Buches, in dem Yuki erwachsen ist und eine Scheinehe mit einem Mann eingegangen ist, der wie sie kein Interesse an Sexualität hat. Hier kommen wir zu einem Thema, das dem von „Die Ladenhüterin“ ähnelt: Auch noch in der modernen japanischen Gesellschaft ist jede Abweichung im Lebensentwurf von der heterosexuellen Ehe mit Kindern schwierig. Yuki und ihr Mann sehen sich als Opfer der „Fabrik“, die von allen die Vermehrung verlangt, sehen sich kaum zu widerstehendem Druck durch ihre Familien ausgesetzt. Als das Paar zum alten Haus der Großmutter reist, wo sich auch der Cousin Yu befindet, entwickelt sich eine Gruppenpsychose mit drastischen Konsequenzen. Und hier liegt der Grund, weswegen das Buch viele befremdet, denn nun geschehen wirklich schockierende Dinge. Die ich jedoch auf eine seltsame, symbolische Art und Weise als empowernd empfunden habe, als ein Den-Spieß-Umdrehen, wie es extremer nicht sein könnte, das sich gegen die Gesellschaft, die diese Menschen nicht schützen oder akzeptieren konnte, wehrt. „Das Seidenraupenzimmer“ ist wesentlich böser und extremer als „Die Ladenhüterin“, für mich aber gerade wegen der Drastik, die die Schieflage der modernen Leistungs- und Wachstumsgesellschaft damit auch viel lauter in die Welt herausschreit, umso besser. 5 Sterne!

Kurzrezension: Sayaka Murata: Die Ladenhüterin

(c) Aufbau Verlag

Übersetzung aus dem Japanischen: Ursula Gräfe

Wikipedia erläutert den Begriff „Convencience Store“ bzw. Konbini folgendermaßen: „Hierzu zählen kleinflächige Geschäfte, deren Sortiment eher hochpreisig, schmal (d. h. wenige Warengruppen werden abgedeckt) und flach (d. h. nur geringe Auswahl innerhalb abgedeckter Warengruppen) ist und den Schwerpunkt im Lebensmittelbereich und hier insbesondere im Bereich sofort zu konsumierender Produkte hat (Convenience Food).“

Diese Läden sind besonders in Japan sehr verbreitet. Unsere Protagonistin Keiko jobbt nach dem Studium in einem solchen Konbini – und bleibt. Die Gesellschaft erwartet von ihr Karriere, Ehe, Kinder, doch Keiko arbeitet weiter im Laden. Dort gibt es klare Regeln, festgehalten in einem Handbuch, die es ihr erlauben, den Vorstellungen ihrer Umgebung besser gerecht zu werden:

„Wir stülpen uns die Hülle normaler Menschen über, und wenn wir uns dem Handbuch entsprechend verhalten, werden wir weder weggejagt noch wie Störenfriede behandelt.“ (Seite 85)

Keiko sieht sich selbst also nicht als normal an, an einigen (mir etwas zu drastischen) Stellen wird ihre Empathielosigkeit angedeutet, was wohl darauf hinweisen soll, dass Keiko dem autistischen Spektrum angehört. Keiko muss sich verstellen, um akzeptiert zu werden. Sie ist sogar bereit, eine Ehe mit einem Mann einzugehen, der ebenfalls Probleme mit der Gesellschaft hat, nur um die Erwartungen an sie zu erfüllen. Mir kommt das sehr bekannt vor. Ich bin selbst introvertiert und habe kein Interesse, Karriere zu machen – ich kann aus eigener Erfahrung bestätigen, wie schwer es ist, in einer kapitalistischen Gesellschaft damit zu bestehen. Ich habe mich viele, viele Jahre lang immer verstellen müssen, was mit schuld ist an Depression und Angststörung. So tun, als ob man gerne auf Parties geht, so tun, als ob einem das Mobbing der „Klassenkamerad*innen“ nichts ausmacht, so tun, als ob man den Anforderungen gewachsen ist, so tun, als ob man die Einstellung der Kollegen und Vorgesetzten teilt, so tun, als ob man weiterkommen will, so tun, als ob man den Stress gut aushält, so tun, als sei man gerne mit den Kollegen zusammen. Insofern spricht „Die Ladenhüterin“ – der deutsche Titel ist angesichts des Wortspiels wirklich sehr gelungen – mich sehr stark an. Die Botschaft des Buches ist klar und Sayaka Murata braucht nicht viele Seiten, um sie zu transportieren. Literarisch ist mir das Buch ein wenig zu einfach gestrickt, darum scheint es der Autorin aber auch nicht zu gehen.

Ich wünsche dem Buch viele Leser*innen, kann mir indes kaum vorstellen, dass es genug Aufsehen erregt, um effektiv etwas zu bewirken. Vielleicht müssen die Ausfallquoten unter in der freien Wirtschaft Beschäftigten noch mehr explodieren, bevor etwas unternommen wird. Wenigstens ist mittlerweile bekannt, wie schwierig es ist, einen Therapieplatz zu finden.