Zuletzt gelesene Bücher – Juli/August 2022

Tad Williams: Into the Narrowdark

(c) Daw Books

Noch nicht auf Deutsch erschienen

Achtung, Spoiler möglich für diejenigen, die The Witchwood Crown und Empire of Grass noch nicht gelesen haben.

Den dritten Teil einer Reihe zu rezensieren, ohne zu viel zu verraten, ist nur eingeschränkt möglich, zumal wenn der zweite Teil mit einem fiesen Cliffhanger endet. Deshalb fasse ich mich hier kurz: Ist gut.

Nein quatsch, kann schon noch dazu sagen, dass auch dieser Teil wieder sehr spannend war und ich sehr mit meinen Lieblingsfiguren mitgelitten habe. Dass Simon die Nachricht von Miris mutmaßlichem Tod verkraften muss, ist schon schlimm genug, aber Tad Williams weiß das durchaus noch zu toppen. Aufgelockert wird das Ganze durch die gemeinsamen Abenteuer von Morgan und Nezeru, die gar nicht wissen, dass sie verwandt sind. Ansonsten könnt ihr euch auf einen weiteren Cliffhanger gefasst machen. Das Warten auf The Navigator’s Children hat begonnen.

Chigozie Obioma: The Fishermen

(c) Little, Brown and Company

Deutscher Titel: Der dunkle Fluss

Benjamin lebt mit seinen drei Brüdern und seinen Eltern in einer nigerianischen Kleinstadt. Eines Tages verkündet der Vater, dass er beruflich in einer weiter entfernten Stadt eingesetzt werden wird und die Familie daher nur noch zu Besuchen sehen wird. In dieser Zeit entdecken die vier Jungs den nahe gelegenen Fluss für sich, üben sich im Fang kleiner Fische. Der Fluss hat jedoch einen üblen Ruf, der tief im nigerianischen Volksglauben verankert ist. Dann macht ein örtlicher als verrückt bekannter Mann, auf den sie treffen, eine düstere Prophezeiung und außerdem werden die Jungen von einer Nachbarin am Fluss gesehen. Das  gibt erst mal Ärger mit den Eltern. Doch die Prophezeiung des Verrückten wird vom ältesten Bruder, den sie betrifft, ernst genommen und vergiftet für immer die Beziehungen zwischen den Brüdern. Das Unglück nimmt seinen Lauf. Das Debüt des nigerianischen Schriftsteller Chigozie Obioma ist ein düsterer, fesselnder Blick auf die Nachwirkungen der Kolonialisierung und des Einflusses des alten Glaubens auf die heutige nigerianische Gesellschaft. Das Buch steckt voller Symbolismus, was mir persönlich sehr gut gefallen hat, in der Leserunde aber auch auf Ablehnung gestoßen ist. Mir hat der Roman sehr gut gefallen und mir Lust auf weitere afrikanische Literatur gemacht.

Maja Lunde: Die Geschichte des Wassers

Coverabbildung
(c) btb

Übersetzung aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein

2017. Die ältere Norwegerin Signe erfährt, dass in ihrem Heimatdorf ein Projekt geplant ist, dass einen wertvollen Bachlauf samt Wasserfällen zerstören würde. Sie sabotiert das Projekt und nimmt mit ihrem Boot Kurs auf Südfrankreich, wo einer der Initiatoren des Projekts lebt, um ihm das Eis, das Produkt, das er vermarkten will, vor die Füße zu werfen. Das Pikante: Es handelt sich um ihren ehemaligen Freund. In Rückblenden erinnert sich an ihre gemeinsame Jugend. 20 Jahre später erreicht ein junger Franzose mit seiner Tochter ein Flüchtlingscamp im südlichen Frankreich. Eine jahrelange Dürre hat die Trinkwasserversorgung lahmgelegt, Menschen flüchten aus südlichen Regionen in die „Wasserländer“ im Norden Europas. Die Zukunft sieht düster aus.

Im zweiten Teil ihres Klimaquartetts springt Maja Lunde wieder zwischen den verschiedenen Erzählsträngen hin und her. Das liest sich gut und spannend. Ein wenig blass bleiben die Figuren, es wirkt alles ein wenig konstruiert. Was Lunde jedoch durchaus gelingt, ist, den Leser*innen unsere mögliche Zukunft vor Augen zu halten. Zwar wissen wir um die Auswirkungen des Klimawandels, aber es in einer solchen Geschichte  vor Augen geführt zu bekommen, lässt das Ganze doch etwas realer erscheinen. Insgesamt durchaus lesenwert, kommt aber erzählerisch nicht an Die Geschichte der Bienen heran. Trotzdem werde ich das Quartett weiterlesen.

James Robertson: News of the Dead

(c) Penguin Audio

Derzeit liegt keine deutsche Übersetzung vor.

Sprecher: Sheila Reid, David Monteath, David Rintould

Dauer: 14 h 30 min

James Robinsons historischer Roman ist aus drei verschiedenen Erzählperspektiven verfasst. In der Gegenwart erzählt uns Maja, die älteste Bewohnerin eines fiktiven schottischen Tals namens Glen Conach, von ihren Begegnungen mit Lachie, einem Jungen, der glaubt, immer wieder einen Geist zu sehen, von ihrem Wissen über den Einsiedler Conach, der in früheren Zeiten in dem Tal lebte, und schließlich auch von der Geschichte eines stummen Mädchens, das kurz nach dem Krieg im Tal auftauchte. Tagebucheinträge des Antiquars Charles Kirkliston Gibb berichten von dessen Aufenthalt im Tal im frühen 19. Jahrhundert zu dem Zweck, das „Book of Conach“, ein altes Manuskript über das Leben des „Beinahe-Heiligen“ Conach zu transkribieren. Unterkunft findet er bei dem lokalen Laird und seiner Familie. In einer dritten Erzählperspektive lesen bzw. hören wir den Wortlaut des fraglichen Manuskripts, das in einer entsprechend sagenartigen Form verfasst ist. Diese drei Perspektiven machen den Roman zu einem sehr ungewöhnlichen und originellen historischen Roman. Vor allem der Bericht von Gibb hat dabei seine Längen, ich möchte ihn nicht langweilig nennen, aber richtig fesseln konnte mich die Geschichte nicht. Was mich schließlich doch noch veranlasst hat, dem Buch vier statt drei Sterne zu geben, war der letzte Teil, in dem Maja von „The Dumb Girl“ berichtet, und ganz besonders die mitreißende Performance der Erzählerin Sheila Reid, die für ein außergewöhnliches Hörbucherlebnis sorgt. Die beiden anderen Perspektiven werden von David Monteath und David Rintould gesprochen, die ihren Job ebenfalls sehr gut machen. Den Twist gegen Ende habe ich relativ früh vorhergesehen. Insgesamt erhalten wir in dem Buch ein sehr schönes Panorama eines einsamen schottischen Tals und seiner Geschichte und seiner Bedeutung für seine Bewohner.

 

Rezension: Marlon James: The Book of Night Women

(c) OneWorld Publications

Eine deutsche Übersetzung liegt leider nicht vor.

Jamaika im 18. Jahrhundert: Auf einer Zuckerplantage wird ein Sklavenmädchen mit auffällig grünen Augen geboren: Liliths Mutter ist bei ihrer Geburt gestorben, ihr Vater ist der weiße Aufseher. Ihre Zieheltern Circe und Tantalus haben aus bestimmten Gründen einen Sonderstatus inne, weshalb sie lange vom elenden Sklavenalltag verschont bleibt. Das ändert sich jedoch, als sie heranwächst und als potenzielle Arbeiterin und Lustobjekt wahrgenommen wird. Als ein höhergestellter Sklave sie vergewaltigen will, tötet sie ihn aus Notwehr. Die ältere Haussklavin hilft, den Vorfall zu vertuschen, und nimmt Lilith unter ihre Fittiche. Doch auch Homer ist weniger unterwürfig, als es den Anschein hat, und hat ihre Geheimnisse.

„I goin‘ call her Lilith. You can call her what they call her“. (Seite 3)

Namen spielen eine große Rolle in Marlon James‘ Roman aus dem Jahr 2009. Sie haben große Symbolkraft und bringen die Leser von Beginn an zum Nachdenken. Alle Sklaven außer Lilith tragen Namen aus der griechischen Mythologie, Lilith bekommt ihren Namen hingegen von der unbekannten Erzählerin. Lilith kann eine dämonenartige sumerische Göttin sein oder aber die erste Frau Adams:

„Lilith wurde im Feminismus zu einem Symbol als Gegenheldin zur biblischen Eva, die in der patriarchalen Tradition stehe“ (Wikipedia)

Es scheint daher klar, was wir von Lilith als Protagonistin zu erwarten haben: Rebellion, Magie, Emanzipation.

Auch Homers Name wirft Fragen auf. Wieso trägt sie einen männlichen Namen?

Die Namen sind nur ein Aspekt, der die Lektüre dieses Buches zu einem Vergnügen macht. Geschrieben ist das Buch so, wie eine jamaikanische Sklavin gesprochen hätte. Das ist zunächst einmal gewöhnungsbedürftig, ich habe mich jedoch schnell daran gewöhnt. Ein wenig bedauere ich es, dass ich nicht zum Hörbuch gegriffen habe, in dem die Sprache sicher noch besser zur Geltung kommt.

Wie von einem Buch über Sklaverei zu erwarten, ist Gewalt ein großes Thema. James treibt dies bis an die Grenzen des Erträglichen (oder auch darüber hinaus), darauf müssen Leser gefasst sein. Leider ist dies wohl nur realistisch. Besonders sexuelle Gewalt ist an der Tagesordnung, dient der Bestrafung und Demütigung der Sklavinnen, die wie selbstverständlich als Lustobjekte für die Weißen herhalten müssen. Doch Lilith trifft in Robert Quinn auf einen Weißen, der echtes Interesse an ihr zu entwickeln scheint und sie schließlich sogar dazu bringt, ihren rebellischen Charakter infrage zu stellen. Sie ist schockiert, als er sie küsst, denn das ist eigentlich den weißen Ehefrauen vorbehalten. Mit ihm entdeckt sie nicht nur ihre eigene Sexualität, sondern erfährt auch, dass Sex nicht zur eine Waffe gegen sie ist, sondern auch Frauen Macht verleihen kann. Doch wie weit geht die Liebe der beiden, hält sie den Umständen stand?

Ein weiteres Mittel, das von den Sklavinnen auf der Plantage eingesetzt wird, sind die in der Karibik aus afrikanischen Traditionen entstandenen Zauberreligionen Obeah und Myal, die an Voodoo erinnern. Interessant ist unter anderem in diesem Zusammenhang auch die Entwicklung einer weißen Figur des Romans, Isobel, die zunächst auf der Ebene der Plantagenbesitzer steht, jedoch im Laufe des Romans immer mehr ihrer weißen Eigenschaften verliert, beginnt, Ausdrücke der Sklaven zu verwenden und sogar Kenntnisse der Sklavenreligionen an den Tag legt.

Marlon James‘ Roman hat viel zu bieten und liest sich trotz der im Dialekt gehaltenen Sprache gut. Ein sehr gelungener Roman über Sklaverei in der Karibik.

Hörbuch: Trevor Noah: Born a Crime

(c) Audible Studios

Deutscher Titel: Farbenblind, erschienen im Karl Blessing Verlag

Sprecher: Trevor Noah

Dauer: 8 h 50 min

Trevor Noah wird 1984 in Johannesburg geboren. Seine Geburt und seine bloße Existenz sind ein Verbrechen, denn im Südafrika unter der Apartheid sind sexuelle Beziehungen zwischen Weißen und Schwarzen natürlich verboten. Trevors Mutter setzt sich bewusst darüber hinweg, wie sie auch das Verbot für Schwarze, in Johannesburg zu leben, ignoriert. Trevors Vater ist Schweizer und schert sich überhaupt nicht um Unterschiede zwischen Schwarz und Weiß. Trevors Leben und seine Persönlichkeit wird geprägt davon sein, dass er nirgends wirklich dazugehörte: Er sah aus wie ein Farbiger („Coloureds“ mit weißen und schwarzen Vorfahren, die in Südafrika einen Zwischenstatus haben), gehörte dieser Gruppe aber nicht an, war natürlich auch kein Weißer, aber auch mit seinem Aussehen kein Schwarzer. Entschieden hat er sich für die Gruppe der Schwarzen. Doch Trevors Besonderheit barg nicht nur Gefahren, sondern auch Möglichkeiten und Ideen, vor allem nach dem Ende der Apartheid. Noah spricht beispielsweise verschiedene Sprachen, sodass er sich überall durchschlagen konnte.

Trevor Noah ist inzwischen ein bekannter Comedian in den USA und moderiert die „Daily Show“. Er hat sich nach oben gekämpft, woran seine Mutter mit ihrer ebenfalls kämpferischen Natur einen großen Anteil hat. Deshalb ist Noahs Autobiografie auch eine Hommage an diese großartige Frau. Noah erzählt episodenhaft von seiner Kindheit, die er teilweise bei seiner Großmutter in Soweto verbrachte, und seiner Jugend sowie seinen ersten Schritten in Richtung Erfolg. Es sind haarsträubende Geschichten dabei, etwa, als seine Mutter ihn aus einem fahrenden Auto stieß, weil der Fahrer sich als Angehöriger eines anderen Stammes entpuppte und Mordabsichten gegenüber Trevor und seiner Mutter zu haben schien. Manche Geschichten sind aber auch wirklich sehr komisch, ich habe sehr viel gelacht beim Hören des Buchs. Noah schafft es, selbst die erwähnten haarsträubenden Geschichten mit einem humorvollen Unterton zu versehen. Er ist ja nicht umsonst ein Comedian. Nichtsdestotrotz spürt man an manchen Stellen, an denen die Gefährlichkeit der puren Existenz, die Gewalt und die Ungerechtigkeit im damaligen Südafrika besonders deutlich wird, einen Kloß im Hals.

Die meisten Anekdoten fand ich absolut interessant. Ich gehöre zu einer Generation, die sich noch an die Apartheid in Südafrika, die Entlassung Nelson Mandelas aus der Haft und das Ende der Apartheid erinnern kann, doch Noahs Geschichten hielten mir vor Augen, wie wenig ich doch über die Apartheid, die Townships und das Leben unter dem Regime wusste. Sehr frustrierend auch zu hören, wie ineffektiv in den rein schwarzen Schulen unterrichtet wurde und wie wenig auch heute die Apartheid in den Schulen aufgearbeitet wird. Noah verweist hier unter anderem auf die Vergangenheitsbewältigung in Deutschland, wobei es da meiner Meinung nach langsam auch einiges zu bemängeln gibt. Vergangenheitsbewältigung findet in Südafrika jedenfalls offenbar nicht statt oder nur sehr eingeschränkt.

Die einzigen Passagen des Buchs, die ich nicht mochte, waren die um die Haustiere der Familie. Ich bin ja bekanntermaßen sehr empfindlich, wenn es um Tiere geht.

Trevor Noahs Buch ist gleichzeitig eine wunderbare Quelle, um mehr über das vergangene und auch das heutige Südafrika zu erfahren, gleichzeitig bietet Noah beste Unterhaltung und eine große Portion Humor, sodass ich das Buch unbedingt weiterempfehle. Das englische Hörbuch liest Noah sehr gekonnt selbst, wer des Englischen mächtig ist, sollte unbedingt zu dieser Version greifen. Viele mit Enthusiasmus gelesene Passagen kommen in Printform sicher weniger mitreißend rüber.

Hörbuch: Zadie Smith: Swing Time – Man Booker Prize 2017, Longlist

Penguin Audio

Deutscher Titel: ebenfalls „Swing Time“

Sprecherin: Pippa Bennett-Warner

Dauer: 13 h 44 min

London in den 80ern. Unsere namenlose Protagonistin und ihre beste Freundin Tracey wachsen in einem ärmlichen Londoner Viertel auf, haben aber beide zwar arme, jedoch ganz unterschiedliche Familien. Die Mutter der Protagonistin ist ehrgeizig (sie bildet sich mithilfe der Open University weiter), marxistisch, betont ihre afrikanisch-exotische Schönheit ganz bewusst nicht und wirkt umso eindrucksvoller. Ihr Mann ist im Gegensatz dazu ein Familienmensch, der vor allem gerne für seine Tochter da ist. Traceys weiße Mutter ist liederlich, schmeißt nicht vorhandenes Geld hinaus und ist stolz auf ihre hübsche und talentierte Tochter, sieht in ihr die Chance auf Verwirklichung ihrer Träume. Traceys Vater kümmert sich die meiste Zeit nicht um die Familie und ist angeblich Background-Tänzer bei Michael Jackson. Die beiden Mädchen verbindet vor allem ihre Liebe zum Tanz und der Tanzschule, die sie gemeinsam besuchen. Doch während unsere Protagonistin im Laufe der Zeit erkennen muss, dass Tracey die talentiertere der beiden ist, entwickelt diese zugleich Verhaltensweisen, die ein ungutes Gefühl hinsichtlich ihrer Zukunft hinterlassen.

Mit dieser Inhaltsangabe habe ich mich schwer getan, was daran liegt, dass sie unvollständig ist. Denn während der ganze erste Teil des Romans sich ganz um die Freundschaft und die Entwicklung der Mädchen vor schwierigem sozialen Hintergrund dreht, kommt später plötzlich ein Cut: Die Protagonistin ist erwachsen, arbeitet für einen Madonna-verschnittigen Superstar und Tracey … ja, wo ist Tracey?

Die Geschichte um die beiden Mädchen sog mich problemlos in ihren Bann. Da war viel Potenzial für interessante Entwicklungen: die der Mädchen voneinander weg und der Einfluss ihrer familiären Hintergründe hierauf. Das, was die beiden vereint, der Tanz, hätte auch Möglichkeiten geboten. Leider schöpft Zadie Smith diese nicht aus, sondern baut einen zweiten Handlungsstrang um die Arbeit der Ich-Erzählerin für den Popstar Aimee auf. Und der ist, das muss ich so krass sagen, absolut langweilig, vor allem, solange er sich auf London und Amerika beschränkt. Als Aimee eine Mädchenschule in Afrika bauen lässt und die Ich-Erzählerin sich darum kümmern muss, wird es wieder etwas interessanter, doch auch hier werden Potenziale nicht ausgenutzt, können auch nicht richtig genutzt werden, denn der Leser fragt sich immer wieder, „Ja, aber wie ging das damals weiter mit Tracey?“ Nach einem ganzen Stück, das sich nur um Aimee dreht, springt Smith dann zwischendurch immer wieder zurück in die Jugend der Mädchen, um deren Entwicklung bis zum aktuellen Stand fertigzuerzählen. Ich habe keine Probleme mit Zeitsprüngen, wenn sie gut gemacht sind. Waren sie hier leider nicht. Mir ist klar, wieso Smith dieses Plot-Device einsetzt und was die ganze Afrika-Geschichte bezweckt, die Kritik an der sogenannten „Vanity Charity“ ist deutlich, hinterfragt die Motive der Stars und deckt auf, dass die Hilfsprojekte häufig wenig Effekt haben. Doch erzählerisch gut umgesetzt ist dies leider nicht. Zu stark hallen die guten ersten Kapitel nach, davon will man als Leser mehr, bekommt aber in der Folge nur noch Fetzen davon.

Zadie Smith kann schreiben, hat interessante Themen, doch sie hätte sich in diesem Buch auf eine Sache konzentrieren sollen. Sie wollte da wohl einfach zu viel. Auch das Ende des Buches wirkt eher frustrierend, da es eben mehr mit dem Aimee-Handlungsstrang zu tun hat als mit der Freundschaftsgeschichte.

Pippa-Bennett Warner hat eine angenehme Stimme und macht ihre Sache gut, zeichnet sich aber auch nicht durch irgendwelche Besonderheiten aus.

Rezension: Yaa Gyasi: Homegoing

(c) Penguin

Deutscher Titel: Heimkehren

Erscheinungstermin: 22.08.2017 bei DuMont

Ghana im 18. Jahrhundert. Die Asante-Frau Mamee wurde von den Fante entführt, schafft es jedoch, nach der Geburt ihrer Tochter Effia zu fliehen – ohne diese. Effia wächst im Glauben auf, eine andere, kaltherzige Frau sei ihre Mutter. Diese schafft es, Effia mit dem britischen Gouverneur von Cape Coast zu verheiraten. Sie lebt mit ihm im Cape Coast Castle, in dessen Kellern auch die vielen entführten Menschen untergebracht sind, die als Sklaven nach Amerika verkauft werden sollen. Unterdessen hat die in ihr Dorf zurückgekehrte Mamee den Dorfobersten geheiratet und mit ihm eine Tochter, Esi bekommen. Doch das Schicksal meint es nicht gut mit ihr – sie wird ebenfalls entführt und wartet im Kerker des Cape Coast Castle unter unerträglichen Umständen auf die Überfahrt nach Amerika.

Yaa Gyasis Debütroman wurde im Vorfeld extrem gehypt, gehört aber zu den Büchern, bei denen der Hype absolut gerechtfertigt ist. Sie widmet den Schwestern Effia und Esi, deren Schicksal so unterschiedlich ist und die sich nicht einmal kennen, und jeweils einem Nachkommen über sieben Generationen hinweg je ein Kapitel. Nun ist das Buch nur knappe 300 Seiten lang, sodass man mit jedem der Charaktere jeweils nur etwa 20 Seiten verbringt. Doch diese 20 Seiten sind so intensiv, dass dennoch eine große Nähe des Lesers zum jeweiligen Charakter entsteht. Gyasi schafft es, mit wenigen Worten die Geschichte von zwei Zweigen einer Familie eindringlich zu schildern. Die Kapitel, die in Amerika spielen, sind schwer zu ertragen angesichts der Grausamkeit der Sklaverei und der himmelschreienden Ungerechtigkeit gegenüber der schwarzen Bevölkerung, die sich auch nach dem offiziellen Ende der Sklaverei fortsetzt. Die Autorin zeigt anhand ihrer Charaktere darüber hinaus, wie es dazu kam, dass Afroamerikaner auch heute noch stark benachteiligt sind und den Großteil der Gefängnisbevölkerung der USA darstellen. Gyasis Sprache steht der inhaltlichen Stärke des Buchs in nichts nach:

„Once they were inside, Willie’s eyes met those of the store clerk, and she felt a cold wind travel that sight line, from his eyes to hers, then all the way down to the coalpit of her stomach.“ (S. 206)

Dieser Satz ist auch ein gutes Beispiel für den das Buch durchziehenden Symbolismus, repräsentiert vor allem durch die Elemente (Feuer, Wasser) und die Kohlengruben, in denen viele Schwarze nach ihrer „Befreiung“ als Häftlinge arbeiten mussten.

Der afrikanische Zweig der Familie lebt indessen in Freiheit und privilegiert, jedoch nicht frei von seiner Geschichte, seiner Abstammung von einem britischen Sklavenhändler und in der Folge dem König der Asante, die sich vielfältig auf die Nachfahren von Effia auswirken. In diesen Kapiteln erhalten wir außerdem einen Blick in das afrikanische Leben und die ghanaische Geschichte, die Kriege zwischen den Asante und den Briten sowie die Streitigkeiten zwischen den Stämmen. Ich fühlte mich an die Schauplätze versetzt, meine Entdeckungslust wurde geweckt.

Am Ende läuft alles zusammen – frei von jeglichem Kitsch.

Ein großartiges Buch, mein bisheriges Jahreshighlight, ein für mich persönlich perfektes, wie für mich gemachtes Buch, das aber verdientermaßen allgemein viel Anklang findet und das auch ihr unbedingt lesen solltet.