Take a look Around Woronesch

Klingt nach einer Vice-Mutprobe, war aber mein eigenes Abenteuer: Ich war in Russland auf einem Limp Bizkit Konzert.

Da ich zur Zeit in einer russischen Kleinstadt lebe, deren Hipster Szene sich mir noch nicht offenbart hat, konnte ich mir die Chance nicht entgehen lassen, ein Konzert der russischen Superlative zu besuchen: Limp Bizkit live in Woronesch! Dass eine Band, die ihren Höhepunkt vor 15 Jahren hatte, den Mut aufbringt auf Russland-Tour zu gehen und diese auch noch „Money Sucks Tour“ nennt, finde ich bemerkenswert. So viel Selbstironie darf ich mir nicht entgehen lassen.

Das „Tanzparkett“ aka Stehplatz Ticket bekomme ich noch am Vortag für 2200 Rubel. Für mich als europäische Konzertgeherin, die schon einen Kleinwagen in Konzerttickets investiert hat, ist das nicht wirklich teuer. Für mein russisches Student_innenumfeld ist es ziemlich viel Geld, weshalb ich beschließe, allein hinzugehen. Eher zufällig ergibt es sich am Konzerttag, dass ich Alina, eine Englisch-Studentin an meiner Universität, kennenlerne, die auch Tickets hat (jedoch im Vorverkauf um 1500 Rubel) und wir verabreden uns bei der Konzert Location.

Schon der Hinweg wird ein kleines Abenteuer, weil ich die Öffis in Woronesch nach 2,5 Wochen zwar ein bisschen durchschaut, aber immer noch nicht komplett verstanden habe. Das Konzert findet in der „Event Hall“ im Einkaufszentrum „ГРАД“ statt. Von meinem Studiheim fahre ich knapp eine Stunde mit den öffentlichen Bussen. Dass ein Konzert in einem Einkaufszentrum stattfindet, empfinde ich schon als ziemlich unsexy, nehme ich aber hin und freue mich bereits bei der Garderobe auf Alina und Roman zu treffen. Gemeinsam geht’s rein in die Location.

Schon zu Beginn fällt mir auf, dass 70 Prozent des Publikums männlich ist. Es wimmelt nur so von Männergruppen zwischen 16 und 40 Jahren. Ich muss sagen, dass Publikum hätte ich mir etwas anders vorgestellt (auch stylingtechnisch), doch diese Szene dürfte in Russland einfach nicht existieren. Als Vorband spielt eine Rockband aus Woronesch, bei der ich erst beim dritten Song bemerke, dass es eigentlich eh Englisch ist, das sie singen.

Beim Bier holen bemerke ich, dass sich die Reihe an der Bar überhaupt nicht weiterbewegt. Nach einigen Warteminuten entdecke ich den Grund. Niemand trinkt hier Bier und nimmt es mit. Die Typen treffen sich an der Bar, bestellen so lange Schnaps und trinken ihn im Stamperl an der Bar, bis sie genug haben und die Nächsten vorlassen. Schräge Sache! Mein Bier bekomme ich erst als die Vorband bereits den letzten Song gespielt hat. Das Bier gibt’s in einer 0,5 Plastikflasche ohne Stöpsel – aber wenigstens zum Mitnehmen.

Da Alina und Roman unbedingt weit vorne stehen wollen, verbringen wir die Pause zwischen den Bands sehr gedrängt zwischen sehr vielen Männern. Limp Bizkit lassen einige Zeit auf sich warten, weshalb der Geruch immer unangenehmer wird. Zur Einstimmung werden lautstark Pendulum und The Prodigy gespielt. Ich fühle mich 15 Jahre zurückversetzt. Knapp 40 Minuten stehen wir also im Dunsthaufen aus Männerschweiß, hartem Alkohol und Leuten, die versuchen „Firestarter“ auf Shazam zu erkennen. Ich könnte mir Schöneres vorstellen, doch jetzt zurückgehen, wäre unmöglich. Gott sei dank, kommen sie endlich daher – der Fred Durst und seine Kumpanen.

Limp Bizkit beginnen mit dem Megahit „Rollin‘“ und innerhalb von Sekunden ist die Halle am Beben. Ich habe schon lang nicht mehr diese Extase bei einem Publikum erlebt. Innerhalb der ersten Minuten entwickelt sich ein Moshpit und ich bin froh hinter einem 130 Kilo Mann zu stehen, der die Bande zum wilden Haufen bildet. Fred Durst begrüßt das Publikum mit ein paar Brocken Russisch und erklärt gleich mehrmals wie geil es nicht sei, in Russland zu sein. Er trägt eine weiße Baggy Pants, einen dunkelblauen „RUSSIA“-Pullover und natürlich ein verkehrtes Kapperl.

Zwischen jedem Song wird komischerweise (oder um das ganze in die Länge zu ziehen) Motivationsmusik wie „Party Up In Here“ von DMX gespielt. Mir scheint das russische Publikum bemerkt den Unterschied zwischen Playback-DMX und Live-Fred nicht.* Die Tanzfreudigkeit hält stetig an und steigert sich immer weiter. Bei „My Generation“ entdecke ich einen jungen Mann rechts hinter mir, der sich blutüberströmt die Nase hält. Während ich ihm eine Packung Taschentücher reiche, schießt mir wieder die Erinnerung an mein letztes Limp Bizkit Konzert am Novarock 2009. Genauso erging es meiner Freundin Didi bei diesem Konzert – Limp Bizkit ist wohl die Band der gebrochenen Nase.

Bei der nächsten Auflegerei-Pause holt Fred Durst ein großes Transparent auf dem „Krim = Russia“ geschrieben steht. In diesem Moment bricht die ganze Halle in einen Jubel aus, als wäre beim Fußball ein Tor gefallen. Ich fühle mich plötzlich extrem unwohl in meiner Haut. Zu viel Russland Propaganda, Gestank und Testosteron auf einem Haufen. Ich gönn‘ mir eine Klopause und werde vom Merchandise Stand wieder aufgemuntert. Limp Bizkit verkauft ernsthaft (und erfolgreich) diese Silikon-Gummi-Sport-Armbänder mit dem 90er Jahre Bandlogo drauf bei ihrer Russland-Tour im Jahr 2015. Ich schaue mich nochmal genau um, ob nicht vielleicht noch ein paar Tool und The Offspring T-Shirts (oder Marty McFly) herumlaufen, damit ich mir sicher sein kann, dass ich eine Zeitreise gemacht habe. Leider Fehlanzeige.

Das zweite Bier bleibt mir verwehrt, da es nach circa 45 Minuten Konzert nur noch Whiskey oder Cognac an der Bar gibt. Ich verneine und entdecke das nächste Highlight: zwei Typen mit Blinke-Schuhen und Jogginghosen stehen am Rand der Masse und tanzen Jumpstyle. Ich glaub‘, ich scheiß‘ mich an!!! In diesem Moment lache ich laut los und beschließe diesen Text zu schreiben. Das ganze kann doch nicht real sein.

Das restliche Konzert verbringe ich in der Nähe der Jumpstyler, da hier der Geruch etwas besser ist und man stehen kann, ohne mindestens 5 Personen gleichzeitig zu berühren. Zufälligerweise findet mich auch Alina wieder. Wir plaudern ein bisschen und ich lasse mir Fred Dursts letzte Nationalismus-Schmankerl auf der Zunge zergehen: „You often don’t understand me, but I can tell you: you are Limp Bizkit, Russia! You are the spirit!“ Er verarscht mehrmals die schlechten Englisch-Kenntnisse des einzigen Volkes der Welt, das ihn noch geil findet. Auf Englisch! Außerdem betont er immer wieder, dass „russian girls the best are“ und er gerne selbst Russe sei. Erst beim nachgoogeln am Heimweg, erfahre ich, dass er sich zur Zeit wirklich um die russische Staatsbürgerschaft bemüht. Fred Durst ist der Gerard Depardieu der Musikindustrie.

Ich habe durchaus meinen Spaß gehabt und bin etwas bedrückt als das Konzert nach ein bisschen mehr als einer Stunde bereits endet. Limp Bizkit verabschieden sich mit dem Song „Take a look around“ und Fredi schnauzt passenderweise ein letztes Mal „I know, why you wanna hate me“ ins Mikrofon. In diesem Sinne: „Tschüss, Baba, Do Svidanja und Danke Fred, aber wenigstens weißt du es!“

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*Während ich diesen Satz schreibe, komme ich nicht umhin DMX im Hintergrund aufzulegen und shake ein bisschen vor dem Macbook #upinhereupinhere

Klo-Ärger

Wenn die Kakerlaken in der Toilette einmal nebensächlich werden, ist es Zeit ein Schild zu basteln!

Es ist schon das zweite Schild. Beim Ersten hatte ich meine Russisch-Künste ausgepackt und mich auf Worte konzentriert. Da sich nichts änderte und ich im „Ausländer_innen-Stock“ wohne, musste ich auf Bildsprache zurückgreifen! Spülen ist einfacher als ihr denkt!

Isst eh wos?

Ich bin alles andere als haglich. Von Blunzn bis Kepab schmeckt mir alles – auch vom noch so grindigen U-Bahn-Standl. Auch kalt und etwas eingetrocknet, esse ich alle Reste am nächsten Tag noch auf. Darum dachte ich nie, dass es für mich ein Problem werden könnte, in einem fremden Land zu leben und zu ESSEN. Nach zwei Wochen hier, ist es aber geschehen: ich habe meiner Mama eine Liste an Lebensmitteln geschickt, die sie mir im Paket nach Russland schicken muss. Sorgsam wie sie ist, hat sie mir zwei Packerl Cabanossi und Volkkornbrot in den Koffer gesteckt, die ich damals noch als nicht notwendig empfand. Viel zu schnell hab ich alles aufgegessen. Jetzt wünsch‘ ich mir Volkkornbrot und Wurschti zurück.

Mein erster Einkauf im kleinen Supermarkt um die Ecke war sehr naiv. Ich kaufte Nudeln, Reis, Salz, Öl, Butter, Milch, Käse, Brot, etc – die Basis für ein normales Leben – ein. Wieder im Student_innenheim angekommen, bemerke ich, dass das erste Produkt schimmelt. Auch der Reis ist bereits im Februar 2014 abgelaufen. So geht’s weiter – alle Produkte sind entweder schon schlecht oder uralt, oder beides. Das Brot schimmelte erst am zweiten Tag. Denn ich hatte etwas wichtiges Vergessen: man kann hier Produkte hier nicht einfach so kaufen, ohne auf das Ablaufdatum zu schauen. Alles Schlechte, steht so lange ganz vorne im Regal, bis irgendeine Person im Stress oder aus Dummheit nicht schaut und es kauft. Der erste große Einkauf ist also komplett zu vergessen.

MERKE: Kaufe nie etwas in Russland ohne vorher Ablaufdatum zu checken!

Das nächste Ess-Problem lässt nicht lange auf sich warten: das Fleisch. Ich glaube insgeheim versucht die russische Fleischindustrie alle Russ_innen auf vegetarische Ernährung umzustellen. Denn sämtliche Wurst- und Fleischprodukte sind so unappetitlich wie möglich verpackt. Und sie haben eine andere Farbe als in Österreich: sie sind grau. Ich weiß nicht, wie man ein Fleisch so grau hinbekommt – aber an Unappetitlichkeit ist es kaum zu übertreffen. (Vielleicht liegt es daran, dass die ganze Stadt ziemlich grau ist.)

Das russische Fleisch und ich sind bis jetzt noch keine Freundinnen geworden. Zwar habe ich mit der Dekanin in der Mensa gegessen und die kalten, grauen Fleischbällchen mit Makaroni irgendwie runtergewürgt, doch nochmal muss ich dort nicht mal hin. Ich koche selbst, denn ab und zu finde ich relativ frisches Gemüse im Supermarkt.

Vielleicht wird’s ja noch was – zwischen dem russischen Fleisch und mir – wenn nicht, dann nicht.

PS.: Über die Eier fang ich gar nicht an zu erzählen.

PPS.: Es gibt einige gute Lokale und Restaurants und ich geb‘ dem bereits zubereitetem Fleisch nochmal eine Chance. Denn ohne Fleisch ist Essen gehen hier kaum möglich.

Mein Arbeitsplatz

Ich lehre zwar an einer Uni, doch fühlt es sich für mich sehr nach Schule an.

Hier die Foto-Highlights meines Uni-Alltags.

Viele erste Male

Die erste Woche in Woronesch liegt hinter mir 🙂

In den letzten Tagen habe ich zum ersten Mal an der ВГПУ (Pädagogische Uni Woronesch) unterrichtet. Zwei Gruppen mit weniger als 10 Studentinnen (nur Mädls bis jetzt) im zweiten und dritten Studienjahr habe ich bis jetzt übernommen. Deutsch als Fremdsprache zu unterrichten ist für mich neu, doch ich habe bereits jetzt Gefallen daran gefunden.

Neben dem ersten Deutschunterricht, hatte ich auch mein erstes Rauscherl. Über Vkontakti (das russische Facebook) hat uns ein Freund Elinas zu sich eingeladen. Er hatte in der Schule Deutsch gelernt und würde sich sehr freuen mal wieder diese Sprache zu hören/sprechen. Sascha hatte bis 21 Uhr Unterricht, weshalb wir ihn direkt von der Uni abholen. Mit dem Bus geht’s Richtung Polytechnische Universität und ich fahre zum ersten Mal in Woronesch Bus. Die Linie 66 ist komplett leer, aber voll mit kleinen Stofftieren, Ikonenbildern und einem etwas abgeranzten Fleckerlteppich beim Busfahrer. Wir bezahlen 15 Rubel (ca. 20 Cent) für eine Strecke und der Busfahrer rast los. Rasen ist eigentlich noch untertrieben. Elina und ich müssen uns festhalten um uns auf den Sitzen halten zu können. „Wenn nichts los ist, fahre ich gern schnell“, ruft der Busfahrer nach hinten. Wir hatten das längst bemerkt.

Neben der Polytechnischen Uni steigen wir aus und da stand er: mein erster Lenin in Woronesch. Trotz einiger Stadtspaziergänge, war mir noch keine andere Leninstatue in Woronesch begegnet. Elina amüsiert sich über meine Figurenbegeisterung und ich versuche inzwischen Selfies zu machen. Da es sehr finster war, scheiterte ich kläglich beim Fotografieren.

Sascha holten wir also beim Lenin ab und danach gings per Marschrutka zu ihm nach Hause. Mein erstes Mal Marschrutka fahren. Marschrutkas sind meistens weiße Kleinbusse oder Lieferwägen, die einen überall hinbringen, wenn es mit den Wünschen der anderen Mitfahrenden zusammenpasst. Und man muss winken, wenn man mit will und schreien wenn man raus will. Gott sei Dank übernimmt das für mich Sascha. Auch hier bezahlen wir 15 Rubel.

Bei Sascha angekommen betrete ich meine erste russische Wohnung. Er wohnt erst seit einem Monat hier, weshalb alles noch sehr leer und steril ist. Aber die Böden und Wände sind trotzdem gemustert und bunt – und um vieles sauberer als im Student_innenwohnheim. Sascha kredenzt uns Tee, Rotwein und Torte. Als ich eine große Plastikflasche mit heruntergegangenem Etikett sehe, bemerke ich, dass wir wohl eine unterschiedliche Vorstellung von Wein haben. Es ist Hauswein, selbstgemacht von seiner Großmutter – schmeckt picksüß und extrem stark. Nicht schlecht, aber eindeutig kein Wein – eher wie Likör, nur nicht so dickflüssig. Aber es schmeckt.

Elina und Sascha kennen sich noch aus der Schule. Wir unterhalten uns und Sascha erzählt, dass er zuvor die Militär-Universität in St. Petersburg besucht hatte. Er wollte früher Offizier werden, doch diesen Plan hatte er wieder geschmissen und an die Polytechnische Uni Woronesch gewechselt. Es gefiel ihm nicht, keine Meinung mehr zu haben und nur noch starr Befehlen zu folgen. Die Entscheidung die Uni zu wechseln, finde auch ich verständlich.

Der Wein ist so stark, dass ich schon nach zwei Tassen ein kleines Rauscherl hab. Der Abend endete dann mit Gesangseinlagen für mich. Sascha spielt Gitarre und singt. Auch Elina kennt die russischen Lieder und die beiden legen richtig los. Ich fühl mich ein bisschen auf meine Krimreisen 2013 & 2012 zurückversetzt, nur das Lagerfeuer und das Schwarze Meer fehlten.

Mit dem Taxi (das erste Mal Taxifahren) geht’s zurück ins Studiheim und mit beduseltem Kopf vom starken Wein und russischem Ohrwurm gehe ich ins Bett.

die russische Freundlichkeit

die wichtigste Investition in der ersten Woche (neben dem Verteilerstecker): eine russische Simkarte. Ein altes Smartphone ließ ich mir schon in Österreich freischalten, denn ohne Handy geht ja gar nichts mehr. Also ging ich gemeinsam mit Elina Simkarte shoppen. Ich zahlte 300 Rubel für eine Simkarte mit ein bisschen Guthaben. Das sind ein bisschen mehr als 4 Euro. Wieder im Student_innenheim angekommen, freue ich mich, endlich übers Internet erste Fotos nach Österreich zu schicken, da passiert das allerschrecklichste: die mobilen Daten funktionieren nicht.

Elina ist sofort zur Stelle und probiert sich selbst an meinem Telefon. Da sie nicht erfolgreich ist, ruft sie Freund_innen von sich an, die auf der „Elektrotechnischen“ Universität studieren. Es ist bereits halb 10 am Abend, trotzdem kommen Nastja und Kyrill mit dem Auto extra zu uns ins Student_innenheim. Da sie keine passenden Propuski (die Ausweise, die hier die Welt bedeuten) haben, dürfen sie nicht hinein und wir setzen uns raus in ihr Auto um mein Handy zu reparieren. Nach circa 20 Minuten Tüftelei, einem Telefonat mit einer Helpline und ca. 50 Schimpfwörter später, haben sie es geschafft. Mein Telefon funktioniert wie jedes andere auch.

Die beiden Techniker_innen fahren wieder nach Hause und ich kann glücklich schlafen gehen. Den Preis für Hilfsbereitschaft haben sie bekommen.

Am nächsten Tag bekommen die beiden aber Hilfsbereitschafts-Konkurrenz. Zunächst verbringt die Leiterin vom deutschen Lehrstuhl mit mir 3 Stunden bei sämtlichen Büros/Ärzt_innen, wo ich mich registrieren (anmelden, Ausweise checken und Passfotos verteilen) muss und dolmetscht super für mich. Meine anderen Kolleginnen (nur Frauen) am Lehrstuhl sind zum Großteil um die 60 Jahre und erzählen von ihren Auslandsaufenthalten in der ehemaligen DDR. Sie sind alle sehr begeistert eine jüngere Person hier zu haben. Da ich ein Ferrero-Paket an Süßigkeiten mitgebracht habe, sammle ich noch weitere Pluspunkte bei ihnen.

Die Frage, die mir alle Stellen: „Bettina, wie ist es im Wohnheim?“. Da ich versuche nette Worte zu finden, mein Gesichtsausdruck wohl wieder einmal das Gegenteil verrät, beginnen sie wild zu diskutieren und fragen, was ich brauche um mein Leben dort erträglicher machen zu können.

Am nächsten Tag stehen zwei Pakete für mich im Konferenzzimmer bereit. Darin sind Besteck, Tassen, Teller, Hand- und Geschirrtücher, Fetzen, etc. zu finden. Außerdem finde ich ein Glas selbstgemachte Marmelade und eine Karte mit „Дорогая Беттина, все будет хорошо!“ („Liebe Bettina, alles wird gut!“)

Ich freue mich, beschließe ihnen nicht zu verraten, dass ich kein Obst und schon gar nicht konzentrierte Fruktose aka Marmelade essen kann und nenne sie ab jetzt nur mehr „meine Omis“.

dafroren san scho vü, dastunkn is nu kana

Das Leben in Russland: da nur zwei Steckdosen funktionieren und ich 24 Stunden den Heizstrahler laufen haben muss, gab es in den letzten Tagen gewisse Entscheidungen zu treffen, wenn mal Handy oder Laptop aufgeladen werden mussten.

Die Entscheidung zwischen Kühlschrank oder Heizstrahler ausstecken, ist fast immer auf den Kühlschrank gefallen. Elina meint „das ist typisch Russland“.

Update:

Heute war ich Verteilerstecker shoppen.

Zurück in die Zukunft

Meine ersten Tage hier in Woronesch fühlen sich an als würde ich in die Vergangenheit gereist sein. Sämtliche Gebäude sind viel älter als ich und wurden eindeutig noch nie renoviert.

Internet gibt es natürlich nicht – weder im Student_innenheim noch auf der Universität. Ich habe Schwierigkeiten ein offenes Lebensmittelgeschäft zu finden, bis ich bemerke, dass alles nur aussieht als wäre es geschlossen.

Dobryden – Tag 1 in Russland

Nach wochenlanger Wartezeit habe ich es endlich geschafft: ich bin in Woronesch angekommen.

Von München aus geht es mit der sibirischen Airline (s7.ru) zuerst nach Moskau-Domodedovo und nach einem kurzen Aufenthalt weiter nach Woronesch. Um 20:15 Uhr komm ich etwas müde am Flughafen an. Es ist stockfinster, kalt und es handelt sich wohl um den kleinsten Flughafen, den ich jemals gesehen habe – selbst der Linzer wirkt groß dagegen. Vom Flieger spaziert man zu Fuß in die Wartehalle. Da nur drei Viertel der Plätze belegt waren, geht’s auch recht schnell mit dem Gepäck. Das meiste hab wohl ich mit. Mit meinen insgesamt 50 Kilo Gepäck schlepp‘ ich mich in die Empfangshalle und entdecke gleich drei junge Leute mit einem „Bettina Mühleder“-Schild. In pinker Leuchtschrift. Find‘ ich gut.

Elina empfängt mich sehr freundlich. Sie ist eine meiner Studentinnen und spricht schon einigermaßen gut Deutsch. Ihre Freund_innen Slava und Nastja nehmen mir sofort mein Gepäck ab und wir unterhalten uns auf Russisch. Wir begrüßen uns mehrmals, da „Dobryden“ auch Elinas Familienname ist und mich das ziemlich amüsiert. Erster Schmäh war also abgedroschen, doch das Eis ist gebrochen und wir plaudern in einem Deutsch-Russisch Kauderwelsch drauf los.

Nach einer 15-minütigen Autofahrt kommen wir im Общежитие Nummer 2 an – mein Student_innenwohnheim. Eine gemauerte Wand, bemalt mit „70 Jahre Vaterländischer Krieg“-Bildern umzingelt die Wohnheime. Durch eine riesige, schwere Metaltür geht’s ins Foyer. Dort befindet sich ein Drehkreuz und ausnahmsweise dürfen wir auch ohne Ausweis durch. Einladend wirkt es nicht, doch wenigstens ist die Дежурная (die „Wachdame“) gut gelaunt. Sie spricht schnell und undeutlich und ich verstehe kein Wort außer „Arsch“. Elina dolmetscht, denn das will sie mir erzählen: Sie spricht ein Wort Deutsch und das ist eben „Arsch“. Gut zu wissen. Wir klopfen uns an den eigenen Pobsch und lachen.

Mein Zimmer befindet sich gleich im Erdgeschoss, oder wie die Russ_innen sagen „im ersten Stock“. Wir sperren die Türe auf und ich muss erst mal Schlucken. Das Zimmer sieht aus als wäre es 1950 eingerichtet und seitdem weder renoviert noch geputzt worden. Mich begrüßt ein Ohrenschlürfer. Außerdem ist alles vollgeräumt mit verstaubtem Krümpel aller Generationen vor mir. Uah.

Elina und ihre Freund_innen verabschieden sich und ich beginne das Bett zu überziehen. Da klopft es nochmal an der Tür und die Дежурная schenkt mir Козинак (Nuss-Süßigkeit) und wünscht eine Gute Nacht. Willkommen in Russland!