1000 Regeln, die dein Leben schwieriger machen.

Das Leben in Russland ist kein leichtes. Mehr als 4 Monate habe ich schon hinter mir und etliche Male kam mir bereits der Gedanke diesen Text zu schreiben. Nach dieser Woche ist es endlich so weit: Russland und seine 1000 Regeln, die dein Leben schwieriger machen!

Dass Russland die Hochburg unnötiger und landwieriger Bürokratie ist, ist überall bekannt. So hat es mich nicht gewundert unzählige Dokumente und Gesundheitstests für die Aufenthaltsbewilligung zu benötigen, oder 5 Passfotos für sämtliche Ämter mitzunehmen. Dass diese Überregulierung auch im gesellschaftlichen Alltag fest verankert ist, war mir nicht bewusst.

In der letzten Woche bin übermäßig oft gegen diese Regeln gestoßen. Dass man ohne Ausweis nicht am Drehkreuz beim Uni-Eingang vorbeikommt, habe mittlerweile schon gelernt. Ich hüte diese Karte sehr eifrig. Ich steige auch (meistens) bei der richtigen Bustüre ein und zahle (meistens) zum richtigen Zeitpunkt (Einsteigen, Aussteigen oder gibt es eine Person die durchgeht?). Mit Jute-Beutel Lebensmittel einzukaufen ist genauso ein No-Go, wie Anzuzweifeln, dass Putin auf einem Bären reiten kann oder im Taxi zu versuchen mit einem 1000 Rubel-Schein zu zahlen. Alles gelernt. Alles eingehalten.

Nun einige Beispiele der unzähligen, sinnlosen Regeln Russlands, die mir alle in der letzten Woche untergekommen sind:

  • Am Montag hatte ich Stormausfall in meinem Student_innenheimzimmer. Unter meinem Kühlschrank bildete sich bereits eine Latsche und ich wollte meine Haare föhnen. Perfektes Timing wiedereinmal. Ich gehe zur Wachdame am Eingang. Da am Gang ein Licht auch ausgefallen ist, tippe ich darauf, dass einfach ein Schalter gekippt war. Fälschlicherweise frage ich, ob wir nicht einfach in den Sicherheitskasten schauen können. Sie reagiert so entsetzt, als hätte ich gerade gefragt, ob Homosexuelle in Russland heiraten dürften. „Нельзя!“ – das heißt so viel wie „Das darf man nicht!“ (und spricht man übrigens „Nilsja“ aus). Sie ruft einen Elektriker an und ich muss meine Haare in der Kakerlakenküche föhnen.
  • Als ein Raum-Schlüssel an der Uni fehlt, werde ich mit Anrufen bombardiert. Vor dem Wochenende habe ich als Letzte in diesem Zimmer unterrichtet. Die Regel besagt, dass die letzte Gruppe zusperrt und den Schlüssel mit zum Lehrstuhl nimmt. Der Unterricht kann nicht stattfinden wegen mir. Kein Schlüssel, kein Raum, kein Unterricht. Ich stress mich ab und versuche verzweifelt einen nicht existierenden Schlüssel in meinen Taschen zu finden. Auf den Vorschlag, sie sollen doch in einen anderen Raum gehen, wird nicht gehört. Schließlich findet diese Stunde immer in diesem einen Raum statt. Als ich nach 20 Minuten mein Zimmer auseinandergenommen habe und keinen Schlüssel gefunden habe, gebe ich erneut Bescheid: Ich hab ihn nicht! Erst als ich nachfrage, ob denn kein anderer Schlüssel existiere, kommen sie zur Lösung, doch einfach den Hausmeister kurz aufsperren zu lassen. Warum einfach, wenn man es kompliziert machen kann?
  • Am Freitag wollte ich fälschlicherweise mit Adidas Stan Smith Schuhen in einen Club rein. Als mich der Türsteher fragte, ob denn in Wien alle Frauen mit Turnschuhen fortgehen, verstehe ich nicht, dass er sich soeben über mich lächerlich machen will und schwärm ihm von der Wiener Turnschuhpracht vor. Erst als mich meine russische Freundin von ihm wegzieht, merke ich, dass ma mit Türstehern (die übrigens eine Balaklava tragen) lieber nicht diskutieren soll und wir gehen in eine Sneaker-freundlichere Location.
  • Am Samstag warte ich um vier Uhr früh auf das Taxi vor einem anderen Club. Ich habe bereits meine Winterjacke an und als das Taxi da ist, kommen meine Freund_innen nicht daher. Ich geh nochmal rein und werde natürlich vom Security aufgehalten. „Нельзя!“ Mit Jacke und Schal geht’s nicht in die Disco. Dass es fast halb 5 Uhr früh ist und vielleicht noch 15 bsoffene Gestalten herumtorkeln ist egal. Ich muss die Jacke erneut an der Gaderobe abgeben um meine Freund_innen 10 Sekunden später aus dem Club zu ziehen. Warum das Ganze konnte er mir nicht beantworten.
  • Keine Fotos im Okeanarium! „Нельзя!“ (Schließlich würde man beweisen, wie katastrophal die Tiere hier leben müssen. Aber das ist ein anderes Thema.)
  • Nach 23 Uhr ist sämtlicher Besuch im Student_innenheim verboten! „Нельзя!“
  • Am Donnerstag haben mich die Uni-Regeln wiedermal hart getroffen. Mit zwei Gruppen habe ich in den letzten Wochen kurze Videos gedreht, die wir nun schneiden müssen. Das es einen eigenen Computerraum gibt, wusste ich. Also gehe ich zur zuständigen Sekretärin und lass mich in eine papierene Liste für die vorgesehenen Stunden eintragen. Ich amüsiere mich, dass sie meinen Namen als „Петина“ einträgt und komme mit ihr ins Gespräch. Ich erzähle ihr, dass wir Youtube-Videos produzieren werden. Da kommt es schon wieder: „Нельзя!“
    Youtube und Facebook sind im Uni-Internet gesperrt. Kein Social Media für Student_innen!  Als ich frage, ob man die Sperre für mich aufheben könne, reagiert sie so schockiert wie die Wachdame beim Sicherheitskasten. Man kann doch nicht einfach was ändern?!
  • Nach dem Youtube-Fail gehe ich zur Dekanin und frage, was für Programme auf den PCs installiert sein und ob es denn irgendwas zum Videos schneiden gäbe. So etwas gäbe es sicher nicht, aber sie kennt ein Programm, dass wir downloaden können. Wir setzen uns zu einem der PCs und downloaden irgendein russisches Programm aus dem Internet. Vor der Installation wird ein Passwort benötigt, also holen wir den Techniker. Dieser gibt das Passwort ein und die Installation läuft. Ich frage ihn, ob er bitte bis nächsten Donnerstag auf allen 8 PCs dieses Programm installieren könne. „Нельзя!“ Ich müsse zuerst einen Antrag stellen, den ins Rektorat schicken, die bewilligen das, schicken es weiter zu ihm und dann installiert er es. AAARRRGGHHHHHH, WARUM IST ALLES HIER SO VERDAMMT KOMPLIZIERT?!

Das fehlende Warum?!

Bei Techniker und Dekanin habe ich heute eine Frage gestellt, die sie nicht beantworten konnten: Warum? Die unzähligen kleinen Regeln, die das Leben aller Menschen hier verkomplizieren, werden von niemandem hinterfragt. Wird eine Tomate zum Borschtsch hinzugefügt und so das Rezept minimal abgeändert, gilt das als Rebellion. Keine Russin und kein Russe fragt nach, warum man bei jedem Scheiss seine Jacken abgeben muss oder warum jede Kleinigkeit 25 verschiedene Bewilligungen braucht. Warum gibt es Taschenkontrollen und Piebser am Leninplatz oder in größeren Supermärkten? Warum müssen meine älteren Kolleginnen als pensionierte Uni-Lehrende noch weiterarbeiten um ihr Leben finanzieren zu können?….

Niemand hinterfragt hier, niemand will etwas ändern. Mir scheint, als gäben die vielen Regeln den Menschen hier ein Gefühl von Sicherheit. Ein Gefühl, das ich nicht verstehe, aber das ihnen anscheinend nichts anderes als dieses System hier geben kann. Ein System, das sie so kennen und so lieben. So sehr lieben wie ihren Präsidenten.

Absurde Sicherheit und Über-Regulierung vor Freiheit. Das ist Russland.

 

Willkommen in Kasachstan!

Nach der langen Winterpause, bin ich nun zurück in Woronesch. Über ein Monat Ferien habe ich dazu genutzt, mal die österreichische Lebensqualität zu genießen und um ein bisschen zu reisen. Da es Ende Jänner überall arschkalt ist, hab ich mir gedacht, warum nicht gleich Richtung Sibirien und ab in den Norden von Kasachstan. Ob Minus 10 oder Minus 20 Grad ist dann auch schon egal – aber ich kann sagen, mit ein bisschen Abenteuerlust ist Kasachstan auf jeden Fall eine Reise wert!

Meine Freundin Gisi macht nämlich zur Zeit ein ähnliches Programm wie ich, aber kein staatliches (was man übrigens sofort an Ausstattung und Lohn erkennt); sie arbeitet in einem Sprachenlernzentrum des Goethe-Instituts in Pawlodar/Kasachstan. Mein Besuch bei Gisi startet in Astana. Ich fliege über Kiew nach Astana und komm übermüdet in der kasachischen Hauptstadt an. Hier ist es bereits 5 Uhr früh als ich lande. Für mich ist es gefühlt aber erst Mitternacht, weshalb ich ohne wirklich geschlafen zu habe, in den ersten Tag starte. Die liebe Gisi holt mich am Flughafen ab und wir fahren mit dem Taxi zu Iwi. Iwi ist ebenfalls Assistentin am Goethe-Institut, aber in Astana. Sie beherbert uns für die nächsten Tage und wir bekommen gleich mal leckeres Frühstück kredenzt.

Sie wohnt in einen der unglaublich hohen und unglaublich großen Häuserblöcken Astanas. Diese Stadt ist nämlich komplett irre. Alles blinkt und leuchtet, auch wenn gerade noch daran gebaut wird. Die Straßen sind auf beiden Seiten vierspurig und zu Fuß gehen funktioniert kaum. So ungefähr, stell ich mir auch Dubai vor, nur hat es hier gerade Minus 15 Grad und es weht ein eisiger Wind durch die riesigen Häuser. Dennoch wagen wir uns zu Fuß in den Eis-Hochhäuser-Dschungel. Mit Astana zeigt der kasachische Präsident Nursultan Nasarbajew seine Macht und Geilheit. Es gibt Statuen mit ihm, es gibt Bilder mit ihm, es gibt einen Bajterek-Turm und es gibt Machtdemonstration deluxe. Der Bajterek ist das neue Wahrzeichen, zu dem täglich KasachInnen pendeln um ihre Hand auf Nasarbajews Handabdruck zu legen. Dabei darf man sich was wünschen. Mir ging’s eigentlich nur um die Aussicht über die Stadt. Das obligatorische Foto haben wir zwar gemacht, aber ich ließ einen Ekel-Abstand zwischen meiner Hand und der abgewälzten Bronzestatue. Wir mussten uns ja tatsächlich ein Zeitl anstellen um überhaupt zum Lift zu kommen. Einige Brautpaare versperren uns den weg, schließlich reisen sie mit ganzem Kamerateam an um am wichtigsten Tag in ihrem Leben Nasarbajew zu danken. Und ich dachte schon, der Putin-Kult in Russland sei nicht mehr zu übertreffen…

Auch das Nationalmuseum in Astana lassen wir nicht aus. Natürlich gibt es auch dort einen eigenen Nasarbajew Raum, in dem man den Herrn Präsident auf Lebenszeit bei jeglichem Sport und mit jeglichem berühmten Menschen auf Fotos bewundern kann. Außerdem wird dort auch genau die Erbauung dieser verrückten Stadt dokumentiert.

Die wohl beste Attraktion für mich ist der komplett zugefrorene Fluss Ischim. Auf der Eislandschaft gibt es neben alltäglichen Sachen wie Eislaufen, super herzige Huskyschlitten um Runden zu drehen und Eis-Reifen-Rutsch-Bahnen. Ich weiß nicht wie ich es besser beschreiben soll, aber seht euch am besten die Bilder an. Die Rutsch-Gaudi und die Baby-Huskys ließen uns sogar die Kälte vergessen. Später gings in die Chechill-Bar auf ein Bier zum Aufwärmen und ich bemerke, dass das kasachische Bier ziemlich gut schmeckt.

Nach drei Tagen geht’s mit dem Zug Richtung Pawlodar. Man fährt fast 7 Stunden durch die Eis-Steppe Kasachstans. Pawlodar liegt übrigens in der Nähe vom Semei, früher bekannt als Semeipalatinsk. Dort befand sich ein berühmtes Atomtestgelände. 470 Atom- und Wasserstoffbombenexplosionen erschütterten dieses Stück Steppe zwischen 1949 und 1989 – im Schnitt eine Explosion pro Monat. Es gibt Anekdoten, dass die EinwohnerInnen Semipalatinsks immer genau wussten, wann es soweit war. Die Erde bebte, und das war meistens am Sonntagmorgen. Es war üblich, am Samstag Unmengen an Vodka zu trinken, weil Vodka angeblich das einzige Schutzmittel vor den Auswirkungen der Strahlen sein sollte.

Wir bleiben aber im nördlicheren Pawlodar, nur über Reisebüros kann man Touren zu den riesigen Bombengratern in der Steppe machen. Das ist mir dann doch zu wild und ich genieße die Kleinstädtische Atmosphäre Pawlodars. Im Gegensatz zum irren Astana wirkt Pawlodar wie ein viel kleineres Woronesch.

Mit Gisi besuche ich sogar Deutschkurse am Sprachenlernzentrum und halte einen Vortrag in der Wiedergeburt. Die Wiedergeburt ist das Veranstaltungszentrum der deutschen Minderheit in Pawlodar. Da es genau am Tag des Opernballs war, gauckelte ich Interesse an diesem Event vor. Das Publikum in der Wiedergeburt war begeistert und die Opernball-Demos ließ ich sogar weg. Ich wollte sie nicht noch unnötig verwirren, nachdem wir Anna Netrebko und andere russische OpernsängerInnen auf Youtube gesehen hatten und die Augen des kasachischen Publikums nur so strahlten.

Mein letzter Abend in Pawlodar endet in einer Mischung aus Dorfdisco und Großraumrestaurant mit wieder einmal unzähligen blinkenden Lichtern. Die Suche nach dem Nationalgericht Beshbarmak war zwar erfolglos (wird nur für 10 Personen zubereitet – PAH!), doch endete es sehr lustig. Gemeinsam mit Merei (der kasachischen Mitbewohnerin von Gisi) und Dias (einem Kasachen, der sich vorstellte, mit dem Schmäh, ich heiße Dias so wie Cameron Diaz) tanzten wir noch zu russischer Popmusik.

Mit dem Zug fuhr ich wieder alleine durch die Eissteppe Richtung Astana und verbrachte eine letzte Nacht bei Iwi. Zuvor machten wir einen Abstecher am Shanghai-Markt etwas außerhalb von Astana. Hier werde ich zweimal für eine Australierin gehalten und ich merke endlich: ja, ich bin wirklich mitten in Zentralasien.

Um 4:30 Uhr läutet der Wecker und ich beginne meine 22h Reise Richtung Woronesch mit einem Taxifahrer, der sich wieder über mein Herkunftsland wundert. „Österreich? Noch nie gehört!“ Da mir Konversationen auf Russisch um diese Uhrzeit noch nicht so liegen, lasse ich ihm dann doch in dem Glauben, ich sei Australierin. Der netten Australierin hilft er sogar noch ihre wahnsinnig schweren zwei Rucksäcke in den Flughafen zu tragen.

Tschüss, Baba, Cау болыңыз Kasachstan!

 

 

 

Moskau, Moskau!

Ich hab‘ das letzte Wochenende in Moskau verbracht. Nach zwei Monaten in Woronesch war es für mich wie ein Ausflug nach Europa – so westlich, so international, so stylische Leute, so leiwand!

Moskau im Advent ist auf jeden Fall eine Reise wert. Das habe ich mir auch gedacht, weshalb ich mich in den Zug gesetzt habe und zwei Nächte und zwei Tage in Moskau verbracht habe. Über ein paar Ecken und Sprachassistenzconnections habe ich Kontakt mit Pasha aufgenommen. Er lebt in Moskau, hat dort eine Wohnung, wodurch ich bei ihm übernachten konnte und spricht Deutsch. Yay!

Am Samstag gings also um 7:30 Uhr von Woronesch mit dem Zug nach Moskau. Nach 6:40h Fahrtzeit steige ich am Kasanskij Bahnhof aus und Pasha holt mich ab. Wir fahren gleich mal zum Roten Platz. Die ganze Innenstadt Moskaus ist beleuchtet. An jedem Baum, jedem Stangerl – alles voller Lichterketten. Ein bisschen übertrieben, aber um diesen Kitsch erleben zu können, bin ich ja im Dezember nach Moskau gedüst. Der Rote Platz samt historischem Museum, Kreml, Basilius-Kathedrale und GUM ist wirklich ziemlich beeindruckend. Es war sogar ein bisschen surreal und ich kann mir jetzt vorstellen, wie es ist im Disney Land zu stehen.

Übrigens sind überall Sicherheitskontrollen. Zugfahren geht nicht ohne Passkontrollen, in den Bahnhof kommt man nur rein nach einem Sicherheitscheck wie am Flughafen, bei jeder U-Bahn geht man durch einen Piebser und auch um zum Roten Platz oder ins GUM (das Luxuseinkaufszentrum am Roten Platz) zu kommen, muss man durch Kontrollen. Beeindruckend war trotzdem alles.

Danach spazierten wir ein bisschen durchs Zentrum und gingen in ein Ukrainisches Lokal. Dort gabs ziemlich leiwanden ukrainischen Speck als Vorspeise und danach Schaschlik. Den Abend verbrachten wir in der Gorkij Park Gegend und besuchten eine Aussischtsplattform. Moskau ist wirklich unvorstellbar riesig und ich hab nach den zwei Tagen die Stadt noch überhaupt nicht durchschaut.

Am zweiten Tag starteten Pasha und ich mit einer Eislaufsession im Gorkij Park. Nachdem Eislaufen für die Russ_innen so wichtig ist, wie für Österreicher_innen Schifahren, stand es sowieso auf meiner To-Do-Liste. Leider hat sich herausgestellt, dass ich nach mindestens 10 Jahren Eislaufabstinenz, auch etwas aus der Übung gekommen bin. Da wir auf der leiwandsten Eislaufbahn überhaupt waren, gab’s dort auch kleine Cafès an den Strecken, und ich verbrachte die meiste Zeit zwar in meinen ausgeborgten Ledereislaufschuhen, aber am Kaffeestandl. Lustig wars trotzdem und meine Füße schmerzten extrem.

Danach fuhr Pasha heim und ich wieder zum Roten Platz. Als Historikerin konnte ich mir das historische Museum nicht entgehen lassen. Um wahnsinnige 100 Rubel (so wenig!) ging ich fast 4 Stunden in ein ziemlich spannendes Museum. Leider sind fast alle Schilder aus Russisch, was für internationale Gäste beschissen ist. Finde aber trotzdem, dass es einen Besuch wert ist. Nachdem ich zweimal die Prüfung Älteres Slawische Literaturwissenschaften machen musste, ist doch einiges hängen geblieben. Das Erlernte dann wirklich im historischen Museum am Roten Platz live zu sehen ist doch ziemlich cool.

Danach stolperte ich noch zufällig ins Ochtonij Rjad, da dieses Einkaufszentrum unter der Erde ist und die U-Bahn genauso heißt, wodurch ich dachte ich geh gerade in die U-Bahnstation.

Am dritten Tag schlenderte ich noch über die alte Arbat-Straße, eine der wenigen Fußgänger_innenzonen in Moskau, bevor ich schon wieder zum Bahnhof musste. Schön war’s in Moskau – ich komme wieder!

 

 

Konzerte in Russland sind anders – die Zweite

Nachdem mein Ausflug zu Limp Bizkit so ereignisreich war, habe ich in den letzten Wochen noch mehr Konzertveranstaltungen besucht. Warum ich Konzertveranstaltungen schreibe? Weil unter dem russischen Begriff Konzert etwas anderes verstanden wird…

So habe ich zum Beispiel die Einladung meiner Studentinnen angenommen gemeinsam zum Uni-Konzert zu gehen. Das Ganze nannte sich „Studentischer Herbst“ und ich wusste nicht was auf mich zu kommt. Bereits als wir das Hauptgebäude betreten fallen mir die laufenden Student_innen auf. Alle wollen noch einen Sitzplatz ergattern. Ich quetsch mich also in den Veranstaltungsraum und fühle mich wie in einer russischen Fernsehshow. Es wird unglaublich laut, unglaublich schreckliche russische Popmusik gespielt. Viele Student_innen tanzen, umarmen sich, singen mit… Es ist wie ein Schulball im Fernsehshowformat.

Gott sei Dank winkt mir Polina. Sie hat ein paar Sitzplätze reserviert und ich darf einen davon haben. Ich setz mich hin und lass den Trubel auf mich wirken. Das Konzert beginnt mit der Moderation zweier Erstsemestrigen. Die Moderation ist eine Mischung aus Kiddy Contest und Urfahrmarkt. Die Stimme muss sich überschlagen und je mehr man ins Publikum schreit, desto lauter schreit es zurück. Auch die restliche Veranstaltung verbreitet Kiddy Contest Feeling. Es ist kein Konzert – es ist ein „Talentewettbewerb“ bei dem verschiedene Student_innengruppen verschiedene Dinge aufführen. Einer spielt Geige, eine Gruppe tanzt, die nächsten führen einen Sketch auf. So ungefähr, stelle ich mir diese russische KWN Show vor.

Leider habe ich vom Uni-Konzert die Fotos gelöscht ohne sie zu speichern. Dafür habe ich umso mehr von der nächsten Veranstaltung: der Zirkus.

Absurderweise verkaufte mir die Angestellte im Migrationsbüro (nachdem wir wiedermal eine Viertel Stunde rund um die Visaverlängerungung diskutierten) Tickets für den Zirkus. Da sie nur 100 Rubel verlangt, kauf ich ihr zwei ab. Erst zu Hause bemerke ich, dass es sich bei der Veranstaltung wohl auch nicht um einen Zirkus, wie ich ihn kenne handelt, aber der Titel klingt beeindruckend: Internationales Tanz und Gesang-Festival gegen Rassismus und Gewalt „Nehmen wir uns an der Hand, Freunde!“.

Der Zirkus ist kein Zelt sondern ein fixes Gebäude, dass es in fast jeder russischen Stadt gibt. Gemeinsam mit Marion gehe ich zu diesem Festival. Am Eingang sind wiedereinmal Sicherheitskontrollen und man muss durch einen Piepser gehen (unter Piepser verstehe ich diesen Durchgang wie bei Flughäfen, die piebsen, wenn man Metall eingesteckt hat. Sind hier in Russland so gut wie überall.)

Marion und ich sind viel zu bald dran, weshalb wir uns beim sowjetischen Buffet noch ein eingetrocknetes Lachsbrötchen und Tee gönnen. Da von jedem Produkt maximal zwei vorhanden waren, nenne ich dieses Buffet jetzt mal sowjetisch.

Die Zirkus-Halle ist zu zwei Drittel leer, als die Veranstaltung beginnt. Zuerst sprechen ein paar wichtige Personen im Anzug (die wirken als ob sie schon ein paar Vodka intus hätten) und danach beginnt das Fest. Es gibt 24 Beiträge aus allen möglichen Ländern, aber vor allem den ex-sowjetischen.

Das Fest erinnert mich sehr an den „Studentischen Herbst“. Schon wieder sind es lauter kurze Beiträge von semi-professionellen Tänzer_innen und Sänger_innen, oder einfach nur Student_innen, die aus dem entsprechenden Land kommen und überredet wurden, mitzumachen. Wenn man sich ein bisschen reinsteigert und auch schreit und jubelt, macht die Veranstaltung aber ziemlich viel Spaß. Außerdem hatte jede Gruppe ihren eigenen Fanclub mit. Beim Turkmenischen Beitrag wurden sogar Landesflaggen ausgepackt und lautstark mitgegröhlt.

Da es sich aber sehr in die Länge zog, vertschüssen sich Marion und ich vor der letzten Sängerin. Sie hatten nämlich den Fehler gemacht, die Balladen-Sänger_innen im Abendkleid gegen Ende singen zu lassen, was die Stimmung ein bisschen abkippen ließ.

Trotzdem war es ein sehr lustiger Abend und ein weiteres Hackerl auf meiner Kultur-Events-in-Woronesch-Liste. Von Zirkus in meinem Sinn, hatte es aber wenig zu tun. 🙂

Frostspaziergung durch den Kominternowski Bezirk

Da meine Russisch-Lehrerin im Norden der Stadt wohnt, habe ich die Zeit genutzt diesen Bezirk unter die Lupe zu nehmen. Es war eisig kalt, aber wenigstens gab es Sonnenstrahlen, die mich zum Spazierengehen motivert haben.

Die schönsten Fotos möchte ich euch nicht vorenthalten. So sieht’s hier aus.

Puppentheater & Oper

Die Operette.

Da eine meiner Arbeitskolleginnen (eine der Babuschkas) an der Uni Tickets für die Oper und das Puppentheater vercheckt, ist es für mich sehr einfach an Karten für etwaige Kulturaktivitäten zu kommen. Sie erinnerte mich täglich daran, dass die Theatersaison nicht mehr lange ginge, weshalb ich ihr natürlich sofort Karten abkaufte.

Gemeinsam mit Irina ging es in das Operntheater. Wir schauten uns „Die Lustige Witwe“ von Franz Lehar an. Natürlich auf Russisch. Irina ist auch eine Studentin an der Pädagogischen Universität, studiert aber Englisch im Hauptfach und wohnt im Studiwohnheim Nr. 1. Wir verstehen uns sehr gut – sie ist die erste Studentin, die ich hier treffe, die ein anständiges Alter hat. Sie auch 24. Sie erzählt mir, dass sie aus Turkmenistan (aus Mari) kommt, aber Russisch ihre Muttersprache ist. Da man in Turkmenistan nicht „so“ frei studieren könne, wollte sie nach Russland gehen und hat sich für Woronesch entschieden.

Das Operngebäude ist uralt, aber sehr schön. Unsere Tickets waren billig, weshalb wir in der obersten Reihe oder Loge oder Balkon oder wie auch immer das in einer Oper heißt, saßen. Da nur zwei Drittel der Plätze besetzt waren, kann man sich nach Beginn aber ganz leicht umsetzen.

Sprachlich war die Oper sehr schwer für mich. Aber Gott sei Dank kannte ich die Handlung und das Gsanglwer ist sowieso nicht zwingend zu verstehen. Nach drei Akten endete das Spektakel und es stürmten dutzende Menschen auf die Bühne und überreichten allen Schauspieler_innen Blumen. Die werden hier verehrt wie Popstars. Das ist wohl ein Mitgrund, warum es in Russland so viele Blumengeschäfte gibt.

Das Puppentheater.

Vom Puppentheater schwärmt dir jede Person aus Woronesch vor. Es ist eine der Attraktionen, die man nicht in jeder anderen russischen Stadt findet. Die Städte in Russland haben ja das „Problem“, dass egal wo du bist, alles irgendwie ähnlich ist. Das hat die Sowjetunion alles schön gleich hergerichtet. Aber siehe da, in Woronesch gibt es ein fancy Puppentheater.

Da es mit Irina in der Oper so gut lief, gehen wir zwei Wochen später auch gemeinsam ins Puppentheater. Uns begleitet auch ihre Zimmerkollegin Maral. Maral studiert auch Englisch, ist 23 und kommt auch aus Turkmenistan. Allerdings ist ihre Muttersprache Turkmenisch, sie musste Russisch auch erst lernen.

Das Puppentheater sieht schon von außen herzig aus, da kleine Figuren das ganze Gebäude schminken. Eine rießige Märchen-Uhr und die weiße Bim Schwarzohr-Figur runden das ganze noch ab. Wenn man den Hund streichelt, darf man sich etwas wünschen. Im Gebäude kann man alte Puppenfiguren bewundern, die allerdings auch ein bisschen creepy sind. Ich freue mich sehr, dass sie auf der Bühne überhaupt nicht mehr unheimlich aussehen.

Unser Theaterstück ist „der Mantel“ von Nikolai Gogol. Wir saßen in der vierten Reihe und ich war von Anfang an mitgerissen. Ich war noch nie in einem Puppentheater, weshalb für mich alles ziemlich flashig war: das Bühnenbild mit seinen Feinheiten, die „Menschen“ im Hintergrund und mit welcher Exaktheit sie die Puppen bewegen konnten. Ich war und bin begeistert. Für alle die es jemals nach Woronesch schaffen: du musst in dieses Puppentheater!

auf Deutsch Promo-Tour

Ich habe Woronesch verlassen und mich auf den Weg in das Dorf Strelitsa (Стрелица) gemacht. Warum? Um Deutsch zu promoten!

Gemeinsam mit den Studierenden des 2. Studienjahres und der einzigen anderen jungen Deutsch Lehrenden meiner Universität besuchte ich eine Dorfschule. Als sie mich einladen mitzukommen, dachte ich, sie verwenden das Wort „Dorfschule“ nur, weil es eine nicht ganz so große Stadt sein wird. Schließlich würde man in Russland auch Linz als Dorf bezeichnen. (Man sagt mir regelmäßig ich wohne in einer Kleinstadt, obwohl in Woronesch 1 Million Menschen leben).

Mit einem Kleinbus geht’s nach Strelitsa. Wir fahren ungefähr 45 Minuten und bereits die Fahrt wird für mich aufregend, da ich in eine Gegend von Woronesch komme, die ich noch nicht gesehen habe. Die Studentinnen üben auf der Fahrt ihre Aufführungen. Ich solle einfach mitkommen und ich selbst sein – dass ich Österreicherin und somit Muttersprachlerin bin reiche schon.

Die Häuser werden immer niedrigen und ich bin zum ersten mal in einer Gegend in der ich weit und breit keinen Plattenbau sehen kann. Als die Straße nicht mehr asphaltiert ist, sind wir in Strelitsa ankommen und biegen zur Schule ein. Da merke ich, dass „Dorfschule“ wohl wirklich nicht übertrieben ist. Das Gebäude ist uralt und Kinder und Jugendliche von der ersten bis zur letzten Klasse gehen hier gemeinsam zur Schule.

Wir betreten das Schulgebäude und werden von einem Haufen kleiner Buben mit Schuluniform begrüßt. Eine Lehrerin bringt uns danach in einen Biologie-Klassenraum, wo wir uns umziehen können. Mich begeistern die die Wandmalerein und Plakate an den Wänden. Auch die Schulbücher scheinen als gehören sie ins Museum – nicht in den Biologie-Unterricht 2015. Ich muss sofort an Harry Potter denken, denn vielleicht schreiben die Schüler_innen hier auch noch auf Pergament.

Mein Pergament-Gedanke wird verworfen, als wir in einen Klassenraum gebeten werden, in dem schon an Deutsch interessierte Schüler_innen in jeder Altersstufe auf uns warten. Die Mädchen tragen komischerweise keine Schuluniformen. Unsere Show beginnt („Show“ trifft’s wirklich) und meine Studis singen absurde Deutsch-Lern-Lieder (ich finde sie leider nicht auf Youtube) und bringen eine lustige Version von Aschenputtl.

Mein Part der Vorstellung ist es, schwierige russische Wörter vorzulesen um zu Beweisen, dass Deutschsprachige bestimmte Buchstaben einfach nicht richtig sagen können. Außerdem wird geworben, dass man an der ВГРУ sogar von Muttersprachler_innen wie mir unterrichtet wird.

Nach knapp 30 Minuten ist der Spuk schon wieder zu Ende und wir bekommen als Dank kleine Milchpackerl und Kekse. Vor allem die Milchpackerl erinnern mich an meine Volksschulzeit. Da ich so begeistert davon bin, darf ich meinen Rucksack damit anfüllen.

Am Rückweg ist die Stimmung sehr ausgelassen und es wird die ganze Fahrt lang gesungen. (bei Мое сердце kann ich sogar mitsingen) Es war ein schöner Ausflug und wieder einmal werde ich das Gefühl nicht los hier eigentlich in einer Schule zu unterrichten.

 

PS.: ich habe vergessen die grandiosen Leiberl zu erwähnen. Aber man sieht sie ja auf den Fotos!

PPS: Ich wurde ertappt – es stimmt, das ganze ist schon zwei Wochen aus, darum liegt noch kein Schnee.

PPPS: Sogar in die Zeitung haben wir es geschafft! Wer findet meinen Namen im Artikel?

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Goldzähne, Autos und viele Frauen. Ein erstes Resümee nach einem Monat in Russland

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(der erste Schnee blieb hier knapp 6 Tage liegen – meine Freude hielt sich in Grenzen – dafür boomten die Facebook-Likes von diesem Foto)

Genau vor vier Wochen bin ich in Woronesch gelandet. Das habe ich zum Anlass genommen ein bisschen über das Vergange nachzudenken. Daraus ist die folgende Hitliste entstanden.

Die Top 25 – was ich in meinem ersten Monat in Russland gelernt habe:

  1. Goldzähne trägt nicht nur Johnny Depp. Noch nie in meinem Leben haben mich so viele Menschen mit Goldzähnen im Mund angelächelt. Egal ob die Wachfrau im Student_innenwohnheim oder der Marschrutka-Fahrer. Sie sind überall und tragen mit Stolz ihre goldenen Beißerchen. Da ich mich an den Anblick noch nicht gewöhnen konnte, kichere ich immer noch leise vor mich hin, wenn ich wieder einem Gold-Goscherl begegne.
  2. Ein Leben ohne Tee ist unmöglich. Jede freie Minute an der Universität wird zum Teetrinken genützt. Selbst wenn ich früher als Unterrichtsende das Lehrer_innenzimmer aufsuche und sich niemand dort aufhält: das Wasser ist schon am Kochen. Innerhalb von Sekunden stürmen alle herein und machen sich in JEDER PAUSE einen Tee. Der wird mit harten und nicht besonders leckeren Keksen getrunken. Und das 4 – 5 Mal am Tag. Als ich in der ersten Woche erzählte, noch keinen Wasserkocher zu besitzen, war die Reaktion: „Oh mein Gott, du Arme konntest seit Samstag keinen Tee trinken!“
  3. Warum wir Katzen im Student_innenheim haben? Ja wegen der Mäuse!
  4. Anti-Cafès statt Kaffeehäuser. Schon in Minsk habe ich eines dieser ominösen Anti-Cafès besucht und auch in Woronesch gibt es mehrere davon. Statt für den Kaffee wird im Anti-Cafè für die verbrachte Zeit bezahlt, egal ob oder was konsumiert wurde. Es sind also warme Räumlichkeiten, an denen man sich aufhalten kann und Tee, Kaffee, Kekse oder was gerade angeboten wird gratis essen und trinken kann. Beim Verlassen des Anti-Cafès wird nach Minuten bezahlt. Eine Minute kostet 2 Rubel.
    (ein schnelles Kaffee runterleeren ist also extrem billig, wird dort aber nicht so gerne gesehen und finde ich als österreichische Kaffeehausliebhaberin auch nicht so gemütlich)
  5. Gehe niemals ohne Taschentücher außer Haus. Egal ob im Lokal oder auf der Uni – beim Toilettenbesuch ist zu 90% kein Klopapier vorhanden und zu 30% siehst du deiner Nachbarin beim Wischeln ins Gesicht und stehst einfach über einem Loch im Boden. So ist es jedenfalls auch am Lehrerinnenklo auf meiner Uni. Aus diesem Grund, kann ich mitteilen: wenn es dringend ist, schaffe ich es innerhalb von 3 Minuten von der Uni ins Wohnheimklo!
  6. Es gibt mehr Frauen als Männer. Ich kenne keine Statistiken oder Zahlen, aber egal wo ich bin und was ich mache, ich habe fast nur mit Frauen zu tun. Auch als ich mit den Student_innen darüber rede, bestätigen sie mir es. Es fällt auch der Kommentar, dass die russischen Männer entweder hässlich sind oder saufen, oder beides.
    (ein kurzes Sorry an die russichen Männer, es gibt sicher auch andere, ich gebe hier nur meine Erlebnisse wieder)
    (ich habe übrigens ganze zwei männliche Studenten, von denen ich einen noch nie gesehen habe)
  7. Das Leitungswasser wird gefiltert getrunken. In jeder Wohnung, in jedem Studiheimzimmer oder auf der Uni. Das Leitungswasser wird in Filter-Behälter gefüllt und danach getrunken. Ich bin bis jetzt bei fünf-Liter-Kanister-Kaufen oder Abkochen geblieben.
  8. Niemand verwendet das Wort есть, alle verwenden кушать. Ich mache auch sprachlich Fortschritte.
    (Danke an Olya, meine herzige Russisch-Lehrerin)
  9. Warum wir Kakerlaken im Student_innenheim haben? Ja weil sich niemand dafür verantwortlich fühlt.
  10. Leere fünf-Liter-Kanister sind beliebt. Ich habe noch nicht herausgefunden warum, aber meine leeren fünf-Liter-Flaschen schaffen es meistens nicht mal zum Müllhaufen. Zuvor halten mich entweder die Wachfrau oder irgendeine andere Person am Weg auf und fragen, ob sie diese nicht haben könnten. Da ich selbst aus diesen Plastikdingern erst einmal was gebastelt habe (und das war ein Schildkrötengehege in Minsk 2014) und eindeutig kein Pfand drauf ist, frage ich mich ständig, warum die so beliebt sind.
    (Vermutungen und Ideen dürfen gerne kommentiert werden – dieses Rätsel löse ich noch!)
  11. Menschen, die Fahrrad fahren, sind hier genauso außergewöhnlich wie Hunde an Leinen. (die meistens alleine in eine Richtung laufen und dich nicht beachten)
  12. Ich liebe Plov. Ich weiß nicht, wie ich es geschafft habe, 5 Jahre Russisch zu studieren und nie dieses Gericht zu probieren. Ich liebe Plov! Mein ganzes Ess-Gesuder macht dieser ВКУСНЯШКА-Plov wieder gut.
    (außerdem ist auch kaukasisches Essen mega leiwand)
  13. Englisch oder Deutsch. Wer Deutsch in der Schule hatte, kann kein Englisch – wer Englisch hatte, kann kein Deutsch.
  14. Kein Mensch hat Facebook. Diesen westlichen Kram braucht hier in Russland keiner, wenn man eh alle Menschen, mit denen man kommunizieren soll, auf Vkontakti findet.
  15. Es gibt hier so viele Blumengeschäfte wie in Österreich Bäckereien. Diese haben teilweise auch 24 Stunden geöffnet und sehen mit ihren Leuchtreklamen eher aus wie ein Dingldangl am Urfahranermarkt.
    (dafür gibt es hier keine Bäckereien – gutes Brot, wer braucht das schon?)
  16. Wenn man sich um 2 Uhr nachts noch mit einem Freund trifft, dann ist das kein Lokalwechsel, sondern ein Besuch in einer Wohnung.
  17. Der Beruf Lehrerin hat überhaupt kein Prestige. Meine Student_innen werden alle als Deutschlehrer_innen ausgebildet, aber ihre Aussichten sind nicht gerade rosig. Das Ansehen von Lehrer_innen in der Öffentlichkeit ist unglaublich schlecht. „Schließlich ist es ein unwichtiger Beruf, den nur Frauen machen.“ Die Aussicht auf ungefähr 10.000 Rubel im Monat ist auch nicht gerade rosig. Die einzige Motivation der Studis ist, dass ab nächstem Jahr die zweite lebende Fremdsprache in Russlands Schulen verpflichtend werden soll. Deshalb hoffen sie auf sehr viele neue Arbeitsplätze.
  18. Niemand geht hier zu Fuß. Da ich es aus Wien gewöhnt bin, viel Öffis zu fahren oder zu Fuß zu gehen, denke ich nie an die Auto-Möglichkeit. In Woronesch fährt aber jeder Auto, selbst zum Fortgehen wird eine Person mit Auto gefunden, oder man fährt sowohl hin als auch zurück mit dem Taxi. Als ich erzähle, dass ich zum Limp Bizkit Konzert im ГРАД Einkaufszentrum gehe und plane mit dem Bus zu fahren, verdrehen alle die Augen.
  19. Das Auto ist nicht nur Fortbewegungsmittel, sondern auch Aufenthaltsraum. Zunächst ist es mir unangenehm aufgefallen. Sie sitzen überall. Auf dem Weg zum Supermarkt, gehe ich mindestens an 5 Autos vorbei, in denen sich einer oder mehrere Menschen aufhalten. Sie parken und sitzen im Auto. Sie tratschen oder rauchen. IM AUTO!
    Ich schätze mal, es ist durch die dauerhafte Kälte entstanden und es scheint niemanden sonst so aufzufallen wie mir, aber niemand unterhält sich hier auf der Straße, wenn man doch im gemütlichen Auto sitzen kann. Auch bei meiner Handy-Rettungsaktion war es komplett normal, dass wir mal eine dreiviertel Stunde im Auto sitzen, alles klären und danach alle wieder getrennte Wege gehen.
  20. Ich war zwei Mal im Kino, einmal im Theater (die Operette „die lustige Witwe“ auf Russisch) und bei einem Konzert. Der animierte Film Монстры на каникулах 2 – Hotel Transsilvanien 2 war kein Problem für mich. Vor lauter Übermut habe ich mich dann in Чёрная месса – Black Mass, diesem Johnny-Depp-Mafia Thriller, reingesetzt. Dieser Übermut wurde schnell getrübt, da ich kein Wort mehr verstand, da mein Gangster-Russisch wohl noch nicht sehr ausgeprägt ist. Ich frage mich bis heute, warum wer wann umgebracht wurde.
    (Dafür habe ich ein paar neue Schimpfwörter-Vokabel gelernt.)
  21. Alkohol spaltet die Leute. Sie sind entweder dafür oder strikt dagegen. Es gibt viele Student_innen, die stolz von sich behaupten gar nichts zu trinken und Alkohol vollkommen ablehnen. Es sei eine Möglichkeit um sich von der „niedrigeren Gesellschaft“ abzuheben. Viele geben bei ihren Zukunftsträumen an, sie wünschen sich einen Ehemann – einen Ehemann, der nicht trinkt.
  22. Den Blumenstöcken gehört die Uni. Es wird nichts renoviert, es gibt keinerlei technische Ausstattung, es gibt schon gar kein Internet, es gibt Bücher, die älter sind als alle Student_innen, es gibt kein Druckerpapier für Lehrende (das musst du selbst bezahlen), dafür gibt es eines en masse: Blumenstöcke. Sie stehen in jedem Raum, in jeder freien Ecke, sind ungepflegt und staubig – doch scheint sie niemand mehr wahrzunehmen.
  23. Niemand kauft Naturjoghurt. Ganze drei Tage habe ich gebraucht um ungezuckertes und normalfettiges Naturjoghurt zu finden. Dafür gibt es unzählige andere Milchprodukte – gesüßt und mit komischen Konsistenzen.
  24. Der erste Stock ist das Erdgeschoss. Ich wohne im ersten Stock, was in Russland bedeutet, ich wohne im Erdgeschoss. Obwohl ich das weiß, will es in meinen Kopf nicht rein. Ich verrenne mich immer wieder im Stiegenhaus auf der Uni und im Student_innenheim. Der deutsche Lehrstuhl ist im dritten Stock und mir passiert es ständig im falschen Stockwerk abzubiegen.
  25. Kaufe nie etwas ohne vorher Ablaufdatum zu checken!

 

Sonne tanken

Drei Sonnentage hatte ich bis jetzt in Woronesch. Diese Tage nutzte ich um die Stadt an ihren schönen Momenten näher kennenzulernen. Die schönsten Sonnen-Ecken beim Stadtspaziergang durch Woronesch habe ich festgehalten. Da jetzt gerade der Schnee wieder schmilzt und ich Hoffnung habe, dass der Wintereinbruch von letzter Woche wieder ein bisschen zurückgeht, gibt es Sonne-Motivationsfotos.

Homecoming Queen

Das Ende von Limp Bizkit war nicht das Ende meines Abends. Teil 2 von „Take A Look Around Woronesch“: Bettina allein am Heimweg.

Mit beduseltem Kopf vom ereignisreichen Konzert verlasse ich das Einkaufszentrum ГРАД. Alina und Roman machen sich auf den Heimweg nach Semiluki, ich zurück in die Woronescher Innenstadt. Eigentlich plante ich mit dem Taxi nach Hause zu fahren, da aber vor der Haustüre der Bus Nr. 64 wartet, der mich auch hier hergebrachte hatte, steige ich ein und freue mich ein bisschen Geld zu sparen. Der Bus ist gerammelt voll und wir machen uns auf den Weg Richtung Zentrum Woronesch.

Von Zeit zu Zeit leert sich der Bus und ich verfolge auf der grandiosen 2Gis-App (kurze Werbeeinschaltung für eine wirklich gute App) meinen Nachhauseweg. Einmal Umsteigen nach 42 Minuten Fahrtzeit – sollte zu schaffen sein. Da ich ständig das Internet laufen habe, leert sich mein Handyakku rapide und ich verlasse den Bus mit nur noch 3 Prozent Akku. Ich wechsle die Bushaltestelle und bemerke, dass hier niemand auf den nächsten Bus wartet. Es ist erst 23:10 Uhr, weshalb ich mir sicher bin, dass noch Busse fahren. Also warte ich alleine im Regen auf meinen Bus. Mit der Zeit kommt es mir komisch vor, da sich kein Mensch mehr auf den Straßen befindet. Als ich nochmals nachschauen will, ob wirklich noch Busse fahren, schaltet sich mein Handy aus. Shitifuck. Das Taxi anrufen wird jetzt also auch noch ein schwieriges Unterfangen.

So stehe ich an der Bushaltestelle, ein „My Generation“-Ohrwurm, nassen Vans und am überlegen, ob ich vielleicht mit dem österreichischen Handy die Roaming-Gebühren riskieren soll. Kein Mensch ist weit und breit zu sehen, nur ein paar vereinzelte Autos rasen im Höllentempo vorbei. Nach 20 Mintuten Warten sehe ich eine junge Frau in meine Richtung kommen. Ich starte sofort hin und frage, ob sie wisse, ob hier noch Busse fahren. Eigentlich schon! Sie müsse auch in dieselbe Richtung und wartet mit mir. Wir beginnen uns zu unterhalten. Ihr Name ist Nastja, sie studiert hier Journalismus und ist eigentlich Ukrainierin. Nach solch einem Konzert eine sympathische Ukrainierin zu treffen, muntert mich auf. Wir verstehen uns sehr gut und ich erzähle von meinen Erlebnissen hier in Russland.

Nastja kommt aus Lugansk. Sie spricht perfekt Englisch, da sie mit ihrer Mutter drei Jahre in Ägypten lebte. Sie war also nicht in ihrer Heimat, als der Krieg ausbrach. Da sie nicht mehr zurück konnte, ging sie nach Woronesch um hier zu studieren. Sie hat aber noch Freund_innen und Verwandte in der Ukraine, weshalb sie regelmäßig in die Ukraine reist um sie zu besuchen.

Wir verstehen und so gut, dass wir Nummern und Vkontaki austauschen und beschließen mal gemeinsam etwas Trinken zu gehen. Mittlerweile ist es kurz nach Mitternacht und ich warte bereits über eine Stunde auf meinen blöden Bus. Vor lauter Tratschen übersahen wir ein bisschen die Zeit – inzwischen ist wirklich mit keinem Bus mehr zu rechnen.

Nastja ruft ein Taxi und wir teilen uns die Heimfahrt. Sie ist eigentlich auf dem Weg zu ihrem Freund, er ist auch ausländischer Studierender hier in Woronesch. Er kommt aus dem Libanon und lernt auch gerade erst Russisch. Als ich vorschlage, sie solle ihn mitnehmen, wenn wir uns mal treffen, bekomme ich eine sehr bedrückende Antwort. Er habe aufgehört zu versuchen hier in Restaurants oder Bars zu gehen, da er entweder nicht reingelassen oder gebeten werde zu gehen. „Sein Aussehen sei zu dunkel“, meint Nastja geknickt. Sie wünscht mir noch Viel Glück bei der weiteren Heimfahrt und steigt aus.

Mit tausend Gedanken im Kopf komme ich im Studiheim an und lege mich schlafen. Ich suche meine neue Freundin noch auf Vkontakti und entdecke: Sie hat am selben Tag Geburtstag als ich. 12. Juni – aber 1997!