Das Leben in Russland ist kein leichtes. Mehr als 4 Monate habe ich schon hinter mir und etliche Male kam mir bereits der Gedanke diesen Text zu schreiben. Nach dieser Woche ist es endlich so weit: Russland und seine 1000 Regeln, die dein Leben schwieriger machen!
Dass Russland die Hochburg unnötiger und landwieriger Bürokratie ist, ist überall bekannt. So hat es mich nicht gewundert unzählige Dokumente und Gesundheitstests für die Aufenthaltsbewilligung zu benötigen, oder 5 Passfotos für sämtliche Ämter mitzunehmen. Dass diese Überregulierung auch im gesellschaftlichen Alltag fest verankert ist, war mir nicht bewusst.
In der letzten Woche bin übermäßig oft gegen diese Regeln gestoßen. Dass man ohne Ausweis nicht am Drehkreuz beim Uni-Eingang vorbeikommt, habe mittlerweile schon gelernt. Ich hüte diese Karte sehr eifrig. Ich steige auch (meistens) bei der richtigen Bustüre ein und zahle (meistens) zum richtigen Zeitpunkt (Einsteigen, Aussteigen oder gibt es eine Person die durchgeht?). Mit Jute-Beutel Lebensmittel einzukaufen ist genauso ein No-Go, wie Anzuzweifeln, dass Putin auf einem Bären reiten kann oder im Taxi zu versuchen mit einem 1000 Rubel-Schein zu zahlen. Alles gelernt. Alles eingehalten.
Nun einige Beispiele der unzähligen, sinnlosen Regeln Russlands, die mir alle in der letzten Woche untergekommen sind:
- Am Montag hatte ich Stormausfall in meinem Student_innenheimzimmer. Unter meinem Kühlschrank bildete sich bereits eine Latsche und ich wollte meine Haare föhnen. Perfektes Timing wiedereinmal. Ich gehe zur Wachdame am Eingang. Da am Gang ein Licht auch ausgefallen ist, tippe ich darauf, dass einfach ein Schalter gekippt war. Fälschlicherweise frage ich, ob wir nicht einfach in den Sicherheitskasten schauen können. Sie reagiert so entsetzt, als hätte ich gerade gefragt, ob Homosexuelle in Russland heiraten dürften. „Нельзя!“ – das heißt so viel wie „Das darf man nicht!“ (und spricht man übrigens „Nilsja“ aus). Sie ruft einen Elektriker an und ich muss meine Haare in der Kakerlakenküche föhnen.
- Als ein Raum-Schlüssel an der Uni fehlt, werde ich mit Anrufen bombardiert. Vor dem Wochenende habe ich als Letzte in diesem Zimmer unterrichtet. Die Regel besagt, dass die letzte Gruppe zusperrt und den Schlüssel mit zum Lehrstuhl nimmt. Der Unterricht kann nicht stattfinden wegen mir. Kein Schlüssel, kein Raum, kein Unterricht. Ich stress mich ab und versuche verzweifelt einen nicht existierenden Schlüssel in meinen Taschen zu finden. Auf den Vorschlag, sie sollen doch in einen anderen Raum gehen, wird nicht gehört. Schließlich findet diese Stunde immer in diesem einen Raum statt. Als ich nach 20 Minuten mein Zimmer auseinandergenommen habe und keinen Schlüssel gefunden habe, gebe ich erneut Bescheid: Ich hab ihn nicht! Erst als ich nachfrage, ob denn kein anderer Schlüssel existiere, kommen sie zur Lösung, doch einfach den Hausmeister kurz aufsperren zu lassen. Warum einfach, wenn man es kompliziert machen kann?
- Am Freitag wollte ich fälschlicherweise mit Adidas Stan Smith Schuhen in einen Club rein. Als mich der Türsteher fragte, ob denn in Wien alle Frauen mit Turnschuhen fortgehen, verstehe ich nicht, dass er sich soeben über mich lächerlich machen will und schwärm ihm von der Wiener Turnschuhpracht vor. Erst als mich meine russische Freundin von ihm wegzieht, merke ich, dass ma mit Türstehern (die übrigens eine Balaklava tragen) lieber nicht diskutieren soll und wir gehen in eine Sneaker-freundlichere Location.
- Am Samstag warte ich um vier Uhr früh auf das Taxi vor einem anderen Club. Ich habe bereits meine Winterjacke an und als das Taxi da ist, kommen meine Freund_innen nicht daher. Ich geh nochmal rein und werde natürlich vom Security aufgehalten. „Нельзя!“ Mit Jacke und Schal geht’s nicht in die Disco. Dass es fast halb 5 Uhr früh ist und vielleicht noch 15 bsoffene Gestalten herumtorkeln ist egal. Ich muss die Jacke erneut an der Gaderobe abgeben um meine Freund_innen 10 Sekunden später aus dem Club zu ziehen. Warum das Ganze konnte er mir nicht beantworten.
- Keine Fotos im Okeanarium! „Нельзя!“ (Schließlich würde man beweisen, wie katastrophal die Tiere hier leben müssen. Aber das ist ein anderes Thema.)
- Nach 23 Uhr ist sämtlicher Besuch im Student_innenheim verboten! „Нельзя!“
- Am Donnerstag haben mich die Uni-Regeln wiedermal hart getroffen. Mit zwei Gruppen habe ich in den letzten Wochen kurze Videos gedreht, die wir nun schneiden müssen. Das es einen eigenen Computerraum gibt, wusste ich. Also gehe ich zur zuständigen Sekretärin und lass mich in eine papierene Liste für die vorgesehenen Stunden eintragen. Ich amüsiere mich, dass sie meinen Namen als „Петина“ einträgt und komme mit ihr ins Gespräch. Ich erzähle ihr, dass wir Youtube-Videos produzieren werden. Da kommt es schon wieder: „Нельзя!“
Youtube und Facebook sind im Uni-Internet gesperrt. Kein Social Media für Student_innen! Als ich frage, ob man die Sperre für mich aufheben könne, reagiert sie so schockiert wie die Wachdame beim Sicherheitskasten. Man kann doch nicht einfach was ändern?!
- Nach dem Youtube-Fail gehe ich zur Dekanin und frage, was für Programme auf den PCs installiert sein und ob es denn irgendwas zum Videos schneiden gäbe. So etwas gäbe es sicher nicht, aber sie kennt ein Programm, dass wir downloaden können. Wir setzen uns zu einem der PCs und downloaden irgendein russisches Programm aus dem Internet. Vor der Installation wird ein Passwort benötigt, also holen wir den Techniker. Dieser gibt das Passwort ein und die Installation läuft. Ich frage ihn, ob er bitte bis nächsten Donnerstag auf allen 8 PCs dieses Programm installieren könne. „Нельзя!“ Ich müsse zuerst einen Antrag stellen, den ins Rektorat schicken, die bewilligen das, schicken es weiter zu ihm und dann installiert er es. AAARRRGGHHHHHH, WARUM IST ALLES HIER SO VERDAMMT KOMPLIZIERT?!
Das fehlende Warum?!
Bei Techniker und Dekanin habe ich heute eine Frage gestellt, die sie nicht beantworten konnten: Warum? Die unzähligen kleinen Regeln, die das Leben aller Menschen hier verkomplizieren, werden von niemandem hinterfragt. Wird eine Tomate zum Borschtsch hinzugefügt und so das Rezept minimal abgeändert, gilt das als Rebellion. Keine Russin und kein Russe fragt nach, warum man bei jedem Scheiss seine Jacken abgeben muss oder warum jede Kleinigkeit 25 verschiedene Bewilligungen braucht. Warum gibt es Taschenkontrollen und Piebser am Leninplatz oder in größeren Supermärkten? Warum müssen meine älteren Kolleginnen als pensionierte Uni-Lehrende noch weiterarbeiten um ihr Leben finanzieren zu können?….
Niemand hinterfragt hier, niemand will etwas ändern. Mir scheint, als gäben die vielen Regeln den Menschen hier ein Gefühl von Sicherheit. Ein Gefühl, das ich nicht verstehe, aber das ihnen anscheinend nichts anderes als dieses System hier geben kann. Ein System, das sie so kennen und so lieben. So sehr lieben wie ihren Präsidenten.
Absurde Sicherheit und Über-Regulierung vor Freiheit. Das ist Russland.


