Nun ist die kleine Mini schon eine Woche bei uns und hat nicht nur den Transport von zweieinhalbtausend Kilometern gut weg gesteckt. Sie ist wirklich angekommen, in größter Selbstverständlichkeit hat sie sich eingewöhnt und nervt in Welpenmanier die „Große“.
Palma lässt sie atmen, überleben, fressen, in der Autobox mitfahren und sich die Kuscheltiere klauen. Nur ihr heiliger Sessel, den sie seit über zwei Jahren bewohnt, den verteidigt sie mit bösen Blicken, einem Knurrer und die Kleine weicht sofort zurück.
Dafür zeigt Mini der Großen eine lange Nase, wenn es um die Unerschrockenheit geht, mit der man sich in Wasser und Wellen schmeißt. Diese Tage hat der weltbeste Mann das Vergnügen mit den Damen, da ich im Maindörfli mal wieder arbeiten darf…. Grmpf…..
Ich versuche meine Wut über die hysterischen Schlagzeilen zu dämpfen, übe mich in Gelassenheit hinsichtlich des „new normal“, das eine Pandemie an erzeugten Angststörungen darstellt. „Ausatmen, fröhlich bleiben“ sage ich mir und bleibe geschmeidig.
und habe mich für einige Zeit hier niedergelassen.
Dieser herrliche Pfahl inmitten der weiten Dünenlandschaft am Meer, lässt mich mal kurz durch schnaufen. Kaum ein Mensch hier und das ist soooo angenehm! Wissen Sie: die zerren immer alle gerne an mir rum. Jeder beansprucht sich für mich, jeder will mich haben und wenn ich dann da bin, hält man mich oft nicht aus. Die Frau, die mich herbei sehnte und ihren Mann verabschiedete, sitzt nun heulend in ihrer neuen Bude und beschimpft mich als Einsamkeit. Das habe ich nicht verdient.
So mancher sucht mich, besonders in Krisenzeiten. Und wenn ich dann auftauche, ist die Verwunderung oft groß. Der Mann, der seinen Chef so derart hasste, dass er seinen Job für mich aufgab, sitzt nun bei einem Lebensberater herum und beklagt, dass ich in sein Leben trat, nennt mich nutzlos und beklagt seine Geldnot.
So manch einer flüchtet sich in meine Nähe und landet dann inmitten einer Kundgebung vermeintlicher Freiheitskämpfer, die doch nichts anderes wollen, als die Freiheit vor dem, der mich suchte. Die einen glauben, mit mir an der Seite dürfe man Frauen belästigen und in aller Ruhe die Damen ins Haus zurück schicken. Die anderen glauben, mit mir an ihrer Seite, dürfe man wirklich jeden Scheixx behaupten und sich grausam mit Molotowcocktails bewehrt über Flüchtlinge hermachen. Ja wo sind wir denn?
Neulich – nun gut, es ist ein bisschen was her – stand ein Politbonze vor mir und wollte mich Demokratie nennen. Als ich dann aber begriff, dass die Wahlmöglichkeiten doch deutlich begrenzt sind, habe ich mich schnell wieder vom Acker gemacht. Nun ja, sie missbrauchen meinen Namen, meinen guten Willen und gehen überhaupt ganz schlecht mit mir um.
Ich habe mich immer gern her geschenkt, aber jetzt zieh ich mich zurück. Ich sitze hier in aller Ruhe auf meinem herrlich angemoosten Pfahl herum und denke über Menschen nach, die mich so sehr wünschen, herbei lieben, fürchten und verachten. Sie können mich mal – so mein Zwischenfazit.
Ich bin hier und ich bin nicht so klein, wie Sie bei meinem Anblick vermuten könnten. Ich lasse meine Sporen in aller Heimlichkeit fliegen. Die ziehen hinaus und sind wie ich: lassen sich keine Grenze setzen aber setzen sich fest. Überall und klammheimlich. Meine Töchter und Söhne sind meine Väter und Mütter. Wir unterscheiden das nicht. Wir sind Ihre Freiheit. Ob Sie wollen oder nicht. Also entspannen Sie sich. Ich bin eh immer da, egal wie Sie zu mir stehen!
so denke ich, als ich mit dem möchtegernwindigen Froillein durch die Dünen laufe. Alles glitzert und brizzelt weiß unter dem strahlenden sonnigen Inselhimmel und vor allem: zwei Stunden laufen wir alleine und sehen keinen Menschen. Das ist nach meinem Ritt der letzten Woche meine ganz persönliche Erholung.
Frankfurt-München-Hamburg in vier Tagen, die Frisur sitzt und ich muss an diese alte Reklame mit dem Haarspray denken…. die ich natürlich sogleich im Netz suche und finde.
1989…. Da warb man also noch mit „FCKW-frei“. Interessant.
Eigentlich wollte ich mal so richtig losbrüllen, weil mich das so unglaublich nervt, dass wir nun plötzlich in einem frauenbewegten Land leben, wo plötzlich alle gegen sexuelle Übergriffe wettern und so tun, als sei dies ein Thema, das sich auf nicht-deutsche Mitbürger reduziere. Dabei erinnere ich mich gut, an den Busengrapscher… äh…. Wer war das nochmal? Ich erinnere mich doch nicht so genau. Ich habe auch keine Lust loszubrüllen, denn morgen geht mein Zug. Ein ähnlicher Ritt steht bevor: Frankfurt-Düsseldorf-Zürich… auch in vier Tagen und dann bleiben noch zwei Tage Urlaub im Süden. Na, wenn man eh schon mal da ist…., kann man ja auch dort die Nase in die Sonne halten und gute alte Freunde besuchen, kochen, ratschen, genießen. Und Sonntag wieder zurück auf die Insel und die Einsamkeit genießen. Dies ist meine immerzu schönste Abenteuerreise: zurück auf die Insel. Stundenlang laufen ohne menschlichen Kontakt. Wellen, Steine, Sonne, Wind, der Hund, das Universum und ich…. ganz allein im lauschenden Zwiegespräch. Dies geht nur ab dem 6. Januar, denn mit den heiligen drei Königen verlassen auch die letzten Urlauber die Insel, die Restaurants schließen, das Kino hat zu und nur der tapfere kulturbeflissene Cafébetreiber hält gelegentlich eine kleine und feine Abendunterhaltung für uns bereit.
Ganz nebenbei habe ich damit nun auch schon die erste Frage des von der geschätzten Frau Tikerscherk geworfenen Holzes beantwortet.
Das Dorf in dem wir wohnen, ist das vorletzte vor der Grenze nach Dänenland und manche liebreizende, alte Nachbarn sind bitterarm. Hätte ich eine Spende von vielen Tausend Euro, die ich verteilen dürfte, ich würde sie ihnen angedeihen lassen. Sie haben ihr ganzes Leben auf den Feldern der großgrundbesitzenden Bauern geschuftet an sieben Tagen die Woche. Ihre Renten sind so klein, dass eigentlich der Staat unterstützen müsste, aber dafür sind die alten Herrschaften zu stolz. Lieber bauen sie auch mit paarundachtzig noch ihr Gemüse, die Kartoffeln und das Obst selbst an und verheizen was auch immer. Nicht wegen dem Bio, sondern wegen des Geldes. Ich frage mich, was sie mit einer solchen Spende machen würden. Vermutlich würden sie es ihren Kindern schenken, damit die eine tolle Reise machen können, denn die Alten wollen hier nicht weg und sind zufrieden mit dem, was sie haben. Ihre Knochen sind alt und schmerzen und ich möchte wirklich nicht in ihrer Haut stecken. Aber in wessen Haut würde man schon stecken wollen und sei es nur für einen einzigen Tag. Auch so ein einziger Tag kann unendlich lang werden, wenn man nicht in seiner eigenen Haut steckt, aber ich gebe zu, dass ich gerne mal als da Vinci durchs alte Florenz streichen würde. Es wären drei fremde Häute in denen ich dann steckte: Ich könnte einmal fühlen, wie es sich anfühlt, ein Mann zu sein. Und ich wäre einmal in der Haut eines Künstlers. Würde ich an Widergeburt glauben, so könnte ich mich in einem kleinen Anfall von Größenwahnsinn sogar mit ihm verwandt fühlen. Sein Name zeugt von seiner örtlichen Herkunft: aus Vinci (da Vinci)…. Und dies wiederum war ein toskanisches Dorf in der Nähe von Empoli. Dort wiederum – also in der Nähe von Empoli – verbrachte ich die meiste Zeit meiner Kindheit und schon damals fragte ich mich, wie es wohl früher, viel früher hier ausgesehen haben mag. Sonntags fuhren wir nach Pisa, nach Livorno oder nach Florenz. Ich würde gerne einen Tag in der Haut da Vinics durch das alte Florenz laufen, die Medicis besuchen. Allerdings wäre ich nicht scharf drauf, mich wegen meiner Intimitäten mit einem 17jährigen vor Gericht stellen zu lassen. Damals lief die Anklage unter Sodomie, worunter wir heute ja gänzlich andere Dinge verstehen, bei deren Vorstellung es mir kalt den Rücken herunter läuft. Glücklicherweise kommen ja die meisten Tiergattungen für diese menschliche Abart nicht in Frage und somit beantwortet sich auch die vierte Frage dann recht einfach: ich wäre gerne mal eine Zitterspinne.
Obwohl ich seltenst überhaupt Tiere verzehre, denke ich doch oft über Jagd nach. So gesehen, hätte ich jetzt hier auch von Adlern und Tigern erzählen können. Weil ich aber die Zitterspinne in Bad, Küche und Wohnzimmer schätzen gelernt habe, und ihre filigranen Bewegungen bewundere, so würde ich gerne mal wissen, wie sich das anfühlt, mit so vielen und filigranen Beinen unter der Decke zu thronen und vorbeikommendes Futter einfach einzuweben.
Interessanterweise träumt man nicht davon, ein Wesen einer anderen Gattung zu sein. Offenbar ist unser Hirn zu begrenzt in seiner Vorstellungskraft und so träumen wir zumeist nur von uns in allerlei merkwürdigen Situationen. Gelegentlich sind mystische und erotische Träume dabei, die uns den Tag retten, uns glücklich machen, obwohl wir wissen, dass es nur ein Traum war. Aber was ist schon „nur“?
Nun ja…. „nur“ ist 1, so glaube ich. Weil ich z.B. Bücher nur einmal lese. Gut, es hat schon mal eine Ausnahme gegeben, als ich mit 30 ein Buch meiner Jugend (Siddharta von H. Hesse) erneut las, um, mir nochmal nachzuspüren. Aber ich fand mich nicht mehr und legte das Buch entnervt zur Seite. Vielleicht war es aber auch lehrreich, dieses alte Buch noch einmal zur Hand zu nehmen. Mich fünfzehn Jahre später, darin nicht wieder zu finden, das war fast so, als hätte man mich in einem fremden Land ausgesetzt, dessen Sprache ich nicht verstehe und in dem ich mit meiner Berufsausbildung nun auch nicht weiter gekommen wäre. Zu weit hatte ich mich von mir selbst entfernt und hätte ich dort, in meiner Jugend bleiben müssen, hätte ich mich höchstens mit Großmäuligkeit über Wasser halten können, oder halt babysittend oder Nachhilfe gebend.
Vieles wusste ich damals vermeintlich besser, und nicht so vieles konnte ich wirklich gut (außer Diskussionen gewinnen). Z.B. Kochen und Backen. Nun gut, letzteres hasse ich auch heute noch, es sei denn es handelt sich um weihnachtliche Hundekekse aus Leberwurst und Dinkelmehl, aber da ich jetzt hier versuche, die Frage nach meinem Lieblingsrezept zu beantworten und gleichzeitig nicht weitere viele Seiten für Kochereien ins Blögchen einzufügen, nehme ich das kürzeste Lieblingsrezept:
Bitte kaufen Sie frische Tortellini mit Ricotta und Spinat gefüllt, die Sie ins kochende Wasser werfen. Einige Minuten vorher rühren Sie ein großes Glas Arrabiata mit einem ordentlichen Stück Gorgonzolakäse in einem kleinen Topf, so dass der geschimmelte Käse in aller Ruhe schmelzen kann.
Der weltbeste Mann und ich haben das mal in Eile erfunden und waren seelig. Hätten wir einen Balkon gehabt, es hätte mit Sicherheit ein Aborigine darunter gestanden und heftig ins Didgeridoo geblasen. Da wir keinen Balkon hatten und auch keinen haben, werden wir zwar keine Ständchen bekommen, aber es sind nun schon ein paar Grundlebensmittel benannt, ohne dich ich keinesfalls leben wollte: Nudeln, Käse, Tomaten, Essig, Koriander. Damit komme ich zur Not aus, falls alles andere einem weltumfassenden Virus zum Opfer fallen würde.
Sie halten mich vielleicht für einen Narren, nachdem Sie das alles gelesen haben und ich muss zugeben: da ist was dran. Daher benötige ich an Karneval auch keine Verkleidung.
Ich lasse das Hölzchen mal hier liegen, für diejenigen unter Euch, die anstatt mal loszubrüllen lieber eine seelenschonende Schreibzeit verbringen möchten. Bitte bedient Euch:
Eine Abenteuerreise wartet auf Sie. Was wäre für Sie das absolute Abenteuer?
Sie dürften bestimmen, wer eine Spende von 10000 € bekommt. Wer wäre das und warum?
Für einen Tag dürften Sie in die Haut eines anderen Menschen schlüpfen. Von wem wüssten sie gerne, wie sich sein Leben anfühlt?
Und welches Tier wären Sie gerne, wenn das möglich wäre?
Hat schon mal ein Traum Ihr Leben beeinflusst?
Lieblingsbücher liest man gerne mehrfach. Welches haben Sie am häufigsten gelesen?
Wenn Sie in ein anderes Land fliehen müssten, dessen Sprache sie nicht sprächen und wo Ihre Berufsausbildung nicht anerkannt würde, mit welchen Fähigkeiten könnte sie sich den Lebensunterhalt verdienen?
Verraten Sie uns ihr Lieblingsrezept (für diejenigen, die nicht kochen oder backen: Ihr Lieblingsgericht)?
Unter Ihrem Balkon soll jemand ein Ständchen singen. Sie dürfen sich Sänger_in und Lied wünschen. Also, wen und was wünschen Sie sich?
Auf welche fünf Lebensmittel können Sie nicht verzichten?
Die Elf ist die Zahl des Narren. Wenn Sie sich denn verkleiden würden, als was würden Sie zum Karneval gehen?
Wenn Du Du weiße Zähne haben möchtest, dann trag schwarz.
Und wenn Du Dich schlank fühlen möchtest, trage Hosen, die Dir zu groß sind.
Und wenn Du ein glücklicher Single sein möchtest, dann durchlebe eine Kurzaffäre mit einem abschreckenden Menschenexemplar.
Grenzen aber sind anders und fühlen sich anders an. Meine Gesundheit fängt an, mir Grenzen zu setzen, aber da dies keine Wettereldung ist, erspare ich mir die Details. Es gibt auch angenehme Grenzen.
So gab es die Jahresgrenze, die wir in aller Ruhe überschritten haben. Ein altes Jahr zurücklassend, blicken wir neugierig in das nun kommende Jahr.
Der 6. Januar z.B. markiert die magische Grenze, zu der das Eiland sich leert. Die letzten Urlauber sind verschwunden, die Andenken eingemottet und die Restaurants schließen bis März. Nur drei bis vier bleiben offen und nehmen die Eiländer auf. Die Insel atmet tief durch, die Gebürtigen, die dort ihren Unterhalt durch die Urlauber begründen halten inne für einen Klönschnack, gönnen sich eine kleine Auszeit. Die Insel teilen sich in einige wenige Großbauern auf, die vom Land und von ihren Ferienhäusern oder Campingplätzen leben. Früher hatten sie Leibeigene und nach wie vor ist die Insel durch Armut geprägt, wenn auch der ein oder andere aus einer Landarbeiterfamilie heute entweder vom Andenkenverkauf oder vom Ferienwohnungputzen lebt. Aber dies ist ein eigenes Thema und soll an künftiger Stelle vertieft werden.
Unser Dorf hat eine unsichtbare Grenze. Sie verläuft mittig durch exakt die einzige Strasse aus der das Dorf besteht. Definiert hat diese Grenze die Innung der Schornsteinfeger. Wenn auch die Insel weitgehend nach Dörfern den Schornsteinfegern zugeordnet wird, so ist es in unserem – aus 56 Hausnummern bestehnden – Dörfli anders. Die geraden Hausnummern werden vom Meister Harmsen gefegt und die ungeraden Hausnummern werden vom Meister Jansen gefegt. Dies hat durchaus zu großen Irritationen geführt.
Und natürlich ist die Brücke eine Grenze. Für mich ist sie die Grenze zwischen einatmen und ausatmen. Fahre ich von hier nach dort, atme ich entspannt aus.
Fahre ich von dort nach hier, atme ich ein. Dies bedeutet: Anspannen, Funktionieren, Weiterlaufen, Chappi verdienen. Für den eiländigen Nachbarsjungen teilt sich die Welt ebenso an dieser Brücke:
Er: „wo wohnst Du, wenn Du nicht hier bist?“
Ich: „In Bielefeld und Frankfurt und überall überhaupt und meist aus dem Koffer.“