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Besiedelungs- und Herrschaftsgeschichte

Mittelalterliche Besiedlung des oberen Triestingtals

Das Kloster Mariazell in Österreich liegt in einer Landschaft, die ihre siedlungs- und herrschaftsmäßige Erschließung vornehmlich dem Hohen Mittelalter verdankt und damit in die „Hochblüte“ der mittelalterlichen Kolonisationsbewegung Österreichs fällt.

Im Prinzip können bei uns mehrere mittelalterliche Besiedlungsschichten unterschieden werden:

1. Die karolingerzeitliche Besiedlung, die bei uns im Wesentlichen auf das 9. Jh. beschränkt ist,

2. die ältere babenbergische und vorbabenbergische Siedlungsbewegung (970/80 – bis 1042/50),

3. die jüngere babenbergische Besiedlungswelle (nach 1050 bis zur Mitte des 13. Jhs.),

4. die spätmittelalterlichen Siedlungsvorgänge (geprägt durch Wüstung und Zentralortskonzentration bes. im 14. u. 15. Jh.).

Die Anfänge der herrschaftsmäßigen Durchdringung des oberen und mittleren Triestingtals fallen hier in die 3. Epoche. Maßgebliche Träger dieser Bewegung waren hier die babenbergischen Markgrafen, deren essentiellen Stützpunkt die Burg und Pfarre Alland markieren, nicht minder daran beteiligt waren auch deren edelfreie und ministerialische Gefolgsleute, allen voran  die Haderiche von Nöstach und die Arnstein-Gaaden-Stieferner Sippe, zu welch letzteren auch die für das Triestingtal bedeutenden Herren von Arberg gehören, deren herrschaftlichen Mittelpunkt die Araburg im Hohen Mittelalter bildete. Zieht man hinzu, dass sowohl die Haderiche als auch die Arnsteiner Sippe zum ursprünglichen Gefolge der babenbergischen Markgrafen gehören und damit zu jenen Familien, mit deren Ahnen die Babenberger im Jahr 976 aus dem bayrischen Nordgau ins Ostland gekommen waren, so wird klar, dass es sich bei der Gegend um Kleinmariazell gewissermaßen um ein ursprünglich babenbergisches Kolonisationsgebiet handelt. Die weit ausgedehnten landesfürstlichen Forstgebiete, in denen das Kloster Heiligenkreuz neben Mariazell in Österreich ebenfalls Platz finden sollte, sind ein weiterer Ausdruck babenbergischer Präsenz bzw. Dominanz.

Gründungstheorien

Auf das Erste gesehen wundert es daher nicht, wenn die ältere Forschung die Babenberger oder ihre edelfreien Vasallen, die Haderiche von Nöstach, hinter den Gründern des Klosters Mariazell in Österreich vermutete. Die Quellen zu dieser Ansicht lieferten im Wesentlichen der sog. Stiftungsbrief des Klosters (von angeblich 1136) sowie eine undatierte Urkunde Herzog Heinrichs II. von Österreich. Das Problem bei diesen Nachrichten ist jedoch, dass es sich in beiden Fällen um gefälschte bzw. verunechtete Dokumente handelt. Das gab in neuerer Zeit zu weiteren Theorien über die Gründung des Klosters Anlass. Demnach kämen auch das Kloster Göttweig, vielleicht sogar die Grafen von Schwarzenburg als Gründer in Frage, als deren namentliches Pendant sich unweit von Mariazell die Nöstacher Schwarzenburg findet.

Für diese Theorien gibt es bemerkenswerte Indizien, die jedoch allesamt mit einer Reihe von ungelösten Fragen zu kämpfen haben. Doch ist hierzu einzuräumen, dass ganz wesentliche Materialen und Quellen bisher nicht oder nur oberflächlich verwertet wurden. Eine ganz wichtige Rolle spielt dabei das Mariazeller Nekrologium, das bei genauer Lektüre einige interessante Wohltäter nennt, von deren Verbindung zu Mariazell man bislang gar nichts wusste. Ebenso wenig berücksichtigt wurden auch die niederbayrischen Quellen. So wird man die Schwarzenburg-Frage, wenn überhaupt, nur mit ihrer Hilfe lösen können. Als Kernfrage interessiert hier der Aspekt, ob der Name Schwarzenburg auf Beziehungen der Haderiche zur nordbayrischen Schwarzenburg (Schwarzwöhrberg) zurückgeht oder ob ursprüngliche Zusammenhänge der Nöstacher Schwarzenburg – und in weiterer Folge vielleicht auch mit dem ältesten Klosterbau – mit dem gleichnamigen Grafengeschlecht bestanden haben.

Herrschaftsträger und soziales Geflecht

Unabhängig von den Gründungstheorien steht die gewichtige Rolle außer Frage, welche die Haderiche wenigstens als Wohltäter Mariazells gespielt haben. Dieses für das babenbergische Österreich sehr bedeutende Geschlecht, das in allen niederösterreichischen Landesvierteln begütert war, verdient eine eigenständige Betrachtung. Ausgehend von den Herkunftstheorien im bayrischen Nordgau soll neben ihren Beziehungen zu Mariazell vor allem ihr Stellenwert bei der kolonisatorischen Erschließung im Triestingtal wie überhaupt im babenbergischen Österreich erforscht werden. Nicht restlos geklärt ist ferner auch der Zusammenhang der Haderiche mit den edelfreien Falkenbergern und damit zum babenbergischen Kamptalclan – ein Herrschaftskonglomerat, das sich in dieser Zusammensetzung bemerkenswerter Weise auch in der Nöstach-Allandgegend wieder findet. Aber auch die Schwarzenburg-Frage wird von dieser Warte aus zu beurteilen sein.

Was für die Haderiche und Schwarzenburger im Triestingtal gilt, hat auch in Bezug auf die anderen lokalen Machthaber in und um Mariazell zu interessieren. Hier gilt das Augenmerk vor allem der Arnstein-Araburgersippe, die neben den obgenannten Dynasten eine führende Rolle bei der siedlungsmäßigen Entwicklung des oberen Triestingtales spielten. Auch das Kloster Mariazell war in diese Vorgänge eingebunden. In welchem Maße das geschah, soll mit Hilfe des urkundlichen Materials, insbesondere der unedierten Urbare herausgestellt werden. Wesentliches Ziel der siedlungs- und herrschaftsgeschichtlichen Analyse des oberen Triestingtals wird sein, die jeweiligen Vorgänge nicht als ein isoliertes, besitzgenealogisch geprägtes Hintereinander zu deuten, sondern vielmehr als ein einigermaßen koordiniertes Nebeneinander zu begreifen, in dem auch Kleinmariazell einen wichtigen Platz hatte.

Bearbeiter: Erwin Kupfer

Administratorin
Administratorin
Christina Eggeling ist bildende Künstlerin, Kunsthistorikerin, Historikerin und koordiniert die Kulturabteilung am Instituto Cervantes Wien. Auch hat sie als Fachtutorin… Weiterlesen

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Administratorin (10. Januar 2015). Besiedelungs- und Herrschaftsgeschichte. MCellA. Abgerufen am 24. Juli 2026 von https://mcella.hypotheses.org/69


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