Filed under: Craig Russell, Crime Fiction, Krimis,die man gelesen haben sollte | Schlagwörter: Brit Noir, Craig Russell, Cybercrime, Hamburg, Jan Fabel-Serie, Milliardäre, Thriller, Tiefenangst
Craig Russells Roman TIEFENANGST (A Fear of Dark Water), der sechste Band der Jan-Fabel-Serie, ist – wie immer bei Russell – mehr als ein konventioneller Hamburg- Kriminalroman. Er verbindet eine komplexe Ermittlung mit gesellschaftskritischen Themen, wobei die „antizipierte“ Erkenntnissee über die zerstörerische Gier von Superreichen eine zentrale Rolle spielt. Der Roman, der 2011 erschien, greift damit Entwicklungen auf, die heute, im Zeitalter von Klimakatastrophen und Tech-Autokraten, brennender denn je sind.

Russell nutzt das Motiv des superreichen Philanthropen, um eine tiefgreifende Ambivalenz zu erkunden. Dominik Korn wird zunächst als visionärer Wohltäter präsentiert, der mit seinem Reichtum die Rettung der Ozeane vorantreibt. Doch schnell zeigt sich, dass hinter dieser Fassade klassische menschliche Abgründe lauern – insbesondere eine maßlose, alles vereinnahmende Gier. Im Zentrum der Handlung steht eine Mordserie, die Oberkommissar Jan Fabel und sein Team von der Mordkommission Hamburg in die Fänge einer obskuren Umwelt-Doomsday-Sekte namens „Pharos“ führt. Der Drahtzieher dahinter ist der zurückgezogen lebende, behinderte Milliardär Dominik Korn. Korn agiert aus dem Schatten heraus, indem er die Anonymität und die Möglichkeiten des Cyberspace ausnutzt. Der Roman thematisiert die „dunkle Seite der Computersucht“ und wie Menschen in einer virtuellen Welt isoliert werden, was es dem Milliardär erleichtert, sie für seine Zwecke zu rekrutieren und zu kontrollieren.
Korn wird präsentiert als ein Typus des Milliardärs, der nicht nur Märkte, sondern Lösungen für globale Probleme kontrollieren will. Seine Stiftung ist kein reiner Akt der Nächstenliebe, sondern ein Instrument der Macht. Hierin spiegelt Russell früh die Erkenntnis wider, dass extreme Vermögen nicht nur wirtschaftliche, sondern auch ökologische und soziale Systeme dominieren und deformieren können. Die Rettung der Welt wird zum geschützten Geschäftsmodell, zur Inszenierung.
Die Habsucht der Figuren im Roman ist nicht nur materiell. Sie ist auch eine Gier nach einem sauberen Image, nach moralischer Überlegenheit und historischer Rehabilitation. . Korn pervertiert die Sorge um den Planeten zu einem Kult, der Fanatismus und Mord rechtfertigt, angetrieben von seiner eigenen verzerrten Weltsicht und Gier nach totaler Kontrolle.
Russell verknüpft die individuelle Konkupiszenz seiner Charaktere mit archetypischen und mythologischen Motiven (etwa durch Verweise auf nordische Sagen). Die Gier erscheint so als eine zeitlose, dunkle menschliche Triebfeder, die im Zeitalter milliardenschwerer Privatvermögen lediglich eine neue, globale und potenziell apokalyptische Dimension erreicht. Der einbrechende Sturm und das bedrohliche Wasser werden zu Metaphern außer Kontrolle geratener Kräfte.
Russell ist ein Meister atmosphärischer Verdichtung. Die Ermittlungen von Jan Fabel und seiner Kollegin Susanne Eckhardt sind akribisch und nachvollziehbar, während der Roman gleichzeitig Elemente des Thrillers und des psychologischen Horrors integriert. Die Bedrohung kommt nicht nur von direkten Tätern, sondern aus dem System selbst – aus der Verquickung von Geld, Wissenschaft und Politik.
TIEFENANGST ist ein herausragender Roman, weil er die Konventionen des Regionalkrimis souverän mit einem zeitkritischen Thema verbindet. Also ein Regional-Thriller, der nichts provinzielles beinhaltet. Craig Russell erweist sich als hellsichtiger Beobachter, der die Diskussion um die Macht und Gier von Milliardären lange vor ihren aktuellen Höhepunkten erkannt hat. Er zeigt, wie sich unter dem Deckmantel des Fortschritts und der Wohltätigkeit Machtmissbrauch, Arroganz und unersättliche Gier neu organisieren.
Craig Russell zeigt auf fesselnde Weise, wie das Verlangen eines einzelnen Milliardärs zur Quelle von Verbrechen, Manipulation und weitreichendem Leid wird. Der Roman überzeugt durch eine komplexe, vielschichtige Handlung und unterstreicht die Notwendigkeit, die Macht der Ultrareichen zu zerstören.
Der Roman zeigt, dass selbst die edelsten Ziele korrumpiert werden, wenn sie von unkontrollierter Macht und Größenwahn getrieben sind; er ist eine scharfsinnige Auseinandersetzung mit der moralischen Leere, die extremer Reichtum mit sich bringen kann. TIEFENANGST ist nicht nur ein spannender und clever konstruierter Kriminalroman, sondern auch eine Reflexion über ethische Abgründe hinter der Fassade des modernen Kapitalismus.
P.S.: Die Auflösung erklärt vielleicht die „Existenz“ eines Elon Musk.