Filed under: Crime Fiction, Politik & Geschichte, Pulp, Rezensionen, Sekundärliteratur, thriller | Schlagwörter: Film, Men´s Adventure, Nader Elhefnawy, pulp, Sekundärliteratur, Thriller
Was verbindet Bulldog Drummond, Dirty Harry Callahan, Frank Bullitt, Rambo, James Bond und Mack Bolan?
Sie sind Protagonisten eines eigenen Genres oder Sub-Genres der Spannungsliteratur; zu einem Bereich, der bisher als eigenständiger kaum identifiziert und betrachtet wurde.

Nader Elhefnawy:
Paramilitary Action-Adventure Fiction: A History.
Amazon Self Publishing, 2020;
231 Seiten, 9,22 €.
Nader Elhefnawys Untersuchung ist ein ambitioniertes und längst überfälliges Werk, das sich einer populären, aber vernachlässigten Literatur- und Filmströmung widmet. Es handelt sich nicht um einen einfachen Bildband oder eine oberflächliche Aneinanderreihung von Titelempfehlungen, sondern um eine ernsthafte, gut recherchierte und analytische Kulturgeschichte.
Überblick und Kernthese:
Das Buch untersucht die Entwicklung des „paramilitärischen Action-Genres“ – jener Geschichten, die sich nicht mit regulären Soldaten in konventionellen Kriegen befassen, sondern mit Söldnern, Sondereinheiten, Geheimagenten, Vigilanten und anderen nicht-staatlichen Kombattanten. Elhefnawys zentrale These ist, dass dieses Genre nicht nur ein Produkt der Unterhaltungsindustrie ist, sondern auch ein Spiegelbild der geopolitischen, sozialen und kulturellen Ängste und Umbrüche seiner Entstehungszeit, insbesondere der Ära nach dem Zweiten Weltkrieg und des Kalten Krieges. Wie eben jedes Produkt des Ünerbaus,
Er argumentiert, dass der Aufstieg dieser Fiktion mit dem Niedergang des traditionellen Imperialismus, der Komplexität und den moralischen Grauzonen des Kalten Krieges sowie einem wachsenden öffentlichen Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen zusammenhängt. Die paramilitärische Figur – ob „The Destroyer“-Reihe, Mack Bolans „The Executioner“ oder Rambo – operiert in einer Welt, in der offizielle Wege versagen, und nimmt das Gesetz selbst in die Hand.
Das Buch ist chronologisch und thematisch strukturiert, was dem Leser eine klare Entwicklung des Genres vorführt.
Die Wurzeln und Vorläufer:
Elhefnawy beginnt nicht erst mit den Men´s Adventure-Taschenbüchern der 1970er Jahre. Er geht zurück zu den Abenteuerromanen des 19. Jahrhunderts (z.B. H. Rider Haggard), den frühen Spionageromanen und den „Männerabenteuer“-Magazinen A der 1950er Jahre. Dies ist entscheidend, um zu verstehen, dass die Themen (zivilisatorischer Verfall, der einsame Held) bereits früh angelegt waren, sich aber zum eigenen Subgenre wandelten. Der Bezug auf die Abenteuerromane des 19.Jahrhunders erscheint mir noch diskussionswürdig.
Der Boom der „Männerabenteuer“-Paperbacks in den 1970er und 80ern:
Dies ist das Herzstück des Buches. Hier analysiert Elhefnawy detailliert die großen Serien wie „The Executioner“, „The Destroyer“, „The Death Merchant“ und „The Able Team“ / „Phoenix Force“. Er geht auf ihre Protagonisten, wiederkehrende Plotmuster, politischen Einstellungen und ihre immense kommerzielle Verbreitung ein. Besonders interessant ist seine Analyse der Unterschiede zwischen den Serien – während einige (The Executioner) einen innenpolitischen Kreuzzug gegen die Mafia führen, bekämpfen andere (The Destroyer, Phoenix Force etc.) internationale Verschwörungen gegen US-Interessen. Die Serie, die den Boom ausloste („The Executioner“), brachte gleich zwei wichtige Topoi zusammen: Mafia und Vietnam. Bezeichnenderweise sinniert Protagonist gleich am Anfang darüber, dass er seinen Krieg gegen die Mafia nicht gewinnen könne, aber entscheidend sei, „für das Gute zu kämpfen“. Vielleicht auch eine Haltung, die damals kritische Konservative gegenüber dem Krieg in Fernost vertraten.
Der zunehmende Kampf gegen das Verbrechen macht die amerikanischen Städte zu Combatzonen und die Protagonisten zu Paramilitärs oder Soldaten, die Kommando-Unternehmen durchführen. Dies spiegelte in gewisser Hinsicht die Realität, nachdem Ender der 1960er in Los Angeles die erste SWAT-Einheit gegründet worden war.
Der Einfluss von Film und Fernsehen:
Das Buch beschränkt sich nicht auf Literatur. Elhefnawy verbindet die Buchserien geschickt mit ihren filmischen Pendants. Die Analyse von „Dirty Harry“ als urbanem Vigilanten, „Rambo“ als traumatisiertem Vietnam-Veteran und „James Bond“ als glamourösem Commando-Agenten ist erhellend. Er zeigt, wie der Film die Themen des Genres popularisierte und visualisierte. Interessant auch seine Argumentation zu den Bond-Filmen, die den modernen Action-Film erst erschufen.
Der Wandel nach dem Kalten Krieg:
Ein zentrales Problem für das Genre war das Ende der Sowjetunion als klar definierter Feind. Elhefnawy zeichnet nach, wie Autoren und Filmemacher darauf reagierten: durch die Benennung neuer Feinde (Terroristen, Drogenkartelle, korrupte Konzerne) und die Anpassung der Helden (z.B. in Filmen wie „John Wick“ oder Videospielen wie „Call of Duty“), die nun oft noch zynischer und in einer entgrenzten Welt operieren.
Kritische Einordnung und Vermächtnis:
Elhefnawy behandelt das Genre nicht unkritisch. Er thematisiert ausführlich die Vorwürfe der Gewaltverherrlichung, des Faschismus und der reaktionären Politik, die vielen Werken anhaften. Gleichzeitig weist er auf die oft unterschätzte politische Bandbreite hin – einige Serien waren durchaus liberal oder satirisch angelegt The Destroyer“ etwa). Sein abschließendes Urteil ist, dass das Genre ein Medium hilfreich ist, um die Ängste und Fantasien der westlichen (insbesondere amerikanischen) Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu verstehen. Heute hat es die einstige Bedeutung verloren, die es in Europa nie hatte.
Stärken des Buches:
Akademische Tiefe mit Zugänglichkeit: Elhefnawy ist Wissenschaftler, und das merkt man der Recherche und Argumentation an.
Umfassende Perspektive: Die Verbindung von Literatur, Film, Fernsehen und sogar Videospielen zu einem kohärenten Gesamtbild ist beeindruckend.
Kontextualisierung: Das Buch ist nicht nur eine Genre-Geschichte, sondern auch eine Geschichte der amerikanischen Außenpolitik und des gesellschaftlichen Wandels. Elhefnawy erklärt, warum bestimmte Plotmuster zu bestimmten Zeiten populär wurden.
Die Fülle an erwähnten Titeln, Autoren und Serien ist beeindruckend und macht das Buch zu einem unschätzbaren Nachschlagewerk für Fans und Forscher.
Wie in jedem Werk dieser Art kann man über die Gewichtung diskutieren. Manche Leser hätten sich vielleicht mehr zu bestimmten Topoi oder europäischen Einflüssen gewünscht.
.“Paramilitary Action-Adventure Fiction: A History“ ist ein essenzielles Werk für jeden, der sich für diese spezifischen Aspekte von Popkultur, Genre-Fiktion oder die kulturelle Verarbeitung des Kalten Krieges interessiert. Nader Elhefnawy hat mit akribischer Forschung und scharfsinniger Analyse ein Standardwerk vorgelegt, dass das oft geschmähte Genre der „Männerabenteuer-Serien“ ernst nimmt und seinen historischen Stellenwert überzeugend darlegt. Es ist weniger eine nostalgische Liebeserklärung als vielmehr eine fundierte und kritische Hinterfragung, die unser Verständnis dieser populären Unterhaltung nachhaltig nahebringen kann.
Dr. Nader Elhefnawy lehrte Englisch an verschiedenen Institutionen, darunter an der University of Miami, wo er 2007/08 Gastprofessor war. Neben seinem Ph.D. in Literaturwissenschaft besitzt er einen BA für Internationale Beziehungen und hat zahlreiche Veröffentlichungen zu Literatur und internationalen Angelegenheiten verfasst. Seine Rezensionen und Artikel zu Science-Fiction erschienen in zahlreichen Foren, darunter Foundation, New York Review of Science Fiction und Strange Horizons. Seit Oktober 2008 veröffentlicht er außerdem seinen Blog Raritania: https://raritania.blogspot.com/
Er ist auch Romanautor (HE SHADOWS OF OLYMPUS, SURVIVING THE SPIK). Zu seinen wichtigsten sekundärliterarischen Werken gehören:
Cyberpunk, Steampunk and Wizardry: Science Fiction Since 1980, 2015.
Star Wars in Context: Second Edition, 2018.
The Military Techno-Thriller: A History, 2019.
The James Bond We Forget: Notes on a Franchise, 2021.
The Secret History of Science Fiction, 2022.
A Century of Spy Fiction: Reflections on the Genre, 2023.
Filed under: Boston Teran | Schlagwörter: Boston Teran, Elsinor Verlag, Film
…“Die Erwartungen sind dennoch hoch, denn man erhofft sich, mit „The Creed Of Violence“ den Grundstein für eine mögliche Kino-Trilogie zu legen. Boston Teran selbst hat seinen Roman bereits fortgesetzt: Mit „The White Country“* und „Gardens Of Grief“* erweiterte er die Geschichte literarisch und beschäftigte sich dabei einmal mehr mit der moralischen Seele Amerikas, indem er politische und gesellschaftliche Konflikte der Gegenwart mit den Zuständen der Vergangenheit parallelisierte.“
„Die Werke von Boston Teran handeln von Amerika und dem moralischen Territorium seiner Seele“, sagte Donald Allen von High Top, der das Unternehmen gemeinsam mit seinem Sohn Wyatt leitet. „Sie behandeln die aktuellen sozialen und politischen Themen unserer gewalttätigen Welt aus der Sicht unserer Vergangenheit. Es geht darum, relevant zu sein, die gängige Sichtweise in Frage zu stellen und eine kraftvolle und einzigartige Perspektive einzunehmen.“
Filed under: David Lynch, Film, Jochen König, TV-Serien | Schlagwörter: David Lymch, Film, Jochen König, TV-Serie
Manchmal dauert es ein paar Tage, um eine Todesmeldung ansatzweise zu verarbeiten. Dies ist so ein Fall. Am 15.01.2025 starb David Lynch im Alter von 78 Jahren. Einer der bedeutendsten Filmschaffenden der letzten 50 Jahre, für mich der wichtigste.
Die Reise in ein Universum voller Chaos, Ordnung, Schrecken, Schönheit, Dunkel und Licht (das Wunder der Elektrizität, David Lynchs gesamtes Werk durchziehende Konstante) begann für mich im September 1979 mit Diedrich Diederichsens euphorischem Artikel über den deutschen Kinostart von „Eraserhead“ (auf der Folgeseite der Bericht über George A. Romeros „Dawn oft he Dead“, der ebenfalls anlief. Wunderbare Koinzidenz).
„Psychopathisch. Hypnotisch, Beckett. Alptraum. […] Wem mit einem Vergleich aus der Musik gedient ist: The Pop Group, „Sister Ray“ von Velvet Underground oder „Helen Of Troy“ von John Cale. Nur spröder“, schrieb Diederichsen, registrierend wie relevant Musik-, Toneinsatz insgesamt für Lynchs Werk ist. „Eraserhead“ und der Name David Lynch, beziehungsweise „David K. Lynch“ wie über der Kritik geschrieben stand, bekamen umgehend meine volle Aufmerksamkeit.
Doch die Chance, den unkonventionellen Film in meiner damaligen Heimatstadt Siegen – nicht gerade das Kulturzentrum der Bundesrepublik, nicht einmal Westfalens – zu Gesicht zu bekommen, schien sehr gering. Zwar gab es das studentische Asta-Kino, in dem ich immerhin „Straw Dogs“ („Wer Gewalt sät“) von Sam Peckinpah aufgewühlt goutieren konnte, doch aktuelle Filme verirrten sich nicht dorthin, soweit ich mich erinnere.
Aber ich hatte Glück, denn irgendwie hatte die Stadt eine Art Festival des Fantastischen Films organisiert, auf dem neben den Poe-Verfilmungen Roger Cormans, dem (damals eigentlich beschlagnahmten) „Texas Chainsaw-Massacre“, Lucio Fulcis „E tu vivrai nel terrore – L’aldilà“ („Über dem Jenseits“) auch „Eraserhead“ aufgeführt wurde.
Mein filmisches Universum implodierte zwar nicht, bebte aber, wie auf andere Art wenig später bei „Apocalypse Now“, nachdrücklich. Wie sagte Gérard de Nerval über die Frage, warum er seinen Hummer an einer Leine durch Paris führte: „Er kennt die Geheimnisse der Tiefe.“ David Lynch ist wie de Nervals Hummer. Bloß ohne Leine.
Danach waren alle Filme des Regisseurs Pflichtprogramm und Höhepunkte des jeweiligen Kinojahres. Okay, „Dune“ war aus der Rubrik, wie bewahre ich Größe im Scheitern. Der einzige von Lynchs Filmen, an den ich mich bislang kein zweites Mal getraut habe. Der Rest, insbesondere „Blue Velvet“, „Lost Highway“, „Mulholland Drive“ und das stille Wunderwerk „Straight Story“ pure Kinomagie. Für „Wild At Heart“ („Wild at Heart – Die Geschichte von Sailor und Lula“) wurde Lynch 1990 die goldene Palme verliehen.
“I have no idea where this will lead us, but I have a definite feeling it will be a place both wonderful and strange.” – Agent Dale Cooper
Komplettiert wurde diese „wundervolle und seltsame Welt“ durch David Lynchs belang- und folgenreiche Ausflüge ins Fernsehfach. „Twin Peaks“ ist vermutlich der unerreichte Peak des Gipfeltreffens von Kunst und Kommerz und zeigte, was im scheinbar kleinen TV-Format an Größe möglich ist. Eine audiovisuelle Krönungsmesse. Auch heut noch reichen ein paar Takte mit dem Bass, der Gitarre und eine auf- und abschwellende Synthesizerlinie, um Gänsehaut zu erzeugen. Wenn dann noch Julee Cruise dazu vom „Fallen (lassen)“ singt, ist der Weg zur „Black Lodge“ mit Rosenblüten gepflastert.
Der Einfluss von „Twin Peaks“ auf Sehgewohnheiten und dem Austesten der Grenzen des im Abendprogramm vorzeigbaren, ist immens. „Northern Exposure“ („Ausgerechnet Alaska“) ist ein früher Meisterschüler, der die Lynch-Vibes kongenial ins Komödiantische exportiert. „Wild Palms“, „Picket Fences“, „The X-Files“, Lars von Triers „Kingdom“ (das ähnlich wie „Twin Peaks“ mit einer späten dritten Staffel brillierte), „True Detective“, Nicolas Winding Refns Studie in Slowest Motion „Too Old To Die Young“, das fabulöse französische „Zone Blanche“ („Black Spot“ in german. Hier ist bereits die Titelgestaltung lynchesk) und selbst die „Sopranos“ profitierten enorm von „Twin Peaks“.
Das spätere, unter dem Radar versendete, „On The Air“ lohnt sich ebenfalls. David Lynchs experimentelleres Geschwisterchen zu Woody Allens „Radio Days“. Zum Einstieg in den Lynch-Kosmos gut geeignet. Denn wieder steht Elektrizität im Focus und verbindet „On The Air“ mit „Twin Peaks“, insbesondere der dritten Staffel, die mehr als ein Vierteljahrhundert nach dem Mord an Laura Palmer folgen sollte. Hier wie dort findet sich David Lynch exakt bei KRAFTWERK und den Lyrics zu „Strom“ beschrieben: „Hier spricht die Stimme der Energie/Ich bin ein riesiger, elektrischer Generator/Ich liefere Ihnen Licht und Kraft/Und ermögliche es Ihnen, Sprache, Musik und Bild/Durch den Äther auszusenden und zu empfangen/Ich bin Ihr Diener und Ihr Herr zugleich/Deshalb hütet mich gut/Mich, den Genius der Energie.“
Warum der Film zur Serie „Twin Peaks – Fire Walks With Me“ nicht nur an den Kinokassen einbrach, verwunderte zugleich wie es verständlich war. Viele Aspekte (und Darsteller) der Serie kamen nur am Rande vor (scheinbar), aus der Allegorie über den Einzug des Bösen in eine fremde Welt und die moralischen Entscheidungen, voller Ambivalenz und Wankelmut, wurde eine finstere Missbrauchsgeschichte mit surrealistischen Einsprengseln, Traumfluchten aus einer prekären Gegenwart. 2024, bei seiner temporären Wiederaufführung, hatte der Film von seiner niederschmetternden Kraft nichts verloren. Eher hinzugewonnen.
Da „Fire Walk With Me“ floppte, wurde es für Lynch immer schwerer Geldgeber für seine Projekte zu finden. Das 2006 aufgeführte, mit digitaler Handkamera gefilmte, Mammutprojekt „Inland Empire“ zu stemmen, war eine aufreibende und zeitintensive Angelegenheit. In seiner Komplexität und Sperrigkeit hinterlässt der Film aber zahlreiche geheimnisvolle Türen zum Entschlüsseln.
Viel blieb liegen, so auch über Jahrzehnte Lynchs Herzensprojekt „Ronnie Rocket“, wurde indes zeichnerisch, literarisch, fotografisch oder musikalisch verarbeitet. Haltet Ausschau nach Lynchs Comic Strips (legendär der minimalistische „The Angriest Dog in the World“), Büchern und den Alben, an denen er beteiligt ist. Es lohnt sich.
David Lynchs Liebäugeln mit der Transzendentalen Meditation blieb mir fremd, auch wenn ich ahne, warum diese abseitige Pseudoreligion sein Interesse weckte („Meditation is to dive all the way within, beyond thought, to the source of thought and pure consciousness. It enlarges the container, every time you transcend. When you come out, you come out refreshed, filled with energy and enthusiasm for life“, so Lynch). Das tibetanische Totenbuch wird’s noch genauer wissen. Empfehlenswert ist David Sievekings kritische Dokumentation „David Wants to Fly“. Die an Lynchs Verdiensten und dem innigen Verhältnis zu ihm nichts ändert.
David Lynch war die meiste Zeit seines Lebens begeisterter Raucher. Eine fatale Liebe und Abhängigkeit, die ihn körperlich schwächte und einer der Hauptgründe für sein tödliches Lungenemphysem war. Ich bin zutiefst betrübt.
Aber David Lynch wird bleiben. Durch sein Schaffen und die hinterlassenen Spuren, die so vielfältig überall zu finden sind.
Ausführlich habe ich mich mit dem Phänomen „Twin Peaks“ und David Lynch an anderer Stelle zur Ausstrahlung der finalen Staffel 2017 beschäftigt. Ich verweise gerne auf den dreiteiligen Text: https://www.krimi-couch.de/magazin/film-kino/twin-peaks/twin-peaks-wissenswertes/
Auch wenn es angesichts des Todes schwerfällt, gelten weiterhin Dale Coopers weise Worte: „Machen Sie sich jeden Tag einmal selbst ein Geschenk. Planen Sie es nicht. Warten Sie nicht darauf. Lassen Sie es einfach geschehen“.
Danke David Keith Lynch.
Filed under: Jochen König, Noir, TV-Serien | Schlagwörter: Anthony J. Quinn, die brücke, Don Winslow, Film, Jochen König, John LeCarré, Seamus Smyth, Taylor Sheridan, TV-Serie
Zwischen Globalisierung und stetig fortschreitender Migration, zwischen Verknüpfung von Beziehungen, Schmuggel und Drogenhandel sind Grenzen und die sie umgebenden Landschaften die relevantesten Marker. Zwischen Fakt und Faszinosum spielt das Thema (gerade in den letzten Jahren) in der Populärkultur eine wichtige Rolle. Inklusive der möglichen Übertragbarkeit auf ethisch-moralische, gesellschaftsstrukturelle und individuell konnotierte Konditionen. Nein, „Fifty Shades Of Grey“ ist kein grenzüberschreitender Text, sondern bloß ein kleingeistiges Spiel mit eigenen Beschränkungen. Eine Grenzerfahrung der anderen Art.
Die Grenze als trennendes wie verbindendes Medium hat die schwedische Serie „Die Brücke – Transit in den Tod“ (OT. „Broen“) wesenhaft in Szene gesetzt.
Eine Leiche, die auf der titelgebenden Öresund-Brücke genau auf der Grenzlinie zwischen Dänemark und Schweden deponiert wurde, zwingt die Polizeibehörden beider Länder zur (vom Täter beabsichtigten) Zusammenarbeit. Gelungene Charakterzeichnungen, geschickter Spannungsaufbau und das Spiel mit Doppelbödigem machen die Serie zu einem Genuss. Gilt auch, mit leichten Abstrichen, für die Folgestaffeln.
Im Verlauf der zweiten Staffel wurden die Serienschöpfer von der Realität eingeholt. Zu einen kündigte der dänische Hauptdarsteller Kim Bodina wegen des wachsenden Antisemitismus in der Öresund Grenzregion (sowie inhaltlicher Differenzen) seinen Ausstieg an, zum andern wurde die ehemals völkerverbindende freie Überfahrt 2016 durch reinstallierte Grenzkontrollen wesentlich erschwert. Als ein Grund dafür wurden die steigenden Migrationszahlen von Dänemark Richtung Schweden genannt.

Der amerikanische Ableger „The Bridge – America“, der zwischen dem texanischen El Paso und dem mexikanischen Ciudad Juárez spielte, agierte auf ähnlich hohem Niveau wie das Original.
Weitere Ableger gab es in Frankreich (mit dem Eurotunnel statt einer Brücke), Russland, Asien (angesiedelt zwischen Malaysia und Singapur) sowie mit der mäßigen, verschwurbelten deutsch-österreichischen Koproduktion „Der Pass“. Ein wahrhaft weltumspannendes Serienuniversum.
Was „The Bridge – America“ eher am Rande inszenierte, rückte in Denis Villeneuves „Sicario“ (und dem schwächeren zweiten Teil) in den Mittelpunkt: Drogenhandel sowie die schwierige Zusammenarbeit der unterschiedlichen Behörden, bei der Kompetenzen, Vertrauen, Verrat und Eigeninteressen einen komplexen und stellenweise unberechenbaren Verbund eingehen.
„Sicario“ gehört zur „American-Frontier“-Trilogie des Autoren Taylor Sheridan, dessen vorzüglicher Wüsten-Noir „Hell or High Water“ eine familiäre Grenzlandodyssee darstellt, während „Wind River“ Ausgrenzung und Verbrechen an der indigenen Bevölkerung der USA darstellt.
In der Serie „Yellowstone“ rücken Grundstücks- und Weidegrenzen in den Mittelpunkt. Spätestens hiermit hat sich, der auch als Schauspieler („Sons Of Anarchy“) tätige Sheridan als einer der wichtigsten aktuellen Kulturschaffenden etabliert.
Den hoffnungslosen „War On Drugs“ hat Don Winslow mit seinem Magnum Opus „Tage der Toten“ zum Thema, in dem Grenzüberschreitungen von mexikanischer und US-amerikanischer Seite an der Tagesordnung sind. Trotzdem ist der voluminöse kein Pamphlet, das Donald Trumps „Let‘s build a wall“-Ideologie unterstützt. Ebenso wenig wie Robert Crais‘ „Straße des Todes“ der seinen Detektiv Elvis Cole gemeinsam mit dem schlagkräftigen Joe Pike an seiner Seite in einen Kampf gegen brutale Schleuserbanden schickt. Bereits 1982 waren Jack Nicholson, angenehm zurückhaltend und intensiv, in Tony Richardsons „Der Grenzwolf“ sowie Charles Bronson zwei Jahre früher, und qualitativ blasser, in Jerold Freedmans „Grenzpatrouille“ unterwegs. Eine spannende Ergänzung, die den Überlebenskampf der Flüchtlinge stärker visualisiert, stellt Jonás Jonás Cuaróns (Sohn von Alfonso Jonás Cuarón) „Desierto – Tödliche Hezjagd“ dar, der mit Gael García Bernal und Jeffrey Dean Morgan zwei vorzüglich aufspielende Antagonisten aufzubieten hat.
In Deutschland prägte das Thema Grenze und ihre Überwindung die Geschichte seit dem Ende des zweiten Weltkriegs. Gelegenheit, auf John Le Carrés Klassiker „Der Spion, der aus der Kälte kam“, inklusive der gelungenen Verfilmung zu verweisen. Doch auch im Westen spielten Grenzübertretungen eine Rolle. In Mechtild Borrmanns „Grenzgänger“ wird der Kaffeeschmuggel für die junge Henni und ihre Freunde zum Verhängnis. Denn auch hier gibt es einen Schießbefehl, der von Ordnungskräften mal widerstrebend, mal mit Begeisterung umgesetzt wird. Die befehlsgebende Gewalt hat sich geändert, die Verhaltensweise der Subalternen bleiben gleich. Henni kommt mit dem Leben davon, landet jedoch nach dem Tod der Mutter in einem kirchlich geführten Kinderheim. Dort sind Nächstenliebe, das Achten der menschlichen Würde Fremdwörter. Es gibt keine Grenze zwischen Himmel und Hölle. Borrmanns Roman ist ein aufwühlender Streifzug durch eine Zeit, die bei Weitem noch nicht aufgearbeitet ist.

Noch näher am Genre und doch ganz ähnlich ist Seamus Smyths Revenge-Thriller „Spielarten der Rache“, der die Perfidie eines menschenverachtenden Systems, geschützt und bewahrt von kirchlichen Trägern und Handlangern, in bitterer Konsequenz schildert. Die Grenzen der Menschlichkeit werden bewusst und mit ausufernder Brutalität überschritten, der spät folgende Rachefeldzug erscheint geradezu zwangsläufig. Ein so kraftvoller wie schmerzlicher Roman.
An der realen Grenze Nordirlands zur irischen Republik, im Gebiet zwischen Armagh im Norden und dem County Monaghan in der Republik Irland siedelt Anthony J. Quinn seine Reihe um den nachdenklichen und obsessiven Polizisten Celsius Daly an. Hier stellt die Zusammenarbeit der nordirischen Beamten mit der Guardia Civil eine Herausforderung mit manch böser Überraschung dar. Es gibt viel zu tun, haben sich doch im Grenzbereich ehemalige IRA-Mitglieder, Kriminelle unterschiedlicher Couleur und Nationalität sowie Immobilienspekulanten angesiedelt, die gerade angesichts der vorhandenen Armut für eine Atmosphäre der Angst, Gewalt und Verzweiflung sorgen.
In „Frau ohne Ausweg“ trifft Daly auf die kroatisch-stämmige Lena Nowak, die an einem ausgefeilten Plan arbeitet, ihrem kriminellen Chef und der Zwangsprostitution zu entkommen. Nowak ist nur eine von vielen Frauen, die über Grenzen verschleppt wurden, ihrer Pässe und damit der Identität beraubt zu werden. Aber sie ist klug und zäh genug, um Mitstreiterinnen zu motivieren und der Polizei sowie verbrecherischen Zuhältern ein Schnippchen zu schlagen. Ein Hauch von Hoffnung am Ende von schwarzen Tagen.
„Frau ohne Ausweg“ zeigt – wie alle gelungenen Werke zum Thema Grenze – wie brüchig die menschliche Gemeinschaft gebaut ist, in einer Welt in der Recht und Gerechtigkeit oft wenig miteinander zu tun haben. Menschen werden zu Waren, die über Grenzen geschafft werden, Waren werden zu Schmuggelgut und der sogenannte Krieg gegen Drogen scheint schon seit langem verloren.
Grenzüberschreitungen können zu Erkenntnissen führen, halten aber auch den Abstieg in die Hölle bereit. Dazwischen gibt es, gerade kulturell, viel zu entdecken.
Filed under: Boston Teran, Elsinor Verlag, Film, NOIR-KLASSIKER | Schlagwörter: Boston Teran, Elsinor Verlag, Film, Noir
Ursprünglich wollten wir bei Elsinor die Boston Teran-Edition mit dem Erstling GOD IS A BULLET starten. Aber wir haben uns dann für GARDEN OF GRIEF entschieden. Dieses Jahr ist nun endlich die Verfilmung von GOD IS A BULLET in die US-Linos gekommen; es hat Jahrzehnte gedauert, das er realisiert wurde.
https://ok.ru/video/5889304300190
Filed under: JAHRESRÜCKBLICK, Jochen König, MUSIK, Rezensionen, Taylor Swift, TV-Serien | Schlagwörter: Film, Jochen König, MUSIK, TV-Serie
2022 hatte die Chance das Vorjahr in die Schranken zu verweisen. Doch es wurde versaubeutelt.
Corona rückte zwar in den Hintergrund, verblasste aber nicht völlig. Krieg, Naturkatastrophen, die FIFA, Korruptions- und Fake-News-Skandale, dazu viel zu viel eklige Menschen, die laut polternd zwischen Realitätsverweigerung und sozialer Verwahrlosung bevorzugt in den (anti)sozialen Netzwerken Nachrichten aus der Hohlwelt verbreiteten. Linus Volkmann bezeichnete 2022 in seinem Rückblick im „Musikexpress“ sehr treffend als „ein Jahr wie ein Typ, der einem ins Auto kotzt – und sich später nicht mal entschuldigt.“
Bleibt, wie so oft, das kulturelle Schaffen der vergangenen zwölf Monate, eine verkorkste Zeit zu retten. Oder die Krätze auszulösen (wie viel zu viele grottenöde Serienkiller-Thriller, Nena, Van Morrison, Filme, die nicht wissen, dass ein Ende zur rechten Zeit was Gutes ist)?
Schön, dass es wieder Konzerte gab.
Einen gelungenen Auftakt bildeten PURE REASON REVOLUTION und GAZPACHO im Columbia-Theater in Berlin. Zwischen Dancefloor, Art-Rock und großen Gesten boten beide Bands atmosphärisches Schwelgen, besonders GAZPACHO lieferten eine stimmungsvoll bebilderte Zeitreise. MELODY GARDOT, ebenfalls in Berlin, belegte, dass sie eine äußerst charmante Geschichtenerzählerin und große (Jazz)-Chanteuse ist. Leider kein „Preacherman“ für mich.
In der Elbphilharmonie gab es zwei Jugendorchester mit starkem Programm zum moderaten Preis. Von einer Eigenkomposition über Rachmaninoff und Shostakowich bis zur „What A Feeling“-Zugabe (die zur unbewussten Hommage an die kurz darauf verstorbene Irene Cara wurde) ein hervorragendes Konzert, mit viel Verve vorgetragen von jungen Musiker*innen zwischen 10 und 27 Jahren. Und die Bildungsbürgerreise in die „Elphi“ abgehakt.
Trotzdem muss man mit Erschrecken feststellen, dass Live-Events in Gefahr sind. Nicht wegen Corona. Während bekannte Künstler (vertreten durch viel zu groß gewordene „Dienstleister der Kulturbranche“ wie Live Nation oder Eventim) stellenweise Ticketpreise bis ins Vierstellige nehmen können, bleibt der Nachwuchs und unabhängige Kunst auf der Strecke.
Durch den Verkauf von Tonträgern lässt sich schon lange keine Tour mehr pushen, geschweige denn finanzieren. Logistik ist teuer, der Brexit sorgt für ein Aufblühen umständlicher und ebenfalls kostspieliger Zoll-Aktivitäten. Das Couch-Arrangement (und die Angst vor Ansteckung in prall gefüllten Räumen) mit Corona führte auch zu weniger Interesse an Konzerten. Zahlreiche Bands und Solokünstler sagten ihre bereits geplanten Touren ab oder verschoben sie auf unbestimmte Zeit. Prognosen sind düster.
Zu den musikalischen Veröffentlichungen, die mein Jahr prägten, stieß bereits früh „Call To Arms & Angels“, das neue Doppelalbum von ARCHIVE. Ein hypnotischer, langsamer Tanz, der sich sowohl bei Trip Hop, Pop wie Art Rock auskennt und auch passend für den Soundtrack eines Nicolas Winding Refn-Films (oder einer Serie) wäre.
Passend wäre auch „Nights Of Lust“, der Darkjazz-Slowburner des LOVECRAFT SEXTETs, die gegen BOHREN & THE CLUB OF GORE geradezu dem Geschwindigkeitsrausch verfallen sind.
Gefallen hat auch der gutgelaunte, spannende Retroprog der MOON LETTERS, deren erstes Album ich nicht so toll fand, während das zweite, „Thank You From The Future“, strahlte: „Überbordend, diffizil, dabei höchst ökonomisch, kein Ton zuviel“.
Ebenso klasse war die neue Inkarnation MAJOR PARKINSONs, der Beginn einer Trilogie. Ein weiteres Selbstzitat: „„Valesa – Chapter 1: Velvet Prison“ ist ein Grand Guignol-Musical der exzessiven Art. Genregrenzen interessieren MAJOR PARKINSON nicht, hier wird überbordend musiziert: Prog, Stadion-Rock und AOR treffen auf elektronische Entdeckungsreisen und grüblerische Singer-Songwriter-Sequenzen“.
Düsterer und intimer gings es bei der fabulösen Karin Park zu, deren eindringliche „Private Collection“ ein würdiger Nachfolger des exzellenten „Church Of Imagination“ ist. Steve Kilbey und Martin Kennedy hingegen überzeugten einmal mehr als vers(p)onnene Psychedeliker mit ihrem kryptisch betitelten „The Strange Life of Persephone Nimbus“. THE CHURCH sind stets präsent.
Kein Weg führte vorbei an TAYLOR SWIFTS neuem Output „Midnights“. Streamingdienste brachen bei Veröffentlichung zusammen und Swifty-Achselshirts waren ausverkauft. Ansprechend melancholischer Electro-Pop mit anrührenden, nachdenklichen Lyrics und nur sachtem R’n’B-Hochglanz-Muzak. Was der Musik gut tut. Nur selten klingt es nach einem Stück aus dem „Victorious“-Soundtrack. Aber auch da gibt es Schlimmeres.
SWIFT gelingt es mainstreamkompatibel zu sein und trotzdem die Dringlichkeit und den Charme von Indie-Produktionen zu bewahren. Das Album erschien in vier Ausführungen mit unterschiedlichem Artwork (Standard, Jade Green, Blood Moon, Mahogany). Besonders lohnt sich die später erschienene „Lavender“-Version mit drei famosen Bonustracks. Diese sind wieder originell instrumentiert und strahlen die bestrickende Intimität von TAYLOR SWIFTs in der Pandemie rearrangierten Werken aus. Digital erschien zudem die „3am“-Ausgabe mit insgesamt sieben Bonustracks.
SWIFT ist eine der wenigen Megastars, die einem nie auf den Senkel gehen. Und dass sie eine fantastische Musikerin ist, hat sie längst bewiesen. Allein mit E-Gitarre auf der Bühne ist sie die pure Freude. Davon bitte irgendwann ein komplettes Album!
Ein postumes Album bildet den Abschluss meiner kleinen musikalischen Reminiszenz ans Jahr 2022. Auch in dieser Beziehung ein ätzendes Jahr. Für mich wichtige und prägende Künstler starben: Dazu gehörten VANGELIS, MARK LANEGAN, MANUEL GÖTTSCHING, PHAROAH SANDERS, Jeff Beck und TERRY HALL. Mit dem Verlust von JULEE CRUISE und ANGELO BADALAMENTI wurde das „Twin Peaks“-Universum kleiner.
Besonders schwer traf mich der Tod KLAUS SCHULZEs, dessen Musik mich noch länger begleitet als die von VANGELIS. Mit „Deus Arrakis“, einer erneuten „Dune“-Reminiszenz, hinterließ er ein inspirierendes, atmosphärisches letztes Album.
Lobende Erwähnungen gibt es noch für die Comebacks von PORCUPINE TREE, „Closure P/T“ ist feinster Pop-Prog nach dreizehn Jahren Sendepause, die BROKEN BELLS (letzte Veröffentlichung 2014) mit dem der psychedelisch-poppigen Wundertüte „Into The Blue“. Der Übersong „The Chase“ enthält Spuren aus dem ARCHIVEt.
MADRUGADA melden sich mit dem funkelnden Nachtschattengewächs „Chimes At Midnight“ zurück. Ärgerlich ist die Veröffentlichungspolitik, bei der man es sich immer weiter mit der schrumpfenden Schar von Tonträger-Käufern verscherzt. Während PORCUPINE TREE ihr Album gleichzeitig in verschiedenen Versionen auf den Markt brachten, was eine Wahl möglich machte, erschien von „Chimes At Midnight“ nur wenige Monate nach dem Originalalbum eine Expanded Edition mit fünf(!) starken Bonustracks.
So verprellt man seine Interessenten.
Im Kino erledigte das über lange Zeit Corona. Und für mich und viele andere ist die Veränderung der Kino-Kultur hin zu einem umfassenden Event mit dauerhafter Fress-, Smartphone-, Trink-Begleitung und damit verbundenen Toilettenbesuchen ein Verweigerungsgrund.
Ist anscheinend schwer, Konzentration, Mund und Wasser eine ganze Filmlänge halten zu können. Von konzertierten Störaktionen irgendwelcher TikTok-Deppen ganz zu schweigen. Die Kino-Magie verflüchtigt sich ins Nichtige, was dazu führte, dass ich 2022 nur einen einzigen Film im Kino gesehen haben. Und das gleich im Januar.
Guillermo del Toros „Nightmare Alley“, die zweite Adaption des Romans von William Lindsay Gresham ist ein visuell ansprechender, passend düsterer Noir, ausgezeichnet besetzt und gespielt. Der Film leidet allerdings unter einer weitverbreiteten Krankheit des aktuellen Filmschaffens: Er ist mit 150 Minuten viel zu lang (Die erste Verfilmung von 1947 beschränkte sich auf, damals exorbitante, 110 Minuten).
Der Plot, und die nicht ganz so schwer zu entschlüsselnden Twists tragen neunzig Minuten locker, alles darüber hinaus ist Ignoranz gegenüber filmischer Ökonomie. Trotzdem eines der besseren Werke in del Toros Agenda der jüngeren Zeit.
Sein „Cabinet Of Curiosities“ blieb trotz hochinteressanter Regisseur*innen eine müde Angelegenheit mit wenigen Ausreißern nach oben. Besser als die unsäglichen „American Horror-Stories“, aber das will nichts heißen.
Weitere filmische Glanzpunkte:
Ein Highlight des Jahres gab es gleich zu Beginn. Brandon Cronenberg (richtig, David Cronenbergs Sohn) schuf mit „Possessor“ (der 2021 noch in der Warteschleife steckte) einen so intensiven wie verstörenden Psycho-Horror-Tripp. Mein Fazit: „“Possessor” ist ein kunstvoller, zwischen Meditation und psychedelischem Schlachtfest angesiedelter Trip zum Ende der Menschlichkeit. Gefühle und Bewusstsein sind austauschbar, Individualität kaum ein Schimmer in glitzernden Oberflächenreizen. Die Welt ist ein Modell, das Geschäftemacher untereinander aufteilen.“ Der Soundtrack ist ebenfalls highly recommended.
Alex Garlands „Men“ ist eine Mischung aus Gesellschaftskritik, Folk-, Slasher-Horror und Mindfuck. „Men“ beinhaltet Beziehungsdrama, Satire, Psycho-Thriller und blutigen Body-Horror als sperriges Gesamtpaket.
Ein Meta-Film, wie auch Jordan Peeles „Nope“, der wieder geschickt zwischen Horror, Science Fiction und Satire pendelt, dabei gespickt ist mit filmhistorischen Verweisen.
Kaum eine Jahresbestenliste kommt an „Everything Everywhere All at Once“ vorbei, so auch diese nicht. Bereits wegen der Besetzung mit Michelle Yeoh und Jamie Lee Curtis (direkt der Beamtenhölle entstiegen) ein Muss, überzeugt der Film auch als relevantes Multiversumsspektakel.
Im Gegensatz zu „Dr. Strange In The Multiverse Of Madness“, das, von einigen selbstreflexiven Sam Raimi-Momenten abgesehen, ein blutleeres CGI-Gehampel blieb. So seelen- und gehaltlos wie die meisten Marvel-Werke der letzten Jahre. Der Film ging zudem sehr liederlich mit dem eigenen Personal um.
Während sich das MCU im Fernsehen unterhaltsam zeigt (von „Moon Knight“, zwischen Langeweile und Hyperaktivität schwankend, abgesehen), bleiben die Kinofilme bestenfalls Zeitvertreib für einen regnerischen Sonntagnachmittag.
Besonders erfreulich und trickreich war das Horror-Genre mit ganz unterschiedlichen Gewächsen. „X“ beginnt als ironisches Spiel mit Erwachsenenfilmen und wird zum leichenreichen Backwood-Slasher mit Pfiff und sehr originellem Killer.
„The Innocents“ wagte sich, hervorragend gefilmt, in die bisweilen tödlichen Untiefen der Kindheit. Magischer Realismus vom Feinsten.
„Barbarian“ schließlich war ein außergewöhnlich spannendes Ereignis zum Jahresabschluss. In Deutschland leider nicht im Kino gelaufen, spielt der Film mit Erwartungen, bricht und bedient sie gleichzeitig gekonnt. Nicht nur von der Erzählstruktur her transportiert Regisseur Zach Cregger Alfred Hitchcock stilvoll in die Gegenwart. Und liefert nebenbei Bilder einer nicht nur sozial zerfallenden Zivilisation. Das überbordende Grindhouse-Finale, mit einigen der wenigen sehr blutigen Sequenzen, dürfte die Geschmäcker teilen. Zach Cregger darf das. Weil er es kann.
Mein TV-Höhepunkt waren „Die schwarzen Schmetterlinge“. Ein französische Produktion, die wild und visuell artistisch Psychothrill, Surrealismus und Giallo verband, dabei gleichzeitig als eine Reflexion über Erzählen und Wahrnehmen taugte. Obendrauf versehen mit einem traumhaften Soundtrack.
„Wednesday“ machte überwiegend Spaß, zumindest in den von Tim Burton inszenierten Episoden. Der Mystery-Anteil blieb unausgegoren und zu durchschaubar, die Monstereffekte waren stellenweise Power Rangers-würdig und in den letzten drei Folgen war das Ganze eher eine Art Addams-Familienbesuch in Hogwarts. Aber hey, „Wednesday“ hat die wunderbaren Jenna Ortega (auch in „X“ sehr experimentierfreudig dabei) UND Christina Ricci an Bord.
Die Miniserie wurde rasend schnell zum Medienhype, inklusive unzähliger überflüssiger Tanzvorführungen bei TikTok. Aber hey…
Heimisch geriet ich schnell wieder in der „Umbrella Academy“, die ebenfalls ihr Multiversum beherrschten.
„Reacher“ bot solide Kost und mit Alan Ritchson, nach dem Gernegroß Tom Cruise, endlich einen amtlichen Jack Reacher-Darsteller vorzuweisen hatte. Die Verfilmung des ersten Lee Child-Romans verriet die Vorlage nicht, blieb lakonisch und kantig. Besetzungstechnisch war das insgesamt eine Freude, mit Sonderlob an die bezaubernde und schlagkräftige Willa Fitzgerald.
Ansonsten gehörte das Jahr eher Aufholterminen. Viel Spaß mit elf Staffeln „Modern Family“ gehabt, „Superstore“ neigt zwar zu arg hohem Fremdschämfaktor, ist aber eine der besten, bittersten Betrachtungen über die ausbeuterischen Machenschaften von Großfirmen und dabei urkomisch.
„Gotham“ gefiel als ansprechend besetzter, visuell finsterer Noir, in dem Ben McKenzie aka Jim Gordon mit einer Handvoll Verbündeter gegen die Organisierte Kriminalität kämpft. Taugte ebenfalls als DC-Origin-Serie, wenn auch der juvenile Bruce Wayne einem gehörig auf den Senkel gehen konnte. Das entschärften Catgirl Camren Bicondova und Sean Pertwee als wehrhafter Butler und Ersatzvater Alfred. Jeden Penny worth.
Literarisch beschäftigten mich einige Zeit ein Buch, das nicht erscheinen wird und eines, dass erst im Herbst 2023 veröffentlicht wird. Daneben blieb die Leseauswahl überschaubar. Zu den Tops gehören:
Willi Achten – „Rückkehr“. Wenn Amazon mich zitiert, darf ich das auch: „Willi Achtens Roman ist ein melancholischer Rückblick auf etwas, das nie existierte. Die Sehnsucht nach Neuanfängen gepaart mit Verlustängsten. Eine ungesunde Kombination. Ein Text, so leise wie faszinierend, der einen reißenden Fluss als idyllischen Bergbach tarnt.“
Terry Miles – „Rabbits – Spiel um dein Leben“. Und wieder ein Multiversum. Donnie Darko irrt in Twin Peaks durch die Pforten der virtuellen Wahrnehmung. So in etwa. „Rabbits“ vereint gekonnt Mystery- mit Verschwörungsthriller, angesiedelt in High Tech-Universen, die von einer nicht allzu fernen Zukunft erzählen. Basiert auf Terry Miles eigenem Rabbits“-Podcast. So können großangelegte Verschwörungsmythen gefallen. NUR so.
Mechtild Borrmann – „Feldpost“. Auf Borrmann ist Verlass. Sprachlich gelingt ihr wieder die Kombination von Poesie und Effizienz. Sie kann mit wenigen Sätzen eindrücklich skizzieren, was anderen Autor*innen nicht über mehrere Seiten gelingt. Kompetent entwickelte Charaktere, überzeugende Handlung, die das Grauen des Dritten Reichs nachdrücklich schildert und in der Gegenwart weiter schwelen lässt. Mit der Chance auf Verarbeitung. Spannend, klug und im besten Sinne lehrreich (ohne erhobenen Zeigefinger).

Etwas älter, aber unbedingt einen Lesetipp wert: Kanae Minatos „Geständnisse“. Kongenial 2010 verfilmt von Tetsuya Nakashima nach einem Drehbuch der Autorin. Das Buch erschien auf Deutsch 2017 und schildert aus verschiedenen Perspektiven die Geschichte einer nachvollziehbaren Rache, die aus dem Ruder läuft.
Statt einer erlösenden Katharsis entwickelt sich eine Eigendynamik, die Todesopfer fordert. Ein furioser Abstieg in eine Hölle, die nicht nur die anderen sind. Die bildgewaltige Verfilmung erfasst die Essenz des Romans, ohne ihm sklavisch zu folgen. Zwei Wunderwerke.
Das nachfolgende „Schuldig“ (mehr Romane sind von Minato leider nicht auf Deutsch erschienen) bewegt sich auf ähnlichem Terrain, ist immer noch lesenswert, aber deutlich schlichter und damit schwächer.
Trotzdem würde ich gern mehr von Minato lesen.
Meine kleine popkulturelle Nabelschau darf nicht ohne die Erwähnung einer starken Frau, mit der ich viel zeit verbracht habe. Mit Aloy durch „Horizon Forbidden West“ zu streifen war das reine Vergnügen. Eine wohl austarierte Spielmechanik und -dynamik, atemberaubende Grafik und eine solide Geschichte ergaben ein Videospiel-Highlight der besonderen Art. Mehr brauchte ich an der Konsole 2022 nicht.
Zum Schluss noch ein bisschen Eigenwerbung:
Die Arbeit auf und mit http://www.Booknerds.de war 2022 ebenfalls ein Hort der Freude. Chris Popp hat mit Dominic Schlatter einen ebenso würdigen wie engagierten Nachfolger als Chefredakteur gefunden, unter dessen Ägide ein monatlicher Redfaktions-Chat eingerichtet wurde und das Team quantitativ wuchs und qualitativ überzeugte.
Besonders freut mich, dass meine ehemaligen „Couch“-Kollegen Eva Bergschneider und Jörg Kijanski ebenfalls für Booknerds schreiben. Tolle Arbeit leistete auch Sarah Teicher (aka Sari Sorglos), die die sozialen Netzwerke mit positiven Inhalten pflegt (gibt es eh zu wenige von) und mit ihrer Kollegin Mariann Gaborfi den feinen Podcast „Autorinnen im Porträt“ am Start hat, der sich auch auf und via Booknerds finden und hören lässt. Lohnt sich. Wie das gesamte Booknerds-Programm mit Besprechungen quer durchs kulturelle Schaffen.
Ich habe 2022 sogar ein LP-Review geschafft. „Bleed’n’Blend“ der Isländerin KJASS wird hiermit vollumfänglich empfohlen. „KJASS weiß, wie man einnehmende Melodien schreibt und atmosphärisch vorträgt, während ihre Mitstreiter so kompetent, wie gefühlvoll zwischen Pop, Jazz, Folk und angrenzenden Genres wandeln.“ Lest den Rest (und auch meine anderen Betrachtungen zu Film, Fernsehen und Literatur) gerne selbst. Würde mich freuen.
2022 ist vorbei, und das ist verdammt gut so. Leider bin ich skeptisch, was 2023 angeht. Aber wie zitiert Martin Compart Urban Priol am Telefon so gerne wie treffend: Es kann immer noch besser als 2024 werden. Hauptsache, der kotzende Kerl ist weg.
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