Martin Compart


JAHRESRÜCKBLICK VON JOCHEN KÖNIG by Martin Compart
14. Januar 2026, 3:35 pm
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Jochen Jahresrückblick 2026 Booknerds/Martin

Same procedure as last year. And the years before: Autokraten, reaktionäre Dummheit, Faschismus, Meinungen statt Fakten – es braucht eigentlich kein „Evil Dead“-Franchise,  das Übel pflanzt sich weiter fort, schafft es das Gute (gerade in der Politik) zu diskreditieren und dann sein schattiges Haupt zu erheben, um die eigene Widerlichkeit als Erfolg zu feiern. Bestandsaufnahme (mit Silvester als bestem Beispiel): Wir lassen uns das Böllern nicht verbieten. Angeblich ohne bemerken zu wollen, dass es die Welt ist, die gerade explodiert.

Zu den öffentlichen Desastern gesellten sich dann 2025 noch persönliche Konfrontationen mit der Endlichkeit. Fahrten durch die Nacht mit ungewissem Ausgang, metaphorisch wie real. Alles endet, alles verändert sich. Und natürlich verabschieden sich mit zunehmenden Jahren auch die (pop)kulturellen Wegbegleiter, die Impulsgeber, kreativen Bereicherungen, Menschen, die einen ideell, wenn  nicht sogar persönlich über Jahrzehnte begleitet haben. Mein Nekrolog beschränkt sich auf wenige, mir besonders wichtige Namen, ansonsten würde das hier Ausmaße von „Krieg und Frieden“ annehmen. Was allerdings irgendwie auch passend wäre.

Bereits im Januar starben mit David Lynch und Marianne Faithfull zwei Kulturschaffende, die mich über Dekaden geprägt haben. Lynch vom ersten Artikel im „Sounds“ und dem anschließenden Besuch von „Eraserhead“ an, Marianne Faithful mit „Broken English“ und besonders im Verbund mit Mark isham und Alan Rudolph. „Trouble In Mind“, der Signature-Sound zu einem tollen Film, der leider unterm Radar durchsegelt. Seit Jahren.

Im Juni ging Sly Stone, der Soul- und Funk-Magier, der nicht nur Prince eine Blaupause lieferte und später in der Versenkung verschwand, verarmt, aber nie vergessen. Ganz nahe dran, aber mit 51 wesentlich jünger, folgte ihm im November D’Angelo. Falls es ein Leben im Jenseits gibt, wären Sly Stone, D’Angelo und Prince ein Wahnsinnstrio.

Musikalisch ebenso schmerzlich vermissen werde ich David Ball, die instrumentale SOFT CELL-Hälfte und natürlich Ozzy Osbourne. Bereits im Gedenken an selige „Mister Hit“-Zeiten, die für mich mit „Sabbath, Bloody Sabbath“ begannen und das weithin nicht besonders beliebte „Never Say Die!“ partytauglich machten. Das schafften wir auch mit „Bloody Well Right“ und „Dreamer“ von SUPERTRAMPS vielleicht bestem Album, „Crime Of The Century“. Entdeckt bei der großen Schwester eines Freundes (gemeinsam mit „Tales Of Mystery Imagination – Edgar Allan Poe“ vom ALAN PARSONS PROJECT. Ein Muss für mich als Poe-Fan), gleich geliebt, mehr noch, als die signifikante Klavierlinie des Titellieds zum zentralen Thema einer kurzlebigen Serie über die Geschehnisse in einem deutschen Jugendknast wurde. („Block 7 – Jugendliche im Strafvollzug“, 1976). Rick Davies, der Sänger und Keyboarder der Band gehört leider auch zu den Toten des Jahres. Ebenso seine proggigen Kollegen Dave Cousins (STRAWBS, für mich „Hero And Heroine), Mike Ratledge (SOFT MACHINE) und John  Lodge. „Nights In White Satin“ haben Tanzschule und Partys geprägt, ganz eng. Irgendwann kam ich zu dem Schluss, dass ich die MOODY BLUES komplett brauche. Es gibt Sachen, durch die muss man durch. Weil man es will. Dr. Livingston, I presume.

Mit Daniel Woodrell starb ein geschätzter Autor, den ich persönlich kennenlernen durfte, und dessen bescheidene, freundliche Art ich sehr mochte. Woodrell war begeistert und ein bisschen verwundert, dass wir seine Bücher hier in Deutschland sehr gern lasen. Es war die Zeit von „Winter’s Bone“ und Daniel Woodrell hatte den damit verbundenen Ruhm hochverdient.

Udo Kier wiederum war ein Schauspieler ganz besonderer Art. Egal, ob er Jim Morrison oder einen somnambulen Vampir verkörperte, Kier war immer etwas besonderes, eine echte Kultfigur. Er schaffte es sogar, lausige Filme sehenswert zu machen.

Es fehlen noch so viele und werden es in Zukunft, die das Leben lebenswerter gemacht haben. Während andere Gestaltwandler, ohne die die Erde besser dran wäre, weiter auf ihr wandeln dürfen. Ein Thema, das einer der besten Filme des Jahres ebenfalls streifte.

„Sinners“ zu deutsch „Blood & Sinners“ (nee, ist klar) ist witzig, spannend, blutig und eminent politisch. Handelt nicht nur von der Kraft der Musik, sondern weiß dies auch in atemberaubend faszinierende Bilder umzusetzen. Nicht nur die Cluberöffnungsszene mit Musik als Zeitmaschine gehört zum besten, was das Kino des einundzwanzigsten Jahrhunderts zu bieten hat.

Insgesamt bot gerade das (erweiterte) Horrorgenre Highlights eines nicht gerade berauschenden Kinojahres, das hierzulande zuschauermäßig vom jämmerlichen „Kanu des Manitu“ angeführt wurde. Altbacken, kümmerlich und immens erfolgreich. Vielleicht gerade deswegen? Schon vergessen.

Im  Gegensatz zum schmerzhaften „Bring Her Back“, dieser finsteren Phantasmagorie über Verlust und jene fatale Sehnsucht, die sich über Moral und Ethik hinwegsetzt. Stark auch die, im finalen Akt überbordende, Horror-Groteske „Weapons“, die sich vom düsteren Paranoia-Thriller zur bizarren Reflektion über die Angst vor Fremdsteuerung und dem Altern wandelt, und dabei locker Genregrenzen sprengt. Und mit Amy Madigan als surreal geschminkter Antagonistin glänzt.

Ebenfalls ein visuelles Fest war Robert Eggers „Nosferatu“-Version, mit der sich Eggers erneut als einer der interessantesten Filmemacher der Gegenwart erweist. Sperriges Grand Guignol-Kino über Liebe, Entfremdung und die vergebliche Suche nach Sicherheit, die sich nicht einmal im Tod finden lässt. Zwar am am ersten Weihnachtstag 2024 im Kino gestartet, aber das sehen wir nicht so eng.

„Warfare“ setzt auf Körperkontakt der rabiaten Art. Alex Garland und sein Co-Regisseur Ray Mendoza, der beim gezeigten Häuserkampf im Irak mit dabei war, dekonstruieren Kriegslüsternheit indem sie sich mitten ins Geschehen begeben. Die Kamera ist auf Höhe der Protagonisten, deren Gesichter sich im Staub vermischen. Anspannung, Gewaltausbrüche, meist ohne konkretes Ziel, Tod, Zerstörung, Schreie, Hektik, keine Erklärung, nirgendwo.   Intensives Körperkino, das „show, don’t tell“ verinnerlicht hat. Kein Soundtrack, nur Geräusche, verstörende Klänge. Am Anfang steht das sexistische Video von  Eric Prydz‘ „Call On Me und sich dazu wiegen+Soldaten, am Ende LOWs „Dancing In Blood“, zerstörte Seelen und Veteranen im Rollstuhl. Eindrücklich.

Potenzielle Kandidaten für eine lobende Erwähnung warten noch auf Sichtung. Zu „One Battle After Another“, und „In die Sonne schauen“ bin ich noch nicht gekommen. Wird aber.

Literarisch war mein Jahr, teilweise den äußeren Umständen geschuldet, von karger Ausbeute. Unter den  aktuellen Erscheinungen waren unter anderem Mariana Travacios wortkarge, punktgenau treffende, phantastische Rachegeschichte der ganz eigenen Art, „Ein Mann namens Loprete“, zu dem ich das Nachwort beisteuern durfte, Willi Achtens tieftrauriges „Die Einmaligkeit des Lebens, das  dank seines Facettenreichtums und seiner Innigkeit, nicht dem Tod, sondern dem Leben seine Wertschätzung erweist und  Mechtild Borrmanns wieder einmal  lohnenswerte  Beschäftigung mit der deutschen Vergangenheit „Lebensbande“,  Höhepunkte.

Auf ganz andere Art gilt das auch für die Hommage an POPOL VUH und deren Mastermind Florian Fricke von Michael Joseph und Michael Fuchs-Gamböck. Trotz kleiner Schwächen im Formalen, ein wichtiges Stück popkulturelle Erinnerungskultur.

Ganz besonders gefreut hat mich der persönliche Kontakt mit Helmut Wenske, eine der künstlerischen Ikonen meiner Jugendzeit. Seine Bilder (als Poster, fürs echte Material hätte das Taschengeld nicht gereicht) zierten die Wände meines Zimmers, Alben mit seinen Covern befanden sich im Plattenregal. Dank der Rezension der vorzüglichen  Quasi-Autobiographie begab es sich, dass der Maler, Autor, Musiker und zünftige Rocker mir einiges über Indo-Rock, seine Begegnungen mit Martin Compart (kennt ihr) und Hanau als wildes Auge im Zentrum eines Teils der Rockmusik  erzählte. Nur echt in breitem hessisch. Fast 86 und immer noch auf dem walk on the wild side.

Ansonsten ist mir endlich gelungen, die beiden auf Deutsch erschienenen Romane S. Craig Zahlers zu lesen („Wie Schatten über totem Land“ und „Die Toten der North Ganson Street“). Der Mann kann nicht nur rohe, dunkel glimmende Filme inszenieren, sondern auch Bücher schreiben. Über die es früher geheißen hätte: „Lektüre wie ein Schlag in die Magengrube“.

Während Film- und Literaturausbeute überschaubar blieben, herrschte in der Musik Konjunktur. Okay, Rock ist vielleicht nicht tot, aber er müffelt (mal wieder). Mit den hochgelobten GEESE konnte ich wenig anfangen, auch das Soloschaffen des Frontmanns Cameron Winter ist nicht so meins, der exaltierte Yungblud (oder wie Monty Python sagen würden: „So much for Pathos!“) auch nicht, die meisten Bands mit Hang zu Retrosounds gehen mir am Allerwertesten vorbei. LED ZEPPELIN ist nicht der Nabel der rockmusikalischen Welt.

Mit WET LEG, den SPRINTS oder HEARTWORMS sieht das anders aus. Die weiträumig verlaufenden Weg des  Post Punk scheinen doch eher meine musikalischen Pfade zu sein. Der Neo Soul von Curtis Harding  dito. Besäße Harding einen Fluss mit Biegung, würde ich mir wünschen, mein Herz wäre dort begraben. Neben dem von Michael Kiwanuka.

Wenn  zum Rock noch die Art kommt, bin ich ebenfalls dabei. Steven Wilson hat ABBA ein wenig den Rücken gekehrt und mit „TH5 OV5RVI5W“ früh im Jahr ein flirrendes Highlight geschaffen. Später gesellten sich SMALLTAPE mit „Tangram“ dazu, diesem betörenden Album, dass sich am Rande der Dunkelheit entlanghangelt, voller Brüche und Momenten des Innehaltens. Ebenso LUNATIC SOUL mit dem Doppelalbum „The World Under Unsun“, einer atmosphärischen Wanderung zwischen verhangenen Ambient-Sounds und Prog. Ziehe ich RIVERSIDE mittlerweile sogar ein  bisschen vor, obwohl deren Live-Album „ID“ ebenfalls von großer Klasse ist. Gilt auch für das so getragene wie ergreifende „Pastoral“ von POOR GENETIC MATERIAL und  GAZPACHOS spät im Jahr erschienenen „magic 8-ball“. Denen gehört auch eine Flussbiegung.

Tristan Brusch versöhnt mit deutschsprachiger Musik, klugen, wehmütigen, anrührenden Texten, kennt hörbar Twin Peaks und hat keine Angst vor Melodramen. „Am Anfang“ ist großes musikalisches Kino für Herzensangelegenheiten. Das können auch BLOOD ORANGE mit „Essex Honey“. Liebe und Tod als Begleiter auf dem Sprung. Dämmrig schleichend und voller tiefer Empfindungen, die britische Variante des Neo Noir.

Doch ganz vorne thront die weibliche Kreativabteilung. WET LEG mit ihren aufrührerischen, aufgekratzten Hymnen hatten wir ja schon erwähnt, formidabel waren auch Rosalía mit „Lux“ (die experimentelle Oper macht einen Ausflug in den Berghain), Sophia Kennedy mit dem herausfordernden wie bezaubernden Pop „Squeeze me“. Top of my dark Pops ist indes Anna von Hausswolffs „Iconoclasts“. Die Orgel ist wieder dabei, doch da gibt es soviel mehr zu entdecken.  Heilvolle Musik in heillosen Zeiten. Und als Gaststar rumort Iggy Pop wie ein Wiedergänger Johnny Cashs. Love it or leave it.

Das zu Herzen gehendste Album hat Jenny Hval mit „Iris Silver Mist“ geschaffen. Was für ein Opener! Ganz vorne in meiner Playlist sind noch THE DIVINE COMEDY, BIG THIEF, FLORENCE & THE MACHINE (wenn es die ganz opulente Kalorienbombe sein soll) und der fabulöse Soundtrack Ludwig Göranssons zu „Sinners“.

Meine Entdeckung des Jahres ist allerdings Eleanor McAvoy. Das letzte Album „Gimme Some Lovin‘“ ist zwar von 2021, da ich die Musikerin aus unerfindlichen Gründen erst 2025 für mich entdeckt habe, geht das natürlich durch. Musik für Herz und Seele. Braucht man.

Was ebenfalls auffällt sind die Anstrengungen der Musikindustrie, uns alten Säcken mit noch älterer Musik  das Geldaus der Tasche zu ziehen. Nicht nur werden die Konzertsäle und Clubs von unzähligen Tribute-Bands geflutet (Von den BEATLES, Über Simon & Garfunkel, mehrfach GENESIS und PINK FLOYD bis PEARL JAM. Komisch, ich dachte, die letzte Band gäbe es noch?), auch hat jedes Jahr ein anderes Album irgendein anniversary, aufgrund dessen Reissues veröffentlicht werden müssen.  Oder einfach nur so. Am liebsten Boxen, umfangreich und teuer. 2025 waren (mal wieder) PINK FLOYDs „Wish You Were Here“ und GENESIS’ “The Lamb Lies Down On Broadway” dran. Passend zum Fünfzigsten.

Klar bin ich schwach geworden: Peter Hammills „The Charisma & Virgin Recordings 1971 – 1986“ konnte ich mir nicht entgehen lassen, ebenso wenig Frank Zappas „Cheaper Than Cheap“ . Hammill wartet remastered, mit Dolby-Abmischungen, zusätzlichen Konzertmitschnitten und einem opulenten  Begleitbuch auf, Zappa hat einen exzellent aufbereiteten Soundtrack auf zwei CDs spendiert bekommen, plus den dazugehörenden Film in Dolby auf BluRay. Das klingt fantastisch und kein bisschen überaltert. Wir wissen halt, was gut ist.

Ihr könnt euer Geld auch für Bruce Springsteen ausgeben, gleich zweifach, für eine erweiterte „Nebraska“-Version oder das „Tracks II: the Lost Albums“-Sammelsurium oder noch weiter in der Zeit zurückgehen mit der Jimi Hendrix Experience und dem „Bold As Love“-Konvolut. JETHRO TULL wurden mit der fair bepreisten „Still Living in the Past -Deluxe Box Set edition“ bedacht, TANGERINE DREAM mit der Veröffentlichung „From Virgin To Quantum Years“ (3CD + Blu-ray Earbook) und einer Box zum fünfzigsten „Rubycon“-Jubiläum. Nicht nur hier gibt es die Möglichkeit viel Geld in Umlauf zu bringen. Interessant in Zeiten, in denen Tonträger angeblich aussterben.

Da saumselig im Jahresrückblich 2025 vorenthalten, gibt es jetzt einen längeren Nachruf auf einen wichtigen Musiker: Im späten Dezember starb nach langem Leidensweg Chris Rea im Alter von 74 Jahren. 1994 wurde bei ihm Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert, eine hoch aggressive Variante. Er überlebte, nach aufreibenden Therapien, Operationen und langen Krankenhausaufenthalten.

2016 erlitt er einen Schlaganfall, überstand auch das, verlor zeitweise Sprache und die Fähigkeit Gitarre zu spielen. Aber er kämpfte sich zurück und gab nach längerer Rekonvaleszenz  sogar wieder Konzerte. In den letzten Jahrzehnten, hauptsächlich seiner großen Leidenschaft, dem Blues gewidmet. Das gleiche galt für seine Veröffentlichungen, Rea scherte sich nicht mehr um Erwartungshaltungen, sondern spielte und lebte den Blues.

Dabei würde ich seine Rock-,Popstar-Zeit vor der Erkrankung nicht unterschätzen. Ich beschäftigte mich erstmals intensiv mit Chris Rea, als eine sehr coole Studienfreundin (die ihr Studium früh abbrach, um Schneiderin im hohen Norden zu werden und mir das Soloschaffen Rupert Hines nahebrachte. Allein dafür bin ich ihr äußerst dankbar) Reas Stimme mit der von John Cale verglich, einem meiner musikalischen Heroen nicxht  nur zur damaligen Zeit. Und ich musste ihr recht geben. Nicht musikalisch, aber von der Tonlage war da was dran.

Es war die Zeit von „Benny Santini“, „Deltics“, „Tennis“ und dem selbst betitelten  vierten Album, noch vor den Charterfolgen „Josephine“ und „Driving Home For Christmas“. Knarziger Rock-Pop, gefühlvoll wie bluesverliebt. Das wurde nachher glatter, aber größtenteils nicht unbedingt schlechter. „Josephine“ ist eine anrührende Ballade, „Driving Home For Christmas“ eine unpeinliche Weihnachtsschnulze, die man Jahr für Jahr durchaus wieder ausgraben und hören kann. Gut, sein  wahrscheinlich bekanntester Track „Fool (If You Think It‘s Over)“ ist bei weitem nicht sein bester, aber es gibt erheblich schlimmeres.

„On The Beach“ hingegen ist einer der lässigsten gefühligen Sommer-Songs aller Zeiten (getoppt noch von „Looking For The Summer“) und „The Road To Hell“ ist ein Highway, den man mit brennenden Reifen befahren kann– ohne je das Gaspedal durchdrücken zu müssen. So wurde Rea zum verlässlichen Begleiter in allen möglichen Gemüts- und Lebenslagen. Egal, dass es manchmal arg kitschig wurde, Chris Rea wusste wie man Gefühle und Hirn eindrücklich triggern konnte.

Seinen stellenweise ausufernden Blues-Exkursionen bin ich dann nicht mehr konsequent gefolgt,  aber wenn man das Genre schätzt, ist die Beschäftigung mit dem Spätwerk auch ein wohltuender Quell der Freude. Kurzum, ein Musiker, den ich sehr vermissen werde. Aber glücklicherweise bleibt das, was ist.

“Soft top, hard shoulder

See me come-down that line

I can’t stop too much older now

Let it run in overtime

Run till it breaks up

Overheats and explodes

Pick up what’s left of me

Leave the rest of it way down that road”

“Soft Top, Hard Shoulder” von “God’s Great Banana Skin” (1992), noch eine gut abgehangene Hymne über die Endlichkeit.

Wieder nur ein Bruchteil dessen, was im letzten Jahr los war. Während die Kino- und Literaturauswertung eher mau war, aus unterschiedlichen Gründen, war die Musik stets ein verlässlicher Begleiter. Egal, ob alt ob neu, ob daheim oder bei nächtlichen Fahrten mit ungewissen Ausgang. „Sinners“ gibt in der schönsten Sequenz des Filmjahres Auskunft darüber, warum das so ist.



„This whole world is wild at heart and weird on top“, David Lynch. Ein viel zu unvollständiger Nachruf von Jochen König by Martin Compart
30. Januar 2025, 12:31 pm
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Manchmal dauert es ein paar Tage, um eine Todesmeldung ansatzweise zu verarbeiten. Dies ist so ein Fall. Am 15.01.2025 starb David Lynch im Alter von 78 Jahren. Einer der bedeutendsten Filmschaffenden der letzten 50 Jahre, für mich der wichtigste.

Die Reise in ein Universum voller Chaos, Ordnung, Schrecken, Schönheit, Dunkel und Licht (das Wunder der Elektrizität, David Lynchs gesamtes Werk durchziehende Konstante) begann für mich im September 1979 mit Diedrich Diederichsens euphorischem Artikel über den deutschen Kinostart von „Eraserhead“ (auf der Folgeseite der Bericht über George A. Romeros „Dawn oft he Dead“, der ebenfalls anlief. Wunderbare Koinzidenz).
„Psychopathisch. Hypnotisch, Beckett. Alptraum. […] Wem mit einem Vergleich aus der Musik gedient ist: The Pop Group, „Sister Ray“ von Velvet Underground oder „Helen Of Troy“ von John Cale. Nur spröder“, schrieb Diederichsen, registrierend wie relevant Musik-, Toneinsatz insgesamt für Lynchs Werk ist. „Eraserhead“ und der Name David Lynch, beziehungsweise „David K. Lynch“ wie über der Kritik geschrieben stand, bekamen umgehend meine volle Aufmerksamkeit.

Doch die Chance, den unkonventionellen Film in meiner damaligen Heimatstadt Siegen – nicht gerade das Kulturzentrum der Bundesrepublik, nicht einmal Westfalens – zu Gesicht zu bekommen, schien sehr gering. Zwar gab es das studentische Asta-Kino, in dem ich immerhin „Straw Dogs“ („Wer Gewalt sät“) von Sam Peckinpah aufgewühlt goutieren konnte, doch aktuelle Filme verirrten sich nicht dorthin, soweit ich mich erinnere.

Aber ich hatte Glück, denn irgendwie hatte die Stadt eine Art Festival des Fantastischen Films organisiert, auf dem neben den Poe-Verfilmungen Roger Cormans, dem (damals eigentlich beschlagnahmten) „Texas Chainsaw-Massacre“, Lucio Fulcis „E tu vivrai nel terrore – L’aldilà“ („Über dem Jenseits“) auch „Eraserhead“ aufgeführt wurde.

Mein filmisches Universum implodierte zwar nicht, bebte aber, wie auf andere Art wenig später bei „Apocalypse Now“, nachdrücklich. Wie sagte Gérard de Nerval über die Frage, warum er seinen Hummer an einer Leine durch Paris führte: „Er kennt die Geheimnisse der Tiefe.“ David Lynch ist wie de Nervals Hummer. Bloß ohne Leine.

Danach waren alle Filme des Regisseurs Pflichtprogramm und Höhepunkte des jeweiligen Kinojahres. Okay, „Dune“ war aus der Rubrik, wie bewahre ich Größe im Scheitern. Der einzige von Lynchs Filmen, an den ich mich bislang kein zweites Mal getraut habe. Der Rest, insbesondere „Blue Velvet“, „Lost Highway“, „Mulholland Drive“ und das stille Wunderwerk „Straight Story“ pure Kinomagie. Für „Wild At Heart“ („Wild at Heart – Die Geschichte von Sailor und Lula“) wurde Lynch 1990 die goldene Palme verliehen.

I have no idea where this will lead us, but I have a definite feeling it will be a place both wonderful and strange.” – Agent Dale Cooper

Komplettiert wurde diese „wundervolle und seltsame Welt“ durch David Lynchs belang- und folgenreiche Ausflüge ins Fernsehfach. „Twin Peaks“ ist vermutlich der unerreichte Peak des Gipfeltreffens von Kunst und Kommerz und zeigte, was im scheinbar kleinen TV-Format an Größe möglich ist. Eine audiovisuelle Krönungsmesse. Auch heut noch reichen ein paar Takte mit dem Bass, der Gitarre und eine auf- und abschwellende Synthesizerlinie, um Gänsehaut zu erzeugen. Wenn dann noch Julee Cruise dazu vom „Fallen (lassen)“ singt, ist der Weg zur „Black Lodge“ mit Rosenblüten gepflastert.

Der Einfluss von „Twin Peaks“ auf Sehgewohnheiten und dem Austesten der Grenzen des im Abendprogramm vorzeigbaren, ist immens. „Northern Exposure“ („Ausgerechnet Alaska“) ist ein früher Meisterschüler, der die Lynch-Vibes kongenial ins Komödiantische exportiert. „Wild Palms“, „Picket Fences“, „The X-Files“, Lars von Triers „Kingdom“ (das ähnlich wie „Twin Peaks“ mit einer späten dritten Staffel brillierte), „True Detective“, Nicolas Winding Refns Studie in Slowest Motion „Too Old To Die Young“, das fabulöse französische „Zone Blanche“ („Black Spot“ in german. Hier ist bereits die Titelgestaltung lynchesk) und selbst die „Sopranos“ profitierten enorm von „Twin Peaks“.

Das spätere, unter dem Radar versendete, „On The Air“ lohnt sich ebenfalls. David Lynchs experimentelleres Geschwisterchen zu Woody Allens „Radio Days“. Zum Einstieg in den Lynch-Kosmos gut geeignet. Denn wieder steht Elektrizität im Focus und verbindet „On The Air“ mit „Twin Peaks“, insbesondere der dritten Staffel, die mehr als ein Vierteljahrhundert nach dem Mord an Laura Palmer folgen sollte. Hier wie dort findet sich David Lynch exakt bei KRAFTWERK und den Lyrics zu „Strom“ beschrieben: „Hier spricht die Stimme der Energie/Ich bin ein riesiger, elektrischer Generator/Ich liefere Ihnen Licht und Kraft/Und ermögliche es Ihnen, Sprache, Musik und Bild/Durch den Äther auszusenden und zu empfangen/Ich bin Ihr Diener und Ihr Herr zugleich/Deshalb hütet mich gut/Mich, den Genius der Energie.“

Warum der Film zur Serie „Twin Peaks – Fire Walks With Me“ nicht nur an den Kinokassen einbrach, verwunderte zugleich wie es verständlich war. Viele Aspekte (und Darsteller) der Serie kamen nur am Rande vor (scheinbar), aus der Allegorie über den Einzug des Bösen in eine fremde Welt und die moralischen Entscheidungen, voller Ambivalenz und Wankelmut, wurde eine finstere Missbrauchsgeschichte mit surrealistischen Einsprengseln, Traumfluchten aus einer prekären Gegenwart. 2024, bei seiner temporären Wiederaufführung, hatte der Film von seiner niederschmetternden Kraft nichts verloren. Eher hinzugewonnen.

Da „Fire Walk With Me“ floppte, wurde es für Lynch immer schwerer Geldgeber für seine Projekte zu finden. Das 2006 aufgeführte, mit digitaler Handkamera gefilmte, Mammutprojekt „Inland Empire“ zu stemmen, war eine aufreibende und zeitintensive Angelegenheit. In seiner Komplexität und Sperrigkeit hinterlässt der Film aber zahlreiche geheimnisvolle Türen zum Entschlüsseln.

Viel blieb liegen, so auch über Jahrzehnte Lynchs Herzensprojekt „Ronnie Rocket“, wurde indes zeichnerisch, literarisch, fotografisch oder musikalisch verarbeitet. Haltet Ausschau nach Lynchs Comic Strips (legendär der minimalistische „The Angriest Dog in the World“), Büchern und den Alben, an denen er beteiligt ist. Es lohnt sich.

David Lynchs Liebäugeln mit der Transzendentalen Meditation blieb mir fremd, auch wenn ich ahne, warum diese abseitige Pseudoreligion sein Interesse weckte („Meditation is to dive all the way within, beyond thought, to the source of thought and pure consciousness. It enlarges the container, every time you transcend. When you come out, you come out refreshed, filled with energy and enthusiasm for life“, so Lynch). Das tibetanische Totenbuch wird’s noch genauer wissen. Empfehlenswert ist David Sievekings kritische Dokumentation „David Wants to Fly“. Die an Lynchs Verdiensten und dem innigen Verhältnis zu ihm nichts ändert.

David Lynch war die meiste Zeit seines Lebens begeisterter Raucher. Eine fatale Liebe und Abhängigkeit, die ihn körperlich schwächte und einer der Hauptgründe für sein tödliches Lungenemphysem war. Ich bin zutiefst betrübt.

Aber David Lynch wird bleiben. Durch sein Schaffen und die hinterlassenen Spuren, die so vielfältig überall zu finden sind.

Ausführlich habe ich mich mit dem Phänomen „Twin Peaks“ und David Lynch an anderer Stelle zur Ausstrahlung der finalen Staffel 2017 beschäftigt. Ich verweise gerne auf den dreiteiligen Text: https://www.krimi-couch.de/magazin/film-kino/twin-peaks/twin-peaks-wissenswertes/

Auch wenn es angesichts des Todes schwerfällt, gelten weiterhin Dale Coopers weise Worte: „Machen Sie sich jeden Tag einmal selbst ein Geschenk. Planen Sie es nicht. Warten Sie nicht darauf. Lassen Sie es einfach geschehen“.

Danke David Keith Lynch.



JOCHEN KÖNIGS JAHHRESRÜCKBLICK IN „BOOKNERDS“ by Martin Compart
14. Januar 2025, 10:17 am
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Mein Jahresrückblick 2024 – Jochen König



JOCHEN KÖNIG ÜBER EINEN WESTERN VON ELMORE LEONARD by Martin Compart
8. Mai 2024, 12:06 pm
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Elmore Leonard – Letztes Gefecht am Saber River

Als der ehemalige Südstaatenoffizier Paul Cable mitsamt seiner Familie zum Ende des Sezessionskrieges auf seine kleine Ranch zurückkehrt, findet er sie von den Männern des Nordstaatlers Vern Kidston okkupiert vor. Der undurchsichtige Händler und Waffentransporteur Edward Janroe versucht Cable zu überzeugen, Kidston und seinen Bruder Duane zu töten. Cable ist skeptisch und verweigert sich der Manipulation.

Doch als er die Hausbesetzer vertreibt, ist ein gewalthaltiger Konflikt vorprogrammiert, ein finaler Showdown zwischen Paul und Vern scheint unvermeidlich. Der Ränkeschmied Janroe scheint zu triumphieren. Dann endet allerdings der Bürgerkrieg. Mit der Niederlage des Südens und dem Friedensschluss ändern sich die Verhältnisse schlagartig, und es darf bezweifelt werden, ob alle Protagonisten eine Zukunft besitzen.

Herausgeber ‏ : ‎ Liebeskind; Deutsche Erstausgabe Edition (4. März 2024)
Sprache ‏ : ‎ Deutsch
Übersetzer: Florian Grimm
Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 256 Seiten
ISBN-10 ‏ : ‎ 3954381761
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3954381760
Originaltitel ‏ : ‎ Last Stand at Saber River

Elmore Leonard reichen eine Ranch und ein Gemischtwarenladen samt angrenzendem Gebiet für eine dramatische Auseinandersetzung. Dass er den Umgang mit überschaubaren Schauplätzen exzellent beherrscht, zeigt auch sein 1961, zwei Jahre nach „Last Stand At Saber River“, entstandener Roman „Hombre“, den Martin Ritt 1967 zu seinem erfolgreichsten Film (mit Paul Newman in der Titelrolle) verarbeitete.

Doch während der „Hombre“ Russell aufgrund seiner indigenen Verbindungen ein geringgeschätzter Mann innerhalb eines rassistischen Umfelds ist, möchte der dekorierte Ex-Soldat Paul Cable sein Leben inmitten einer Gemeinschaft, die er kennt, wieder aufnehmen. Doch wie so oft kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.

Wobei die Fronten gar nicht klar verteilt sind. Leonard ist ein zu geschickter und intelligenter Erzähler, um bloßes Schwarzweiß-Denken die Oberhand gewinnen zu lassen. Cable ahnt schnell, dass er und Vern Kidston sich nicht als Feinde gegenübertreten müssten. Doch Kidstons Männer verfolgen ihre von Rachsucht geprägten eigenen Pläne, während der etwas tumbe Duane Kidston von allen Seiten beeinflusst wird. So auch von seiner Tochter Lorraine, die die Rückkehr der Familie Cable auf ganz spezielle Art torpediert. Neben der Vermittlerin Luz und der wehrhaften Martha Cable, eine von drei starken Frauenfiguren des Romans. Bei Elmore Leonard alles andere als Staffage. Ungewöhnlich genug für das Jahr 1959 in einem Genre, das eigentlich als reine Männerdomäne gilt. Leonard weiß, dass eine Männerwelt ohne Frauen ein Nichts ist.

Der mysteriöse Edward Janroe möchte ein großer Manipulator sein, der alle Seiten um des eigenen Vorteils willen gegeneinander ausspielt. Das ins Negative gekehrte Pendant zu Toshiro Mifunes „Yoyimbo“ und Clint Eastwoods schweigsamem Fremden in „Eine Handvoll Dollar“. Janroe stilisiert sich zum patriotischen Südstaaten-Kämpfer, ist aber nur ein skrupelloser Kriegsgewinnler, der über Leichen geht, um seine Ziele zu erreichen. Zugleich – und damit ganz nahe an der modernen Politik – arbeitet er hinterhältig mit Fake News. So verschweigt er das Kriegsende, weil es ihm ungelegen kommt.
Doch er hat die Rechnung ohne seine Gegenspieler gemacht. Denn denen gelingt etwas, dass oft in vermeintlicher Spannungsliteratur vermieden wird: Sie reden miteinander (wenn auch spät).

Erzählerisch ist „Letztes Gefecht am Saber River“ ein Genuss. Bereits der Einstieg ist große Kunst. Ein Mann beobachtet einen anderen bei Alltagstätigkeiten, die Erzählung bleibt gelassen, beinahe sachlich, doch gelingt es Elmore Leonard, ein Gefühl der Bedrohung zu vermitteln, welches die Entwicklung des gesamten Romans bestimmen wird. Hier gibt es keine künstliche Aufgeregtheit, kein aufgebauschtes Drama. Die Handlungsträger sind sich ihres Selbst, ihrer Motivation und grundlegenden Wesenszüge bewusst, Cable und Kidston denken nach, bevor sie handeln, ziehen daraus ihre Kraft und in entscheidenden Momenten auch ihre Ruhe. Dass ist bei Edward Janroe ähnlich, doch fehlen ihm ethische Ankerpunkte und Verantwortlichkeiten übers eigene Ego hinaus.

Timing spielt eine wichtige Rolle in Elmore Leonards Werken, so auch hier. Aktionen und Reaktionen bestehen aus Planung und Überraschungsmomenten, Phasen des Nachdenkens und Resümierens werden unterbrochen durch kurze, aber intensive Gewaltausbrüche. Bei denen immer die Frage im Raum steht: Wer kämpft aus welchen Beweggründen? Und ist dabei in der Lage, trotz heftig wallender Gefühle, die Ratio nicht auszuschalten. Könnte sein, dass dies ausschlaggebend ist, die Kampfzone lebend zu verlassen.

„Letztes Gefecht am Saber River“ nimmt viel vorweg, was später im Italo-Western folgen sollte. Die Lakonik, die präzisen Wechselspiele in Taten und Worten, die Vermeidung von Stereotypen, gerade in der Konstellation der Guten, Bösen und Hässlichen, den konsequenten und wohlüberlegten Einsatz von Gewalt und die Leidensfähigkeit der Hauptfigur, im Wissen um ein hehres Ziel.

Was den Roman vom italienisch-spanischen Kino unterscheidet ist die Abwesenheit von Zynismus und Nihilismus. Ein wenig Sarkasmus sitzt allemal drin, aber am Saber River wissen sie, was sie tun. Und warum.



Jochen Königs Jahresrückblick 2023 by Martin Compart
7. Januar 2024, 1:19 pm
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Die frommen Wünsche für 2023 blieben das, was sie waren, nicht mehr. Denn 2023 entpuppte sich als bösartiges Geschwisterchen der Jahre zuvor. Noch mehr Krieg, noch mehr Einfalt und/oder Niedertracht, die sich lautstark breitmachten, vor allem in den Netzwerken, die unberechtigterweise den Beinamen „sozial“ tragen.

Lieber wieder die Zuwendung zum kulturellen Schaffen. Das doch viel Erfreuliches bereithielt. Ob die Krise des Blockbuster-Kinos dazugehört, mag jeder für sich selbst entscheiden. Gut, dass grottige CGI-Orgien, viel zu lange Filme mit den ewig gleichen Abläufen und Finalkämpfen kläglich abstürzen.

Zu den Highlights des Jahres gehörten dafür Dokumentationen von kreativen Köpfen. Giuseppe Tornatores „Ennio Morricone – Der Maestro“ (einzige 15 Punkte-Wertung auf Booknerds.de bislang von mir) und „All The Beauty And The Bloodshed“ spielen ganz vorne mit. Der Inhalt von „Ennio Morricone – Der Maestro“ erklärt sich von selbst“, „All The Beauty And The Bloodshed“ stellt faszinierend die Fotografin Nan Goldin in den Mittelpunkt, die, geprägt vom frühen Selbstmord ihrer älteren Schwester, über eigene Suchterfahrungen mit weiteren Mitstreitern zur engagierten Kämpferin gegen die Machenschaften des Sackler-Clans wird. Einerseits spendable Kunstförderer, andererseits sind die Sacklers Drahtzieher hinter dem riesigen Pharmakonzern Purdue (Herstellung und Vertrieb von Oxycodon), damit maßgeblich mitverantwortlich für die Opioid-Krise in den USA, bei der Oxycodon und seine Ableger für Abhängigkeit und Tod sorgen. Ein hochspannendes, engagiertes Werk, das als Künstler-, Zeitporträt und gesellschaftspolitische Analyse gleichermaßen erhellend funktioniert.
Ganz früh im Jahr gefiel Martin McDonaghs „The Banshees of Inisherin“, diese tieftraurige, ungemein witzige Studie über Aspekte von Freundschaft und Selbstbestimmung, getragen von wunderbar dunklen Bildern, einem sterbensschönen Soundtrack und hervorragenden Darstellern (Brendan Gleeson, Colin Farrell, Kerry Condon etc.).

Im Mainstreamkino machte der von mir wenig geschätzte Tom Cruise und seine Mission Impossible-Rasselbande viel Spaß. Ich mag den Scientology-Jünger Cruise zwar überhaupt nicht, erkenne aber neidlos an, dass M.I. seit Jahren dem James Bond-Franchise den Rang abgelaufen hat. „Mission: Impossible 7 – Dead Reckoning Teil Eins“ hat souveräne Action zu bieten, ein paar gar nicht dumme Gedanken und Bilder zu lückenloser Überwachung, K.I., Masken und Menschen fallen ebenfalls ab. Zwar ist der Film – wie nahezu jeder Blockbuster der letzten Jahre – um gut eine halbe Stunde zu lang und wird erst 2025 (wahrscheinlich) vom zweiten Teil vervollständigt. Unterhaltsam war es dennoch, aber an der Kinokasse kam es nicht gut an. „Mission Impossible“ entpuppte sich als veritabler Flop. Nicht so schlimm wie die diesjährigen MCU und DC-Gurken oder der gebrechliche Indiana Jones, dem übel mitgespielt wurde. Qualitativ zudem auf einem anderen Level.

„Auf dem Weg“ ist ein visuell und darstellerisch (Jean Dujardin!) bestechender Film, gerade für Menschen, die Bezug zum Wandern haben. Unaufgeregt, aufs Wesentliche konzentriert und glücklicherweise nicht zu messianisch im „Back to he roots“-Gestus unterwegs, gefällt „Auf dem Weg“ als filmische Meditation. Genau das Richtige zum Ausgang eines vor Aufgeregtheit berstenden Jahres.
Sehr gut gefallen haben auch David Finchers „The Killer“, das Vorort-ist-die-Hölle-Horrorflic „Barbarian“ Und ja, ich habe viel Spaß an der bonbonbunten „Barbie“ gehabt.

Leider bislang noch nicht „Godzilla – Minus One“ gesehen, dessen Lob ihm vorauseilt. Ebenso warten noch Brandon Cronenbergs „Infinity Pool“ und Martin Scorseses „Killers Of The Flower Moon“ auf Begutachtung. Von allen dreien Filmen verspreche ich mir viel. „John Wick 4“ habe ich mir aufgespart, bis ich mal viele Mußestunden habe.
Im Fernsehen schloss Mike Flanagan mit seiner gelungenen und adäquat in die Gegenwart versetzten Edgar Allan Poe-Hommage „Der Untergang des Hauses Usher“ („The Fall Of The House Of Usher“) an die Höhen seiner beiden „Spuk in…“- Serien an. Mit dem öden moraltheologischen Grundkurs (für Menschen, die noch nie etwas von Vampiren gehört haben) „Midnight Mass“ konnte ich wenig anfangen.

„Sex Education“ schwächelte zwar in der finalen Staffel, blieb aber dennoch ansehnlich und verabschiedete sich mit zwei herzerwärmenden Finalfolgen.
Die volle Breitseite gab es bei Gareth Evans‘ nachtschwarzem Gangster-Moratorium „Gangs Of London“. Finster, derbe brutal und sehr, sehr gut, wobei die zweite Staffel gegenüber dem herausragenden Start etwas abfiel, aber weiterhin von brachialer Wucht war.

Gleich früh im Jahr war Nicoals Winding Refns „Copenhagen Cowboy“ ein extravaganter Noir-Trip, visuell berauschend, musikalisch wie gewohnt stimmungsvoll, gegenüber Refns Vorgängerserie „Too Old To Die Young geradezu fast & furious. Also immer noch sehr, sehr langsam. Not everybody‘s darling, meins schon.

„Daisy Jones And The Six“ lehnt sich lose an die Biographie Carole Kings an und mixt sie heftig mit der Geschichte Fleetwood Macs, um daraus eine eigene Storyline um Aufstieg und Fall einer Band zu machen. Viel 70er-Jahre-Mucke, die auch in der nachgemachten Variante überzeugt (Riley Keough und Sam Claflin singen selbst). Das ist ein bisschen kritisch, ein bisschen nostalgisch, ein bisschen ironisch und vor allem unheimlich unterhaltsam. Geschichten von unterwegs aus dem Rock’n’Roll-Zirkus, der sein Zelt mittlerweile abgebaut hat. Besonders lobende Erwähnung für Suki Waterhouse als Keyboarderin Karen Sirko und die gelegentlichen Auftritte des immer sehenswerten Timothy Olyphant, der zudem dieses Jahr ein ansprechendes „Justified“-Sequel abfeiern durfte. Raylan Givens rulez. Immer noch und wieder.

Die meistgeliebte Serie des Jahres stammt aus 2018 und 2021, die thailändische Wundertüte „The Girl From Nowhere“ (nicht verwechseln mit dem feinen B-Movie-Song „Nowhere Girl“). Faszinierende Bilder, klasse Soundtrack und eine konsequent finstere wie surreal-komische Abrechnung mit einer Gesellschaft im Zerfall. Hinterfragen (a)moralischer Systeme und Werte inklusive. Chicha Amatayakul als Nanno und Chanya McClory als Antagonistin Yuri sind fantastisch und als Schulmädchen in Uniform verdammt gefährlich. Das einzig Frustrierende: Wo bleibt Staffel drei?

Zum Jahresende durfte „Reacher“ dann die Fernsehlandschaft in Cowboy-Manier zum zweiten Mal aufmischen. Recht so. Alan Ritchson nimmt man Lee Childs lonesome Drifter anstandslos ab. Die reine Freude für jeden, der unter Tom Cruise in viel zu großen Militärstiefeln gelitten hat.

Während Lee Child das literarische Vorbild mittlerweile an seinen Bruder abgegeben hat, schickt James Lee Burke seinen Dave Robicheaux (vorerst) in den Ruhestand. „Verschwinden ist keine Lösung“ ist eine phantasmagorische Apokalypse, in der die Grenzen zwischen Realität und Traumphantastik fluide sind. Der große Humanist Robicheaux und sein moralisch integrer Kumpel Clete Purcell bringen die Ursuppe des Bösen zum Kochen. Nachwort von yours truly. Dave Robicheaux bleibt uns aber erhalten, taucht er doch demnächst in einem Roman aus Purcells Sicht als wichtige Nebenfigur auf. James Lee Burke ist ein arbeitsamer Fuchs.

Der Autor ist ob seiner kruden politischen Ansichten sehr umstritten, sein Buch ist es nicht. A.D.G.s „Die Nacht der kranken Hunde“ ist eine Wiederveröffentlichung, die jeden Cent wert ist. Der Roman hat 50 Jahre auf dem Buckel, ist aber stilistisch und inhaltlich kaum gealtert. A.D.G. ist ein Meister der Verknappung und „Die Nacht der kranken Hunde“ ist ein fabulöser, französischer Country-Noir mit ganz eigener Erzählweise.

Das Jahr startete furios mit Bret Easton Ellis‘ eigenwilligem Coming-Of-Age-Roman „The Shards“. Die Fake-Autobiographie zeigt den jungen Bret Easton Ellis, der sich mit einer Reihe von Todesfällen in seiner unmittelbaren Nähe konfrontiert sieht. „The Shards“ ist ein scharfzüngiges Psychogramm, eine Zeitreise in die 80er mit vielen musikalischen Verweisen (ICEHOUSE!) und ein Spiel mit der Kunst des (unzuverlässigen) Erzählens. Nichts ist es wie es scheint und Schein ist doch – gerade in den 80ern – alles.

Weitere Highlights waren Yves Raveys „Taormina“, das nicht nur eine absurd komische und spannende Geschichte von dunklen Stunden am helllichten Tag, sondern auch ein sarkastischer Kommentar zum herrschenden Zeitgeist ist. A. F. Baxters „Die Höfe“ stellt zwei starke Frauenfiguren in den Fokus. Ein cooler Kriminalroman, aber auch eine Zustandsbeschreibung vom Verfall der Arbeitswelt und -beziehungen, angesiedelt im Rust Belt und doch weit darüber hinaus.


Schön auch, dass James Graham Ballards Dystopien „Dürre“ und „Flut“ 2023 im Diaphanes-Verlag wiederveröffentlicht wurden. Wegweisende Bücher, aktuell wie selten zuvor. James Graham Ballard ist ein großer Autor, den ich Euch mit all seinen Werken nur wärmstens ans Herz legen kann. Die verdienstvolle Diaphanes-Reihe, die 2016 mit „High-Rise“ startete, bietet sich zum Komplettkauf an.

Im Dezember nach Jahren der Abstinenz mit „Holly“ wieder einen Stephen King-Roman begonnen. Der erste Eindruck: Auf den integren Mann ist Verlass. Leider kam mir Eric Pfeil mit „Azzurro“ dazwischen, und der launige, informative Abriss über die Essenz der italienischen Popmusik musste vorgezogen werden. So habe ich erfahren, dass Fabrizio de André gemeinsam mit Premata Forneria Marconi oder kurz PFM diverse Alben aufgenommen hat. Besonders die Live-Mitschnitte sind große Kunst. Haben zwar schon ein paar Jahre auf dem Buckel, sind aber definitiv empfehlenswert. PFM alleine sind weiterhin aktiv und haben mit „The Event – Live in Lugano“ aktuell ein exzellentes Album am Start.

Musikalisch hatte 2023 einiges zu bieten. Die Konzerte von Achim Reichel, Heaven 17, Peter Gabriel und Madrugada waren allesamt, auf ganz unterschiedliche Art, begeisternd. Besonderes Highlight war, dass Heaven 17 im selben Hotel wie wir in Oldenburg abgestiegen waren und sich als sehr angenehme und begeisterungsfähige Zeitgenossen entpuppten. Ein Frühstück mir Martyn Ware und Glenn Gregory kann ich nur jedem empfehlen.

Steven Wilson hat mit „The Harmony Codex“ einen hörenswerten Grenzgang zwischen Progressive Rock, Jazz und Pop veröffentlicht. Hartnäckige Prog-Aficionados, die sich die x-te Wiederbelebung von „Hand. Cannot. Erase.“ (das meinereiner gar nicht so sehr schätzt) wünschen sind unglücklich. Wer sich zwischen Abba und Art Rock wohlfühlt, darf sich freuen. Wer klassisch orientierten Prog genießen möchte, findet mit Marek Arnolds Art Rock Project seine Wohlfühloase. Mit oder ohne Einhörner.
Bleiben wir beim Genre und dem Überschreiten seiner Grenzen. Peter Gabriel hat mit i/o nach 21 Jahren ein neues Studioalbum herausgebracht. Keine musikalische Revolution, eher die Erfüllung des eigenen hohen Standards. Die neuen Songs funktionierten im Konzert bereits tadellos.

Die Rolling Stones hingegen brauchten nur 18 Jahre für ein Nachfolgewerk zu „A Bigger Bang“. „Hackney Diamonds“ ist ein erstaunlich rotziges Werk geworden, das sich gut in der Stones-Diskografie macht. Funktioniert nach der altbekannten Devise: „It’s only Rock’n’Roll but we like it“. Wer etwas anderes erwartet ist selbst schuld. Alle anderen bekommen so zeitlose wie aus der Zeit gefallene Satisfaction.

Neu und toll war Anohni & The Johnsons vielsagendes Opus „My Back Was A Bridge For You To Cross“. Ebenso grandios die im August 2022 unerwartet verstorbene Trompeterin und Sängerin Jaimie Branch mit dem hypnotischen Jazz von „Fly Or Die Fly Or Die Fly Or Die ((world war))“.

John Cale kehrte mit dem produktionstechnisch etwas überladenen, dennoch faszinierenden „Mercy“ zurück. Van Der Graaf Generator wiederum belegten mit dem intensiven Querschnitt „The Bath Forum Concert“, dass sie Live im 21. Jahrhundert immer noch eine Macht sind, auch wenn Peter Hammill kurz nach Veröffentlichung der Gesundheit wegen eine Konzertpause einlegen musste.

Lana Del Rey zeigte mit „Did You Know That There’s A Tunnel Under Ocean Blvd“, dass sie sich gut als David Lynchs Ziehtochter machen würde, das Søren Bebe Trio spieltet mit „Here Now“ wieder wunderbar smoothen Jazz ohne Weichspüler-Ästhetik ein, während Timber Timbre mit „Lovage“, leider bei nur rund 35 Minuten Lauflänge, für perfekte Mitternachtsmusik sorgen, stellenweise burlesk mit Beatles- und Leonard Cohen-Bezügen.

Unglaublich viel Spaß machte „Reizüberflutung“ von SAFE, das Projekt des deutschen Gitarristen Julian Scarcella. Dem Titel entsprechend wurde gekonnt und ansatzlos zwischen Jazz, Rock, Metal (inklusive Growls!), Klassik, Funk, Flamenco, Chanson und Kaffeehausständchen hin und her switcht ohne je auseinanderzufallen.

Ein kleines Wunderwerk ist Steven Mercurios und The Czech National Symphonys Einspielung von Antonín Dvoráks Symphony No. 9 „New World Symphony“ („Aus der neuen Welt“). Klanglich State Of The Art entlockt die Aufnahme dem oft gespielten Werk feine, wie neu wirkende Nuancen, lässt es atmosphärisch und spieltechnisch frisch schimmern.

Wie üblich nur ein kleiner Ausschnitt von dem, was mir im Jahr 2023 sehr gut gefallen hat.
Was man vom öffentlichen Leben nicht so sagen kann. Zu viel Dumpfheit, Nationalismus, religiöser Fundamentalismus, Fanatismus insgesamt dort draußen. „Hold Your Head Up“ kann man nur mit Argent wünschen, denen ich im vergangenen Jahr ebenfalls eine Renaissance gegönnt habe. Vorher die einzigen Zombies, mit denen man gerne die Apokalypse verbringen würde.



Von Grenzerfahrungen zu -überschreitungen von Jochen König by Martin Compart

Zwischen Globalisierung und stetig fortschreitender Migration, zwischen Verknüpfung von Beziehungen, Schmuggel und Drogenhandel sind Grenzen und die sie umgebenden Landschaften die relevantesten Marker. Zwischen Fakt und Faszinosum spielt das Thema (gerade in den letzten Jahren) in der Populärkultur eine wichtige Rolle. Inklusive der möglichen Übertragbarkeit auf ethisch-moralische, gesellschaftsstrukturelle und individuell konnotierte Konditionen. Nein, „Fifty Shades Of Grey“ ist kein grenzüberschreitender Text, sondern bloß ein kleingeistiges Spiel mit eigenen Beschränkungen. Eine Grenzerfahrung der anderen Art.

Die Grenze als trennendes wie verbindendes Medium hat die schwedische Serie „Die Brücke – Transit in den Tod“ (OT. „Broen“) wesenhaft in Szene gesetzt. Eine Leiche, die auf der titelgebenden Öresund-Brücke genau auf der Grenzlinie zwischen Dänemark und Schweden deponiert wurde, zwingt die Polizeibehörden beider Länder zur (vom Täter beabsichtigten) Zusammenarbeit. Gelungene Charakterzeichnungen, geschickter Spannungsaufbau und das Spiel mit Doppelbödigem machen die Serie zu einem Genuss. Gilt auch, mit leichten Abstrichen, für die Folgestaffeln.

Im Verlauf der zweiten Staffel wurden die Serienschöpfer von der Realität eingeholt. Zu einen kündigte der dänische Hauptdarsteller Kim Bodina wegen des wachsenden Antisemitismus in der Öresund Grenzregion (sowie inhaltlicher Differenzen) seinen Ausstieg an, zum andern wurde die ehemals völkerverbindende freie Überfahrt 2016 durch reinstallierte Grenzkontrollen wesentlich erschwert. Als ein Grund dafür wurden die steigenden Migrationszahlen von Dänemark Richtung Schweden genannt.

Der amerikanische Ableger „The Bridge – America“, der zwischen dem texanischen El Paso und dem mexikanischen Ciudad Juárez spielte, agierte auf ähnlich hohem Niveau wie das Original.

Weitere Ableger gab es in Frankreich (mit dem Eurotunnel statt einer Brücke), Russland, Asien (angesiedelt zwischen Malaysia und Singapur) sowie mit der mäßigen, verschwurbelten deutsch-österreichischen Koproduktion „Der Pass“. Ein wahrhaft weltumspannendes Serienuniversum.

Was „The Bridge – America“ eher am Rande inszenierte, rückte in Denis Villeneuves „Sicario“ (und dem schwächeren zweiten Teil) in den Mittelpunkt: Drogenhandel sowie die schwierige Zusammenarbeit der unterschiedlichen Behörden, bei der Kompetenzen, Vertrauen, Verrat und Eigeninteressen einen komplexen und stellenweise unberechenbaren Verbund eingehen. „Sicario“ gehört zur „American-Frontier“-Trilogie des Autoren Taylor Sheridan, dessen vorzüglicher Wüsten-Noir „Hell or High Water“ eine familiäre Grenzlandodyssee darstellt, während „Wind River“ Ausgrenzung und Verbrechen an der indigenen Bevölkerung der USA darstellt.
In der Serie „Yellowstone“ rücken Grundstücks- und Weidegrenzen in den Mittelpunkt. Spätestens hiermit hat sich, der auch als Schauspieler („Sons Of Anarchy“) tätige Sheridan als einer der wichtigsten aktuellen Kulturschaffenden etabliert.

Den hoffnungslosen „War On Drugs“ hat Don Winslow mit seinem Magnum Opus „Tage der Toten“ zum Thema, in dem Grenzüberschreitungen von mexikanischer und US-amerikanischer Seite an der Tagesordnung sind. Trotzdem ist der voluminöse kein Pamphlet, das Donald Trumps „Let‘s build a wall“-Ideologie unterstützt. Ebenso wenig wie Robert Crais‘ „Straße des Todes“ der seinen Detektiv Elvis Cole gemeinsam mit dem schlagkräftigen Joe Pike an seiner Seite in einen Kampf gegen brutale Schleuserbanden schickt. Bereits 1982 waren Jack Nicholson, angenehm zurückhaltend und intensiv, in Tony Richardsons „Der Grenzwolf“ sowie Charles Bronson zwei Jahre früher, und qualitativ blasser, in Jerold Freedmans „Grenzpatrouille“ unterwegs. Eine spannende Ergänzung, die den Überlebenskampf der Flüchtlinge stärker visualisiert, stellt Jonás Jonás Cuaróns (Sohn von Alfonso Jonás Cuarón) „Desierto – Tödliche Hezjagd“ dar, der mit Gael García Bernal und Jeffrey Dean Morgan zwei vorzüglich aufspielende Antagonisten aufzubieten hat.

In Deutschland prägte das Thema Grenze und ihre Überwindung die Geschichte seit dem Ende des zweiten Weltkriegs. Gelegenheit, auf John Le Carrés Klassiker „Der Spion, der aus der Kälte kam“, inklusive der gelungenen Verfilmung zu verweisen. Doch auch im Westen spielten Grenzübertretungen eine Rolle. In Mechtild Borrmanns „Grenzgänger“ wird der Kaffeeschmuggel für die junge Henni und ihre Freunde zum Verhängnis. Denn auch hier gibt es einen Schießbefehl, der von Ordnungskräften mal widerstrebend, mal mit Begeisterung umgesetzt wird. Die befehlsgebende Gewalt hat sich geändert, die Verhaltensweise der Subalternen bleiben gleich. Henni kommt mit dem Leben davon, landet jedoch nach dem Tod der Mutter in einem kirchlich geführten Kinderheim. Dort sind Nächstenliebe, das Achten der menschlichen Würde Fremdwörter. Es gibt keine Grenze zwischen Himmel und Hölle. Borrmanns Roman ist ein aufwühlender Streifzug durch eine Zeit, die bei Weitem noch nicht aufgearbeitet ist.


Noch näher am Genre und doch ganz ähnlich ist Seamus Smyths Revenge-Thriller „Spielarten der Rache“, der die Perfidie eines menschenverachtenden Systems, geschützt und bewahrt von kirchlichen Trägern und Handlangern, in bitterer Konsequenz schildert. Die Grenzen der Menschlichkeit werden bewusst und mit ausufernder Brutalität überschritten, der spät folgende Rachefeldzug erscheint geradezu zwangsläufig. Ein so kraftvoller wie schmerzlicher Roman.

An der realen Grenze Nordirlands zur irischen Republik, im Gebiet zwischen Armagh im Norden und dem County Monaghan in der Republik Irland siedelt Anthony J. Quinn seine Reihe um den nachdenklichen und obsessiven Polizisten Celsius Daly an. Hier stellt die Zusammenarbeit der nordirischen Beamten mit der Guardia Civil eine Herausforderung mit manch böser Überraschung dar. Es gibt viel zu tun, haben sich doch im Grenzbereich ehemalige IRA-Mitglieder, Kriminelle unterschiedlicher Couleur und Nationalität sowie Immobilienspekulanten angesiedelt, die gerade angesichts der vorhandenen Armut für eine Atmosphäre der Angst, Gewalt und Verzweiflung sorgen.

In „Frau ohne Ausweg“ trifft Daly auf die kroatisch-stämmige Lena Nowak, die an einem ausgefeilten Plan arbeitet, ihrem kriminellen Chef und der Zwangsprostitution zu entkommen. Nowak ist nur eine von vielen Frauen, die über Grenzen verschleppt wurden, ihrer Pässe und damit der Identität beraubt zu werden. Aber sie ist klug und zäh genug, um Mitstreiterinnen zu motivieren und der Polizei sowie verbrecherischen Zuhältern ein Schnippchen zu schlagen. Ein Hauch von Hoffnung am Ende von schwarzen Tagen.

„Frau ohne Ausweg“ zeigt – wie alle gelungenen Werke zum Thema Grenze – wie brüchig die menschliche Gemeinschaft gebaut ist, in einer Welt in der Recht und Gerechtigkeit oft wenig miteinander zu tun haben. Menschen werden zu Waren, die über Grenzen geschafft werden, Waren werden zu Schmuggelgut und der sogenannte Krieg gegen Drogen scheint schon seit langem verloren.

Grenzüberschreitungen können zu Erkenntnissen führen, halten aber auch den Abstieg in die Hölle bereit. Dazwischen gibt es, gerade kulturell, viel zu entdecken.



Jochen König schreibt… by Martin Compart
21. September 2023, 7:56 pm
Filed under: Jochen König | Schlagwörter: , ,

…jetzt auch regelmäßig für die „Gazette“ des Polar-Verlages.

Das e-Magazin kann man kostenfrei bestellen unter [email protected] .

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JOCHEN KONIG ÜBER Yves Raveys „Taormina“ by Martin Compart
12. Juli 2023, 6:58 pm
Filed under: Jochen König, Noir, Rezensionen | Schlagwörter: , , , ,

Wenn es in der Ehe kriselt, mach Urlaub auf Sizilien, besuche Taormina und es wird sich richten, haben sie gesagt. Fahr nicht sofort ins Hotel, sondern begib dich erst einmal an den Strand, genieße Sonne und Meer, haben sie gesagt. Entspann dich und setz dein freundlichstes Gesicht auf, haben sie gesagt. Alles wird gut, haben sie gesagt.

Wird es nicht. Denn auf dem Rückweg vom unwirtlichen Strand, touchiert Melvil Hammetts Mietwagen im Halbdunkel ein Hindernis. Ein Baumstrunk, ein Hund oder vielleicht ein Bewohner des maroden Zeltlagers nahebei?
Zu erkennen ist nichts. Wie auch, wenn das Gefährt nicht gestoppt wird und weder Melvil noch seine Gattin Luisa aussteigen, um herauszufinden, was geschehen ist.
Stattdessen müßige Spekulationen, gepaart mit der Sorge, nicht zeitig im gebuchten Hotel in Taormina anzukommen. Melvil beschwichtigt und predigt Zuversicht. Was nicht sein darf, ist auch nicht.
Der Check-In klappt nach einigen Mühen, so langsam könnte Urlaubsstimmung einsetzen. Doch das Auto hat eine Delle und die Zeitungen vor Ort berichten am nächsten Morgen von einem überfahrenen Kind.

Melvil räsoniert weiter, wägt alle Möglichkeiten ab, legt seine Rolle als vehementer Befürworter des Ungefähren nicht ab, während sich bei Gattin Luisa zaghaft das Gewissen regt. Der bescheidene moralische Aufruhr reicht indes nicht aus, um sich den möglichen Unfallfolgen und der Fahrerflucht zu stellen. Schon gar nicht vor der Polizei. Melvil kann nicht viel, aber im Abwiegeln ist er meisterlich. So widmet man sich dem Sightseeing, wird aber immer wieder auf den Vorfall gestoßen und muss entscheiden, was mit dem demolierten Wagen passieren soll.

Der freundliche Kellner Roberto weiß Bescheid, kennt er doch eine vertrauenswürdige Werkstatt, die sich diskret dem Schaden widmen würde. Die Hammetts nehmen das Angebot erleichtert an, nur um feststellen zu müssen, dass hinter freundlichen Fassade von besorgten Komplizen die pure Geldgier wohnt. Der Chef der Werkstatt lässt das Paar finanziell bluten und spielt ihre Position auf verlorenem Posten genüsslich gegen die Beiden aus. Am Ende sind die Hammetts keine Touristen mehr, sondern Flüchtlinge. Und somit den Bewohnern des Zeltlagers nicht unähnlich, dem sie vermutlich einen jungen Bewohner entrissen haben.

Yves Ravey – Taormina

Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller
Liebeskind Verlag; 112 Seiten, € 20,00
Gebunden, mit Schutzumschlag
Erscheinungstermin19. Juni 2023
ISBN978-95438-168-5

Yves Raveys „Taormina“ ist ein hinterlistiger, kleiner Noir von gerade einmal hundertzwölf Seiten, der aber weit über sein kompaktes Format hinaushallt.

Erzähler Melvil Hammett, der weder die coole Eleganz Jean Pierre Melvilles noch die abgeklärte Härte Dashiell Hammetts besitzt, geriert sich als tumber Tor, dessen „Carpe Diem“ darin besteht, alles auszuschalten, was ihm nicht in den Kram passt. Aber natürlich schlägt diese Haltung mit Macht zurück und lässt alle Pläne und Hoffnungen zerbröseln.

Melvil ist ein armer Wicht, der sich in einem Leben bar jeder Verantwortung eingerichtet hat. Finanziell ist er von seiner Frau Luisa, respektive seinem Schwiegervater abhängig, weswegen er in der Ehe Kompromisse eingeht, die Luisas Seitensprünge und die Verachtung ihres Vaters beinhalten.

Die Reise nach Taormina, die eine Zeit des Kulturgenusses, der Muße und der Aussöhnung werden sollte, wird nach dem Unfall mit unklarem Ausgang zu einem Höllentrip. Der nicht in körperliche Folter, Mord und Totschlag ausartet, sondern aus Zagen, Zaudern und Ungewissheit besteht.

Was wirklich passiert ist, bleibt nebulös, doch Melvil spielt den Mann ohne Eigenschaften, der angestrengt den Anschein zu wahren sucht, ein gewöhnlicher Tourist auf Urlaubsmission zu sein.

„Taormina“ erzählt keine bedrohliche Geschichte von Verbrechen und Strafe, sondern Protagonist Melvil gestaltet seine Schilderung als bildungsbürgerlichen Reiseroman. Versucht es zumindest verzweifelt, was die verstörenden Momente und das herrschende Unbehagen umso intensiver erscheinen lässt. Der gnadenloseste Satz des Textes lautet: „Draußen strahlte die Sonne.“

„Taormina“ ist ein kurzer, präziser und überzeugender Roman über Entfremdung, im Fokus Menschen, die keine Bezugspunkte mehr haben, keinen Kompass, der ihnen den Weg zu ihren schäbigen Egos zeigt und dann wieder hinaus in die Welt weist. Stattdessen bleiben nur Jammern und das Festhalten an einem imaginierten Status Quo. Der in Windeseile von einem schmierigen Werkstattbesitzer ausgehebelt werden kann.

„Taormina“ ist nicht nur eine absurd komische und spannende Geschichte von dunklen Stunden am helllichten Tag, sondern funktioniert auch hervorragend als sarkastischer Kommentar zum herrschenden Zeitgeist. Nicht nur T.S. Eliot weiß: Zu viele hohle Menschen, Ausgestopfte – hier, dort, überall.



DER LETZTE ROBICHEAUX by Martin Compart


Übersetzung: Jürgen Bürger
Originaltitel: A PRIVATE CATHEDREAL
ISBN: 978-3-86532-755-0
Preis: € 24,00
Einband: Klappenbroschur
Seiten: 472

Jochen König hat ein fulminantes Nachwort zum Roman geschrieben. Ein guter Grund, genauer nachzufragen:

Du hast das Nachwort geschrieben und bist seit langem im Thema: Ist das wirklich der letzte Robicheaux-Roman?

Das ist eine Frage, die ich mir und Günther Butkus, dem deutschen Verleger Burkes, auch sofort gestellt habe. Ein passender Abschluss ist „Verschwinden ist keine Lösung“ (mit dem noch deutlicheren Originaltitel „A Private Cathedral“) allemal. Aber Burke hat sich sehr ambivalent ausgedrückt, ganz im Sinne Sean Connerys bezüglich einer möglichen Rückkehr als James Bond: „Sag niemals nie.“ Oder in Burkes eigenen Worten, in einem Interview mit „Distinctly Montana“ Ende November 2021 („A Private
Cathedral“ wurde davor, im August 2020, in den USA veröffentlicht): „Oh, I just don’t know. I went back to the Hollands, and I’ve got a couple of books coming out about them. We’ll see what happens. I just don’t think about the future in a work. I never have. I see two scenes ahead, but never more.

Angekündigt ist für 2024 zudem ein Roman mit dem Titel „Clete Purcell“. „The title says it all“ kommentiert James Lee Burke. Und wenn Robicheaux-Intimus Cletus Purcell seinen eigenen Titel bekommt, dürften sein Kumpel Dave und Tochter Gretchen auch mit dabei sein. Davon gehe ich jedenfalls aus. Und über derartige Spin Offs kann man eine Reihe ja fein am Leben halten, ohne dass man das Ende antastet. Das ja eher eine Art zusammenfassender Rückblickist.
Reine Spekulation, aber trotzdem eine spannende Frage ist, ob Alafair Burke, James Lee Burkes Tochter, die selbst erfolgreich Kriminalromane schreibt, wohl irgendwann die Figuren ihres Vaters aufnehmen wird.

Warum beendet Burke seine erfolgreichste Serie?

Nun, dreiundzwanzig voluminöse Bände enthalten enorm viel Stoff. Und ganz vor Wiederholungen gefeit war die Robicheaux-Serie nie. Zudem wird Robicheaux älter. Wie sein Schöpfer. James Lee Burke wird im Dezember 2023 87 Jahre alt und hat derzeit noch mindestens drei Romane in der Pipeline „Flags of our Fasthers“ erscheint im Juli, danach sind mindestens zwei weitere Holland-Novels angekündigt sowie der bereits erwähnte „Clete Purcell“).

Da schafft ein passendes Ende bei seiner langlebigsten Reihe Luft für anderes. Und wie in der ersten Frage schon erzählt, kann es ja weitere Bücher über Cletus Purcell und/oder Billy Bob Holland geben, in denen Robicheaux auftaucht.
Freuen wir uns auf jeden Fall noch auf ein paar kreative Jahre James Lee Burkes.

Wie und wann hast Du sie entdeckt und was gefällt Dir an ihr?

Ich habe Burke 1991 gleich mit dem ersten auf Deutsch erschienenen Robicheaux-Roman „Neonregen“ kennen- und schätzen gelernt. Ich habe damals auch versucht, an Burkes frühe Werke aus den Sechzigern und frühen Siebzigern zu kommen, was aber gar nicht so einfach war und in deutscher Übersetzung unmöglich.
Ich bin Robicheaux dann durch die Verlagswechsel (von Ullstein zu Goldmann) und die unvollständige Veröffentlichungspolitik gefolgt und war sehr froh, dass Pendragon die Serie neu herausbringt und endlich die Lücken schließt.

Natürlich habe ich mir die Billy Bob Holland-Bücher auch bei Erscheinen (ab 1999) besorgt.
Burke ist ein sprachlich gewandter Autor, der in seinen besten Momenten die Ausleuchtung der Conditio humana in spannende Geschichten zu verpacken versteht (bei Robicheauxs Hadern mit dem Katholizismus neigt Burke mitunter arg Richtung moraltheologisches Seminar. Aber das hält sich glücklicherweise in Grenzen); der Hardboiled, Noir, Gangster- und Polit-Thriller gekonnt und eigenwillig mischt, und das Ganze mit einer Portion Geschichte und Gesellschaftspolitik unterfüttert. Ohne aufgesetzt und belehrend zu wirken.

Es gibt zudem wenige andere Autoren (in Ansätzen gehören James W. Hall und David L. Lindsey dazu), die poetische Naturbeschreibungen als relevanten unGesellschaft wie Protagonisten widerspiegelnden Teil der Handlung einsetzen.

Außerdem gefallen mir die Grenzgänge Richtung Phantastik, die Burke im Finale geradezu halluzinatorisch auf die Spitze treibt. Das wird nicht jedem Lesenden zusagen. John Connolly wahrscheinlich schon, dessen lesenswerte Charlie „Bird“ Parker-Reihe in ähnlichen Gefilden unterwegs ist. Grüße aus Twin Peaks gibt’s gratis dazu.



Megan Abbott „Aus der Balance“ (The Turnout“) von Jochen König by Martin Compart

„Aus der Balance“ ist der erste Roman einer Autorin im verdienstvollen Pulp Master-Verlag. Frank Nowatzki geht gleich aufs Ganze: Mitten hinein in die Abgründe einer Ballettschule. Spätestens seit Dario Argentos „Suspiria“ (und der exzellenten Neuinterpretation Luca Guadagninos) wissen wir, welche höllischen Gefahren dort lauern können.

Bei Megan Abbott gibt es keine blutigen Morde, kein Hexen- oder Teufelswerk, ihre Hölle beginnt auf kleiner Flamme, befeuert durch dunkle Ahnungen, Obsessionen, Täuschungen, Verrat und Schuldgefühle. Der Herd des Ganzen ist die Keimzelle der Gesellschaft, die Familie. Megan Abbott ist sehr gut
aufgehoben in der dunklen, verschachtelten, höchst faszinierenden literarischen Welt von Pulp Master.

Oder wie Thekla Danneberg in ihrem lesenswerten Nachwort schreibt: „Es ergibt eine hübsche Punchline, dass der Verlag ausgerechnet mit dem Roman Aus der Balance beginnt, einem Roman über das Ballett, die Welt von Tüll und Tutu, Satin und Spitzenschuhen, in der alles zart und rosa erscheint. Wenn schon, denn schon, könnte man denken,aber tatsächlich passt Megan Abbott in diesen Kosmos aus Pulp und Noir wie die Faust aufs Auge.“

Pulp Master 58
Megan Abbott
Aus der Balance
Übersetzt von Karen Gerwig und Angelika Müller
Mit einem Nachwort von Thekla Dannenberg
415 Seiten
Pulp Master 2023, EUR 16,00

Dara und Marie sind die Töchter der berühmten Ballerina Mrs. Durant (Vornamen bekommen beide Elternteile nicht). Marie ist die besessenere Tänzerin, vielleicht auch die bessere, Dara ist rationaler, fokussierter – so scheint es jedenfalls. Sie ist verheiratet mit Charlie, einem begabten und ehemals vielversprechenden Tänzer. Bis dessen malträtierter Körper sich dem Tanz verweigerte.

Megan Abbott und ihre (nicht sehr zuverlässige) Erzählerin Dara verbringen viel Zeit damit, die körperlichen Verwüstungen zu beschreiben, die exzessiver Balletttanz mit sich bringt.
Und die natürlich symbolhaft für innere Deformationen stehen.

Das Trio wohnt gemeinsam im Elternhaus der Schwestern, Charlie war bereits als Ziehkind Teil der Familie Durant.
Seit die Eltern bei einem Autounfall ums Leben kamen, hat sich das Verhältnis noch gefestigt. Doch nicht nur die Frage, wer am Steuer bei der tödlichen Fahrt saß, zeigt wie brüchig die Beziehungen sind. Fluchten werden geplant und nicht konsequent umgesetzt, immer wieder hockt das Trio aufeinander und arbeitet mit ehrgeizigen Eleven an der jährlichen Aufführung von Tschaikowskis „Nussknacker“. Das Ballett und die Proben dafür konterkarieren und kommentieren Daras Erzählungen vom Zusammenleben, den Versuchungen, Erschütterungen, Verschwiegenheiten und dunklen Geheimnissen.

Als nach einem Brand der Bauunternehmer Derek ins Leben der Kleinfamilie tritt, bröckelt die Fassade der unheilen Welt noch weiter. Die labile Marie verliebt sich in den grobschlächtigen Mann, während Dara ihr Leben okkupiert und in Gefahr sieht. Derek wird zur Nemesis der Durants, wobei Zweifel bleiben, ob Daras Schlussfolgerungen der Realität entsprechen.

Die gewählte Erzählperspektive setzt Megan Abbott mit großem Geschick ein. Daras eingeschränkte
Wahrnehmung und Kunst der Verdrängung bilden den perfekten Nährboden für heftige, allerdings jederzeit nachvollziehbare Twists. „Aus der Balance“ ist ein klug gewählter deutscher Titel fürs Original „The Turnout“.
Denn das Leben der Protagonisten gerät völlig aus der Bahn, nachdem es bereits lange Zeit ein Tanz auf der Rasierklinge war. Geheimnisse und Lügen werden aufgedeckt, Ängste erzeugt und besiegt. Und es wird Tote geben, bis die Premiere des „Nussknackers“ endlich stattfinden kann.

„Aus der Balance“ ist ein Psycho-Thriller der besonderen Art. Er ist auch ein Noir, dessen Handlung dem Dunkel entgegensteuert, ein Horror-Roman, in dem sich das Grauen still und leise, quasi über die Hintertreppe der Ballettschule hereinschleicht. Selbst wenn nicht viel passiert, herrscht eine Atmosphäre des Unbehagens. Megan Abbott ist meisterlich darin, kriechenden Schrecken aus kleinen, scheinbar alltäglichen Gegebenheiten zu ziehen. Sie braucht keine Blutorgien, keine überkandidelten Wendungen, die Lesende erschlagen, statt zu überzeugen. Abbott genügen Unsicherheiten, Verblendungen (insbesondere der Erzählerin Dara), leichte Abweichungen im Tagesablauf, um die Dinge aus der Balance zu bringen. Die selbst in den vermeintlich besten Momenten, ein fragiles Konstrukt ist.

Dazu gesellen sich Mobbing, besonders unter den kleinen Ballerinen, Obsessionen, Eifersucht, Neid sowie die Unfähigkeit, Konsequenzen aus dem zu ziehen, was gefühlt oder offensichtlich aus dem Ruder läuft. Von Veränderungen ganz abgesehen. Die, wenn sie denn doch geschehen, brachial über die Beteiligten hereinbrechen, anstatt überlegt in Angriff genommen zu werden.
Der Roman zeigt Menschen, denen es nicht gelingt, toxischen Beziehungsgeflechten zu entfliehen, die lieber versuchen, sich hineinzuschmiegen, als wäre ein Spinnenznetz eine Wohlfühloase.
Das betrifft nicht nur die Durant-Schwestern und ihren ewigen Spielkameraden Charlie, sondern auch die Figuren am Rande. Wobei nicht eindeutigfestliegt, wer gerade die Spinne ist, bereit ihre Opfer zu verschlingen.

„Aus der Balance“ gelingt es hervorragend, den Horror der Ambivalenz zu erfassen. Leichte Veränderungen im wiederholt Erzählten, vielschichtige, glaubwürdige Charaktere und eine behutsame, aber kontinuierliche Spannungssteigerung (mit einigen Explosionen) machen das Buch zu einem geschliffenen, schmerzhaften wie lustvollen Stück Literatur.

Und wir hoffen, dass weitere Werke Megan Abbotts in deutscher Übersetzung folgen. Der Pulp Master-Verlag hat einen wichtigen und richtigen ersten (angesichts von „Das Ende der Unschuld“ zweiten) Schritt getan.




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