Martin Compart


EASTENDBALLADE – DIE KRAYS 5/ by Martin Compart

Die Commercial Road macht ihren Namen alle Ehre.

Sie führt mitten ins Gewühl von Whitechapel und ist eine der großen Lebensadern des Eastend. Ein altes Manufakturgebäude hinter dem anderen. Hier schlägt das Herz der englischen Bekleidungsindustrie, heute fest in der Hand von Indern, Pakistani und einigen schwerreichen britischen Mogulen.

An einer Bushaltestelle balanciert eine Farbige eine Waschmitteltrommel freihändig auf dem Kopf. Die alten mehrgeschossigen Häuser mit ihren ungepflegten Fassaden beherbergen Hunderte von Textilfirmen. Dazwischen mal ein ungehöriger Neubau, auch verlassene Fabrikgebäude mit eingeschlagenen Fenstern.
An den mit Paketen und Papp-Containern vollgestopften Bürgersteigen werden riesige LKWs be- und entladen. Die Straße ist ein einziges Textillager. Hunderte Ausgänge führen auf unübersichtliche Hinterhöfe und in kleine dunkle Gassen. Die Gegend ist nicht kontrollierbar. Ein Alptraum für jede deutsche Behörde, deren Beamte man hier ihre Strafzeit nehmen lassen sollte.
Für Krimiautoren der harten Schule so etwas wie Disneyland. Ein düsteres Labyrinth, in dem der hässliche Kapitalist der Minotaurus ist.

Rechts war die schmale, wenig einladende Duval Street, die leider einem Gebäudekomplex weichen musste. Früher hieß sie Dorset Street, und Detektivsergeant Leeson schrieb 1934 in seinen Memoiren LOST LONDON: „Es bleibt offen, ob die Dorset Street oder der Ratcliffe Highway die Ehre für sich in Anspruch nehmen konnte, die schlimmste Verbrecherstraße Londons zu sein. So mancher Konstabler, der einen fliehenden Verbrecher verfolgte, gab die Jagd auf, wenn sich der Missetäter in den Schutz der Dorset Street begab.“

In der schmalen Passage Miller’s Court, kurz bevor die Duval Street in die Crispin Street mündete, metzelte Jack the Ripper Mary Jane Kelly nieder.

Die alte Kneipe Ten Bells steht noch an der Commercial Street. Hier nahm die arme Mary Kelly ihren letzten Gin, bevor sie dem Ripper begegnete. Die Gegend von Commercial Road bis Brick Lane im Osten und Whitechapel Road im Süden heißt Spitalfields. Noch bis zur Jahrhundertwende der schlimmste Slum der Welt, Ort furchtbarster Armut und schrecklichster Verbrechen.

Als Charles Booth 1889 seine berühmte Armutskarte von London entwarf, zeichnete er Spitalfields schwarz, um es als „sehr arm, unterste Schicht, lasterhaft, halbverbrecherisch“ zu bezeichnen. Wenn man heute die Gegend nachts durchwandert, scheint man immer noch, kaum überdeckt, den Geruch von Armut und üblen Lastern zu riechen. Als wäre Spitalfields wirklich ein verfluchter Ort.
Tagsüber ist das etwas anderes. Eher, als würde man in der Kulisse eines Gangsterfilms herumwandern. Das eifrige Treiben der Textilfirmen beim Beladen der Laster hat irgendwas illegales. Wie das Schnapsverschieben während der Prohibition.
Hergestellt werden sowohl teure Modefähnchen für die Boutiquen Europas, wie billigste No-Name- Produkte, zusammengeschustert von kleinen Firmen, die Tausende von Asiaten in schmutzigen Löchern für kargen Lohn schuften lassen.

Der Einstieg ins Krays-County.

Die Winthop Street liegt hinter der Whitechapel Road. Unvorstellbar. Hier lebt niemand. Die einzige Bewegung geht von einem Bagger aus, der einen Schrottplatz umpflügt. Selbst Hausbesetzer machen einen großen Bogen um diese Ecke. Hier gibt es genug Abrissarbeiten für die nächste Generation.
Früher hieß diese Gasse Buck’s Row und war eine der gemeinsten Hinterstraßen von Whitechapel. In ihr lag das berüchtigte Barbers Pferdeschlachthaus, und am 31.August 1888 fand man hier die Leiche von Mary Ann Nichols, Jack the Rippers erstes Opfer.

Zwischen Bethnal Green Road und Whitechapel Road breitet sich das ganze Spektrum des östlichen Londons aus: heruntergekommene Straßen neben gerade frisch renovierten. Und gegenüber von düsteren, in die Bahndämme gegrabene Autowerkstätten hat ein völlig durchgeknallter Architekt eine Zeile mit modernen Einfamilienhäusern hingesetzt, die in deutschen Vororten normalerweise unweit von Einkaufszentren zu finden sind.

In der nicht ganz so düsteren Cheshire Street, über die noch Pferdewagen jagen, entsteht ein riesiger, moderner Bürobau. Nichts passt hier zusammen und alles zusammen ist ein harmonisches Ganzes.

In einem der Häuser hatte George Cornell 1962 angeblich den Gangster Ginger Marks erschossen. Jedenfalls hat er das mal Ronnie erzählt, und Ginger Marks wurde auch nie wieder gesehen. Man steht davor und kann nicht einmal das Dezennium erkennen, in dem diese Straßen entstanden. Kein Problem, hier einen Film über Jahrhundertwende oder einen Gangsterfilm aus den 30er- oder 50er Jahren zu drehen.

Kurz vor der Ecke zur Tapp-Street hat man den Randstreifen mit Parkuhren bestückt. Vielleicht wurden sie vom Jugendamt als Trainingsgerät für die Streetfighter aufgestellt. Bevor es ans Renovieren geht, hat man jedenfalls schon mal die künftigen Parkplätze geregelt.

Wie sagte mir Gavin Lyall? „Überall nur Stückwerk. Da wird ein bisschen was gebaut und dort ein bisschen was renoviert. Aber es gibt keinen umfassenden Sanierungsplan.“ Gut so, mir gefällts. Wenn jemals deutsche Stadtplaner aufs Eastend losgelassen werden, sollten die Londoner gleich hinter Moorgate Pallisaden errichten.

Endlich bin ich in der Tapp Street.
Der legendäre Lion-Pub steht noch. Unverändert, direkt vor einer Bahnunterführung. Das war einer der großen Treffpunkte der Firma. In ihm verkehrten die Zwillinge seit frühester Jugend.

Am 9.März 1966 fuhr Ronnie in Begleitung der beiden Schotten Ian Barrie und John Dickson kurz nach acht von hier aus zum Blind Beggar, erschoss George Cornell und kam zurück, um zum gemütlichen Teil des Abends überzugehen. Reggie hatte mit ein paar anderen Firmenmitgliedern gesoffen, ohne zu ahnen, was Brüderchen eben erledigen ging.

Der Lion ist noch immer ein typischer Pub für die Anwohner. Ein kleiner Laden, der sich in den letzten Jahrzehnten nicht sehr verändert haben dürfte. An den Wänden Tapeten mit schwarzen Palmenblättern auf gelben Hintergrund. Ein altersschwacher Schäferhund sieht voller Milde und Weisheit den Stammgästen zu.
Der Tresen scheint neu, irgendein Hartplastik das an Marmor erinnern soll. Ungewöhnlich, aber nicht störend. Genau die richtige Höhe. Was für Profis – nicht irgendwelcher neumodischer Firlefanz. Der alte Wirt gibt mir mein Ruddles Best Bitter und kümmert sich um die beiden Stammgäste an der rechten Seite des hufeisenförmigen Schanktisches. An der linken Seite streitet sich ein Inder mit seiner englischen Freundin und gießt Gin Tonic in sich rein. Reggies Lieblingsgetränk. Typischer 60er Drink. Darf man heute eigentlich nur noch auf Borneo trinken, an einem wirklich schwülen Sommerabend. Oder wenn man im Eastend als Inder Krach mit seiner englischen Freundin hat. Furchtbares Gesöff, sollte aus ästhetischen Gründen längst verboten sein.

Dazu jault Johnny Cash ununterbrochen frühe Songs über Bahnarbeiter, Landstreicher und wie es immer die Besten zuerst erwischt.

Das Ruddles kommt gut. Ich kann mich unschwer zwanzig Jahre zurückversetzen. Arbeiter am Tresen, die sich hier von Job und Familie erholen. Lachen, Billardspiele und der Zigarettenqualm hängt so tief, dass man kaum noch die Pints erkennen kann.

Dann kommen Reg & Ron mit ihren Jungs durch die Schwingtüren. Großes Hallo. Zwei aus der Nachbarschaft, die es zu etwas gebracht haben. Die weder Familie noch ihre alten Freunde verleugnen und den arroganten Westendern die Kohle aus der Tasche ziehen. Gangster? Bei mir ist nichts zu holen. Harte Jungs, aber okay. Lokalrunden, und für ein paar zugeschüttete Stunden existiert nichts anderes im Universum. Jack London nannte die Kneipen die Klubs des kleinen Mannes. Wo sollte das mehr Berechtigung haben als in London, wo die vornehmen Westendklubs Jahresbeiträge kassieren, die für die Gäste des Lion einem Jahresverdienst gleichkommen.



Neben der Vallance Road verläuft heute (1990) eine gigantische Wiese bis zur Bahnunterführung, neben der einst „Fort Vallance“, wie das Haus der Krays im Volksmund hieß, stand. Genügend Platz für scheißende Hunde und Nachwuchskicker. Vielleicht ein Mahnmal für den Nachwuchs: Schlagt nicht den Weg der Krays ein, sondern tretet gegen den Ball, dann könnt auch ihr Gazzas werden. Das Chancenspektrum hat sich auch im Eastend erweitert: Neben Frohnarbeit, Berufsboxen und Gangster, kann man jetzt auch noch sein Glück als Fußballprofi, Schauspieler (Michael Caine, Terrence Stamp, Twiggy) oder Pop-Star versuchen.

Neben dem Bahndamm verläuft die Cheshire Street. An einer Ecke steht ein schmales, dreistöckiges Haus und beherbergt noch immer das Carpenters Arms. Dieser rotplüschige Pub war zeitweilig im Besitz der Krays. Hier ist noch nichts los; aus den Lautsprechern erklingt DAVY CROCKETT, KING OF THE WILD FRONTIER, 1954 ein echter Hit. Michael Jackson hat es nie bis ins Eastend geschafft. Auf dem roten Teppichboden suche ich nach alten oder neuen Blutflecken.

Am letzten Samstag im Oktober 1967 begann für Reggie Kray hier der Abend, an dessen Ende die Ermordung von Jack the Hat stand.

Die Cheshire Street endet an der Brick Lane, die südlich auf die Whitechapel Road stößt. Hier ist alles fest in asiatischer Hand. Imbissbuden, Curry-Restaurants und immer wieder Textilgeschäfte. Ecke Woodseer Street präsentiert sich die Firma Titash stolz als führender Spezialist für Hochzeitssarees. Und immer wieder halbverfallene Häuser, aus denen Ratten nach zwei Nächten entnervt ausziehen. Würde nicht die blutrote Eastendsonne am grauen Herbsthimmel versinken, könnte man sich angesichts des bunten Treibens wie in Kalkutta fühlen. Majestätisch stehen rechts als Monument höchster Qualität die Neu – und Altbauten der Black Eagle-Brauerei. Jedes Bad Godesberger Ministerium könnte stolz auf so eine gepflegte Sandsteinfassade sein.

Als ich endlich auf der breiten Whitechapel bin, dröhnt plötzlich der undisziplinierte Autoverkehr einer Millionenstadt um mich herum. Rechts erheben sich fünf Meter hohe Mauern. Sie umrahmen Englands größte Moschee. Und wie auf Kommando beginnt der Muezzin lautstark über Whitechapel zu plärren. Da hat selbst der Autoverkehr keine Chance.

Am Boothhaus springt plötzlich eine leicht zerlumpte Gestalt auf mich zu. Er will ein bisschen Geld, für Tee. Klar. Mit ungeheurer Geschwindigkeit redet er auf mich ein. Ich stelle mich blöd, sage ihm auf Preußisch, dass ich kein Wort verstehe. Unbeeindruckt bringt er sein Anliegen in fließendem, akzentfreiem Deutsch vor. Völlig verdattert gebe ich ihm etwas Kleingeld. Bevor ich ihn mir schnappen kann um ihn in den nächsten Pub zu zerren, ist er angeekelt zurückgesprungen und blitzschnell verschwunden. Egal was man anzieht, im Eastend stinkt man als Tourist meilenweit gegen den Wind.

Ein paar Hundert Meter hinter der U-Bahn-Station ist der Blind Beggar, echte Folklore und der vielleicht berühmteste Pub des Eastends. Auf dem breiten Bürgersteig bei der U-Bahnstation haben ein paar Dutzend Straßenhändler ihre Stände aufgebaut. Taschen und Textilien. Was ich vermisse, sind die nachgemachten Bobbyhelme aus Gummi, die man im Westend an jeder Touristencke kaufen kann und mit denen als Souvenir ich bei meinen Freunden so großen Erfolg hatte. Die Polizei ist wirklich nicht populär im Eastend.

Nachdem der Beggar unfreiwillig durch Ronnie Kray eine ganz bestimmte Sorte von Publicity bekommen hatte, wurde er innen völlig renoviert. Am Eingang klebt verheißungsvoll Ruddles Best Bitter Lives Here. Ein guter Grund einzutreten. Rotes Licht, ein anheimelnder Kamin und nur ein paar Tische an den Wänden. Vor der großen Theke ist genug Platz für die sauber gekleideten Geschäftsleute, die nach der Arbeit auf ein Gläschen einkehren.

Das Publikum ist gemischt: Subkulturtypen, die immer weiter ins Eastend vordringen, ein paar alte Oldtimer, die ich mir schon als Opfer ausgespäht habe, Verkäuferinnen, junge Verliebte.
Seinen Namen hat der Pub nach einem Gedicht aus dem 17.Jahrhundert: THE BLIND BEGGAR OF BETNAL GREEN. Ein armer Bettler hatte eine wunderschöne Tochter. Doch wenn die Jungs, die hinter ihr her waren, erfuhren, dass sie die Tochter eines Bettlers war, nahmen sie Reisbaus. Aber eines Tages kam dann der obligatorische hübsche Bursche. Ihm waren die wirtschaftlichen und familiären Verhältnisse egal, und er heiratete sie. Umgehend stellte sich heraus, dass der Bettler kein armes Schwein, sondern ein Verwandter des reichen und mächtigen Simon de Montfort war. Der Bettler schwamm im Geld und hatte nur nicht gewollt, dass seine Tochter wegen des schnöden Mammons geheiratet würde. Die richtige Story für diesen Ort zerbrochener Träume.

Für ein paar Pfund und reichlich Drinks berichten mir die Wind-und-Wetter gegerbten Oldtimer wie so die Trinksitten der Krays waren. Sie waren damals junge Dockarbeiter und wurden gelegentlich von ihnen freigehalten, wenn sie wie Cowboys nach einem langen Viehtrieb in den Saloon einfielen: „Sie steckten einen Haufen Pfundnoten in ein Bierglas gleich hier vorne am Ausschank auf den Tresen. Wer eingeladen war, konnte bestellen was und soviel er wollte. Jedesmal wenn der Keeper wieder ein Getränk rausrückte, nahm er sich das Geld dafür aus dem Glas. Wenn das Glas leer war, gingen sie hin und stopften neue Pfundnoten rein.“
Mochten sie die Krays, oder fürchteten sie sie? „Beides. Ronnie war unberechenbar. Mal großzügig und mal düster und beängstigend. Die kleinen Leute hatten keinen Grund, die Krays zu fürchten. Frauen und alten Leuten gegenüber waren sie immer respektvoll und freundlich. Ihre Mutter hatte sie gut erzogen. Sie hatten Manieren.“

Die Legende lebt. Eine freundlichere Eastendlegende als Jack the Ripper. Aber wie so vieles in diesem Schmelztiegel, voller Gewalt und Brutalität.

Draußen ist es tiefe Nacht geworden. Der Betrieb auf der Whitechapel Road lässt langsam nach. Die Straßenhändler haben ihre Stände abgebaut. Auch der Second-Hand-Plattenladen, in dem ich für ein läppisches Pfund die Original-Single OUT OF TIME von Chris Farlowe und eine EP der Pretty Things erwischt hatte, ist geschlossen. Im Eastend ist die Nacht besonders dunkel. Ich nehme ein Taxi zum Hotel.

— ENDE

1999. Nachtrag: Kürzlich unterhielt ich mich mit Russell James, dem „Chronisten der Südlondoner Unterwelt“ über die Krays und meine Faszination. Es amüsierte ihn. Ihn faszinieren reale Gangster nicht mehr. In seinem Roman PAYBACK – DIE RÜCKKEHR DES FLOYD CARTER hat er seinen Kommentar zu der Krays gegeben. Rational musste ich dem zustimmen. Aber analytisch gesehen sind meine geliebten High-School-Songs wohl auch nicht von der entscheidenden Bedeutung für die Pop-Musik, wie ich es gerne sehe. Was ist schon rational daran, wenn sich Nebel über Limehouse legt und irgendwo aus der der Undurchsichtigkeit ein Knall kracht… Ein Schuss? Oder nur ein geplatzter Reifen?

Auawahlbibliographie:

Campbell, Duncan: The Underworld. London: BBC Books, 1994.
Dickson, John: Murder Without Conviction. London: Sidgwick & Jackson, 1986.
Donoghue, Albert (und Martin Short): The Krays’Lieutnant. London: Smith Gryphon, 1995.
Fraser, Frankie (mit James Morton): Mad Frank. London: Little Brown, 1994.
Fry, Colin: The Kray Files. London: Mainstream Publ., 1998.
Kelland,G.: Crime in London. London: Century, 1986.
Kray, Charles (mit Robin McGibbon): Me and My Brothers. London: Grafton, 1988.
Kray Charlie (und Colin Fry): Doing the Business. Smith Gryphon, 1993.
Kray, Kate: Ronnie Kray: Sorted.London: Blake, 1998.
Kray, Reg: Born Fighter. London: Century, 1990.
Kray, Reg: Villains We Have Known. Leeds: N.K.Publ. 1993.
Kray, Reg & Ron (mit Fred Dinenage): Our Story. London: Sidgwick & Jackson, 1988.
Kray, Ron (mit Fred Dinenage): My Story. London: Sidgwick & Jackson, 1993.
Lambrianou, Chris (mit Robin McGibbon): Escape From the Kray Madness. London: Sidgwick & Jackson, 1995.
Lambrianou, Tony: Inside the Firm. London: Smith Gryphon, 1991.
Pearson, John: The Profession of Violence. London: Weidenfeld and Nicolson, 1972; Grafton 1989/6.
Morton, James: Gangland. Londons Underworld. London: Little Brown, 1992.
Morton, James: Gangland 2. The Underworld in Britain and Ireland. London: Little Brown, 1994.
Read, Leonard (und James Morton): Nipper. London: Macdonald & Co., 1991.
Richardson, Charlie: My Manor. London: Sidgwick & Jackson, 1991.
Samuel, Richard: East End Underworld. London: Routledge & Kegan Paul, 1981.
Thompson, Tony: Gangland Britain. London: Hodder and Stoughton, 1995.


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EASTENDBALLADE . DIE KRAYS 4/ by Martin Compart
2. April 2024, 12:07 pm
Filed under: Brit Noir, Die Krays, ORGANISIERTE KRIMINALITÄT | Schlagwörter: , , , , , ,

Die magische Tür öffnet sich und wir gehen durch die laxen Sicherheitskontrollen.

Schließlich eine Treppe hoch zum Aufenthaltsraum. Ein paar grobe Tische, Stühle und ein Getränke- und Snacktresen.
Ich erkenne Reggie sofort. Er sieht viel jünger aus als auf den letzten Fotos von der Beerdigung seiner Mutter 1984. Kaum grau in den dunklen Haaren. Die Falten in dem jungenhaften Gesicht drücken mehr über seine Umgebung der letzten 21 Jahren aus als über sein Alter. Tiefe Lachfalten um Augen und Mund. Hält er das alles inzwischen für einen Betriebsausflug? Sicher nicht. Er ist wahrlich durch die Hölle gegangen und – trotz eines Selbstmordversuchs Anfang der 80er – irgendwie unbeschädigt geblieben. Ich brauch mir nichts vorzumachen: Das ist einer der härteste Knochen, der mir je gegenüber stand, härter als Karibik-Horst.

Er lacht, winkt und umarmt Rita und Joe. Der Charme, dem sich auch sein kritischer Biograph John Pearson nicht entziehen konnte, funktioniert noch. Der fitteste Mann, den ich je gesehen habe. Seit 1969 trimmt er sich jeden Tag mehrere Stunden. Hat bis vor ein paar Jahren regelmäßig Knastmeisterschaften im Gewichtheben und anderes gewonnen. Außerdem gab er das Rauchen auf. Einer, der an die Zukunft denkt. Seine Bewegungen sind blitzschnell und völlig beherrscht. Der Junge würde Joe umhaun, bevor der überhaupt weiß was los ist. Und Joe weiß das. In einem seiner Bücher schrieb Reggie, dass er sich an elf Kiefer erinnert, die er gebrochen hat. Seine Spezialität war der „Cigarette punch“. Mit der Schnelligkeit und Präzision des Berufsboxers schlug er auf die Kinnlade seines Gegenübers, wenn der sich gerade die angebotene Zigarette in den geöffneten Mund steckte.

Eine von Englands größten lebende Legende neben den Rolling Stones. Die sind allerdings inzwischen so gefährlich wie Perry Como. Bei Reggie bin ich mir da nicht so sicher. Er umarmt mich wie einen alten Freund. Unser wöchentlicher Briefwechsel hat uns irgendwie zu Vertrauten gemacht. Ein wenig; ich möchte mir das einbilden.

Wir setzen uns, und Reggie öffnet seine Aktenmappe. Lets talk business. Vorschläge für Fernsehdokumentationen, Vertriebsprobleme mit der Schallplatte, sein neues Buch mit den schönen Titel FAMOUS VILLAINS WE HAVE KNOWN ist fast fertig. Die Memorabila-Maschine mit T-Shirts, Kaffeetassen und was weiß ich noch, läuft nicht rund. Joe muss ein paar Sachen erklären, Rita nimmt Anweisungen entgegen, holt Kaffee und Snacks, die liegen bleiben werden. Wir Kerle hier sind einfach zu hart, um in einen Schokoladenriegel zu beißen. Das hätte sie wissen müssen!
Er verteilt Zettel, auf die er für jeden in seiner unmöglichen Handschrift genau fixiert hat, was sie in nächster Zeit zu erledigen haben. Als ich seinen ersten Brief erhielt, wusste ich nicht mal wie rum ich ihn halten soll.

Rita holt wieder Kaffee. Am Nebentisch steht eine junge Frau auf und flüstert etwas in Reggies Ohr. Er nickt und grinst. Sie bringt ihm einen Pappbecher. Fuselgestank steigt auf. Wenn eine Braut ihrem Freund Alkohol in den Knast schmuggelt, trinkt Mr. Kray selbstverständlich mit. Er ist der Guru, der ihnen klarmacht, dass sie ihre kleinkriminelle Laufbahn schleunigst aufgeben und lieber mit dem Computer umgehen lernen sollen. Er ist nicht mehr an Verbrechen interessiert. Er hat im Knast seinen Horizont erweitert und mit Büchern, Filmen, T-Shirts und dem ganzen Kray-Merchandising viel Geld verdient. „Selbst wenn ich wollte, ich hätte heute draußen keine Chance mehr, ein Racketeering aufzuziehen. Heute ist alles viel härter, und ich bin 57 Jahre alt. Die Welt ist anders als 1969.“ Den Straßenschläger möchte ich erst noch sehen, der Reggie Kray von den Füßen holt. Nein, Reggie steht jetzt auf andere Sachen. „Wenn ich rauskomme, mache ich erstmal einen langen Urlaub um wieder richtig fit zu werden.“ Vielleicht will er einen Kontinent umgraben. „Und dann mache ich ein keep-fit-Video für über Sechzigjährige.“ Ich sehe meine völlig verfetteten Onkel im Trainingsanzug vor der Sportschau sitzen. „Zusammen mit Jane Fonda.“ Großes Gelächter. Zärtlich nimmt er Rita am Arm. „Come closer, dear. Feel comfortable.“ Reggie hat es gern, wenn sich die Leute wohl fühlen. Das hat ihm schon in den Klubs Freude gemacht. Mit einem Glas in der Hand herumzuwandern und sehen, dass alle ihren Spaß haben. Und wer stört, bekommt was auf die Birne. „Du kannst es dir nicht vorstellen. Du hattest damals nur drei Wahlmöglichkeiten im Eastend: Berufsboxen, Berufsverbrechen oder in die Fabrik gehen. Kein intelligenter Junge träumt davon, in die Fabrik zu gehen, oder? Eher hätten wir uns die Kugel gegeben.“ Heute kann man außerdem noch Fußballer werden.

Joe hat seine Anweisungen bekommen, Reggie entlässt ihn. Immer noch der Boss und Joe steht auf und verabschiedet sich artig.

Reggie kriegt Unmengen Post, meist von Unbekannten, darunter schlimmste Psychos. Reggie reicht mir einen Brief, den er gerade erhalten hat. Er ist von zwei britischen Soldaten vom Golf. Sie wünschen ihm alles Gute und loben sein Buch BORN FIGHTER. Er hätte recht mit seiner Aussage, dass nichts auf der Welt rechtfertigt, dass zwei Länder ihre jungen Männer in einen Krieg zum gegenseitigen Abschlachten aufeinanderhetzen.
Reggie diktiert Rita, zehn Bücher an die Soldaten im Golf zu schicken.

“Frag alles, was du fragen willst.“ In den Büchern wurde immer deutlich, dass Ronnie der düstere Antreiber von Reggie war. So wie Günter Mittag als böser Geist von Erich Honecker galt. Etwas, gegen das sich Reggie immer wandte. „Ronnie war geradeaus. Er ging die Sachen direkt an, egal was. Auch seinen Mord. Der Unterschied zwischen ihm und der Planung bis zur Ausführung.“

Kann er sich noch an den Moment erinnern, als er Jack the Hat das Mmir ist: ich liebe die Intrige. Jede Sekunde, von esser ins Gesicht stach? „Es steht ganz klar vor mir. Als wäre es gerade geschehen.“ Ich verkneife mir das voyeuristische Klischee à la was-fühlt-man-dabei. „In den Büchern wurde Jack the Hat immer runtergespielt. Man stellte ihn hin, als wäre er ein harmloser Drogentrottel gewesen. Er hat seine Freundin aus dem fahrenden Auto geworfen, und sie blieb gelähmt. Er war mit einer Schrotflinte hinter mir her. Das Miststück war verdammt gefährlich, völlig unberechenbar. Es ging um ihn oder mich. Hätte ich ihn nicht kalt gemacht, hätte er mich erwischt.“ Rita bestätigt ihn: das Eastend zitterte vor dem durchgedrehten Glatzkopf. Rita meint, im Medak-Film sei der Schauspieler von Jack als Einziger der realen Figur nahegekommen. Bis heute ist seine Leiche nicht gefunden.

Wann war der entscheidende Punkt, an dem alles aus dem Ruder lief? „Ich glaube, so um 1964. Da hätten wir innehalten sollen und alles überdenken. Statt sorglos einfach immer weiter zu machen, hätten wir einen Schritt zurückgehen müssen. Wir haben den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen. Damals hätten wir noch legale Geschäftsleute werden können.“ Der Tod seiner Frau Frances, 1967? Danach schien er mehr zu saufen und Ronnies wilden Aktionen blind zu folgen. Er selbst wurde unberechenbar. „Nach Frances Tod interessierten mich die Dinge nicht mehr so sehr. Alles war nicht mehr so wichtig. Aber immerhin habe ich noch dafür gesorgt, dass wir zurück ins Eastend gingen und uns nicht mehr auf das Westend konzentrierten.“

Was denkt er über die Verräter heute? Alles Leute, die es sich in der „Firma“ der Krays jahrelang gut gehen ließen. „Ich denke nicht oft an Scotch Jack Dickson, Ronnie Hart oder Les Payne. Die denken wohl öfter an mich. Die haben mich für immer. Sie sitzen auch im Gefängnis. Ihr Kopf ist ihr Gefängnis. Natürlich tat es weh, dass gerade unser Cousin Ronnie Hart den Kronzeugen machte. Nach einem Selbstmordversuch lebt er jetzt mit neuer Identität in Australien. Aber er hat immer noch dasselbe Gehirn, denselben Kopf. Typisch für ihn, dass sein Selbstmord nicht geklappt hat. Er kann so weit weglaufen, wie er will. Sein Verrat wird ihn immer begleiten.“
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Und Nipper Read, der Mann, der sn Knast brachte? „Ich hab keinen Kontakt zu ihm. Warum auch? Dieser Teil meines Lebens ist vorbei. Der Mann machte seinen Job. Und er machte ihn gut. Ich glaube, er ist inzwischen pensioniert. Weiß nicht mal, ob er noch lebt.“

Warum ging es schließlich schief? Sorglosigkeit, Überheblichkeit, Größenwahn, zu große Brutalität? „Von allem etwas. Es war meine Schuld. Ich war wie der Kapitän auf der Brücke. Ich trage die Verantwortung. Ich beklage mich nicht über mein Urteil. Das habe ich nie getan. Ich war der Kapitän, und das Schiff ist abgesoffen. Die anderen sind als Zeugen gegen uns – nicht alle – in die Rettungsboote gegangen. Ich hasse sie nicht dafür.
Ich habe keine Lust mehr, ein Interview abzuziehen. Wir unterhalten uns über das Eastend und seine besondere Schönheit, seine unvergleichliche Atmosphäre. Reggie hat ein Buch über den Eastendslang geschrieben. Als er Ronnie erzälte, er habe ein Exemplar an Ronald Reagen geschickt, fragte Ronnie: „Und wie hat’s ihm gefallen?“ „Ronnie kann sehr komisch sein und merkt es nichtmal.“

Ab drei sieht Reggie immer wieder auf seine goldene Armbanduhr. Schließlich zieht er eine gestreifte Jacke über. „Sie wollen, dass wir das hier tragen. Aber meine Besucher fühlen sich unwohl, wenn ich die Streifenjacke anhabe.“ Wir umarmen uns zum Abschied. „Du kommst wieder.“ Keine Frage.

Ich gehe hinter Rita zum Ausgang. Ich drehe mich nochmal um. Reggie steht da, lacht und winkt. Plötzlich fühle ich mich beschissen. Mir geht auf, dass er seit 1969 im Gefängnis ist. Länger, als jeder Mörder oder Kinderschänder – von korrupten EU-Kommissaren ganz zu schweigen. Ich grinse schief zurück. Warum können wir nicht woanders hingehen und ein paar Biere schlucken? Ich fühle mich wohl in seiner Gesellschaft und möchte mit ihm durch die Eastend-Pubs ziehen. Ich bin durch die Tür. Etwas benommen. Auch ‚ne Art jet-lack.

FORTSETZUNG FOLGT



EASTENDBALLADE – DIE KRAYS 3/ by Martin Compart
22. März 2024, 12:03 pm
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Aber auch die Sonne der Krays begann unmerklich unterzugehen, und dieser Mord sollte ihnen zwei Jahre später zum Verhängnis werden. Ihr Mafia-Freund Angelo Bruno hatte es ihnen gesagt: „Seht zu, dass ihr keinen Schmutz an die Hände kriegt. Lasst die Drecksarbeit andere machen. Ihr seid verrückt, euch selbst die Hände schmutzig zu machen.“ Aber das Eastend ist nicht Philadelphia und die Krays waren keine Mafiosi.

Ein Jahr später ermordete Reggie den Gangster Jack the Hat McVitie in der Evering Road 167 in Stoke Newington.

Scotland Yard hatte inzwischen eine Sonderabteilung „Krays“ gegründet. Sie arbeitete unter strengster Geheimhaltung auf der Südseite der Themse im Tintagel-House am Embankment.

„Nipper“ Read

Ihr Leiter, Inspector Read, ebenfalls ein Ex-Boxer, wusste, dass er die Krays nur kriegen könnte, wenn er den Wall of Silence knackt.
Tatsächlich hatten nach den Morden und der zunehmenden Brutalität der Zwillinge einige Leute aus der Firma die Hosen gestrichen voll. Die Krays waren zwar gut darin, ein Imperium aufzubauen, aber wie so viele Eroberer wenig begabt, ihr Königreich zu erhalten und zu verwalten.

Die Zwillinge benahmen sich wie auf einem Selbstmordtrip, und einige fragten sich, wie lange das noch gutgehen konnte. Gegen die Zusicherung von Straffreiheit und einer neuen Identität zwitscherten sie Read schließlich soviel vor, dass ihm die Ohren anschwollen.

Und dann schlug Read zu und brachte die Zwillinge vor Gericht. Der Prozess begann Neujahr 1969 und wurde mit 39 Verhandlungstagen der längste und teuerste Prozess in der englischen Justizgeschichte. Viele Leute aus dem Klerus, der Politik oder der Finanzwelt, die sich mehr oder weniger mit den Krays eingelassen hatten, zitterten. Würden die Krays sie mit hineinziehen? Aber sie sagten nicht aus. „Die brauchten keine Angst zu haben. Wir sind keine Verräter und singen nicht. Ich bin nicht der Meinung, dass man ein Unrecht durch ein anderes Unrecht wieder gut machen kann“, sagte Reggie.

Judy Garland, die oft in den Klubs der Krays zu Gast gewesen war und ein Auge auf Reggie geworfen hatte, sandte ein Aufmunterungstelegramm.
Die Platzkarten für die Verhandlungen gingen auf dem Schwarzmarkt für fünf Pfund weg.
Prominente, wie Charlton Heston, konnten sich das leisten und verfolgten den Prozess.

Die Zwillinge und ihre Verteidiger sahen sich hilflos einem Angriff ausgesetzt, den sie nicht zurückschlagen konnten: Denunziation. Die Mauer des Schweigens war zusammengebrochen. Ehemalige Freunde und sogar Familienmitglieder sagten gegen sie aus, um ihre eigene Haut zu retten.

Am 8.März verkündete Richter Melford Jones das Urteil: Die Zwillinge bekamen lebenslänglich mit der Auflage, dass sie mindestens dreißig Jahre verbüßen mussten.
Ihr Bruder Charlie kam mit zehn Jahren davon und wurde nach sieben entlassen. In seinem Buch ME AND MY BROTHERS jault er am meisten über sein ungerechtes Urteil. Er betrieb eine Weile einen Klub außerhalb Londons. Er war auch in Peter Medaks nicht so tollen Film involviert, als eine Art Berater für die locations.

„Er versucht so eine Art Playboy zu spielen. Aber er ist ein alter Mann. Wenn man ihn und Reg sieht, kann man nicht glauben, dass sie nur sieben Jahre auseinander sind“, sagte Rita.
Wirklich verziehen hat Charlie, der als armes Justizopfer so ein richtig schönes Rechtfertigungsbuch geschrieben hat, seinen Brüdern die sieben Jahre Knast wohl nie. Das konnte Rita nun gar nicht verstehen: „Er war immer dabei. Er machte den großen Macker in den Klubs. Er musste wissen, was abläuft. Wenn er es nicht gewollt hätte, hätte er jederzeit aussteigen können. Ihm gefiel das Geld auch.“

Die Zwillinge nahmen das Urteil stoisch an. „Nachdem der erste Schock vorbei war, sahen wir nur noch nach vorne. Es macht dich fertig mit dem Schicksal zu hadern.“ Harte Jahre folgten, in denen sich immer wieder verblödete Mitgefangene mit Reggie Kray anlegten, um ihre Härte zu beweisen. Wie man auf der Main Street von Dodge City den schnellsten Schützen herausforderte.

1984 erschienen sie beim Begräbnis ihrer Mutter zum letzten Mal gemeinsam in der Öffentlichkeit. Hunderte Journalisten und Polizisten machten die Beerdigung zum Alptraum. Als ihr Vater starb, gingen sie nicht zur Beisetzung. „Dad hätte diesen Rummel nicht gewollt.“

Ronnie lebte in der Psychatrie von Broadmoor in der Grafschaft Berkshire. Jeden Tag bekam er eine hohe Dosis Stematol und Disipal. Alle zwei Tage eine Injektion Modikat gegen Schizophrenie. Er war relativ stabil, hörte viel Musik und konnte ein relativ freies Leben in Broadmoor führen. Dazu gehörten an die hundert Zigaretten täglich und zu wenig Bewegung. Was zur offiziellen Todesursache durch Herzinfarkt geführt haben soll.

Bruder Reggie hatte es schwerer. Bis 1988 bekam er die höchste Sicherheitsstufe. Kein anderer Gefangener war länger als er in der Sichheitstufe A. Er hat die übelsten Gefängnisse Englands durchlaufen. Ihre lange Haftstrafe ließ ihre Legende wachsen. Der erfolgreichste Film des Jahres 1990 in England war THE KRAYS mit Gary und Martin Kemp in der Rolle der Zwillinge. Der Staat scheint nicht zu verstehen, dass er gegen einen Mythos kämpft, der mit jedem Hafttag Reggies größer wird.

1990: Die Zimmer im New Barbican Hotel sind etwas kleiner als Mick Jaggers Schuhschrank. Was ein relativ modernes Hotel mitten in Finsbury zu suchen hat, versteht keiner. Bis auf einige Bürogebäude, verdreckte und düstere Straßen ist hier, nahe der Grenze zu Shoreditch, nichts. Der Nordosten Londons hinter Old Street ist weder richtig Eastend, noch Westend. Stattdessen, von beidem das langweiligste.

Ein paar hundert Meter weiter, in der festungsartigen Anlage Braithwaite House, wurden die Zwillinge um 6.oo Uhr früh am 9.Mai 1968 von Inspector „Nipper“ Read endgültig hochgenommen. Seitdem atmen sie gesiebt. Zwei Pubs, ein Fish & Ships-Laden und kaum Straßenbeleuchtung machen das Nachtleben wahrlich zum Erlebnis. Es ist das östlichste Hotel, dass einem ein deutsches Reisebüro buchen kann. Das Beste am ganzen Laden ist das exzellente Frühstück. Vielleicht denkt man das auch nur, weil man nach dem halbstündigen Platzanstehen so ausgehungert ist.

Ich bin gerade dran, als ich zur Rezeption gerufen werde. Rita, Reggie Krays Kusine, ist am Telefon. „Ich hole dich in einer Stunde ab. Wir fahren zu Reg.“ Zeit genug, um nochmal anzustehen.

Rita ist eine gutaussehende Blondine, ein bisschen wie Billie Whitelaw in jüngeren Jahren. Sie kennt Reggie solange sie denken kann und ist inzwischen eine Vertraute. Eine zentrale Figur im Krays-Clan, zu dem neben vielen Freunden auch ein inoffiziell adoptierter Sohn gehört. Die hübsche Frau hat die Härte, aber auch den Charme des Eastends. Mindestens alle 14 Tage besucht sie Reg oder Ronnie und kümmert sich um vieles, was nur von außerhalb des Gefängnisses zu regeln ist.
Ihre einzige Bedingung: die Krays müssen sie aus jeder Pressegeschichte raushalten.

Sie organisiert meinen Besuch. Ich hatte lediglich Vornamen und eine Telefonnummer. Ich musste einen Tag im Hotelzimmer rumsitzen – was in London einer verschärften Haftstrafe nahe kommt – und auf den Rückruf warten. Alles hatte etwas von einem konspirativen Treff. Kein Zweifel, die Krays haben ihr Gefühl für Dramatik bewahrt.
Bevor unser Zug nach Brighton geht, trinken wir einen Kaffee in Victoria Station. Es ist eine wirkliche Schande, wie sie die alten Traditionsbahnhöfe zu einer Mischung aus Hallenbad und MacDonalds-Filiale restauriert haben. Sonntags braucht der Zug länger. Wir unterhalten uns über Reggies eventuelle Begnadigung. „Als sie ihn vor zwei Jahren nach Lewes verlegt haben, war das ein gutes Zeichen. Lewes ist eines der angenehmeren Gefängnisse in England. Sie haben Reggie gesagt, er solle keine Wellen machen und sich ruhig verhalten. Aber Reggie lässt sich ja nichts sagen. Erst kam der Film, dann sein neues Buch und jetzt auch noch die Schallplatte, auf der Reggie feixend Geschichten aus der wilden Zeit erzählt. Die Krays sind wieder in aller Munde. Nichts, was sich für eine vorzeitige Freilassung auszahlt.

Rita traut mir noch nicht richtig über den Weg. „Reggie ist so leicht von Leuten auszunutzen.“ Klar, dass beweist seine ganze Biographie. Zwei arme, kleine Eastendzwillinge, die im Schneesturm ihr letztes Hemd an Onkel Dagobert verschenken.

Umsteigen in Brighton. Nochmal eine ätzende halbe Stunde. Der Bahnhof von Lewes liegt am Fuße eines Hügels, um den das Zentrum des Ortes gruppiert ist. Eines dieser netten, kleinen Provinzstädtchen mit einem Charme, wie ihn nur englische Provinzstädtchen haben. Und wie alles in England an einem Sonntag: tot.

Die Krone des Hügels ist eine alte Festung, der Hauptwohnsitz von Reginald Kray. „Die schlimmste Zeit waren die 16 Jahre in Gartree und auf Isle of Whight. Sie haben versucht, ihn zu brechen. Das war das dümmste, was sie tun konnten. Sie gaben ihm etwas, gegen das er kämpfen konnte. Dabei hätten sie ihn leicht fertig machen können: mit Freundlichkeit“, sagt Rita. Ein gutes Wort, und schon schmelzen sie dahin, die schlimmen Zwillinge.

Die Seitentür im schweren Holztor ist noch geschlossen. Einige junge Frauen warten darauf, ihre Burschen zu besuchen. Besuchszeit ist von 13.00 Uhr bis 15.15 Uhr. Jetzt ist es gleich zehn nach Eins. Endlose Minuten, wie sie nur Gefangene und Flüchtlinge kennen.

Zu Reggies prominenteren Besuchern, die gelegentlich vorbeischauen, gehören Patty Kensit, Roger Daltrey, Diana Dors, Rick Wakeman, Cliff Richard und Debbie Harry. Morgen ist Daltreys Manager angesagt. Daltrey will schon einige Zeit einen Kray-Film drehen und besonders erfreulich war Peter Medaks Machwerk wirklich nicht. Reggie hat ihn sich nicht mal angesehen. Alter Mist von Gestern interessiert ihn nicht.
Richard Burton hatte Ronnie besucht zu den Vorbereitungen des Drehs von VILLAIN (DIE ALLES ZUR SAU MACHEN), was Ronnie kommentierter: „Ich bin größer als Richard Burton“,

„Ein Wahnsinn. Manche sitzen nur fünf Monate hier. Reggie sagt ihnen, dass sie sich gar nicht erst hinzusetzen brauchen.“

Joe Pyle kommt. Joe war sogar mal für die BBC tätih, hat Kinderfilme gemacht und arbeitet jetzt in den Pinewood Studios. Kein deutscher Fernsehsender würde es zulassen, dass Joe seine sensiblen Hallen betritt. Joe ist wie aus dem Ei gepellt, und golden glitzert es von Ringen und Kettchen. Er ist um die fünfzig und wirkt wie ein gepflegter Rausschmeißer. Unter seinem Maßanzug spielen harte Muskeln. Kein Knabe, dem man ungestraft das Bier verschüttet. Der richtige Mann für Kinderfilme. Der macht den lieben Kleinen schon klar, wie es im Leben läuft.

Joe macht Konversation mit mir. Er kennt Hamburg und München, fragt mich nach seinen deutschen Kumpels. Ausnahmslos Puff- und Bumsbesitzer von der Reeperbahn und Spielhöllenchefs aus München. Als ich Joe mitteile, dass ich bedauerlicherweise keinen seiner Halbweltfreunde kenne, scheint er nicht sicher, ob ich wirklich aus Deutschland komme (inzwischen ist Joe tot, saß auch im Knast. Nachdem Scotland Yard seine Filmproduktion unter die Lupe genommen hat, musste sie feststellen, dass Joe den Hauptumsatz nicht mit Käptn Blaubär macht, sondern mit weißen Pulver. Eine Zeitlang war Joe der Käptn Koks der Londoner Szene. Seine prunkvolle Beerdigung kann man sich ebenfalls auf YouTube ansehen).

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EASTENDBALLADE – DIE KRAYS 2/ by Martin Compart
5. März 2024, 11:41 am
Filed under: Brit Noir, Die Krays, True Crime, villain | Schlagwörter: , , , ,

Bereits mit 16 hatten die Zwillinge sich ihre erste Handfeuerwaffe besorgt. Jetzt war es für Ronnie zur Manie geworden, Schusswaffen zu kaufen. Castros Männer auf Kuba wären ungefähr zur selben Zeit froh gewesen, wenn sie über eine ähnliche Feuerkraft verfügt hätten.

Aber es gab auch Wermutstropfen: Immer mehr Soldaten aus der Armee des Colonels desertierten. Sie wurden älter und begannen sich plötzlich mehr für Mädchen als für Schlägereien zu interessieren. Der ewige Kreislauf: Mädchen kennenlernen, heiraten, einen festen Job suchen, Wohnung und Kinder. Das Eastend erlebte in den 50er Jahren einen bescheidenen Aufschwung: neue Mietskasernen wurden gebaut, Supermärkte machten an den Ecken auf, Jobs waren zu kriegen, Autos wurden erschwinglicher, und abends konnte man sich zum Beifall der Ehefrau vor dem Fernseher amüsieren, statt mit den tollwütigen Krays einen Pub auseinanderzunehmen. Aber das war selbstverständlich keine Alternative für die Zwillinge. „Frauen sind unsere schlimmsten Feinde. Sie können sich nicht damit begnügen, ihr Heim in Ordnung zu halten. Sie wollen keine echten Männer mehr. Was sie wollen sind Waschlappen.

Ma Kray und ihre Buben.

Die Zeiten der Jugendkrawalle waren endgültig vorbei.

Aus der Krays-Bande sollte die „Firma“ werden. Sie suchten andere Mitstreiter um ihre Träume zu realisieren. Ihr Vorbild Capone hatte Chicago schließlich auch nicht mit Fightern aus der A-Jugend erobert. Ihr freundschaftlicher Kontakt zu einigen Knastbrüdern sorgte für einen guten Ruf bei den Berufsverbrechern. Denn wer aus dem Eastend ins Gefängnis wanderte, konnte darauf bauen, dass sich die Zwillinge um ihn kümmerten und für die Familie sorgten. Wer gerade rauskam, konnte im Regal vorbeischauen. Die Krays hatten immer ein paar Pfund übrig oder sorgten für einen Schlafplatz und ein Ding, in das man einsteigen konnte. Sie waren keine Gangleader mehr, sondern Bosse, die sich um ihre Leute kümmerten.

Reg: „Wenn einer, der auf unserer Liste stand, ins Gefängnis musste, sorgten wir für Frau und Kinder. Und wir machten klar, dass n i e m a n d etwas mit der Frau anfing. Ich ließ den Frauen immer von zwei Männern das Geld bringen. So kontrollierten sie sich gegenseitig, und keiner kam in die Versuchung, etwas mit ihr anzufangen.

Ronnie begann seine Pläne zu entwickeln, seine „Politics of Crime“. 1956 hatte sich ihr Einflussgebiet weit ausgedehnt. Sie hatten mit konkurrierenden Banden gründlich aufgeräumt fuhren nun die Ernte ein. Sie kontrollierten das Eastend bis Hackney, Mile End und Walthamstow. Jeder Dieb, jede Spielhölle, die meisten Pubs und viele Geschäfte zahlten Abgaben an die Zwillinge. Die „Profession of Violence“ lief auf Hochtouren. Unvorstellbare Summen Geld flossen durch ihre Hände.

Eastendsentimentalität und Solidarität mit den Schwächeren sorgten dafür, dass sie es mit vollen Händen rauswarfen. „Wir waren nur eine Durchgangsstation für das Geld. Es kam, erschreckte sich in unseren Taschen, und war auch schon verschwunden“, meinte Reggie. Sie hatten Autos, die beste Kleidung, Schmuck und konnten sich alles leisten. Wenn sie in einem Pub tranken, dann durfte niemand für sich selbst zahlen. Wenn jemand aus der Gegend in finanzielle Schwierigkeiten kam, erfuhren es die Zwillinge und halfen aus. Keine Wohltätigkeitsveranstaltung, ohne dass die Krays eine größere Summe spendeten. Kein Wunder, dass mir ein alter Eastender sagte: „Es war sicherer bei uns, als die Krays noch die Straßen beherrschten. Frauen, Kinder und alte Leute standen unter ihrem Schutz. Sie behandelten jeden mit Respekt. Und sie hatten immer ein offenes Ohr und eine gebende Hand, wenn man Probleme hatte. Gangster? Sie haben nicht halb so viel Blut an ihren Händen, wie die Regierung. Warum soll ich schlecht über sie reden? Zu mir waren sie immer gut.

Ihre wilden Feldzüge verschafften ihnen den Ruf als gefährlichster Mob Londons.

Jack Spot

Sogar die beiden Kingpins Jack Spot und Billy Hill, die die Unterwelt des Westends seit den 40er Jahren beherrscht hatten und sich gerade zerstritten, buhlten um ihre Gunst. Eine gute Gelegenheit, um von den führenden Halunken die Feinheiten des Geschäfts zu lernen. Reg erinnere sich: „Eines Nachts wollte ich mit zwei Freunden ins 21 Rooms im Westend gehen. Damals einer der exklusivsten Clubs, benannt nach den 21 Schlafzimmern des Ladens. Die beiden Türsteher wollten uns nicht reinlassen. Ich schlug den einen nieder und meine Kumpels den anderen. Dann dachte ich: Du bist hier nicht im Eastend. Das könnte eine Anklage wegen Körperverletzung geben. Einer der Türsteher hatte mich sicherlich erkannt. Ich wusste, dass Billy Hill den Club beschützte und fuhr zu ihm. Ich erklärte ihm die Sache. Statt sauer zu sein, grinste er und rief Harry Meadows an. Harry und sein Bruder Bert waren die Besitzer vom 21. Hill sagte: ‚Hier ist Bill. Ich habe gehört, ihr hattet Schwierigkeiten. Keine Sorge, ich kümmere mich darum. Es wird keinen weiteren Ärger geben. Ich erledige das sofort. ’ Dann warf er mir 3oo Pfund zu und sagte: ‚Nimm das Kleingeld, Junge. Es wäre teurer für mich, wenn ich jemanden hingeschickt hätte um ihnen zu zeigen dass sie mich brauchen. ’ Am nächsten Tag ging er zu den Meadows und holte sich fünf Riesen. Er machte den Brüdern klar, dass ihr Laden besonders schutzbedürftig sei. Für mich war Bill immer der professionelle Gangster schlechthin. Ich glaube, in manchen Sachen bin ich ihm nahegekommen. Aber auf anderen Gebieten steht er allein, ein Monument. Es wird nie wieder einen geben wie ihn.

Die Twins mischten sich nicht zu sehr in den Krieg der beiden ehemaligen Freunde. Sie ahnten, dass das Ende des Krieges ein Machtvakuum erzeugen würde, in das sie selbst eindringen könnten. Nur war das Westend etwas anderes. Wie Peru vor Pizarro schien es vor ihnen zu liegen und darauf zu warten, tüchtig abgemolken zu werden. Noch hatten sie nicht begriffen, wie im Westend das Spiel gespielt wird. Und dass sie es nie wirklich begreifen wollten und als Eastender vielleicht auch nicht konnten, brach ihnen am Ende das Genick.

Spot und Hill herrschten über die noch illegalen Spielhöllen und Klubs, durch Diskretion. Keine Schießereien um Marktanteile störten die verbotenen Vergnügungen. Ihre Macht lag in den Schlachten, die sie vermieden. Alle ehrgeizigen Bemühungen Ronnies, eine Allianz mit einer Westendgang herzustellen scheiterten. Der brutale Ruf der Krays sorgte dafür, dass sich das Westend geschlossen gegen sie stellte. Die Stärke des Westmobs war es, Gewalt zu vermeiden. Nur das garantierte ein florierendes Geschäft und Ruhe vor der Polizei. Die besseren Leute aus dem Westend wollten ruhig und diskret ihren Lastern nachgehen können und nicht in Gangsterkriege mit ungehobelten Eastendern verwickelt werden. Spot und Hill mit ihren gepflegten Umgangsformen wussten, dass Gewalttätigkeiten nicht in die Klubszene des Adels und der reichen Möchtegerne gehörten. Das machte sie respektabel und sorgte für ein gutes Verhältnis zur Polizei. Denn jede Polizei weiß, dass die Kriminalität unausrottbar ist. Solange aber der einfache Bürger nicht offen mit ihr konfrontiert wird und clevere Bosse für Ruhe und Ordnung sorgen, ist friedliche Koexistenz möglich. Für die Krays und ihren pathologischen Bullenhass war eine friedliche Allianz mit der Polizei unvorstellbar. Eintritt verboten, vorläufig.

Während Ronnie fröhlich pfeifend seine Kugeln zu Dum-Dum-Geschossen ritzte, lernte Reggie, wie ein echter Geschäftsmann zu denken.

Crime, London, England, Circa 1960’s, The Kray Twins, Reg (left) and Ronnie Kray smoking a cigarette and drinking tea (Photo by Popperfoto via Getty Images/Getty Images)

Das wiederum scherte Ronnie einen Dreck. Er wollt Action: General Gordon vernichtet die Taiping. Damals zeichnete sich ab, was der englische Schriftsteller Robin Cook alias Derek Raymond, der einige Zeit selbst indirekt für die Krays gearbeitet hat, lakonisch auf den Punkt bringt: „Das Problem war, dass Reggie mit Ronnie nicht fertig wurde.“ Nachdem Ronnie jemanden, der sich „liberties“ – ein Schlüsselwort für die Krays – erlaubt hatte, ins Bein schoss, ohne dass das irgendwelche Folgen mit sich brachte, galten die Krays im Eastend als für die Polizei unberührbar.

Aber schließlich erwischten sie ihn doch. Wegen schwerer Körperverletzung wurde er Ende 56 zu drei Jahren verurteilt. Ronnie hatte damit keine Probleme. Er war der König des Knasts. Sein Bruder versorgte ihn ordentlich mit Tabak und Kaffee, die internationale Knastwährung.

Währenddessen legte Geschäftsmann Reggie weitere Grundsteine fürs Krays-Imperium. Er eröffnete nacheinander zwei erfolgreiche Klubs, den Double R-Club in der Bow Road und das Kentucky auf Mile End Road. Der Double-R-Club war der einzige Saloon im Eastend, in den Männer auch ihre Frauen mitbringen konnten, ohne dass sie angepöbelt wurden.
Reggie sorgte schon dafür, dass es in seinem Laden gesittet zuging.

Als sie Ronnie während seines letzten Knastjahrs nach Camp Hill auf die Isle of Wight verlegt wurde, brach seine Krankheit durch. Nie wieder würde er wie vorher sein. Paranoide Schizophrenie. Er begann Wahnvorstellungen zu bekommen und hielt seinen Bruder für einen russischen Spion, der sich als Reggie Kray ausgab.
Rita, eine Cousine der Zwillinge, meinte zu mir, Schuld waren die Elektroschocks, die man ihm verpasste.

Reggie holte ihn raus.
Sie tauschten im Besucherzimmer ihre Mäntel, und Ronnie spazierte einfach in die Freiheit. Als die Wärter merkten was los war, sagte Reggie lakonisch: „Es ist eure Sache auf ihn aufzupassen, nicht meine.

In den nächsten Jahren hatten sie immer mal wieder Ärger mit dem Gesetz, sackten aber nur kurze Haftstrafen oder Freisprüche ein. Ronnie mutierte auch äußerlich, wurde immer breiter, und die Ähnlichkeit der Zwillinge schwand. Sein Geisteszustand wurde bedenklicher. Nur Stematol und Alkohol hielten ihn einigermaßen im Gleichgewicht. Aber er rastete auch oft genug aus, und dann floss Blut.

Inzwischen kontrollierten sie auch Klubs im Westend. Sie hatten einen Nachteil zum Vorteil umgemünzt: Der schreckliche, aber auch großzügige Ronnie begann die bessere Gesellschaft zu faszinieren. Showstars, wie George Raft, Lita Roza, Diana Dors oder Judy Garland ließen sich gern mit ihnen fotografieren.

Manchmal musste Ronnie untertauchen. Dann saß er in einem völlig verdunkelten Appartement. Während er zwischen den Vorhängen aus dem Fenster nach der Polizei späte, hatte er eine Pistole in der Faust und hörte unentwegt seine Lieblingsschallplatten: die Durchhaltereden von Churchill. Wenn gar nichts mehr half, bestellte er seinen Psychiater zum Trafalger Square. Er ließ sich mit einer Sonnenbrille auf der Nase in einer dunklen Limousine hinfahren. Der Arzt stieg zu, hörte sich Ronnies Fantasien an und schrieb Rezepte aus.

Das Westend erwies sich als Goldgrube.
Die Legalisierung des Glücksspiels Anfang der 60er Jahre kam ihnen zugute: Sie beherrschten die Orte, die seit Jahren Reputation bei den Spielern genossen. Ronnie war das alles zu langweilig. Immer wieder zettelte er Schlachten an oder warf das eingenommene Geld mit vollen Händen raus.

Irgendwann fuhren sie gar nach Nigeria, um sich an einem abenteuerlichen Projekt zu beteiligen: Mitten im Dschungel sollte eine moderne Stadt aus dem Boden gestampft werden. Ronnie interessierte sich mehr für die Geheimgesellschaft der Leopardenmenschen und als der Minister fragte, was er Ronnie in Nigeria sonst noch zeigen solle, wollte dieser den Knast sehen. Der war gar nicht nach seinem Geschmack. Das Afrika-Abenteuer wurde zu einem finanziellen Fiasko. Trotzdem träumte Ronnie immer mal wieder davon, in Afrika auf Schatzsuche zu gehen oder mit einem Söldnerheer einen mittleren Staat zu erobern.

Reggie hatte inzwischen geheiratet.

Der Ehe war kein Glück beschieden. Die elf Jahre jüngere Frances Shea war eine mental instabile wohlbehütete Tochter. Reggie machte sie zu seiner Eastendprinzessin. Reibereien mit ihren Eltern und der ewige Störfaktor Ronnie sorgten schließlich dafür, dass Frances nicht mehr mit Reggie zusammenlebte. Er besuchte sie aber täglich und versuchte sie zurückzugewinnen.
Ein Eastender meinte, Frances sei verrückt gewesen.
1967 brachte sie sich nach zwei erfolglosen Versuchen mit Schlaftabletten um. In Reggie zerbrach etwas. Er begann hart zu trinken und hatte nicht mehr die Kraft, Ronnie etwas entgegenzusetzen. Kein Interesse mehr, ein angesehener Geschäftsmann zu werden. Ronnie wollte das sowieso nie. Sein erklärtes Berufsziel war schon immer Gangster.
Jetzt wurde er noch dominanter und intensivierte die Kontakte mit der amerikanischen Mafia. Gegnerische Gangs waren ausgeschaltet, und alles schien bestens zu laufen.

Aber in Südlondon tauchte eine neue Bedrohung auf: die Richardson-Gang, benannt nach zwei Brüdern, die ihre Zentrale auf einem Schrottplatz hatten.
Zu ihnen gesellte sich auch der Eastender Myers, der sich jetzt George Cornell nannte. „Abschaum“, wie Ronnie bemerkte, „ihm machte es Freude, Menschen zu quälen.“

Gegen die Richardson-Gang wirkten die Krays wie Waisenknaben, behaupteten sie jedenfalls. „Wenn wir jemanden einschüchtern wollten oder eine Rechnung zu begleichen hatten, schlugen wir ihn zusammen oder schossen ihm ins Bein. Die Richardson folterten. Ihr verdammter Schrottplatz war eine Folterkammer und Cornell ihr oberster Folterknecht.“

Die Richardsons


Erst versuchte man sich gütlich zu einigen: Keine der beiden Gangs sollte die Themse zur anderen Seite überschreiten.

Die Krays konnten keinen Ärger gebrauchen. Sie kamen gerade mit der amerikanischen Mafia richtig ins Geschäft, und die würde einen Gangsterkrieg gar nicht zu schätzen wissen. Aber die Richardsons gaben keine Ruhe.

George Cornell vorher…


Cornell, der von Ronnie mal einen Korb bekommen hatte als er ins Pornogeschäft einstieg, stachelte sie immer wieder auf. Die Zwillinge hatten ihre Spione überall, auch in Südlondon. Sie bereiteten sich auf einen unvermeidbaren Krieg vor. Ronnie putzte seine neuen Maschinenpistolen und war bester Laune.

„Sie hatten sich von unten hochgearbeitet. Und wer einmal oben sitzt, der lässt sich die Zügel nicht mehr aus der Hand reißen. Man überrollt den Feind, man zermalmt ihn unter den Rädern“, wie es bei William Kennedy heißt.

Nach einigen kleineren Plänkeleien, schickten die Richardsons ein Rollkommando:
Am 8. März 1966 stürmte die Gang Mr.Smith’s Club an der London-Eastbourne Road in Catford. Sie waren der Fehlinformation aufgesessen, dass die Krays und ihre Firma dort wären. Aber nur lokale Gangster und ein einziges Firmenmitglied, Richard Hart, labten sich an Getränken oder zockten bei Mr.Smith.
Zur Überraschung der Richardsons ballerten die einheimischen Gangster respektlos zurück. Eine echte Filmschießerei, in der sich die Combatanten hinter Black-Jack-Tischen verbarrikadierten.

Als die Polizei eintraf, waren Eddie Richardson und sein Hitman Frankie Fraser schwer verwundet. Die Polizei steckte die ganze Gang in den Knast, bis auf George Cornell, der rechtzeitig entwischen konnte. „Die Natter kroch unbemerkt durchs Gras vondannen“, wie es Ronnie sah.
Ein Toter blieb zurück: Richard Hart, Firmenangehöriger. Jetzt hätten die Krays es wirklich in der Hand gehabt: Ihre schlimmsten Rivalen hatten sich selbst schachmatt gesetzt, und sie hätten lässig ihr Königreich bis Brixton ausdehnen können.

Stattdessen tobte Ronnie vor Wut: Einer seiner Leute war umgelegt worden. Das konnte er nicht hinnehmen. Außerdem hatte Cornell ihn öffentlich eine „fette Tunte“ genannt. Dumm wie Cornell wohl war, setzte er sich am nächsten Tag mitten im Herzen von Krays-County in den Blind Beggar. Ronnie hörte es, ließ sich hinfahren, ging durch den ganzen Pub auf Cornell zu und schoß ihm mit seiner 9mm Mauser zu den Juke-Box-Klängen von THE SUN AIN’T GONNA SHINE ANY MORE der Walker Brothers in den Kopf.


..und nach dem Besuch des Blind Beggar.

P.S.: George Cornell’s son breaks 50-year silence: „I hate the Krays but people who hero worship them are worse“https://www.mirror.co.uk/news/uk-news/george-cornells-son-breaks-50-7571399

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Eastendballade – Die Krays 1/ by Martin Compart
1. März 2024, 2:32 pm
Filed under: Brit Noir, Die Krays, GANGS OF LONDON, True Crime | Schlagwörter: , , , ,

Wer in Londons Eastend geht, kommt nicht an ihnen vorbei. Ihr Mythos lebt fort, hat eine ganze Memorabila-Industrie geschaffen. Ihre Geschichte gehört zur britischen Folklore, der immer neue Fernseh- und Kino-Filme und Bücher gewidmet werden: die furchtbaren Zwillinge, die bekanntesten Gangster Britanniens, die Krays.

Sie waren die Könige der Unterwelt, wurden gefeiert wie Pop- Stars – und saßen für einen nachgewiesenen Mord länger im Gefängnis als jeder andere Täter im Königreich: Ronnie, der 1995 starb 27 Jahre, Reggie 31 Jahre. Reggie starb 2000 immerhin kurzfristig in Freiheit. Sechs Wochen nachdem man ihn wegen seiner Krebserkrankung rausgelassen hatte.
Ronnie hatte die größte Beerdigung auf der Insel seit der Grabtragung von Winston Churchill.

1995: Das gesamte Londoner Eastend war auf den Beinen, als Ende 1995 Ronnie Kray zur letzten Ruhe getragen wurde. Dem Gangsterkönig wurde eine letzte Ehre zu teil, wie sie sonst nur Königen, Staatsmännern oder Pop-Stars erfahren. Tatsächlich waren und sind die Krays-Zwillinge soetwas wie Pop-Stars.

Über Reggie Kray etwa dichtete Morrissey den Pop-Song „Last of the Famous Playboys“; die Bücher über die Könige der Londoner Unterwelt sind nicht mehr zu zählen und 1990 spielten Spandau Ballets Martin und Gary Kemp in dem Kinofilm DIE KRAYS die Zwillinge. Die Krays sind ein moderner Mythos, die 20th Century Robin Hoods, der nach wie vor die Engländer beschäftigt. Besonders die Londoner, die im Ostteil, dem legendären Eastend, wohnen.

Eine gläserne viktorianische Kutsche mit sechs Rappen vorgespannt donnert die Straße hinunter, die von tausenden von Eastendern gesäumt ist. Dahinter 46 schwarze Limousinen; von St.Matthew’s Church in Bethnal Green zum Friedhof von Chingford.

Die letzte Fahrt des Colonels.

Über 50 000 Leute am Wegesrand, erfahre ich später. Ich höre, wie zwei ziemlich harte Burschen neben mir über Joe Pyle reden.
Ich wende mich ihnen schüchtern zu und frage nach Joe. Misstrauen. Knapp rechtfertige ich mich mit meiner deutschen Herkunft und das ich Joe bei Reggie kennengelernt habe. Das Misstrauen verwandelt sich in Herzlichkeit.
Erstmal werde ich zu eine der zahlreichen Leichenfeiern eingeladen, die sich heute und morgen wie eine Brandrodung von Whitechapel bis Stoke Newington fressen.

Die größte Feier seit dem Ende des 2.Weltkriegs.

Leider ohne Joe. Joe ist im Knast. Hatte seine Hände bis zu den Achselhöhlen im Schnee. Wahrscheinlich wird Reggie vor ihm raus sein. Falls sie Reggie überhaupt jemals rauslassen.
Die beiden tough guys heißen Ducky und Roger und nehmen mich begeistert unter ihre Fittiche. Ducky betreibt – das kommt so nach und nach raus – ein Underground-Kaufhaus; Roger macht „so dies und das. Was gerade anfällt“. Natürlich kannten sie den Colonel. Sind aber zu jung um ihn bewusst in Freiheit bei der Arbeit erlebt zu haben. Und irgendwelche Geschäfte, die mit Reggie zusammenhängen, betreiben sie auch.
Aber dies ist nicht der Tag um über Geschäfte zu reden. Es ist der Tag, um die letzte Reise des Colonels mit Sturzbächen von Bitter und irischen Whisky zu feiern. Ein Tag, der in die Annalen des Eastends eingehen wird als der Tag, an dem mehr Alkohol umgesetzt wurde als 1966 nach dem World Cup.

1990: Hinter der City beginnt Eastend. Dort wird das bekannte Klischeelondon zu einer anderen Welt. Wie Flüsse durch den Dschungel ziehen sich die breiten Straßen, die Commercial Road, die Whitechapel Road oder Mile End Road. Auf ihnen kann der Westender in seiner Limousine hastig das Gebiet feindlicher Stämme durchqueren. Hinter den breiten Straßen, an denen man Pubs und Kramläden findet, die eigentlich unter Denkmalschutz stehen müssten, öffnet sich ein Labyrinth schmaler Gassen voller unbequemer Wohnhäuser, Eckläden, kleine Märkte, Eisenbahnbrücken, Abbruchhäusern.

An manchen Ecken sieht es so aus, als würde die Nachkriegszeit nie enden. Man braucht schon einen Spezialstadtplan (oder LONDON AZ in der dicken Ausgabe), um Bethnal Green, Whitechapel, Stepney oder Poplar verzeichnet zu finden. Die Arroganz der Westender lässt London fast auf jeder Karte hinter Liverpool Street Station enden.

Ein buntes Rassengemisch schiebt sich durch die nicht nur trostlosen Gassen. Das war schon immer so: Das Eastend gehört den armen Einwanderern seit Jahrhunderten. Dickens und Marx trieben sich in diesen Straßen herum und fanden genug Stoff, um an einer gottgewollten Ordnung zu zweifeln. Es ist ein mythischer Ort: In den dunklen Gassen von Whitechapel hatte Jack the Ripper seine Opfer gesucht. Und wenn man nach Limehouse geht, hält man unwillkürlich nach chinesischen Opiumhöhlen Ausschau und würde sich nicht wundern, wenn zwischen den maroden Lagerhäusern plötzlich Dr.Fu-Manchu mit seinen Halsabschneidern auftauchte.

Hier trieb sich 1902 auch Jack London herum. Der nietzscheanische Sozialist lebte in bester Walraff-Manier mit den Ärmsten der Armen, um seine aufrüttelnde Sozialreportage PEOPLE OF THE ABYSS (MENSCHEN AM ABGRUND) zu schreiben.

Das Eastend ist eine Welt für sich, eine Welt, die viele Londoner aus dem Westend ihr Leben lang nicht betreten. Inmitten von Straßenzügen alter Arbeiterhäuser erhebt sich manchmal völlig unmotiviert ein 70er Jahre Hochhaus und man weiß nicht, was übler ist: die kleinen abgewrackten Klinkerhäuser, in denen es der Hausschwamm zur Ehrenmitgliedschaft der Apothekerkammer gebracht hat, oder die dünnwandigen Menschensilos, die zu Kopfsprüngen aus dem zehnten Stockwerk einladen.

Bei Sonnenwetter kann man es hier gerade noch aushalten. Aber wenn sich im November schwere, schwarze Gewitterwolken tiefhängend von der Themse langsam nordwärts schieben und Mile End Road in ein fast strahlend violettes Licht getaucht ist, gibt es wenig faszinierendere Flecken auf diesem Planeten. Falls man nicht Golf GTi-Fahrer oder Tennisspieler ist und Boss-Anzüge für den Sinn der Zivilisation hält.

Im Eastend hielt und hält man nicht viel von staatlicher Autorität. Mit dem Staat hat man hier nichts am Hut. Denn keinem Eastender hat er je was Gutes getan. Hier herrschen eigene Gesetze, wie in einem kleinen, unbesetzten Dorf in Gallien. Wenn es Ärger gibt – und den gab und gibt es oft – ruft man nicht nach dem Copper. Das regelt man unter sich.

Tatsächlich sehen die Polizeistationen, etwa Bow Police Station, wie verbarrikadierte Steinforts aus. Allerdings sucht man vergeblich an diesen klirrend stillen Trutzburgen nach der Zugbrücke. Bobbys sieht man so gut wie nie die Straße entlang schlendern. Sie wären eine Provokation. Und rauszukriegen ist für die Bullen sowieso nichts; da können sie so viele Fahndungsplakate an ihre eisernen Revierzäune hängen, wie sie wollen. Es gibt ihn noch immer, den Wall of Silence.

Während des 2.Weltkriegs war hier ein Hort der Fahnenflüchtigen und Deserteure. Zur Armee ging nur derjenige, der als Boxchamp schneller vorankommen wollte. Nachbarschaftshilfe hieß das soziale Netz, und Flüchtigen Unterschlupf zu gewähren, war Ehrensache. Mile End und das Elternhaus der Krays hatten denselben Spitznamen: Deserters end. Es gab mehr Deserteure als Toiletten mit Wasserspülung. Nirgendwo in England war und ist die Arbeitslosigkeit höher, die Löhne niedriger und die Verachtung für die Regierung, jeder Regierung, stärker.

Die Männer, wenn sie nicht gerade einem unwürdigen Job nachlaufen, sich prügeln, Kinder machen oder krummen Geschäften und kleinsten Versicherungsgaunereien nachgehen, hängen in den Pubs, Wettbuden oder den Social Clubs rum. Es sind die starken Frauen, die seit Äonen im Eastend das Überleben organisieren, die Brut voller Liebe hochziehen und gelegentlich ein blaues Auge kassieren, wenn der Alte besoffen heimkommt und aus der Zuckerdose das restliche Haushaltsgeld rausholt. Hier lebt man mit dem Rücken an der Wand, und ein Wettgewinn wird nie mehr sein als ein paar Tage Freidrinks für die Kumpel im Pub.

Wenn man den Sensationsjournalisten und den bigotten Moralverwaltern des britischen Bürgertums Glauben schenken will, dann tat sich am 24. Oktober 1933 der Schlund der Hölle auf und spuckte eine Teufelsbrut aus. Reggie und Ronnie Kray waren im Diesseits angekommen, um jeden anständigen Sun-Leser mit wohligen Schauern zu versorgen.

Ihre Kindheit verbrachten sie in der Vallance Road 178, direkt neben den Bahngleisen. Wirtschaftlich ging es der Familie miserabel. Während des 2.Weltkrieges begann für ihren Vater, einem kleinen Geschäftemacher, eine zwölfjährige Odyssee als Deserteur. Aber man hielt ja zusammen. Und nicht nur Tante Rose, die ein Haus weiter lebte, sorgte dafür, dass man Charles Kray nicht erwischte. “Mein alter Herr war der Meinung, dass er lieber seine Familie durchfüttern wollte, als für die Regierung Krieg zu spielen“, verteidigt ihn Reg heute.

Immer wieder durchstöberte die Polizei Haus und Viertel auf der Suche nach Deserteuren. Die Zwillinge entwickelten früh. Hass auf die Staatsgewalt und eine ungewöhnlich starke Mutterbindung. Mit dem ständig abwesenden Vater und dem älteren Bruder Charly, dem sie sich auf Grund ihrer eigenen telepathischen Kommunikationsfähigkeit schon früh überlegen fühlten, erlebten sie eine von starken Frauen dominierte Kindheit.

Sie liebten ihre Mutter abgöttisch. Bei Tante Rose war Klein-Ronnie dem Bruder eine Sympathielänge voraus. Eines Tages sagte sie ihm unter Tränen: “Weißt du, was deine zusammengewachsenen Augenbrauen bedeuten? Dass du hängen wirst.“

Bruder Charly brachte sie zum Boxen. Beide hatten Talent, und Reggie sagte man eine große Zukunft voraus. Er war dann auch kurze Zeit Berufsboxer und verließ den Ring unbesiegt, um künftig lohnendere Aufgaben in Angriff zu nehmen. Sie wuchsen in den Straßengangs des Eastends heran, machten sich als harte Burschen schnell einen Namen. Es gehört zu jeder guten Slumsozialisation, dass sich Straßenbanden gegenseitig die Schädel einschlagen.

Was sie von den anderen Rabauken unterschied, war ihr blindes Verständnis füreinander und ihre völlige Skrupellosigkeit bei den Bandenkriegen. Sie führten die Jugendgangs an, man hatte Angst vor ihnen. Sie kämpften brutaler als alle anderen. Wenn einer am Boden lag, dann traten sie nochmal rein, und Furcht kannten sie nicht. Weder vor anderen Gangs, noch vor der Polizei. Geprägt vom Eastend, lehnten sie den Militärdienst natürlich ab und flüchteten mehrmals aus dem Militärgefängnis, bevor sie nach einer Haftstrafe aus der Armee geschmissen wurden.

Eine Weile trieben sie sich im Westend herum. Im 2.Stock eines großen Hotels hinter Piccadilly Circus schlugen sie sich die Nächte um die Ohren, still und lächelnd in einer Ecke sitzend. Hier verkehrten die Berufsverbrecher des Westends. Keine naiven Straßenschläger, sondern professionelle Diebe, Zuhälter, Ein- und Knochenbrecher. Die Zwillinge hörten zu und lernten. Wissbegierige junge Leute auf der Abendschule der Unterwelt.

Sie warteten auf ihre Chance, und ihre Chance kam natürlich.

1954 entdeckten sie eine Billardhalle an der Ecke Eric Street, Mile End Road, das Regal. Ein ehemaliges Kino, dass in den 30er Jahren, während eines Snooker-Booms zu einer Halle mit 14 Tischen umgebaut worden war. Das „Regal“ war ganz klar auf dem Weg nach unten (heute ist es ein mit starken Gittern gesichertes Fernsehgeschäft, bei dem man den Verdacht nicht loswird, dass einem der grinsende Pakistani hinterm Tresen auch noch andere Handfeuerwaffen als Fernbedienungen besorgen kann).

Kleinere Banden trafen sich hier, prügelten sich über die mit Zigarettenlöchern übersäten Tische und erpressten Schutzgeld vom Manager, der bei den Versicherungen längst nur noch Spott und Hohn ausgezahlt bekam. Die Krays boten dem Schwergeprüften fünf Pfund wöchentlich, wenn er ihnen den Laden überließ. Der Ärger hörte schlagartig auf. Ronnie: „Man hat behauptet, wir hätten den Ärger selbst inszeniert, um das Regal übernehmen zu können. Quatsch. Da war schon der Teufel los, als wir noch keinen Blick darauf geworfen hatten.

Zu ihrem großen Vergnügen versuchten Malteser Racketeers Schutzgeld von ihnen zu erpressen. Ronnie holte ein gewaltiges Entermesser hinterm Tresen hervor und ging auf die Malteser los, die fluchtartig zu ihrem Auto hetzten. Bevor sie im Wagen entkommen konnten, hatte Ronnie ihnen ein Ohr abgeschnitten und Scheinwerfer, Kotflügel und Heckscheiben zerhackt. Er war immer bereit, etwas für seinen Ruf zu tun.
Spätestens jetzt ging ihnen auf, dass man nicht nur Bier, sondern auch Schutz verkaufen konnte. Das Regal wurde schnell zum Treff der wilden Adoleszenzstämme und von Kleinkriminellen, die sich der Autorität der Krays unterwarfen. Ronnie, der seine Homosexualität offen zeigte, mochte es, im Kreise junger Männer zu sitzen und zu trinken. Die Atmosphäre der in schummriges Licht getauchten Billardhalle erinnerte ihn an seine geliebten Gangsterfilme. Manchmal verteilte er Zigaretten und forderte: „Los, raucht. Es ist nicht genug Qualm im Saal.

Das Regal wurde zu einem wohlerzogenen Ort, an dem kleine Gauner Geschäfte ausmachen konnten oder die Sore den Zwillingen zum Verkauf anboten. Ärger gab es kaum. Wer wollte sich schon mit den kommenden Leuten anlegen? Sehr zum Verdruss von Ronnie, der sich zu langweilen begann und von großen Schlachten träumte. Wenn es ihm gar zu öde wurde, was mindestens einmal pro Woche der Fall war, sammelte er die jugendlichen Schläger um sich, und dann zogen sie in einen Pub. Natürlich nur in Pubs, wo sie garantiert mit anderen Banden aus Heckney oder Poplar aneinandergeraten konnten.

Noch bei meinem Besuch erinnerte sich Reg verklärt: „Es war eine wundervolle und wilde Zeit. Aber wir waren keine Gangster, wir waren nicht schlimmer als Teddy Boys.“

Ronnie verehrte Leute wie Lawrence von Arabien, Churchill oder Gordon of Khartoum. Er entwickelte militärischen Ehrgeiz und plante mit Talent strategisch ausgefuchste Straßenschlachten. Hinterhalte auszuhecken, wurde zur Leidenschaft, und er führte seine Gang wie ein General. Als einer seiner Leute zu ihm sagte, du benimmst dich wie ein verdammter Colonel, gefiel ihm das so gut, dass der Spitzname bis heute an ihm hängengeblieben ist.

FORTSETZUNG FOLGT

Gemälde von Karen Humpage: Krays 1966.




GANGS OF LONDON – Es gibt ein Sterben nach den Krays oder Tod den Investoren (JETZT DIE 3.STAFFEL AUF WOW) by Martin Compart

London 2020.

Lange vorbei sind die Zeiten liebgewonnener Folklore, in der die Kray-Twins die Unterwelt beherrschten. Auch die Yardie-Romantik gehört weitgehend der Vergangenheit an. Ja, es gibt ein Leben nach den Krays, deren Eastend-Mythos den britischen Gangsterfilm bis heute beeinflusst. Heute ist London einer der größten moralischen Slums der Welt, in dem sie Evil-Twins kaum noch eine Chance hätten.

Aber nun werden neue Töne angeschlagen.

Das wird einem innerhalb der ersten drei Minuten der Eröffnungsszene klar, die an Brutalität in filmischer Eleganz alles übertrifft, was man bisher auf dem Bildschirm gesehen hat.

Die TV-Serie GANGS OF LONDON zeigt ein aktuelles, sicherlich überzeichnetes, Bild, wie Organisierte Kriminalität in der Finanzmetropole heute abläuft: Alle ethnischen Gruppen, von Albanern über Asiaten bis hin zu den Iren, haben sich in einem Aufsichtsrat zusammengeschlossen und die Märkte aufgeteilt. Hinter ihnen stehen Investoren (die in der Serie erstmal im Dunkel bleiben), die renditiert werden. Denn die City – immer auf der Suche nach lukrativen Anlagemöglichkeiten – schätzt das steuerfreie Geschäft mit Rauschgift, Mord, Prostitution und anderen illegalen Spezialgebieten. Hier sind die Kursgewinne gigantisch, hier tobt der Feudal-Kapitalismus ungehemmt auf höchstem Niveau.

Der Wahnsinn wirkt authentisch. Die Krays kennt hier niemand mehr.

Stattdessen romantisiert man den Zusammenschluss unterdrückter Ethnien zum ökonomischen Vorteilsstreben. Die Allianz zwischen dem irischen Kingpin und seinem schwarzen Adlatus resultiert aus Diskriminierungszeiten der 1970er: „No Blacks, No Irish. Illegitimate bastard children of the great British Empire. A city of closed doors brought us together.

Der Finanzmakler, eine Art irischer Mayer-Lansky, der dieses Profitmodell entwickelt hatte und anführt, wird in der Pilotfolge umgebracht, und sein nachfolgender Sohn löst durch eine falsche Marktstrategie („Alle Geschäfte stehen still, bis ich den Mörder meines Vaters habe.“) gewalttätige Tumulte aus, die an die Substanz der Unternehmen gehen.
Gespielt wird der Tycoon von Colm Meaney, Hackfresse und Legende des britischen Gangsterfilms.

Über den Bildschirm laufen nun gnadenlos choreographierte Brutalitäten, wie man sie zuvor noch nie gesehen hat. Dagegen wirken die meisten Martial-Arts-Filme wie Vorabend-Serien.

Heike Hupertz beschreibt das im F.A.Z.-Net vortrefflich: „…stimmig choreographierte Folge von Kampfszenen, die den Betrachter visuell überwältigen und unter Dauerspannung halten. Superbrutal, extraordinär, meisterlich geschnitten, auf präzise Weise gespielt, stimmen hier die Details, die Augenblicke, die Zeitlupen, die Zooms, die dramatischen Verzögerungen, jeder berserkerhaft gefilmte Kontrollverlust. Der Waliser Gareth Evans, zusammen mit dem Kamermann Matt Flannery Verantwortlicher der neunteiligen Actionserie Gangs of London, führt lediglich in der Pilotfolge und in der fünften Folge selbst Regie. Regie, die Maßstäbe für das Genre Untergrundkrieg der organisierten Kriminalität setzt.“
Sie weist auch zu Recht darauf hin, dass die Serie ebenfalls als Charakter-Drama funktioniert. Tatsächlich wirken die Gewaltorgien nie anorganisch in dieser komplexen Erzählung, die durch die ungewöhnlichen Charaktere und ihrer Gier nach Rache oder neoliberalem Wirtschaftsstreben vorangetrieben wird.

Schon jetzt ist klar, dass GANGS OF LONDON neue Maßstäbe setzt. Ästhetisch vergleichbar innovativ wie MIAMI VICE in den 1980er Jahren. Für das Genre des britischen Gangsterfilms ein stilistischer Quantensprung, der selbst die Aficionados schockiert und verwirrt. Um die dysfunktionale Zivilisation vorzuführen findet GANGS OF LONDON bisher nie gesehene Bilder und Szenen neben den genrespezifischen Topoi.

Der ehemals gefeierte „Erneuerer“ Guy Ritchie wirkte mit seinen Werken schon immer gestriger als VILLAIN, SEXY BEAST oder GET CARTER (deren Klassiker-Status nie zur Disposition steht).

Bereits mit dem Pilot-Film hat GANGS OF LONDON seine eigene Mythologie geschaffen und inszeniert. Wie bei VILLAIN und im Gegensatz zu Ritchie dient die erschreckende Brutalität nie dazu, pickeligen Popcornfressern ein debiles Lachen zu entlocken. Evans und Flannery meinen es ernst und mildern nichts durch ironische Seitenblicke. Schönes, heroisches Sterben, wie in französischen Gangsterfilmen (vor allem mit Alain Delon), gab und gibt es nicht im britischen Pendant.

Zwischen deutschen Produktionen und den besten internationalen liegen inzwischen Lichtjahre.
Das ist auch Jan Freitag aufgefallen; er schreibt im „Tagesspiegel“:
„Anders als deutsche Produktionen. Diese Wortkargheit ist es auch, mit der sich „Gangs of London“ von deutscher Redundanz distanziert. Eine Szene wie jene, als Sean 30 endlose Sekunden lang schweigend am offenen Sarg seines Vaters steht und Mutter Marian mit den Augen allein offenbart, wie abgrundtief sein Hass ist, wie übermächtig sein Ehrgeiz, scheint in deutscher Produktion schlicht undenkbar.“

Höhnisch meinte „The Indipendent“, dem die Serie weniger gut gefiel: „Evans’ series is an unholy combination of The Raid and EastEnders.“
Wie so viele Gangstergeschichten ist auch GANGS neben anderem eine Familien-Saga. Und anders als bei den Waltons oder Cartwrights hat hier jedes Familienmitglied etwas zu verbergen.

Gangsterepen sind inzwischen zu Symbolen des Kapitalismus geworden. Zeigen sie doch wunderbar in der beginnenden Endzeit der Klimakatastrophe, dass diese Form des Wirtschaftens auf denselben Vernichtungsstrategien eines Dschingis Khans beruht, nur effektiver dank technologischer Fortschritte. Mit Zivilisation hat das so viel zu tun wie das Morden und Plündern barbarischer Horden.

Man könnte über gelegentliche Klischees und Unstimmigkeiten der Serie mäkeln: Eine Gang-Organisation handelt gar mit Silikon-Puppen. Aber ich schließe mich da gerne GQ an: „sex dolls (we’re not sure why, given these are legal and easily available on the internet, but OK)“. Aber es sagt auch etwas über Klischeebruch aus, wenn ausgerechnet der mörderische Boss der Albaner-Gang wie der nette Nachbar rüberkommt.

Entwickelt wurde die Serie für Pulse-Films von dem preisgekrönten Filmemacher Gareth Evans (The Raid: Redemption) und seinem kreativen Partner Matt Flannery (Kamera). Beide arbeiteten schon für indonesische Martial-Arts-Filme. Evans nennt sein ästhetisches Konzept für London „Gothamized“.

Und „Empire“ erkennt: „Where Gangs Of London makes its biggest mark, however, is in an area that will surprise nobody who’s seen The Raid or its sequel. Having made their name in the Indonesian film industry, Evans and Flannery now import their own brand of hyper-kinetic, unflinchingly ferocious screen violence to the streets of our capital, with each episode featuring at least one virtuoso action sequence (even after Evans hands the directing reins to Corin Hardy, who in the fourth episode shows he’s as adept at action as he is horror).“

In England gab es wegen der Gewaltdarstellung viel Protest. Das hinderte aber nicht daran, dass die durchschnittlichen Zuschauerzahlen auf fast 1, 5 Millionen stiegen und die downloads im Mai 16,6 Millionen erreichten. Sie ist nach GAME OF THRONES die zweiterfolgreichste Serie von Sky Channel – und das „Okay“ zu einer zweiten Season war nur eine Formsache.

„The British gangster thriller has never fackin’ seen anything like this before.“ (Empire)

Autoren: Peter Berry, Claire Wilson, Carl Joos, Lauren Sequeira, Gareth Evans, Matt Flannery
Regisseure: Corin Hardy, Xavier Gens (drehte den Backwood-Kracher FRONTIER(S)), Gareth Evans
Hauptdarsteller: Joe Cole (Peaky Blinders), Sope Dirisu (Humans), Colm Meaney (Star Trek), Lucian Msamati (His Dark Materials), Michelle Fairley (Game of Thrones), Paapa Essiedu (Press), Pippa Bennett-Warner (Harlots).
Production Company: Pulse Films
Vorlage war ein gleichnamiges PSP-Video-Spiel von 2006.

P.S.:
Schön ist auch, was im Blog der freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft von Uwe Breitenborn zu der Serie zu lesen ist:

„Um es vorwegzunehmen: Ein außerordentlich hohes Gewaltlevel prägt die meisten Episoden, so dass sich der FSF-Prüfausschuss bei fünf der neun Episoden erst für eine Freigabe ab 18 Jahren entschied…

Auch wenn die Gewalthandlungen genretypisch exzessiv und zuweilen überchoreografiert sind, haben sie durchaus einen spekulativen Grundton. Eine gewisse Gewaltlust ist der drastischen Inszenierung nicht abzusprechen, was als sozialethisch desorientierend gewertet wurde. Einge Episoden erhielten aber auch eine Freigabe ab 16 Jahren. Bei ihnen wird dieser Altersgruppe zugetraut, sich von den Gewaltexzessen distanzieren und diese Szenen einordnen zu können. Die Gewaltexzesse sind dramaturgisch zumeist angebahnt und einordenbar. Es gibt zudem kaum deutlich positive Identifikationsfiguren…

Bemerkenswert ist die Komplexität und Vielschichtigkeit des Plots, der ein weit aufgefächertes Figurenensemble aufweist, eine faszinierende, aber auch zynische Inszenierung des neoliberalen Londons. Die Skrupellosigkeit des turbokapitalistischen Zeitgeistes durchweht jede Pore des Films. Luxus und Gosse sind fest verwoben, etwas Durchschnittliches gibt es hier nicht, nur Extreme. Das gilt für die exzellente Besetzung ebenso wie für die überbordende Gewalt, die sich wild über Genrekonventionen hinwegbewegt. Hier werden Bauernhäuser zu Kriegslandschaften, Gangrivalitäten zu Massakern und Beziehungen zu Folterhöhlen. Kriegsfilm, Splatter, Western, Gangsterdrama – ja, Oper müsste man eigentlich sagen. Ein Epos ohne Grenzen. All das muss man aushalten, man kann es auch bewundern. Aber getreu dem Motto eines regionalen Radiosenders ist zu sagen: Nur für Erwachsene!“


P.S.: Noch schlimmer, stärker in ihrem Nihilismus ist die zweite Staffel von 2022. Wie in der Realität geht auch in der Fiktion die organisierte Kriminalität in  den „normalen“ wirtschaftlichen und politischen Kreislauf über (das war schon immer so, aber nie so dreist). Eine Crime-Serie als Dystopie. Und eine Anthologie der Gier und der durch sie bedingten Verrohung.

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Ted Lewis & Inspector Morse by Martin Compart
17. Januar 2019, 6:02 pm
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In der 4.Folge der ersten Season (2013) von ENDEAVOUR (Der junge Inspector Morse) wird Bezug genommen auf Ted Lewis: Als kriminelle Strippenzieher im Hintergrund vermutet man nämlich die Brüder Fletcher, die Londoner Unterweltsbosse, für die Jack Carter arbeitet. Lewis´ Vorbilder waren natürlich die Krays.



GET LEWIS – Ted Lewis und Brit Noir 10/ by Martin Compart
2. September 2010, 1:02 pm
Filed under: Brit Noir, Crime Fiction, Die Krays, JOHN WAINWRIGHT, Krimis, Noir, Ted Lewis | Schlagwörter: , , , ,

Anfang der 60er Jahre nahm die bürgerliche Öffentlichkeit stärker davon Notiz, dass es Gangster in London gab. Immer öfter tauchten Geschichten über die Krays-Zwillinge in den Zeitungen auf, die vom Eastend aufgebrochen waren, um auch im Nachtklubgeschäft des Westends Fuß zu fassen. Im Gegensatz zu ihren Vorgängern (Sabinis, Jack Spot, Comer usw.), bemühten sich die Terrible Twins nämlich um Öffentlichkeitsarbeit. Der 1962 veröffentlichte Roman DEATH OF A BOGEY (TOD EINES GREIFERS; Heyne 1963) von Douglas Warner ist wohl der erste Kriminalroman, der den Krays-Mythos thematisiert. Die Informationen über die Krays-Gang, hier Lane-Bande genannt, die indirekt in den Roman einfließen, sind zwar aus heutigem Kenntnisstand naiv, scheinen aber nicht nur aus der Zeitungslektüre zu stammen. Gut beschrieben ist vor allem die Mauer des Schweigens im Eastend, die die Krays so lange schützte und deren Zerstörung erst ihre Festnahme ermöglichte. Douglas Warner war ein Pseudonym für Desmond Currie und Elizabeth Warner, die bis 1968 sechs harte Krimis über die Schattenseiten Londons veröffentlichten.
Einer wurde sogar verfilmt: DEATH OF A SNOUT, 1961, wurde von Ken Annakin als UNDERWORLD INFORMERS (auch: THE INFORMERS, THE SNOUT) 1963 für die Leinwand adaptiert.

Eine besondere Position kommt dem 1921 in Leeds geborenen Ex-Polizisten John William Wainwright(1921-95) zu. Gemeinhin gilt er seit seinem ersten Buch, das 1965 erschien, als ein herausragender Autor des britischen Polizeiromans. Im Gegensatz zu den police procedural-Autoren und seinem Lieblingsautor Ed McBain behandelt Wainwright in seinen Polizeiromanen immer nur einen einzigen Fall. Bemerkenswert ist auch die frühe Betonung des Organisierten Verbrechens. Seine Helden stehen in ihren Extremsituationen den schwarzen Thrillern näher als den durchschnittlichen Polizeiheroen. Beispielsweise scheut sich einer seiner Serienhelden, der ein Anhänger der Todesstrafe ist, nicht, einen jugendlichen Mörder sofort hinzurichten.Die Methoden der Polizei und die der Gangster sind bei Wainwright fast identisch. Er treibt die erstmals bei John Bingham auftauchende Negativdarstellung der britischen Polizei noch weiter. Das scheint angesichts der beruflichen Vergangenheit des Autors noch beängstigender. Seine überzeugendste Leistung im Schwarzen Roman war seine Tetralogie um den Ex-Polizisten Davis, der die Fronten wechselt. Stilistisch überzeugend zeigt Wainwright Intimes aus der Unterwelt und Charaktere, die der Leser so schnell nicht vergißt. Insgesat schrieb er 83 Romane, darunter eine Autobiographie über sein Leben als copper.



GET LEWIS – Ted Lewis und Brit Noir 5/ by Martin Compart
23. April 2010, 3:39 pm
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Toby sorgte für einen lukrativen Deal mit Michael Joseph: Fünf Jahre sollte Ted jährlich 4000 Pfund erhalten und dafür ein Buch pro Jahr bei seinem neuen Lektor Edmond Fisher abliefern. Mit Fisher kam Ted gut klar: Sie wurden Trinkkumpane und machten bei Teds Besuchen in London oft fürchterlich einen drauf.
Ted gab den Zeichentrickfilm jetzt endgültig auf. Er verkaufte das teure Haus und zog 1971 mit seiner Familie in ein Farmhaus in Suffolk, ganz in der Nähe von Toby.
Er schrieb seine Romane weiterhin mit der Hand in Schulhefte; manchmal zeichnete er erotische Cartoons an den Rand. Jo tippte die Seiten ab und wehe, wenn sie auch nur ein Komma änderte. Ted überarbeitete nichts, meinte, das würde die Spontanität zerstören. Wenn er arbeitete, schrieb er tausend Worte und mehr an einem Tag. Toby Eady hielt ihn für den geborenen Schriftsteller, ein Naturtalent, das man nicht lektorieren müsse. Tobys Enthusiasmus für seine Arbeit war genau, was Ted brauchte. Aber Ted war leider kein kontinuierlicher oder systematischer Arbeiter und lieferte seine Manuskripte erst in letzter Minute ab. Ohne ökonomischen Druck lief nicht viel. Genaugenommen war Ted ein fauler Hund, der elf Monate nichts tat und dann innerhalb von vier Wochen einen Roman runterschrieb. Anders konnte er nicht arbeiten. „Er brauchte diesen Druck“, bestätigte Toby. Wenn im Laufe des Jahres das Geld knapp wurde, schrieb und illustrierte er Geschichten für Frauenmagazine. Kaum zu glauben, aber der Autor des ultraharten JACK RECHNET AB war ein gern beschäftigter Autor für Frauengeschichten!
Für Michael Joseph schrieb er weiterhin Gangsterromane. In diesem Genre hatte er sich schließlich einen Namen gemacht. Durch Toby lernte er den Londoner Rechtsanwalt James Morton kennen. Zu seinen Klienten gehörten Unterweltgrößen wie die Richardsons und Mad Frankie Frazer. Mit denen lungerte Ted gerne in Mortons Büro herum, oder er ging mit ihnen in den einschlägigen Pubs saufen.
Ebenfalls durch Toby kam Ted Ende der 6oer Jahre an das Manuskript mit den Lebenserinnerungen von John McVicar, einem Gangster, dessen Flucht in England Legende war (später wurden die Erinnerungen mit Roger Daltrey verfilmt). Irgendwie hatte es McVicar geschafft, das Manuskript aus dem Gefängnis von Durham zu schmuggeln. Ted wollte unbedingt einiges daraus verwenden und machte einen Deal mit McVicars Frau Shirley. Er benutzte Szenen und Informationen für den Roman BILLY RAGS (1973), der einer seiner besten ist.
Aber mit keinem Buch gelang es ihm, an die Verkaufszahlen von JACK’S RETURN HOME anzuknüpfen. Eigentlich hatte er auch keine Lust, Jack zu revitalisieren, den er am Ende des Buches schliesslich tot zurückgelassen hatte. Aus wirtschaftlichen Erwägungen holte er den alten Jack wieder ins literarische Leben zurück. Warum sollte er nicht das tun, was Conan Doyle mit Holmes oder Ian Fleming mit Bond angestellt hatten? 1974 veröffentlichte er JACK CARTERS LAW, in dem Jack einen Verräter durch London jagt. 1977 folgte der ziemlich durchgeknallte JACK CARTER AND THE MAFIA PIGEON, der Jack nach Mallorca führt.
Alkohol war Teds größtes Problem. „Seitdem ich ihn kannte, trank er. Aber ich dachte nie, dass er ein Problem damit hatte. Ich war blind“, berichtete Jo. „Als wir in Essex lebten, sagte ich seinem Arzt, ich würde mir Sorgen um Teds Gesundheit machen. Der Arzt antwortete, das einzige worum ich mir Sorgen machen müsste, wäre Teds Sauferei. Ich verstand nichts. Ted war daheim nie betrunken. Aber er ging immer öfters nachmittags in den Pub und ließ mich mit den beiden Kleinen alleine.“ Teds Freunde außerhalb des Berufslebens waren Arbeiter in den Pubs. Mit ihnen verstand er sich prächtig, mit ihnen zog er von Pub zu Pub und Rausch zu Rausch. „Es wurde schlimmer als wir nach Sussex zogen. Ich glaubte, es wäre der wirtschaftliche Druck, der auf ihm lastete. Unentwegt kamen Rechnungen, platzten Schecks, und er hatte die Verantwortung für eine Familie.“ Die Rechnungen, die Ted in den Pubs machte, waren nicht von Pappe. „Schließlich kümmerte ich mich um das Finanzielle. Aber es nutzte nichts. Seine Trinkerei war zu einem echten Problem geworden.“



GET LEWIS – Ted Lewis und Brit Noir 4/ by Martin Compart

Ein Widerspruch trägt die ganze Geschichte: Als rationaler Profi versucht er irrationale Ziele durchzusetzen. Er will die Mörder seines Bruders finden und fertig machen. Dafür setzt er seinen Status und sein Leben aufs Spiel. Das erscheint umso irrationaler, weil er Frank seit Jahren nicht mehr gesehen hat und sie einander nicht mal mehr mochten. Immerhin hatte Jack sogar mit seiner Schwägerin geschlafen und die Vermeintliche Tochter Franks könnte sein Kind sein. Es ist diese Spannung in der Figur des Ich-Erzählers, die zusätzliche Dynamik verleiht und bedrohliche Düsternis über den Roman ausbreitet wie ein Leichentuch. Der friedliebende Frank wäre mit Jacks Rachefeldzug auch nicht einverstanden. Aber das interessiert ihn nicht: „Er war mein verdammter Bruder“. Das hat nichts mit Sam Spades Ehrenkodex im MALTESE FALCON zu tun. Frank erinnert ihn an eine Zeit, als er noch unschuldig war, bevor er Albert Swift traf, bevor er auf die schiefe Bahn geriet und sein darwinistisches Leben begann. Mit Frank hat man seine Zeit der Unschuld endgültig ausgelöscht, die letzte Verbindung vor der Vertreibung aus dem Paradies gekillt. Aber man kann ja alles überinterpretieren. Letztlich war es Jacks Welt, die seinen Bruder getötet hat. Und man kann sich leicht vorstellen, das Jack für die Fletchers dasselbe getan hätte, was Eric Paice für seinen Boss und die lokalen Geschäfte erledigen musste. Also doch eine weitere Kain und Abel-Geschichte?

Drei Monate brauchte er für den halben Roman, den er handschriftlich in Schulhefte schrieb. „Er schrieb den Roman aus kommerziellen Gründen. Wir glaubten, es würde ein Bestseller“, meinte Jo. Ted und Jo hatten inzwischen eine Tochter bekommen, Nancy. Auf dem Haus lagen Hypotheken, und sie brauchten dringend Geld. Die Enttäuschung war groß, als Hutchinson das Manuskript ablehnte. 1968 hatte er Toby Eady getroffen, der sein Agent werden sollte und vollkommen von Teds Romanfragment überzeugt war. Toby brachte das Manuskript zu Peter Day vom Verlag Michael Joseph. Day gab ein Gutachten in Auftrag, in dem stand, Lewis könne kein Englisch schreiben. Wahrscheinlich war der Gutachter mit Teds hard-boiled-Stil völlig überfordert und nur ziselierte schöngeistige Literatur gewöhnt. Ted, der keine Kritik einstecken konnte, war jedenfalls außer sich vor Wut. Day liess sich von dem Gutachten nicht beeindrucken und kaufte das Buch trotzdem. Bevor es 1970 veröffentlicht wurde, waren bereits die Filmrechte verkauft. Ted, ein Filmfan, war begeistert und wäre gerne stärker in die Filmarbeit involviert gewesen. Jo meinte, er hätte das Drehbuch sogar umsonst geschrieben, hätte man ihn nur gelassen. Er besuchte die Dreharbeiten in Newcastle und zog ein paar Aufträge für Drehbücher für die Fernsehserie Z-CARS an Land.
Buch und Film waren zwar erfolgreich, aber Ted verdiente nicht annähernd soviel, wie es heute mit einem derartigen Hit üblich ist. Für das amerikanische Remake HIT MAN (1972) von George Armitage mit Pam Grier bekam er nicht einen Penny.




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