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Hirn und zehn Finger
Originaltitel: A Brain And Ten Fingers, 1943
Aus dem Englischen von Angelika Müller
Jugoslawien, 1943. Eine kleine versprengte Partisanentruppe wacher, verzweifelter Männer flieht in den Wald, nachdem sie ein Munitionsdepot der italienischen Besatzer überfallen hat. Ihre Beute: Dynamit und Zünder für den Widerstand. Einer stirbt für den anderen, damit der Rest an einem anderen Tag weiterkämpfen kann. Darunter ist der junge Andrej, dessen Dorf in Slowenien von den Faschisten dem Erdboden gleichgemacht wurde und der hier in ebenfalls versprengten Serben und Kroaten Gleichgesinnte gefunden hat. Doch die rettende Holzbrücke wurde vom Hochwasser fortgerissen und die Verfolger sind nicht mehr weit …
Nach dem kurzen, mächtigen Roman über das Massaker von Lidice verneigt sich Kersh nun vor den Menschen des Widerstands, vor aufrechten Menschen, denen ein inneres Licht innewohnt, das in der Dunkelheit sichtbar wird und zur Hoffnung der Menschheit gerät.
Verlag: Pulp Master Bd.47
978-3-946582-25-0 (ISBN)
1., 1. Auflage 2024
Seitenanzahl 128
€ 12,00 und als eBook 9,99
Wenn Frank Nowatzki sich einmal festgebissen hat, lässt er nicht mehr los. Festgebissen hat er sich in Klassiker des Brit-Noir.
Nach Ted Lewis oder Derek Raymond auch in Gerald Kersh, den in Deutschland (und nicht nur hier) kaum einer kannte oder kennt, obwohl sein Roman NIGHT AND THE CITY zu den Begründern des Brit Noirs zählt und dank der Erstverfilmung von Jules Dassin mit Gene Tierney und Richard Widmark sein bekanntestes Werk ist.
Pup Master stellt dem deutschsprachigen Publikum diesen Klassiker vor. Jetzt ist als vierte Veröffentlichung Kershs zweiter Weltkriegs-Noir-Roman erschienen.
Berührend sind die angehängten „Nachbetrachtungen“ zu Gerald Kersh von Angelika Müller (die auch einmal mehr für die gute Übersetzung zeichnet) und Frank Novatzki.
Erschreckend wie schnell dieser einst viel gelesene Autor schon zu Lebzeiten (er starb 1968) vergessen war. Inzwischen erlebt er in Großbritannien eine Wiederentdeckung und sein Nachlass wird von Michael Moorcock gepflegt.
Das fulminante Nachwort ist ein erhellender literarischer Beitrag, der auch die Philosophie des Verlages darstellt und sich mit Noir als Genre auseinandersetzt. Vor allem erläutert es das Werk von Kersh in stilistischer Brillanz:
„Sein Werk erzählt von der Unfähigkeit, etwas verändern zu können, von Selbsttäuschung, mit der sich anfängliche Abscheu in Akzeptanz wandeln lässt; von plötzlichen Rissen, die alle Wege abschneiden und jeden in die Tiefe ziehen…“
Kersh gilt auch als (ein?) Begründer der jiddischen Kriminalliteratur allgemein… Aber darüber und vieles mehr berichten Frau Müller und Frank genaueres.
Filed under: Brit Noir, Die Krays, GANGS OF LONDON, ORGANISIERTE KRIMINALITÄT, True Crime | Schlagwörter: Brit Noir, Die Kraya, Eastend, Gangster, London, Whitechapel
Die Commercial Road macht ihren Namen alle Ehre.
Sie führt mitten ins Gewühl von Whitechapel und ist eine der großen Lebensadern des Eastend. Ein altes Manufakturgebäude hinter dem anderen. Hier schlägt das Herz der englischen Bekleidungsindustrie, heute fest in der Hand von Indern, Pakistani und einigen schwerreichen britischen Mogulen.
An einer Bushaltestelle balanciert eine Farbige eine Waschmitteltrommel freihändig auf dem Kopf. Die alten mehrgeschossigen Häuser mit ihren ungepflegten Fassaden beherbergen Hunderte von Textilfirmen. Dazwischen mal ein ungehöriger Neubau, auch verlassene Fabrikgebäude mit eingeschlagenen Fenstern.
An den mit Paketen und Papp-Containern vollgestopften Bürgersteigen werden riesige LKWs be- und entladen. Die Straße ist ein einziges Textillager. Hunderte Ausgänge führen auf unübersichtliche Hinterhöfe und in kleine dunkle Gassen. Die Gegend ist nicht kontrollierbar. Ein Alptraum für jede deutsche Behörde, deren Beamte man hier ihre Strafzeit nehmen lassen sollte.
Für Krimiautoren der harten Schule so etwas wie Disneyland. Ein düsteres Labyrinth, in dem der hässliche Kapitalist der Minotaurus ist.
Rechts war die schmale, wenig einladende Duval Street, die leider einem Gebäudekomplex weichen musste. Früher hieß sie Dorset Street, und Detektivsergeant Leeson schrieb 1934 in seinen Memoiren LOST LONDON: „Es bleibt offen, ob die Dorset Street oder der Ratcliffe Highway die Ehre für sich in Anspruch nehmen konnte, die schlimmste Verbrecherstraße Londons zu sein. So mancher Konstabler, der einen fliehenden Verbrecher verfolgte, gab die Jagd auf, wenn sich der Missetäter in den Schutz der Dorset Street begab.“
In der schmalen Passage Miller’s Court, kurz bevor die Duval Street in die Crispin Street mündete, metzelte Jack the Ripper Mary Jane Kelly nieder.
Die alte Kneipe Ten Bells steht noch an der Commercial Street. Hier nahm die arme Mary Kelly ihren letzten Gin, bevor sie dem Ripper begegnete. Die Gegend von Commercial Road bis Brick Lane im Osten und Whitechapel Road im Süden heißt Spitalfields. Noch bis zur Jahrhundertwende der schlimmste Slum der Welt, Ort furchtbarster Armut und schrecklichster Verbrechen.
Als Charles Booth 1889 seine berühmte Armutskarte von London entwarf, zeichnete er Spitalfields schwarz, um es als „sehr arm, unterste Schicht, lasterhaft, halbverbrecherisch“ zu bezeichnen. Wenn man heute die Gegend nachts durchwandert, scheint man immer noch, kaum überdeckt, den Geruch von Armut und üblen Lastern zu riechen. Als wäre Spitalfields wirklich ein verfluchter Ort.
Tagsüber ist das etwas anderes. Eher, als würde man in der Kulisse eines Gangsterfilms herumwandern. Das eifrige Treiben der Textilfirmen beim Beladen der Laster hat irgendwas illegales. Wie das Schnapsverschieben während der Prohibition.
Hergestellt werden sowohl teure Modefähnchen für die Boutiquen Europas, wie billigste No-Name- Produkte, zusammengeschustert von kleinen Firmen, die Tausende von Asiaten in schmutzigen Löchern für kargen Lohn schuften lassen.
Der Einstieg ins Krays-County.
Die Winthop Street liegt hinter der Whitechapel Road.
Unvorstellbar. Hier lebt niemand. Die einzige Bewegung geht von einem Bagger aus, der einen Schrottplatz umpflügt. Selbst Hausbesetzer machen einen großen Bogen um diese Ecke. Hier gibt es genug Abrissarbeiten für die nächste Generation.
Früher hieß diese Gasse Buck’s Row und war eine der gemeinsten Hinterstraßen von Whitechapel. In ihr lag das berüchtigte Barbers Pferdeschlachthaus, und am 31.August 1888 fand man hier die Leiche von Mary Ann Nichols, Jack the Rippers erstes Opfer.
Zwischen Bethnal Green Road und Whitechapel Road breitet sich das ganze Spektrum des östlichen Londons aus: heruntergekommene Straßen neben gerade frisch renovierten. Und gegenüber von düsteren, in die Bahndämme gegrabene Autowerkstätten hat ein völlig durchgeknallter Architekt eine Zeile mit modernen Einfamilienhäusern hingesetzt, die in deutschen Vororten normalerweise unweit von Einkaufszentren zu finden sind.
In der nicht ganz so düsteren Cheshire Street, über die noch Pferdewagen jagen, entsteht ein riesiger, moderner Bürobau. Nichts passt hier zusammen und alles zusammen ist ein harmonisches Ganzes.
In einem der Häuser hatte George Cornell 1962 angeblich den Gangster Ginger Marks erschossen. Jedenfalls hat er das mal Ronnie erzählt, und Ginger Marks wurde auch nie wieder gesehen. Man steht davor und kann nicht einmal das Dezennium erkennen, in dem diese Straßen entstanden. Kein Problem, hier einen Film über Jahrhundertwende oder einen Gangsterfilm aus den 30er- oder 50er Jahren zu drehen.
Kurz vor der Ecke zur Tapp-Street hat man den Randstreifen mit Parkuhren bestückt. Vielleicht wurden sie vom Jugendamt als Trainingsgerät für die Streetfighter aufgestellt. Bevor es ans Renovieren geht, hat man jedenfalls schon mal die künftigen Parkplätze geregelt.
Wie sagte mir Gavin Lyall? „Überall nur Stückwerk. Da wird ein bisschen was gebaut und dort ein bisschen was renoviert. Aber es gibt keinen umfassenden Sanierungsplan.“ Gut so, mir gefällts. Wenn jemals deutsche Stadtplaner aufs Eastend losgelassen werden, sollten die Londoner gleich hinter Moorgate Pallisaden errichten.
Endlich bin ich in der Tapp Street.
Der legendäre Lion-Pub steht noch. Unverändert, direkt vor einer Bahnunterführung. Das war einer der großen Treffpunkte der Firma. In ihm verkehrten die Zwillinge seit frühester Jugend.
Am 9.März 1966 fuhr Ronnie in Begleitung der beiden Schotten Ian Barrie und John Dickson kurz nach acht von hier aus zum Blind Beggar, erschoss George Cornell und kam zurück, um zum gemütlichen Teil des Abends überzugehen. Reggie hatte mit ein paar anderen Firmenmitgliedern gesoffen, ohne zu ahnen, was Brüderchen eben erledigen ging.
Der Lion ist noch immer ein typischer Pub für die Anwohner. Ein kleiner Laden, der sich in den letzten Jahrzehnten nicht sehr verändert haben dürfte. An den Wänden Tapeten mit schwarzen Palmenblättern auf gelben Hintergrund. Ein altersschwacher Schäferhund sieht voller Milde und Weisheit den Stammgästen zu.
Der Tresen scheint neu, irgendein Hartplastik das an Marmor erinnern soll. Ungewöhnlich, aber nicht störend. Genau die richtige Höhe. Was für Profis – nicht irgendwelcher neumodischer Firlefanz. Der alte Wirt gibt mir mein Ruddles Best Bitter und kümmert sich um die beiden Stammgäste an der rechten Seite des hufeisenförmigen Schanktisches. An der linken Seite streitet sich ein Inder mit seiner englischen Freundin und gießt Gin Tonic in sich rein. Reggies Lieblingsgetränk. Typischer 60er Drink. Darf man heute eigentlich nur noch auf Borneo trinken, an einem wirklich schwülen Sommerabend. Oder wenn man im Eastend als Inder Krach mit seiner englischen Freundin hat. Furchtbares Gesöff, sollte aus ästhetischen Gründen längst verboten sein.
Dazu jault Johnny Cash ununterbrochen frühe Songs über Bahnarbeiter, Landstreicher und wie es immer die Besten zuerst erwischt.
Das Ruddles kommt gut. Ich kann mich unschwer zwanzig Jahre zurückversetzen. Arbeiter am Tresen, die sich hier von Job und Familie erholen. Lachen, Billardspiele und der Zigarettenqualm hängt so tief, dass man kaum noch die Pints erkennen kann.
Dann kommen Reg & Ron mit ihren Jungs durch die Schwingtüren. Großes Hallo. Zwei aus der Nachbarschaft, die es zu etwas gebracht haben. Die weder Familie noch ihre alten Freunde verleugnen und den arroganten Westendern die Kohle aus der Tasche ziehen. Gangster? Bei mir ist nichts zu holen. Harte Jungs, aber okay. Lokalrunden, und für ein paar zugeschüttete Stunden existiert nichts anderes im Universum. Jack London nannte die Kneipen die Klubs des kleinen Mannes. Wo sollte das mehr Berechtigung haben als in London, wo die vornehmen Westendklubs Jahresbeiträge kassieren, die für die Gäste des Lion einem Jahresverdienst gleichkommen.


Neben der Vallance Road verläuft heute (1990) eine gigantische Wiese bis zur Bahnunterführung, neben der einst „Fort Vallance“, wie das Haus der Krays im Volksmund hieß, stand. Genügend Platz für scheißende Hunde und Nachwuchskicker. Vielleicht ein Mahnmal für den Nachwuchs: Schlagt nicht den Weg der Krays ein, sondern tretet gegen den Ball, dann könnt auch ihr Gazzas werden. Das Chancenspektrum hat sich auch im Eastend erweitert: Neben Frohnarbeit, Berufsboxen und Gangster, kann man jetzt auch noch sein Glück als Fußballprofi, Schauspieler (Michael Caine, Terrence Stamp, Twiggy) oder Pop-Star versuchen.
Neben dem Bahndamm verläuft die Cheshire Street. An einer Ecke steht ein schmales, dreistöckiges Haus und beherbergt noch immer das Carpenters Arms.
Dieser rotplüschige Pub war zeitweilig im Besitz der Krays. Hier ist noch nichts los; aus den Lautsprechern erklingt DAVY CROCKETT, KING OF THE WILD FRONTIER, 1954 ein echter Hit. Michael Jackson hat es nie bis ins Eastend geschafft. Auf dem roten Teppichboden suche ich nach alten oder neuen Blutflecken.
Am letzten Samstag im Oktober 1967 begann für Reggie Kray hier der Abend, an dessen Ende die Ermordung von Jack the Hat stand.
Die Cheshire Street endet an der Brick Lane, die südlich auf die Whitechapel Road stößt. Hier ist alles fest in asiatischer Hand. Imbissbuden, Curry-Restaurants und immer wieder Textilgeschäfte. Ecke Woodseer Street präsentiert sich die Firma Titash stolz als führender Spezialist für Hochzeitssarees. Und immer wieder halbverfallene Häuser, aus denen Ratten nach zwei Nächten entnervt ausziehen. Würde nicht die blutrote Eastendsonne am grauen Herbsthimmel versinken, könnte man sich angesichts des bunten Treibens wie in Kalkutta fühlen. Majestätisch stehen rechts als Monument höchster Qualität die Neu – und Altbauten der Black Eagle-Brauerei. Jedes Bad Godesberger Ministerium könnte stolz auf so eine gepflegte Sandsteinfassade sein.

Als ich endlich auf der breiten Whitechapel bin, dröhnt plötzlich der undisziplinierte Autoverkehr einer Millionenstadt um mich herum. Rechts erheben sich fünf Meter hohe Mauern. Sie umrahmen Englands größte Moschee. Und wie auf Kommando beginnt der Muezzin lautstark über Whitechapel zu plärren. Da hat selbst der Autoverkehr keine Chance.
Am Boothhaus springt plötzlich eine leicht zerlumpte Gestalt auf mich zu. Er will ein bisschen Geld, für Tee. Klar. Mit ungeheurer Geschwindigkeit redet er auf mich ein. Ich stelle mich blöd, sage ihm auf Preußisch, dass ich kein Wort verstehe. Unbeeindruckt bringt er sein Anliegen in fließendem, akzentfreiem Deutsch vor. Völlig verdattert gebe ich ihm etwas Kleingeld. Bevor ich ihn mir schnappen kann um ihn in den nächsten Pub zu zerren, ist er angeekelt zurückgesprungen und blitzschnell verschwunden. Egal was man anzieht, im Eastend stinkt man als Tourist meilenweit gegen den Wind.
Ein paar Hundert Meter hinter der U-Bahn-Station ist der Blind Beggar, echte Folklore und der vielleicht berühmteste Pub des Eastends. Auf dem breiten Bürgersteig bei der U-Bahnstation haben ein paar Dutzend Straßenhändler ihre Stände aufgebaut. Taschen und Textilien. Was ich vermisse, sind die nachgemachten Bobbyhelme aus Gummi, die man im Westend an jeder Touristencke kaufen kann und mit denen als Souvenir ich bei meinen Freunden so großen Erfolg hatte. Die Polizei ist wirklich nicht populär im Eastend.
Nachdem der Beggar unfreiwillig durch Ronnie Kray eine ganz bestimmte Sorte von Publicity bekommen hatte, wurde er innen völlig renoviert. Am Eingang klebt verheißungsvoll Ruddles Best Bitter Lives Here. Ein guter Grund einzutreten. Rotes Licht, ein anheimelnder Kamin und nur ein paar Tische an den Wänden. Vor der großen Theke ist genug Platz für die sauber gekleideten Geschäftsleute, die nach der Arbeit auf ein Gläschen einkehren.
Das Publikum ist gemischt: Subkulturtypen, die immer weiter ins Eastend vordringen, ein paar alte Oldtimer, die ich mir schon als Opfer ausgespäht habe, Verkäuferinnen, junge Verliebte. 
Seinen Namen hat der Pub nach einem Gedicht aus dem 17.Jahrhundert: THE BLIND BEGGAR OF BETNAL GREEN. Ein armer Bettler hatte eine wunderschöne Tochter. Doch wenn die Jungs, die hinter ihr her waren, erfuhren, dass sie die Tochter eines Bettlers war, nahmen sie Reisbaus. Aber eines Tages kam dann der obligatorische hübsche Bursche. Ihm waren die wirtschaftlichen und familiären Verhältnisse egal, und er heiratete sie. Umgehend stellte sich heraus, dass der Bettler kein armes Schwein, sondern ein Verwandter des reichen und mächtigen Simon de Montfort war. Der Bettler schwamm im Geld und hatte nur nicht gewollt, dass seine Tochter wegen des schnöden Mammons geheiratet würde. Die richtige Story für diesen Ort zerbrochener Träume.
Für ein paar Pfund und reichlich Drinks berichten mir die Wind-und-Wetter gegerbten Oldtimer wie so die Trinksitten der Krays waren. Sie waren damals junge Dockarbeiter und wurden gelegentlich von ihnen freigehalten, wenn sie wie Cowboys nach einem langen Viehtrieb in den Saloon einfielen: „Sie steckten einen Haufen Pfundnoten in ein Bierglas gleich hier vorne am Ausschank auf den Tresen. Wer eingeladen war, konnte bestellen was und soviel er wollte. Jedesmal wenn der Keeper wieder ein Getränk rausrückte, nahm er sich das Geld dafür aus dem Glas. Wenn das Glas leer war, gingen sie hin und stopften neue Pfundnoten rein.“
Mochten sie die Krays, oder fürchteten sie sie? „Beides. Ronnie war unberechenbar. Mal großzügig und mal düster und beängstigend. Die kleinen Leute hatten keinen Grund, die Krays zu fürchten. Frauen und alten Leuten gegenüber waren sie immer respektvoll und freundlich. Ihre Mutter hatte sie gut erzogen. Sie hatten Manieren.“
Die Legende lebt. Eine freundlichere Eastendlegende als Jack the Ripper. Aber wie so vieles in diesem Schmelztiegel, voller Gewalt und Brutalität.
Draußen ist es tiefe Nacht geworden. Der Betrieb auf der Whitechapel Road lässt langsam nach. Die Straßenhändler haben ihre Stände abgebaut. Auch der Second-Hand-Plattenladen, in dem ich für ein läppisches Pfund die Original-Single OUT OF TIME von Chris Farlowe und eine EP der Pretty Things erwischt hatte, ist geschlossen. Im Eastend ist die Nacht besonders dunkel. Ich nehme ein Taxi zum Hotel.
— ENDE
1999. Nachtrag: Kürzlich unterhielt ich mich mit Russell James, dem „Chronisten der Südlondoner Unterwelt“ über die Krays und meine Faszination. Es amüsierte ihn. Ihn faszinieren reale Gangster nicht mehr. In seinem Roman PAYBACK – DIE RÜCKKEHR DES FLOYD CARTER hat er seinen Kommentar zu der Krays gegeben. Rational musste ich dem zustimmen. Aber analytisch gesehen sind meine geliebten High-School-Songs wohl auch nicht von der entscheidenden Bedeutung für die Pop-Musik, wie ich es gerne sehe. Was ist schon rational daran, wenn sich Nebel über Limehouse legt und irgendwo aus der der Undurchsichtigkeit ein Knall kracht… Ein Schuss? Oder nur ein geplatzter Reifen?
Auawahlbibliographie:
Campbell, Duncan: The Underworld. London: BBC Books, 1994.
Dickson, John: Murder Without Conviction. London: Sidgwick & Jackson, 1986.
Donoghue, Albert (und Martin Short): The Krays’Lieutnant. London: Smith Gryphon, 1995.
Fraser, Frankie (mit James Morton): Mad Frank. London: Little Brown, 1994.
Fry, Colin: The Kray Files. London: Mainstream Publ., 1998.
Kelland,G.: Crime in London. London: Century, 1986.
Kray, Charles (mit Robin McGibbon): Me and My Brothers. London: Grafton, 1988.
Kray Charlie (und Colin Fry): Doing the Business. Smith Gryphon, 1993.
Kray, Kate: Ronnie Kray: Sorted.London: Blake, 1998.
Kray, Reg: Born Fighter. London: Century, 1990.
Kray, Reg: Villains We Have Known. Leeds: N.K.Publ. 1993.
Kray, Reg & Ron (mit Fred Dinenage): Our Story. London: Sidgwick & Jackson, 1988.
Kray, Ron (mit Fred Dinenage): My Story. London: Sidgwick & Jackson, 1993.
Lambrianou, Chris (mit Robin McGibbon): Escape From the Kray Madness. London: Sidgwick & Jackson, 1995.
Lambrianou, Tony: Inside the Firm. London: Smith Gryphon, 1991.
Pearson, John: The Profession of Violence. London: Weidenfeld and Nicolson, 1972; Grafton 1989/6.
Morton, James: Gangland. Londons Underworld. London: Little Brown, 1992.
Morton, James: Gangland 2. The Underworld in Britain and Ireland. London: Little Brown, 1994.
Read, Leonard (und James Morton): Nipper. London: Macdonald & Co., 1991.
Richardson, Charlie: My Manor. London: Sidgwick & Jackson, 1991.
Samuel, Richard: East End Underworld. London: Routledge & Kegan Paul, 1981.
Thompson, Tony: Gangland Britain. London: Hodder and Stoughton, 1995.
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Die magische Tür öffnet sich und wir gehen durch die laxen Sicherheitskontrollen.
Schließlich eine Treppe hoch zum Aufenthaltsraum. Ein paar grobe Tische, Stühle und ein Getränke- und Snacktresen.
Ich erkenne Reggie sofort. Er sieht viel jünger aus als auf den letzten Fotos von der Beerdigung seiner Mutter 1984.
Kaum grau in den dunklen Haaren. Die Falten in dem jungenhaften Gesicht drücken mehr über seine Umgebung der letzten 21 Jahren aus als über sein Alter. Tiefe Lachfalten um Augen und Mund. Hält er das alles inzwischen für einen Betriebsausflug? Sicher nicht. Er ist wahrlich durch die Hölle gegangen und – trotz eines Selbstmordversuchs Anfang der 80er – irgendwie unbeschädigt geblieben. Ich brauch mir nichts vorzumachen: Das ist einer der härteste Knochen, der mir je gegenüber stand, härter als Karibik-Horst.
Er lacht, winkt und umarmt Rita und Joe. Der Charme, dem sich auch sein kritischer Biograph John Pearson nicht entziehen konnte, funktioniert noch. Der fitteste Mann, den ich je gesehen habe. Seit 1969 trimmt er sich jeden Tag mehrere Stunden. Hat bis vor ein paar Jahren regelmäßig Knastmeisterschaften im Gewichtheben und anderes gewonnen. Außerdem gab er das Rauchen auf. Einer, der an die Zukunft denkt. Seine Bewegungen sind blitzschnell und völlig beherrscht. Der Junge würde Joe umhaun, bevor der überhaupt weiß was los ist. Und Joe weiß das. In einem seiner Bücher schrieb Reggie, dass er sich an elf Kiefer erinnert, die er gebrochen hat. Seine Spezialität war der „Cigarette punch“. Mit der Schnelligkeit und Präzision des Berufsboxers schlug er auf die Kinnlade seines Gegenübers, wenn der sich gerade die angebotene Zigarette in den geöffneten Mund steckte.
Eine von Englands größten lebende Legende neben den Rolling Stones. Die sind allerdings inzwischen so gefährlich wie Perry Como. Bei Reggie bin ich mir da nicht so sicher. Er umarmt mich wie einen alten Freund. Unser wöchentlicher Briefwechsel hat uns irgendwie zu Vertrauten gemacht. Ein wenig; ich möchte mir das einbilden.
Wir setzen uns, und Reggie öffnet seine Aktenmappe. Lets talk business. Vorschläge für Fernsehdokumentationen, Vertriebsprobleme mit der Schallplatte, sein neues Buch mit den schönen Titel FAMOUS VILLAINS WE HAVE KNOWN ist fast fertig. Die Memorabila-Maschine mit T-Shirts, Kaffeetassen und was weiß ich noch, läuft nicht rund. Joe muss ein paar Sachen erklären, Rita nimmt Anweisungen entgegen, holt Kaffee und Snacks, die liegen bleiben werden. Wir Kerle hier sind einfach zu hart, um in einen Schokoladenriegel zu beißen. Das hätte sie wissen müssen!
Er verteilt Zettel, auf die er für jeden in seiner unmöglichen Handschrift genau fixiert hat, was sie in nächster Zeit zu erledigen haben. Als ich seinen ersten Brief erhielt, wusste ich nicht mal wie rum ich ihn halten soll.
Rita holt wieder Kaffee. Am Nebentisch steht eine junge Frau auf und flüstert etwas in Reggies Ohr. Er nickt und grinst. Sie bringt ihm einen Pappbecher. Fuselgestank steigt auf. Wenn eine Braut ihrem Freund Alkohol in den Knast schmuggelt, trinkt Mr. Kray selbstverständlich mit. Er ist der Guru, der ihnen klarmacht, dass sie ihre kleinkriminelle Laufbahn schleunigst aufgeben und lieber mit dem Computer umgehen lernen sollen. Er ist nicht mehr an Verbrechen interessiert. Er hat im Knast seinen Horizont erweitert und mit Büchern, Filmen, T-Shirts und dem ganzen Kray-Merchandising viel Geld verdient. „Selbst wenn ich wollte, ich hätte heute draußen keine Chance mehr, ein Racketeering aufzuziehen. Heute ist alles viel härter, und ich bin 57 Jahre alt. Die Welt ist anders als 1969.“
Den Straßenschläger möchte ich erst noch sehen, der Reggie Kray von den Füßen holt. Nein, Reggie steht jetzt auf andere Sachen. „Wenn ich rauskomme, mache ich erstmal einen langen Urlaub um wieder richtig fit zu werden.“ Vielleicht will er einen Kontinent umgraben. „Und dann mache ich ein keep-fit-Video für über Sechzigjährige.“ Ich sehe meine völlig verfetteten Onkel im Trainingsanzug vor der Sportschau sitzen. „Zusammen mit Jane Fonda.“ Großes Gelächter. Zärtlich nimmt er Rita am Arm. „Come closer, dear. Feel comfortable.“ Reggie hat es gern, wenn sich die Leute wohl fühlen. Das hat ihm schon in den Klubs Freude gemacht. Mit einem Glas in der Hand herumzuwandern und sehen, dass alle ihren Spaß haben. Und wer stört, bekommt was auf die Birne. „Du kannst es dir nicht vorstellen. Du hattest damals nur drei Wahlmöglichkeiten im Eastend: Berufsboxen, Berufsverbrechen oder in die Fabrik gehen. Kein intelligenter Junge träumt davon, in die Fabrik zu gehen, oder? Eher hätten wir uns die Kugel gegeben.“ Heute kann man außerdem noch Fußballer werden.
Joe hat seine Anweisungen bekommen, Reggie entlässt ihn. Immer noch der Boss und Joe steht auf und verabschiedet sich artig.
Reggie kriegt Unmengen Post, meist von Unbekannten, darunter schlimmste Psychos. Reggie reicht mir einen Brief, den er gerade erhalten hat. Er ist von zwei britischen Soldaten vom Golf. Sie wünschen ihm alles Gute und loben sein Buch BORN FIGHTER. Er hätte recht mit seiner Aussage, dass nichts auf der Welt rechtfertigt, dass zwei Länder ihre jungen Männer in einen Krieg zum gegenseitigen Abschlachten aufeinanderhetzen.
Reggie diktiert Rita, zehn Bücher an die Soldaten im Golf zu schicken.
“Frag alles, was du fragen willst.“ In den Büchern wurde immer deutlich, dass Ronnie der düstere Antreiber von Reggie war. So wie Günter Mittag als böser Geist von Erich Honecker galt. Etwas, gegen das sich Reggie immer wandte. „Ronnie war geradeaus. Er ging die Sachen direkt an, egal was. Auch seinen Mord. Der Unterschied zwischen ihm und der Planung bis zur Ausführung.“
Kann er sich noch an den Moment erinnern, als er Jack the Hat das Mmir ist: ich liebe die Intrige. Jede Sekunde, von esser ins Gesicht stach? „Es steht ganz klar vor mir. Als wäre es gerade geschehen.“ Ich verkneife mir das voyeuristische Klischee à la was-fühlt-man-dabei. „In den Büchern wurde Jack the Hat immer runtergespielt. Man stellte ihn hin, als wäre er ein harmloser Drogentrottel gewesen. Er hat seine Freundin aus dem fahrenden Auto geworfen, und sie blieb gelähmt. Er war mit einer Schrotflinte hinter mir her. Das Miststück war verdammt gefährlich, völlig unberechenbar. Es ging um ihn oder mich. Hätte ich ihn nicht kalt gemacht, hätte er mich erwischt.“ Rita bestätigt ihn: das Eastend zitterte vor dem durchgedrehten Glatzkopf. Rita meint, im Medak-Film sei der Schauspieler von Jack als Einziger der realen Figur nahegekommen. Bis heute ist seine Leiche nicht gefunden.
Wann war der entscheidende Punkt, an dem alles aus dem Ruder lief? „Ich glaube, so um 1964. Da hätten wir innehalten sollen und alles überdenken. Statt sorglos einfach immer weiter zu machen, hätten wir einen Schritt zurückgehen müssen. Wir haben den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen. Damals hätten wir noch legale Geschäftsleute werden können.“ Der Tod seiner Frau Frances, 1967? Danach schien er mehr zu saufen und Ronnies wilden Aktionen blind zu folgen. Er selbst wurde unberechenbar. „Nach Frances Tod interessierten mich die Dinge nicht mehr so sehr. Alles war nicht mehr so wichtig. Aber immerhin habe ich noch dafür gesorgt, dass wir zurück ins Eastend gingen und uns nicht mehr auf das Westend konzentrierten.“

Was denkt er über die Verräter heute? Alles Leute, die es sich in der „Firma“ der Krays jahrelang gut gehen ließen. „Ich denke nicht oft an Scotch Jack Dickson, Ronnie Hart oder Les Payne. Die denken wohl öfter an mich. Die haben mich für immer. Sie sitzen auch im Gefängnis. Ihr Kopf ist ihr Gefängnis. Natürlich tat es weh, dass gerade unser Cousin Ronnie Hart den Kronzeugen machte. Nach einem Selbstmordversuch lebt er jetzt mit neuer Identität in Australien. Aber er hat immer noch dasselbe Gehirn, denselben Kopf. Typisch für ihn, dass sein Selbstmord nicht geklappt hat. Er kann so weit weglaufen, wie er will. Sein Verrat wird ihn immer begleiten.“
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Und Nipper Read, der Mann, der sn Knast brachte? „Ich hab keinen Kontakt zu ihm. Warum auch? Dieser Teil meines Lebens ist vorbei. Der Mann machte seinen Job. Und er machte ihn gut. Ich glaube, er ist inzwischen pensioniert. Weiß nicht mal, ob er noch lebt.“
Warum ging es schließlich schief? Sorglosigkeit, Überheblichkeit, Größenwahn, zu große Brutalität? „Von allem etwas. Es war meine Schuld. Ich war wie der Kapitän auf der Brücke. Ich trage die Verantwortung. Ich beklage mich nicht über mein Urteil. Das habe ich nie getan. Ich war der Kapitän, und das Schiff ist abgesoffen. Die anderen sind als Zeugen gegen uns – nicht alle – in die Rettungsboote gegangen. Ich hasse sie nicht dafür.“ 
Ich habe keine Lust mehr, ein Interview abzuziehen. Wir unterhalten uns über das Eastend und seine besondere Schönheit, seine unvergleichliche Atmosphäre. Reggie hat ein Buch über den Eastendslang geschrieben. Als er Ronnie erzälte, er habe ein Exemplar an Ronald Reagen geschickt, fragte Ronnie: „Und wie hat’s ihm gefallen?“ „Ronnie kann sehr komisch sein und merkt es nichtmal.“
Ab drei sieht Reggie immer wieder auf seine goldene Armbanduhr. Schließlich zieht er eine gestreifte Jacke über. „Sie wollen, dass wir das hier tragen. Aber meine Besucher fühlen sich unwohl, wenn ich die Streifenjacke anhabe.“ Wir umarmen uns zum Abschied. „Du kommst wieder.“ Keine Frage.
Ich gehe hinter Rita zum Ausgang. Ich drehe mich nochmal um. Reggie steht da, lacht und winkt. Plötzlich fühle ich mich beschissen. Mir geht auf, dass er seit 1969 im Gefängnis ist. Länger, als jeder Mörder oder Kinderschänder – von korrupten EU-Kommissaren ganz zu schweigen. Ich grinse schief zurück. Warum können wir nicht woanders hingehen und ein paar Biere schlucken? Ich fühle mich wohl in seiner Gesellschaft und möchte mit ihm durch die Eastend-Pubs ziehen. Ich bin durch die Tür. Etwas benommen. Auch ‚ne Art jet-lack.
FORTSETZUNG FOLGT
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Bereits mit 16 hatten die Zwillinge sich ihre erste Handfeuerwaffe besorgt. Jetzt war es für Ronnie zur Manie geworden, Schusswaffen zu kaufen. Castros Männer auf Kuba wären ungefähr zur selben Zeit froh gewesen, wenn sie über eine ähnliche Feuerkraft verfügt hätten.
Aber es gab auch Wermutstropfen: Immer mehr Soldaten aus der Armee des Colonels desertierten. Sie wurden älter und begannen sich plötzlich mehr für Mädchen als für Schlägereien zu interessieren. Der ewige Kreislauf: Mädchen kennenlernen, heiraten, einen festen Job suchen, Wohnung und Kinder. Das Eastend erlebte in den 50er Jahren einen bescheidenen Aufschwung: neue Mietskasernen wurden gebaut, Supermärkte machten an den Ecken auf, Jobs waren zu kriegen, Autos wurden erschwinglicher, und abends konnte man sich zum Beifall der Ehefrau vor dem Fernseher amüsieren, statt mit den tollwütigen Krays einen Pub auseinanderzunehmen. Aber das war selbstverständlich keine Alternative für die Zwillinge. „Frauen sind unsere schlimmsten Feinde. Sie können sich nicht damit begnügen, ihr Heim in Ordnung zu halten. Sie wollen keine echten Männer mehr. Was sie wollen sind Waschlappen.“
Die Zeiten der Jugendkrawalle waren endgültig vorbei.
Aus der Krays-Bande sollte die „Firma“ werden. Sie suchten andere Mitstreiter um ihre Träume zu realisieren. Ihr Vorbild Capone hatte Chicago schließlich auch nicht mit Fightern aus der A-Jugend erobert. Ihr freundschaftlicher Kontakt zu einigen Knastbrüdern sorgte für einen guten Ruf bei den Berufsverbrechern. Denn wer aus dem Eastend ins Gefängnis wanderte, konnte darauf bauen, dass sich die Zwillinge um ihn kümmerten und für die Familie sorgten. Wer gerade rauskam, konnte im Regal vorbeischauen. Die Krays hatten immer ein paar Pfund übrig oder sorgten für einen Schlafplatz und ein Ding, in das man einsteigen konnte. Sie waren keine Gangleader mehr, sondern Bosse, die sich um ihre Leute kümmerten.
Reg: „Wenn einer, der auf unserer Liste stand, ins Gefängnis musste, sorgten wir für Frau und Kinder. Und wir machten klar, dass n i e m a n d etwas mit der Frau anfing. Ich ließ den Frauen immer von zwei Männern das Geld bringen. So kontrollierten sie sich gegenseitig, und keiner kam in die Versuchung, etwas mit ihr anzufangen.“
Ronnie begann seine Pläne zu entwickeln, seine „Politics of Crime“. 1956 hatte sich ihr Einflussgebiet weit ausgedehnt. Sie hatten mit konkurrierenden Banden gründlich aufgeräumt fuhren nun die Ernte ein. Sie kontrollierten das Eastend bis Hackney, Mile End und Walthamstow. Jeder Dieb, jede Spielhölle, die meisten Pubs und viele Geschäfte zahlten Abgaben an die Zwillinge. Die „Profession of Violence“ lief auf Hochtouren. Unvorstellbare Summen Geld flossen durch ihre Hände.
Eastendsentimentalität und Solidarität mit den Schwächeren sorgten dafür, dass sie es mit vollen Händen rauswarfen. „Wir waren nur eine Durchgangsstation für das Geld. Es kam, erschreckte sich in unseren Taschen, und war auch schon verschwunden“, meinte Reggie. Sie hatten Autos, die beste Kleidung, Schmuck und konnten sich alles leisten. Wenn sie in einem Pub tranken, dann durfte niemand für sich selbst zahlen. Wenn jemand aus der Gegend in finanzielle Schwierigkeiten kam, erfuhren es die Zwillinge und halfen aus. Keine Wohltätigkeitsveranstaltung, ohne dass die Krays eine größere Summe spendeten. Kein Wunder, dass mir ein alter Eastender sagte: „Es war sicherer bei uns, als die Krays noch die Straßen beherrschten. Frauen, Kinder und alte Leute standen unter ihrem Schutz. Sie behandelten jeden mit Respekt. Und sie hatten immer ein offenes Ohr und eine gebende Hand, wenn man Probleme hatte. Gangster? Sie haben nicht halb so viel Blut an ihren Händen, wie die Regierung. Warum soll ich schlecht über sie reden? Zu mir waren sie immer gut.“
Ihre wilden Feldzüge verschafften ihnen den Ruf als gefährlichster Mob Londons.
Sogar die beiden Kingpins Jack Spot und Billy Hill, die die Unterwelt des Westends seit den 40er Jahren beherrscht hatten und sich gerade zerstritten, buhlten um ihre Gunst. Eine gute Gelegenheit, um von den führenden Halunken die Feinheiten des Geschäfts zu lernen. Reg erinnere sich: „Eines Nachts wollte ich mit zwei Freunden ins 21 Rooms im Westend gehen. Damals einer der exklusivsten Clubs, benannt nach den 21 Schlafzimmern des Ladens. Die beiden Türsteher wollten uns nicht reinlassen. Ich schlug den einen nieder und meine Kumpels den anderen. Dann dachte ich: Du bist hier nicht im Eastend. Das könnte eine Anklage wegen Körperverletzung geben. Einer der Türsteher hatte mich sicherlich erkannt.
Ich wusste, dass Billy Hill den Club beschützte und fuhr zu ihm. Ich erklärte ihm die Sache. Statt sauer zu sein, grinste er und rief Harry Meadows an. Harry und sein Bruder Bert waren die Besitzer vom 21. Hill sagte: ‚Hier ist Bill. Ich habe gehört, ihr hattet Schwierigkeiten. Keine Sorge, ich kümmere mich darum. Es wird keinen weiteren Ärger geben. Ich erledige das sofort. ’ Dann warf er mir 3oo Pfund zu und sagte: ‚Nimm das Kleingeld, Junge. Es wäre teurer für mich, wenn ich jemanden hingeschickt hätte um ihnen zu zeigen dass sie mich brauchen. ’ Am nächsten Tag ging er zu den Meadows und holte sich fünf Riesen. Er machte den Brüdern klar, dass ihr Laden besonders schutzbedürftig sei. Für mich war Bill immer der professionelle Gangster schlechthin. Ich glaube, in manchen Sachen bin ich ihm nahegekommen. Aber auf anderen Gebieten steht er allein, ein Monument. Es wird nie wieder einen geben wie ihn.“
Die Twins mischten sich nicht zu sehr in den Krieg der beiden ehemaligen Freunde. Sie ahnten, dass das Ende des Krieges ein Machtvakuum erzeugen würde, in das sie selbst eindringen könnten. Nur war das Westend etwas anderes. Wie Peru vor Pizarro schien es vor ihnen zu liegen und darauf zu warten, tüchtig abgemolken zu werden. Noch hatten sie nicht begriffen, wie im Westend das Spiel gespielt wird. Und dass sie es nie wirklich begreifen wollten und als Eastender vielleicht auch nicht konnten, brach ihnen am Ende das Genick.
Spot und Hill herrschten über die noch illegalen Spielhöllen und Klubs, durch Diskretion. Keine Schießereien um Marktanteile störten die verbotenen Vergnügungen. Ihre Macht lag in den Schlachten, die sie vermieden. Alle ehrgeizigen Bemühungen Ronnies, eine Allianz mit einer Westendgang herzustellen scheiterten. Der brutale Ruf der Krays sorgte dafür, dass sich das Westend geschlossen gegen sie stellte. Die Stärke des Westmobs war es, Gewalt zu vermeiden. Nur das garantierte ein florierendes Geschäft und Ruhe vor der Polizei. Die besseren Leute aus dem Westend wollten ruhig und diskret ihren Lastern nachgehen können und nicht in Gangsterkriege mit ungehobelten Eastendern verwickelt werden. Spot und Hill mit ihren gepflegten Umgangsformen wussten, dass Gewalttätigkeiten nicht in die Klubszene des Adels und der reichen Möchtegerne gehörten. Das machte sie respektabel und sorgte für ein gutes Verhältnis zur Polizei. Denn jede Polizei weiß, dass die Kriminalität unausrottbar ist. Solange aber der einfache Bürger nicht offen mit ihr konfrontiert wird und clevere Bosse für Ruhe und Ordnung sorgen, ist friedliche Koexistenz möglich. Für die Krays und ihren pathologischen Bullenhass war eine friedliche Allianz mit der Polizei unvorstellbar. Eintritt verboten, vorläufig.
Während Ronnie fröhlich pfeifend seine Kugeln zu Dum-Dum-Geschossen ritzte, lernte Reggie, wie ein echter Geschäftsmann zu denken.

Crime, London, England, Circa 1960’s, The Kray Twins, Reg (left) and Ronnie Kray smoking a cigarette and drinking tea (Photo by Popperfoto via Getty Images/Getty Images)
Aber schließlich erwischten sie ihn doch. Wegen schwerer Körperverletzung wurde er Ende 56 zu drei Jahren verurteilt. Ronnie hatte damit keine Probleme. Er war der König des Knasts. Sein Bruder versorgte ihn ordentlich mit Tabak und Kaffee, die internationale Knastwährung.
Währenddessen legte Geschäftsmann Reggie weitere Grundsteine fürs Krays-Imperium. Er eröffnete nacheinander zwei erfolgreiche Klubs, den Double R-Club in der Bow Road und das Kentucky auf Mile End Road. Der Double-R-Club war der einzige Saloon im Eastend, in den Männer auch ihre Frauen mitbringen konnten, ohne dass sie angepöbelt wurden.
Reggie sorgte schon dafür, dass es in seinem Laden gesittet zuging.

Als sie Ronnie während seines letzten Knastjahrs nach Camp Hill auf die Isle of Wight verlegt wurde, brach seine Krankheit durch. Nie wieder würde er wie vorher sein. Paranoide Schizophrenie. Er begann Wahnvorstellungen zu bekommen und hielt seinen Bruder für einen russischen Spion, der sich als Reggie Kray ausgab.
Rita, eine Cousine der Zwillinge, meinte zu mir, Schuld waren die Elektroschocks, die man ihm verpasste.
Reggie holte ihn raus.
Sie tauschten im Besucherzimmer ihre Mäntel, und Ronnie spazierte einfach in die Freiheit. Als die Wärter merkten was los war, sagte Reggie lakonisch: „Es ist eure Sache auf ihn aufzupassen, nicht meine.“
In den nächsten Jahren hatten sie immer mal wieder Ärger mit dem Gesetz, sackten aber nur kurze Haftstrafen oder Freisprüche ein. Ronnie mutierte auch äußerlich, wurde immer breiter, und die Ähnlichkeit der Zwillinge schwand. Sein Geisteszustand wurde bedenklicher. Nur Stematol und Alkohol hielten ihn einigermaßen im Gleichgewicht. Aber er rastete auch oft genug aus, und dann floss Blut.

Inzwischen kontrollierten sie auch Klubs im Westend. Sie hatten einen Nachteil zum Vorteil umgemünzt: Der schreckliche, aber auch großzügige Ronnie begann die bessere Gesellschaft zu faszinieren. Showstars, wie George Raft, Lita Roza, Diana Dors oder Judy Garland ließen sich gern mit ihnen fotografieren.
Manchmal musste Ronnie untertauchen. Dann saß er in einem völlig verdunkelten Appartement. Während er zwischen den Vorhängen aus dem Fenster nach der Polizei späte, hatte er eine Pistole in der Faust und hörte unentwegt seine Lieblingsschallplatten: die Durchhaltereden von Churchill. Wenn gar nichts mehr half, bestellte er seinen Psychiater zum Trafalger Square. Er ließ sich mit einer Sonnenbrille auf der Nase in einer dunklen Limousine hinfahren. Der Arzt stieg zu, hörte sich Ronnies Fantasien an und schrieb Rezepte aus.
Das Westend erwies sich als Goldgrube.
Die Legalisierung des Glücksspiels Anfang der 60er Jahre kam ihnen zugute: Sie beherrschten die Orte, die seit Jahren Reputation bei den Spielern genossen. Ronnie war das alles zu langweilig. Immer wieder zettelte er Schlachten an oder warf das eingenommene Geld mit vollen Händen raus.
Irgendwann fuhren sie gar nach Nigeria, um sich an einem abenteuerlichen Projekt zu beteiligen: Mitten im Dschungel sollte eine moderne Stadt aus dem Boden gestampft werden. Ronnie interessierte sich mehr für die Geheimgesellschaft der Leopardenmenschen und als der Minister fragte, was er Ronnie in Nigeria sonst noch zeigen solle, wollte dieser den Knast sehen. Der war gar nicht nach seinem Geschmack. Das Afrika-Abenteuer wurde zu einem finanziellen Fiasko. Trotzdem träumte Ronnie immer mal wieder davon, in Afrika auf Schatzsuche zu gehen oder mit einem Söldnerheer einen mittleren Staat zu erobern.
Reggie hatte inzwischen geheiratet.
Der Ehe war kein Glück beschieden. Die elf Jahre jüngere Frances Shea war eine mental instabile wohlbehütete Tochter. Reggie machte sie zu seiner Eastendprinzessin. Reibereien mit ihren Eltern und der ewige Störfaktor Ronnie sorgten schließlich dafür, dass Frances nicht mehr mit Reggie zusammenlebte. Er besuchte sie aber täglich und versuchte sie zurückzugewinnen.
Ein Eastender meinte, Frances sei verrückt gewesen.
1967 brachte sie sich nach zwei erfolglosen Versuchen mit Schlaftabletten um. In Reggie zerbrach etwas. Er begann hart zu trinken und hatte nicht mehr die Kraft, Ronnie etwas entgegenzusetzen. Kein Interesse mehr, ein angesehener Geschäftsmann zu werden. Ronnie wollte das sowieso nie. Sein erklärtes Berufsziel war schon immer Gangster.
Jetzt wurde er noch dominanter und intensivierte die Kontakte mit der amerikanischen Mafia. Gegnerische Gangs waren ausgeschaltet, und alles schien bestens zu laufen.
Aber in Südlondon tauchte eine neue Bedrohung auf: die Richardson-Gang, benannt nach zwei Brüdern, die ihre Zentrale auf einem Schrottplatz hatten.
Zu ihnen gesellte sich auch der Eastender Myers, der sich jetzt George Cornell nannte. „Abschaum“, wie Ronnie bemerkte, „ihm machte es Freude, Menschen zu quälen.“
Gegen die Richardson-Gang wirkten die Krays wie Waisenknaben, behaupteten sie jedenfalls. „Wenn wir jemanden einschüchtern wollten oder eine Rechnung zu begleichen hatten, schlugen wir ihn zusammen oder schossen ihm ins Bein. Die Richardson folterten. Ihr verdammter Schrottplatz war eine Folterkammer und Cornell ihr oberster Folterknecht.“
Erst versuchte man sich gütlich zu einigen: Keine der beiden Gangs sollte die Themse zur anderen Seite überschreiten.
Die Krays konnten keinen Ärger gebrauchen. Sie kamen gerade mit der amerikanischen Mafia richtig ins Geschäft, und die würde einen Gangsterkrieg gar nicht zu schätzen wissen. Aber die Richardsons gaben keine Ruhe.
Cornell, der von Ronnie mal einen Korb bekommen hatte als er ins Pornogeschäft einstieg, stachelte sie immer wieder auf. Die Zwillinge hatten ihre Spione überall, auch in Südlondon. Sie bereiteten sich auf einen unvermeidbaren Krieg vor. Ronnie putzte seine neuen Maschinenpistolen und war bester Laune.
„Sie hatten sich von unten hochgearbeitet. Und wer einmal oben sitzt, der lässt sich die Zügel nicht mehr aus der Hand reißen. Man überrollt den Feind, man zermalmt ihn unter den Rädern“, wie es bei William Kennedy heißt.
Nach einigen kleineren Plänkeleien, schickten die Richardsons ein Rollkommando:
Am 8. März 1966 stürmte die Gang Mr.Smith’s Club an der London-Eastbourne Road in Catford. Sie waren der Fehlinformation aufgesessen, dass die Krays und ihre Firma dort wären. Aber nur lokale Gangster und ein einziges Firmenmitglied, Richard Hart, labten sich an Getränken oder zockten bei Mr.Smith.
Zur Überraschung der Richardsons ballerten die einheimischen Gangster respektlos zurück. Eine echte Filmschießerei, in der sich die Combatanten hinter Black-Jack-Tischen verbarrikadierten.
Als die Polizei eintraf, waren Eddie Richardson und sein Hitman Frankie Fraser schwer verwundet.
Die Polizei steckte die ganze Gang in den Knast, bis auf George Cornell, der rechtzeitig entwischen konnte. „Die Natter kroch unbemerkt durchs Gras vondannen“, wie es Ronnie sah.
Ein Toter blieb zurück: Richard Hart, Firmenangehöriger. Jetzt hätten die Krays es wirklich in der Hand gehabt: Ihre schlimmsten Rivalen hatten sich selbst schachmatt gesetzt, und sie hätten lässig ihr Königreich bis Brixton ausdehnen können.
Stattdessen tobte Ronnie vor Wut: Einer seiner Leute war umgelegt worden. Das konnte er nicht hinnehmen. Außerdem hatte Cornell ihn öffentlich eine „fette Tunte“ genannt. Dumm wie Cornell wohl war, setzte er sich am nächsten Tag mitten im Herzen von Krays-County in den Blind Beggar. Ronnie hörte es, ließ sich hinfahren, ging durch den ganzen Pub auf Cornell zu und schoß ihm mit seiner 9mm Mauser zu den Juke-Box-Klängen von THE SUN AIN’T GONNA SHINE ANY MORE der Walker Brothers in den Kopf.

..und nach dem Besuch des Blind Beggar.
P.S.: George Cornell’s son breaks 50-year silence: „I hate the Krays but people who hero worship them are worse“https://www.mirror.co.uk/news/uk-news/george-cornells-son-breaks-50-7571399
FORTSETZUNG FOLGT
Filed under: Brit Noir, Die Krays, GANGS OF LONDON, True Crime | Schlagwörter: Brit Noir, Die Krays, Gangster, London, Mythos
Wer in Londons Eastend geht, kommt nicht an ihnen vorbei. Ihr Mythos lebt fort, hat eine ganze Memorabila-Industrie geschaffen. Ihre Geschichte gehört zur britischen Folklore, der immer neue Fernseh- und Kino-Filme und Bücher gewidmet werden: die furchtbaren Zwillinge, die bekanntesten Gangster Britanniens, die Krays.
Sie waren die Könige der Unterwelt, wurden gefeiert wie Pop- Stars – und saßen für einen nachgewiesenen Mord länger im Gefängnis als jeder andere Täter im Königreich: Ronnie, der 1995 starb 27 Jahre, Reggie 31 Jahre. Reggie starb 2000 immerhin kurzfristig in Freiheit. Sechs Wochen nachdem man ihn wegen seiner Krebserkrankung rausgelassen hatte.
Ronnie hatte die größte Beerdigung auf der Insel seit der Grabtragung von Winston Churchill.
1995: Das gesamte Londoner Eastend war auf den Beinen, als Ende 1995 Ronnie Kray zur letzten Ruhe getragen wurde. Dem Gangsterkönig wurde eine letzte Ehre zu teil, wie sie sonst nur Königen, Staatsmännern oder Pop-Stars erfahren. Tatsächlich waren und sind die Krays-Zwillinge soetwas wie Pop-Stars.
Über Reggie Kray etwa dichtete Morrissey den Pop-Song „Last of the Famous Playboys“; die Bücher über die Könige der Londoner Unterwelt sind nicht mehr zu zählen und 1990 spielten Spandau Ballets Martin und Gary Kemp in dem Kinofilm DIE KRAYS die Zwillinge. Die Krays sind ein moderner Mythos, die 20th Century Robin Hoods, der nach wie vor die Engländer beschäftigt. Besonders die Londoner, die im Ostteil, dem legendären Eastend, wohnen.

Eine gläserne viktorianische Kutsche mit sechs Rappen vorgespannt donnert die Straße hinunter, die von tausenden von Eastendern gesäumt ist. Dahinter 46 schwarze Limousinen; von St.Matthew’s Church in Bethnal Green zum Friedhof von Chingford.
Die letzte Fahrt des Colonels.
Über 50 000 Leute am Wegesrand, erfahre ich später. Ich höre, wie zwei ziemlich harte Burschen neben mir über Joe Pyle reden.
Ich wende mich ihnen schüchtern zu und frage nach Joe. Misstrauen. Knapp rechtfertige ich mich mit meiner deutschen Herkunft und das ich Joe bei Reggie kennengelernt habe. Das Misstrauen verwandelt sich in Herzlichkeit.
Erstmal werde ich zu eine der zahlreichen Leichenfeiern eingeladen, die sich heute und morgen wie eine Brandrodung von Whitechapel bis Stoke Newington fressen.
Die größte Feier seit dem Ende des 2.Weltkriegs.
Leider ohne Joe. Joe ist im Knast. Hatte seine Hände bis zu den Achselhöhlen im Schnee. Wahrscheinlich wird Reggie vor ihm raus sein. Falls sie Reggie überhaupt jemals rauslassen.
Die beiden tough guys heißen Ducky und Roger und nehmen mich begeistert unter ihre Fittiche. Ducky betreibt – das kommt so nach und nach raus – ein Underground-Kaufhaus; Roger macht „so dies und das. Was gerade anfällt“. Natürlich kannten sie den Colonel. Sind aber zu jung um ihn bewusst in Freiheit bei der Arbeit erlebt zu haben. Und irgendwelche Geschäfte, die mit Reggie zusammenhängen, betreiben sie auch.
Aber dies ist nicht der Tag um über Geschäfte zu reden. Es ist der Tag, um die letzte Reise des Colonels mit Sturzbächen von Bitter und irischen Whisky zu feiern. Ein Tag, der in die Annalen des Eastends eingehen wird als der Tag, an dem mehr Alkohol umgesetzt wurde als 1966 nach dem World Cup.
1990: Hinter der City beginnt Eastend. Dort wird das bekannte Klischeelondon zu einer anderen Welt. Wie Flüsse durch den Dschungel ziehen sich die breiten Straßen, die Commercial Road, die Whitechapel Road oder Mile End Road. Auf ihnen kann der Westender in seiner Limousine hastig das Gebiet feindlicher Stämme durchqueren. Hinter den breiten Straßen, an denen man Pubs und Kramläden findet, die eigentlich unter Denkmalschutz stehen müssten, öffnet sich ein Labyrinth schmaler Gassen voller unbequemer Wohnhäuser, Eckläden, kleine Märkte, Eisenbahnbrücken, Abbruchhäusern.
An manchen Ecken sieht es so aus, als würde die Nachkriegszeit nie enden. Man braucht schon einen Spezialstadtplan (oder LONDON AZ in der dicken Ausgabe), um Bethnal Green, Whitechapel, Stepney oder Poplar verzeichnet zu finden. Die Arroganz der Westender lässt London fast auf jeder Karte hinter Liverpool Street Station enden.
Ein buntes Rassengemisch schiebt sich durch die nicht nur trostlosen Gassen. Das war schon immer so: Das Eastend gehört den armen Einwanderern seit Jahrhunderten. Dickens und Marx trieben sich in diesen Straßen herum und fanden genug Stoff, um an einer gottgewollten Ordnung zu zweifeln. Es ist ein mythischer Ort: In den dunklen Gassen von Whitechapel hatte Jack the Ripper seine Opfer gesucht. Und wenn man nach Limehouse geht, hält man unwillkürlich nach chinesischen Opiumhöhlen Ausschau und würde sich nicht wundern, wenn zwischen den maroden Lagerhäusern plötzlich Dr.Fu-Manchu mit seinen Halsabschneidern auftauchte.
Hier trieb sich 1902 auch Jack London herum. Der nietzscheanische Sozialist lebte in bester Walraff-Manier mit den Ärmsten der Armen, um seine aufrüttelnde Sozialreportage PEOPLE OF THE ABYSS (MENSCHEN AM ABGRUND) zu schreiben.
Das Eastend ist eine Welt für sich, eine Welt, die viele Londoner aus dem Westend ihr Leben lang nicht betreten. Inmitten von Straßenzügen alter Arbeiterhäuser erhebt sich manchmal völlig unmotiviert ein 70er Jahre Hochhaus und man weiß nicht, was übler ist: die kleinen abgewrackten Klinkerhäuser, in denen es der Hausschwamm zur Ehrenmitgliedschaft der Apothekerkammer gebracht hat, oder die dünnwandigen Menschensilos, die zu Kopfsprüngen aus dem zehnten Stockwerk einladen.
Bei Sonnenwetter kann man es hier gerade noch aushalten. Aber wenn sich im November schwere, schwarze Gewitterwolken tiefhängend von der Themse langsam nordwärts schieben und Mile End Road in ein fast strahlend violettes Licht getaucht ist, gibt es wenig faszinierendere Flecken auf diesem Planeten. Falls man nicht Golf GTi-Fahrer oder Tennisspieler ist und Boss-Anzüge für den Sinn der Zivilisation hält.
Im Eastend hielt und hält man nicht viel von staatlicher Autorität. Mit dem Staat hat man hier nichts am Hut. Denn keinem Eastender hat er je was Gutes getan. Hier herrschen eigene Gesetze, wie in einem kleinen, unbesetzten Dorf in Gallien. Wenn es Ärger gibt – und den gab und gibt es oft – ruft man nicht nach dem Copper. Das regelt man unter sich.

Tatsächlich sehen die Polizeistationen, etwa Bow Police Station, wie verbarrikadierte Steinforts aus. Allerdings sucht man vergeblich an diesen klirrend stillen Trutzburgen nach der Zugbrücke. Bobbys sieht man so gut wie nie die Straße entlang schlendern. Sie wären eine Provokation. Und rauszukriegen ist für die Bullen sowieso nichts; da können sie so viele Fahndungsplakate an ihre eisernen Revierzäune hängen, wie sie wollen. Es gibt ihn noch immer, den Wall of Silence.
Während des 2.Weltkriegs war hier ein Hort der Fahnenflüchtigen und Deserteure. Zur Armee ging nur derjenige, der als Boxchamp schneller vorankommen wollte. Nachbarschaftshilfe hieß das soziale Netz, und Flüchtigen Unterschlupf zu gewähren, war Ehrensache. Mile End und das Elternhaus der Krays hatten denselben Spitznamen: Deserters end. Es gab mehr Deserteure als Toiletten mit Wasserspülung. Nirgendwo in England war und ist die Arbeitslosigkeit höher, die Löhne niedriger und die Verachtung für die Regierung, jeder Regierung, stärker.
Die Männer, wenn sie nicht gerade einem unwürdigen Job nachlaufen, sich prügeln, Kinder machen oder krummen Geschäften und kleinsten Versicherungsgaunereien nachgehen, hängen in den Pubs, Wettbuden oder den Social Clubs rum. Es sind die starken Frauen, die seit Äonen im Eastend das Überleben organisieren, die Brut voller Liebe hochziehen und gelegentlich ein blaues Auge kassieren, wenn der Alte besoffen heimkommt und aus der Zuckerdose das restliche Haushaltsgeld rausholt. Hier lebt man mit dem Rücken an der Wand, und ein Wettgewinn wird nie mehr sein als ein paar Tage Freidrinks für die Kumpel im Pub.
Wenn man den Sensationsjournalisten und den bigotten Moralverwaltern des britischen Bürgertums Glauben schenken will, dann tat sich am 24. Oktober 1933 der Schlund der Hölle auf und spuckte eine Teufelsbrut aus. Reggie und Ronnie Kray waren im Diesseits angekommen, um jeden anständigen Sun-Leser mit wohligen Schauern zu versorgen.
Ihre Kindheit verbrachten sie in der Vallance Road 178, direkt neben den Bahngleisen. Wirtschaftlich ging es der Familie miserabel. Während des 2.Weltkrieges begann für ihren Vater, einem kleinen Geschäftemacher, eine zwölfjährige Odyssee als Deserteur. Aber man hielt ja zusammen. Und nicht nur Tante Rose, die ein Haus weiter lebte, sorgte dafür, dass man Charles Kray nicht erwischte. “Mein alter Herr war der Meinung, dass er lieber seine Familie durchfüttern wollte, als für die Regierung Krieg zu spielen“, verteidigt ihn Reg heute.
Immer wieder durchstöberte die Polizei Haus und Viertel auf der Suche nach Deserteuren. Die Zwillinge entwickelten früh. Hass auf die Staatsgewalt und eine ungewöhnlich starke Mutterbindung. Mit dem ständig abwesenden Vater und dem älteren Bruder Charly, dem sie sich auf Grund ihrer eigenen telepathischen Kommunikationsfähigkeit schon früh überlegen fühlten, erlebten sie eine von starken Frauen dominierte Kindheit.
Sie liebten ihre Mutter abgöttisch. Bei Tante Rose war Klein-Ronnie dem Bruder eine Sympathielänge voraus. Eines Tages sagte sie ihm unter Tränen: “Weißt du, was deine zusammengewachsenen Augenbrauen bedeuten? Dass du hängen wirst.“
Bruder Charly brachte sie zum Boxen. Beide hatten Talent, und Reggie sagte man eine große Zukunft voraus. Er war dann auch kurze Zeit Berufsboxer und verließ den Ring unbesiegt, um künftig lohnendere Aufgaben in Angriff zu nehmen. Sie wuchsen in den Straßengangs des Eastends heran, machten sich als harte Burschen schnell einen Namen. Es gehört zu jeder guten Slumsozialisation, dass sich Straßenbanden gegenseitig die Schädel einschlagen.
Was sie von den anderen Rabauken unterschied, war ihr blindes Verständnis füreinander und ihre völlige Skrupellosigkeit bei den Bandenkriegen. Sie führten die Jugendgangs an, man hatte Angst vor ihnen. Sie kämpften brutaler als alle anderen. Wenn einer am Boden lag, dann traten sie nochmal rein, und Furcht kannten sie nicht. Weder vor anderen Gangs, noch vor der Polizei. Geprägt vom Eastend, lehnten sie den Militärdienst natürlich ab und flüchteten mehrmals aus dem Militärgefängnis, bevor sie nach einer Haftstrafe aus der Armee geschmissen wurden.
Eine Weile trieben sie sich im Westend herum. Im 2.Stock eines großen Hotels hinter Piccadilly Circus schlugen sie sich die Nächte um die Ohren, still und lächelnd in einer Ecke sitzend. Hier verkehrten die Berufsverbrecher des Westends. Keine naiven Straßenschläger, sondern professionelle Diebe, Zuhälter, Ein- und Knochenbrecher. Die Zwillinge hörten zu und lernten. Wissbegierige junge Leute auf der Abendschule der Unterwelt.
Sie warteten auf ihre Chance, und ihre Chance kam natürlich.
1954 entdeckten sie eine Billardhalle an der Ecke Eric Street, Mile End Road, das Regal. Ein ehemaliges Kino, dass in den 30er Jahren, während eines Snooker-Booms zu einer Halle mit 14 Tischen umgebaut worden war.
Das „Regal“ war ganz klar auf dem Weg nach unten (heute ist es ein mit starken Gittern gesichertes Fernsehgeschäft, bei dem man den Verdacht nicht loswird, dass einem der grinsende Pakistani hinterm Tresen auch noch andere Handfeuerwaffen als Fernbedienungen besorgen kann).
Kleinere Banden trafen sich hier, prügelten sich über die mit Zigarettenlöchern übersäten Tische und erpressten Schutzgeld vom Manager, der bei den Versicherungen längst nur noch Spott und Hohn ausgezahlt bekam. Die Krays boten dem Schwergeprüften fünf Pfund wöchentlich, wenn er ihnen den Laden überließ. Der Ärger hörte schlagartig auf. Ronnie: „Man hat behauptet, wir hätten den Ärger selbst inszeniert, um das Regal übernehmen zu können. Quatsch. Da war schon der Teufel los, als wir noch keinen Blick darauf geworfen hatten.“
Zu ihrem großen Vergnügen versuchten Malteser Racketeers Schutzgeld von ihnen zu erpressen. Ronnie holte ein gewaltiges Entermesser hinterm Tresen hervor und ging auf die Malteser los, die fluchtartig zu ihrem Auto hetzten. Bevor sie im Wagen entkommen konnten, hatte Ronnie ihnen ein Ohr abgeschnitten und Scheinwerfer, Kotflügel und Heckscheiben zerhackt. Er war immer bereit, etwas für seinen Ruf zu tun.
Spätestens jetzt ging ihnen auf, dass man nicht nur Bier, sondern auch Schutz verkaufen konnte. Das Regal wurde schnell zum Treff der wilden Adoleszenzstämme und von Kleinkriminellen, die sich der Autorität der Krays unterwarfen. Ronnie, der seine Homosexualität offen zeigte, mochte es, im Kreise junger Männer zu sitzen und zu trinken. Die Atmosphäre der in schummriges Licht getauchten Billardhalle erinnerte ihn an seine geliebten Gangsterfilme. Manchmal verteilte er Zigaretten und forderte: „Los, raucht. Es ist nicht genug Qualm im Saal.“
Das Regal wurde zu einem wohlerzogenen Ort, an dem kleine Gauner Geschäfte ausmachen konnten oder die Sore den Zwillingen zum Verkauf anboten. Ärger gab es kaum. Wer wollte sich schon mit den kommenden Leuten anlegen? Sehr zum Verdruss von Ronnie, der sich zu langweilen begann und von großen Schlachten träumte. Wenn es ihm gar zu öde wurde, was mindestens einmal pro Woche der Fall war, sammelte er die jugendlichen Schläger um sich, und dann zogen sie in einen Pub. Natürlich nur in Pubs, wo sie garantiert mit anderen Banden aus Heckney oder Poplar aneinandergeraten konnten.
Noch bei meinem Besuch erinnerte sich Reg verklärt: „Es war eine wundervolle und wilde Zeit. Aber wir waren keine Gangster, wir waren nicht schlimmer als Teddy Boys.“
Ronnie verehrte Leute wie Lawrence von Arabien, Churchill oder Gordon of Khartoum. Er entwickelte militärischen Ehrgeiz und plante mit Talent strategisch ausgefuchste Straßenschlachten. Hinterhalte auszuhecken, wurde zur Leidenschaft, und er führte seine Gang wie ein General. Als einer seiner Leute zu ihm sagte, du benimmst dich wie ein verdammter Colonel, gefiel ihm das so gut, dass der Spitzname bis heute an ihm hängengeblieben ist.
FORTSETZUNG FOLGT
Filed under: Brit Noir, GUILT, TV, TV-Serien | Schlagwörter: Brit Noir, GUILT-KEINER IST SCHULD, TV, TV-Serie
Wer ein Faible für Tartan Noir hat (gemischt mit bösartigsten schwarzen Humor), der sollte morgen (Donnerstag) keinesfalls versäumen, sich auf ARTE den britischen Vierteiler GUILT anzusehen (auch verfügbar über die ARTE-Mediathek). 2.9. ab 22.00 Uhr.
Guilt – Keiner ist schuld
Walter sei friedlich eingeschlafen, heißt es in der Todesanzeige. Zumindest tun Jake und sein älterer Bruder Max, alles dafür, dass es so aussieht. Denn nur wenige Tage zuvor haben sie den Rentner Walter aus Versehen tödlich angefahren … – Für Robert McKillops gelungene Miniserie gab es 2020 bei den BAFTA Scotland Awards den Preis für die beste Regie/Fiktion.
Wenn du schuldig bist, musst du dich auch schuldig fühlen?
Die Antwort auf diese Frage könnten der Mittdreißiger Jake und sein älterer Bruder Max nicht unterschiedlicher beantworten. So verschieden, wie ihre Persönlichkeiten sind, gehen sie auch mit der Tatsache um, dass sie aus Versehen auf dem Rückweg von einer Hochzeit den Rentner Walter vor seiner eigenen Haustür in Edinburgh tödlich angefahren haben. Der Fahrer Jake wird schnell von den Anwaltsreflexen seines Bruders Max überzeugt, nicht zur Polizei zu gehen.
Panisch setzen die beiden Brüder den Leichnam von Walter in seinen Fernsehsessel, als ob der unheilbar an Krebs erkrankte alte Mann dort seinen letzten Atemzug getan hätte. Doch ihr Plan gerät ins Wanken, als der bereits mit Gewissensbissen geplagte Jake wenige Tage später in seinem Plattenladen auch noch einen Anruf vom Anwalt des Verstorbenen bekommt, dass seine Brieftasche im Haus von Walter gefunden wurde. Für die Brüder heißt es nun, sich ein Lügengerüst aufzubauen und damit ausgestattet zur Trauerfeier zu gehen.
Max drängt Jake, Walters einziges Familienmitglied, seine Nichte Angie, die extra aus Chicago eingeflogen ist, zu überzeugen, dass ihr Onkel friedlich eingeschlafen ist. Jake gibt dabei vollen Körpereinsatz, doch selbst das bringt Angie nicht davon ab, ihrem Bauchgefühl nachzugehen und einen Privatermittler engagieren zu wollen. Wie gut, dass Max genau den richtigen Ermittler kennt: Kenny, der praktischerweise massive Alkoholprobleme hat und deshalb einen Klumpen Erde nicht mehr von einem Knopf unterscheiden könnte. Doch manchmal ändern sich Menschen von jetzt auf gleich! So auch Kenny – und Max und Jake müssen erkennen, dass die wenigsten Dinge im Leben kontrollierbar sind, wie sehr sie es auch versuchen …
Regie : Robert McKillop
Drehbuch : Neil Forsyth
Produktion : Expectation,Happy Tramp North
Produzent : Jules Hussey
Kamera : Nanu Segal
Schnitt : Nikki McChristie
Musik : Arthur Sharpe
Mit :
Mark Bonnar (Max McCall)
Jamie Sives (Jake McCall)
Ruth Bradley (Angie Curtis)
Siân Brooke (Claire McCall)
Emun Elliott (Kenny Burns)
Ellie Haddington (Sheila Gemmell)
Joe Donnelly (Walter)
Großbritannien 2019
Filed under: Brit Noir, David Peace, Noir, Politik & Geschichte, Rezensionen | Schlagwörter: Brit Noir, David Peace, James Ellroy, Mark Fisher, Noir, Tokio
In seinem lang erwarteten neuen Roman erzählt David Peace von einem mysteriösen Todesfall, in den höchste Kreise verwickelt sind, und von einer Verbrecherjagd, die ein ganzes Land in Atem hält. Manchmal darf die Wahrheit nicht ans Licht kommen, weil die Nacht sonst ewig währt.
Tokio, 5. Juli 1949. Sadanori Shimoyama, Präsident der Nationalen Japanischen Eisenbahngesellschaft, verschwindet spurlos – einen Tag nachdem er die Entlassung von 30.000 Angestellten verkünden musste. Die amerikanischen Besatzer führen in dem kriegsversehrten, gedemütigten Land umfassende Reformen durch, ohne Rücksicht auf Verluste. Auf den Straßen herrschen Gewalt und Chaos, die Kommunisten gewinnen an Einfluss, was die Amerikaner mit allen Mitteln verhindern wollen.
Detective Harry Sweeney aus der Abteilung für öffentliche Sicherheit leitet die Vermisstensuche- auf direkten Befehl von General MacArthurs Hauptquartier. Doch dann wird der verstümmelte Leichnam Shimoyamas gefunden. Der Präsident der Nationalen Eisenbahngesellschaft wurde von einem Zug überrollt. Hat er Selbstmord begangen, aus Verzweiflung darüber, Abertausende Menschen ins Elend zu stürzen? Oder waren die Kommunisten für seinen Tod verantwortlich? Der Krieg ist vorbei, aber die dunklen Schatten der Vergangenheit werden immer länger …
Tokio, neue Stadt
Roman
Aus dem Englischen von
Peter Torberg
432 Seiten, € 24,00
Gebunden mit Schutzumschlag
ISBN
978-3-95438-127-2
Auch als eBook erhältlich
Die frühe Nachkriegszeit in Japan war chaotischer und turbulenter als in Deutschland. Die amerikanischen Besatzer führten ein brutales Regime, beherrscht von Rassismus und vor allem der Angst vor dem Kommunismus. Sie brachten japanische Kriegsverbrecher wieder in Brot und Arbeit und nutzten die organisierte Kriminalität der Yakuza für den Kampf gegen Gewerkschaften und alles, was der Soziopath und oberste Besatzer General MacArthur als links definierte.
Vor diesem Hintergrund siedelt der britische Autor David Peace seine Tokio-Trilogie an, dessen letzter Roman TOKIO NEUE STADT (TOKIO REDUX) soeben erschienen ist. Peace lebte 15 Jahre in Tokio, und das spürt man: Sein Tokio ist kein touristisches Klischee und die japanische Mentalität, soweit ich das von außen beurteilen kann, zugänglich dargestellt.
Allen Romanen liegen tatsächliche Kriminalfälle zugrunde und beleuchten unterschiedliche Zeitebenen. Wie sein Idol James Ellroy ist Peace von der Vergangenheit besessen: „Das Gute an der Gegenwart ist, dass sie sehr schnell Vergangenheit wird.“
In TOKIO NEUE STADT sind es drei Zeitebenen, die aus der Perspektive von drei Männern erzählt werden: 1949 von US-Ermittler Sweeney, 1964 von Privatdetektiv Murota Hideki und 1988 von dem in Japan lebenden Lehrer Donald Reichenbach. Drei Männer werden in drei unterschiedlichen Zeiten aus unterschiedlichen Gründen von demselben Mysterium beherrscht.
An dem Roman arbeitete er lange Zeit: „Redux. I’ve been working on it for 10 years and the various abandoned drafts must run to well over half a million words. Redux has been a big part of these last 15 years, neglected at times because of some of the changes during those years. The routine has fundamentally remained the same: I work from eight to four, seven days a week. But I’m much less confident in my writing than I used to be, and often feel paralysed by doubt.”
Der 1967 geborene Autor gilt seit seinem RED RIDING HOOD-Quartett als ein Erneuerer und als Hoffnung der Noir-Literatur, die stilistisch seit Jean-Patrick Manchette, Derek Raymond, James Sallis und wenigen weiteren nicht besonders innovativ ist. Kolja Mensing sagte in einer Rezension: „David Peace größter Verdienst besteht sicherlich darin, dem Thriller seine gesellschaftliche Relevanz zurückgegeben zu haben. Das „Red Riding Quartett“ ist mehr als nur eine literarisch avancierte Revision der „Yorkshire Ripper“- Morde, sondern eine mentalitätsgeschichtliche Studie Großbritanniens zwischen 1974 und 1982.“
Das ehemalige Mitglied der Kommunistischen Partei spiegelt in seinem Lebenslauf dabei ironischerweise die Deterritorialisierung des Kapitals wider: Mit 24 Jahren ging er als Englischlehrer nach Istanbul, drei Jahre später, 1994, nach Japan. Als er nach Tokio kam, sprach er kein Wort Japanisch; inzwischen spricht er es fließend, kann es aber kaum lesen.
„I didn’t know too much about Tokyo before I arrived, but I had seen Kurosawa’s film version of Ryunosuke Akutagawa’s „Rashômon“ and so bought the author’s collected stories. But the one that really caught my eye was not „Rashômon“; it was called „In a Grove“, which is essentially an account of a rape and murder told from six different and conflicting perspectives. It’s stayed with me ever since.“
Vereinsamt in der fremden Stadt, schrieb er in seiner kleinen Wohnung das, was sein erster Roman werden sollte. Er schickte das Manuskript jahrelang herum und bekam nur Ablehnungsschreiben.
Als es dann 1999 als erster Band seiner Yorkshire-Tetralogie doch noch veröffentlicht wurde, war seine Zielsetzung klar: es sollte eine Chronik des politischen Scheiterns werden.
Er blieb in Japan, heiratete eine Japanerin, mit der er zwei Kinder hat. Die Kultur schlug ihn in seinen Bann, insbesondere der Shintoismus. Besonders die Vorstellung, dass Räume von ihren Geistern beherrscht werden, fasziniert ihn und schlägt sich in seiner Literatur nieder.
Ein weiterer Grund bestätigt ihn darin, sich mit der japanischen Zeitgeschichte zu befassen: „for obvious reasons not too much interest in the 20th century for most people here.“
Das gilt bis hinauf zur Regierung, wie sich hervorstechend an dem Vorgängerroman TOKIO, BESETZTE STADT über die gigantischen bio-chemischen und Folter-Verbrechen der Unit 731 festmachen lässt: Die japanische Regierung leugnete die Existenz der Einheit 731 bis in die späten 1990er Jahre, verweigert bis heute eine Erörterung ihrer Taten und hält entsprechendes Archivmaterial unter Verschluss.
„I was drawn to writing about individuals and societies in moments that are often extreme, and often at times of defeat, be they personal or broader, or both.”
Sein Stil scheint auch durch seine jugendliche “Musikkarriere” beeinflusst. Er war Sänger in einer Pub-Band und schrieb auch die Lyrics. “- and then there was an obsession with Joy Division, and all that, dead poets…
But while people a little older than me were radicalised by the Clash, I was de-radicalised by the Sisters of Mercy, and became more interested in clubs and going out drinking. That said, by the time of the miners‘ strike, there was never any question of not supporting them, and my band played benefit gigs.“
Um seine historischen Perspektiven zu vertiefen, benutzt Peace ein selten gebräuchliches Stilmittel: Er setzt keine Zitat- oder Anführungszeichen. Wahrscheinlich um den Dialog nicht aus dem historischen Fluss zu reißen und somit weniger gegenwärtig erscheinen zu lassen. Den Verzicht auf Anführungszeichen findet man ebenfalls bei Cormac McCarthy oder William Gray.
Der Peace-Fan Mark Fisher beschrieb dessen Arbeitsweise oder Stil so:
„Peace stellte die Dramatik wieder her, indem er alles im Nachhinein gewonnene Wissen ausschließt. Die Ereignisse treten einem entgegen, wie als würden sie zum ersten Mal geschehen, und zwar ohne den lindernden Schutzschild eines allwissenden Erzählers.“
Auch der Noveau Roman dürfte ihn beeinflusst haben, dessen Maxime war ja die Diskrepanz zwischen dem eigenen Erleben und der angeblich unbefriedigenden Darstellung im Roman. Peace scheint da Michel Butors Forderung einer „kritischen Untersuchung der Wirklichkeitskenntnis“ zu folgen. Als Strategie hatte Jean Ricardou gefordert, aus dem Roman „das Abenteuer des Berichtens“ zu machen und „Den modernen Text lesen heißt, nicht einer Illusion von Wirklichkeit anheimzufallen, sondern der Wirklichkeit des Textes Aufmerksamkeit zu schenken“.
Entscheidend für sein frühes Werk nennt David Peace den Eindruck, den der Stakkato-Stil in WHITE JAZZ von James Ellroy bei ihm hinterlassen hat. Mit Ellroys Idiosynkrasie verbindet ihn auch die eigenwillige Synthese aus Fakten & Fiktion zu einer Art konspirativen Zeitgeschichtsinterpretation (dies ist keinesfalls abwertend gemeint, insbesondere angesichts der verlogenen und verschweigenden „offiziellen“ Geschichtsdarstellungen).
„White Jazz was the Sex Pistols for me. It reinvented crime writing and I realised that, if you want to write the best crime book, then you have to write better than Ellroy.“
Was sie unterscheidet, sind die politischen Haltungen: Ellroy ist ein Reaktionär, Peace ein Linker.
Er selbst beschreibt seine (gelegentliche) Arbeitsweise so: „My wife isn’t a fluent English speaker. Perhaps that has made a difference to how I write. What I do know is I walk round this room and say everything out loud over and over to get it right. Or sometimes I’ll get a kind of obsession where you will have to have in a sentence the first word as six letters, the second as five, the third as four and so on. Mad stuff.“
Im Vergleich zu den Yorkshire-Romanen wirkt TOKIO, NEUE STADT relativ konventionell erzählt, obwohl unter der Oberfläche alles lauert, was Peace zu einem unkonventionellen Schriftsteller macht.
In einem SPIEGEL ONLINE-Interview sagte Peace, dass er insgesamt 12 Romane zu schreiben gedenke, „weil mir das vor einigen Jahren klar wurde. Ich habe für alle Romane die Themen, ja sogar schon die unterzeichneten Verträge.“

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Peace: „Die großen Kriege der Gegenwart wurden von Menschen wie George W. Bush oder Tony Blair in Auftrag gegeben. Männern, die selbst nie einen Krieg erlebt haben und für die solche Gräuel deshalb abstrakt sind.
Herrn Kodaira aus „Tokio im Jahr Null“ hat es ja genau so gegeben. Er ging in Japan zur Armee und wütete schlimm in China, vergewaltigte, mordete und bekam daheim Orden. In Tokio mordete er weiter. Als das alles aufflog, richteten sie ihn hin.“
Filed under: Brit Noir, Crime Fiction, Krimis,die man gelesen haben sollte, Tom Franklin | Schlagwörter: Bill James, Frank Nowatzki, Gangster, Noir, Pulp Master, Ted Lewis, Tom Franklin
Wenn mich auch die Frühjahrsvorschauen der meisten Publikumsverlage enttäuschten (nein, nicht wirklich enttäuschten; wer enttäuscht wird, muss Erwartungen haben), fängt das Jahr doch gut an:
Frank Nowatski hat in seiner Pulp Master-Reihe endlich zwei neue Bücher herausgegeben (die Copyrights beziehen sich noch auf 2020). Angesichts der Pandemielage sind zwei neue „Präsenz-Bücher“ mal eine gute Nachricht!
Eines ist die längst überfällige Neuauflage von Ted Lewis´ SCHWERE KÖRPERVERLETZUNG (GBH, 1980). Es war der letzte Roman, den die britische Noir-Ikone zu Lebzeiten veröffentlicht hat, und ich habe ein besonderes Verhältnis zu dem Buch: 2005 adaptierte ich es als Hörspiel für den WDR. Keine besonders erfreuliche Erfahrung, denn Lewis Werk musste für den Hörfunk auf ca. 55 Minuten zusammengestutzt werden, was ihm nicht gerecht werden konnte. Da hätte man besser zwei Folgen produzieren sollen, aber dafür reichten wohl weder Budget noch Sendeplätze.
Ted Lewis selbst gilt als „Vater“ des modernen Brit Noir und sein Roman JACK´S RETURN HOME als der Klassiker des Genres. Die Verfilmung von Mike Hodges mit Michael Caine unter dem Titel GET CARTER als bester britischer Gangsterfilm. Der jung gestorbene Autor hat diese Anerkennung nicht mehr erlebt (mehr zu Ted Lewis und Brit Noir in diesem Blog unter https://martincompart.wordpress.com/category/ted-lewis/ ).
Diese Ausgabe bietet nicht nur 333 ungekürzte Seiten, sondern auch ein Vorwort des großen Derek Raymond, der inzwischen selbst eine Noir-Ikone ist.
In seinem Nachwort von 1990 erzählt er auch von seinen Begegnungen mit Lewis, den er im selben Pub erlebte, da sie damals im selben Verlag veröffentlicht wurden:
„Alles, was ich jetzt noch tun kann, ist, ihm meinen Respekt für seinen Mut zu zollen, der es ihm ermöglicht hat, so zu schreiben, wie er es tat, solange er es tat, den Horror draußen mit Begriffen seines eigenen inneren Horrors zu beschreiben, wenn nötig mit der Hilfe von Alkohol oder irgendeiner anderen Waffe, die es ihm ermöglichte, seine Sache durchzuziehen… Er ist ein Beispiel dafür, wie gefährlich das Schreiben sein kann, wenn man es ernsthaft betreibt, und Ted Lewis‘ Werke beweisen, dass er nie vor irgendwas davongerannt ist.“
KLAPPENTEXT:
George Fowler ist der Kopf eines weitverzweigten Londoner Unterweltimperiums. Pornografie, im Großbritannien der 1970er illegal, ermöglicht ihm unschätzbare Einnahmen; Gewalt und Korruption halten die Maschine in Gang. Dieses hochgefährliche Gemisch droht zu explodieren, als er herausfindet, dass einige seiner Leute in die eigene Tasche wirtschaften. Als die Situation trotz einiger Säuberungsaktionen weiter eskaliert, taucht er für eine Weile in Mablethorpe unter, einem langweiligen Kaff an der Küste, um aus der Schusslinie und aus den Schlagzeilen zu verschwinden. Dies scheint fürs Erste zu gelingen, doch wohin mit den grausamen Erinnerungen, wenn man zu viel Zeit zum Nachdenken hat? George Fowler legt sie auf Eis und gießt Scotch darüber … viel Scotch …
Lewis‘ GBH gilt auch heute noch als einer der brillantesten Kriminalromane, die in Paranoia und in den Wahnsinn der Londoner Unterwelt der späten 1970er eindringen und eine faszinierende Geschichte von Macht, Liebe, Hybris und Verrat entfesseln.
Vor der Legalisierung Anfang der 1980er Jahre war Pornographie der größte Wachstumsmarkt in England. Dank gesetzlicher Schlupflöcher konnte sie halblegal an bestimmten Orten vertrieben werden, und die Porno-Produzenten wurden in Halb- und Unterwelt so mächtig wie die Gangster früherer Jahrzehnte (Sabinis, Krays, Richardsons etc.). Michael Apted nahm sich dieses Themas bereits 1977 in seinem grandiosen Film THE SQUEEZE nach einem Roman von David Craig (d.i. James Tucker alias Bill James) an.
Insofern ist GBH über die literarische Qualität hinaus auch ein bemerkenswertes Zeitdokument.
Mit der zweiten Neuerscheinung setzt Nowatski seine Tom Franklin-Edition innerhalb von PULP MASTER fort. Die Kurzgeschichtensammlung WILDERER (POACHERS) war 1999 Franklins erste Buchveröffentlichung, und die Titelgeschichte brachte ihm einen Edgar-Allan- Poe-Preis ein.
Als herausragender Vertreter des Country Noir, Southern Gothic oder einfach der US-amerikanischen Südstaatentradition wird sein bisher schmales Werk gerne mit Cormac McCarthy oder Flannery O´Connor verglichen.
KLAPPENTEXT:
Im Süden Alabama war es einst üppig und grün. Doch der alte Süden liegt in den letzten Atemzügen, während der neue, moderne Süden das Leben der einfachen Leute in die Hand nimmt. Der Kampf um die Vorherrschaft und das ruhige, selbstbestimmte Dasein sind längst vorbei, doch die alten Wunden müssen erst noch heilen. Sie sprechen von einer Welt der Jagd und des Fischfangs, des Glücksspiels und der Niederlage, des Trinkens und Wilderns. Männer sind hier untreue Ehemänner, Wildfrevler, skrupellose Intriganten, unsympathische Mörder. Sie betrügen ihre Arbeitgeber, erpressen einander, machen Schulden, trinken zu viel und ignorieren Gesetze. Mit dieser Sammlung von zehn Geschichten gelang Tom Franklin der Durchbruch. Diese seltsame, aber faszinierende Welt ist gefüllt mit mutigen Charakteren, die verloren sind, vertrieben wurden oder sich in einer Welt gefangen fühlen, die sich längst in die Zukunft bewegt hat, bevor sie sich darauf vorbereiten konnten.
Dieser Kurzgeschichtenband bestätigt meine eingängige Bemerkung:
Welcher Großverlag würde es heute noch wagen, einen Band mit Short Stories für den deutschen Markt zu veröffentlichen? Und man kann es ihnen nicht mal verübeln: In einem Land, in dem literarische Kretins wie ein Fitzek die Bestsellerliste anführen, muss man als Wirtschaftsunternehmen das Niveau des Produkts weitgehend nach unten kalkulieren, wenn man ein Geschäft machen will. Wie es Malraux ausdrückte: „Der eigentliche Tod ist der Verfall.“
Die Figuren in Franklins Süden sind Verlorene und Gefangene in einer Welt, deren Bewegungen sie nicht verstehen. Fast so etwas wie die Typologie von Trump-Wählern.
Die Titelgeschichte ist eine Backwood-Novelle, die man fast als Hintergrundsbericht über die Hillbillys aus DELIVERANCE lesen kann.
Tom Franklin über sein Buch:
Oddly, I didn’t realize that poaching was the theme until the stories–as a collection– were nearly done. I thought the main theme was contamination, how we’re screwing up our environment. The book was originally going to be called “Don’t Touch the Ground,” after a story that we took out. The three brothers (in der Titelgeschichte) are based on the the Wiggins brothers I mention in the book’s introduction. These guys were amazing and fluid in their surroundings. They could catch any fish, kill any deer. They were like mountain men to me. I envied how at ease they seemed, where I felt alien in my childhood.
SCHWERE KÖRPERVERLETZUNG
PULP MASTER Bd.44; 1., 1. Auflage 2020 (18. Dezember 2020)
Originaltitel: G.B.H.
Deutsch von Angelika Müller
334 Seiten; 14, 80 €
ISBN 978-3-927734-04-5
WILDERER
PULP MASTER Bd.54; 1. Auflage 2020 (18. Dezember 2020)
Originaltitel : Poachers
Deutsch von Nikolas Stingl
256 Seiten; 14,80 €
ISBN 978-3-946582-07-6
Filed under: Brit Noir, Conspiracy, Crime Fiction, Elsinor Verlag, Geschichte des Polit-Thrillers, Graham Greene, Ian Fleming, James Bond, John Mair, Klassiker des Polit-Thrillers, Krimis,die man gelesen haben sollte, NEWS, NOIR-KLASSIKER, Politik & Geschichte, Spythriller, thriller | Schlagwörter: 2.Weltkrieg, Brit Noir, George Orwell, James Bond, John Mair, Klassiker des Polit-Thrillers, London, Polit-Thriller, Spionageroman, Thriller
Als Appetizer hier schon mal ein paar witzige Zitate, die einen ersten Blick auf den humoristischen Aspekt von Mairs Stil werfen:
„In einer Ecke verteidigte ein junger Unteroffizier den Wert der Keuschheit gegen den derben Humor einer älteren Dirne, und er sah nicht gut dabei aus.“
„Er zog sich in ein behagliches Wachkoma zurück und lauschte den weitschweifigen und zweifellos hochinteressanten Schilderungen aus dem Leben der Dunkelhaarigen.“
„Der Vollmond hatte schon seinen halben Weg über den Himmel zurückgelegt, und die flachen Gesichter der Häuser wirkten wie Kulissen eines kubistischen Balletts.“
„Laster unterlagen einer Überproduktion, wie anderes auch.“
„Hätte er kaltblütig gehandelt, verdiente er vermutlich zweihundert Tode – oder vielleicht auch nur vierzig; bei diesem Platon wusste man es nie so genau. Sollte es der medizinischen Wissenschaft jemals gelingen, Menschen nach einem unangenehmen Tod, sagen wir durch Ersticken, wiederzubeleben, könnte man den Täter wahrhaftig hundert Tode sterben lassen und ihn nach jeder Hinrichtung wieder aufwecken, außer nach der letzten. So ließe sich eine Art Tarifkatalog erstellen, von einem Tod für Taten im Affekt bis zu fünfhundert Toden für vorsätzlichen Raub, Unzucht und Vatermord, begangen an einem hohen Offizier, der gerade im Feld dem Feind ins Auge blickte; sollte die Berufung scheitern, wäre die Strafe zu verdoppeln.“
„Das Schaufenster präsentierte ein Durcheinander aus Büchern aller Sachgebiete, das dem Hirn eines senilen Gelehrten entsprungen sein mochte. Auf dem Ehrenplatz prangte eine gewaltige Prachtausgabe des Novum Organum von Francis Bacon, auf der einen Seite flankiert von einer deutschen Abhandlung über Vulkanismus, auf der anderen von einem illustrierten Handbuch über militärische Uniformen, in dem Offiziere mit Pomade im Haar und gewachsten Schnurrbärten wie launische Pfauen vor Landschaften posierten, in welchen Tau-sende berittener Soldaten in Rot und Weiß und in perfekter Formation in einem felsenbesetzten und von Kanonenkugeln zerfurchten Gelände zum Angriff übergingen. Rings um diese drei Zentralgestirne wimmelte ein staubiges Durcheinander aus Predigten, obskuren Dryden-Ausgaben, viktorianischen Handbüchern zur Leibesertüchtigung, alten Bänden des Spectator, antiken Theaterzetteln, Schmähschriften gegen vergessene Laster und Lobreden auf nicht weniger vergessene geistliche Tugenden. Es handelte sich um eine literarische Müllkippe, die Perlen ebenso enthielt wie Abfall – Strandgut der Grub Street aus vier Jahrhunderten.“
Als Conspiracy-Thriller ist der Roman bis heute herausragend und Maßstäbe setzend: Kein anderer mir bekannter Thriller geht ähnlich differenziert mit seinem Personal und der Verschwörungstruktur um, indem er die Haupthandlungsträger gleichermaßen negativ – oder freundlicher ausgedrückt: skeptisch – betrachtet. Mair schafft dies durch Stilmittel wie zynische Ironie, die er manchmal fast, aber nur fast, bis zur Satire treibt. Der allwissende Erzähler nimmt häufig eine spöttische Haltung ein, die auch seinen „Protagonisten“ – immerhin ein Mörder – nicht verschont. Eher das Gegenteil: Desmond Thane wird gnadenlos bloßgelegt und seziert.
Literarisch ist er ohne Nachfolger, obwohl er den modernen Paranoia-Thriller vorweggenommen hat. Am nächsten kommt ihm vielleicht noch Trevanian.
Sein früher Tod ist höchstwahrscheinlich der schlimmste Verlust für den Thriller. Sein einziger Roman ein herausragendes Leseerlebnis.
ELSINOR VERLAG: https://www.elsinor.de/elsinor/
INTERVIEW MIT DEM VERLEGER IN DIESEM BLOG (2016): https://martincompart.wordpress.com/2016/02/24/interview-mit-thomas-pago-verleger-des-elsinor-verlages/
JOHN BUCHANS DER ÜBERMENSCH: https://martincompart.wordpress.com/2015/01/09/thriller-die-man-gelesen-haben-sollte-der-ubermensch-von-john-buchan/
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