Martin Compart


Katrin Bongard über EIN DANDY IN ASPIK by Martin Compart
31. Januar 2024, 5:53 pm
Filed under: Derek Marlowe, Elsinor Verlag | Schlagwörter: , , ,

„Ein Dandy in Aspik“ von Derek Marlowe



EIN DANDY IN ASPIK by Martin Compart

Es hat eine Weile gedauert, aber endlich ist EIN DANDY IN ASPIK in der Neuauflage bei Elsinor verfügbar. Dieser Klassiker hat zwei Nachworte: Rolf Giesen erzählt die irre Geschichte der Verfilmung; ich schreibe über Leben und Werk des Derek Marlowe.

Elsinor Verlag; 1. Edition Februar 2024)
Broschiert ‏ : ‎ 232 Seiten
ISBN-10 ‏ : ‎ 3942788748
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3942788748
22,00 €

Aus dem Nachwort:

Für mögliche Bestseller gibt es drei Zeitzonen:
zu früh, zu spät und genau richtig. EIN DANDY IN ASPIK erschien ungeplant genau zum richtigen Zeitpunkt.

Als dieser Roman 1966 auf dem Höhepunkt der multimedialen Geheimagentenwelle (der Bond-Film YOU ONLY LOVE TWICE kam gerade in die Kinos) auf dem Buchmarkt erschien, war der Erfolg gigantisch. Er stürmte umgehend die englischsprachigen Bestsellerlisten und wurde in 16 Sprachen übersetzt (die deutsche Übersetzung erschien im Jahr darauf im Kurt Desch-Verlag). Hollywood kaufte die Filmrechte und begann eilends mit der Vorproduktion, um im Frühjahr des folgenden Jahres mit den Dreharbeiten zu beginnen.

Einen russischen Agenten als Protagonist und Sympathieträger auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges war wie ein Faustschlag mitten ins Gesicht der populären Kultur! Der Roman belegt einmal mehr, was John Le Carré einmal so ausdrückte: „dass es im Kalten Krieg keinen Sieg und keine Tugend gibt, sondern nur einen Zustand menschlicher Krankheit und politischen Elends“.

Der „Guardian“ listete ihn als einen der zehn besten Erstlingsromane aller Zeiten (Platz fünf) und fügte hinzu: „Das Debüt des englischen Schriftstellers Derek Marlowe war ein Bestseller, den er nie wiederholen konnte, obwohl er noch bessere Romane schreiben sollte. Er bewegte sich in verschiedenen Genres, darunter Thriller, Detektivromane und historische Romane. Es ist verblüffend, dass ein Autor von Marlowes Qualität, der ihn mit seinem Stil und seiner Sensibilität von allen Mitbewerbern abhebt, so lange vergriffen war. ” 1)

Der Plot ist großartig, aber entscheidend ist, wie er erzählt wird.
DANDY galt schon bei der Erstveröffentlichung als Klassiker. Zu seinen heutigen Fans gehören aktuelle Großmeister des Genres wie Alan Furst, der das Buch „wunderbar und grandios“ nennt oder der In Deutschland bisher leider unveröffentlichte Jeremy Duns: „EIN DANDY IN ASPIK ist ein großartiger Spionageroman: wunderschön geschrieben und voller Melancholie unter dem ironischen Humor; es ist höchste Zeit, dass er wieder aus dem Schatten tritt“.

Derek Marlowe portraitiert von Pauline Boty.

Die Swinging Sixties begannen Fahrt aufzunehmen.
Ausgehend von der explodierenden Musik-Szene entwickelten sich bei den jungen Leuten neue Subkulturen mit neuen medialen Sprachrohren und zunehmenden Einfluss bei etablierten Medien wie Film, Theater oder Mode.
Pop-Kultur wurde zu einem geradezu orientalischen Produkt mit neuen Lebensformen.

Marlowe saugte das begierig auf und wurde Mitglied einer Wohngemeinschaft, nachdem er die Universitätskarriere aufgegeben hatte. Zu der „Kommune“ gehörten auch die kommenden Erfolgsautoren Tom Stoppard und Piers Paul Read.
„Ich war nach Notting Hill Gate gezogen, es war eine dieser frühen Sixties-Kommunen-Häuser. Ich wohnte im Erdgeschoss, Tom [Stoppard] war unten im Keller, und es gab noch etwa vier bis fünf andere Leute… Ich lernte Tom sehr gut kennen, und zufällig nahmen wir beide am Berliner Kolloquium teil, das von der Ford-Stiftung für Bildhauer, Dichter, Schriftsteller und Dramatiker eingerichtet wurde, um neun Monate in West-Berlin zu verbringen.“
Ein entscheidender Impuls für A DANDY IN ASPIC. …

Auch die Rolling Stones hatten ihre Finger im Spiel. Gallagher: „Als ich ihn 1984 interviewte, erzählte mir Marlowe, wie seine Karriere mit einer Wette begann. Eine Wette zwischen drei jungen Schriftstellern, die zusammen in einer Wohnung in London lebten. Das war nichts Ungewöhnliches, außer dass es sich bei diesen jungen Schriftstellern um Tom Stoppard, Piers Paul Read und Derek Marlowe handelte. Eines Tages, als sie Mick Jagger bei `Top of the Pops´ sahen, schlossen die drei eine Wette ab, wer zuerst Millionär würde. Es wurde vermutet, dass Stoppard es als erster schaffen würde, aber Marlowe kam ihm mit DANDY zuvor.“
Auch wenn er damals wahrscheinlich nicht mit DANDY eine Million alte Pfund verdiente.

Über Nacht wurde er durch den Erfolg von DANDY zur literarischen Sensation.

Auf dem Höhepunkt der Swinging Sixties war Marlowe hip. Er ließ sich auf Partys herum reichen, lernte die „richtigen Leute“ kennen und wurde etwa mit Julie Christie „gesehen“. Er galt als angesagtester Schriftsteller der Stadt.

Die Pop-Künstlerin Pauline Boty malte sein Portrait.

„Ich fühlte mich wunderbar. Ich war arrogant, eingebildet, absolut, entsetzlich. Ich wurde von Putnam durch Amerika gepeitscht, der das Buch in Amerika veröffentlichte. Vergessen Sie nicht, das war die Zeit der Beatles, von Julie Christie, des Swinging London. Das `Time Magazine´ war verrückt nach allem, was britisch war. Wie alt war ich damals, fünfundzwanzig, sechsundzwanzig? Ich hatte eine Beatle-Frisur, ich hatte immer lange Haare. Ich war der unausstehlichste Mensch aller Zeiten, aber liebenswert. Ich liebte es. Es war großartig. Aus dem Nichts zu kommen, plötzlich Geld zu haben.“

Die Idee zu dem Buch entstand, als er nach Berlin reiste, um mit Günter Grass und Uwe Johnson an einem „Kolloquium über kreatives Schreiben“ teilzunehmen . „Als ich in Berlin war, arbeitete ich an einem Roman, der eigentlich ein Theaterstück werden sollte, aber ich schrieb es als Roman – und ich liebte es!“

Marlowe schrieb DANDY – zurück in England – in vier Wochen, während er bei der Erdölfirma National Benzole arbeitete und sich auch mit einem Theaterstück abmühte. „Ich schrieb im Zug, auf dem Klo, überall. Ich liebte es, Prosa zu schreiben. Ich fand es großartig. Als das Buch dann tatsächlich gekauft und von Victor Gollanz veröffentlicht und in Amerika ein Bestseller wurde, der dann auch noch verfilmt wurde, dachte ich: Mein Gott, Schreiben ist doch ziemlich leicht, oder?“

Auch die Rolling Stones hatten ihre Finger im Spiel. Gallagher: „Als ich ihn 1984 interviewte, erzählte mir Marlowe, wie seine Karriere mit einer Wette begann. Eine Wette zwischen drei jungen Schriftstellern, die zusammen in einer Wohnung in London lebten. Das war nichts Ungewöhnliches, außer dass es sich bei diesen jungen Schriftstellern um Tom Stoppard, Piers Paul Read und Derek Marlowe handelte. Eines Tages, als sie Mick Jagger bei `Top of the Pops´ sahen, schlossen die drei eine Wette ab, wer zuerst Millionär würde. Es wurde vermutet, dass Stoppard es als erster schaffen würde, aber Marlowe kam ihm mit DANDY zuvor.“ Auch wenn er damals sicherlich nicht mit DANDY eine Million alte Pfund verdiente.

P.S.: Ich liebe das Cover des Buches, weil es die Doppelidentität des Protagonisten wunderbar wiedergibt. Dank an den Verleger, der die Künstlerin für der Nutzung für das Buch überzeugt hat.

P.P.S.: Näheres zum Marlowe-Portrait von Pauline Boty unter https://www.tate.org.uk/art/artworks/boty-portrait-of-derek-marlowe-with-unknown-ladies-t15086



DAS CRIME-JAHR BEGINNT MIT LES EDGERTON by Martin Compart
19. Januar 2024, 1:49 pm
Filed under: Pulp Master/Frank Nowatzki | Schlagwörter: , ,

Frank Novatzki legt einen weiteren Band des letztes Jahr verstorbenen Autors vor.

‎PULP MASTER Bd.45
Taschenbuch ‏ : ‎ 270 Seiten
ISBN-10 ‏ : ‎ 3927734934
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3927734937
Originaltitel ‏ : ‎ The Bitch
16,00 €
E-Book 11,99 €

https://www.pulpmaster.de/wp/

Jake Bishop ist voll resozialisiert und träumt gemeinsam mit seiner Frau Paris den amerikanischen Traum, der sich als eigener Friseursalon materialisieren soll. Doch seine kriminelle Vergangenheit holt Bishop ein, und zwar in Gestalt seines ehemaligen Zellenkumpels Walker, der ihm im Knast das Leben rettete und nun, frisch entlassen, im Gegenzug etwas Starthilfe einfordert. Sich des über seinem Kopfe schwebenden Damoklesschwertes bewusst – einer bei der nächsten Verurteilung anstehenden lebenslangen Haftstrafe –, lehnt Jake entschlossen ab. Doch der Auftraggeber im Hintergrund hat Jakes Schwachstelle längst ausgemacht und zwingt ihn, den Einbruch bei einem lokalen Juwelier durchzuziehen …

Ein rabenschwarzer Noir des US-Autors Les Edgerton, der hier eindrucksvoll zeigt, wie schnell Stigmatisierung und gesellschaftliche Unfreiheit in ein Pandämonium menschlicher Abgründe führen können.

P.S.: Für Fitzeck-Leserinnen völlig ungeeignet, da es ihr intellektuelles Niveau und ästhetisches Empfinden um Lichtjahre übersteigt. Das ist hier was für Interessierte, deren Horizont über RTL oder SAT 1 hinaus geht. 
Anmerkung des Bloggers



Jochen Königs Jahresrückblick 2023 by Martin Compart
7. Januar 2024, 1:19 pm
Filed under: Jochen König | Schlagwörter: ,

Die frommen Wünsche für 2023 blieben das, was sie waren, nicht mehr. Denn 2023 entpuppte sich als bösartiges Geschwisterchen der Jahre zuvor. Noch mehr Krieg, noch mehr Einfalt und/oder Niedertracht, die sich lautstark breitmachten, vor allem in den Netzwerken, die unberechtigterweise den Beinamen „sozial“ tragen.

Lieber wieder die Zuwendung zum kulturellen Schaffen. Das doch viel Erfreuliches bereithielt. Ob die Krise des Blockbuster-Kinos dazugehört, mag jeder für sich selbst entscheiden. Gut, dass grottige CGI-Orgien, viel zu lange Filme mit den ewig gleichen Abläufen und Finalkämpfen kläglich abstürzen.

Zu den Highlights des Jahres gehörten dafür Dokumentationen von kreativen Köpfen. Giuseppe Tornatores „Ennio Morricone – Der Maestro“ (einzige 15 Punkte-Wertung auf Booknerds.de bislang von mir) und „All The Beauty And The Bloodshed“ spielen ganz vorne mit. Der Inhalt von „Ennio Morricone – Der Maestro“ erklärt sich von selbst“, „All The Beauty And The Bloodshed“ stellt faszinierend die Fotografin Nan Goldin in den Mittelpunkt, die, geprägt vom frühen Selbstmord ihrer älteren Schwester, über eigene Suchterfahrungen mit weiteren Mitstreitern zur engagierten Kämpferin gegen die Machenschaften des Sackler-Clans wird. Einerseits spendable Kunstförderer, andererseits sind die Sacklers Drahtzieher hinter dem riesigen Pharmakonzern Purdue (Herstellung und Vertrieb von Oxycodon), damit maßgeblich mitverantwortlich für die Opioid-Krise in den USA, bei der Oxycodon und seine Ableger für Abhängigkeit und Tod sorgen. Ein hochspannendes, engagiertes Werk, das als Künstler-, Zeitporträt und gesellschaftspolitische Analyse gleichermaßen erhellend funktioniert.
Ganz früh im Jahr gefiel Martin McDonaghs „The Banshees of Inisherin“, diese tieftraurige, ungemein witzige Studie über Aspekte von Freundschaft und Selbstbestimmung, getragen von wunderbar dunklen Bildern, einem sterbensschönen Soundtrack und hervorragenden Darstellern (Brendan Gleeson, Colin Farrell, Kerry Condon etc.).

Im Mainstreamkino machte der von mir wenig geschätzte Tom Cruise und seine Mission Impossible-Rasselbande viel Spaß. Ich mag den Scientology-Jünger Cruise zwar überhaupt nicht, erkenne aber neidlos an, dass M.I. seit Jahren dem James Bond-Franchise den Rang abgelaufen hat. „Mission: Impossible 7 – Dead Reckoning Teil Eins“ hat souveräne Action zu bieten, ein paar gar nicht dumme Gedanken und Bilder zu lückenloser Überwachung, K.I., Masken und Menschen fallen ebenfalls ab. Zwar ist der Film – wie nahezu jeder Blockbuster der letzten Jahre – um gut eine halbe Stunde zu lang und wird erst 2025 (wahrscheinlich) vom zweiten Teil vervollständigt. Unterhaltsam war es dennoch, aber an der Kinokasse kam es nicht gut an. „Mission Impossible“ entpuppte sich als veritabler Flop. Nicht so schlimm wie die diesjährigen MCU und DC-Gurken oder der gebrechliche Indiana Jones, dem übel mitgespielt wurde. Qualitativ zudem auf einem anderen Level.

„Auf dem Weg“ ist ein visuell und darstellerisch (Jean Dujardin!) bestechender Film, gerade für Menschen, die Bezug zum Wandern haben. Unaufgeregt, aufs Wesentliche konzentriert und glücklicherweise nicht zu messianisch im „Back to he roots“-Gestus unterwegs, gefällt „Auf dem Weg“ als filmische Meditation. Genau das Richtige zum Ausgang eines vor Aufgeregtheit berstenden Jahres.
Sehr gut gefallen haben auch David Finchers „The Killer“, das Vorort-ist-die-Hölle-Horrorflic „Barbarian“ Und ja, ich habe viel Spaß an der bonbonbunten „Barbie“ gehabt.

Leider bislang noch nicht „Godzilla – Minus One“ gesehen, dessen Lob ihm vorauseilt. Ebenso warten noch Brandon Cronenbergs „Infinity Pool“ und Martin Scorseses „Killers Of The Flower Moon“ auf Begutachtung. Von allen dreien Filmen verspreche ich mir viel. „John Wick 4“ habe ich mir aufgespart, bis ich mal viele Mußestunden habe.
Im Fernsehen schloss Mike Flanagan mit seiner gelungenen und adäquat in die Gegenwart versetzten Edgar Allan Poe-Hommage „Der Untergang des Hauses Usher“ („The Fall Of The House Of Usher“) an die Höhen seiner beiden „Spuk in…“- Serien an. Mit dem öden moraltheologischen Grundkurs (für Menschen, die noch nie etwas von Vampiren gehört haben) „Midnight Mass“ konnte ich wenig anfangen.

„Sex Education“ schwächelte zwar in der finalen Staffel, blieb aber dennoch ansehnlich und verabschiedete sich mit zwei herzerwärmenden Finalfolgen.
Die volle Breitseite gab es bei Gareth Evans‘ nachtschwarzem Gangster-Moratorium „Gangs Of London“. Finster, derbe brutal und sehr, sehr gut, wobei die zweite Staffel gegenüber dem herausragenden Start etwas abfiel, aber weiterhin von brachialer Wucht war.

Gleich früh im Jahr war Nicoals Winding Refns „Copenhagen Cowboy“ ein extravaganter Noir-Trip, visuell berauschend, musikalisch wie gewohnt stimmungsvoll, gegenüber Refns Vorgängerserie „Too Old To Die Young geradezu fast & furious. Also immer noch sehr, sehr langsam. Not everybody‘s darling, meins schon.

„Daisy Jones And The Six“ lehnt sich lose an die Biographie Carole Kings an und mixt sie heftig mit der Geschichte Fleetwood Macs, um daraus eine eigene Storyline um Aufstieg und Fall einer Band zu machen. Viel 70er-Jahre-Mucke, die auch in der nachgemachten Variante überzeugt (Riley Keough und Sam Claflin singen selbst). Das ist ein bisschen kritisch, ein bisschen nostalgisch, ein bisschen ironisch und vor allem unheimlich unterhaltsam. Geschichten von unterwegs aus dem Rock’n’Roll-Zirkus, der sein Zelt mittlerweile abgebaut hat. Besonders lobende Erwähnung für Suki Waterhouse als Keyboarderin Karen Sirko und die gelegentlichen Auftritte des immer sehenswerten Timothy Olyphant, der zudem dieses Jahr ein ansprechendes „Justified“-Sequel abfeiern durfte. Raylan Givens rulez. Immer noch und wieder.

Die meistgeliebte Serie des Jahres stammt aus 2018 und 2021, die thailändische Wundertüte „The Girl From Nowhere“ (nicht verwechseln mit dem feinen B-Movie-Song „Nowhere Girl“). Faszinierende Bilder, klasse Soundtrack und eine konsequent finstere wie surreal-komische Abrechnung mit einer Gesellschaft im Zerfall. Hinterfragen (a)moralischer Systeme und Werte inklusive. Chicha Amatayakul als Nanno und Chanya McClory als Antagonistin Yuri sind fantastisch und als Schulmädchen in Uniform verdammt gefährlich. Das einzig Frustrierende: Wo bleibt Staffel drei?

Zum Jahresende durfte „Reacher“ dann die Fernsehlandschaft in Cowboy-Manier zum zweiten Mal aufmischen. Recht so. Alan Ritchson nimmt man Lee Childs lonesome Drifter anstandslos ab. Die reine Freude für jeden, der unter Tom Cruise in viel zu großen Militärstiefeln gelitten hat.

Während Lee Child das literarische Vorbild mittlerweile an seinen Bruder abgegeben hat, schickt James Lee Burke seinen Dave Robicheaux (vorerst) in den Ruhestand. „Verschwinden ist keine Lösung“ ist eine phantasmagorische Apokalypse, in der die Grenzen zwischen Realität und Traumphantastik fluide sind. Der große Humanist Robicheaux und sein moralisch integrer Kumpel Clete Purcell bringen die Ursuppe des Bösen zum Kochen. Nachwort von yours truly. Dave Robicheaux bleibt uns aber erhalten, taucht er doch demnächst in einem Roman aus Purcells Sicht als wichtige Nebenfigur auf. James Lee Burke ist ein arbeitsamer Fuchs.

Der Autor ist ob seiner kruden politischen Ansichten sehr umstritten, sein Buch ist es nicht. A.D.G.s „Die Nacht der kranken Hunde“ ist eine Wiederveröffentlichung, die jeden Cent wert ist. Der Roman hat 50 Jahre auf dem Buckel, ist aber stilistisch und inhaltlich kaum gealtert. A.D.G. ist ein Meister der Verknappung und „Die Nacht der kranken Hunde“ ist ein fabulöser, französischer Country-Noir mit ganz eigener Erzählweise.

Das Jahr startete furios mit Bret Easton Ellis‘ eigenwilligem Coming-Of-Age-Roman „The Shards“. Die Fake-Autobiographie zeigt den jungen Bret Easton Ellis, der sich mit einer Reihe von Todesfällen in seiner unmittelbaren Nähe konfrontiert sieht. „The Shards“ ist ein scharfzüngiges Psychogramm, eine Zeitreise in die 80er mit vielen musikalischen Verweisen (ICEHOUSE!) und ein Spiel mit der Kunst des (unzuverlässigen) Erzählens. Nichts ist es wie es scheint und Schein ist doch – gerade in den 80ern – alles.

Weitere Highlights waren Yves Raveys „Taormina“, das nicht nur eine absurd komische und spannende Geschichte von dunklen Stunden am helllichten Tag, sondern auch ein sarkastischer Kommentar zum herrschenden Zeitgeist ist. A. F. Baxters „Die Höfe“ stellt zwei starke Frauenfiguren in den Fokus. Ein cooler Kriminalroman, aber auch eine Zustandsbeschreibung vom Verfall der Arbeitswelt und -beziehungen, angesiedelt im Rust Belt und doch weit darüber hinaus.


Schön auch, dass James Graham Ballards Dystopien „Dürre“ und „Flut“ 2023 im Diaphanes-Verlag wiederveröffentlicht wurden. Wegweisende Bücher, aktuell wie selten zuvor. James Graham Ballard ist ein großer Autor, den ich Euch mit all seinen Werken nur wärmstens ans Herz legen kann. Die verdienstvolle Diaphanes-Reihe, die 2016 mit „High-Rise“ startete, bietet sich zum Komplettkauf an.

Im Dezember nach Jahren der Abstinenz mit „Holly“ wieder einen Stephen King-Roman begonnen. Der erste Eindruck: Auf den integren Mann ist Verlass. Leider kam mir Eric Pfeil mit „Azzurro“ dazwischen, und der launige, informative Abriss über die Essenz der italienischen Popmusik musste vorgezogen werden. So habe ich erfahren, dass Fabrizio de André gemeinsam mit Premata Forneria Marconi oder kurz PFM diverse Alben aufgenommen hat. Besonders die Live-Mitschnitte sind große Kunst. Haben zwar schon ein paar Jahre auf dem Buckel, sind aber definitiv empfehlenswert. PFM alleine sind weiterhin aktiv und haben mit „The Event – Live in Lugano“ aktuell ein exzellentes Album am Start.

Musikalisch hatte 2023 einiges zu bieten. Die Konzerte von Achim Reichel, Heaven 17, Peter Gabriel und Madrugada waren allesamt, auf ganz unterschiedliche Art, begeisternd. Besonderes Highlight war, dass Heaven 17 im selben Hotel wie wir in Oldenburg abgestiegen waren und sich als sehr angenehme und begeisterungsfähige Zeitgenossen entpuppten. Ein Frühstück mir Martyn Ware und Glenn Gregory kann ich nur jedem empfehlen.

Steven Wilson hat mit „The Harmony Codex“ einen hörenswerten Grenzgang zwischen Progressive Rock, Jazz und Pop veröffentlicht. Hartnäckige Prog-Aficionados, die sich die x-te Wiederbelebung von „Hand. Cannot. Erase.“ (das meinereiner gar nicht so sehr schätzt) wünschen sind unglücklich. Wer sich zwischen Abba und Art Rock wohlfühlt, darf sich freuen. Wer klassisch orientierten Prog genießen möchte, findet mit Marek Arnolds Art Rock Project seine Wohlfühloase. Mit oder ohne Einhörner.
Bleiben wir beim Genre und dem Überschreiten seiner Grenzen. Peter Gabriel hat mit i/o nach 21 Jahren ein neues Studioalbum herausgebracht. Keine musikalische Revolution, eher die Erfüllung des eigenen hohen Standards. Die neuen Songs funktionierten im Konzert bereits tadellos.

Die Rolling Stones hingegen brauchten nur 18 Jahre für ein Nachfolgewerk zu „A Bigger Bang“. „Hackney Diamonds“ ist ein erstaunlich rotziges Werk geworden, das sich gut in der Stones-Diskografie macht. Funktioniert nach der altbekannten Devise: „It’s only Rock’n’Roll but we like it“. Wer etwas anderes erwartet ist selbst schuld. Alle anderen bekommen so zeitlose wie aus der Zeit gefallene Satisfaction.

Neu und toll war Anohni & The Johnsons vielsagendes Opus „My Back Was A Bridge For You To Cross“. Ebenso grandios die im August 2022 unerwartet verstorbene Trompeterin und Sängerin Jaimie Branch mit dem hypnotischen Jazz von „Fly Or Die Fly Or Die Fly Or Die ((world war))“.

John Cale kehrte mit dem produktionstechnisch etwas überladenen, dennoch faszinierenden „Mercy“ zurück. Van Der Graaf Generator wiederum belegten mit dem intensiven Querschnitt „The Bath Forum Concert“, dass sie Live im 21. Jahrhundert immer noch eine Macht sind, auch wenn Peter Hammill kurz nach Veröffentlichung der Gesundheit wegen eine Konzertpause einlegen musste.

Lana Del Rey zeigte mit „Did You Know That There’s A Tunnel Under Ocean Blvd“, dass sie sich gut als David Lynchs Ziehtochter machen würde, das Søren Bebe Trio spieltet mit „Here Now“ wieder wunderbar smoothen Jazz ohne Weichspüler-Ästhetik ein, während Timber Timbre mit „Lovage“, leider bei nur rund 35 Minuten Lauflänge, für perfekte Mitternachtsmusik sorgen, stellenweise burlesk mit Beatles- und Leonard Cohen-Bezügen.

Unglaublich viel Spaß machte „Reizüberflutung“ von SAFE, das Projekt des deutschen Gitarristen Julian Scarcella. Dem Titel entsprechend wurde gekonnt und ansatzlos zwischen Jazz, Rock, Metal (inklusive Growls!), Klassik, Funk, Flamenco, Chanson und Kaffeehausständchen hin und her switcht ohne je auseinanderzufallen.

Ein kleines Wunderwerk ist Steven Mercurios und The Czech National Symphonys Einspielung von Antonín Dvoráks Symphony No. 9 „New World Symphony“ („Aus der neuen Welt“). Klanglich State Of The Art entlockt die Aufnahme dem oft gespielten Werk feine, wie neu wirkende Nuancen, lässt es atmosphärisch und spieltechnisch frisch schimmern.

Wie üblich nur ein kleiner Ausschnitt von dem, was mir im Jahr 2023 sehr gut gefallen hat.
Was man vom öffentlichen Leben nicht so sagen kann. Zu viel Dumpfheit, Nationalismus, religiöser Fundamentalismus, Fanatismus insgesamt dort draußen. „Hold Your Head Up“ kann man nur mit Argent wünschen, denen ich im vergangenen Jahr ebenfalls eine Renaissance gegönnt habe. Vorher die einzigen Zombies, mit denen man gerne die Apokalypse verbringen würde.



WEISE WORTE by Martin Compart
5. Januar 2024, 4:44 pm
Filed under: Weise Worte | Schlagwörter:

Was wir dringend brauchen: Eine Neutronenbombe für die (a)sozialen Medien.
.

„Ich sehe das völlig anders.“

und noch ein weiteres:

„Was erwarten wir von Parteien, die ihren Nachwuchs aus Jugendlichen speisen, mit denen in der großen Pause (und auch später) niemand gespielt hat?“

Warum werden die Parlamente vergrößert?
Um den Zuzug dieser moralisch Behinderten eine soziale Hängematte für leistungsloses Einkommen zu schaffen.

Ihre größte Leistung in Jahrzehnten der Inkompetenz ist die unfreiwillige Schaffung der AfD. Denn der Faschismus als kapitalistische Herrschaftsform suggeriert ihnen dieselbe falsche Sicherheit wie einst Weimar.

Sie machen ihren Mangel an Charisma mit boshafter Gier wett.

„Wann immer Grün (und SPD) mitregieren, ist Krieg. Wir tun etwas gegen die Überbevölkerung unseres geschundenen Planeten.“



Eggenbergers 15 beste Kriminalromane des Jahres 2023 by Martin Compart

https://www.krimikritik.com/reviews/23/00/top15krimisdesjahres2023?ss_source=sscampaigns&ss_campaign_id=6593dd8a98f48f703caf3331&ss_email_id=6593e43a5876e8724429a7b3&ss_campaign_name=Neue+Krimis+und+ein+Blick+zurück+auf+das+Krimijahr+2023&ss_campaign_sent_date=2024-01-02T10%3A24%3A13Z

Und auch krimiautorenaz hat seine Bestenliste des letzten Jahres erstellt:

Meine Top-Krimis 2023




Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Jetzt starten