Filed under: Jochen König, Noir, TV-Serien | Schlagwörter: Anthony J. Quinn, die brücke, Don Winslow, Film, Jochen König, John LeCarré, Seamus Smyth, Taylor Sheridan, TV-Serie
Zwischen Globalisierung und stetig fortschreitender Migration, zwischen Verknüpfung von Beziehungen, Schmuggel und Drogenhandel sind Grenzen und die sie umgebenden Landschaften die relevantesten Marker. Zwischen Fakt und Faszinosum spielt das Thema (gerade in den letzten Jahren) in der Populärkultur eine wichtige Rolle. Inklusive der möglichen Übertragbarkeit auf ethisch-moralische, gesellschaftsstrukturelle und individuell konnotierte Konditionen. Nein, „Fifty Shades Of Grey“ ist kein grenzüberschreitender Text, sondern bloß ein kleingeistiges Spiel mit eigenen Beschränkungen. Eine Grenzerfahrung der anderen Art.
Die Grenze als trennendes wie verbindendes Medium hat die schwedische Serie „Die Brücke – Transit in den Tod“ (OT. „Broen“) wesenhaft in Szene gesetzt.
Eine Leiche, die auf der titelgebenden Öresund-Brücke genau auf der Grenzlinie zwischen Dänemark und Schweden deponiert wurde, zwingt die Polizeibehörden beider Länder zur (vom Täter beabsichtigten) Zusammenarbeit. Gelungene Charakterzeichnungen, geschickter Spannungsaufbau und das Spiel mit Doppelbödigem machen die Serie zu einem Genuss. Gilt auch, mit leichten Abstrichen, für die Folgestaffeln.
Im Verlauf der zweiten Staffel wurden die Serienschöpfer von der Realität eingeholt. Zu einen kündigte der dänische Hauptdarsteller Kim Bodina wegen des wachsenden Antisemitismus in der Öresund Grenzregion (sowie inhaltlicher Differenzen) seinen Ausstieg an, zum andern wurde die ehemals völkerverbindende freie Überfahrt 2016 durch reinstallierte Grenzkontrollen wesentlich erschwert. Als ein Grund dafür wurden die steigenden Migrationszahlen von Dänemark Richtung Schweden genannt.

Der amerikanische Ableger „The Bridge – America“, der zwischen dem texanischen El Paso und dem mexikanischen Ciudad Juárez spielte, agierte auf ähnlich hohem Niveau wie das Original.
Weitere Ableger gab es in Frankreich (mit dem Eurotunnel statt einer Brücke), Russland, Asien (angesiedelt zwischen Malaysia und Singapur) sowie mit der mäßigen, verschwurbelten deutsch-österreichischen Koproduktion „Der Pass“. Ein wahrhaft weltumspannendes Serienuniversum.
Was „The Bridge – America“ eher am Rande inszenierte, rückte in Denis Villeneuves „Sicario“ (und dem schwächeren zweiten Teil) in den Mittelpunkt: Drogenhandel sowie die schwierige Zusammenarbeit der unterschiedlichen Behörden, bei der Kompetenzen, Vertrauen, Verrat und Eigeninteressen einen komplexen und stellenweise unberechenbaren Verbund eingehen.
„Sicario“ gehört zur „American-Frontier“-Trilogie des Autoren Taylor Sheridan, dessen vorzüglicher Wüsten-Noir „Hell or High Water“ eine familiäre Grenzlandodyssee darstellt, während „Wind River“ Ausgrenzung und Verbrechen an der indigenen Bevölkerung der USA darstellt.
In der Serie „Yellowstone“ rücken Grundstücks- und Weidegrenzen in den Mittelpunkt. Spätestens hiermit hat sich, der auch als Schauspieler („Sons Of Anarchy“) tätige Sheridan als einer der wichtigsten aktuellen Kulturschaffenden etabliert.
Den hoffnungslosen „War On Drugs“ hat Don Winslow mit seinem Magnum Opus „Tage der Toten“ zum Thema, in dem Grenzüberschreitungen von mexikanischer und US-amerikanischer Seite an der Tagesordnung sind. Trotzdem ist der voluminöse kein Pamphlet, das Donald Trumps „Let‘s build a wall“-Ideologie unterstützt. Ebenso wenig wie Robert Crais‘ „Straße des Todes“ der seinen Detektiv Elvis Cole gemeinsam mit dem schlagkräftigen Joe Pike an seiner Seite in einen Kampf gegen brutale Schleuserbanden schickt. Bereits 1982 waren Jack Nicholson, angenehm zurückhaltend und intensiv, in Tony Richardsons „Der Grenzwolf“ sowie Charles Bronson zwei Jahre früher, und qualitativ blasser, in Jerold Freedmans „Grenzpatrouille“ unterwegs. Eine spannende Ergänzung, die den Überlebenskampf der Flüchtlinge stärker visualisiert, stellt Jonás Jonás Cuaróns (Sohn von Alfonso Jonás Cuarón) „Desierto – Tödliche Hezjagd“ dar, der mit Gael García Bernal und Jeffrey Dean Morgan zwei vorzüglich aufspielende Antagonisten aufzubieten hat.
In Deutschland prägte das Thema Grenze und ihre Überwindung die Geschichte seit dem Ende des zweiten Weltkriegs. Gelegenheit, auf John Le Carrés Klassiker „Der Spion, der aus der Kälte kam“, inklusive der gelungenen Verfilmung zu verweisen. Doch auch im Westen spielten Grenzübertretungen eine Rolle. In Mechtild Borrmanns „Grenzgänger“ wird der Kaffeeschmuggel für die junge Henni und ihre Freunde zum Verhängnis. Denn auch hier gibt es einen Schießbefehl, der von Ordnungskräften mal widerstrebend, mal mit Begeisterung umgesetzt wird. Die befehlsgebende Gewalt hat sich geändert, die Verhaltensweise der Subalternen bleiben gleich. Henni kommt mit dem Leben davon, landet jedoch nach dem Tod der Mutter in einem kirchlich geführten Kinderheim. Dort sind Nächstenliebe, das Achten der menschlichen Würde Fremdwörter. Es gibt keine Grenze zwischen Himmel und Hölle. Borrmanns Roman ist ein aufwühlender Streifzug durch eine Zeit, die bei Weitem noch nicht aufgearbeitet ist.

Noch näher am Genre und doch ganz ähnlich ist Seamus Smyths Revenge-Thriller „Spielarten der Rache“, der die Perfidie eines menschenverachtenden Systems, geschützt und bewahrt von kirchlichen Trägern und Handlangern, in bitterer Konsequenz schildert. Die Grenzen der Menschlichkeit werden bewusst und mit ausufernder Brutalität überschritten, der spät folgende Rachefeldzug erscheint geradezu zwangsläufig. Ein so kraftvoller wie schmerzlicher Roman.
An der realen Grenze Nordirlands zur irischen Republik, im Gebiet zwischen Armagh im Norden und dem County Monaghan in der Republik Irland siedelt Anthony J. Quinn seine Reihe um den nachdenklichen und obsessiven Polizisten Celsius Daly an. Hier stellt die Zusammenarbeit der nordirischen Beamten mit der Guardia Civil eine Herausforderung mit manch böser Überraschung dar. Es gibt viel zu tun, haben sich doch im Grenzbereich ehemalige IRA-Mitglieder, Kriminelle unterschiedlicher Couleur und Nationalität sowie Immobilienspekulanten angesiedelt, die gerade angesichts der vorhandenen Armut für eine Atmosphäre der Angst, Gewalt und Verzweiflung sorgen.
In „Frau ohne Ausweg“ trifft Daly auf die kroatisch-stämmige Lena Nowak, die an einem ausgefeilten Plan arbeitet, ihrem kriminellen Chef und der Zwangsprostitution zu entkommen. Nowak ist nur eine von vielen Frauen, die über Grenzen verschleppt wurden, ihrer Pässe und damit der Identität beraubt zu werden. Aber sie ist klug und zäh genug, um Mitstreiterinnen zu motivieren und der Polizei sowie verbrecherischen Zuhältern ein Schnippchen zu schlagen. Ein Hauch von Hoffnung am Ende von schwarzen Tagen.
„Frau ohne Ausweg“ zeigt – wie alle gelungenen Werke zum Thema Grenze – wie brüchig die menschliche Gemeinschaft gebaut ist, in einer Welt in der Recht und Gerechtigkeit oft wenig miteinander zu tun haben. Menschen werden zu Waren, die über Grenzen geschafft werden, Waren werden zu Schmuggelgut und der sogenannte Krieg gegen Drogen scheint schon seit langem verloren.
Grenzüberschreitungen können zu Erkenntnissen führen, halten aber auch den Abstieg in die Hölle bereit. Dazwischen gibt es, gerade kulturell, viel zu entdecken.
Filed under: thriller, TV-Serien | Schlagwörter: Lino Ventura, Polit-Thriller, TV-Serie
Boston Teran hat sich in den letzten Jahren auf die Erforschung der Schwarzen Löcher in der amerikanischen Geschichte konzentriert, eine Kriminalgeschichte des US-Kapitalismus in fiktionaler Form.
Mit seinem neuen Roman kehrt er zu seinen Anfängen zurück: Düstere Noir-Thriller aus der Gegenwart. Zudem ist BIG ISLAND, LA so etwas wie ein Sequel zu seinem Klassiker NEVER COUNT OUT THE DEAD, 2002 (siehe Rezension an anderer Stelle in diesem Blog).
Wieder dabei ist der True-Crime-Kolumnist William Worth.
In Big Island, L.A., a former combat Marine and a crime columnist embark on a suicide mission on the battlefield of L.A. ––a city of privilege, corruption, violence, rehearsed hypocrisy, card carrying culture cancellors, pedigreed hustlers, and a citizenry forever exploited by the lying haves.
Known through his pen name, Landshark, William Worth, author of the popular crime column and podcast BIG ISLAND L.A. rules over his reading public from an estate high above Mount Washington.
Into the life of this agoraphobic reclusive comes Ana Ride. A former combat Marine she swapped a foot for a Silver Star. Ana is in possession of a thread of information, relating to an investigation Landshark has tapped into. Together, they follow a trail of murder and destruction, connected to the 710 Corridor Conflict. By the time all blood has been spent, scores settled, the dead accounted for, justice will rise from the City of Fallen Angels.
296 Seiten Hardcover 22, 20€; eBook: 9,49€
Published: October 16, 2023 by High-Top Publishing Ll
ISBN 9781567030693 (ISBN10: 1567030696)
Worth, der als „Landshark“ inzwischen einen Podcast unter dem Titel „Big Island, L.A.“ veröffentlicht, verlässt sein Haus in Mount Washington nur selten. Als er erfährt, dass ein Waffenarsenal aus der Polizeiakademie von L.A. gestohlen wurde, leitet er eine Untersuchung ein, die ihn mit einer ehemaligen Marine in Kontakt bringt, die unabhängige Ermittlerin Ana Ride, die in Afghanistan einen Fuß verloren hat. Gemeinsam entdecken die beiden Außenseiter, dass die gestohlenen Waffen mit einer viel tiefer gehenden Korruption zusammenhängen, deren Wurzeln in einem Regierungsplan liegen, der vorsieht, Land in einem Latino-Viertel zu beschlagnahmen und zu verkaufen, das als Standort für einen jahrzehntealten Freeway–Plan vorgesehen war, der nie verwirklicht wurde.
Im Prolog stellt der Autor fest, dass „die Stimme von Landsshark im Mittelpunkt dieses Werkes steht. Alles wird gesehen durch Landsharks Augen und Kommentare, denn das Buch handelt ebenso sehr vom Zustand seines Los Angeles und seiner Seele wie von einer Pyramide aus Korruption und Mord.“
Ein US-Blogger schrieb über den Roman: „Es ist ein so kraftvoller Roman, so voller Gewalt und Empörung und Geheimnisse und unerwarteter Wendungen, dass ich es wirklich hasste, das er zu Ende ging. Ich hoffe nur, dass noch mehr kommt. Ich bin noch nicht bereit, Ana Ride „so long“ zu sagen.“
Tatsächlich hat Boston Teran aus seinem scheinbar unerschöpflichen Pool starker eigenwilliger Frauen mit Ana eine weitere erschaffen. Dafür braucht er keine geistige Abtreibungsklinik des „gendern“ oder „political correctness“.
Der Roman bestätigt einmal mehr, in welch einsamer Klasse dieser Autor spielt.
Boston Teran über das heutige LA:
„Twenty years since NEVER COUNT OUT THE DEAD and Landshark… That long! Blade Runner should be collecting Social Security by now.
The Los Angeles of that first book—NEVER COUNT OUT THE DEAD—used to be utterly definable. Much of the city’s persona was born of movies, music, books, art, and television. It was a faux reality that people came to love, believe in, and lean on.
But now, Los Angeles is besieged and being broken to pieces. Not only historically, but culturally, socially. And no one is yet sure, nor is it possible to be sure, what Los Angeles will come to be, and to mean.
The city wants to portray itself as the ultimate progressive vision. A vision buffed up by social media and the soft sell, while it bears the curse of poverty, homelessness, disillusionment, and a host of lesser sufferings—all with a quiet and invisible disdain.
It seems the city would like to raze its dark side with bigger and even better dark sides. And the strain of those extremes its domineering force. Its arsenal the new era of TikTok, X, and all the usual big ticket tech platforms where lurk unseen agents known as indifference and moral paralysis.“
Und wieder mal können alle anderen Bands nach Hause gehen!
Die Diät ist beendet.
Keiner holt mehr Meilen aus dem Leben raus als die Stones.
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich habe häufig die Politik des Staates Israel aus Linker Position (also rational) kritisiert und werde dies auch künftig. Das hat mir gelegentlich den instrumentalisierten Vorwurf des Antisemitismus eingebracht. Da ich früher häufig für die „Jüdische allgemeine Zeitung“ geschrieben habe, kein besonders belastender Vorwurf, denn meine ethischen und politischen Überzeugungen haben sich nicht geändert.
Durch die aktuellen Ereignisse schockiert, möchte ich klar machen: Wenn jüdisches- und/oder israelisches Leben durch Barbaren, ob Neo-Nazis, in Deutschland agierende arabische Hamas-Sympathisanten, stammelnde Stammtischidioten oder islamische Terror-Organisationen (zu denen auch Staaten zählen können), bedroht ist, bin ich Jude.
Schalom,
Martin Compart
Filed under: Abenteuerliteratur, Arturo Pérez-Reverte | Schlagwörter: Abenteuer-Roman, Arturo Pérez-Reverte, Thriller
Im ersten Jahrzehnt des 21.Jahrhunderts waren die Romane von Arturo Pérez-Reverte, die in mehr als vierzig Sprachen übersetzt sind, auch regelmäßig auf den deutschen Bestsellerlisten zu finden. Heute kennt ihn wohl kaum noch jemand; die letzten Bücher wurden vor Jahren übersetzt Dabei ist es ihm zu verdanken, dass dem Abenteuerroman neues Leben eingehaucht wurde, indem Reverte ihn mit anderen Subgenres wie Conspiracy oder Mystery kreuzte (daneben schreibt er auch klassische historische Degen-Romane und Thriller). Um ihn wieder etwas ins Bewusstsein der Freunde des Abenteuer-Romans zu heben, hier mein Artikel:

„Heutzutage kann jeder Feigling von weitem töten, indem er nur auf einen Knopf drückt.“
Nein, die Rede ist nicht von Afghanistan, wo tapfere Bushkrieger mit Hightech im Kampf gegen das Böse Knöpfe drückten. „Stahl symbolisiert für mich den Unterschied zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Auf den Degenkämpfer spritzte das Blut, das er vergoss“, sagt Spaniens erfolgreichster Schriftsteller Arturo Pérez-Reverte, der sich auf internationalen Schlachtfeldern mit Bitterkeit vollgesogen hat. Von 1973 (Jom Kipur) bis 1994 (Sarajewo) berichtete er über fast jedes zeitgeschichtliche Gemetzel. Wenn irgendwo im großen Stil gemordet wurde, erschien sein trauriges Gesicht auf dem Bildschirm des spanischen Staatsfernsehens. Er musste mitansehen, wie die Amerikaner Konflikte am Köcheln hielten (Strategie der Spannung) und hasst Drecksläden wie McDonalds.
Irgendwann konnte er nicht mehr. Heckenschützen, die in Sarajewo Kinder abballerten, gaben ihm den Rest. „Wenn ich vorher wusste, dass der Mensch ein Hurensohn ist, so bekam ich in Sarejewo Gewißheit.“ Seitdem schreibt er Romane, liest kaum noch Zeitung, will mit der Welt nichts mehr zu tun haben. „Ich bin draußen, ich bin aus allem raus.“

Fast jeder seiner Bestseller ist eine Mischung aus historischem Abenteuerroman und modernem Thriller. Literarische oder kulturelle Exkurse durchbrechen (und bereichern) die Handlung. Oft witzig und meistens klug: „Auch die Musik hat einen gesellschaftlichen Wert. Sie schafft Gleichheit der Gefühle“, sagt ein Charakter im FECHTMEISTER der „die Meinung vertrat, die wichtigsten Beiträge zur Menschheitsgeschichte sind der Buchdruck und die Guillotine“. Er ist „postmodern“ in der Tradition Umberto Ecos, allerdings mit einer gehörigen Portion Düsternis.
Sein Roman DIE SEEKARKTE, in der er wieder mal literarischen Idolen huldigt, ist seine Liebeserklärung an das Meer, die Seefahrt und Joseph Conrad und Illustration des Satzes von W.H.Auden: „Der Matrose symbolisiert den unschuldigen Gott vom Meer, für den die Gesetze des Landes nicht gelten und der deshalb alles tun kann, ohne schuldig zu werden“. Lord Jim trifft den Malteser Falken. Neben den literarischen Welten ist die See sein Fluchtpunkt. Mindestens ein Drittel des Jahres kreuzt der Einhandsegler auf seiner selbstentworfenen 13m langen Segelyacht „Corso“ im Mittelmeer. Vollgestopft mit moderner Technik und einer Bibliothek. Frau und Kind lässt er zurück in seiner Madrider Wohnung, in der er seine Romane schreibt. Diese zynischen, aber doch voller Liebe zur europäischen Kultur getragenen Romane zu schreiben, sind Therapie. Sonst würde er an der Welt zu Grunde gehen. „Ich schreibe immer das gleiche Buch: Es handelt von einem Menschen, der die Welt nicht mag, die er vorfindet. Das bin ich.“ Zyniker sind enttäuschte Romantiker, und nur der Romantiker konnte dem Abenteuerroman auf ganz eigene Weise neu beleben.
Geboren wurde er 1951 in Cartagena. „Ich wurde für eine Welt erzogen, die es nicht mehr gibt. Ich hatte als Kind Fechtunterricht. Ich war ein leidenschaftlicher Leser, der reisen wollte. Also wurde ich Journalist, dann Kriegsberichterstatter. Zwanzig Jahre konnte ich mitansehen, das der Krieg die schlimmste Manifestation der menschlichen Existenz darstellt.“
Erst mit 34 begann er Romane zu schreiben.
Mit EL HUSAR hauchte er dem Mantel & Degen-Genre neues Leben ein. Mit dem nächsten, DER FECHTMEISTER, wurde er zum Bestsellerautor. „DER FECHTMEISTER ist die Geschichte des letzten Ehrenmannes. Wie heute war damals im Spanien des 19.Jahrhunderts alles und jeder käuflich.“ Die Geschichte des letzten Ehrenmannes in einer ehrlosen Welt. „Mit dem letzten Fechtmeister werden auch alle vornehmen und edlen Grundsätze sterben. Dann wird es nur noch Hinterhalt und Überfall geben.“
Neben historischen Stoffen schrieb er sich auch die Schrecken der Gegenwart von der Seele. Etwa mit TERRITORIO COMANCHE, das im eingeschlossenen Sarajewo spielt. Aber es sind die düsteren romantic novels, die seinen Welterfolg ausmachen: Millionen seiner Bücher wurden in Frankreich Spanien, Südamerika, Deutschland und den USA verkauft.

Meist sind es geheimnisvolle Botschaften, versteckt in Bildern, Karten oder Büchern, die die Handlung in Bewegung bringen. In seinem bisher besten Buch, JAGD AUF MATUTIN, hackt sich jemand direkt in den Computer des Papstes, um einen Hilferuf abzusetzen. Ein spannender Thriller und eine unversöhnliche Studie über klerikale Macht, die eindeutig vom Weg des Herrn abgekommen ist: „Der Heilige Vater ist unfehlbar, selbst wenn er sich irrt. Die Inquisition wieder ins Leben zu rufen, war die beste Methode, um den Dissidenten das Maul zu stopfen. Wer spricht heute noch von Küng, von Castillo, Schillebeeck oder Boffi? Auseinandersetzungen werden im Schiff Petri seit jeher damit gelöst, dass man Andersdenkende zum Schweigen bringt oder über Bord wirft.“
Im CLUB DUMAS geht es nicht nur um eine aberwitzige Jagd nach einem satanischen Buch, sondern auch um eine Liebeserklärung an Alexandre Dumas und den französischen Feuilletonroman. Fast im Alleingang setzt Perez-Reverte in seinen Büchern der europäischen Populärkultur Denkmäler, die sich sogar in den USA Bestsellerstatus ertrotzen.
Dabei lässt ihn der bourgeoise Kulturkanon kalt, und er stellt Agatha Christies ALBI neben Joyce’s ULYSSES. „Der Roman ist nicht tot, trotz der Bemühungen des kulturellen Establishments, ihn umzubringen. Es ist durchaus möglich, sophisticated Bestseller zu schreiben. Die grösste Sünde eines Autors ist zu langweilen. Realität in Romanen zu verpacken, ist wie das Fälschen von Banknoten: Man muss sie genau kennen und sein Handwerk können.“ Inspiriert nutzt er Versatzstücke der Popkultur, ohne in den Manierismus Umberto Ecos zu verfallen. Reverte hat seine Helden gerne stark und seine Frauen gefährlich. Aber es sind keine Stereotypen, und sie laden nicht zur Identifikation ein. Trotzdem folgt ihnen der Leser willig und nach wenigen Seiten geradezu gierig durch die komplexen Geschichten.
Er lässt sich Zeit zu erzählen. „Es zählt allein das magische Leseerlebnis, die Erschaffung einer Welt.“




