Nein, ich habe keine Allergie…
Juli 2012, Manfred und ich trafen uns vor dem Haus. Wir waren schon seit gut 18 Jahren Nachbarn, aber erst in den letzten ein zwei Jahren bei der einen oder anderen Gelegenheit ins Gespräch gekommen. Da wir dieselbe Richtung hatten, gingen wir gemeinsam über die Ringe in Richtung ALIBI. Es war ein warmer Sommertag. Vor der Kölner Bank blieben wir stehen und Manfred sagte, dass er noch etwas Zeit habe, bevor er in den Laden müsse. Auch ich war nicht in Eile und so setzten wir unsere Unterhaltung noch einige Minuten fort. Ich reichte Manfred ein Tempo, denn seine Augen tränten. Ich nahm an, dies kam von irgendwelchen Pollen, die der Wind mit sich trug. Darauf angesprochen, erwiderte er: „Nein, ich habe keine Allergie, ich habe Krebs.“ Er berichtete von seiner OP und der Chemotherapie. Ich fragte ihn nach der Prognose der Ärzte. Diese hatten ihm gesagt vielleicht vier oder fünf Jahre. Damals sagte ich ihm, dass das doch trotz allem eine Perspektive sei, aus der er noch etwas machen könne. Heute weiß ich, es waren keine Jahre mehr. Ich weiß aber auch, dass Manfred aus der ihm verbliebenen Zeit etwas gemacht hat. Ich erinnere mich gerne an diese Begegnung mit Manfred, hatte er doch an diesem Tage nicht nur Mitgefühl bei mir ausgelöst, sondern auch Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, dass er mir an diesem Tag vertrauensvoll einen Blick in und Teilhabe an seinem Leben gewährt hat.
Die erste Begegnung im Hospiz… oder „Trinkst Du ein Glas Wein mit mir?“
Die Tür zum Hospiz öffnete sich und eine Mitarbeiterin trat mit entgegen. Ich sagte: „Ich möchte gerne Manfred Sarrazin besuchen.“ Da ich eine Etage zu hoch gelaufen war, begleitete sie mich bis vor seine Zimmertür und ging. Gut drei Wochen zuvor hatte Barbara mir gesagt, dass Manfred ins Hospiz kommen würde. Ich klopfte an und öffnete langsam die Tür. Manfred blickte von seinem i-Pad auf, sah mich und es hatte den Anschein, als würde er sich kurz gedanklich sortieren. Manfred und ich kannten uns als Nachbarn, waren aber in den Jahren nicht zu einer engeren Vertrautheit gelangt. Ich war mir daher unsicher, wie er auf meinen Besuch reagieren würde. Ich war auf alles eingestellt, auch auf eine ablehnende Reaktion. „Ach, Du… Setz Dich.“ Dann fragte er mich: „Trinkst Du ein Glas Wein mit mir?“ Ich erinnere mich, wie ich uns zwei kleine blaue Gläser mit Weißwein füllte und wir ein Gespräch begannen. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass diesem viele weitere Besuche und immer vertrauensvollere Gespräche folgen sollten, bei denen wir uns dann doch noch kennen gelernt haben.
Don Manfredo und Don Anselmo – die Brüder bei der historischen Waffen- und Sonnbrillenkunde…
Manfred und Anselm saßen beieinander und diskutierten angeregt, als ich Manfred mal wieder im Hospiz besuchte. Da ich die Zeit der Brüder nicht stören wollte bot ich an, später oder an einem anderen Tag wiederzukommen. Sie signalisierten mir jedoch zu bleiben und ich erfuhr, dass es um die Frage ging, ob die in Django Unchained gezeigten Waffen in die Zeit 1858 / 1859 passten, in der Quentin Tarantinos Geschichte spielt. Um mir den Einstieg in das Gespräch zu erleichtern, erhielt ich einen kurzen Überblick über die bisherigen Betrachtungen und Überlegungen. Das Sharps Rifle, ein Scharfschützengewehr mit Hinterladertechnik gab es damals bereits. Es könnte das von Dr. King Schultz benutzte Präzisionsgewehr sein, so ihre Auffassung. Wir sprachen über das Henry-Gewehr, die Abzugstechniken der gängigen Coltmodelle dieser Zeit und wie ein Schütze mit diesen eine größtmögliche Schussfolge erzielen konnte. Schließlich waren wir doch alle drei „Experten“ – hatten wir den Film doch gerade erst im Kino gesehen und waren somit praktisch dabei. Auch die Frage nach Djangos Sonnenbrille konnte geklärt werden. Manfreds Blick in das elektronische Wissen der Welt setzte uns darüber in Kenntnis, dass bereits Ende des 15. Jahrhunderts Brillen zum Schutz vor der Sonne meist mit grünen oder blauen Gläsern versehen wurden. Wir sprachen an diesem Samstagnachmittag noch über viele andere Themen. Gerne erinnere ich mich an diesen schönen Tag mit Anselm und Manfred, an dem wir unbeschwert waren und viel gelacht haben.
Ordentlich dem Wein zugesprochen… oder „In vino veritas“
Mit einer Flasche Weißwein unter dem Arm traf ich bei Manfred ein. Bei meinem ersten Besuch im Hospiz hatte ich erlebt, dass Manfred gerne ein Glas Weißen trank. Da mir dieser Umstand nicht unangenehm war, war es selbstverständlich, dass wir das eine oder andere Glas tranken, während wir uns unterhielten. Das Schöne an unseren Gesprächen war, dass wir uns bei unserem Kennenlernen nur kurz mit dem an den anderen Menschen Herantasten aufgehalten hatten und wir schnell in einen sehr offenen und vertrauensvollen Umgang miteinander gefunden hatten. „Toll, wirklich toll“, wie Manfred einmal gesagt hat, als wir über diesen Umstand sprachen. Ich hob kurz die Flasche, um mit einem fragenden Blick Manfreds Zustimmung für den gemeinsamen Trunk abzufragen, doch dieser sagte mir, dass noch angebrochene Flaschen im Kühlschrank seien und dass wir erstmal davon trinken sollten. Beim Öffnen des Kühlschranks fand ich drei angefangene Flaschen Wein vor, die alle noch gut gefüllt waren. Ich wusste natürlich unlängst, dass ich nicht der Einzige war, der Manfreds Genießerseite kannte. Schnell waren wir in ein intensives Gespräch vertieft und die Stunden verflogen nicht minder schnell. Ehe wir uns versahen, waren die angesprochenen Vorräte aus dem Kühlschrank aufgebraucht und wir waren beide recht weinselig. Es war nicht üblich, dass wir so zuschlugen, aber an diesem Tage war es so und ich bin überzeugt davon, dass wir es beide genossen haben.
Gibt es eine Wahrheit neben dem Alibi?
Was ist Wahrheit? Auf diese Frage gibt es vermutlich viele Antworten. Eine einfache Definition besagt, dass Wahrheit dann gegeben ist, wenn eine Übereinstimmung von Gedanken, Aussagen, Sachverhalten oder durch Normen festgelegter Regeln mit der Wirklichkeit gegeben ist. Es stellte sich uns – Manfred und mir – aber die Frage, ob Wahrheit den Anspruch haben kann endgültig zu sein und somit Gewissheit zu verschaffen und inwieweit Wahrheit davon abhängt, wie die Dinge sind, oder wie wir sie letztlich sehen? Das Alibi dient im rechtlichen Sinne einer Person dazu, den Nachweis über die eigene Abwesenheit von einem Tatort zur Tatzeit zu führen. Es steht als Synonym auch für Begriffe wie Ausrede, Entschuldigung und Rechtfertigung. Offen gestanden habe ich Manfred nicht als „den Krimibuchhändler“ kennengelernt, wusste nicht um die Leidenschaft und die Expertise, die ihm innewohnten und ich habe ihn nur ein einziges Mal in seiner Buchhandlung, damals noch in der Ehrenstraße, besucht. Ich erinnere mich daran, dass er in vielen unserer Gespräche, die wir im Hospiz geführt haben, seine Dankbarkeit darüber ausgedrückt hat, dass er 22 Jahre seinen Alibi-Traum leben konnte. Manfred, der Krimiexperte aus dem Alibi – das ist die Wahrheit. Ich, ohne jedes Interesse an Kriminalliteratur – auch das ist die Wahrheit. Daraus resultierte, ohne dass wir diese Wahrheit je konkret angesprochen haben und ohne dass ich je ein Alibi für mein Desinteresse benötigt hätte, dass Manfred und ich uns auf unzähligen anderen thematischen Ebenen begegnet sind. Ich erinnere mich dabei an Manfred als einen Gesprächspartner, der mir vielschichtig interessiert, offen und tolerant begegnet ist, ohne dabei unkritisch oder oberflächlich zu sein und der in der Sache manchmal durchaus streitbar, jedoch nicht verletzend war. Und ja, es gibt sie, eine Wahrheit (über Manfred) neben dem Alibi!
Karneval, der Frühling und ein Bier im Altenberger Hof
Es war Karnevalszeit. Die lauter werdende Musik eines Spielmannszugs, der immer näher zu kommen schien, sorgte für eine Unterbrechung der Unterhaltung zwischen Manfred und mir. Ich ging zum Fenster, um auf die Merheimer Straße zu schauen, auf der ich die Musiker vermutete. Dem war aber nicht so. Sie zogen, wir konnten es kaum glauben, durchs Krankenhaus. Manfred stand auf und wir gingen die wenige Schritte zum Flur und staunten nicht schlecht, als die Karnevaljecken in ihren Uniformen an uns vorbeidefilierten und mit Glockenspiel, Pauken und Trompeten den Karneval kurzerhand ins Haus brachten. Zurück im Zimmer fragte ich Manfred, der zwischenzeitlich mehrmals für einige Stunden das Hospiz verlassen hatte, ob er Lust hätte, sobald das Wetter milder würde, mit mir ein Bier oder einen Wein im nahe gelegenen Biergarten des Altenberger Hofs zu trinken. Manfred stimmte zu. Wir wussten damals nicht, dass Manfred die Zeit dafür nicht mehr haben würde. Während ich diese Zeilen schreibe, lässt das gute Wetter noch immer auf sich warten. Manfred und ich haben uns erst in seiner Hospizzeit näher kennengelernt. Wenn ich von meinen Begegnungen mit Manfred erzähle, wird mit häufig Mitleid oder Bedauern darüber bekundet, dass unsere Zeit so knapp bemessen war. Ich entgegne dann stets, dass ich dieses Gefühl nicht habe. Für mich war es eine intensive und bereichernde Zeit und ich bin Manfred dafür dankbar, dass er in dieser schweren Phase seines Lebens meine Nähe zulassen konnte, er seine für ihn immer kostbarer werdende Zeit mit mir geteilt hat und mir mit großem Vertrauen begegnet ist. Ich bin dankbar für die Zeit die wir hatten und ich möchte sie nicht gegen eine theoretische Größe aufrechnen, die wir hätten haben können. Gespräche über die Kindheit, das Erwachsenwerden, Siege und Niederlagen im Leben, Sorgen und Hoffnungen, die Veränderungen in einer immer schneller werdenden Welt, Aspekte unsere ach so hoch zivilisierten Gesellschaft, die Endlichkeit des eigenen Lebens und mehr. Manfred war nicht nur ein eloquenter und guter Erzähler, sondern ein ebenso guter und aufmerksamer Zuhörer. Wir haben einmal festgestellt, dass wir aus jeder unserer Begegnungen etwas mitgenommen haben. Er war mir in seiner Haltung Vorbild und Inspiration zugleich.
Ich werde dieses Jahr an einem schönen und sonnigen Tag einen Spaziergang zum Altenberger Hof machen. Dort werde ich mir einen schönen Platz in der Sonne suchen, ein Weizen bestellen, mein Glas auf Manfred erheben und mich erinnern.
04.06.13


