Von Allergien, Karneval und gutem Wein

Nein, ich habe keine Allergie…

Juli 2012, Manfred und ich trafen uns vor dem Haus. Wir waren schon seit gut 18 Jahren Nachbarn, aber erst in den letzten ein zwei Jahren bei der einen oder anderen Gelegenheit ins Gespräch gekommen. Da wir dieselbe Richtung hatten, gingen wir gemeinsam über die Ringe in Richtung ALIBI. Es war ein warmer Sommertag. Vor der Kölner Bank blieben wir stehen und Manfred sagte, dass er noch etwas Zeit habe, bevor er in den Laden müsse. Auch ich war nicht in Eile und so setzten wir unsere Unterhaltung noch einige Minuten fort. Ich reichte Manfred ein Tempo, denn seine Augen tränten. Ich nahm an, dies kam von irgendwelchen Pollen, die der Wind mit sich trug. Darauf angesprochen, erwiderte er: „Nein, ich habe keine Allergie, ich habe Krebs.“ Er berichtete von seiner OP und der Chemotherapie. Ich fragte ihn nach der Prognose der Ärzte. Diese hatten ihm gesagt vielleicht vier oder fünf Jahre. Damals sagte ich ihm, dass das doch trotz allem eine Perspektive sei, aus der er noch etwas machen könne. Heute weiß ich, es waren keine Jahre mehr. Ich weiß aber auch, dass Manfred aus der ihm verbliebenen Zeit etwas gemacht hat. Ich erinnere mich gerne an diese Begegnung mit Manfred, hatte er doch an diesem Tage nicht nur Mitgefühl bei mir ausgelöst, sondern auch Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, dass er mir an diesem Tag vertrauensvoll einen Blick in und Teilhabe an seinem Leben gewährt hat.


Die erste Begegnung im Hospiz… oder „Trinkst Du ein Glas Wein mit mir?“

Die Tür zum Hospiz öffnete sich und eine Mitarbeiterin trat mit entgegen. Ich sagte: „Ich möchte gerne Manfred Sarrazin besuchen.“ Da ich eine Etage zu hoch gelaufen war, begleitete sie mich bis vor seine Zimmertür und ging. Gut drei Wochen zuvor hatte Barbara mir gesagt, dass Manfred ins Hospiz kommen würde. Ich klopfte an und öffnete langsam die Tür. Manfred blickte von seinem i-Pad auf, sah mich und es hatte den Anschein, als würde er sich kurz gedanklich sortieren. Manfred und ich kannten uns als Nachbarn, waren aber in den Jahren nicht zu einer engeren Vertrautheit gelangt. Ich war mir daher unsicher, wie er auf meinen Besuch reagieren würde. Ich war auf alles eingestellt, auch auf eine ablehnende Reaktion. „Ach, Du… Setz Dich.“ Dann fragte er mich: „Trinkst Du ein Glas Wein mit mir?“ Ich erinnere mich, wie ich uns zwei kleine blaue Gläser mit Weißwein füllte und wir ein Gespräch begannen. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass diesem viele weitere Besuche und immer vertrauensvollere Gespräche folgen sollten, bei denen wir uns dann doch noch kennen gelernt haben.


Don Manfredo und Don Anselmo – die Brüder bei der historischen Waffen- und Sonnbrillenkunde…

Manfred und Anselm saßen beieinander und diskutierten angeregt, als ich Manfred mal wieder im Hospiz besuchte. Da ich die Zeit der Brüder nicht stören wollte bot ich an, später oder an einem anderen Tag wiederzukommen. Sie signalisierten mir jedoch zu bleiben und ich erfuhr, dass es um die Frage ging, ob die in Django Unchained gezeigten Waffen in die Zeit 1858 / 1859 passten, in der Quentin Tarantinos Geschichte spielt. Um mir den Einstieg in das Gespräch zu erleichtern, erhielt ich einen kurzen Überblick über die bisherigen Betrachtungen und Überlegungen. Das Sharps Rifle, ein Scharfschützengewehr mit Hinterladertechnik gab es damals bereits. Es könnte das von Dr. King Schultz benutzte Präzisionsgewehr sein, so ihre Auffassung. Wir sprachen über das Henry-Gewehr, die Abzugstechniken der gängigen Coltmodelle dieser Zeit und wie ein Schütze mit diesen eine größtmögliche Schussfolge erzielen konnte. Schließlich waren wir doch alle drei „Experten“ – hatten wir den Film doch gerade erst im Kino gesehen und waren somit praktisch dabei. Auch die Frage nach Djangos Sonnenbrille konnte geklärt werden. Manfreds Blick in das elektronische Wissen der Welt setzte uns darüber in Kenntnis, dass bereits Ende des 15. Jahrhunderts Brillen zum Schutz vor der Sonne meist mit grünen oder blauen Gläsern versehen wurden. Wir sprachen an diesem Samstagnachmittag noch über viele andere Themen. Gerne erinnere ich mich an diesen schönen Tag mit Anselm und Manfred, an dem wir unbeschwert waren und viel gelacht haben.


Ordentlich dem Wein zugesprochen… oder „In vino veritas“

Mit einer Flasche Weißwein unter dem Arm traf ich bei Manfred ein. Bei meinem ersten Besuch im Hospiz hatte ich erlebt, dass Manfred gerne ein Glas Weißen trank. Da mir dieser Umstand nicht unangenehm war, war es selbstverständlich, dass wir das eine oder andere Glas tranken, während wir uns unterhielten. Das Schöne an unseren Gesprächen war, dass wir uns bei unserem Kennenlernen nur kurz mit dem an den anderen Menschen Herantasten aufgehalten hatten und wir schnell in einen sehr offenen und vertrauensvollen Umgang miteinander gefunden hatten. „Toll, wirklich toll“, wie Manfred einmal gesagt hat, als wir über diesen Umstand sprachen. Ich hob kurz die Flasche, um mit einem fragenden Blick Manfreds Zustimmung für den gemeinsamen Trunk abzufragen, doch dieser sagte mir, dass noch angebrochene Flaschen im Kühlschrank seien und dass wir erstmal davon trinken sollten. Beim Öffnen des Kühlschranks fand ich drei angefangene Flaschen Wein vor, die alle noch gut gefüllt waren. Ich wusste natürlich unlängst, dass ich nicht der Einzige war, der Manfreds Genießerseite kannte. Schnell waren wir in ein intensives Gespräch vertieft und die Stunden verflogen nicht minder schnell. Ehe wir uns versahen, waren die angesprochenen Vorräte aus dem Kühlschrank aufgebraucht und wir waren beide recht weinselig. Es war nicht üblich, dass wir so zuschlugen, aber an diesem Tage war es so und ich bin überzeugt davon, dass wir es beide genossen haben.


Gibt es eine Wahrheit neben dem Alibi?

Was ist Wahrheit? Auf diese Frage gibt es vermutlich viele Antworten. Eine einfache Definition besagt, dass Wahrheit dann gegeben ist, wenn eine Übereinstimmung von Gedanken, Aussagen, Sachverhalten oder durch Normen festgelegter Regeln mit der Wirklichkeit gegeben ist. Es stellte sich uns – Manfred und mir – aber die Frage, ob Wahrheit den Anspruch haben kann endgültig zu sein und somit Gewissheit zu verschaffen und inwieweit Wahrheit davon abhängt, wie die Dinge sind, oder wie wir sie letztlich sehen? Das Alibi dient im rechtlichen Sinne einer Person dazu, den Nachweis über die eigene Abwesenheit von einem Tatort zur Tatzeit zu führen. Es steht als Synonym auch für Begriffe wie Ausrede, Entschuldigung und Rechtfertigung. Offen gestanden habe ich Manfred nicht als „den Krimibuchhändler“ kennengelernt, wusste nicht um die Leidenschaft und die Expertise, die ihm innewohnten und ich habe ihn nur ein einziges Mal in seiner Buchhandlung, damals noch in der Ehrenstraße, besucht. Ich erinnere mich daran, dass er in vielen unserer Gespräche, die wir im Hospiz geführt haben, seine Dankbarkeit darüber ausgedrückt hat, dass er 22 Jahre seinen Alibi-Traum leben konnte. Manfred, der Krimiexperte aus dem Alibi – das ist die Wahrheit. Ich, ohne jedes Interesse an Kriminalliteratur – auch das ist die Wahrheit. Daraus resultierte, ohne dass wir diese Wahrheit je konkret angesprochen haben und ohne dass ich je ein Alibi für mein Desinteresse benötigt hätte, dass Manfred und ich uns auf unzähligen anderen thematischen Ebenen begegnet sind. Ich erinnere mich dabei an Manfred als einen Gesprächspartner, der mir vielschichtig interessiert, offen und tolerant begegnet ist, ohne dabei unkritisch oder oberflächlich zu sein und der in der Sache manchmal durchaus streitbar, jedoch nicht verletzend war. Und ja, es gibt sie, eine Wahrheit (über Manfred) neben dem Alibi!


Karneval, der Frühling und ein Bier im Altenberger Hof

Es war Karnevalszeit. Die lauter werdende Musik eines Spielmannszugs, der immer näher zu kommen schien, sorgte für eine Unterbrechung der Unterhaltung zwischen Manfred und mir. Ich ging zum Fenster, um auf die Merheimer Straße zu schauen, auf der ich die Musiker vermutete. Dem war aber nicht so. Sie zogen, wir konnten es kaum glauben, durchs Krankenhaus. Manfred stand auf und wir gingen die wenige Schritte zum Flur und staunten nicht schlecht, als die Karnevaljecken in ihren Uniformen an uns vorbeidefilierten und mit Glockenspiel, Pauken und Trompeten den Karneval kurzerhand ins Haus brachten. Zurück im Zimmer fragte ich Manfred, der zwischenzeitlich mehrmals für einige Stunden das Hospiz verlassen hatte, ob er Lust hätte, sobald das Wetter milder würde, mit mir ein Bier oder einen Wein im nahe gelegenen Biergarten des Altenberger Hofs zu trinken. Manfred stimmte zu. Wir wussten damals nicht, dass Manfred die Zeit dafür nicht mehr haben würde. Während ich diese Zeilen schreibe, lässt das gute Wetter noch immer auf sich warten. Manfred und ich haben uns erst in seiner Hospizzeit näher kennengelernt. Wenn ich von meinen Begegnungen mit Manfred erzähle, wird mit häufig Mitleid oder Bedauern darüber bekundet, dass unsere Zeit so knapp bemessen war. Ich entgegne dann stets, dass ich dieses Gefühl nicht habe. Für mich war es eine intensive und bereichernde Zeit und ich bin Manfred dafür dankbar, dass er in dieser schweren Phase seines Lebens meine Nähe zulassen konnte, er seine für ihn immer kostbarer werdende Zeit mit mir geteilt hat und mir mit großem Vertrauen begegnet ist. Ich bin dankbar für die Zeit die wir hatten und ich möchte sie nicht gegen eine theoretische Größe aufrechnen, die wir hätten haben können. Gespräche über die Kindheit, das Erwachsenwerden, Siege und Niederlagen im Leben, Sorgen und Hoffnungen, die Veränderungen in einer immer schneller werdenden Welt, Aspekte unsere ach so hoch zivilisierten Gesellschaft, die Endlichkeit des eigenen Lebens und mehr. Manfred war nicht nur ein eloquenter und guter Erzähler, sondern ein ebenso guter und aufmerksamer Zuhörer. Wir haben einmal festgestellt, dass wir aus jeder unserer Begegnungen etwas mitgenommen haben. Er war mir in seiner Haltung Vorbild und Inspiration zugleich.

Ich werde dieses Jahr an einem schönen und sonnigen Tag einen Spaziergang zum Altenberger Hof machen. Dort werde ich mir einen schönen Platz in der Sonne suchen, ein Weizen bestellen, mein Glas auf Manfred erheben und mich erinnern.

04.06.13

Erinnerungen an Manfred…

Das Alibi war für mich mehr als nur ein Ort um tolle Bücher zu kaufen. Es war das Kassenhäuschen zu einer Welt, die mich stark anzog: Die Welt des Noir. – Und es war auch ein Ort hitziger Diskussionen. Was haben Manfred und ich uns die Köpfe heißgeredet, darüber, was denn guter oder schlechter Noir ist, welche Bücher man unbedingt lesen muss, welche Bücher man samt Autor am besten sofort schreddern sollte.

Das Alibi war aber auch ein Ort voller Momente reinster Magie…

Ein Buch in der Hand, stand Manfred hinter dem Tresen und überlegte. Manchmal nahm er sich kurze Sammlungspausen. Die jetzige dauerte schon eine ganze Weile. In diesem Augenblick betrat eine Frau den Laden und verlängerte sein Schweigen. Unsere Blicke folgten ihr, wie sie, den Kopf leicht geneigt, die niedrigen Tische mit den Stapeltiteln abschritt. Ich wendete meine Aufmerksamkeit wieder den englischsprachigen Romanen zu, während Manfred langsam hinter seinem Tresen hervorkam. Die Frau nahm ein Buch in die Hand, betrachtete es eher unschlüssig und sah auf. Das war sein Startsignal. Also hob Manfred an, die Kundin in die Welt dieses Romans einzuführen: „Ein kleiner Ort in den Ozarks, abgeschieden und heruntergekommen. Die Heldin ist ein 16-jähriges Mädchen und sie muss unbedingt ihren Vater finden, sonst…“ In pointierten, auf maximalen Effekt abzielenden Sätzen, erweckte Manfred die Szenerie und die Charaktere zum Leben – und zog nicht nur seine Zuhörerin in den Bann. Er hatte eine perfekte Radiostimme. Die Frau kaufte das Buch und noch zwei weitere dazu, deren Inhalt mit gleicher Verve geschildert wurde. Ob die spätere Lektüre ihr ebensolche Freude bereiten würde? Als Manfred abkassierte und der Kundin das Wechselgeld herüberreichte, legte ich eines der mit großer Leidenschaft empfohlenen Bücher auf den Tresen. Er schaute mich einen Moment und sagte: „Das ist nichts für dich, nicht dreckig genug.“ – „Alles deine Schuld,“ gab ich zur Antwort und bezahlte…

30.05.13

Alibi & Vinzenz-Hospiz

Im Vinzenz-Hospiz

Ich hatte Manfred einige Zeit nicht in seinem Buchladen gesehen, seine Frau auch nicht. Aber an einem Samstag war sie da. Ich stöberte herum, suchte mir einige Bücher aus und saß auf der Couch, um jeweils die ersten zehn Seiten zu lesen. Das hätte ich mir ersparen können, wenn Manfred anwesend gewesen wäre.

Plötzlich kam T. in den Laden und fragte ziemlich laut und barsch: „Ist Herr Sarrazin nicht da?“ B(arbara-Maria Sarrazin): „Warum?“ T: „Ich will ein Buch zurückgeben, das er mir empfohlen hat. Es ist Mist.“ Stellte sich als „Die Sprache des Feuers“ von Don Winslow heraus, einem Autor, den Manfred sehr schätzte. Aber zugegeben, dieses Buch ist sicher nicht sein bestes. B (kurz angebunden): „Legen Sie es auf die Theke. Aber wir nehmen keine Bücher zurück.“ Ich habe für T. dann ein paar Bücher herausgesucht, die wohl seinem Geschmack entsprachen.

Als wir beide mit ein paar Büchern unter dem Arm den Laden verlassen wollten, fragte B. uns, ob wir kurz draußen mit ihr sprechen könnten. So erfuhren wir von Manfreds unheilbarer Krankheit und dem Vinzenz-Hospiz.

Man ging vom Haupteing des Vinzenz-Krankenhause zwei Stockwerke hoch und stand dann vor der geschlossenen Hospiz-Tür, klingeln und man wurde reingelassen. Manfreds Zimmer war hinter der ersten Tür rechts. Vorher hatte er ein kleineres, aber dieses Zimmer war riesig, brauchte er auch für den Besucheransturm zu seinen Vorlesungen. Beim Thema „Drogen“ habe ich siebzehn Zuhörer gezählt.

Manfred war ziemlich kompromisslos, wenn es um Bücher ging. Jetzt erlebte ich auch seinen rigerosen Sinn für Kunst. M: „Das Bild kommt weg, Jugendstil kann ich nicht ausstehen.“ Ich glaube, es war ein Frauenbild von Klimt. Krimis wollte er nicht mehr lesen. Auf seinem Tablet hatte er Literatur gespeichert, zu der er als intensiver Krimi-Leser nicht gekommen war. Er gab aber noch Empfehlungen. Zum Beispiel: „Der Mann aus dem Save“ von Steve Hamilton.

Ich hatte immer ein paar kürzlich gelesene Krimis dabei: „Die rote Agenda“ von Liaty Pisany. Manfreds unnachahmlicher und treffsicherer Kommentar, nachdem er ein paar Seiten überflogen hatte: „Die war früher gut, jetzt liest sich das wie eine Kombination von Jerry Cotton und Rosamunde Pilcher.“ „Romanzo Criminale“ von Giancarlo de Cataldo. M: „Das ist eins der besten Bücher, die ich je gelesen habe, große Literatur.“

„Verdächtige Geliebte“ von Keigo Higashino. M schulterzuckend: „Da müsste ich wohl Japaner sein, um dem Buch was abzugewinnen.“

Jetzt sind in meiner Tasche immer noch drei Bücher, die ich ihm zeigen wollte: „Das Ende der Welt“ von Sara Gran, Deutscher Krimi-Preis 2013. Hat mich nicht vom Hocker gehauen. „Raylan“ von Elmore Leonhard. Der hemdsärmelige Protagonist weiß schon immer alles. Interessanter Stil, das Buch besteht zu 90% aus Dialogen. Manfred hätte es gefallen, da bin ich mir sicher. „Die Farbe der Nacht“ von Madison Smart Bell. Ein Buch, das unter die Haut dunkler Seelen geht. Manfred hat dunkle Seelen verstanden.


Stationen von Alibi

Ein Freund machte mich auf den Alibi-Buchladen aufmerksam. Er war damals in der Engelbertstraße. Ich glaube, das war die erste Station, die Theke in Pistolenform. Bis dahin hatte ich noch nie einen Buchhändler getroffen, der was von Krimis verstand. Ich hatte nach einigen Irrwegen die Diogenes-Bücher mit all den Klassikern: Chandler, MacDonald, Millar, Ambler, Nabb usw. gefunden. Gut es gab davor noch vom Rowohlt-Verlag Autoren wie Himes und Japrisot.

Aber da sind mir dann doch einige Autoren interessante Autoren entgangen. Das änderte mit Manfred Sarrazins fachkundiger – nein besser – leidenschaftlicher Beratung. Er hatte ein enzyklopädisches Wissen über Krimis, Autoren und Inhalte. Das ging bis in wörtliche Zitate: „Er sah in einer Entfernung von zehn Metern im Garten eine sehr attraktive Frau. Aus drei Metern wünschte er sich, sie immer aus zehn Metern zu sehen“ (Das hohe Fenster von Raymond Chandler).

Dann kam der Underground-Umzug in die Buchhandlung Gleumes am Hohenstaufenring. Das konnte die wahren Kunden nicht abschrecken. Hier begannen unsere Diskussionen über die USA. Ich überspitze einmal Manfreds Meinung: Nur Amerikaner können gute Krimis schreiben. Zu unseren gemeinsamen Autoren gehörte Larry Beinharts American Hero. Wenn man das Buch gelesen hat, war unsere Meinung, dann enthielt es mehr verstörende Fakten als Fiktionen über amerikanische Politik und den ersten Irakkrieg. Ich weiß, Manfred kannte Larry Beinhart und drüfte so noch mehr über die Hintergründe erfahren haben.

Religion und Gewalt prägen die USA. Es sitzen dort mehr Leute gemessen an der Gesamtbevölkerung im Gefängnis als in der restlichen westlichen Welt. Gefängnisse bauen und betreiben wird zum Geschäft. Das spiegelt sich auch Kriminalromanen wider, bei den Verbrechen, den „private eyes“ und der Polizei: „Er ließ mich ganz flüchtig eine Marke sehen. Nach allem, was ich davon mitbekam, hätte er ebensogut auch von der Schädlingsbekämpfung sein können. Er war grau-blond und hatte einen ekligen Blick. Sein Partner war hochgewachsen, sauber, sah gut aus und hatte etwas exakt Widerliches an sich, ein Raufbold mit Bildung. Sie hatten wachsame und wartende Augen, deduldige und vorsichtige Augen, kühle, hochmütige Augen. Die kriegen sie beim Abschlussexamen auf der Polizeischule.“ Aus „Der lange Abschied“ von Raymond Chandler. Manfred kannte viele solcher Stellen und konnte sie oft wörtllich zitieren.

Umzug in die Ehrenstraße: Hier gab es im Keller ein Antiquariat. Endlich konnte ich waschkörbeweise gelesene Krimis loswerden. Manfred sah sich alle Titel an. Das meiste akzeptierte er, aber zwei lehnte er naserümpfend ab. Da musste mir irgendwelche Trivialliteratur in den Korb gerutscht sein.

Manfred Sarrazin mochte die Beschreibung von Gewalt und Action, die der Verquickung von Politik, amerikanischen Agenturen und Verbrechen. Keiner hat das für ihn besser dargestellt als James Ellroy in seinen Romanen.

Es kam der letzte Umzug in die Limburger Straße. Man könnte fast sagen, es war die Don Winslow-Zeit, dessen Bücher auch einen eigenen Platz auf einem der Tische im Laden hatten. Wer hätte gedacht, dass die Gewalt in „Tage der Toten“ heute von der Wirklichkeit noch weit übertroffen wird.

Obwohl Manfred im Hospiz keine Krimis mehr las, konnte er doch vom Genre nicht ganz lassen. Er hat noch in seinem Krankenzimmer eine Privatvorlesung über den Drogenkrieg gegeben, sicher auch inspiriert durch die „Tage der Toten“. Später sagte er mir, er sei erfreut gewesen von der anschließenden Diskussion über die Freigabe von Drogen. Das hätte er erreichen wollen, denn der Krieg gegen die Drogen sei verloren. Die Bestätigung deiner Thesen liefern jetzt viele südamerikanische Politiker.


Epigramm aus „Browns Grabgesang“ von James Ellroy:

„Das Ganze läßt auf ein ungewöhnliches Wissen, ein Nachschlagewerk mit einem agilen Geist schließen, und seine Phantasiegebilde könnte man schon mit denen eines Genies vergleichen. Seine Phantasie ist jedoch rein verbsl: Walter hat noch niemals etwas geschrieben, gefilmt oder komponiert. Dennoch kann er seine vom Alkohol verschleierten Hirngespinste in Einsichten und Parablen umwandeln, die den Kern des Lebens treffen… Ich hoffte, daß er heute gut drauf sein würde, da ich selbst vergnügt war, und ich verspürte ein Bedürfnis nach Ansporn, Die Wirkung eines Epigramms von Walter kann den merkwürdigsten Tag in die richtige Bahn lenken.“

Manfred ist nicht ganz Walter: Er brauchte keinen Alkohol für seine Einsichten, er rezensierte Krimis und trug sie im Rundfunk vor. Aber der Rest des Zitats beschreibt Manfred Sarrazin, wie wir ihn alle in Erinnerung behalten werden.

 28.05.13

Der schlafende Manfred

Ich erinnere mich, wie ich mit Manfred Anfang der 90er Jahre einmal im „Engelbät“ fröhlich gezecht habe. Nachdem wir schon ziemlich „angetütert“ waren, sind wir nach Hause gegangen. Wir wollten aber noch nicht schlafen gehen und setzten uns ins Wohnzimmer Sarrazin. Manfred, der ja immer etwas anlehnungsbedürftig wurde, wenn der Alkoholpegel leicht erhöht war, setzte sich auf die Lehne meines Sessels und wir erzählten noch miteinander.

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Als kurz darauf Barbara nach Hause kam, setzte sie sich zu uns und ich unterhielt mich sehr angeregt mit ihr. Nach einiger Zeit fiel uns auf, dass Manfred sich überhaupt nicht mehr am Gespräch beteiligte. Barbara stellte fest, dass Manfred auf der Sessellehne eingeschlafen war – quasi „um mich gegossen“. Ich stand ganz vorsichtig auf, da Barbara das Ganze fotografieren wollte (siehe Fotos). Danach haben wir ihn behutsam geweckt, damit er nicht vom Sessel fiel. Diese Fotos habe ich ihm noch ins Hospiz mitgebracht und wir haben herzlich über die Situation gelacht.

 21.05.13

Von Köln, Spaziergängen sowie ausgefallenen Schaufenstern und Kunden

Ich erinnere mich, an Manni´s „Klassiker“ der Kundenansprache im ALIBI: „Brauchen Sie ´nen Tipp oder stöbern Sie nur?“


Ich erinnere mich an den Tag, an dem ich wie so oft gegen 18 Uhr in den Laden kam, und Manni wie gewöhnlich fragte, ob ich ihm zwei oder drei Flaschen Bier aus dem Kiosk holen soll. Manni schüttelte den Kopf. Irgendwie hätte er keine Lust mehr auf Bier, würde es auch gar nicht mehr vertragen. Ich war völlig irritiert. Hatte Manni das gerade wirklich gesagt?!? Was mir in diesem Moment noch nicht klar war: Dies war der erste Tag einer neuen, traurigen Zeitrechnung – die der verdammten Krebserkrankung …


Ich erinnere mich, wie Manni Mitte der Neunziger im alten Laden auf der Engelbertstrasse lachte und zugleich Mitgefühl für die peinliche Situation zeigte, als ich ihm von meinen Interview mit dem Krimi- (und heutigem Mittelalter/Fantasy) Autor Kai Meyer erzählte. Das hatte ich einen Tag vorher in Halle für das ALIBI-Hausmagazin Speak Easy geführt. Kein Wunder: Nach 45 Minuten vergangener Interview-Zeit fiel mir auf, dass das Band nicht lief. Zähneknirschend und zugleich generös erzählte Kai alles nochmal von vorne.


Ich erinnere mich, wie glücklich und stolz es Manni machte, wenn man seine stets originell gestalteten Krimihighlight-Präsentationen im Schaufenster des ALIBI toll fand.


Ich erinnere mich, dass Manni sich an meine diversen Schreibprojekte oft besser erinnerte, als ich mich selbst. Was daran lag, dass er nicht nur ein begnadeter Erzähler war, sondern ein ebenso aufmerksamer und interessierter Zuhörer. Zudem freute er sich stets ehrlich und begeistert mit, wenn Projekte klappten bzw. realisiert wurden.


Ich erinnere mich, dass Manni in der ganzen langen Alibi-Zeit ja nicht wirklich ein ambitionierter Urlauber war. Anders gesagt: „Manni-eine-Woche-pauschal-auf-Mallorca“ erschien mir ungefähr so wahrscheinlich wie Angela Merkel´s Erscheinen auf einer Bunga Bunga-Party von Berlusconi. Wenn andere in die Ferne flogen, blieb Manni konsequent Zuhause, sprich im Laden. Und das war auch gut so. Umso schöner fand ich es, wenn er erzählte, dass ein Ausflug nach Kreuzberg kurz bevor stand. Für Kreuzberg konnte er schwärmen wie ein Kind, dass sich mit leuchtenden Augen auf den Besuch des Phantasialandes freut. Ungewöhnlich aber wahr: Kreuzberg war sein ganz persönlicher Sehnsuchtsort. Erstaunlicherweise viel mehr als Los Angeles, die amerikanisch-mexikanische Grenze oder Kabul.

Und dass seine Rede zum 60. Geburtstag seines Bruders vor einer erlesenen Schar von Berliner Polit- und Gesellschaftsprominenten so ein Erfolg wurde, freut mich noch immer für ihn.


Ich erinnere mich an Manni´s sonntägliche Erkundungs-Spaziergänge in Kölner Viertel und Vororte, die ich trotz „32 Jahren Domstadt“ noch nie betreten habe. Umso interessanter waren seine Beobachtungen und Anekdoten aus diesen „exotischen Gefilden“.


Ich erinnere mich, was für eine Geduld und Nonchalance Manni an den Tag legte, wenn sich auf der Ehrenstrasse irgendwelche jungen Mädels – Typ Boutiquentussi – in den Laden verirrten, und etwas verlegen nach einem Buchtipp fragten.


Ich erinnere mich, wie Manfred und ich nach bestimmt 20 Jahren gemeinsamer Filmdiskussion, in dem sich unsere Urteile und Bewertungen nahezu immer auf fast unheimliche Weise glichen, eines Tages einen extrem befremdlichen Moment erlebten: Wir waren bei einem Film komplett anderer Meinung. Syriana mit George Clooney war das. Manni hielt den Film für eine Offenbarung, ich dagegen fand ihn so öde, dass ich nach einer halben Stunde das Kino verliess.

Da standen bzw. saßen wir nun auf dem legendären Sofa, und wussten für einen Moment nicht, wie wir mit der Situation umgehen sollten. Wie konnte das passieren?!? Und dann auch noch bei Clooney, den wir doch beide so schätzen?!? Fünft Minuten versuchten wir uns an komplizierten, tiefenpsychologischen Erklärungsmodellen. Dann plötzlich machte einer von uns beiden (ich weiss nicht mehr, wer), plötzlich den Vorschlag, ein paar Flaschen Bier zu holen, und Syriana Syriana sein zu lassen. Gesagt, getan, das Bier kam. Und so wurde es ein weiterer harmonischer Frühabend auf dem Sofa, und beim nächsten Film waren wir beruhigenderweise wieder völlig einer Meinung. Cheers, Manni!


Ich erinnere mich, wie Manni staunte, als deutsche Autorinnen plötzlich gute Krimis schrieben. So hat er kaum ein Buch seinen Kunden mit solch flammender Begeisterung ans Herz gelegt wie „Blaufeuer“ von Alexandra Kui.

14.05.13

LETZTE WORTE

Ich erinnere mich. Köln, 1990, Engelbertstraße. Ich war in Sachen Ellroy unterwegs, am Rande des Studentenviertels. Ein winziger Laden, dunkel und eng, von der Sonne draußen vergessen. Ein Insidertipp hatte mich hierher verschlagen. Ins »Alibi«, Kölns erste und einzige Krimibuchhandlung. So lernte ich Manfred, den Inhaber kennen. Er erzählte mir von Ellroy und ich ihm von meinem Interview mit Ellroy auf der Frankfurter Buchmesse. Kurz zuvor war die »Dahlie« in einer Neuauflage erschienen. Als ungekürzte Hardcover Ausgabe, professionell promotet wie in Frankreich, nachdem dort Ellroys Potenzial zum Superstar entdeckt worden war. Ich wollte ein Hörfunk Feature über diesen Wahnsinns­schriftsteller machen und hatte mit Manfred gleich den besten aller Ellroynologen gefunden. Fundiert, eloquent, charmant, faszinierend. Man muss also nicht unbedingt nach Casablanca reisen, um auf den Beginn einer wunderbaren Freundschaft zu treffen. Wenig später zog »Alibi« um, schräg gegenüber, auf die sonnige Seite der Engelbertstraße. In einen größeren, helleren, repräsen­tativeren Laden. Hier begann Manfred zu residieren. Jedenfalls kam es mir so vor. Denn Manfred bediente nicht nur, er »empfing« auch handverlesen. Bei schönem Wetter sogar in einem coolen Hinterhof. Im Wortsinn wurde also »Hof« gehalten – geschwätzt, geklatscht, doziert, fabuliert –, wobei Manfred unseren Teil der Unterhaltung gleich mit übernahm. Darin ähnelte er Lily Tomlin in Bentons »The Late Show«, während wir die Rolle von Art Carney aussaßen. Das hatte was. Wir saßen gern. Und Carney war ja auch nicht schlecht.

Dann der dritte Umzug. Eine Parallelstraße weiter. Stadteinwärts. Hohenstaufenring. Beste Lage, Luxusmieten. Die Audienzen wurden auf die Galerie des neuen Domizils verlegt, gleich neben der Innentreppe, Auge in Auge mit einem Who is Who aus dem Krimi Olymp. Eine Wandmalerei aus Autorenporträts — von Hammett, der das Gangland in die Beletage der Gattung gehievt hatte, bis zu Ellroy, der Dantes Purga­torium für das Genre neu erfand. Während dieser Zeit holte ich Manfred, der bei meiner Ellroy Sendung so souverän gepunktet hatte, ein zweites Mal ins Studio. Ich hatte nicht damit gerechnet, ihn begeistern zu können, denn schließlich ging es um Billy the Kid und nicht um Pretty Boy Floyd. Doch Manfred war erneut mit Herz und Seele dabei, erzählte mir vom Lincoln County War, als sei er damals, 1878, selber mitgeritten. Über die komplexe Welt der Cowboy Sozialisation schwadronierte er ebenso profund wie über die politthrillerhaften Dimensionen, die für den legendären Weidekrieg verantwortlich waren. Verblüffend. Noch heute sehe ich Manfred beim Abhören der Abmischung neben mir im Studio stehen. Gleich beim ersten Originalton von ihm — untermalt vom »Bunkhouse Theme« aus Bob Dylans Soundtrack zu Sam Peckinpahs »Pat Garrett & Billy The Kid« — giggelte er in der für ihn typischen Art und sagte: »Wahnsinn! Hätte ich nie gedacht, dass ich einmal zusammen mit Bob Dylan zu hören sein werde!«

So war Manfred. Im Laufe der Zeit baute ich ihn noch in weitere Hörstücke ein. In szenische Porträts über Jean-Patrick Manchette oder Jerome Charyn. Was seine eigenen Krimibesprechungen für den Rundfunk betraf, so suchte ich ihm dafür Musiktitel und Geräusche heraus. Wenigsten eine kleine Revanche für all die Zeit, die er für mich aufgebracht hatte, dachte ich, und freute mich jedes Mal, wie sehr er sich über die noch so kleinste Soundfile begeistern konnte. Vor allem über die Atmos. Er geriet schier aus dem Häuschen, zog stolz wie Oskar mit den überspielten Clips von dannen. Das erinnerte mich an meine eigenen Anfänge beim Radiomachen. Während dieser Zeit wechselte Manfred mit »Alibi« noch zweimal die Adresse. Eine schwarze Ledercouch ersetzte dabei Hinterhof wie Galerie. Auf dieser Couch saß er auch, als ich ihn das letzte Mal in seinem Laden besuchte. Wir hatten lange nichts mehr voneinander gesehen oder gehört. Die Couch befand sich am hinteren Ende des Geschäfts und aus der Perspektive des Eingangs wirkte Manfred, der auf dem Ledersofa saß und las, ein wenig versunken. Wie eine dieser verlorenen, einsamen Lichtgestalten auf einem Hopper Gemälde. Der gefrorene Augenblick zerfloss im Nu. Denn Manfred war krank, todkrank. Das begriff ich sofort, als er das Buch weglegte und sich langsam erhob. Was er mir letztendlich hinterließ, waren letzten Worte. Worte, geschrieben für Alain Delon in »Der eiskalte Engel«. Nur dass Manfred sie nicht sagte, sondern sie als unheimlich starken Abgang vorlebte: »Ich verliere nie! Niemals wirklich!«

30.05.13

Feierabendbier

… es gäbe sicher viel zu erzählen, denn ich habe mich oft mit Manni über alles unterhalten, vom Dasein des Schreiners an sich – bis hin zum Fussball-Politik-Kino-Musik besonders, da ich von 1993-2003 den Plattenladen Get Rhythm im Cinedom betrieb… aber wichtig waren die kleinen immer wieder kehrenden Riten. Wenn ich gegen Abend vom Kundentermin oder sonstigen Aktivitäten in der Stadt mit dem Fahrrad unterwegs war, bin ich oft zum Manni rein – wir haben geschwätzt, über die oben genannten Themen, zu zweit oder auch  nach Anwesenheit zu dritt… Irgendwann, es ging so auf die 19h zu fragte er dann „na wie wärs mit nem Feierabendbier?“ und gefragt getan schon saßen wir bei ein-zwei Bieren auf dem Sofa zusammen und genossen den Feierabend. Son Feierabendbier passt ja auch wirklich gut zu mir und meinem Beruf, zumal ich ein wirklicher Bierfan bin. Selten habe ich eine so angenehme Zeit auf nem Sofa zusammen mit  einem lieben Kerl und ner Flasche Feierabendbier in der Hand verbracht.

Prost Manni!!

14.05.13

Das Fest

Ich erinnere mich, wie Manfred mich sehr nachhaltig überraschte. Mein 50. Geburtstag sollte ein großes Fest werden. Im November geboren, wollte ich einmal in meinen Leben mit vielen Freunden im Freien feiern. Und ich hatte Glück: Das Wetter spielte mit. Das große, aus Wetterskepsis angemietete Zelt wurde von den meisten Partygästen nicht genutzt. Auch ich stand im Freien, als Manfred und Barbara um die Ecke in unseren kleinen Hof einbogen –dick angezogen und bepackt wie die Weihnachtsmänner mit zwei dicken Jutesäcken. Darinnen für jedes meiner Lebensjahre ein wunderschön eingepackter antiquarischer Krimi. Manfred hatte vor kurzem eine Bibliothek aufgelöst und die schönsten Krimi-Schätze daraus in mein Geburtstagsgeschenk verwandelt.

Meine Freundin Monika, ein berüchtigter Partymuffel, stürzte sich sofort auf einen der Säcke und angelte sich einen Krimi: „Kalt wie Gold“ war der Titel „ein guter Griff“ Manfreds Kommentar. Und wie immer hatte er Recht. Schon wenige Monate später war dieser Titel der erste Band einer neuen Krimianthologie der Illustrierten Stern und Manfred stellte ihn mit viel Begeisterung in der Mordsberatung vor.

Das Fest war wunderschön und ich glaube, auch Manfred und Barbara hat es gefallen. Nachdem alle Gäste abgereist waren, setzte ich mich mit den beiden Säcken auf den Fußboden und leerte sie aus. Noch 49 Päckchen! Aber wie sollte ich damit umgehen? Alle auf einmal öffnen und ins Regal räumen? Dann hätte ich schlicht 50 Bücher mehr und wüsste vielleicht irgendwann nicht mehr, welche von Manfred waren. Dieser Gedanke gefiel mir nicht und gleichzeitig musste ich grinsen, weil Manfreds Geschenk so viele Entscheidungen forderte. Ich habe letztendlich alle Bücher unausgepackt in einen Rollcontainer gesteckt und unters Bett geschoben. Wann immer ich Lust und Zeit für einen „Krimi pour Krimi“ habe, also einen, den ich nicht dienstlich lesen muss, greife ich in die Kiste, taste zwischen den Büchern herum, ziehe eins raus, biege es in meinen Händen, schätze sein Gewicht, nehme ein zweites, überlege genau und wähle dann aus. Auf diese Weise habe ich schon viele alte Schätzchen entdeckt und habe – mehr als sieben Jahre später immer noch einige wenige vor mir.

Jetzt, nach Manfred Tod, freue ich mich darüber, dass ich mir so viel Zeit gelassen habe und ich mich immer noch von ihm überraschen lassen kann.

Manfred war wegen seiner Erkrankung schon einmal bei einer Mordsberatung ausgefallen. Auch seine Teilnahme für die Veranstaltung in Sundern war ungewiss. Aber knapp eine Woche vorher war klar: Er kommt mit und er freut sich. Da Sundern aber im Sauerland und damit ein ordentliches Stück weit weg von Köln liegt, beschlossen wir, dass er und ich dort übernachten würden.

Wir kamen pünktlich in der Alten Molkerei in Sundern Allendorf an und die Veranstalter des Abends waren unglaublich nett zu uns. Die Sendung lief großartig, Manfred war in Bestform. Wie immer begeisterte er mit seinen präzisen, klugen und emotionalen Inhaltsangaben. Er kämpfte für seine Favoriten, lieferte sich brillant- witzige Wortgefechte mit Ingrid und Reinhard und scherzte mit dem Chief Thomas Hackenberg. Lang anhaltender Beifall am Ende der Sendung rundete das Ganze passend ab und auch die Einladung jederzeit wiederkommen zu dürfen, sorgte für gute Stimmung im Team.

Die anderen verteilten sich über diverse Mitfahrmöglichkeiten Richtung Köln- Manfred und ich setzten uns in den Dienstwagen, um von Sundern Allendorf ins Zentrum nach Sundern, sprich ins Hotel zu fahren. Den Wagen kannte ich inzwischen ganz gut, schließlich war ich auch auf dem Hinweg gefahren. Mit sicherer Hand programmierte ich den Navi und über die schöne Sendung redend und lachend fuhren wir los. Raus aus Allendorf und über die Landstraße Richtung Sundern. Rechts ab, links ab, ein letztes Mal in zweihundert Metern nach rechts- sie haben Ihr Ziel erreicht. Das „Ziel“ war eine Art Scheune, mitten in der Pampa und auch bei besserer Beleuchtung wäre klar gewesen: Dies ist definitiv KEIN Hotel. Aber welch ein Himmel! Die Sterne leuchteten in einer Intensität, die uns Städtern wie ein Wunder vorkam. Staunend standen wir in einer unglaublichen Stille und glotzten völlig übermüdet in den Himmel.

Das Hotel haben wir dann doch noch irgendwie gefunden. Es lag mitten in Sundern, am großen modernen Marktplatz, seine Betreiber waren ultimative Afrika Fans: „Karibu und herzlich willkommen in Afrika im Sauerland“. Das erste und einzige Frühstück, das Manfred und ich jemals gemeinsam verzehrten, nahmen wir neben einer Holzgiraffe im Sauerland ein.

Manfred liegt im Hospiz. Er ist aus einem kleinen Zimmer in das größte auf der Station umgezogen, weil er immer so viel Besuch hat. Auch ich bin gerne bei ihm, wenn auch nicht so häufig, wie ich gerne möchte. Heute ist er alleine, liegt quietschvergnügt im Bett und sieht gesünder aus, als in der letzen Phase, bevor seine Krankheit bekannt wurde. Wie immer ist es ganz einfach mit ihm ins Gespräch zu kommen. Er erzählt begeistert, wie gut es ihm geht, wie liebevoll er umsorgt wird und- dies ist ihm das wichtigste – dass die Ärztin ihm versichert hat, sein Kopf, sein Denken, sein Empfinden würden trotz der Medikamente klar bleiben.

Er ißt einen strammen Max- zwei Spiegeleier bitte und Weißwein heute nicht, den hat er schon am Bett stehen. Ist wahrscheinlich Zufall, aber wann immer er im Hospiz in meiner Gegenwart ißt, ist es ein strammer Max.

Wir reden. Der Krimibuchhändler prophezeit das Ende des gedruckten Buchs. Krimis liest er nicht mehr- es sind die Klassiker, die ihn faszinieren. Gelesen auf dem E- Book. Das ist handlich, die Schrift lässt sich anpassen und er braucht wenig Kraft, um es zu halten. Mit der gleichen Begeisterung mit der er früher über Krimis sprach, redet er nun über französische, englische und russische Klassiker. Über aktuelle Filme, Politik, das Leben. Es klopft, ein mir unbekannter Mann kommt herein. Musiker, aus Österreich oder er hat zumindest lange dort gelebt. Wir reden über österreichische Krimis und den wunderbar morbiden Charme eines Wolf Haas, den Umgang der Österreicher mit dem Sterben. Den Schmääh. Mitten im Gespräch fällt mein Blick auf Manfreds Nachttisch. Dort steht ein schwarzes Matchbox Auto. „Was ist das denn?“ frage ich ihn. „Ein Leichenwagen, hat mir ein Kunde geschenkt“. Mir bleibt der Mund offen stehn. Dann lachen wir drei los.

09.05.13

Von englischen Originalen, Literarischen Salons und Carl Hiaasen

Ich erinnere mich, wie Manfred Anfang der 90er sein Englisch perfektionierte. Er saß dann immer im ALIBI und las die Krimis im Original. Griffbereit seine beiden Wörterbücher. Ein normales und ein Slang-Wörterbuch. Bereits nach kurzer Zeit waren die beiden Wörterbücher total zerlesen und fielen fast auseinander. Später nutzte Manfred dann intensiv das Internet, weil er dort die spezifischen Slang-Ausdrücke englischer und amerikanischer Städte, Regionen und Milieus fand.

Der deutsche Krimibuchmarkt war Manfred einfach viel zu klein geworden. Viele Autoren wurden ja gar nicht oder sehr spät ins Deutsche übertragen. Er wollte bei seinen Lieblingsautoren, wie beispielsweise Robert Crais, Carl Hiaasen, James Ellroy und Ross Thomas einfach nicht bis zur Übersetzung warten. Und sein Ärger über schlechte Übersetzungen hatte sich damit auch erledigt. Seine Kunden waren begeistert. Wo gab es in Deutschland noch einen Buchhändler, der so viele seiner Empfehlungen gelesen hatte und das auch noch im Original?


Ich erinnere mich, an Manfred und all’ die unterschiedlichen Ladenlokale von ALIBI. An die beiden Geschäfte in der Engelbertstraße, dann an die Ladenlokale am Hohenstaufenring, in der Ehrenstraße und zuletzt in der Limburger Straße. Eins blieb immer dabei immer gleich. Das ALIBI war nicht nur eine Krimibuchhandlung, sondern auch ein Literarischer Salon und zwar nicht nur für Krimifans, sondern auch für Kundige ausgefallener Sach-, Fach- sowie sonstiger Literatur.


Ich erinnere mich, wie Manfred mir Carl Hiaasen: Unter die Haut empfohlen hat. Es war Ende 1990. Ich kannte ALIBI und Manfred erst seit ein paar Wochen. Ich glaube wir Siezten uns noch (!?). Und dann empfahl er mir Unter die Haut. Mit dem Cover des Bastei-Lübbe Verlags. Eine Frau mit einem äußerst kurzen Rock steht an einem Sportwagen und das alles in sehr sehr farbigen Tönen.

Ich hatte mich dem Krimi seit knapp 10 Jahren über Diogenes, rororo und das eine oder andere Buch von Heyne, Ullstein und Fischer genähert. Ambler, le Carré, Greene und Ross Thomas. Ich hatte mehr Interesse als Ahnung. In Frankfurt hatte ich mir in der Bahnhofsbuchhandlung immer die Krimi-Neuerscheinungen angeschaut, den Klappentext und mal reingelesen. Die Wendeltreppe hatte ich, weil erst kurz zuvor eröffnet, für meine Krimibildung nicht nutzen können. Geholfen hätte es wahrscheinlich bei der dortigen Beratungsqualität auch nicht wirklich.

Wie gesagt, ich kannte Manfred erst kurz. Weil ich die Bücher von Hiaasen bereits in Frankfurt in der Hand und vom Cover verschreckt zurück gelegt hatte, habe ich auch im ALIBI zunächst erst einmal Abstand genommen. Manfred musste erst mal mit anderen Empfehlungen bei mir Punkten. Was natürlich ein Leichtes war, bei seinem Wissen und seinem Erzähltalent. Nach wenigen Empfehlungen war mir klar, dass er mir jedes Buch verkaufen konnte. Mann, war ich blöd auf das Cover eines Buches zu achten!

21.04.13

Meinem Bruder Manfred zum Gedenken

Wenn ein geliebter Mensch stirbt, so ist man ratlos wegen dieses Ereignisses, das doch so sinnlos und überflüssig scheint, besonders wenn man, wie jetzt mein Bruder Manfred, vor der Zeit abberufen wird, die einem zugemessen scheint.

Wichtiger als die Länge eines Lebens ist freilich seine Bedeutung. Alexander der Große wurde nur 33 Jahre alt, dagegen brachte es eine Maurische Landschildkröte bei der britischen Marine auf 160 Jahre. Sinn und Bedeutung können wir von außen nicht ermessen, sie liegen im inneren Selbst verborgen. Und auch dann, wenn wir einen Menschen gut zu kennen meinen, so sehen wir doch immer nur einen Teil davon.

Es war wohl das Jahr 1952 – Manfred war damals anderthalb und ich sieben Jahren alt – als ich zum ersten Mal über die Endlichkeit des Lebens nachsann. Es geschah im Friseursalons unseres Vermieters, dem Herrn Kühn. Manfred wird währenddessen zwei Stockwerke höher in seinem Ställchen gelegen haben. Ich wartete darauf, dass ich dran kam mit dem Haareschneiden. Das kostete übrigens damals 50 Pfennig. Das war aber auch die Zeit, als eine Kugel Eis fünf Pfennig und ein Bienenstich 20 Pfennig kosteten. Die Preise zeigen, wie fern die Welt bereits ist, in der wir beide klein waren.

Woher weiß ich, dass ich damals sieben Jahre alt war? Ich dachte an den Bibelspruch: Des Menschen Leben währet 70 Jahre, wenn es hoch kommt 80 Jahre. Den hatten wir gerade in der Schule gehabt. Ich rechnete aus, dass das Leben also zehnmal so lange währte, wie ich bereits gelebt hatte, und war beruhigt. Andererseits war mir auch klar, dass es da einen Vorrat gibt, den man aufbraucht, und der eines Tages zu Ende geht. Dass irritierte mich.

Als ich mich solchermaßen zum ersten Mal mit Statistik und Philosophie befasste, war Manfred etwa anderthalb Jahre alt. Er trat ganz allmählich in mein Leben: Dunkel erinnere ich mich an die familiäre Aufregung, die seine Geburt im Januar 1951 bewirkte. Das wurde aber überlagert durch andere Aufregungen wie Einschulung und Umzug nach Recklinghausen.

Manfred war damals der einzige Säugling bzw. das einzige Kleinkind, das mir näher bekannt war. Er war der Augenstern der Familie und schien immer zu lachen. Er krabbelte spät, lief spät und redete spät. Das meinte nicht ich, das meinten die Erwachsenen um mich herum, die darüber sprachen und sich anscheinend Sorgen machten. Zumindest beim Reden hat er die Lücke aber später eindeutig aufgeholt.

Drei Jahre nach Manfred wurde Anselm geboren. Da wurde es richtig eng in der Wohnung. Von Raumnot und kochenden Windeln wurden wir durch den Umzug in die Händelstraße 26 erlöst, da war Manfred vier Jahre alt.

Ein umgängliches Kind mit großen Augen, das alle gerne herzten und küssten – und damals schon beseelt von Diskretion und großem Taktgefühl: Als eine recht entfernte Tante ihm nach dem zu Bett Gehen einen Gutenachtkuss geben wollte und ihn fragte, ob sie das denn dürfe, willigte er ein, verlangte aber, dass zunächst die Zimmertür geschlossen werden solle.

Ich weiß nicht, ob sich seine lebenslange Leidenschaft für alles Geschriebene auch schon auf Bilderbücher erstreckte. Aber eines weiß ich noch: Lesen lernte er ganz schnell und verschlang ab sofort alles Gedruckte, was ihm vor Augen kam. Und das, was er gerade las, fraß ihn erkennbar mit Haut und Haaren auf.

Und so war er auch sonst als Kind: Voll von entwaffnender selbstvergessener Heiterkeit nahm er die Welt, wie sie ihm gegenüber trat. Menschen und Ereignissen begegnete er ganz offen, ohne Vorbehalte, ohne Reserven, ohne Berechnung. Die Bilder zeigen heute noch, dass er ein sehr glückliches Kind war.

Darüber habe ich mir natürlich damals keine Gedanken gemacht. Ich war ja der Älteste und nahm den Respekt der jüngeren Brüder naiv als den mir zustehenden Tribut entgegen. Allerdings bemerkte ich früh, dass die Belesenheit und Beredsamkeit von Manfred bald meine Kapazitäten weit überstieg.

Manfreds Offenheit und volle Hingabe an die aktuelle Situation hatte einen Gegenpol, das war seine kolossale Zerstreutheit. Wenn etwas seine gute Laune wirklich nachhaltig stören konnte, dann war die Auforderung, aufzuräumen. Den technischen Hilfsdiensten im Hause entzog er sich aber nie durch Verweigerung, sondern durch eine offenbar unbewusste, liebenswürdige Nichterledigung. Mehr als einmal, wenn wir als Kinder in angeregten Diskussionen an der Spüle standen, rieb er die Teller trocken, die noch gar nicht gespült waren.

Was immer seine Aufmerksamkeit beanspruchte, hatte sie vollständig, und der Rest ging dabei leicht unter, vor allem die vielen Technika, aus denen das Leben eben auch besteht. Gut erinnere ich mich an die Tränen, die flossen, als er an einem Samstagnachmittag als Sextaner einen Schulfreund in der Nachbarstadt Marl besuchen wollte. Für die Busfahrt hatte er ein Zweimarkstück bekommen. Mit diesem hatte er auf dem Weg zur Haltestelle gespielt. Es war in einen Gulli gefallen, dort zwar noch sichtbar, aber unerreichbar. Der Bus fuhr ohne ihn, tränenüberströmt kam er zurück.

Farbig war seine Schullaufbahn: Was ihn interessierte, das fing ihn total, und dort hatte er brillante Noten. Was ihn nicht interessierte, dem enthielt er seine Aufmerksamkeit ebenso radikal vor. Entsprechend hagelte es dort Fünfen und Sechsen. Das Abitur machte er schließlich mit einer Sonderbegabtenprüfung als Externer. Dies gleich zweimal, denn beim ersten Mal hatte er den Termin für die Mathematik-Klausur auf das falsche Datum verlegt und war einfach nicht da. Beim zweiten Mal klappte es dann. In Deutsch und Geschichte gab es sogar eine Eins, aber auch in Biologie. Hier half ihm sein ungeheures Gedächtnis. Am Abend vor der Prüfung hatte er im Biologiebuch das Kapitel über das menschliche Ohr auswendig gelernt und darauf gesetzt, man werde ihn fragen, worin er denn geprüft werden wolle. Das geschah, und er hielt einen perfekten Vortrag.

Bei der Wahl des Studienfaches folgte er dann nicht seinen Interessen, und das war ein Fehler. Die trockenen Paragraphen des Jura-Studiums und seine Sicht auf die Welt kamen nie zu einer inneren Verbindung, dafür erweiterten sich in jenen Bonner Jahren seine historischen und literarischen Kenntnisse kolossal. Damals fand auch seine Expertise in der Kriminalliteratur ihre Grundlagen. Aber es waren auch harte Jahre für ihn, die erst durch den Schwenk zum Buchhändler ihren Abschluss fanden.

Hier nun ereignete sich der Glücksfall seines Lebens: Er traf nämlich Barbara, Buchhändlerin wie er, und sie steuerte neben der Liebe jenes Maß an Ordnung und praktischem Lebenssinn bei, das eben auch der Genius braucht, damit er seiner Bestimmung und seinen Interessen leben kann. Und, liebe Barbara, die ganze Familie Sarrazin ist dir dankbar dafür!

Daraus erwuchs 1984 nicht nur die Heirat, sondern schließlich auch die Krimi-Buchhandlung Alibi, die sich an vier Standorten in Köln tapfer schlug. Sie war wohl die einzige kommerzielle Buchhandlung in Deutschland, in der der Inhaber im wesentlichen Bücher verkaufte, die er selbst gelesen hatte. Nicht, weil der Bestand so klein, sondern weil das Ausmaß der Lektüre so groß war.

Auch ich folgte über viele Jahre den Spuren von Manfreds Empfehlungen und las z.B. alle Romane von Don Winslow, vo Larry Beinhart oder von Ross Thomas. Letzterer starb wie Manfred zu früh an Krebs. Manfreds und mein Lieblingsroman von Ross Thomas war „Out on the Rim“. Er handelt von einem alternden Agenten, der in einem großen Abenteuer wieder den Hauch der Jugend spürt, noch einmal an Grenzen geführt wird und Grenzen überschreitet. Manfred war in seinem Herzen ein Romantiker. Das bin ich auf andere Weise auch, und das verband uns trotz aller Verschiedenheit.

Das zu tun, was er tun wollte, und darüber zu reden, worüber er reden wollte, bedeutete für Manfred viel, und er freute sich darüber, dass mehr und mehr Menschen ihm zuhören wollten. In mancherlei Hinsicht war er ein Künstler. Die Buchhandlung sicherte nicht nur seine Existenz, sondern gab ihm auch die Gelegenheit, sich auf die Dinge zu konzentrieren, die ihn wirklich interessierten.

In Widrigkeiten hatte er immer wieder einen ungebrochenen Optimismus. Er war bescheiden, Missgunst oder Neid in jeder Form lagen ihm fern. Eigentlich ging er bis zum Schluss so unbescholten und ohne Berechnung durch das Leben, wie er uns auf den Kinderfotos anlacht. Ein Mensch, der staunen, fühlen und bewundern kann und nie genug hat von den Rätseln und Überraschungen dieser Welt, wie sie uns begegnen. Das machte ihn zu einem so angenehmen Gesellschafter.

Der Schock seiner Krankheit traf ihn hart. Aber auch daraus machte er mit großer Tapferkeit das Beste. Bis zum Schluss war er aufgeschlossen im Gespräch und interessiert an allem, was man ihm nahe brachte, auch wenn es ihn selbst nicht mehr betraf.

Wenn es einen Himmel gibt, so stelle ich mir Manfred vor, wie er auf einer Wolke sitzt, die Beine baumeln lässt und durch seine Brille halb in seinen Roman, halb in ferne Gestade schaut, wo man erahnen kann, dass sich dort gerade unerhörte und wundersame Dinge abspielen.

Köln, 19.04.2013

ALIBI Krimibuchhandlung

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