Birgit Birnbacher: Sie wollen uns erzählen Zsolnay Verlag


Birgit Birnbachers letzter Roman „Wovon wir leben“ hat mir sehr gefallen. „Sie wollen uns erzählen“ hat es mir schwer gemacht. Aber nicht vom Verständnis her, denn er ist leicht zu lesen. Es lag eher am Thema, denn sprachlich ist er unglaublich flott und bildreich geschrieben. Aber die Geschichte über einen achtjährigen Jungen mit ADHS und seine gestresste, in Trennung lebende Mutter Ann ist nicht so meins gewesen.

Oz heißt die Hauptfigur und er ist gerade in Bedrängnis geraten wegen eines höchst bedauerlichen Ereignisses in seiner Schule, für dass er verantwortlich ist oder sich verantwortlich fühlt. Es geht um ein Kaninchen. Mit dem Schulzeugnis, dass ihm zusammen mit einem Brief der Klassenlehrerin vor den Sommerferien überreicht wird, geht er mit mulmigem Gefühl nach Hause. Er malt sich bereits aus (und hier zeigt die Autorin, wie genau sie über die Verhaltensweisen bei ADHS Bescheid weiß), wie die Mutter reagieren wird, denn er weiß, wie schnell sie überreagieren kann und dann laut wird, genau wie er selbst. So entschließt er sich den Brief mit der Strafe erstmal nicht zu zeigen und stattdessen sein Zeugnis mit dem perfekten Notendurchschnitt in den Vordergrund zu stellen.

„Vor lauter Sein hat sie überhaupt nicht mehr gewusst, wie man ist. Vor lauter Sein-Sollen war ihr oft ganz schwindlig, vor allem, wenn es darum ging Ozzy gleichzeitig vorzuleben, dass es richtig war, wie er war, dass er sich aber eben anpassen müsse, wo es nicht anders ging. Hätte nicht auch sie sich anpassen können, wo es nicht anders ging?“

Doch zuhause hat seine Mutter ganz andere Probleme. Sie muss eine Präsentation für ihren Chef vorbereiten und dann kommt der Anruf aus dem Krankenhaus. Ihre leicht demente Mutter, die sich eigentlich einer OP unterziehen sollte, ist aus der Klinik abgehauen. Zusammen mit ihrer ungeliebten völlig anders tickenden Schwester, die in einer Kommune auf einem Bauernhof lebt, vereinbart sie ein Treffen, um die Mutter zu suchen. Sie hat bald durch Hinweise aus ihrem Heimatort eine Idee, wo sie sich befinden könnte. Hier beginnt eine Art Roadmovie durch Österreich. Der Junge, der eigentlich ins Ferienlager soll, fährt zunächst mit der Mutter mit und soll dann, als sie fündig werden – die Mutter ist in ihrer ehemaligen Wohnstatt in den Bergen untergekommen – von der Schwester mitgenommen und im Camp abgesetzt werden. Als (über-)besorgte Mutter fällt Ann das schwer, sie schafft es dennoch loszulassen, da es die Idee ihres Sohnes war, der sich mit der lockeren Tante, die so ganz anders ist als die Mutter, sehr gut versteht.

Doch es kommt alles anders als geplant: Oz kommt nicht im Feriencamp an und ein Unwetter mit Sturmwarnung zieht auf, während Anne erneut überrascht wird vom Verhalten ihrer Mutter. Es folgt schließlich ein versöhnliches Ende, welches mir aber in der Inszenierung nicht so ganz glaubwürdig erscheint.

„Ohne Polyester, spürt man sofort, ein Privileg der Kinderlosen, denkt Ann. Natürlich kann der Leipziger sich seine Bank mit Leinenstoff polstern lassen, wer kommt schon und macht ihm Flecken rein, und wenn, dann wäre das nichts, was man nicht gleich herauswaschen könnte.“

Wie auch immer: für mich kommt der Roman trotz seines zeitweilig spritzigen Humors nicht an den Vorgänger- und den Vorvorgängerroman heran. Auch weil ich bei der Hauptfigur Ann zwischendurch immer wieder ein Bewerten oder Verurteilen bestimmter Lebensweisen durchblitzen sehe (Beispiel siehe Zitat oben), was ich schade finde (was sich vielleicht aber aus meiner persönlichen Lesart speist). Zumal sich in der Beziehung von Mutter und Sohn zwar ein unglaubliches Talent zum Fantasieren und Erfinden zeigt, was beide verbindet, aber in ihrer Beziehung längst nicht alles gut läuft. Es sind auch schon sehr viele gehaltvolle Themen (Demenz, ADHS, Trennung der Eltern, Schwesternzwist), denen womöglich mehr Raum gut getan hätte.

Der Roman erschien im Hanser Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Andreas Schäfer: Letzter Akt Dumont Verlag


Ein schönes Sprachspiel findet sich schon im Titel des neuen Romans von Andreas Schäfer. Auch die Farben weisen darauf hin, dass es im Inhalt um die Malerei geht. Aber eben auch um Schauspiel. Hier ein letzter Akt, da ein letzter Akt. Ein Roman im Künstlermilieu also. Es geht um eine sehr berühmte Schauspielerin, Dora Martin heißt sie, die sich in den Künstler Victor verliebt, der sich bei der ersten Begegnung ausgesprochen natürlich ihr gegenüber verhält. Einfach weil er sie schlicht nicht kennt. Schauplatz ist London und zwischen Atelier und Bühne entspinnt sich mehr als eine Liebelei.

London 2005: Wie froh Dora Martin ist, als sie einen Mann kennenlernt, der nicht ihrer Berühmtheit wegen von ihr angezogen ist. Der Maler Victor, ebenfalls Mitte vierzig, hat es ihr gleich angetan und es entwickelt sich nach und nach eine Vertrautheit, die Dora hoffen lässt, sie aber auch ängstigt, denn wie schnell kann es vorbei sein, wenn die Paparazzi wittern, dass es einen neuen Mann in ihrem Leben gibt. Deshalb bleibt es auch zunächst eine geheime Geschichte, doch sie lernt seine Tochter kennen und möchte, dass er sie auch mit ins Theater begleiten kann, wo sie gerade ihr Comeback, zurück vom Film auf die Bühne, erfolgreich feiert. Bisher hat sich jede Beziehung geändert, sobald sie in der Öffentlichkeit bekannt wurde. Oft sonnten sich die Männer neben ihr im Rampenlicht und profitierten von ihrem Erfolg, waren nur deshalb mit ihr zusammen.

„Sie stand auf der Bühne im Licht der Scheinwerfer, Hunderte Menschen lauschten ihr, und doch packte sie mit einem Mal der Neid auf Victors Freiheit. Er konnte Welten erschaffen jenseits der Sprache, tun und lassen, was immer er wollte, während sie bis ans Ende ihrer Tage an Worte gefesselt war.“

Diesmal scheint es anders zu sein. Sie genießt die Ruhe in seiner Gegenwart und die Zweisamkeit Sie muss Victor sogar drängen, sich mit ihr zu zeigen. Sie weiß, dass die Presse irgendwann Wind von ihrem Neuen bekommt und aufdringlich wird. Um das zu vermeiden und Victors Refugium in einem alten Industriehof nicht zu gefährden, beschließen sie, sich bewusst an bestimmten öffentlichen Orten zusammen zu zeigen, in der Hoffnung, dass ihre Privatsphäre erhalten bleibt. Denn Victor bereitet gerade seine erste große Einzelausstellung vor. Doch natürlich kommt es anders. Bald schon zeigt eine Zeitung Fotos von seinem Atelier. Es heißt, Dora Martin hätte etwas mit einem wenig bekannten Maler. Victor wird ein Interview angeboten mit einer großen Zeitung, allerdings mit der Bedingung, dass Dora dabei ist, was Victor sofort ablehnt. Und dann kommt Dora auf die Idee, dass Victor sie malen soll. Ein Akt soll es sein. Das Porträt wird jedoch ganz anders, als sie sich das vorstellt, sie erkennt sich selbst nicht wieder … Dass es zum Bruch zwischen beiden kommt, erfahren wir erst später.

Im zweiten Teil tauchen wir in Doros Vergangenheit ein und hören davon, weshalb es dazu kam, dass sie Schauspielerin wurde. Hier erfahren wir auch, warum das Verhältnis Doras zu ihrer Mutter so schwierig ist und warum sie nicht in Deutschland auftritt. Es ist das Jahr 1982 und Doro ist begeistert von der Theatergruppe in ihrer Schule. Hier lernt sie auch Vera kennen. Die beiden jungen Mädchen werden Freundinnen und teilen von nun ab fast alles miteinander. Doro ist begabt im Nähen und schneidert Kostüme. Im letzten Schuljahr malen sie sich aus, wie sie zusammen nach Paris gehen und berühmt werden. Doch nur eine geht und zwar nicht nach Paris, sondern nach London: Doro. Und wird zu Dora.

Im dritten Teil treffen sich Dora und Victor im Jahr 2010 wieder. Dora führt mittlerweile nach einer Auszeit, in der sie aus einer Sprachlosigkeit wieder auftaucht, Regie im eigenen Film und Victor ist tatsächlich ein erfolgreicher Maler geworden. Und das nicht ohne Grund …

Letzter Akt ist ein sehr ruhiges Buch, leicht zu lesen und doch gewichtig, wobei immer eine gewisse Unruhe über allem zu schweben scheint, und nicht ohne eine spannende Wende. Das hat der Autor sehr gut konstruiert. Was mir besonders gefiel, war der Spannungsraum zwischen den beiden Künsten: Darstellende und bildende Kunst. Es geht um Sprache und um die Kunst auch ohne zu sprechen, sondern durch Sehen einen Ausdruck zu finden. Und es geht darum das Ich nicht nur durch die Filter der Kunst zu erleben, sondern die Maske abzunehmen. Empfehlung!

Der Roman erschien im Dumont Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Katrin Zipse: Moosland Hörbuch Dumont Verlag


Ein Roman der auf Island spielt lockt mich immer. So auch hier. Und weil Maria Wördemann Moosland von Katrin Zipse so schön und passend interpretiert, habe ich mich hier für das Hörbuch entschieden. 5 Stunden und 49 Minuten habe ich der Geschichte gelauscht und tatsächlich war es die perfekte Wahl, denn im Buch geht es auch um die isländische Sprache, die die Hauptfigur erlernen muss und so konnte ich selbst auch ein wenig eintauchen. Die Sprecherin zeigt, wie die Worte ausgesprochen werden.

Zipse wählt ein Thema, das wenig bekannt ist: In den Nachkriegsjahren sucht Islands Bauernpartei weibliche Arbeitskräfte, die möglichst auch auf der Insel bleiben und heiraten. Denn es gab akuten Frauenmangel. Die Amerikaner waren während des Kriegs in großer Anzahl auf Island stationiert und viele Frauen gingen mit GIs in die USA bzw. zogen in die Stadt. Auf diese Weise kommt Elsa 1949 auf die karge Insel ganz im Norden. Sie hat sich freiwillig für das Programm gemeldet, da sie in Deutschland im Krieg alles verloren hat, was ihr etwas bedeutete. Bereits bei ihrer Ankunft mit dem Boot wird Elsa klar, dass es hier nicht leicht werden wird. Sie wird bei einer Bauernfamilie untergebracht, deren Farm weitab der Zivilisation liegt. Das Bauernpaar, die zwei Söhne in ihrem Alter und der Knecht sind die einzigen Menschen und sie begegnen ihr zwar freundlich, aber auch distanziert. Die Distanz ist ihr durchaus recht, denn ihr macht immer noch ein Kriegstrauma zu schaffen, von dem wir nur vage erfahren. Es geht um ihre Freundin Sola, die nicht mehr am Leben ist.

„Drei Männer sitzen an einem langen Tisch und starren sie an. An der Stirnseite der Älteste, breitschultrig und schwer, die beiden anderen auf den Bänken, einander gegenüber. Sie sind viel jünger und haben schmalere Gesichter, doch genauso breite Schultern wie er. Der eine hat sogar die gleichen viel zu blonden Haare, aber seine sind mit Pomade nach hinten gekämmt. Das Haar des anderen ist dunkelbraun, fast schwarz, wie das der Frau am Herd. Ihr reicht es, zu einem Zopf geflochten, bis zur Taille.“

Es beginnt schon damit, dass sie Angst vor den Hühnern hat. Man lacht erst über sie, doch dann schafft sie in einem Kraftakt, diese Angst ganz alleine zu überwinden. Es kommen immer wieder solche Situationen, in denen das Trauma reaktiviert wird, doch Elsa ist gewillt, sich nicht unterkriegen zu lassen. Sie hat keine landwirtschaftliche Erfahrung, doch sie lernt. Ihre Aufgaben erweitern sich von Tag zu Tag: Haushalt, Wäsche, Stall, Garten, Felder, Schafe. Anfangs bleibt sie oft schlaflos, was auch an der Helligkeit der Sommernächte liegt, die für sie so ungewohnt sind. Bald bekommt sie aber auch einen Blick für die Schönheit der Landschaft. Sie mag die Stille. Sie erlernt die Sprache mithilfe des Knechts Haltdor nach und nach, bleibt doch lange schweigsam. Sie lernt reiten, denn die Islandpferde sind die besten Fortbewegungsmittel auf dem Land. Vieles fällt ihr schwer, mitunter zweifelt sie, doch sie hält durch, sucht die Ablenkung in der Arbeit. Hier sind alle aufeinander angewiesen, der Hof ist abgelegen, die Stadt weit entfernt. Die täglichen Routinen müssen getan werden, je nach Jahreszeit.

Zwischendurch kommen auch unbeschwerte Stunden. Die beiden jungen Männer sind durchaus an ihr interessiert, aber freundlich zurückhaltend. Skúhli ist der eher Extrovertierte, der Englisch kann, Jazzmusik hört und von Amerika begeistert ist, wohin er am liebsten auswandern würde. Oulawür ist der Stillere, der im Hintergrund präsent ist. Tatsächlich verschwindet Skúli eines Tages nach einem heftigen Streit. Zuerst sucht man nach ihm, dann wird der Weggang hingenommen. Die Bäuerin wird deshalb krank und erholt sich nur langsam.

Der Sommer vergeht, man holt die Schafe von der Sommerweide in den Bergen. Elsa rettet ein Lamm und bekommt das erste Lob vom Bauern für ihren Mut. Doch die Mehrzahl der Lämmer wird ins Schlachthaus gebracht. Elsa verliert Kraft und Mut und reitet allein bei Kälte und Schnee in die Berge. Sie will weg. Sie will zu Sola. Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen. Doch Oulawür findet sie rechtzeitig und bringt sie zurück. Dann entdeckt Elsa das Familiengeheimnis, über das keiner spricht: die Tochter Steinunn ist bereits im jungen Alter verschwunden. Doch Elsa schafft es eine Verbindung zu ihr herzustellen. Auch Skúli macht sie ausfindig. Er will, dass sie mit ihm nach Amerika kommt. Für Elsa steht nun eine schwierige Entscheidung an. Soll sie gehen oder bleiben?

Es ist eine leise Geschichte, die atmosphärisch dicht erzählt ist. Als Leserin habe ich Bilder der isländischen Landschaft vor Augen, den weiten Himmel, das helle Licht, die karge Berglandschaft, die Sterne, die Nordlichter im Winter. Zispes Geschichte hat mir sehr gefallen, sie ist fein konstruiert und die Lesung war perfekt. Alles stimmt hier. Sie nutzt eine Sprache, die zur Stimmung und zum Szenario passt und lässt sie fließen. Und ihre Protagonisten sind alle glaubwürdig in ihrer Eigenart. Elsa wächst mir ans Herz, so wie sie auch der Familie ans Herz gewachsen sein muss. Große Empfehlung!

Im Nachwort erfährt man mehr über die Frauen, die nach Island gingen, der sogenannten Esja-Frauen. Der Roman erschien im Dumont Verlag, sowohl Buch als auch audiobuch. Eine Hör/Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag und Netgalley für das digitale Hörexemplar.

Joanna Bator: Die Flucht der Bärin Suhrkamp Verlag


Joanna Bators neues Buch beinhaltet Erzählungen. Das Cover finde ich sehr gelungen, es passt auch gut zum Inhalt. Nach ihrem letzten gewichtigen Roman Bitternis sind es jetzt Geschichten, die mir nicht ganz geheuer waren. Bezeichnenderweise heißt eine Story auch Ungeheuer. Einige Geschichten sind ganz nach meinem Geschmack, teils schön skurril, und dann sind welche dabei, die mich wirklich gruseln. Die ich am überblättert hätte, aber nicht weil sie nicht gut sind, sondern, weil sie mich durch ihre Atmosphäre extrem beunruhigten (was natürlich auch ein Zeichen für gute Literatur ist). Ich empfehle das Buch für diejenigen, die so etwas lieben: abgründige Geschichten, die einem mit ihrem unklaren Ende im Regen stehen lassen.

So hat mir die erste, titelgebende Geschichte, die von einem geplanten Suizid wegen einer Demenzerkrankung erzählt, sehr gefallen. Auch die zweite Geschichte, die sehr unterhaltsam ist, bis man merkt, wie hier Wirklichkeit umgedeutet wird, was hier tatsächlich passiert – man ahnt es selbst von Zeile zu Zeile. Eine Geschichte führt uns nach Kreta. Hier soll eine eingefahrene Ehe gerettet werden, stattdessen verschwindet der Mann, die Frau aber auch. Ein andermal begegnen wir einer Bestatterin oder Begräbnisrednerin, deren Leben durch eine sprechende Schildkröte enorm aufgewertet wird. So eine wünschte man sich selbst manchmal.

„Ich erinnere mich kaum an was aus meiner Kindheit. Mehr an Emotionen als an Menschen und Ereignisse. An Einsamkeit, Angst, Ablehnung, klar, aber auch an das merkwürdige Gefühl keine Grenzen zu haben, als wäre zwischen mir und der Welt nur eine löchrige Membran, und die Dinge könnten beliebig rein und raus, ich selbst hätte nichts zu sagen.“

Schauplatz der Geschichten ist meist Breslau und die ländlich dörfliche Umgebung. Häuser als Lebensorte spielen eine große Rolle in fast allen Geschichten. Dabei ist ein altes geheimnisvolles Hotel, das gleich in mehreren Geschichten auftaucht und illustren Gestalten Obdach gibt. Auch diverse alte gruselige Häuser, aber auch neue Architektur dienen als Kulissen. Und auch der Bär aus dem Titel spielt eine Rolle.

In einer Geschichte beginnt eine alte alleinstehende Frau sich um verletzte Fledermäuse zu kümmern. Ihre Wohnung wird langsam zur Fledermaushöhle und ihr wachsen Flügel. Eine Frau, deren Mann auf einer Friedhofsbank verstarb geht dem merkwürdigen „Tatort“ nach und erfährt verschwiegene Geheimnisse. Ein Galeristen-Ehepaar macht ein Vermögen mit selbst gemalten Bildern, die angeblich von einer geheimnisvollen, unter Pseudonym arbeitenden Malerin stammen. Zwei junge Frauen, die sich am Flughafen treffen, finden sich so anziehend, dass sie nach einem Ausflug auf eine einsame griechische Insel einfach dortbleiben und ein Hippieleben führen, bis sie auf unerwartetes „Strandgut“ treffen.

„Zur Familie werden Menschen meistens nur, weil sie in den falschen Zug gestiegen sind oder jemand Mächtigeres es so entschieden hat. Oder die Dinge sind schon weit fortgeschritten und die Würfel gefallen. Eine Familie hat nichts Natürliches an sich, und ohne die ein oder andere Zwangsmaßnahme gäbe es das Konzept längst nicht mehr.“

Interessant, aber verwirrend sind die Querverbindungen, die die Autorin zwischen die Erzählungen legt. Einige der Protagonisten sind verwandt oder befreundet oder begegnen sich sonst wie. Nicht immer ganz durchsichtig, aber eine gut konstruierte Methode um etwas Romanhaftes entstehen zu lassen. Die Helden und Heldinnen dieser Geschichten sind überwiegend gescheiterte Existenzen oder zumindest große Zweifler und tragische Figuren. Sie suchen das Glück, bewusst oder unbewusst und verlieren ob der Grausamkeit der Umstände meist die Hoffnung. Bator hat ein gutes Sprachgefühl für solchen Szenerien. Sie erzählt dicht und fantasievoll, wie schon im letzten Roman auf über 800 Seiten zu sehen war. Empfehlung für die, die das Unheimliche nicht scheuen!

Das Buch erschien im Suhrkamp Verlag. Übersetzt aus dem Polnischen hat es Lisa Palmes. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Christoph Peters: Entzug Luchterhand Verlag


Ein faszinierendes Cover krönt Christoph Peters` neuen Roman Entzug. Das Gemälde, ein Gesicht, welches in expressiver Art in dunklen Farben uns Leser direkt anschaut, ist ein sehr frühes Selbstporträt von Peters selbst. Für mich passte es deshalb auch, das Buch in diesem Schattenszenario zu fotografieren. Natürlich auch wegen des Inhalts. Autobiographisch ist der Roman und der Erzähler, Christoph Peters selbst, zeigt sich als Alkoholiker, der sich nach einem endlos sich ziehenden nahezu ständigen Alkoholrausch in den Entzug in eine Klink begibt.

„Was macht die Flasche da?“, ruft die Frau. –“Welche Flasche?“, rufe ich zurück. „Die auf dem Tisch.“ –“

Ich bin erstaunt. Denn damit hätte ich nicht gerechnet. Ich mochte die letzten drei Romane, „die Köppen-Trilogie“ sehr gerne, kenne auch einige ältere und sehe öfter Bilder des Autors, auf denen er als Sammler von chinesischer Keramik zu sehen ist oder bei einer Teezeremonie. Ich erinnere eine Buchvorstellung eines Lyrikbandes von Marion Poschmann, moderiert von Christoph Peters im LCB, der passend dazu einige Seladon-Teeschalen aus Korea zeigte und erläuterte. Es gibt Ausstellungen seiner Zeichnungen von Teeschalen und ich kann diese Bilder gar nicht mit dem Peters im neuen Roman in Verbindung bringen. Es muss sich eine unglaubliche Wandlung zugetragen haben, wie sie ja oft mit Krisen einhergeht.

„Ich komme heute mit weniger aus. Natürlich komme ich nicht mit weniger aus. Die Linie, vor der die Möglichkeit bestand, mit weniger auszukommen, wurde vor 11 Monaten überschritten.“

Seit der Kindheit ist der Held mit Alkohol konfrontiert. Im Elternhaus auf dem Dorf ist es gang und gäbe schon vormittags zu trinken. Frühschoppen, Feiern, Schlachtfeste. Später im Internat tragen die älteren Schüler dazu bei, dass auch die Jüngeren schon trinken. Und dann die Entscheidung Schriftsteller, Maler und Trinker zu werden. Natürlich! Das Klischee des trinkenden Künstlers, der erst im Rausch den höchsten Zustand der Kreativität, ja der Genialität erreicht. Vorbilder: Bukowski, Hemingway, Cy Twombly. Es werden Bücher geschrieben, es werden Beziehungen geführt – alles mit hohem Alkoholpegel. Es dauert lange, bis der Punkt erreicht ist, an dem es nicht mehr weiter geht. Immer schwieriger wird das Verheimlichen der Frau und dem Kind gegenüber. Flaschen werden an allen möglichen Orten der Wohnung deponiert, damit immer etwas griffbereit ist. Leere Flaschen müssen unbemerkt entsorgt werden. Die Arbeit am neuen Buch wird durch die Sucht quasi unmöglich gemacht. An Schlaf ist kaum mehr zu denken: Unruhe, Zittern am ganzen Körper: Entzugserscheinungen, wenn kein Nachschub erfolgt. Der Streit mit der Frau wird immer unangenehmer. Der Brief des Lektors scheint dann ein Auslöser zu sein, um zu merken, dass es so nicht weiter gehen kann. Er ist nicht zufrieden mit den letzten Textteilen. So kommt die Angst vorm Versagen, vor Verarmung, vor Obdachlosigkeit. Und dann endlich die Entscheidung: Entzug!

„Auf einmal stellt sich heraus, dass all das, von dem ich mir immer eingebildet habe, es handele sich um singuläre Erlebnisse, mehr oder weniger, das Standardprogramm fortgeschrittenen Alkoholismus` darstellt – dass ich kein radikalindividualistischer Grenzgänger bin, sondern ein gleichgeschalteter Suchtkranker.“

Im zweiten Teil begleiten wir Peters in die Klinik. Er hat Glück und bekommt kurzfristig einen Platz. Eigentlich ist es ein unerträglicher Ort und doch geht es eben nur dort mit sehr strengen Regeln. Er leidet extrem unter Tremor, Zittern der Hände und Taubheit und Kribbeln der Füße und Beine. Unterstützt von Medikamenten und Therapien geschieht der Entzug innerhalb von vierzehn Tagen. Die Ärzte sagen klar, dass es sehr knapp war: Es gab noch keine Leberzirrhose und kein gefährliches Delirium. Die Schwestern überwachen den Patienten in kurzen Abständen. Danach empfiehlt man ihm Selbsthilfegruppe. Peters ist skeptisch. Psychotherapie möglicherweise ja. Bei der Entlassung ist er sich sicher, dass er nie wieder trinken wird. Nach einer Art Erweckungs- oder zumindest Erkenntnis-Erlebnis vorm Spiegel bei Betrachtung seiner selbst, scheint dies absolut klar zu sein. Peters hat Glück, dass seine Frau weiterhin da ist, zu ihm steht. Mitpatienten haben da mehr Pech, sind aber teilweise auch schon mehrere Male wieder in die Sucht zurück gefallen. Denn eigentlich geht es jetzt, im Alltag, erst richtig los. Es dürfte der schwierigste Teil des Entzugs sein: trocken bleiben. Leider endet die Geschichte nach der Entlassung aus der Klinik. Mich hätte sehr interessiert, wie es danach weiterging. Vor allem auch ihm Hinblick auf das Schreiben ohne Alkohol. Aber vielleicht gibt es ja eine Fortsetzung.

Interessant, dass es erst nach über 20 Jahren möglich war, über diese Zeit des Lebens zu schreiben. Und es dann überhaupt noch zu aufzuschreiben, denn es hat mit Sicherheit alles noch einmal hervorgeholt, was vielleicht schon verarbeitet und abgelegt war. Zumal es ein sensibles Thema ist, dass auch die Familie betrifft. Jedenfalls beeindruckend ein solches autobiographisches Thema in Literatur zu verwandeln. Gelungen ist es, obwohl ich mir persönlich noch mehr Innenschau gewünscht hätte und weniger Informationen über Mitpatienten.

Der Roman erschien im Luchterhand Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Weitere Besprechungen von Peters`Romanen:

Gianrico Carofiglio: Der Horizont der Nacht Folio Verlag


Ich lese nahezu keine Krimis, doch hier machte ich eine Ausnahme, kommt er doch aus meinem Sehnsuchtsland Italien. Keine klassische Kriminalgeschichte ist dieser Roman des aus Bari stammenden ehemaligen Richters und Anti-Mafia-Staatsanwalts Gianrico Carofiglio. Es ist eher ein anspruchsvoller Roman mit Krimi-Motiven und ziemlich tiefgehend, da der Autor seinen Avvocato parallel zum Fall in die Psychoanalyse schickt. Für mich eine wunderbare Mischung.

Sein Lieblingsbuchhändler und Barbesitzer ruft Avvocato Guerrieri eines Tages zu einem spannenden, wenngleich zunächst aussichtslosen Fall: Eine Frau hat den Lebensgefährten ihrer Zwillingsschwester, die einige Wochen zuvor Suizid beging, erschossen. Sie glaubt, dass er an ihrem Suizid schuld ist und sie will diesen Mord auch gestehen. Die Motive sind zunächst unklar, bis sich langsam eine Notwehr-Situation zeigt. Während die auffällig ruhige Tatverdächtige in Haft ist, ermittelt Guerrieri mit einem befreundeten Privatdetektiv, um sich auf den Prozess vorzubereiten.

„Unter Strafrechtlern wird darüber heftig diskutiert: Ist es besser, zu wissen oder nicht zu wissen, ob der Mandant schuldig ist? Ist es der Verteidigung von Nutzen, sämtliche Fakten zu kennen, oder kann man dem Richter seine begründeten Zweifel effizienter und moralisch unbefangener darlegen, wenn man über die Fakten im Dunkeln ist?“

Zwischendurch begleiten wir den sehr nachdenklichen und reflektierenden Avvocato zu seinem Analytiker, der nach C. G. Jung arbeitet und sich mit Träumen und den immer wiederkehrenden Handlungsmustern des Patienten, besonders in Beziehungen befasst. Es geht um Kindheit und Schatten und die Zusammenhänge. Das ist spannend, zumindest für mich als Fan der Psychoanalyse, aber irgendwie auch in Bezug auf den Fall. Einmal sind wir auch mit Guerrieri beim Friseur, der irgendwie auch für das Seelenheil des Kunden zuständig ist. Die Sitzungen und Gespräche sind immer tiefgehend und philosophisch und bringen Unerwartetes ans Tageslicht und so manches ins Rollen, was verdrängt wurde. Gerade auch, was die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau angeht. Der Anwalt macht konkrete Fortschritte in seiner Analyse. Und ich mag seine Idee der Gleichzeitigkeit von Traurigkeit oder Melancholie mit vorhandener Freude.

Der Ausgang des Prozesses scheint dann gar nicht mehr Hauptthema im Roman zu sein. Eine Zeitlang wartete ich auf einen raffinierten Switch, doch er kam nicht. Das stört aber gar nicht. Für die Mandantin endet das Gerichtsverfahren zwar nicht straffrei, aber dennoch scheint sie nach wie vor gefasst, ja sogar zufrieden. Und unser Anwalt ist sich immer unsicherer: war es nun doch Vorsatz oder eben Notwehr? Und inwiefern ist das Rechtssystem auch gerecht?

Mir hat es Spaß gemacht den Prozess vor Gericht mitzuverfolgen, die Taktiken und Kniffe von Anklage und Verteidigung zu erleben, sogar so sehr, dass ich überlege mich als Schöffe in Berlin zu bewerben. Vielleicht werde ich aber vorsichtshalber erst einmal ein paar öffentliche Verhandlungen besuchen. Berlin ist schließlich nicht Bari. Auch auf eine Psychoanalyse nach C.G. Jung macht der Roman Lust.

Der Roman erschien im Folio Verlag. Verena von Koskull hat ihn übersetzt. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Rachel Khong: Real Americans Argon Hörverlag


Es klang schon in der Vorschau interessant und nun ist es sogar für „Deutschland liest ein Buch“ ausgewählt geworden. Ich finde es zwar ein wenig merkwürdig, dass man dafür kein deutschsprachiges Buch nimmt, aber was weiß ich schon. Jedenfalls bin ich froh Rachel Khongs Real Americans als Hörbuch gehört zu haben; dadurch habe ich mich sehr dicht an die Fersen der Protagonisten heften können. Es gibt gleich drei Sprecher*innen: Josephine Hochbruck, die im ersten Teil die Stimme der Hauptfigur Lily liest, Julian Horeyseck, der im zweiten Teil ihren Sohn Nick interpretiert und Sabine Arnhold als May, deren Stimme mir am besten gefiel, kommt im dritten Teil zu Wort. Das ist klug gemacht, denn es verstärkt die Unterschiedlichkeit der verschiedenen Erzählfiguren. Immerhin sind es knapp 16 Stunden und ich habe sehr gern und gespannt zugehört. Die Geschichte zieht sich über mehrere Jahrzehnte von China bis in die USA.

Nach einem für mich etwas ungewohnten Einstieg, denn ich lese so gut wie keine klassischen Liebesgeschichten, bin ich ziemlich gut eingetaucht in die Geschichte von Lily, die ich als Hauptfigur sehe. 1999: Lily und Matthew lernen sich bei einer Weinachtsfeier kennen. Lily ist unbezahlte Praktikantin in einer Werbefirma und Matthew sehr reicher , privilegierter Sohn eines Pharma-Magnaten. Der Unterschied zwischen beiden ist erheblich. Auch vom Aussehen her: Lily hat chinesische Wurzeln und Matthew ist der gutaussehende große blonde Amerikaner. Trotzdem klappt es zunächst ganz gut. Und nach einer Trennung kommen beide später doch wieder zusammen. Lily, sich der Klassenunterschiede durchaus bewusst, zieht in seine teure Wohnung in einem teuren Viertel. Da sie kaum etwas verdient, zahlt er, z.B. die neue Wohnungseinrichtung, ihre Kleidung etc. Sie lernt seine reichen Eltern im Haus in den Hamptons kennen und wird anerkannt. Es folgt ein Heiratsantrag und eine riesige aufwendige Hochzeit. Auch Lilys Eltern sind anwesend, wobei sich Ihre Mutter etwas seltsam verhält. Nach 3 Fehlgeburten klappt es nach künstlicher Befruchtung mit einer Schwangerschaft. Sohn Nico wird als Frühgeburt in Peking geboren, wo die beiden sich gerade aufhalten. Ein Kindermädchen und Lilys Mutter helfen nach der Rückkehr mit dem Baby. Und: am Ende des ersten Teils erfahren wir, dass sich Lilys und Matthews Eltern bereits kannten. Jetzt wird es endlich spannend.

Der zweite Teil wird aus Nicos, jetzt Nick, Sicht erzählt. 2021: Er lebt mit seiner Mutter auf einer kleinen Insel an der Westküste. Lily will Nick abschirmen von der Welt und lebt zurückhaltend und sparsam. Nicht einmal Internet gibt es anfangs. Nick möchte endlich wissen, wer sein Vater ist und macht einen Gentest. Die Verbindung zu Matthew, den Lily verheimlicht, beginnt. Beide treffen sich und lernen sich kennen. Matthew macht Geschenke und möchte Nick auch das Studium finanzieren. Er ermöglicht es, dass er an eine der Elite-Unis gehen kann, weit weg von Lily, auf die er sauer ist, weil sie ihn angelogen hat. So studiert er in Yale und wird nach anfänglichen Schwierigkeiten ein ausgezeichneter Student. In New York erfährt er von seinem Vater das Geheimnis seiner Herkunft. Er sieht nämlich seinem Vater sehr ähnlich und so gar nicht chinesisch. Seine Großmutter, die Genforscherin ist, hat zusammen mit Matthews Vater, der das ganze Labor finanziert, eine Formel gefunden, die das Gen eines Elternteils dominanter macht. So sieht Nick wie sein Vater aus und nicht chinesisch. Er wohnt nach dem Studium in New York in einer Wohnung von Matthew und arbeitet in dessen Stiftung.

Im dritten Teil geht es um May, die Mutter von Lily. Sehr interessant ist dieses Kapitel, weil ich viel über China erfahre. May kommt aus einer armen Bauernfamilie, bei der der Hunger zuhause ist. Aufgrund ihrer Begabung und ihrer Durchsetzungskraft darf sie in Peking studieren. May studiert Biologie und ist zusammen mit ihrem Kommilitonen Ping die beste ihres Kurses. Die beiden verlieben sich. Doch Mao ist an der Macht und die Kulturrevolution beginnt. Die Rotgardisten zerstören alles, demütigen May. Plötzlich ist es verpönt, Makeup oder ein schönes Kleid zu tragen. Als die Studenten zum Arbeitseinsatz aufs Land müssen, planen Ping und May eine nahezu unmögliche Flucht übers Meer. Doch macht ein anderer Mann, der einen sicheren Fluchtweg kennt, May ebenso das Angebot mit ihr zu fliehen. Lily entscheidet sich für Sicherheit. Sie heiraten in Hongkong, erhalten die Möglichkeit als Wissenschaftler in den USA zu arbeiten. Zunächst in einem Genlabor in NY, dann in Florida, wo auch Lily auf die Welt kommt.
Das Labor wird von Otto, Matthews Vater finanziert. Sie forschen an der Aufschlüsselung der DNA und wie man Gene vor Vererbung verändern kann. Sie und Otto probieren die Formel an ihren Kindern aus.

Sprung in die Zukunft nach 2030:
Nick lebt in San Franzisco, arbeitet in einem Startup in der Bay Area. Er sucht seine Großmutter und lernt sie kennen. Sie lebt recht zurückhaltend in einer WG, hat keinen Kontakt zu ihrer Tochter und erzählt Nick ihre Geschichte.
Bei einem Meeting, bei dem Geldgeber für das Startup gesucht werden, trifft er wieder auf Matthew. Er kann diesen überzeugen, dass er die Firma kauft, aber das alle Menschen, egal ob arm oder reich, egal welche Klasse, Geschlecht oder Hautfarbe, gleich davon profitieren sollen und kein Missbrauch erfolgen darf.
Die betagte May wird ernsthaft krank, während Nick für sie da ist. Sie liegt im Sterben, als doch noch Lily für eine letzte verbindende Begegnung auftaucht. Und sie verzichtet auf den Versuch ein neu entwickeltes Mittel, welches das Leben verlängern soll, einzunehmen.

Es ist ein schönes, ein versöhnliches Ende. Kein kitschiges Happy End. Wie überhaupt die Sprache in Khongs Roman sehr ambitioniert und motiviert ist. Es gibt viele einfallsreiche Metaphern, die bis auf wenige Ausnahmen gelingen. Und die Autorin berührt viele der aktuellen Weltprobleme ohne sie zu überspitzen oder plakativ aufzublasen. Man merkt auch so, wie relevant vieles ist, was sie erzählt; ganz im Vordergrund natürlich Segen und Fluch der Genforschung. Die Komposition finde ich absolut gelungen. Die drei Teile sind sehr unterschiedlich und bringen doch alle Komponenten zusammen zu einer starken Geschichte. Empfehlung!

Der Roman erschien bei Kiepenheuer & Witsch. Das Hörbuch bei Argon. Der Übersetzer ist Tobias Schnettler. Eine Hörprobe gibt es hier. Ich danke Netgalley und dem Verlag für das digitale Hörexemplar.

Brigitte Herrmann: Die Suche nach der eigenen Farbe – Das widersprüchliche Leben der Malerin Stephanie Hollenstein Gmeiner Verlag


Durch Zufall entdeckte ich diese Künstlerin aufgrund einer Buchbesprechung. Stephanie Hollenstein (1886-1944) war eine höchst widersprüchliche Frau mit vielen Seiten und gerade deshalb hat mich der Roman von Brigitte Herrmann über die österreichische Malerin sehr neugierig gemacht. Herrmann setzt das Leben Hollensteins in Szene, indem sie jedem Kapitel ein Gemälde voranstellt und chronologisch aus der Sicht von Franziska, der letzten Partnerin der Malerin, erzählt.

In Lustenau in Vorarlberg in eine Bauernfamilie hinein geboren, wurde aus ihr eine eigensinnige Person. Als der Roman ansetzt, geht sie im Alter von 18 Jahren nach München an die Kunstgewerbeschule, denn die Akademie nimmt keine Frauen. In München trifft sie auch ihre erste Geliebte, versteht, warum sie Männer nie anziehend fand. Sie merkt, dass sie lesbisch ist. Sie zeichnet und malt, ist Aktmodell, wird Zeichenlehrerin und erhält ein Künstlerstipendium für Italien, obwohl das sonst nur Männer von der Akademie bekommen. Sie weiß sich durchzusetzen, wenn es um ihre Karriere geht. Sie hat Affären. Sie will unbedingt Künstlerin sein. Und schließlich stellt sie auch aus, verkauft ihre ersten Bilder. Doch dann kommt ein Bruch. Ihre Geliebte verlässt sie. Ein renommierter Galerist lehnt sie ab. Sie kehrt in ihren Heimatort zurück. Es ist eine Schaffens- und Sinnkrise. Kurz darauf beginnt der 1. Weltkrieg. Sie lernt Sanitätshelferin und lernt schießen. Und was wie eine fiktive Geschichte klingt: Unter dem Namen Stephan Hollenstein und mit kurzem Haarschnitt wird sie im Standschützenbataillon aufgenommen und fällt ihren Vorgesetzten erst nach einigen Monaten als Frau auf. Im Anschluss geht sie als Kriegsmalerin an die Front.


„Sie war außer sich vor Freude. Ihre Bilder würden in der Secession ausgestellt werden. Das war bisher ihr größter Erfolg. Sie dachte daran, dass die Kunstwelt, zumindest die Kunstwelt in Wien, ein Stück weit begriffen hatte, dass sie jemand war, daran, dass sie nicht nur von ihrer Arbeit leben konnte, sondern dass sie auch noch so lebte, wie es ihr gefiel, ohne sich länger anpassen zu müssen. […] Sie hatte es geschafft!“

Nach dem Krieg versucht sie in Wien Fuß zu fassen. Sie hat einen Durchbruch, als die Secession vier ihrer eingereichten Bilder in die Ausstellung aufnimmt. Mit einer Künstlerfreundin gründet sie gleichzeitig einen eigenen Frauenkunstverein. Der Tod des Vaters holt sie zunächst wieder nach Lustenau zurück. Da ihr Bruder im Krieg gefallen ist, muss sie sich um die Familie und den Hof kümmern. Sie pendelt nun zwischen Wien und ihrem Heimatort. Dort passiert auch ein gravierender Unfall, der Hollenstein einen kompliziert gebrochenen Fuß beschert. Sie kann lange nicht arbeiten. Gleichzeitig lernt sie aber auch ihre neue Lebensgefährtin Franziska kennen, die Ärztin werden wird. Die beiden leben zusammen, reisen, zeigen sich sogar zusammen, bis es gefährlich wird. Hollenstein ist mittlerweile etablierte Malerin.

Nach einem Treffen von Künstlerinnen in Graz wird sie auf dem Nachhauseweg von der Heimwehr überfallen, zusammengeschlagen und vergewaltigt, weil sie in Männerkleidern unterwegs war. Das löst in ihr eine grundlegende Veränderung aus. Sie will nicht mehr Opfer sein. Animiert von einem alten Freund aus München, beginnt sie für ihn Flugblätter der NSDAP nach Österreich zu schmuggeln und ihr Denken verändert sich. Die Partei ist in Österreich noch verboten, doch Hollenstein wird heimlich Mitglied. Durch ihre Neigung zum Nationalsozialismus entfernt sie sich immer mehr von ihrer Lebensgefährtin, wird jedoch nach dem „Anschluss“ Präsidentin der Vereinigung bildenden Künstlerinnen, in der man nur mit Ariernachweis bleiben darf. Alles was das Regime an Grausamkeiten verübt, blendet sie aus. Dann kommt der Krieg und Franziska arbeitet als Ärztin in Innsbruck, die beiden sehen sich kaum mehr. Hollenstein passt sich an und malt fast nur noch der aktuellen Zeit angepasste Bilder, um Geld zu verdienen. Als sie schließlich aus erster Hand von einem Freund erfährt, was in den KZs vor sich geht, ist sie vollkommen erschüttert, ändert aber nichts an ihrer Einstellung. Hollenstein hat ein Herzleiden, was sich immer deutlicher zeigt, doch sie achtet nicht auf die Warnung des Arztes. Sie stirbt 1944 in Wien.

Die Autorin beschreibt im Nachwort, wie sie beim Schreiben vorgegangen ist. Vor allem anhand von Briefen von und an Hollenstein und der Bilder, die in Lustenau heute im Museum zu sehen sind hat sie die Geschichte konstruiert, die jedoch auch durch viel Fiktives ergänzt wird. Es ist eine besondere Frauenbiographie: Eine Bauerntochter, die Malerin wird, als es noch verpönt war, ebenso verpönt, wie Lesbischsein (Homosexualität wurde erst im Jahr 1977 in Österreich straffrei). Der Wunsch, angenommen zu werden wie ein Mann. Der große Einsatz für die Frauenkunst. Und dann das langsame Abdriften in die Begeisterung für den Nationalsozialismus. Gleichzeitig ist es ein Beispiel, wie schwer es ist, sich nicht anzupassen, wenn es ums eigene Überleben geht. Wer weiß wie viele Künstler ähnlich gehandelt haben? Und immer die Frage: Wie hätte ich mich damals verhalten?

Der Roman erschien im Gmeiner Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Fotos der Gemälde: gemeinfrei Wikimedia commons

Helene Bukowski: Wer möchte nicht im Leben bleiben Claassen Verlag


Helene Bukowski ist mit diesem Roman für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Mich hatte der Roman schon vorher interessiert, denn es geht um einen Suizid einer jungen Frau, einer begabten Pianistin im Alter von 25 Jahren. Bukowski hat die Idee zu einem Roman über Christina, als ihr Bekannte alte Fotoalben und Briefe von ihr zeigen. Und tatsächlich recherchiert sie unglaublich viel und schafft es in einer zugewandten respektvollen, ja nahezu liebevollen Art, das kurze Leben dieser Frau zu rekonstruieren. Sie füllt die Lücken in der Biografie fiktiv und erreicht dabei eine ungeheure Bildhaftigkeit. Ich bewundere den Mut, sich so auf ein fremdes Leben einzulassen, das so schmerzhaft endet, einzutauchen und das ohne etwas festschreiben zu wollen. Wenn sie unsicher ist, erwägt sie immer auch eine andere Version, wie es hätte sein können. Der Titel entstammt einem Kinderlied der DDR (1959).

„Pass auf, dass du nicht deine eigene Geschichte daraus machst“, sagt sie zu mir im Vorbeigehen. Ich fühle mich ertappt.“

Die Autorin als Erzählerin geht mit Christina und den anderen Protagonisten in einen Dialog. Sie stellt Fragen, obwohl sie natürlich keine Antwort bekommt. Ich finde das sehr klug konstruiert. Es erinnert uns Leserinnen auch immer daran, dass es um eine echte Lebens- und Todesgeschichte geht. Intensiver wird alles durch die Du-Perspektive. Zitate aus dem Recherchematerial ist im Text schräg gedruckt. Bukowski hat eine Art Dokumentation des Vaters als Unterlage, das „Merkbüchlein“ der Mutter, unzählige Briefe von Christina, den Eltern und Freunden, Fotos. Daraus entsteht die Geschichte, die 1961 in Leipzig mit der Geburt Christinas beginnt und 1985 mit dem Suizid in Neubrandenburg endet.

Von klein auf spielt die Musik im Leben von Christina eine Rolle. Der Vater ist zunächst Sänger im Opernchor in Leipzig, später Leiter einer Musikschule in Neubrandenburg. Die Mutter fotografiert leidenschaftlich. Der Vater fördert die Tochter, lässt sie bereits ganz früh ans Klavier, das zuhause steht. Später wird man auf Christina aufmerksam und sie kommt in ein Musikinternat in Berlin, die sogenannte Spezi(alschule). Hier schließt Christina zum ersten Mal Freundschaften und wird von jemand anderem als ihrem Vater unterrichtet. Die Lehrerin ist streng, ermöglicht Christina aber vieles. Gleichzeitig wird klar, dass man für ihre Ausbildung auch etwas zurück haben will. Sie spielt Konzerte, nimmt an Wettbewerben teil. In den Sommerferien hat der ehrgeizige Vater bereits einen Konzertplan für sie ausgearbeitet. Schnell merkt man, dass Christina unter Druck steht. Dass der Vater ihr sein eigenes aufdrücken will. Er will eine berühmte Tochter.

„Ich sehe dich dein Zimmer betreten nach einem solchen Abend. Ausgelaugt kommst du dir vor. Keine der im Gespräch gestellten Fragen hat dich berührt, nur oberflächlich an dir gekratzt haben sie. Und über die Fragen, die du selbst zwischen euch gelegt hast, war hinweggegangen worden, als lohne sich keine nähere Betrachtung.
Erst hattest du weniger gesagt, dann warst du verstummt, schließlich hattest du dich aus der Runde gelöst und warst hinausgegangen. Niemand hatte dir nachgesehen.“

Nach Ende der Spezi beruft man sie nach Moskau ans Konservatorium zum Studium. Eine hohe Auszeichnung des Staates. Der Abschied von den Freundinnen fällt schwer. Auch der Start in Moskau hat seine Tücken, denn hier erwartet die Lehrerin wieder eine andere Art zu spielen. Christina lernt um und wird doch freier in ihrem Ausdruck. Sie lernt Moskau kennen und lieben, neue Freundschaften ergeben sich, eine Verliebtheit, die nicht gegenseitig ist. Doch hier tritt auch eine starke destruktive Kraft in ihr Leben. Eine Erkrankung, sozusagen eine Art prämenstruelle Depression (PMDS), die sie oft tagelang niederschmettert. Auch ihr Immunsystem scheint angegriffen. Fieber, Angina, Entzündungen der Handgelenke. Die Überforderung ist deutlich zu erkennen. Bukowski arbeitet das ganz groß heraus. Sie benutzt stimmige Metaphern und hat ein gutes Gefühl für die Atmosphäre um Christina herum. Wenn Christina Klavier spielt, meint man fast, dabei zu sein. Hier bezieht sich die Autorin auf die Natur, auf Bäume, einen Sturm, einen Fluss oder See. Und das passt. Sie erkennt die Weichheit, die Christina inne wohnen muss. Etwas, dass natürlich vom System nicht erwünscht ist. Keine Emotionen. Nicht einmal in der Musik.

„Jeden Abend die grellen Konzerträume. Auch am Klavier würdest du am liebst deinen Mantel anlassen, stattdessen schlüpfst du in die von deiner Mutter genähten Kleider. Sie eignen sich nicht zum Verschwinden, kommen dir löchrig vor. Jeder könnte hindurchgreifen, deine Haut berühren. Ganz allein musst du dich zusammenhalten.“

Als Christinas Studienjahre in Moskau um sind, fällt ihr die Rückkehr schwer. Teils lebt sie wieder bei den Eltern, obwohl sie in Berlin Klavierschüler unterrichten soll. Doch es gibt keinen rechten Platz mehr für sie. Sie hat einen wichtigen Wettbewerb nicht gewonnen und so scheint sie nur noch wenige Privilegien zu haben. Sie hat ihre Förderer enttäuscht. Sie verliert die Anerkennung und sie wird immer schwächer. Der Vater jagt sie von einem Konzert zum nächsten, damit es (nach seiner Sichtweise) wieder aufwärts geht. Doch es bleibt eine schleichende Erkrankung, Schlaflosigkeit, Unruhe, der die Eltern noch entgegenzuwirken versuchen, dabei aber hilflos wirken. Eines Nachts stürzt sich Christina au dem 10. Stock des Wohnhauses ihrer Eltern. Sie ist nicht mehr zu retten.

Ein erschütterndes Ende, das mich als Leserin mitnimmt, habe ich doch Christina so gut kennenlernen können und sie so gut verstanden. Wer solch einem Druck ausgesetzt ist, sogar von den eigenen Eltern, ist gezeichnet. Zwischendurch fragte ich mich, ob es okay ist, diese Lebensgeschichte nachzuerzählen. Es ist ja schwer nachzuvollziehen, wie es wirklich war. Doch Bukowski hat es bestmöglich und sehr einfühlend gemacht, dass es sich schlussendlich richtig anfühlt.

Ein klein wenig hat mich die Form dieses Romans an „Die Ausweichschule“ von Kaleb Erdmann erinnert. Auch Bukowski bringt ihr Eigenes, kurze autobiografische Einblicke mit ein, bleibt jedoch sehr zurückgenommen. Jedenfalls eine große Empfehlung für diesen Roman, nicht zuletzt auch wegen der poetischen so stimmigen Sprache der Autorin.

Der Roman erschien im Claassen/Ullstein Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Norbert Gstrein: Im ersten Licht Hanser Verlag


In den letzten Jahren habe ich nahezu alle Romane von Norbert Gstrein gelesen. Seine Themen sind sehr vielseitig, was ich mag. Diesmal bin jedoch zwiegespalten. Wie immer eine wunderbare sorgfältige Sprache, hier auch besonders gut zum Thema passend. Mir ist aber zu viel Krieg im Buch, was natürlich an meiner subjektiven Betrachtungsweise liegt und nicht an Gstreins durchaus gelungenen Roman. Ich empfand durchweg eine düstere Atmosphäre im Roman, etwas Unheimliches, das ich nicht genau benennen kann. Gstrein beschwört eine ganze Kriegsmaschinerie herauf und das bis zum Ende. Ich glaube, es gibt kein einziges Kapitel ohne dieses Thema. Und es ist ein echter Österreich-Roman mit K&K-Anteil.

„Wir hätten das Meer nicht verlieren dürfen.“

Und in der Tat geht es vom ersten Weltkrieg bis zum zweiten Weltkrieg und auch noch theoretisch um Männer im Krieg. Und vor allem um einen, der nicht in den Krieg musste, weil sein Vater, ein Sozialist, den jungen Sohn vor dem Krieg bewahren wollte und ihm deshalb einfach mal eine Axt ins Bein schlug, auf das der Arzt eine Eignung verneinen konnte. Der junge Mann, Adrian, ist die Hauptfigur des Romans und er hadert mitunter damit, nicht im Krieg gewesen zu sein, obwohl sein Hinken nach außen hin, ihn so erscheinen lässt. 1901 wurde er in Salzburg geboren, die Mutter früh verstorben, der Vater Postbeamter. Adrian verdingt sich während des 1. Weltkriegs in einem Urlaubshotel am See. Nach Kriegsende werden in der Villa nebenan vom Krieg entstellte junge Männer einquartiert, um sich erholen zu können. Einer davon, Lemberg genannt, taucht regelmäßig im Restaurant auf und Adrian beginnt sich für den Geheimnisvollen zu interessieren. Nach und nach kriegt er heraus, dass er der Sohn wohlhabender Eltern ist, denen die Villa gehört und dass diese ihn wegen seiner schrecklichen entstellenden Gesichtsverletzungen in dieser Villa verstecken, während sie in ihrem Lebensumfeld in Wien erzählen, ihr Sohn wäre gefallen. Nachdem der Sohn dann wirklich unter geheimnisvollen Umständen im Feuer umkommt, ermöglicht die Mutter des Toten, eine Engländerin, die offenbar in ihm eine Art Ersatzsohn sieht, das Studium in Wien und kümmert sich finanziell um ihn und besorgt ihm eine Stelle als Lehrer für Geschichte und Englisch. Soweit der erste Teil …

„Er war nicht im Krieg gewesen, und in seinem Alter machte ihn das in gewissen Kreisen, in denen Söhne mit ihren Pferden zur Welt kamen und bereits in jungen Jahren darauf brannten, sich mit ihnen zu bewähren, fast schon zu einer Art Einhorn.“

Im zweiten Teil unterrichtet Adrian in Salzburg Geschichte und Englisch und lernt seine Frau kennen, die ebenfalls Lehrerin ist. Es dauert nicht lange und die beiden heiraten. Warum erschließt sich mir nicht so ganz, denn irgendwie scheint vor allem Adrian keine große Zuneigung zu ihr zu haben. Stattdessen entwickelt er ein besonderes Interesse an einem seiner Schüler, Baumgartner, einer, der ihn im Unterricht herausfordert und ihn für seine Kenntnisse über den Krieg bewundert. Auch über die Schulzeit hinaus bleibt dieses merkwürdige „Verhältnis“ erhalten. Zunächst meldet sich Baumgartner freiwillig zum Militär und zieht anschließend in den Krieg. Mit jedem Heimaturlaub allerdings weniger begeistert, bis er Adrian eines Tages von Erschießungen in der Ukraine erzählt. Das erschüttert Adrian zwar extrem und doch ist es weiterhin seine Frau, die sich über seine schnelle Anpassung an das neue „System“ wundert. Die Beziehung dauert dann auch nur bis zum Kriegsende. Die mit Baumgartner wesentlich länger – die beiden verbringen sogar zusammen Urlaub in den Bergen – was mir vollkommen unerklärlich ist. Hat Adrian Schuldgefühle, weil er nicht im Krieg war? Versucht er seine Schuld an Baumgartner wieder gut zu machen?

Im dritten Teil fährt Adrian, inzwischen 60 Jahre alt, in den Sommerferien zum ersten Mal nach England. Er fährt in die Gegend, aus der seine ehemalige Mäzenin (Lembergs Mutter) stammt, die ihm nach ihrem Tod Geld hinterlassen hat. Und er verliebt sich sofort in die Landschaft der Downs in Südengland. Und auch hier begegnet ihm wieder der Krieg, etwa die Bunker am Strand. Aber auch durch das Kennenlernen einer Frau, deren Bruder im Krieg in Ypern desertierte und deshalb erschossen wurde. Auch im Jahr 1961 hat sie seinen Tod noch nicht überwunden. Sie ist eine merkwürdige, unberechenbare Frau, die mit ihrer Schwester einen Pub betreibt. Und sie scheinen doch irgendwie durch ihr jeweiliges Schicksal in Verbindung mit dem Krieg zusammenzupassen. Ihr gegenüber gesteht er auch zum ersten Mal seine Scham. Jedes Jahr fährt Adrian im Sommer zu Vivian und das bis ins hohe Alter. Dieser Teil des Romans ist mir am unzugänglichsten. Ich kann diese angebliche große Liebe nicht spüren. Die Figuren sind mir zu abstrakt. Ich bekomme keine Verbindung und verstehe ihre Beweggründe nicht.

In jedem Teil gibt es eine wichtige Frauenfigur, die für mich auch jeweils die stärkere Persönlichkeit ist, als Adrian und die anderen Männerfiguren. Überhaupt ist mir Adrian generell suspekt. Er wirkt zeitweise lethargisch, introvertiert, ja sogar gleichgültig seinem Lebensverlauf gegenüber. Außer Krieg, über den er über die Jahre endlos recherchiert, scheint ihn kaum etwas zu interessieren. Er treibt durchs Leben, statt es selbst gestalten zu wollen. Das löst sich erst im letzten Teil durch mehr Aktivität. Ganz am Schluss gibt es noch einen Abschnitt, der darauf hinweisen könnte, dass es sich um eine wahre Lebensgeschichte und keine Fiktion handelt. Was für mich aber nichts an meiner Lesart ändert.
Wie gesagt, eigentlich eine stimmige, sprachlich fein gearbeitete Geschichte, bei der ich mir auch im Nachhinein nicht sicher bin, ob sie mir gefiel oder nicht, die ich aber keineswegs hätte abbrechen mögen.

Der Roman erschien im Hanser Verlag. Er ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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