
Birgit Birnbachers letzter Roman „Wovon wir leben“ hat mir sehr gefallen. „Sie wollen uns erzählen“ hat es mir schwer gemacht. Aber nicht vom Verständnis her, denn er ist leicht zu lesen. Es lag eher am Thema, denn sprachlich ist er unglaublich flott und bildreich geschrieben. Aber die Geschichte über einen achtjährigen Jungen mit ADHS und seine gestresste, in Trennung lebende Mutter Ann ist nicht so meins gewesen.
Oz heißt die Hauptfigur und er ist gerade in Bedrängnis geraten wegen eines höchst bedauerlichen Ereignisses in seiner Schule, für dass er verantwortlich ist oder sich verantwortlich fühlt. Es geht um ein Kaninchen. Mit dem Schulzeugnis, dass ihm zusammen mit einem Brief der Klassenlehrerin vor den Sommerferien überreicht wird, geht er mit mulmigem Gefühl nach Hause. Er malt sich bereits aus (und hier zeigt die Autorin, wie genau sie über die Verhaltensweisen bei ADHS Bescheid weiß), wie die Mutter reagieren wird, denn er weiß, wie schnell sie überreagieren kann und dann laut wird, genau wie er selbst. So entschließt er sich den Brief mit der Strafe erstmal nicht zu zeigen und stattdessen sein Zeugnis mit dem perfekten Notendurchschnitt in den Vordergrund zu stellen.
„Vor lauter Sein hat sie überhaupt nicht mehr gewusst, wie man ist. Vor lauter Sein-Sollen war ihr oft ganz schwindlig, vor allem, wenn es darum ging Ozzy gleichzeitig vorzuleben, dass es richtig war, wie er war, dass er sich aber eben anpassen müsse, wo es nicht anders ging. Hätte nicht auch sie sich anpassen können, wo es nicht anders ging?“
Doch zuhause hat seine Mutter ganz andere Probleme. Sie muss eine Präsentation für ihren Chef vorbereiten und dann kommt der Anruf aus dem Krankenhaus. Ihre leicht demente Mutter, die sich eigentlich einer OP unterziehen sollte, ist aus der Klinik abgehauen. Zusammen mit ihrer ungeliebten völlig anders tickenden Schwester, die in einer Kommune auf einem Bauernhof lebt, vereinbart sie ein Treffen, um die Mutter zu suchen. Sie hat bald durch Hinweise aus ihrem Heimatort eine Idee, wo sie sich befinden könnte. Hier beginnt eine Art Roadmovie durch Österreich. Der Junge, der eigentlich ins Ferienlager soll, fährt zunächst mit der Mutter mit und soll dann, als sie fündig werden – die Mutter ist in ihrer ehemaligen Wohnstatt in den Bergen untergekommen – von der Schwester mitgenommen und im Camp abgesetzt werden. Als (über-)besorgte Mutter fällt Ann das schwer, sie schafft es dennoch loszulassen, da es die Idee ihres Sohnes war, der sich mit der lockeren Tante, die so ganz anders ist als die Mutter, sehr gut versteht.
Doch es kommt alles anders als geplant: Oz kommt nicht im Feriencamp an und ein Unwetter mit Sturmwarnung zieht auf, während Anne erneut überrascht wird vom Verhalten ihrer Mutter. Es folgt schließlich ein versöhnliches Ende, welches mir aber in der Inszenierung nicht so ganz glaubwürdig erscheint.
„Ohne Polyester, spürt man sofort, ein Privileg der Kinderlosen, denkt Ann. Natürlich kann der Leipziger sich seine Bank mit Leinenstoff polstern lassen, wer kommt schon und macht ihm Flecken rein, und wenn, dann wäre das nichts, was man nicht gleich herauswaschen könnte.“
Wie auch immer: für mich kommt der Roman trotz seines zeitweilig spritzigen Humors nicht an den Vorgänger- und den Vorvorgängerroman heran. Auch weil ich bei der Hauptfigur Ann zwischendurch immer wieder ein Bewerten oder Verurteilen bestimmter Lebensweisen durchblitzen sehe (Beispiel siehe Zitat oben), was ich schade finde (was sich vielleicht aber aus meiner persönlichen Lesart speist). Zumal sich in der Beziehung von Mutter und Sohn zwar ein unglaubliches Talent zum Fantasieren und Erfinden zeigt, was beide verbindet, aber in ihrer Beziehung längst nicht alles gut läuft. Es sind auch schon sehr viele gehaltvolle Themen (Demenz, ADHS, Trennung der Eltern, Schwesternzwist), denen womöglich mehr Raum gut getan hätte.
Der Roman erschien im Hanser Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.










